Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 58, 15. Vn. 1027 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 415 Kongreß-Tribüne Das Programm des ״Itten Zentrums“ (Eine kritische Behandlung.) Von Dr. Nahum Goldmann. Selten ist ein zionistischer Kongreß in einer so schwierigen und ungeklärten Situation zusammengetreten, wie es beim 15. Kongreß der Fall sein wird. Auf der einen Seite herrscht in fast allen zionistischen Kreisen ein Gefühl stärkster Unzufriedenheit und Enttäuschung. Wenn man unter Anwendüng parlamentarischer Gesichtspunkte diejenigen Gruppen im Zionismus als die Regierungsparteien bezeichnen wollte, die irgendwie zufrieden sind mit der Entwicklung der letzten beiden Jahre und bereit sind, voll und ganz die Verantwortung für diese Entwicklung und die Leistungen der Exekutive in diesem Zeitraum zu übernehmen, so gibt es eigentlich keine Regierungsparteien mehr in der Organisation. Nicht nur die Fraktionen, die in der Exekutive vertreten sind, stehen zu dieser Exekutive und zu ihrer Politik sehr viel mehr oppositionell als bejahend, auch die sogenannten allgemeinen Zionisten, die doch Rückgrat und eigentliche Träger der Exekutive der letzten Jahre sind, befinden sich — diesmal vielleicht zum ersten Mal — in manchen Hinsichten jedenfalls in der Opposition. Unzufrieden sind alle Gruppierungen der Bewegung: die Rechte und die Linke, der Misrachi und die Landsmannschaften von der sogenannten offiziellen Opposition, den Radikalen und den Revisionisten schon gar nicht zu reden. Ginge es auf unseren Kongressen parlamentarisch zu, dann stände die heutige Exekutive schon am ersten Tage eigentlich ohne jede wirkliche Anhängerschaft da, und von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, hat selten eine zionistisehe Exekutive so sehr abgewirtschaftet, wie gerade die gegenwärtige. Aber das Schwierige und Beängstigende der Situation liegt nun gerade darin, daß die bestehende Unzufriedenheit bei den verschiedenen Gruppen aus so verschiedenartigen Motivationen entspringt, daß es unmöglich ist, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Rechte beklagt sich, daß die Exekutive eine ausgesprochene Linksorientietung in Palästina verfolgt habe und wirft ihr insbesondere ihre unzulängliche Haltung gegenüber der 4. Alijah vor. Die Linke ist fest davon überzeugt, daß die Exekutive und die herrsehende Politik immer mehr und mehr in ein rechtsbürgerliches Fahrwasser hinübergleiten. Die Gegner der Jewish-Agency- Politik werfen der Exekutive und insbesondere Dr. Weizmann das verbohrte Festhalten an der Agency-Politik vor; und auch die Anhänger dieser Politik sind keinesfalls entzückt über die Wendung, die sie in den letzten Jahren in Amerika genommen hat. Was die außenpolitische Situation betrifft, so sind, von einer ganz kleinen Gruppe abgesehen, eigentlich alle unzufrieden, wenn auch manche bereit sind, weniger die politischen Leistungen der Exekutive als vielmehr die höhere Gewalt der objektiven Umstände dafür verantwortlich zu machen; wie man sieht, verlaufen also die Tendenzen der Unzufriedenheit nach ganz verschiedenen Richtungen, und es werden auf dem Kongreß — wie mir scheint — Oppositlonen der verschiedensten Motivation und Einstellung durcheinandergehen, was nicht dazu beitragen wird, die Kongreß- Situation zu klären. Gerade diese Ungeklärtheit der Stellungen und Standpunkte ist das beunruhigendste Charakteristikum der gegenwärtigen innerzionistischen Lage. Sie verhindert — wenn sie so bleiben sollte -— ebenso die Bildung einer wirklich ehrlichen und vollverantwortlichen Regierungsmehrheit wie auch den offenen Sie# einer in ihrer Physiognomie einheitliehen Opposition. Bleibt diese Ungeklärtheit bestehen, dann kann der Kongreß nur mit demselben Ergebnis enden, mit dem er seit Jahren eigentlich endet, mit der Fortdauer der Politik, für die es nur im Oesterreichischen eine klare, treffende Bestimmung gibt: fortwursteln. Vielleicht den deutlichsten Ausdruck dieser innerlichen Ungeklärtheit, dieses Nichtmehr-recht-wissens, was man will, dieser Unzufriedenheit, die mehr Katzenjammer als klare Einstellung ist, stellt die neue Gruppierung des linken Zentrums dar. Noch vor zwei Jahren hat die zionistische Schicht, die diese neue Gruppierung bildet — die Majorität des deutschen Zionismus, dem der größere Teil des tschechoslowakischen, ein Teil des österreichischen, rumänischen und jugoslawischen Zionismus folgt — eine bestimmte einheitliehe Physiognomie getragen; sie war in der Frage des Aufbaus Palästinas ehrlich und konsequent links orientiert, stellte nationale und menschlich soziale Gesichtspunkte höher als solche der reinen Wirtschaftlichkeit und Rentabilität, war bereit, der Arbeiterschaft in Palästina die volle, ihr zukommende Bedeutung im Aufbauprozeß des Landes zuzuerkennen, war restlos einverstanden mit dem außenpolitischen Kurs der Exekutive und erwartete aus vollem Herzen Wunderdinge von der Erweiterung der Jewish Agency. Das war ein Programm. In manchem richtig, in manchem falsch, aber man wußte wenigstens, was es wollte. Heute kann auch der objektivste Beurteiler dieser Gruppe nicht mehr recht wissen, was ihr Programm eigentlich ist. Vor allem ist sie im Begriff, in den Fragen dis Aufbaus langsam aber deutlich einen völligen Frontwechsel zu vollziehen. Sie hat sich — und insbesondere der deutsche Zionismus, soweit er dieser Gruppe angehört — in eine Stellung der Panik hineinsuggeriert, die nicht nur vom allgemein zionistischen Standpunkt gefährlich, von einem objektiven Standpunkt hysterisch und unberechtigt ist, sondern vor allem sie selbst zwingt, ihren bisherigen Prinzipien untreu zu werden. Seit einem Jahre und länger hat die ״Jüdische Rundschau“ in ihren offiziellen Verlautbarungen eigentlich nichts als Kritik übrig für unsere Leistungen in Palästina. Wer nur sie liest, muß den Eindruck bekommen, als ob alles, was wir kolonisatorisch dort vollbracht haben, letzten Endes falsch aufgebaut und, so wie es ist, nicht existenzfähig ist. Ich habe bereits vor langer Zeit vor dieser Darstellung der Verhältnisse in Palästina und dieser Panikstimmung eindrücklich gewarnt und habe immer betont, daß die Kritik viel zu weitgehend ist, und daß es eine beinahe an Hysterie grenzende Ueberschätzung der Rückschläge und der vielfachen Schwierlgkeiten in den einzelnen Institutionen darsteflt, wenn man unser gesamtes Kolonisationssystem und unsere kolonisatorisehen Leistungen als unbefriedigend darstellt. Wenn man das vor Monaten den führenden deutschen Zionisten sagte, so war die Antwort darauf, daß man die Dinge vertuschen ■wolle, daß man nicht den Mut habe, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, und daß die ״Jüdische Rundschau“ das historische Verdienst habe, ungeschminkt die Dinge beim Namen zu nennen. Nun hat vor zwei Wochen Dr. Weizmann eine programmatische Rede in Berlin gehalten. Vieles in dieser Rede war für mich sehr unbefriedigend; aber in der Beurteilung der Dinge in Palästina hat er das gesagt, was gerade viele von unserer radikalen Gruppe schon seit langem betont haben und was, richtig verstanden, eine vernichtende Kritik der Auffassung des linken Zentrums darstellt. Er wies — mit Recht — daraufhin, daß unsere Gesamtleistung in Palästina vom kolonisatorischen Standpunkt aus eine sehr beträchtliche ist, zitierte die Beispiele der englischen Kolonisation der letzten Jahre in Kanada und Australien und zeigte, was vor kurzem Dr. Ruppin noch seinerseits durch sehr beweiskräftiges Material dargelegt hat, daß unsere Leistungen im Vergleich zu unseren Mitteln und den besonderen Schwierigkeiten des Landes keinesfalls hinter den Erfolgen anderer Kolonisationen zurückgeblieben sind. Ich weiß nicht, ob die ״Jüdische Rundschau“ und die von ihr repräsentierte Gruppe des linken Zentrums bereit sein werden, Konsequenzen aus den Worten Dr. Weizmanns zu ziehen. Vermutlich wird man erklären, daß man im Grunde dasselbe meine wie Dr. Weizmann, zumal es die einzige, alle Jahre und Wandlungen überdauernde Ureigenschaft dieser Gruppierung ist, immer das zu meinen, was Dr. Weizmann meint. Für den objektiv Urteilenden aber, der all die betreffenden Artikel der ״Jiid. Rundschau“ und alle Reden der Wortführer des linken Zentrums gelesen und gehört hat, ist der fundamentale Gegensatz zwischen der Auffassung und der Stimmung dieser Gruppe und derjenigen Dr. Weizmanns augenfällig. Aus dieser Panikstimmung heraus ist das Aufbauprogramm des linken Zentrums, mit dem es sich zum Kongreß präsentiert, entstanden. Dieses Programm basiert ganz und gar auf der keineswegs neuen Parole der unbedingten Wirtschaftrichkeit, Konsolidierung, Reform an Haupt und Gliedern, rein wirtschaftliche Gesichtspunkte beim Aufbau der einzelnen Institutionen, Rentabilität ln der Gestaltung der Kolonisation, das Regime der berühmten ״Fachmänner“ mit diktatorischen Vollmachten, Entpolitisierung der Exekutive, Kürzung der Rechte des Kongresses als einer politischen Körperschaft, Bildung gar einer besonderen, ganz unpolitischen Wirtschaftsexekutive, das sind so die Schlagworte, mit denen dieses linke Zentrum die zionistischc Situation retten will. Daß •die Schlagworte nicht neu sind, ist allbekannt. Daß sie noch niemals die Situation gerettet haben, ist ebenso allbekannt. Neu ist nur, daß diese Schlagworte jetzt das entscheidende Programm gerade der Gruppe des linken Zentrums darstellen, die bisher wenigstens nicht die Trägerin dieses Programms war. Wer auch nur ein wenig näher dieses Programm analysiert, findet darin das alte Programm von Julius Simon und de Lieme, vieles von dem, was der rechte Flügel des amerikanischen Zionismus immer verlangt; und wenn das linke Zentrum auf dem Kongreß seine Hauptaufgabe darin sehen wird, diese Schlagworte zu realisieren, so wird man — insbesondere, wenn man noch die taktischen Ungeschicklichkeiten in Betracht zieht, die auch schon von je ein Charakteristikum dieser Gruppe waren — auf dem Kongreß und nach dem Kongreß schwer begreifen können, worin das ״linke“ in dem Programm und der Politik dieser Gruppe eigentlich ist. Qamit soll nicht gesagt sein, daß nicht die Konsolidierung etwas sehr Notwendiges darstellt, daß verschiedene einzelne Institutionen tatsächlich reorganisiert und wirtschaftlicher als bisher aufgebaut werden müssen. Aber das sind Erkenntnisse, die heute der gesamten Organisation gemeinsam sind, vom Misrachi bis zu den Poale- Zion und von den Revisionisten bis zur Exekutive. Solche Selbstverständlichkeit, die zudem eine communis opinio darstellen, können nicht das Charakteristikum eines Programms bilden. Entscheidend für die Politik in den Aufbaufragen, besonders auf dem Kongreß, ist nicht so sehr die einzelna konkrete Forderung, als vielmehr der Tenor des Ganzen und vor allem die politische Konstellation, in der!pan seine Forderungen stellt und durchführen will. Man kann sich nicht mit Innerer Legitimität linkes Zentrum nennen und auf der anderen Seite eine Reform unseres gesamten koionisatorischen Systems an Haupt und Gliedern verlangen mH der Begründung, daß es ein falsches und erfolgloses System sei. Denn jede solche Reform an Haupt und Gliedern kann nur darauf hinauslaufen, die Stellung der Arbeiterschaft in unserem Kolonisationssystem zu schwächen und unter dem Schlagwort der Wirtschaftlichkeit und Rentabilität einen Rechtskurs zur Herrschaft zu bringen. Ganz das Gleiche gilt von den Forderungen der Wirtschaftsexekutive oder der Diktatur der Fachmänner und ähnliche kluge Formeln. Sie laufen faktisch hinaus auf eine Untergrabung des demokratisehen Charakters der zionistischen Bewegung, auf die Propagierung eines pseudodiktatorischen Systems, das bei uns doppelt lächerlich ist, weil wir erstens keine Diktatoren haben, und weil eine Bewegung von dem labilen Charakter der zionistischen, die ganz auf Freiwilligkeit und dem guten Willen ihrer Anhänger aufgebaut ist, kein solches System vertragen würde, auch wenn es die Männer dazu gäbe. Alle diese und ähnliche Forderungen sind, wenn etwas Ernsthaftes dahinter steckt, klare Programmpunkte einer rechtsbürgerlichen Gruppierung; steckt aber — wie ich überzeugt bin — gar nicht so sehr der ernste Wille hinter ihnen, sind sie vielmehr nur Ausdruck einer Panikstimmung, in die man sich selbst hineingeredet hat, dann sind sie doppelt sinnlos und führen letzten Endes nur dazu, daß diejenigen, die sie vertreten und sicherlich den guten Willen haben, ein linkes Zentrum zu sein, unweigerlich damit enden werden, die Ideologen und Wortführer des rechten Zentrums zu werden. Ganz dasselbe Bild von innerer Unklarheit und der typischen Gegensätzlichkeit von dem, was man will und dem, was man erzielt, bieten auch die anderen Programmpunkte des linken Zentrums. Ein Wort zunächst über ihr außenpolitisches Programm. Auch da ist eine Wendung gegenüber ihrer Haifing vor zwei Jahren zu konstatieren. Damals war sie eigentlich restlos mit der Politik der Exekutive und unserer außenpolitischen Situation zufrieden. Die Parolen, mit denen Dr. Weizmann seit Jahren seine Politik gerechtfertigt hat: Entpolitisierung der Bewegung, Konzentration aller Energien auf den wirtschaftlichen und finanziellen Aufbau, die Unmöglichkeit, vorläufig unsere Forderungen irgendwie durchzusetzen, alle diese Parolen wurden damals von dieser Gruppe vorbehaltlos unterstützt. Heute sieht es bereits etwas anders aus. Man ist nicht mehr zufrieden und könnte es auch schwer noch sein, nachdem der gesamte jüdische Jischuw in Palästina ohne Unterschied der Partei einhellig unsere politische Lage im Lande als unbefriedigend erklärt; nachdem insbesondere auch sehr kompetente Beurteiler, die nicht im Verdacht stehen, ״Demonstrationspolitiker“ oder ״Chauvinisten“ oder gar ״Feinde Englands“ zu sein, gerade in der letzten Zeit die Politk der englischen Adininistration in Palästina für im höchsten Grade unbefriedigend erklärt haben, weil sie unserer Kolonisation nicht jenes Minimum an Schutz und Unterstützung zuteil werden läßt, das sie auf Grund des Mandates beanspruchen darf Und auf ®rund der Notwendigkeiten der Lage beanspruchen muß. Seitdem nicht nur die ״Opposition“ solche Gedanken äußert, sondern Männer wie Colonel Wedgewood und sogar Sir Alfred Mond, trauen sich auch die Anhänger der Exekutive ähnlichen Stimmungen und Aeußerungen Ausdruck zu geben. Was fehlt, ist — wie überall — der Mut zur Konsequenz. Die einzige wirkliche Konsequenz aus der Erkenntnis der unbefriedigenden außenpolitischen Lage wäre nämlich diejenlge, eine Politik der verstärkten Forderungen und des zähen, unermüdlichen Ringens um die Durchsetzung dieser Forderungen zu inaugurieren. Unserer Exekutive in London aber fehlt beides; sie fordert wenig und fordert sehr schwach, und" ‘das beste Beispiel dafür ist das letzte Memorandum Dr. Weizmanns an die Mandatskommission, das auch die Punkte, von denen alle Welt sich einig ist, das uns Unrecht geschehen ist und dauernd Unrecht geschieht, mit unhörbarer Flüsterstimme kaum hinzuhauchen wagt. Sodann aber, und dies zweite ist nicht minder wichtig, fehlt es unseres Exekutive in London überhaupt an einem wirklichen poiitisehen Apparat, der imstande wäre, eine kontinuierliche, zielbewußte und zähe zionistische Politik zu führen. Seit Jahren ist unsere äußere Politik gewissermaßen eilt Monopol Von Dr. Weizmann, der sozusagen der einzige ist, der in alle ״Mysterien“ dieses Geheimkultes einzudringen vermag, und Dr. Weizmann wiederum ist bekanntlich seit Jahren überall in der Welt, aber am allerwenigsten in London. Hier energisch Remedur zu schaffen und für die Bildung einer politischen Exekutive in London Sorge zu tragen — und noch auf Jahre hinaus bleibt London der Schwerpunkt unserer Politik und nicht Jerusalem — die imstande ist, eine aktive, zionistisehe Politik zu führen, ganz unabhängig davon, wo gerade Dr. Weizmann weilt, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Kongresses, was anzuerkennen dem linken Zentrum jedoch wohl nicht die Einsicht, aber der Mut zur Konsequenz fehlt Die gleiche Sachlage, hier vielleicht noch am drastisch* sten, offenbart sich bei der Prüfung des innerjüdischen Pro* gramnies dieser Gruppe, besonders in ihrer Stellung zur Jewish Agency-Politik. Vor Kongressen ist es immer sehr notwendig und heilsam, das Gedächtnis der zionisti* sehen Öffentlichkeit zu stärken. Und deswegen tut es not, sie daran zu erinnern, wie die Haltung dieser Gruppe in der Agency-Politik noch vor zwei Jahren war. Heile Begeisterung, die sich zeitweilig dazu verstieg, den Zionismus von Mr. Marshall für nicht minder stark zu erklären als denjenigen unserer besten zionistischen Führer, unbedingter Glaube an den Willen der Marshall-Gruppe zu großen Leistungen in Palästina und die tiefe Ueberzcugung, daß es nur der Billigung der Politik Dr. Weizmanns durch den Kongreß bedarf, um die Agency, für deren Erweiterung ja alle Verhandlungen bereits durchgeführt waren, zu bilden und damit eine Quelle ungeahnter neuer Geldmittel für Palästina flüssig zu machen. Seitdem sind zwei Jahre vergangen; der vorige Kongreß hat mit großer Majorität, 1m Vertrauen auf die Richtigkeit der Voraussagen und der Politik Dr. Weizmanns, ihm die Vollmachten zur Erweiterung der Jewish Agency gegeben; aber die Erweiterung selbst ist zu diesem Kongreß ebensowenig erfolgt wie sie es zum vorigen war und wie sie nach meiner bestimmten Ueber* zeugung auch nicht zum nächsten sein wird. Die Antwort der Marshall-Gruppe auf das Votum des Kongresses, das die Weizmannsche Politik billigte, war bekanntlich nicht der Eintritt in die Agency, sondern die Inaugurierung der Krim- Kolonisation. Die Entwicklung der Dinge, die dieser neue Kurs der Marshall-Gruppe in Amerika ausgelöst hat, ist bekannt: der Versuch des amerikanischen Zionismus, unter der Parole der Priorität des Palästinagedankens den Kampf gegen die Marshall-Gruppe aufzunehmen, die dauernden Bremsversuche durch Dr. Weizmann im vorigen Jahre und dann seine Reise nach Amerika mit dem Ergebnis des beschämenden Abkommens mit Mr. Marshall, durch das er die Zionistische Organisation in Amerika desavouierte, seine Zustimmung zur Politik des Joint gab und dafür lediglich die Entsendung einer Experten-Komnussion einhandelte. Ohne hier auf die Einzelheiten dieser Haltung Dr. Weizmanns einzugehgn, wozu noch Gelegenheit — vor allem auf dem Kongreß — sein wird, kann jedenfalls das eine konstatiert werden, daß von den Träumen und Hoffnungen der Anhänger der Agency-Politik in diesen zwei Jahren auch nicht eine einzige sich verwirklicht hat, und seihst Dr. Weizmann * hat in seiner programmatischen Rede in Berlin in bezug auf sie vorsichtig erklärt, daß niemand sagen kann, was das konkrete Resultat sein werde, daß wir aber verpflichtet seien, allen Juden die Möglichkeit zur Mitarbeit am Palästina-Aufbau zu geben. Diese tiefe Wahrheit hat bekanntlieh noch niemals ein Zionist mit fünf Sinnen bestritten, und immer haben auch die schärfsten Gegner der Agency-Politik erklärt, daß man den Nichtzionisten alle Möglichkeiten zur wirtschaftlichen und finanziellen Kooperation in Palästina geben müsse und ihnen dabei alle Kontrollrechte und jede Vertretung gewähren müsse, die nur irgendwie im Einklang zu ihren Leistungen steht. Aber all das hat bekanntlich nichts zu tun mit der Erweiterung der Agency, die in erster Reihe eine politische Körperschaft ist. An Stelle der Be־, geisterung vor zwei Jahren ist nunmehr die Ernüchterung getreten und, ohne den leitenden Männern des linken Zentrums zu nahe zu treten, darf man wohl ruhig behaupten, daß sie zumindest nicht unglücklich wären, wenn man heute diese Politik liquidieren könnte. Denn diese Politik, und damit komme ich zum Wesentlichen dieses Programms, steht in offenem Widerspruch zu der gesamten zionistischen und innerjüdischen Konzeption des linken Zentrums. Weswegen wir Gegner der Erweiterung der Agency sie in erster Reihe ablehnen, ist nicht nur die ״^Absurdität ihrer Konzeption, die antinationale Juden, Leugner und Gegner des Begriffes eines jüdischen Volkes, zur Leitung der nationalen Weltpolitik eben dieses jüdischen Volkes mitberufen will, sondern vor allem auch die Stimmung und Ideologie, die in dieser Politik zum Ausdruck kommt, und die die Stimmung einer Verzichtpolitik ist. Zionismus, wie jede große geistige Bewegung, kann nur bestehen als eine kämpferische Bewegung. Sie muß dringen auf ideologische Auseinander- Setzung, auf vollen Austrag der Gegensätze und steht und fällt mit dem Anspruch, Repräsentant des gesamten jüdischen Volkes zu sein und die entscheidenden Machtpositionen im Judentum zu gewinnen. Ueberall ist Zionismus auf diese Weise entstanden und groß geworden, und überall dort, wo der Zionismus diese Ansprüche preiszugeben beginnt, befindet er sich in vollstem Niedergang, wofür erst jetzt gerade das polnische Judentum den eklatanten Beweis bietet, wo der Zionismus gegenüber dem ״Bund“ und anderen jüdischen Parteien völlig ins Hintertreffen gelangt ist, weil er, ganz auf ökonomische Arbeit in Palästina eingestellt, den Willen z.ur politischen Führung des Volkes und zur poiitisehen Vertretung all seiner Interessen und Bedürfnisse nicht mehr besitzt. Aus dieser Grundauffassung heraus sehen wir Gegner der Agency-Politik in ihr den Triumph dieser Verzichtpolitik, die Sanktionierung des Zustandes, daß der Zionismus eben nur eine Partei unter anderen Parteien im Judentum sei und niemals etwas anderes sein könne, das Sichabfinden mit den Dingen, wie sie heute sind, und den endgültigen Friedensschluß mit dem nicht- und antizionistischen Judentum. Diese Auffassung ist eigentlich auch diejenige, die das Unke Zentrum seiner ganzen Vergangenheit nach eigentlich mit vertreten mußte. Sein Eintreten für die Erweiterung der Jewish Agency, in völligem Widerspruch zu seinen