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Jüdische Rundschau · 1927-07-26 · Heft 59 (26.7.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 59 (26.7.1927)
Date
1927-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite ♦22 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 59, 26.VIL 1927 Kongreß-Tribüne Reform? Reform! Von Rudolf Samuel, Breslau, Die Forderung einer Reform der zionistischen Wirtschafts- Politik in Palästina steht heute im Mittelpunkt der Kongreßaiskussion, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Forderung berechtigt ist. In all den Jahren, in denen wir mit der Methode des ״überhöhten“ Budgets arbeiteten, d. h., in denen die Eingänge des Keren Hajes&od hinter dem vom Kongreß und A.-C. beschlossenen Budget zurückbliebe״, ist das zionistische Kolouisationswerk im Verhältnis zu unseren heutigen finanziellen Leis tungsmöglichkei teil zu groß geworden. All die Einschränkungen und Kürzungen, die in diesen Jahren dann regelmäßig nachträglich vorgenommen wurden, nachdem die Kolonisationsarbeit jedoch bereits in einem großen Rahmen begonnen worden war, müssen jetzt wieder gut gemacht werden, wenn unsere Betriebe zu definitiven gesunden und rentablen Wirtschaftspositionen werden sollen. Darüber hinaus müßte die Frage untersucht werden, ob man nicht innerhalb des Budgets unter Kürzung anderer Posten einen größeren Prozentsatz der Keren Hajessod-Gelder für die eigentliche Kolonisation, das heißt für die Begründung definitiver Wirtschaftspositionen in Stadt und Land freimachen kann. Und ferner wäre die Frage aufzuwerfen, ob unser bisheriges System gemisehtwirisdiaftlicher Betriebe im Emek nicht durch ein anderes, billiger arbeitendes Kolonisationssystem zu ersetzen ist. Es mag überraschen, daß die Berechtigung der Forderungen der Konsolidierung und Reform gleich am Anfang eines Artikels offen zugegeben wird, der, wie der Leser ohnehin bald merken wird, für eme Arbeiterpartei werben will. Das hat zunächst einen historischen Grund. Die Forderung der Konsolidierung ist ja keine Entdeckung des Jahres 1927. Mit Recht darf der Kreis der deutschen Hit achduth für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, in dieser Hinsicht bahnbrechend gewirkt zu habe«. Im Rahmen des A.-C. war es Dr. Arlosoroff, der diesen Standpunkt seit 1924 wieder und wieder und fast stets als einzigergegen alle anderen vertreten hat. Auf seine Anregung hin erschien auch zum ersten Male in der zionistischen Presse des Galuth*) der Aufsatz ״Das Konsolidierungsbudget“ in der ״Jüdischen Rundschau“ (vom 25. Juli 1924) vom Schreiber dieser Zeilen zum Zwecke, die damalige A-C.-Sitzung in dieser Richtung zu beeinflussen, und ein dritter Mann der Hitachduth, Dr. Weitsch, hat jetzt aufs neue die Frage ins Rollen gebracht. So erfreulich es ist, auch die bürgerlichen Zionisten Deutschlands jetzt endlich in ausgesprochener Weise an unserer Seite zu finden, so muß doch gesagt werden, daß die Konsolidierung damals, vor drei Jahren, sehr viel leichter und einfacher hätte aurdigesetzt werden können. Das aber wurde durch alle die verhindert , die erst jetzt, beinahe zu spät, gelernt haben, daß die Fragen der Wirtschaftspolitik unsere wahren Lebensfragen sind, und die immer wieder versuchten, die Aufmerksamkeit der Zionistischen Weltorganisation auf die Fragen unserer Außenpolitik und der Erweiterung der J ewish Agency zu drängen. Es ist sicher richtig, daß audi die Arbeiterschaft nicht unschuldig daran ist, daß die Konsolidierung erst jetzt ernsthaft van größeren Teilen der Weltorganisation gefordert wird. Ihre Führer hatten zwar die Gefahr erkannt, aber sie, als die Träger des aktivsten und lebendigsten Teils des Jischuw, glaubten, daß ein Jahr ohne nennenswerte Neuansiedlung und Heueinwanderung eine größere Gefahr bedeute. Ihr zionistischer Elan hat sie dazu verführt, unsere Kräfte zu überschätzen. Und erst jetzt haben sie eingesehen, daß eine solche Politik der Illusionen auf die Dauer nicht möglich ist. Jedoch ist cs heute schon mehr als wahrscheinlich, daß auch die Arbeiterparteien die Parole der Konsolidierung auf dem Kongreß zu der ihren machen werden. Um 90 unberechtigter ist es, daß inan aus dieser Frage des Konsolidierungssystems und der Konsolidationstechuik einen ungeheuerlichen Angriff gegen die Arbeiter- Schaft zu machen־ versucht, wie er an Ausmaß und Schärfe bisher für unmöglich gehalten wurde. Aus unklaren Motiven heraus, die zu analysieren vielleicht eine dankbare Aufgabe wäre, und in völliger Verkennung dessen, was die Arbeiterschaft in Wirklichkeit für den Zionismus bedeutet, versucht man heute, unter dem Schlagwort der Konsolidierung, der Arbeiterschaft endgültig den Genickfang zu geben. Von einigen Seiten wird mit dürren Worten erklärt, daß die Ansiedlung unbemittelter ״Elemente“ aufhören müsse. Und mit Recht charakterisiert selbst de Li eme in einem Artikel, der gewiß nicht übertriebene Arbeiterfreundschaft verrät, die gegenwärtige Situation mit den Worten: ״Nun ist der Zustand.so geworden, daß jede dumme Gruppe um den Platz in der Leitung kämpfen kann, die als einziges positives ElementHaßgegendieArbeiterbewegungmitbringt, anstatt konstruktive Ideen.“ Wer die zionistische Presse verfolgt, weiß daß die mit so blindwütiger und bornierter Kampflust geführte Attacke gegen die Arbeiter- Schaft durch diese Worte noch bei weitem nicht ausreichend ekennzeichnet wird. Demgegenüber muß man feststellen, daß ie Arbeiterschaft die Expansion des Siedlungswerkes zwar gefordert hat, daß aber die Vertreter sämtlicher anderen Gruppen (kaum mit nennenswerten Ausnahmen) dieser Forderung nicht nur nie Widerstand entgegengesetzt, sondern sie stets sogar mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen haben. Die Menschen, die sidi dieser Forderung widersetzt hätten, hätten Politik nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Verstand machen und darüber hinaus auch noch den Mut zur Unpopularität haben müssen. Und solche Politiker sind bei uns und überall leider höchst selten zu finden. Aber keinesfalls darf man unter diesen Umständen die Arbeiterschaft als den allein schuldigen Teil hinstellen. SicherliU! aber hat der Sozialismus der Arbeiterschaft mit den heutigen Sdiwierigkeiten nichts zu tun. Selbst die Krise <1: Solel-Boneh ist zu überwiegenden Teilen darauf zurückzufü•' n, daß er Aufgaben übernommen hat, denen er nicht gewachs 1 war. Vornehmlich hat er, um die Arbeitslosigkeit e.!dämmen, seine Geschäftstätigkeit in einem Maße ausgr t, die in keinem Verhältnis mehr zu seinen Kräften st Selbstverständlich wäre es für ihn, die Arbeiterschaft, das Jlungswerk und die Zionistische Organisation besser und tiger gewesen, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit von de Exekutive zu fordern Und ohne Rücksicht auf solche Faktorc eine rein nationale Geschäftsführung zu üben. Solchen Vermischungen der Kornpetenzen muß und soll Einhalt geboten werden. Aber wer kann es, noch dazu unter Berücksichtigung der schweren Verhältnisse Palästinas, wagen, aus einem solchen Sachverhalt heraus zu behaupten, dab die Prinzipien der nationalen Kolonisation oder der Sozialismus der Arbeiterschaft schuld an der heutigen Krise seien? Wir geben offen zu, daß es uns mehr als schmerzlich berührt, bereits heute, vor dem Kongreß, die ersten Anzeichen Dies ist ein kleiner Irrtum; schon am 11. Juli 1924 war ein Artikel mit dieser Parole in der ״Jüdischen Rundschau“ und im Londoner ״Haolam“ erschienen. — A. 1 R. feststellen zu müssen, aus denen hervorgeht, daß auch unsere Freunde im ״linken Zentrum“ von der heute herrschenden reaktionären politischen Konjunktur beeinflußt werden. Wir wollen zunächst nicht ihre Worte* sondern ihre Taten betrachten. Denn nicht Worte und Programme, sondern Handl ungen sind das Entscheidende in der Politik. Wichtiger als alle Reden in der Generaldebatte werden auf dem Kongreß die Abstimmungen im Permanenzausschuß und in der Budgetkommission sein. Ein bezeichnendes Vorzeichen hierfür war die Sitzung des Aktions-Coinites in London. Hier haben die Vertreter des linken Zentrums mit allen Feinden der Arbeiterschaft zusammen dafür gestimmt und gesorgt, daß kein Mitglied der Arbeiterschaft der neuen Reorganisationskommission angehört. Diese soll bekanntlich die Grundlagen des neuen Budgets vorbereiten und ist darum heute die wichtigste Körperschaft in der Zionistischen Weltorganisation. Praktisch bedeutet übrigens diese Abstimmung nichts anderes, als daß man gerade den Dr. Arlosoroff ausgeschlossen hat, der vor dem letzten Kongreß die Arbeiterschaft in dieser Kommission vertrat und der solange m diesem selben Aktions-Comite die Forderung der Konsolidierting und der Rationalisierung unserer Finanz- und Wirtschaftspolitik vertreten hat. Und der ebensolange von gerade den Kongreßversammlungen d0P B■ Z■ U■ Dienstag, den 2. August, abends 872 Uhr in den Musikersälen, Kaiser-Wilhelm-Str. 31 Mittwoch, den 3. August, abends 872 Uhr im Gartensaal der Loge, Kleiststraße 10 Referenten: Vertreter sämtlicher Parteien Eintritt: 20 Pf. Herren in diesen Fragen überstimmt worden ist, die diese Parolen heute so begeistert aufgegriffen haben. Wenn das alles aber im Rahmen der, heute doch noch formell bestehenden, Koalition zwischen bürgerlichen Zionisten und Hitachduth gescheheu konnte, so ist das in der Tat ein rtjehr als bedenkliches Vorzeichen. Es zeigt, daß das linke Zentrum in höchster Gefahr ist, seinen so oft verkündeten Grundsätzen untreu zu werden. Hier taucht die Grundfrage auf, ob eine Verhältnismäßig so kleine Gruppe, wenn sie bestimmenden Einfluß auf den Ablauf des politischen Geschehens nehmen will, sich den Luxus einer eigenen Politik leisten kann. Auf diesem Kongreß wird es, das ist heute schon klar und deutlich, einerseits die Arbeiterschaft, andererseits einen organisierten Rechtsblock geben. Ob es dem linken Zentrum im" Verlauf des politischen Schachspiels möglich sein wird, dazwischen eine Sonderstellung einzunehmen, oder ob es nicht zu einem Anhängsel des Rechtsblock werden muß, das ist eine Schicksalsfrage. Wenn wir uns an die A.-C.-Sitzung erinnern, so können wir nur sagen: absit omen. Auf welche Weise hat man die Parole der Konsolidierung so verfälscht, daß sie zur Angriffswaffe gegen die Arbeitergruppe tauglich wurde? Die Reform der zionistischen Wirtschaftspolitik, die wir persönlich in sehr viel radikalerer Form fordern*), als das linke Zentrum, betrifft vornehmlich Fragen der Koionisations t e c h n i k. Sachverständige müßten unsere Finanzgebarung überprüfen, die Frage der optimalen Betriebsgroße diskutieren, untersuchen, ob die gemischtwirtschaftliehen Betriebe im Emek tatsächlich die billigste Form der landwirtschaftlichen Kolonisation darstellen u. a. m. Was aber haben solche Fragen der Finanzpolitik und der landwirtschaftlichen bzw. kolonisatorischen Technik eigentlich mit den sozialen Lebensformen innerhalb der Betriebe 7 11 tun? Die Zionistische Organisation kann nur verlangen, daß die Betriebe wirtschaftlich rentabel sind. Ob die Arbeiter den gleichen oder einen verschiedenen Lohn erhalten, ist doch zunächst einmal deren ureigenste Angelegenheit. Man hat die Parole der Wirtschaftsreform gerade dadurch verfälscht und das war sicherlich ein geschickter Schachzug — daß man die, technischen und sozialen Fragen miteinander vermischte. Hier aber nimmt das linke Zentrum bereits keine klare Stellung mehr ein. Denn was sollen das Wort ״Vertrauenskrise“, die ״,Revision der Arbeiterbetriebe in Stadt und Land“, der Ruf nach dem ״neuen Unternehmertum“ bedeuten? und auch der Wunsch nach dem rettenden Wirtschaftsdiktator, der heute so viele kleinbürgerliche Seelen erfüllt, gehört hierher. Das alles sind Versuche und Anfänge, um an die Stelle des bisherigen Systems der nationalen Kolonisation eine programmatisch neue Wirtschaftspolitik zu setzen. Und diese Versuche eines neuen wirtschaftspolitischeu Programms auch des linken Zentrums stecken nicht mehr in den ersten Anfängen, und es liegt ja nicht an dem mangelnden guten Willen ihrer geistigen Väter, wenn sie so überaus komisch wirken. Die Privatinitiative soll stärker in den Vordergrund gerückt werden und Palästina erbauen. In der Stadt erwartet man das neue Unternehmertum, ein ״richtiges“ Unternehmertum mit ״Pioniergesinnung“ (Blumenfeld: ״Verantwortungspolitik“). Wir wollen gar nicht die Frage aufwerfen, ob es das überhaupt im größeren Maße geben kann oder ob diese beiden Begriffe einander nicht ausschließen. Wir wollen nicht die Frage des Absatzes, der Exportmöglichkeiten und des mangelnden Binnenmarktes erörtern. Sobald wir die Sphäre der reinen Ideologie verlassen und uns in die der Oekonomie begeben, besitzen wir ja die Möglichkeit der rechnerischen Nachprüfung solcher Behauptungen. Und da ergibt sich, (nach Ruppin: landw. Kolon, uswj, dal) die Silikatfabrik mit einem Kapital von £ 90 000 70 Arbeiter und Beamte beschäftigt, die Salzwerke in Athlit mit £ 50 000 30 Personen, die Oelfabrik Schemen mit £ 120 (XX) deren 40. Das heißt, die Privatinitiative braucht zur Seßhaftmachung eines Arbeiters in Palästina in diesen drei wahllos herausgegriffenen Fällen, die genügen mögen, £ 1300 bzw £ 1600, bzw. £ 3000 pro Kopf. Das Ist die Privatinitiative in der Stadt. Das neue Wirtschaftsprogramm für das Land *) Vgl. z. B. ״Jüd. Rundschau“ Nr. 19/20, und den in der ״Selbstwehr“ vor kurzem abgedruckten Vortragsbericht. ist die ״Priorität der landwirtschaftlichen Kolonisation, insbesondere des Pflanzungsbaus“ (Blumenfeld: ״Verantwortungspolitik“. Vgl. auch seinen Vortrag in Breslau). Rechnet man die Ansiedlungskosten auf der Grundlage des Orangenbaus nach, so ergibt sich allerdings nicht das erwartete Resultat, die Orangenpflanzung ist nicht die teuerste Ansiedlungsmöglichkeit, sie wird von der Olive noch übertroffen und es fehlt uns nur noch, daß irgendeine Gruppe die Ansiedlung auf der Basis des Olivenbaus zu ihrer Wahlplattform erkürt. Da aber bisher noch niemand dagegen gewesen ist, daß die Privatindustrie in der Stadt und das Privatkapital im Pflanzungsbau aut dem Lande neben der nationalen Kolonisation und innerhalb der von ihr gelassenen Lücken wirksam wird, und da ferner selbst die Sätze eines Wahlartikels einen angebbaren Sinn besitzen müssen, so kann logischerweise diese prononcierte Hervorhebung der Privatinitiative und des Orangenbaus nur bedeuten, daß das linke Zentrum den Schwerpunkt unseres Aufbauwerkes zuungunsten der nationalen und zugunsten der privaten Kolonisation zu verschieben wünscht. Daß diese letztere auch ihre Aufgaben zu erfüllen hat, ist nachgerade eine Trivialität. Daß man aber glaubt, aut einer solchen Grundlage einen Aufbauplan entwickeln zu können, der auch nur für einen kurzen Wahlkampf ausreicht, das Ist ein groteskes Mißverständnis. Vom Standpunkt der Allgemeinheit und der sie repräsentierenden Zionistischen Organisation ist es nicht die Hauptfrage, ob diese oder jene Industrie, dieser oder jener Pflanzungsbau in Palästina möglich ist. Es ist selbstverständlich, daß man jede Möglichkeit ausnutzen und Privatkapitalier» an solche Stellen lenken muß. Es ist selbstverständlich, daß man durch geeignete politische Maßnahmen Vorbedingungen schaffen muß, um solche Privatindustrien zu schaffen, die wir brauchen, um den jüdischen Wirtschaftskörper fester und einheitlicher zu machen. Die Hauptfrage ist aber die An- Siedlung und Seßhaftmachung einer kontinuierlichen Ein- Wanderung, die so groß ist, daß sie den arabischen Geburten- Überschuß um ein beträchtliches übersteigt. Darum ist nicht der Standpunkt des Kaufmanns, sondern der des Koionisationstcchnikers der entscheidende. Wir freuen uns gewiß, wenn heute der Orangenbau so rentabel ist, daß der Unternehmer ut daran verdient. Aber das ist gleichgültig, wenn die Zahl er jüdischen Arbeiter, die durch ihn in Palästina seßhaft gemacht werden können, minimal bleibt, sogar, wenn wir selbst mit Privatkapitalien von solcher Größe rechnen, daß sie de fakto in absehbarer Zeit nicht nach Palästina strömen werden. Die entscheidende Aufgabe wäre vielmehr, durch Studien und Experimente während der Zeit der Konsolidierung ein solches System landwirtschaftlicher Kolonisation ausfindig zu machen, das uns gestattet, im Rahmen der uns zur Verfiigtmg stehenden Eingänge an nationalem Kapital (die sich heute insgesamt auf z.irka £ 1000 000 belaufen) eine jährliehe Alijah von einigen Zehntausend seßhaft zu machen. Wir haben vor kurzem in voller Ausführlichkeit gezeigt, daß das möglich sein könnte. Die Privatinitiative als primär er Faktor kann jedoch eine nennenswerte Zahl von Juden — von Majorität wollen wir ganz schweigen — in der Stadt oder auf dem Lande nur dann seßhaft machen, wenn es gelingen würde, sie zur Investierung von Kapitalsummen zu veranlassen, die nur noch mit astronomischen Ziffern begriffen werden können. Das zeigt jede Rechnung. Nicht Sozialismus war cs, sondern zionistischer Hlusionismus, der die Arbeiterschaft antrieb, auf die ithmer weitergehende Expansion des Kolonisationswerkes_ zu drängen. Nicht die Frage Sozialismus oder Kapitalismus ist heute zu lösen, wenn wir konsolidieren und reformieren wollen, sondern — jenseits von gut und böse — Fragen der Technik, Der Illusionismus muß bekämpft werden, das ist hart aber notwendig. Kann man es aber noch Illusionismus nennen, wenn dem Wähler die Lösung der Krise durch das Mittel der Privatinitiative und des Örangenbaus versprochen wird, während schon eine einfache Ueberschlagsrechnung zeigt, daß in Wirklichkeit hinter solchen Worten weniger steckt als nichts? In Palästina leben heute rund 3/4 der Juden nicht als Arbeiter. Das ist möglich, weil eine sehr große Schicht arabischer Arbeiter die Wirtschaft mit tragen hilft. Sollten neue hunderttausend Juden in nichtproletarischen Verhältnissen als Unternehmer, Pflanzer, in freien Berufen usw. in Palästina leben, so müssen aufs neue mehrere hunderttausend Arbeiter nach Palästina kommen. Das können arabische oder jüdische.Arbeiter sein. Aber eines ist sicher: der jüdische Arbeiter wird auf die Dauer auch in Palästina kein Leben der Abhängigkeit führen. Bietet ihm der Zionismus keine autonomen sozialen Lebensformen, die er nach eigenem Wunsch und Willen gestaltet und die ihm seine Unabhängigkeit gewähren, so wird er entweder das Land oder den Arbeiterstand verlassen. Als abhängiger Arbeiter wird er nicht bleiben. Das ist eine Tatsache, die auch der prinzipielle Antisozialist anerkennen muß. Schon daraus ergibt sich, daß Reform und Konsolidierung nur gemeinsam mit der Arbeiter- Schaft durchgeführt werden können und jedes Abirren davon, die nationale Kolonisation als die Grundlage des Aufbaus zu bezeichnen, muß verhängnisvoll werden. Dazu kommt noch, daß die Verwirrung von Problemen der Wirtschaftstechnik und der sozialen Frage die logische Erfassung und Lösung der Probleme selbst ungeheuerlich erschwert. Eine ״arbeiterreine“ Exekutive verspricht uns, uns im Jahre 1929 einem Chaos entgegenzuführen, runter dem die heutige Krise um verschiedene Größenordnungen zurückbleibt. (Auch die Stellung einer solchen Exekutive gegen« über dem Kabinett Mac Donald-Lloyd George des Jahres 1928 verspricht viel Interessantes.) In der Tat aber haben sich die Verhältnisse durch die letzte Aktions-Comite-Sitzung so zugespitzt, daß heute kaum noch eine Möglichkeit besteht, irgendeine Arbeitergruppe zum Eintritt in die neue Exekutive zu veranlassen. Das linke Zentrum in Deutschland, das seinen Wahlkampf damit führt, Privatinitiative und Orangenbau in den Vordergrund zu rücken — und gewiß damit den herrschenden sozialen Vorurteilen und Aberglauben weit entgegenkommt — hat diesen Bruch der Koalition freudig mitgemacht und ist auch noch stolz darauf (Blumenfeld: deshalb begrüßen wir die gewählte Kommission und die Art ihrer Zusammensetzung). Es wird also an dem Chaos, dem wir entgegentreiben, mitschuldig sein. Gewiß hat z. B. die Hitachduth stets staatspolitisch zu denken und zu handeln versucht, ohne Rücksicht darauf, daß sie dadurch angeblich weiter links stehenden Gruppen die Möglichkeit einer billigen demagogischen Propaganda gab, durch die viele eingefangen wurden, die nicht wußten, was wirklich vorging. Auch heute werden uns Rücksichtnahmen darauf nicht beeinflussen. Aber jeder Partei zieht ihre eigene Würde eint» bestimmte Grenze und der beispiellose Racnekrieg und Kreuzzug gegen die Arbeiterschaft hat diese Grenze schon überschritten. Eine Reform der Palästinawirtschaft gegen die Arbeiterschaft und ohne Mitwirkung der Arbeiter-

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