Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1927)
- Date
- 1927-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 61, 2.m 1027 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 435 Kongreß-Tribüne Der Misrachi vor dem Kongreß Von A. Adler und O. Woffsberg. Die folgenden knappen Darlegungen können gerade rüde n Dingen nicht in extenso und mit dem Anspruch auf irgendwelche autoritative Meinung Stellung nehmen, die die Parteien und Gruppen gegenwärtig und beim Kongreß am meisten beschattigen und die größte Leidenschaft entfachen: die Fragen der Wirtschaft und der Politik. Da der Misrachi, weniger de facto als seiner prinripiellen Struktur gemäß, ein Mikrokosmos der gesamten zionistischen Bewegung und Orgsflisation mit Rücksicht auf soziale Gliederung, wirtschaftliche Interessen und politisches Glaubensbekenntnis ist, so kann die Einstellung zu den gegenwärtig strittigen Problemen unmöglich aus der Theorie des Misrachi deduziert werden. Unsere gesamtmisrachistische Stellungnahme kann nur ein Kompromiß sein, oder die Gruppen und Individuen unseres Kreises entscheiden sich in Freiheit, wie sie stimmen werden. Uebrigens zeigen manche Programme, daß die Eigenart des misrachistischen Gefüges auch anderwärts sich geltend macht. Man wird kaum behaupten dürfen, daß die Wirtschaftspolitik des linken Zentrums völlig homogen ist. Ja, auch die Sozialpolitik und selbst die reine Politik dieser Gruppe stellt keine Auffassung dar, die jede innere Kontroverse ausschließt, und dabei handelt es sich im Falle des linken Zentrums doch mehr oder weniger um ein flüchtiges Gebäude, um eine Schöpfung ad hoc. Geeinigt ist das linke Zentrum vor allem duren gewisse gemeinsame historische Wurzeln der Menschen, die es bilden, durch ideologische Verwandtschaft und durch die Anerkennung von Weizmanns Führereignung. Beide Flügel mögen bei der Konstituierung des linken Zentrums Opfer gebracht haben, der linke vermutlich in wirischattspolitiscncr Hinsicht Wir Mlsrachisten können zu all den politischen Gruppferungen umso leidenschaftsloser Stellung nehmen, als wir den ehrlichen Willen durchaus anerkennen, der wohl alle treibt. Das Gelingen des Werkes ist der heiße Wunsch aller: der eine glaubt, in den erzielten Erfolgen die Gewähr für die Zuverlässigkeit der bisher geübten Methoden zu sehen, der andere macht Methoden und Menschen für Mißerfolge verantwortlich und verlangt Wechsel. Wir haben als Misrachisten Bedenken mancherlei Art, die vielleicht, wären wir in einem geordneten Staat, zu Kon- Sequenzen führen würden. Rückschauend scheint uns die Jewish Agency-Politik nicht sehr reich an Ergebnissen, und wir dürfen um so mehr das konstatieren, als wir die Teilnahme der nichtzionistischen Judenheit am Aufbauwerk Palästinas auf einem demokratischeren Wege, der vielleicht die Gesamtjudenheit revolutioniert hätte, erreichen und erzwingen wollten: auf dem' Weg über den jüdischen Weltkongreß. — Doch sind wir der Meinung, daß nunmehr, nachdem der Weg der Jewish Agency vom Kongreß akzeptiert wurde, alle Möglichkeiten auszuschöpfen sind, um zum Ziele zu gelangen. viele Schwierigkeiten unseres politischen Lebens fließen aus der Anomalie unserer parlamentarischen Situation, die wiederum ausschlaggebend für die Art der Exekutivbildung ist. Diese Anomalie ist vielleicht mehr noch als gewisse europäische Vorbilder, die des Parlamentarismus überdrüssig sind, die Ur- Sache der Unzufriedenheit mit dem Kongreß, seinen Kompetenzen, der Regierungsbildung usw. Sicherlich kann ein alle zwei Jahre 14 Tage tagendes Haus nicht das leisten, was unsere Bewegung verlangt. Hier wäre wirklich eine Reform nötig, die aber nicht auf Kosten der Demokratie gehen sollte. Bei aller Wertschätzung der Fachmänner und ihrer Unentbehrlichkeit sind die Bestrebungen, die Parteien auszuschalten bei der Exekutivbildung ein Gefahrenmoment von unabsehbarem Emst. Man raubt der Bewegung dadurch entscheidende Impulse. Um gewissen Koalitionsschwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, würde man damit viele Kräfte brachlegen. Diese Abwendung von demokratischer Regierungsbildung lehnen wir ebenso ab wie irgendwelche doktrinäre Festlegung auf grundsätzlich einseitig festgelegte Koalitionen, etwa nach links. Es widerspricht elementaren politischen Prinzipien, wollte die Mitte nur einseitig paktieren. Wir sagen das in voller Wertschätzung der Linken und in der Hoffnung auf stets gute Beziehungen zu ihr. Es gibt in unseren Reihen, nicht nur im Hapoel-Hamisrachi und unserer Jugend überhaupt, sondern auch unter uns Aelteren nicht wenige, die den sozialen Idealen der Arbeiterschaft näher stehen als viele Angehörige zentraler Gruppen. Im großen und ganzen werden wir den Fordeningen zustimmen, die Rentabilität und Konsolidierung auf die Fahne geschrieben haben. Wir werden aber nicht zugeben, daß dieser Gesichtspunkt zum allein maßgebenden wird, und werden immer erneut auf die Bedeutung der Imponderabilien, die mit Cbaluziufh und all dem verbunden sind, was der Bewegung religiösen und idealistischen Schwing — religiös hier noch nicht einmal im engeren Sinn unserer Programmfordcnmgcn gemeint — verleiht, hinweisen. Es müssen Wege gefunden werden, die die Hach schar ah nicht illusorisch machen, und eine Imm I g r a t i o n, bei der das ch aluzische Element gebührend vertreten ist, weiter ermöglichen — auch jetzt, wenn auch in einem Maße, das die Lage in Erez-Isracl zuläßt. Die Anomalie unserer Situation ist auch für viele Misrachisten, besonders in Deutschland, bestimmend für unsere Stellung zur Person Dr. Weizmanns. Es ist sehr wohl möglich, daß wir in einem wirklichen Parlament zu ihm uns anders hätten beziehen müssen. Vermutlich hätte die häufige Nichtinnehaltung unseres Programms durch die Exekutive in einer Ablehnung Ausdruck finden müssen, ungeachtet der Anerkennung, die wir der Politik entgegenbringen. Da wir aber bisher nicht die staatsmännische Persönlichkeit sehen, die die Gewähr politischer Stabilität und Erfolge in ähnlichem Maße gibt wie Weizmann, würden wir eine Gefährdung des Werkes darin erblicken, wenn Weizmanns Qualität als Staatsmann bei der Bewertung seiner Persönlichkeit nicht der Vorrang zuerteilt würde. Der Misrachi geht in den Wahlkampf und in den Kongreß als geschfossene Einheit, als eine religiös-kulturelle Partei, die den Aufbau des Landes und die Wiedergeburt der Nation im Geist und nach dem Gesetze der jüdischen Tradition vollziehen will. Das ist die wahre Plattform des Misrachi, und in ihr erweist sich seine Originalität. Weit über den Zionismus hinaus gewännt er dadurch Bedeutung, — denn der Misrachi ist der Garant der Besiedlung Palästinas im Geiste der Thorah, Das historische Verdienst, das unsere Föderation sich dadurch erworben hat, daß sie als erste traditionelle Gruppe der Renaissancebewegung sich beigesellte, verpflichtet die thorahtreuen Gruppen außerhalb unseres Lagers zu moralischer, finanziellcr lind jeglicher Mithilfe, ohne die die Hochziele, Wiederaufbau des Landes und Wiedererweckung des Geistes, der von Zion und Jerusalem einst ausging, und endgültige Ueberwmdung des Gaiuth in jeglicher Gestalt, kaum zu erreichen sind. Das große Schul- und Erziehungswerk des Misrachi in Erez-Israel, seine Leistungen für alle anderen religiösen Institutionen, an denen das Budget der Organisation tcilnimmt, die moralische Unterstützung des palästinensischen Oberrabbinats sind die sichtbarsten Anzeichen der misrachistischen Bemühungen zur Verwirklichung der Ziele unseres kulturellen bzw. kulturpolitischen Programms. Da nirgends anders int zionistischen Lager ein Ansatz zu solchen Schöpfungen zu erkennen ist, da insbesondere alle Pro■ grammc (oder doch fast alle) über Kulturfragen im Zusammenhang mit der überlieferten Kultur schweigen — das Hebräische heben wir nicht minder auf den Schild wie andere — so ist für jeden, dem die beherrschende Stellung unserer historischen Kultur, ihre organische Fortbildung nach in ihr gelegenen Kriterien und eine großzügige Auseinandersetzung mit der Moderne am Herzen liegt, nur im misrachistischen Programm eine Gewähr für Realisierung gegeben. Hat doch erst kürzlich die kulturpolitische Diskussion in diesen Blättern erneut die Gefahrenmomente aufgewiesen, die in uns gegnerischen Programmen schlummern. Nicht nur der Atraditionalismus — um nicht zu sagen: Antitraditionalismus יmüssen ernsten Köpfen zu denken geben, sondern überhaupt die Sorglosigkeit um die Zukunft unserer Kultur, die man ohne Skrupel der Wurzeln beraubt. Andere Völker haben in den Zeiten der nationalen Wiedergeburt sich besonders an die nationale Kultur, an alte in ihrer Vergangenheit schlummernden Werte angeklammert. Wir aber wollen, außer der Erhaltung des großen Reichtums, den wir besitzen, und dem einzigartigen großen religiösen Gesetz, es verhindern, daß das Gewaltigste im Leben und Schaffen der Völker, das kulturelle Moment, bagatellisiert und in Gruppen und Grüppchen, je nach Einsicht und Vorbildung, ״erneuert“ wird. Hier lassen alle Parteien uns im Stich. Alle, die sich poiitisch usw. befehden, sind hier im Schweigen einig. Dabei verkennen sie, daß selbst auf einem Kongreß, wie dem kommenden, die kulturellen Probleme latent die bedeutsamsten sind, alle aktuellen und akuten Nöte der Politik und Wirtschaft könnten durch günstige Zufälle von außen her eine Besserung erfahren (könnten, nicht müssen), nur Kulturfragen ruhen ganz im eigenen Bezirke. Hier ist Exogenes von geringerer Bedentung, selbst wenn Gefährdung oder Förderung von außen auch hier künftig deutlich werden sollten. ־— Um dieser großen Frage, um unserer Kultur willen verharren wir auf unserem eigenen Posten und rufen Menschen, die ähnlich fühlen, auf, unseren Männern zu folgen und ihnen die Möglichkeit zur Vertretung unserer eigensten Angelegenheit auf dem Kongreß zu geben. Hier soll die Polemik nicht weitergeführt werden. Daß der Revisionismus in unseren Reihen, jedenfalls in Deutschland, kaum Anhänger hat, ist bekannt. Er, und bis zu einem gewissen Grad auch die Radikalen, läßt sich zu sehr von Affekten hinreißen und überspannt den Begriff der Opposition in einem Maße, der unserer Bewegung nicht immer dient. Daß wir mit der herrschenden Richtung nicht in allem einverstanden sind, und einen Teil der am linken Zentrum geübten Kritik für nicht unzutreffend halten, daran haben wir keinen Zweifel gelassen. So scheint uns schon der Name ״Linkes Zentrum“ keine glückliche, jedenfalls keine das Wesen der Gruppe kennzeichnende Bezeichnung. Weder wirtschaftspolitisch, noch kulturell ist u. E. damit allen in ihr vertretenen Männern Genüge geschehen. Mit Nachdruck sollen unsere Delegierten auf dem Kongreß betonen, daß wir nicht zufrieden sind mit der Art, in der die Exekutive bisher die religiösen Interessen des Jischmv schützt. Es muß verlangt werden, daß die zionistische Bewegung den kulturellen und geistigen Aufbau freizumachen versucht von Einflüssen, die dem religiös-nationalen Empfinden zuwider laufen. Das öffentliche Lehen in Erez-Isracl darf keine Angriffsfläche bieten für den traditionell eingestellten Juden, der mit dein Herzen an diesem Lande hangt, dessen Gewissen aber sicli dagegen sträubt, einer Sache zu dienen, die im Gegensatz steht zu dem, was ihm heilig ist. Auch dies ist eine Forderung praktischer innerer Politik und wirtschaftlicher Aufbauarbeit. Wir bestehen nicht auf einer getrennt arbeitenden allgemeinen und einer misrachistischen Arbeiterschaft. Sicher wäre es wärtschaftlicher, wenn mir eine Organisation vorhanden wäre. Die Exekutive muß Bedingungen schaffen, die cs unseren Arbeitern und uns ohne Gcwisscnsbedcnkcn ermöglichen, einer Vereinhcitlichung der Arbeiterorganisation zuzustimmen. Um das oben Ausgcfiihrte zu erreichen, ist eine starke Vertretung misrachistisclier Anschauungen auf dem Kongreß notwendig. Dieselbe kann erreicht werden, wenn all unsere Schekelzahlcr sich der Pflicht bewußt sind, die sie mit dem Kauf des Schekels übernommen haben. Der Tischo b’Aw vereint uns um die Trauer um das Verlorene. Es gibt keinen besseren Beweis dafür, daß unsere Trauer wirklich in unserem Herzen und nicht nur auf unseren Lippen vorhanden ist, ais wenn wir bis auf den letzten Mann durch Abgabe unserer Stimme für die Misrachiliste einen Stein beitragen am kommenden Tischo b’Aw zur Erneuerung religiösen Lebens in Erez-Israel. Für oder gegen die Arbeiterschaft Von Alfred Berger. Es scheint das Schicksal einer jeden Wahldiskussion zu sein, daß die großen und grundlegenden Fragen umhüllt, verbrämt und verdunkelt werden durch ein vielfaches und vielfarbiges Rankenwerk von kleineren und kleinsten Nebenfragen, daß die Parteien sich bemühen, die Gunst der Wähler auch dadurch zu gewännen, indem sie unwichtigere und nicht entscheidende Gesichtspunkte mit in die Debatte werfen und sich gerade über diese manchmal recht ausführlich verbreiten. Der Wähler schaut verwirrt auf $as große Bouquet von For-, derüngen, die Jede‘Pätftti steif(,' vm Rfeförtheft,' die ei«| jede durchzuführen verspricht, er sieht nicht mehr eindeutig die roßen Gesichtspunkte, nach denen er sich zu orientieren hat. ür diejenigen Zionisten, die der Ueberzeugung sind, daß der Zionismus, der Aufbau eines jüdisch-nationalen Heims in Palästina, nur verwirklicht werden kann durch jüdische Arbeit und jüdische Arbeiter, ist es besonders wichtig, im Wahlkampf zum XV. Kongreß die großen Gesichtspunkte nicht aus dein Auge zu verlieren. Obwohl wir alle wissen, daß dieser Kongreß im Zeichen des Kampfes gegen die Arbeiterschaft geführt wird, kann man dies aus den Programmen und Veröffentlichungen der einzelnen Parteien nur undeutlich erkennen. Und es ist ein höchst beachtenswertes Zeichen, daß niemand den Mut hat, klar und deutlich das auszusprechen, was von sehr vielen beabsichtigt wird: die Ausschaltung der jüdischen Arbeiterschaft als bestimmenden F a k t o r b e i m Aufbau des zionistischenWe r k e s. Dies ist für uns die Kardinalfrage des Kongresses. Es gibt auf dem Kongreß Parteien, die gewissermaßen schon traditionell arbeiterfeindlich sind — nicht von ihnen droht eine richtige Stellung, die eines Landvermessers, erhalten soll. Ob es mit dieser Einladung seine Richtigkeit hat oder ob sich sie K. bloß einbildet, darum dreht sich eigentlich der ganze Roman, — auch hier ist die Parallele zur Judenfrage leicht zu erfüllen. In diesem Anfangskapitel nun gibt der schlichte Mann aus dem Volke die provisorische Antwort, die etwa der Stellungnahme des instinktiven Antisemitismus entspricht: ״(Ob man Euch braucht)... das weiß ich nicht. Hat man Euch gerufen, so braucht man Euch wahrscheinlich, das ist wohl eine Ausnahme, wir aber, wir kleinen Leute, halten uns an die Regel, das könnt Ihr uns nicht verdenken“. K. will noch rasch mit einem Mädchen im Zimmer ein Gespräch anknüpfen, aber ״schon hatte K. rechts und links einen der Männer und wurde, als gäbe es kein anderes Verständigungsmittel, schweigend, aber mit aller Kraft zur Tür gezogen. Der Alte freute sich über irgendetwas dabei und klatschte in die Hände. Audi die Wäscherin lachte bei den plötzlich wie toll lärmenden Kindern.“ Die Szene, ewiges Judenschicksal, klingt wie eine sehr unparteiische Umschreibung des: ״Tut nichts, der Jude wird verbrannt.“ Argumente haben in der Judendebatte, die die Welt mit uns führt, keinen Platz. ״Schweigend, als gäbe es kein anderes Verständigungsmitte!.״ Die feindliche Umwelt gliedert sich für K. in zwei Schichten: Das Dorf — und das beherrschende Schloß. Um sich im Dorf anzusiedeln, braucht er die Erlaubnis des Schlosses. Aber das Schloß versperrt sich ihm ebenso, wie die Bauern sich abwenden. Das Schloß repräsentiert in der eigenartigen Symbolsprache des Romans die göttliche Leitung, das Dorf mit seiner Bauernschaft bedeutet ״Mutter Erde“. Namentlich die Frauen ziehen K. an, — durch sie hofft er Zugang zu den Familien, festen Boden unter den Füßen zu finden. Ebenso ist ihm der Beruf eine Verbindung mit der Erde, Einwurzelung. Sowie sich ihm die Aussicht auf ein Mädchen des Ortes und auf einen Beruf eröffnet, glaubt er seine Sache gewonnen, wiegt er sich im Traum, ״ununterscheidbar“ unter der Dorfbevölkerung aufzugehen. Die ganze Stelle (S. 45,46) atmet den illusionistischen Geist aller Assimilanten-Psychoiogie: ״Nur als Dorfarbeiter, möglichst weit dem Herrn vom Schloß entrückt, war er imstande, etwas im Schlosse zu erreichen, diese Leute, die noch so mißtrauisch gegen ihn waren, würden zu sprechen anfangen, wenn er wo nicht ihr Freund, so doch ihr Mitbürger geworden war, und war er einmal ununterscheidbar von Gerstäcker oder Lasemann — und sehr schnell mußte das geschehen, davon hing alles ab — dann erschlossen sich ihm mit einem Schlage alle Wege u. s. f.“ — K.s Ueberlegung geht den uns vertrauten Weg: durch die Gemeinschaft zu Gott zu gelangen, aus dem Zusammenwachsen mit einer natürlichen Lebensform, mit Dorfleben, Landleben, religiöse Kraft zu schöpfen. Der Weg zu Gott führt durch das Dorf. Aller K. vermag es wohl, dieses Geheimnis rationell auseinanderzulegen, — es bis in die Tiefe zu erleben vermag er (in diesem fremden Umkreis) nicht, ״ich bleibe längere Zeit hier und fühle mich schon ein wenig verlassen“, klagt er dem Lehrer, ״zu den Bauern gehöre ich nicht und ins Schloß wohl auch nicht.“ ״Zwischen den Bauern und dem Schloß i§t kein Unterschied,“ weist ihn der Lehrer zurecht. Und auch das klingt wieder wie Paraphrase eines berühmten Wortes, eines Psalmwortes: ״Wie könnten wir singen das Lied Gottes im fremden Land!“ Die Differenzen zwischen K. und den Einheimischen weisen im Folgenden wohlvertraute Züge auf. Ueberall stößt der Jude gegen alte Sitten, — ohne zu wollen, wird er lästig — dabei hat er das Gefühl, alles besser zu wissen als die Ansässigen, er möchte die ganze Sache einfacher, praktischer machen als sie, sie aber in ihrem unbegreiflichen Eigensinn bleiben sich selbst treu und verlangen auch von ihm im Grunde nichts Anderes, als daß er sich selbst treu bleibe. Solange er das nicht versteht, gibt es nichts als tiefste Fremdheit zwischen ihm und den anderen, eine Kluft, die er mit seinem naiven unorganischen Revolutionismus vergebens zu überbrücken sucht. In zahlreichen Szenen zeigt Kafka mit überlegener Ironie, welch ungeahnte Widerstandskraft die scheinbar veralteten und verschrobenen Einrichtungen des Dorfes und Schlosses gegen den Eindringling entwickeln. ״Sie sind nicht aus dem Schlosse“, sagt ihm die Wirtin brutal offen, ״Sic sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider sind Sic aber doch etwas, ein Fremder, einer, der überzählig und überall im Wege ist, einer, wegen dessen man immerfort Scherereien hat, einer, dessen Absichten unbekannt sind... Wegen alles dessen mache ich Ihnen ja im Grunde keine Vorwürfe. Sie sind, was Sie sind, ich habe in meinem Leben schon zuviel gesehen, als daß ich nicht noch diesen Anblick erfragen sollte. Nun abtr stellen Sie sich vor, was Sie eigentlich verlangen... Sie sind ein paar Tage im Ort und schon wollen Sie alles besser kennen als die Eingeborenen, Ich leugne nicht, daß es möglich ist, einmal auch etwas ganz gegen die Vorschriften und gegen das Althergebrachte zu erreichen, aber dann geschieht es gewiß nicht auf die Weise, wie Sie es tun, indem man immerfort nein sagt und nur auf seinen Kopf schwört“. (S. 93—98 ff.) Hört man die Wirtin so reden, so glaubt man, daß sie völlig im Recht ist. Ebenso der Gemeindevorsteher, der seiner elementaren Abneigung gegen K. mit einer anderen Nuance, aber ebenso entschieden Ausdruck gibt. ״Sie sind als Landvermesser aufgenommen, aber wir haben keine Arbeit für ihn da... Niemand hält Sie hier zurück, aber das ist doch kein Hinausxvurf... Wer wollte wagen, Sie hinauszuwerfen, Landvermesser, schon die Unklarheit der Vorfragen verbürgt Ihnen die höflichste Behandlung. Nur sind Sie dem Anschein nach zu empfindlich.“ In der langen Leidensgeschichte des Judentums, die eine vielhundertjährigc Chronik immerwährenden Hinausgeworfen- Werdens ist, hat man all diese Klänge schon gehört. Die Völker wehren sich gegen den fremden Geist. Den Juden erscheint dies als Grausamkeit als sinnlose Schikane. Auf beiden Seiten ist Recht und Unrecht so unentscheidbar wie in Kafkas kompliziert tragikomischer Episode von dem unauffindbaren Akt des Landvermessers durcheinandergemischt. — K., der redliche brave Assimilant, scheitert auf lächerliche Art, wiewohl er alles so ernst und gewissenhaft in Angriff genommen hat. Er bleibt einsam, bleibt unerwünscht. Ueber all den peinlichen Situationen, durch die dieser Roman ihn führt, über all dem unverschuldeten Unglück schwebt unsichtbar-sichtbar die Devise: So geht es nicht. Ein neuer, ein ganz anderer Weg der Verwurzelung in der Natur muß gesucht werden. —