Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1927)
- Date
- 1927-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 57, mvn. 1027 JUEÖISCHI RONÖSCHÄU Seite 407 Die Berliner Repräsentantenversammlang Erste Sitzung . Verpflichtung der Mitglieder Für Donnerstag, den 14. Juli, 8 Uhr abends, hatte der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Kammergerichtsrat Leo Wolff, die am 16. Mai 1*126 gewählten Repräsentanten und Stellvertreter zu einer Sitzung eingeladen, um den feierlichen Akt der Einführung und Verpflichtung vorzunehmen. Es fanden sich die folgenden Repräsentanten und Stellvertreter ein: R.-A. Heinrich Stern, R.-A. Dr. Alfred Klee, Prof. Heinrich Loewe, Ministerialrat Hans Oos• iar, Markus Hornstein, R.-A. Dr. Seligsohn, Emil Pinkus, Moritz A. Loeb, Geheimrat Dr. Julius Stern, Dr. London, Frau Lina Wagner-Ta über, R.-A. Dr. Oskar Cohn, R.-A. Dr. A. Loeb, Stadtrat Max Herzborg, Ehrenreich, Arthur Rottenberg, Direktor Hugo Ostberg, Stadträtin Fr. Bianca Hamburger, Louis Wolff. Die gegenwärtig fern von Berlin weilenden Repräsentanten hatten ihr Ausbleiben schriftlich entschuldigt. Der Vorsitzende hieß die Erschienenen willkommen und setzte die Umstände auseinander, weshalb die Repräsentanten- Versammlung nicht früher einberufen werden konnte. Infolge der erhobenen Wahlproteste, die zu prüfen waren, hat der Polizeipräsident erst jetzt die Bestätigung der Wahlen ausgesprochen. Der Vorstand zögerte nicht mit der Einberufung, obwohl laut Vorschrift Sitzungen in den Monaten Juli und August nicht stattfinden sollten. Diese Sitzung sei aber der Einführung und Verpflichtung gewidmet. Der Vorsitzende führte weiter aus, er habe das Bedürfnis, von dieser Stelle aus der bisherigen Rcpräsentantenversammlung einige Worte zu widmen. Es ist bekannt, was diese Versammlung iri der ganzen Periode, in den schweren Stunden, die Deutschland und das deutsche Judentum durchzumachen hatten, geleistet hat. Jedes Mitglied dieser Versammlung hat sich den Dank der Gemeinde erworben. Die neue Repräsentanten- Versammlung gewinnt ihre besondere Prägung dadurch, daß zum ersten Male Frauen in ihrer Mitte sitzen. Die Frau hat jetzt das aktive und passive Wahlrecht in der Gemei«de. Der männliche und der frauliche Geist haben jeder seine Vorzüge. Mit dem fraulichen Geist ist audi ein Geist der Versöhnlichkeit und des Familiensinns eingezogen. Frei von persönlichen Beweggründen werden die Repräsentanten der gemeinsamen Sache dienen, zum Wohle und zum Segen der Berliner Jüdischen Gemeinde. Es folgte hierauf der feierliche Akt der Verpflichtung durch Handschlag, den Kammergerichtsrat Wolff von jedem einzelnen Repräsentanten entgegennahm. Dr. A. Klee Oüdische Volkspartei) gab die Anregung, schon heute eine fünfgliedrige Etatkommission mit der Vorbereitung des Etats zu betrauen, damit keine unliebsame Verspätung infolge der langen Ferienzeit Platz greife. R.-A. Stern namens der liberalen Fraktion und Kammergerichtsrat Wolff namens des Vorstandes erhoben keinen Einwand. Die Kommission, in der Herr M. A. Loeb den Vorsitz führt, wird somit ihre Arbeiten fortsetzen. R.-A. Dr. Klee dankt dem Vorsitzenden für den Gruß und drückt die Hoffnung aus, daß die Repräsentanten mit edlem Wetteifer und harmonischer Hingebung hier walten werden. Dr. Klee kam dann ׳auf die Unwetter-Katastrophen im Erzgebirge zu sprechen, die dem deutschen Vaterland so viele Menschenleben gekostet hat Jetzt setzt uns eine neue Katastrophe in tiefe Trauer: In Palästina!tat ein Erdbeben Teile des Landes verwüstet und auch die Hebräische Universität schwer heimgesucht. Wenn auch bis jetzt keine jüdisehen Toten festzusteflen waren, so erweckt es doch große Teilnahme, wenn in dem Lande, wo die Wurzel des jüdischen Volkstums war und das für viele von uns die Heimat unserer Kinder sein wird, 90 viele Menschenleben vernichtet worden sind. Wir hoffen, daß sich überall in der Welt die Hände regen werden, um die Wirkungen der Katastrophe zu mildem und die Schäden gutzumachen, wobei erwartet wird, daß die Berliner Judenheit an erster Stelle ihre Pflicht tun wird. Der Vorsitzende, Kammergerichtsrat Wolff, schließt sich dem Ausdruck der Trauer und dem Appell an die Opfer- Willigkeit für Palästina an. Damit war die erste Sitzung der neuen Repräsentantenversammlung zu Ende. Die Spiritusfabrik von Duschnitz & Co. in Jaffa brachte in der letzten Zeit zum ersten Male in Palästina hergestellte K o h - 1 e n s ä u r e für Sodawasserfabrikation auf den Markt. (Ziko.) Stand, empfing mich freundlicher, als ich dachte. Immerhin fand ich es, um jeder Voreingenommenheit gegen meine Person zu begegnen, im Interesse der Sache für richtig, ihm einige mit Höflichkeit bespickte Phrasen zu sagen. Es war gut so. Er begann sich dann über die Persönlichkeit Herzls zu informieren, frug unter anderem, ob Herzl der ״Neuen Freien Presse“ angehöre. ״Jawohl,“ antwortete ich, ״doch er kommt als Chef der Zionistischen Organisation, nicht als Mitarbeiter der Zeitung.“ Zum Schluß der Unterredung sprach er den ,Wunsch aus, Herzls Besuch zu empfangen. Der Antrittsbesuch Herzls, bei welchem erst ich, später der im Zimmer anwesend gewesene Marschall Fuad Pascha den Dolmetsch machten, verlief im Austausch vornehmlich dem Sultan geltenden Höflichkeiten, und endete mit der Versicherung Tahsms, daß er nicht ermangeln werde, Sr. Majestät die Ankunft Herzls unverzüglich zu melden. Tahsin empfing mich bei jedem meiner täglichen Besuche mit gleicher Freundlichkeit, ohne aber mir irgend etwas Positives über die Audienz zu sagen. Als er mich im Laufe der Tage frug, ob Herzl im Besitze eines Ordens sei, antwortete ich, daß er anläßlich einer Reise, die ihn auch nach Konstantinopel führte, die dritte Klasse des Medschidie-Ordejis verliehen erhielt, ihm jedoch bei der heutigen Bedeutung seiner Persönlichkeit zum mindesten der Großkordon des Medschidije-Ordens zugedacht werden könne. Diese Frage Tahsins war zwar kein sicherer Anhaltspunkt für das Stattfinden der Audienz am ersten Selamliktage nach der Ankunft Herzls, berechtigte aber zur Annahme, daß eine Verschleppung nicht beabsichtigt war. Auf meine Befürchtung, daß der Sultan Herzl an irgendeine andere Persönlichkeit seiner Umgebung oder an den Oroßwesir vor Freitag weisen könnte, was zum mindesten einer Minderbewertung der Persönlichkeit Herzls bedeutet hätte, war glücklicherweise gegenstandslos geblieben. Tahsin behielt die Sache fortdauernd allein in der Hand. Abd ul Hamid hielt sein Wort. Beim Selamlik wurde Herzl in das Botschafterzimmer gebeten. Nach dem Selamlik geleitete ihn ,der Oberzeremonien־ meister Ibrahim Pascha zum Sultan. Die Audienz währte zweieinviertel Stunden. Ich wartete im Salon Tahsins. Weizmann in Wien kandidiert Von unserem Korrespondenten. I. th. Wien, 15. Juli. Die Wahlbewegung zum Kongreß hat in Oesterreich zwar noch nicht öffentlich, aber um so mehr hinter den Kulissen ihren Höhepunkt erreicht. Oeffentliche Vorträge und Versammlungen werden noch in keiner übermäßigen Zahl abgehalten, bei den Führern der einzelnen Gruppen aber herrscht schon regste Tätigkeit. Kompromißmöglichkeiten werden erörtert, die Diskussion und Propaganda geht von Mann zu Mann. Von den allgemeinen Zionisten wird der Präsident der Weltorganisation, Dr. Chaim Weizmann, als Kandidat zum Kongreß aufgestellt. Schon vor längerer Zeit wandte sich Dr. Schallt im Namen der allgemeinen Zionisten Wiens an Dr. Wetzmann mit der Bitte, in Wien als Listenführer zu kandidieren, und zwar besonders im Hinblick auf das dreißigjährige Jubiläum des heuer wiederum in Basel stattfinden Kongresses. Wien will der Ehre teilhaftig werden, wie im ersten Kongreßjahre den Führer Herzl, so auch im dreißigsten den Führer Weizmann als Delegierten zum Kongreß zu entsenden. In den Kreisen der Radikalen, die den Präsidenten der Landesorganisation, Dr. Goldhammef, und an zweiter Stelle Dr. Isr. WaIdmann aufgestellt haben, herrscht Bestürzung. Am allerwenigsten aber haben die Radikalen das Recht, sich zu entrüsten, denn sie waren es, die in völliger Verkennung des Wesens eines Kongreßwahlkampfes die Tatsache ausgenützt haben, daß ihr Kandidat, Dr. Goldhammer, Präsident der Landesorganisation und allgemein sehr beliebt ist. Man dürfe es nicht zulassen, argumentierten sie, daß Dr. Goldhammer als Präsident der Organisation durchfalle. Eines ist daran zweifellos richtig: Als Mensch und Zionist wäre wohl Dr. Goldhammer der würdigste, den österreichischen Zionismus in Basel zu vertreten. Da er aber loyalerweise ausdrücklich erklärt hat, für die radikale Fraktion zu kandidieren und auf dem Kongreß dieser Fraktion beitreten zu wollen, sich also auf ein genau umzirkeltes, scharf oppositionelles Programm festgelegt hat, kann es für Gegner dieses Programms keine Rücksicht auf die ausgezeichneten Qualitäten Dr. Goldhammers, bzw. auf sein Amt als Präsident der Landesorganisation geben, ln der Frage der Führung der lokalen zionistischen Agenden haben die allgemeinen Zionisten Dr. Goldhammer das volle Vertrauen durch dessen Wahl zum Präsidenten bewiesen, auf dem Kongreß aber geht es in erster Linie um prinzipielle und politische Fragen. Die Klagen der Radikalen, der Name Weizmanns werde mißbraucht, fallen in nichts zusammen angesichts der Feststellung, daß der Name Weizmann ein Programm darstellt. Interessant ist, daß als dritter Listenführer in Wien, wenn auch mit nur geringen Erfolgaussichten, Jabotinsky fungiert. An zweiter Stelle haben die Revisionisten Wolfgang von Weisl nominiert. Daneben kandidiert die Hitachduth Dr. Tartakower und auch die Poale-Zion beabsichtigen eine Liste einzureichen. Die Wiener Zionisten sind also, wie man sieht, vor den Wahlen aus ihrer Lethargie ein wenig erwacht, man hat in allen Gruppen die besten Kräfte mobilisiert, es wird zu einem wirklichen Kampf mit Aufrufen, Plakaten und Ver- Sammlungen gerüstet. Hoffentlich wird es eine fruchtbare Aussprache um Ideen und Probleme sein. Konferenz der kanadischen Zionisten Winnipeg, 13. Juli (J. T. A.) Gestern wurde hier die Jahreskonferenz der Zionistischen Organisation Kanadas in Anwesenheit des Leiters de» Jüdischen Nationalfonds, M. M. Ussischkin und Dr. Shmarjah Levins aus Palästina, eröffnet. Ussischkin gab Bericht über die Lage in Palästina und leitete mit einer zündenden Ansprache die Jubiläums- Aktion des Keren Kajemeth in Kanada ein. Der der Konferenz vorliegende Bericht stellt eine hundertprozentige Steigerang des Beitrages Kanadas zum Palästinawerk fest. Im Verlauf der Sitzung traf auch der Präsident der amerikanischen Zionistischen Organisation und Mitglied der Weltexekutive, Herr Louis Lipsky, in Winnipeg ein. Im Anschluß an die Konferenz wurde eine massenhaft besuchte Versammlung abgehalten; in der Ussischkin, Shmarjah Levin, Louis Lipsky und A. J. Freimann sprachen. Nach längeren telegraphischen Verhandlungen zwischen dem Komitee für den Bau des Lehrerseminars in Jerusalem und dem Komitee in New York traf jetzt in Jerusalem die teleraphische Meldung ein, daß in Kürze mit dem Bau des Seminars egonnen werden soll. (Ziko.) Brief ans Lettland Riga, Anfang Juli. Wenn man über das zionistische Leben Lettlands bcrichten will, so muß man vorausschicken, daß man es hier nicht mit einem geordneten Körper zu tun hat, von dem aus das ganze zionistische Leben im Lande reguliert wird. Es existieren vielmehr in Riga sämtliche Fraktionen und Parteien, die auf zionistischen Kongressen vertreten zu sein pflegen, angefangen vom Misrachi bis zu den Z. S. (Zionisten- Sozialisten). Von diesen geben manche Gruppen, wie die Revisionisten und Zeire-Zion, relativ mehr Lebenszeichen von sich während die übrigen schon seit einigen Jahren ihren Winterschlaf schlafen, um nur dann — für kurze Zeit — auf zuwachen, wenn es sidi darum handelt, Kandidatenlisten füi irgendwelche Wahlen aufzustellen. Es sind bereits Versuche unternommen worden, diesem Zustand abzuhelfen. Sie sind aber bisher alle an Hindernissen rein lokaler Natur gescheitert. Es bestand die Absidit, nach Art der Z. V. f. D. in Lettland «eine Organisation zu schaffen, die sämtliche hier bestehenden Fraktionen und Parteien bei Wahrung ihrer Sonderart umfassen sollte. Die augenblickliehe Situation verträgt kaum eine Zersplitterung der zionistisehen Reihen, wie sie tatsächlich besteht. # Im Parlamente sind die Zionisten durch das Mitglied des Aktions-Comites Rabb. M. Ntirock (Misrachi) und Professor M. Lasersobti (Zeirc-Zion-Hitachduth) vertreten. Mit Genugtuung muß konstatiert werden, daß es diesen beiden Paria• mentariern dank ihrer konsequenten und einmütigen Politik gelungen ist. für die jüdische Bevölkerung einige wichtige Rechte zu erkämpfen. Im Gegensätze zu den zwei Agudah- Vertretern unterstützen die zionistischen Deputierten die augenblicklich am Ruder befindliche linke Regierung (eine Koalition aus Sozialdemokraten und bürgerlichem Zentrum). Bei der Parteikonstellation in unserem Parlament ist diese Politik für einen ernsten jüdischen Vertreter die einzig annehmbare. Die andere Möglichkeit ist, mit dem antisemitischen Bauernbund zu paktieren, wie es die Agudah-Vertrcter tun. Zur Illustration folgendes Beispiel: Am Schlüsse der letzten Session ist es endlich nach 4»2׳ jährigem Kampfe gelungen, ein für die Juden sehr wichtiges Gesetz durchzubringen, das die Bürgerschaft regelt. Außer den Minoritäten haben für die Annahme dieses sogenannten ״jüdischen Gesetzes“ (so wird dieses Gesetz in antisemitischen Blättern bezeichnet) auch die Sozialdemokraten gestimmt, während die Bundesgenossen der Agudah scharf dagegen aufgetreten sind. Die jüdische Bevölkerurtg hat also Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, daß die Politik der zionistischen Vertreter ihren Interessen entspricht. Auch auf kulturellem Gebiet haben wir gewisse Erfolge zu verzeichnen. Mehrere hebräische Schulen und sonstige Institutionen erhalten materielle Unterstützung seitens der Regierung und der Städte. Eine der wichtigsten Errungenschäften ist die von Regierang und Parlament amnerkannte Gleichberechtigung von Jiddisch und Hebräisch. Das entspricht dem von den Zionisten und dem hebräischen Lehrerverbände ״Hamore“ vertretenen Standpunkt, der sich trotz des Widerstandes der Jiddischsten durdwesetzt hat. Diese letzten sind in ihrem Fanatismus und ihrer Intoleranz so weit gegangen daß sie einen Vorschlag einbrachten, demzufolge nur jiddische Schulen von der Regierung und den Städten unterstützt werden sollten. Nachdem sich die offiziehen Kreise in dieser Frage auf die Seite der Zionisten gestellt haben, liegt es an diesen, das hebräische Schulnetz zu erweitern. * Die wirtschaftliche Krise im Lande hat besonders die Juden getroffen. Den starfren GekteiaJigel fühlen besonders die jüdischen Kaufleute, da sie selten von der Staatsbank Kredite erhalten. De Folge ist, daß jüdische Firmen bankrottieren und jüdisches Vermögen auf dem Auktionswege verkauft wird. Es ist zu errwarten, daß die gegenwärtige Regierung diesem Uebel abzuhelfen versuchen wird. In jüdischen Handelskreisen setzt man — wenn auch mäßige — Hoffnungen auf den soeben abgeschlossenen Handelsvertrag mit Rußland. Ob der Vertrag־ eine Belebung des Handels nach sich ziehen wird, das wird die Zukunft zeigen. Augenblicklich ist die Lage wenig erfreulich. * Die wirtschaftliche Krisis übt auch auf die Eingänge für Keren Hajessod und Keren Kajemeth Einfluß. Die Beiträge für diese Fonds sind bedeutend zurückgegangen, so daß man an eine Reduzierung des Beamtenpersonals schreiten müßte. Wenn man die schweren Sorgen׳ der jüdischen Bevölkerung in Betracht zieht, so müssen trotzdem die Eingänge als beträchtlich angesehen werden. Dieses ist dem Umstande zu verdanken, daß die zionistische und besonders pro-palästinensische Stimmung unerschüttert ist. Benzion Awiwi. Herzl kam nach der Audienz sichtlich ermüdet. Wir bestiegen unseren geschlossenen Wagen. Diener und Bettler drängten sich zuni Wagenfenster. Herzl gab, was er an Gold und Silber bei sich hatte. Das letzte halbe Pfund hekam ein Bettelderwisch. Im .Wagen wurde wenig gesprochen. In der Nähe des Hotels bat mich Herzl, den neben ihm liegenden Großkordon zu verstecken. Wolffsohn und Marmorek warteten in banger Sorge. Es war ein freudiges Wiedersehen. * Herzl Ist tot, Vambery ist tot, Marmorek und Wolffsohn sind tot. Transit vita. Minderheiten - Literatur Obgleich ein 90 großer Teil des deutschen Volkes als nationale Minderheiten unter fremder Staatshoheit lebt, fehlte es bisher an brauchbaren systematischen Bearbeitungen der Probleme des Minderheitenrechtes in der deutschen Sprache. Nunmehr liegt eine Arbeit von Dr. Hermann PI et tu er: Das Problem des Schutzes nationaler Minderheiten (Verlag Hermann Sack, Berlin 1927, X -[- 108 S., 4 50 M.) vor, die in straffer Zusammenfassung eine systematische Darstellung dir ideengeschichtlidien, politischen und formaljuristischen Grundlagen des Minderheitenrechtes gibt. Nach einer Würdigung des Nationalitätsprinzips als Problem der modernen Politik und der friedlichen Mittel zur Verwirklichung des Nationalitätsprinzips wird im Hauptteil der Schrift das fbfinaljuristische Grundproblem der Organisierung des Auslebens der nationalen Eigenart im Rahmen des Staatsverbandes erörtert und hier vor allem die schwierige Frage der rechtlichen Fixierung der nationalen Gemeinschaft sowie Form und Grundlage der nationalen Selbstverwaltung behandelt. Den Beschluß bildet eine Darstellung der Stellungnähme des geltenden Rechtes zu den erörterten Problemen. Ein unentbehrliches Hilfsmittel für jede Beschäftigung mit Minderheitsfragen bildet eine Materialiensammlung, die der Königsberger Rechtslehrer Prof. Herbert Kraus, der Referent über den Minderheitenschutz auf der letzten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht, unter dem Titel ״Das Recht der Minderheiten. Materialien zur Ein• führung in das Verständnis des modernen Minoritätenproblems“ (Stilkes Rechtsbibliothek Bd. 57 Verlag Georg Stillte, Berlin 1927, 365 S., 10,— M.) herausgegeben hat. ln chronologischer Reihenfolge ist hier eine Fülle von meist schwer zugänglichen Verträgen, Gesetzesbestimmungen, Beschlüssen, Erklärungen, Anträgen und Entwürfen offizieller und privater Natur zuzusammengetragen. An Urkunden, die jüdische Verhältnisse betreffen, seien genannt: die Balfour-Deklaration, das Baseler Programm, der Brief Clemenceaus an den polnischen Ministerpräsidenten Paderewski vom 24. 6. 1919, der in seinem Absatz VI die Lage der Juden in Polen behandelt, ferner der Minderheitenvertrag mit Polen, der in den Artikeln 10 und 11 den Schutz des jüdischen Schulwesens sowie die Sicherung der Sabbatruhc regelt, und schließlich der Vertrag der Hauptmachte mit Rumänien, der im Artikel 7 die Anerkennung der Juden als rumänische Staatsangehörige normiert. Weiter seien hervorgehoben: das wichtige deutsch-polnische Abkommen über Oberschlcsien, das estländische Autonomiegesetz (mit Motivenbericht), die bekannten minderheitenfeindlichen Erklärungen Mello Franco’s auf der 37. Tagung des Völkerbundsrates und die Beschlüsse der beiden Genfer Nationalitäten- Konferenzen. Unterstützt wird die praktische Brauchbarkeit des Buches durch ausführliche, sorgfältig bearbeitete Register. _ Dr. Rudolf L e v y. Die Sinai-Steine Jerusalem, Anfang Juli. (J. T. A.) Bekanntlich sind die berühmten Steine des Sinai-Berges, deren uralte Inschriften in den letzten 20 Jahren Gegenstand lebhafter Kontroversen bildeten, in das Museum zu Kairo gebracht worden. Prof. Robert Blake von der Harvard-Universität, der neben Prof. Kirsopp Lake die Ueberführung überwachte, hielt vor kurzem an der Hebräischen Universität zu Jerusalem einen Vortrag über die Arbeit der Sinai-Expedition und gab der Meinung Ausdruck, daß die Steininschriften auf den Ursprung des Alphabets hindeuten. Die erst vor kurzem aufgefundenen zwei weiteren Inschriften bekräftigen diese Annähme. Prof. Butin und Pere Savagnac, die in der Diskussion sprachen, drückten Zweifel betreffend die Wissenschaftliehe Bedeutung der Inschriften aus. Dr. J. L, Mia gutes leitete die Diskussion. ....... ,!