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Jüdische Rundschau · 1927-08-02 · Heft 61 (2.8.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 61 (2.8.1927)
Date
1927-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 434 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 61, 2. VIII. 1027 Propaganda und Palästina - Aulbau Von Dr. A. Ruppi n. Die zionistische Arbeit in Palästina leidet bis zum heutigen Tage darunter, daß der jetzigen Periode des Aufbaus eine Periode voranging, in der die zionistische Organisation so gut wie ausschließlich auf Propaganda eingestellt war. Es galt, eine dem Zionismus gleichgültig gegenüberstehende Welt für die neue Idee zu gewinnen und aus ihr die Mittel für den Fortbestand der Organisation zusammenzubringen. Alle übrigen Tätigkeiten der Zionistischen Organisation wurden den Bedürfnissen der Propaganda untergeordnet. Dieser Priin a t der Propaganda ist bis zum heutigen Tage nicht überwunden. In gewissem Sinne ist die Propaganda heute sogar noch wichtiger als früher, weil es heut nicht nur gilt, Anhänger zu werben, sondern zugleich, von ihnen die zum Aufbau Palästinas erforderliehen bedeutenden Mittel auf dem Wege von Spenden zu erhalten. Es wird von den Zionisten, die in der vordersten Schlachtreihe stehen und Tag für Tag die schwere, aber unentbehrliche Arbeit der Geldsammlung leisten, immer wieder betont, daß von Palästina Impulse ausgehen müssen, weiche die Propaganda erleichtern. Ohne solche Impulse müsse die Propaganda erlahmen und die Spenden zurückgehen. Hier ergibt sich nun leider ein Gegensatz, denn die Bedürfnisse der Propaganda und die Bedürfnisse des Palästinaaufbaus sind nicht dieselben. Der Aufbau Palästinas erfordert vor allen Dingen Zeit und, soweit die landwirtschaftliche Kolonisation in Betracht kommt, sogar viel Zeit und viel Geduld. Der Jude draußen ist aber ungeduldig und möchte bald die Erfüllung dessen sehen, wofür er Geld gibt. Er verlangt Nachrichten aus Palästina über neue Bodenkäufe, neue Ansiedlungen und ist unzufrieden, wenn für längere Zeit eine Stagnation eint ritt. Er möchte auch* daß Palästina magliehst viel jüdische Einwanderer aufnimmt und dadurch den Juden in Osteuropa Erleichterung schafft. Der Zionist, der als Tourist ins Land kommt, will große und schöne Sachen sehen; wenn er in unseren Siedlungen auf hölzerne Wohnhäuser stößt, die das Gesamtbild stören, ist er enttäuscht. Es hilft wenig, ihm zu erklären, daß die Investitionen für Baulichkeiten tote Investitionen sind, und daß wir bei unseren geringen Mitteln gezwungen sind, mit solchen toten Investitionen zu sparen und das Geld für solche Zwecke auszugeben, diö den Ertrag steigern. Trotz all dieser Gründe bleibt bei vielen der Gesamteindruck, daß die Kolonien ärmlich und nicht schön genug sind. Am deutlichsten zeigte sich dieser Gegensatz zwischen den Bedürfnissen der Propaganda und den Bedürfjiissen Palästinas im Jahre 1925, gelegentlich der 'Pöleo. ..!Me*Exekutive ,itr.Palästina'war sich durchaus klar darüber, daß Palästina unter den gegenwärtigen Verhältnissen und mit den beschränkten Mitteln der Zionistischen Organisation nicht imstande sei, eine Einwanderung von 30000 Juden in einem Jahre aufzunehmen. Die Protokolle der Sitzungen der Exekutive geben darüber deutlichen Aufschluß. Aber die Exekutive wurde von Osteuropa mit telegraphischen Aufforderungen um Certifikate für Einwanderer überschüttet und von den Einwanderern buchstäblich überrannt. Aus ganz Polen kam ein einziger Schrei, daß, wenn die Exekutive der Einwanderung aus Polen Schwierigkeiten entgegensetzen werde, in Polen kein Pfennig mehr für zionistische Zwecke gespendet werden und die zionistische Bewegung dort tot und begraben sein würde. Als die Einwanderer in Palästina Boden auf Raten- Zahlung kaufen wollten und die P. L D. C. sich weigerte, ihnen Boden zu verkaufen, weil es klar war, Tragödie der Assimilation Bemerkungen zu Franz Kafkas Roman ״Das S ch Io ß“. Von Dr. Max Brod, Prag. Der demnächst erscheinende ״Jüdische Almanach“, herausgegeben vom Keren Kajemeth, Prag, redigiert von Dr. Thieberger und Dr. Felix Weltseh, stellt uns folgenden Beitrag als Vorabdruck zur Verfügung. Als ich neulich in einer süddeutschen Stadt sprach, kam nach dem Vortrag ein junger Mann, Buchhändler, zu mir und sagte: ״Kafka ist der größte Dichter und Mensch unserer Zeit. Es ist mir klar, daß man unsere Zeit einmal das Zeitalter Franz Kafkas nennen wird." So sprechen schon heute viele vereinzelte Stimmen da und dort. Sie werden sich bald zusammenschließen. Es ist gar nicht nötig, etwas dazuzutun, diese Entwicklung zu fördern. Sie kommt ganz von selbst. Und eines Tages wird das allgemeine Urteil fertig vor uns stehen — und viele werden staunen, daß sie es nicht von Anfang an gewußt haben. Nein, sie werden nicht staunen. Sie werden es dann (allerdings erst dann) von Anfang an gewußt haben. Das Größte, was Kafka hinterlassen hat, ist sein Roman ״Das Sch 1 o ß“, der kürzlich im Verlag Kurt Wolff erschienen ist. Dieses Weit ist ein Kompendium der Welt, in dem die erschöpfende Darstellung, wie ein bestimmter Menschentypus sich gegen die Welt verhält, mit letzter Exaktheit und Feinheit gegeben wird, und insofern jeder Mensch ein Element dieses Typs in sich spürt (ganz ebenso wie Faust oder Don Quichote oder Julien Sorel in jedem von uns stecken, sei es auch nur als Anlage, als Sehnsucht, als Teilkomponente des Ich), so bedeutet Kafkas ״Schloß“ bei aller Individulität des geschilderten Charakters ein Buch der Erkenntnis für jeden. Kafkas Held, den er in autobiographischer Weise einfach ״K.“ nennt, geht einsam durchs Leben. Es ist die Einsamkeitskomponente in uns, die dieser Roman in überlebensgroßer erschreckender Deutlichkeit herausarbeitet. Es handelt sich aber dabei um eine ganz bestimmte Nüance daß die Einwanderer, die nicht einmal das Geld für den Boden hatten, niemals imstande sein würden, sich auf dem Boden anzusiedeln, wurden Telegramme über Telegramme an die Exekutive nach London und ln alle Teile der Welt geschickt mit der Beschuldigung, die Zionistische Bodenkaut - Gesellschaft sehe ihre Aufgäbe darin, die Juden vom Bodenkauf zurückzuhalten. Die Sympathien der zionistischen Welt waren natürlich auf Seiten der angeblichen Bodenkäufer. Daß. sich später sehr bald herausstellte, daß die P. L D. C. recht gehabt hatte, und daß die Käufer, die Inzwischen anderweitlg Boden zu unvernünftigen Preisen gekauft hätten, ihre Verpflichtungen nicht erfüllten und dadurch jüdisches Geld verloren ging und viele andere Schäden für die Arbeit in Palästina entstanden, war für die Welt draußen ohne Interesse. Es muß einmal klar verstanden werden, daß der Aufbau Palästinas seine eigenen Gesetze hat, und daß es unmöglich ist, diese Gesetze im Interesse der Propaganda umzubiegen. Es gibt nur einen Weg zur Gesundung, und das ist, daß der bisherige Primat der Propaganda in unserer Bewegung gestürzt und der Primat des Palästina-Aufbaus an seine Stelle gesetzt wird. Das besagt nicht, daß wir nun auf die Propaganda gar keine Rücksicht nehmen sollen. Rücksichtnahme ist eins und Primat ist ein anderes. Solange wir ohne den Primat des Palästina-Aufbaus zu verletzen, innerhalb dieses Rahmens mehrere Alternativen haben, können wir diejenige Alternative wählen, die für die Propaganda günstiger ist. Aber eins muß unumstößlich fest stehen: das Interesse des Palästina-Aufbaus muß immer an erster Stelle stehen. Hier kommen wir nun bald zu der wichtigen Frage, der Aufnahmefähigkeit Palästinas für Einwanderer, ln den ersten Jahren nach dem Kriege hatte ich als der sogenannte Minimalist — Angriffe von den Maximalisten auszustehen, die meine Schätzung einer Höchsteinwanderung nach Palästina von 20000 bis 30000 Menschen jährlich für lächerlich gering hielten. Schon damals war es nicht leicht, die Grenzen der Aufnahmefäliigkeit Palästinas gegen die Bedürfnisse der Propaganda, die große Zahlen verlangte, durchzusetzen. Wir müssen aber, ob wir wollen oder nicht, uns mit der Tatsache abfinden, daß vorläufig fast nur solche Juden, die sich den besonderen Bedingungen Palästinas anpassen und in Landwirtschaft und Industrie tätig sein können, in Palästina eine dauernde Existenz finden können. Und auch diese können es nur dann, wenn wir imstande sind ihnen, da sie zum größten Teil nicht genügend eigene Mittel besitzen, die fehlenden Mittel im Wege des Kredites zur Verfügung zu stellen. Es muß klar gemacht werden* daß für : jüfefc• -der irtefr- •p'tf'jNtf*a״״efn dert, auch eine bestimmte Summe von Kapital, sei es zusammen mit dem Einwanderer, sei es auf anderem Wege für den Einwanderer, nach Palästina einwandern muß. Die Summe, die nötig ist, schätze ich bei einer Einwanderung, die sich zu 25 % der Landwirtschaft, zu 25% der Industrie und dem Handwerk und zu 50 % anderen Berufen (Handel, Hotelgewerbe, Lehrer, Aerzte etc.) zuwendet, auf £ 70 pro Kopf, d. h. auf £ 350 für die Familie von fünf Köpfen. Hierbei ist angenommen, daß jede Familie im Durchschnitt noch etwa £ 150 eigenes Kapital mitbringt. Für jede tausend Familien oder 5000 Seelen, die nach Palästina einwandern, müssen also £ 500000 mit den Einwanderern selbst oder aus anderen Quellen für die produktive An- Siedlung dieser Einwanderer in Stadt und Land nach Palästina kommen. Wenn wir diese Norm überschreiten, der Einsamkeit (und auch die wissen wir tief in uns, spüren sie in stillen Stunden an die Oberfläche steigen). K. ist nämlich durchaus ein Mensch guten Willens, er wünsdit die Einsamkeit nicht und ist nicht stolz auf sie, im Gegenteil, sie wird ihm aufgedrungen, denn von sich aus würde er gerne ein tätiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein, möchte auf anständige Art und Weise mitarbeiten, sich einordnen; er strebt einen nützlichen Beruf an, will heiraten, eine Familie gründen. Aber alles das mißlingt. Man merkt immer deutlicher, daß die kalte Isolierschicht, die um K. liegt, nicht Zufälliges ist — Zufall ist es auch nicht, daß sich die alteingesessene Bevölkerung des Dorfes, in dem K. seine Wohnstätte sich erzwungen hat, von ihm abschließt und daß er in seinem Bestreben, Anknüpfungen zu finden, gerade an jene Bauernfamilie gerät, die von allen anderen geächtet wird. Aber das Rätsel, warum K. sich nicht heimisch machen kann, wird nicht gelöst. Er ist fremd — und er ist in ein Dorf geraten, in dem Fremde mit Mißtrauen betrachtet werden. Mehr wird nicht gesagt. Man fjihlt bald: dies ist das allgemeine Fremdheitsgefühl unter den Menschen, nur eben auf einen speziellen Fall konkretisiert. ״Keiner kann keines Gefährte sein.“ Man kann in dieser Konkretisierung sogar noch einen Schritt weiter gehen. Es ist das besondere Gefühl des Juden, der sich in einer fremden Umgebung einwurzeln möchte, der aus allen Kräften seiner Seele strebt, den Fremden sich anzunähern, gänzlich ihresgleichen zu werden, — und dem diese Verschmelzung doch nicht gelingt. Das Wort ״Jude“ kommt im ״Schloß“ nicht vor. Tn keinem von Kafkas Romanen, in keiner Novelle. (Wohl aber in den Tagebüchern, von denen viele Verbindungsfäden zu den Dichtungen führen). Dennoch ist mit Händen zu greifen, daß Kafka im ״Schloß“ die große tragische Darstellung der Assimilation und ihrer Vergeblichkeit gegeben hat, daß er aus seiner jüdischen Seele hervor in einer schlichten Er- Zahlung über die Gesamtsituation des heutigen Judentums mehr gesagt hat, als in hundert gelehrten Abhandlungen zu lesen ist. Wobei immer diese spezifisch jüdische Deutung mit dbr , allgemeinen menschlichen Hand in Hand geht, ohne daß die eine die andere ausschließt oder auch nur stört. Die so werden wir die Wiederkehr derselben Verhältnisse erleben, unter denen wir jetzt zu leiden haben. י Aber bevor wir an neue Einwanderung denken können, haben wir noch die alte Einwanderung vor uns, von der ein großer Teil in Palästina noch keine Existenz gefunden hat. Wir haben uns gewöhnt, diese Tat- Sache mit dem Worte ״Krisis" zu bezeichnen. Was bedeutet sie, konkret ausgedrückt? Sie bedeutet, daß sieben- bis achttausend Menschen, die von Lohnarbeit zu leben pflegten, ohne Arbeit sind und sie bedeutet ferner, daß eine noch größere Zahl von Menschen, die mit der großen Einwanderungswelle vor ein oder zwei Jahren nach Palästina kamen und hier von Handwerk, Industrie und besonders von Handel leben wollten, keine dauernde Beschäftigung in diesen Zweigen fanden und nach Aufzehrung ihrer meist geringen Mittel ohne Existenzquelle dastehen. Man muß also zunächst einmal daran festhalten, daß die Krisis zum allergrößten Teile die neuen Einwanderer betrifft, während die von früher her ansäßige Bevölkerung in viel geringerem Maße unter ihr leidet Die Gründe für die Krisis liegen hiernach auf der Hand. Sie bestehen einmal darin, daß Palästina infolge der geringen Konsumkraft seiner Bevölkerung nur einer beschränkten Zahl von Kaufleuten und Händlern Be* schäftigung geben kann, und daß der Prozentsatz von Händlern unter den Einwanderern den Bedarf bei weitem überstieg. Zweitens darin, daß die Lohnarbeiter, die in der Zeit des großen Aufschwunges des Bauwesens, der mit der großen Einwanderung Hand in Hand ging, bei den Bauten Beschäftigung fanden, arbeitslos wurden, als mit dem Nachlassen der Ein- Wanderung die Bautätigkeit zum Stillstand kam. Drittens darin, daß die Handwerker und Industriellen, die sich zum mindesten zu einem großen Teile hier eine Existenz hätten gründen können, wenn sie die dazu erforderlichen Geldmittel besessen hätten, in Palästina mit ganz unzureichenden Mitteln ankamen, entweder weil sie schon in ihrem Heimatslande Polen nur geringe Mittel besessen oder ihre Mittel gerade in der Zeit ihrer Auswanderung durch die Fluktuation der polnisehen Valuta verloren hätten. Sie hofften auf Kredite, aber die Gelder, die ihnen die Zionistische Organisation oder ihre Institute zur Verfügung stellen konnten, waren bei weitem nicht ausreichend. Es ist doch zu hoffen, daß diejenigen, die in Industrie und Handwerk wirklich Fachleute sind, allmählich ihren Weg finden werden. Die Zionistische Organisation muß hierbei durch Gewährung von Krediten mithelfen. Viel schwerer ist die Lösung des Problems für die kleinen Händler und Makler. Auch für viele Angehörige der freien Berufe (Aerzte, Ingenieure etc) ist nicht abzusehen, wie sie sich in Palästina erhalten können^־ 'Es׳:׳gibt"'f2.'*':B.,- ׳für *Zeit׳ ״'(Stimmer 1027) irt Palästina bereits 405 jüdische Aerzte, d. N. aut je 370 Juden entfällt ein Arzt — nur sehr wenige Aerzte haben auch arabische Praxis —, während in Deutschland erst auf 1500 und sogar in Berlin erst auf 800 Einwohner ein Arzt kommt. Das schwierigste und brennendste Problem ist die Abhilfe der Arbeitslosigkeit. Keine Zionistische Exekutive in Palästina kann an ruhige konstruktive Arbeit herangehen, solange sie 8000 hungernde Arbeitslose im Rücken hat. Gibt es aber hier überhaupt bei unseren beschränkten Mitteln die Möglichkeit einer Lösung? Wir wollen versuchen, an die Frage rechnungsmäßig heranzugehen. _ Im Jaffaer Hafen wurde mit Ausbesserungsarbeiten begonnen, wobei jüdische und arabische Arbeiter beschäftig! werden. (Ziko.) allgemeine (religiöse) Deutung habe ich im Nachwort zum ״Schloß“, das der Buchausgabe beigegeben ist, versucht. Hier einige Andeutungen über die Beziehung des Romans zum jüdischen Schicksal. Gleich das erste Zusammentreffen mit den Bauern ist charakteristisch. K. hat sich in dem ihm fremden Dorf ver• irrt. Er ist müde. Sieht einen alten Bauern. ״Darf ich ein wenig zu euch kommen“, fragt K. Der Bauer sagt etwas undeutliches. Sofort faßt K. dies als Aufforderung auf und tritt in die Hütte. Es zeigt sich später, daß es ein Schwach• sinniger war, der ihn eingelassen hat. Die merkwürdigen Rechtstitel, auf denen die Juden in der Diaspora ihr ״Wohnrecht“ aufbauten, fallen einem als Parallele ein, wenn man sich in diese halb-zufällige ״Toleranz“ einlebt, die K. in Anspruch nimmt. Ganz ähnlich einige Seiten vorher (S. 18). K. hat den recht unfreundlichen Lehrer gefragt, ob er ihn einmal besuchen könnte. Antwort des Lehrers: ״Ich wohne in der Schwanengasse beim Fleischhauer“. Der Dichter glossiert: ״Das war nun zwar mehr eine Adressenangabe als eine Einladung, dennoch sagte K.: Gut, ich werde kommen“. Schon in dieser kleinen präludierenden Szene findet man, falls man das Organ dafür hat, die Situation der ״Völker“ in ihrer ruhigen Ablehnung und die des Juden in seiner notgedrungenen Freundlichkeit, Anbiederung, ja Aufdringlichkeit mit erschütternd objektiver Melancholie gezeichnet (dies eine Stileigentümlichkeit Kafkas: Melancholie, die aus den Objekten nicht aus subjektiver Willkür hervorzudringen scheint.) Doch weiter! In der Hütte zeigt es sich sofort, daß K. den Anwesenden durchaus unwillkommen ist, daß er sie in sehr intimen häuslichen Verrichtungen (Boden-, Wäsche■ waschen, Säugen) stört. Zur Not gestatten sie, daß er dori ein wenig schläft. Dann wird er hinauskomplimentiert. Ein ״stiller, langsam denkender Mann, von breiter Gestalt, auch das Gesicht breit“ tritt an ihn heran. ״Hier könnt ihr nicht bleiben.“ Der Jude wird nicht etwa unhöflich oder aus Justamentsgründen hinausgeworfen. Sondern die Sache geht mit der Folgerichtigkeit eines Naturgesetzes, leidenschaftslos, zwanghaft vor sich. ״Wir brauchen keine Gäste.“ K. be■ ruft sich darauf, daß man ihn eingeladen hat, daß er hiei

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