Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1927)
- Date
- 1927-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 409 JUEUISCHE RÜKÖSCHÄÜ Nr. 57, 19. m 1927 Phantasiegebilde in allen seinen kühnen Formen aufgebaut hat, gibt er das Zauberwort zu seiner Erfüllung und Verwirklichung: ״Wenn ihr — ihr Juden — wollt, ist es kein Märchen!“ Und das Leben, die Erfahrung lehren: nur vom jüdischen Wollen und Können hängt letzten Endes die Erfüllung des zionistischen Traumes ab. Von dem Maße, in dem jeder Einzelne, der nach Palästina geht, seine Kräfte, aber auch seine Individualität dem Gesamtziele untcrordnet, hängt die Eroberung des Heimatbodens, hängt das Werden der einhcitlichen neuen Gemeinschaft ab. Von dem Maße, in dem die Judenheit der ganzen Welt dieser Eroberung und diesem Werden die reale Grundlage gibt, hängt die Kraft und Ausdauer der Palästinasiedler zur Fortführung ihres Werkes ab. Wenn das jüdische Volk auf die politische Garantie, die es für sein Palästinastreben erhielt, mit einer ungeheuren Gesamtleistung geantwartet hätte, so hätte diese Garantie einen ganz anderen Sinn erhalten als den, welchen man in sie hineinlegte, als man die Teilnahmslosigkeit weiter Kreise des Judentums von Weltgeltung sah. Wenn das ganze jüdische Volk am Aufbau Palästinas arbeitete, so würde dieser Aufbau bald in einem solchen Grade zu einer Tatsache, daß vor der lebendigen Kraft dieser Tatsache alle Zweifel und Vorurteile weichen müßten. Das jüdische Volk hat seine ganz große Anstrengung noch nicht gemacht, und so ist der Palästina- Traum, wie Theodor Herzl ihn geträumt hat —, trotz der jüdischen Siedlungen und der Opfer an Gut und Blut, die sic gefordert haben — noch immer nur zum Teil verwirklicht. Herzlicher Zionismus ist der, welcher letzten Endes alle Erfüllung von den Juden selbst fordert. Helene HannaThon. Aus Herzls Tagebüchern Der Führer. Ich hatte auf dem Podium der Arbeiter-Bühne (in London) am Sonntag eigentümliche Stimmungen. Ich sah und hörte zu, wie meine Legende enstand. Das Volk ist sentimental; die Massen sehen nicht klar. Ich glaube, sie haben schon jetzt keine klare Vorstellung von mir. Es beginnt ein leichter Dunst um mich hemm aufzuwallen, der vielleicht zur Wolke werden wird, in der ich schreite. Wenn sie aber auch meine Züge nicht mehr deutlich sehen, so erraten sie doch, daß ich es sehr gut mit ihnen meine. Es ist vielleicht das Interessanteste, was ich in diesen Büchern verzeichne: wie meine Legende entsteht. Und während ich den unterstrichenen Worten und Zurufen meiner Anhänger auf dieser volkstümlichen Tribüne lauschte, nahm ich mir innerlich vor, ihres Vertrauens und ihrer Liebe immer würdiger zu werden. * Standhaft war ich in den schlimmsten Tagen, ruhig ln den besten. Es gehört auch was dazu: Schweigen, wenn man den Enthusiasmus durch ein Wort erregen könnte. Den Mut den Enthusiasmus durch ein Wort erregen könnte. Den Mut aer Leute wactmaiten, auch wenn man innefiim m?agt ist >.■.«.!6? ׳*».. wo.«״ Der Hauptsatz meines Lebens: Wer die Menschen ändern will, muß die Bedingungen ihres Lebens ändern. Mein Testament für das jüdische Volk: Machet Euren Staat so, daß sich der Fremde bei Euch wohlfühlt. * Plötzlich schoß mir die Idee auf, ein biblisches Drama ״Moses“ zu schreiben. Die Zustände in Aegypten, der Kampf nach innen und außen, der Auszug, die Wüste, Moses Tod. Ich denke ihn mir als einen großen, lebensstarken, überlegenen, humorvollen Menschen. Das Drama, wie er innerlich mürbe wird, und durch seinen Willen sich aufrecht erhält. Er ist der Führer, weil er es nicht sein will. Es ordnet sich ihm alles unter, weil er keinen persönlichen Wunsch hat. Ihm ist es nicht um das Ziel, sondern um die Wanderung zu tun, Erziehung durch die Wanderung. Der aRertide Mann erkennt immer wieder Korah, das Kalb, immer dieselben Sklavenzüge. Er wird von alledem müde und muß sie doch mit immer neuer Frische weiterlocken. Es ist die Tragödie des Führers von Menschen, der kein Verführer ist. Herzls Audienz bei Abdul Hamid Von | Pr. R. WeUisch | Die Tochter des vor mehreren Monaten in Wien verstorbenen Dr. Robert WeUisch, eines Freundes von Theodor Herzl, sendet uns anläßlich des Herzl-Tages die nachfolgenden Aufzeichnungen ihres Vaters, die Erinnerungen an die erste Zeit des Zionismus enthalten. Wir geben dem Wunsche der Einsenderin um so lieber Raum, als wir dadurch mit dem Gedenken an Herzl auch die Pflicht der Pietät gegen den jüngst Verstorbenen verbinden, der in schwerer Anfangszeit dem Führer in seiner Pionierarbeit beigestanden hat. Red. ״J. R.“ ln seinem Gartenzimmer des Hotel Royal in Konstantinopel saß der eben vom Jildis-Kiosk zurückgekehrte siebzigjährige Professor Vambery voll Mißmut gegen den Sultan. ״Er lügt,“ sagte er plötzlich ganz unvermittelt. ״Seine Höflichkeiten sind leeres Zeug. So hat er es fertig gebracht, selbst England zu belügen. Im Großen und Kleinen immer dieselbe Art und Weise. Der Königin Viktoria gegenüber bestand er darauf, daß aut den Aegypten betreffenden Vertrag erst die Königin ihre Unterschrift setze, da der Frau der Vorrang gebühre und verweigerte dann seine Unterschrift. Sein ja ist kein ja.“ Es war der Unmut, der den alten Herrn wegen der allzu vagen Zusicherungen Abd ul Hamids in Angelegenheiten der Audienz II e r z 1 s nicht zur Ruhe kommen ließ. Die Sache ging ihm recht nahe, da er einen eventuellen Mißerfolg als eine Desavouierung seines vielgerühmten Einflusses auf den Sultan empfinden mußte. Er hatte schon mehrere Male seine Koffer gepackt, wurde aber jedesmal etwa eine Stunde vor Abgang des Zuges durch Boten benachrichtigt, daß der Padischah ihn noch einmal sehen wolle. Schließlich erhielt er die endgültige Zusage, daß er abreisen und Herzl kommen möge, was soviel hieß, daß er sich während der Anwesenheit Herzls nicht in Konstantinopel befinden dürfe. Dieser Vorbehalt befriedigte ihn, denn er war ein Anhaltspunkt dafür, daß dem Versprechen diesmal zu trauen sei. Damit war jedoch nicht alle Besorgnis zerstreut. ״Ich kenne Herzl,“ sagte mir später Vambery, ״er ist imstände abzureisen, ohne den Sultan gesehen zu haben, falls ihn Idee und Bewegung. Ich müßte mir von den Reibungswiderständen des wirkliehen Lebens keine gesunde Vorstellung machen, wenn ich erwartete, daß alles gleich nach Wunsch gehen werde und könne. * Ich glaube nicht an die Ausführung des Gedankens, wie ich ihn in meiner Schrift entworfen. Aber ich glaube, daß der Judenstaat entstehen wird, unter teilweisem Fortbestände der Diaspora, weil in solcher Diaspora jetzt alle Völker leben. * In der Politik muß man die Schwierigkeiten zum Vorwärtskommen benützen. * Daß wir uns schließlich auch allein helfen werden, davor ist mir nicht bange, wenn unser Wille nicht bricht. Nur ist es Zeitverlust. Vielleicht wird sich im Urteil späterer Zeiten unser Werk dadurch größer ausnehmen; denn mit den Schwierigkeiten wächst der Ruhm. Aber wir möchten lieber weniger berühmt werden, und bälder an die wirkliche Kolonisations- Arbeit herangehen. * Die 19 Stunden der Hin- und Herfahrt (nach Aussee) verkürzte mir Heß mit seinem Buch ״Rom und Jerusalem“, das ich 1898 in Jerusalem zum ersten Male zu lesen begonnen, aber in Drang und Hast dieser Jahre nie hatte ordentlich zu Ende lesen können. Nun ward ich von ihm entzückt und erhoben. Welch ein hoher edler Geist! Alles, was wir versuchten, steht schon bei ihm. Lästig nur das Hegelianische seiner Terminologie. Herrlich das Spinozistisch-Jüdische und Nationale. Seit Spinoza hat das Judentum keinen größeren Geist hervorgebracht als diesen vergessenen verblaßten Moses Heß. * Wir hatten nur bisher kein Selbstvertrauen. An dem Tage, wo wir an uns glauben, ist unsere moralische Misere zu Ende. Die Zukunft im Lande. Selbstverständlich werden wir Andersgläubige achtungsvoll dulden, ihr Eigentum, ihre Ehre und Freiheit mit den härtesten Zwangsmitteln schützen. Auch darin werden wir der ganzen alten Welt ein wunderbares Beispiel geben. # Das gelobte Land, wo wir krumme Nasen, schwarze oder roie Bärte und gebogene Beine haben dürfen, ohne darum schon verächtlich zu sein, wo wir endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben können. Wo auch wir zur Belohnung großer Taten die Ehre bekommen. Wo wir in Frieden mit aller Welt leben, die wir durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert, und durch unsere Größe vergrößert haben. * Nichts hindert uns, die Träger des Menschheitsgedankens auch auf unserem eigenen Grund und Boden zu sein und zu bleiben. Wir müssen zu diesem Zweck nicht tatsächlich unter den Völkern, die uns hassen und verachten, wohnen bleiben. Wollten wir in unseren jetzigen Zuständen den Universalgedanken der grenzenlosen Menschheit verwirklichen, so müßten wir mit der Vaterlandsidee kämpfen. Die ist aber noch für unabsehbare Zeiten stärker als wir. >..■״» •׳■. DetTod. V'j ri, * Ich schickte den Judenstaat a«1 Herbsif Spencer nrit der Bitte um seine Ansicht. Ich schließe den Brief mit den Worten: Wir sind zur selben Zeit Gäste auf der Erde. Nach dem natürlichen Laufe werden Sie vielleicht früher abgehen als ich, der 37jährige. So möchte ich — da ich heute schon die Ueberzeugung habe, daß der Judenstaat in einer oder der anderen Form, wenn auch jenseits der Grenze meines Lebens, entstehen wird — wissen und festsielien, wie sich der Beginn dieses Unternehmens im großen Geiste Herbert Spencers gespiegelt hat. * Ich kann mir den Tod vorstellen: Eine wachsende Ihsuffizienz des Bewußtseins, wobei gerade die Empfindung dieses Schwindens das Schmerzliche ist. Heute früh dachte ich mir: Das Leben — im günstigsten Fall hinterläßt man Leidtragende. Wenn ich bald sterbe, werden um mich meine Eltern am meisten, dann weniger, durch ihre Jugend getrösteter, meine Kinder — und das ganze jüdische Volk trauern, Ein schöner cortege: Tragisches, Liebliches und das Erhabene. Abd ul Hamid noch vor der Anberaumung der Audienz allzu sehr den Herrn der Türkei fühlen lassen sollte. Bei der Launenhaftigkeit Abd ul Hamids war es nicht ausgeschlossen, daß es ihm aus irgendeinem Grunde einfallen könnte, den Audienzbewerber in jene Kategorie von Menschen einzureihen, welche man jedes Entgegenkommen als Gnade empfinden läßt. Vainbery unterließ es nicht, mir all seine Bedenken mitzuteilen, als er mich aufforderte, ich möge mich Herzl zur Verfügung stellen. Obzwar ich überzeugt war, daß die Sache als solche den höheren Interessen des Landes nicht zuwiderläuft, konnte ich, angesichts der chaotischen Verhältnisse in der Staats- Verwaltung und insbesondere des mir schon allzu gut bekannten Treibens der Jildisleute, meine Bedenken hinsichtlich meiner amtlichen Eigenschaft nicht unerörtert lassen. ״Es gehört allerdings ein mutiger Entschluß dazu,“ sagte schließlich Vambery, ,,Sie haben es aber mit einem seltenen Gentleman zu tun und ich bin übrigens sicher, daß Sie es verstehen werden, über alle Klippen hinweg zu kommen. Ich werde Herzl an Sie weisen. Ich habe mit dem Sultan vereinbart, daß er ihn empfängt und anhört. Er hat es mir versprochen, aber Sie kennen ihn ja, er ist unberechenbar und kann immerhin die Dinge so komplizieren, daß es schließlich beim Versprechen bleibt. Es wird daher Ihre Aufgabe sein,, dafür zu sorgen, daß Herzl sieh in der Jildiswelt zurechtfinde und daß er spätestens den ersten Freitag nach seiner Ankunft empfangen werde. Ich habe das Terrain so weit als möglich vorbereitet, Tahsin (erster Sekretär des Sultans, Bei, später Pascha) ist einverstanden, halten Sie sich an ihn. Ich fahre, da der Sultan mich nicht gleichzeitig mit Herzl hier haben will, nach Budapest, wo Herzl mich erwarten und wahrscheinlich noch am tage meiner Ankunft hierher abreisen wird.“ * Herzl kam mit W01 ffsohn und Marmorek. Der Eindruck meiner ersten Begegnung mit Herzl übertraf weit die begeisterten Schilderungen von seiner Persönlichkeit. Die imposante Gestalt, seine Art und Weise, die natürliche, jeder Künstelei bare Liebenswürdigkeit, jede Geste verriet den vornehmen Mann, jedes Wort den edlen Menschen. Nachdem er mich seinen Begleitern vorgestellt, bat er mich in sein Zimmer. Wolffsohn und Marmorek blieben im Salon. Seine Ausführungen galten den Weisungen Vamberys. seinem Dr. Welzmann gegen Daily Expreß London, 15. Juli. (J.T.A.) ״Daily Expreß“ hat die Erdbebenkatastrophe in Palästina zum Anlaß genommen, um darzutun, daß die jüdische Arbeit in Palästina, die schon bisher unter starker wirtschaftlicher Depression litt, nun nach der Katastrophe kaum noch fortgesetzt werden könnte. Dieser Darstellung tritt der Präsident der Zionistischen Welt- Organisation, Dr. Ch. Welzmann, durch eine Erklärung entgegen, in der es heißt: Es ist richtig, daß dem bemerkenswerten Aufstieg in Palästina 1m Jahre 1925 eine Depression folgte, wie dies in jedem unentwickelten Land des British Empire und überall in der Welt vorkommt. ״Daily Expreß“ übertreibt aber den wirklichen Umfang der Depression. Es ist nicht wahr, daß die große Masse der jüdischen Arbeiter ohne Arbeit ist; der soeben veröffentlichte Jahresbericht der Palästina-Regierung teilt mit, daß 1926 mehr als 6000 jüdische Arbeiter in der Industrie, gegen 5000 im Jahre 1923, beschäftigt waren und daß vor kurzem mehrere industrielle Unternehmungen mit einem Kapital von £300 000, alles jüdisches Kapital, neu gegründet wurden. Die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden hat sich der gleichen Quelle zufolge von 24 000 i. J. 1925 auf 32 000 f. J. 1926 erhöht. Arbeitslosigkeit herrscht meist im Baugewerbe als Folge der Einschränkung der Baukredite. ״Daily Expreß“ gibt die Zahl der jüdischen Bevölkerung mit 120 000 an, weshalb der Prozentsatz der Arbeitslosen ungewöhnlich hoch erscheint. Der offizielle Bericht der Palästina-Regierung gibt für 1925 eine Zahl von 138 000 Juden an; diese Zahl hat sich bis jetzt auf mindestens 150 000 erhöht. Es ist völlig unwahr, fährt Dr. Weizmann fort, daß Palästina nur eine beschränkte eingeborene Bauernbevölkerung zu erhalten vermag. Das Land weist nicht nur im Toten Meer wertvolle Reservoirs an Mineralien und Quellen auf, für deren Ausbeutung eben eine Konzession erteilt worden ist, sondern es besitzt nach der einmütigen Ansicht der Experten alle natürlichen Voraussetzungen, ein bedeutendes Exportland für hochwertige Früchte und andere Qualitätsprodukte zu werden. In einem vor kurzem vom Departement für Ueberseehandel veröffentlichten Bericht wird der Ansicht Ausdruck gegeben, daß bei einer vorsichtigen Politik seitens der Banken, bei Auf hören der Bodenspekulation die De p ressionim Handel bald vorüber gehen wird. Die Palästina-Regierung teilt in ihrem letzten Jahresbericht mit, daß die Palestine Electric Corporation, deren Konzession jetzt unterzeichnet worden ist, sowie die demnächst beginnenden Hafenarbeiten, sowie andere Unternehmungen konstruktiver Natur alle jetzt noch Arbeitslosen werden Beschäftigen können, so daß ״der Weg za weiterer wirtschaftlicher Ent- Wicklung gebahnt“ ist. Die Behauptung des ״Daily Expreß“, daß die Juden als Kolonisten nicht erfolgreich arbeiten können, klingt lächerlich angesichts der Tatsache, daß Palästina die Entwicklung zweier seiner Hauptmarktprodukte — Orangen und Wein —־ gerade den Juden verdankt. ״Daily Expreß“ informiert auch falsch über die Zwecke der £ 4 500 000 Anleihe, die demnächst von der Palästina-Regierung aufgelegt werden wird. Der Ertrag dieser Anleihe kommt nicht der Zionistischen Organisation zugute. Eine Million Pfund wandert in die britische Schatzkammer als Gegenleistung für während des Krieges von der britischen Armee erbauten Eisenbahn und für andere Aktiva der britisehen Regierung, während der Rest für konstruktive Arbeiten, wie sie die britische Regierung in allen wenig entwickelten leiten des British Empire durchführen läßt, ausgegeben werden wird. Tte besteht, nicht der geringste Grund zum Zweifel, daß Palästina durchaus in der Lage ist, den Anleihedienst zu leisten. Die Palästina-Regierung hat in den letzten Jahren nicht allein ihr Budget balanciert, sondern auch einen ansehnlichen Ueberschuß aufgespeichert. Ich kann für Palästina leisten muß. ln Wirklichkeit isf die britische Leistung für Palästina von Jahr zu Jahr gesunken. ״Daily Expreß“, schließt Dr. Weizmann, spricht von ״politischer Unruhe“ und ״allgemeiner und gefähr- 11 eher Unzufriedenheit“, wo doch der letzte Berieht der Regierung als Tatsache feststellt, daß ungeachtet der Fortdauer der Wirrnisse im benachbarten Territorium Syrien ״keinerlei Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in Palästina una Transjordanien vorgekommen ist“. Dies kann jeder, der in Palästina geweilt hat, vollauf bestätigen. Die Zeitung ״El Siassah“ meldet, daß Emin Rasak sich darum bemüht, in Palästina eine arabische Landbank zu gründen. Die Gründung soll durch Kapitalisten aus Palästina, Aegypten und Syrien erfolgen. (Ziko.) die Audienz betreffenden Ideengang, der Judenfrage und dem Zionismus. Ein Jude, wie ich es damals war, in nichtjüdischem Milieu erzogen, von ultrapatriotischen Anschauungen der Adoptivheimat vollgepropft, der für das Judentum nicht viel mehr übrig hatte, als das Pflichtgefühl gelegentlicher Verteidigung seiner Stammesgenossen, ohne in der nichtjüdischen Umwelt eine innerliche Befriedigung finden zu können — mußte die vom selten edlen Geiste erfüllten Ausführungen als eine Offenbarung von überwältigender Kraft empfinden. Es fehlten mir die Worte, die ich auch nicht suchte. Ich erklärte mich einfach bereit, mich ihm und der Sache votbehaltlos zur Verfügung zu stellen und nur den Wunsch zu haben, meine Mitwirkung als selbst gewollte Pflichtarbeit gewertet zu sehen. Er umarmte mich mit den Worten: ״Sie sind ein guter Jude.“ Wir traten wieder in den Salon. Herzl sagte zu seinen Begleitern, daß ich die mir zugedachte Aufgabe übernommen habe, und sprach einige Worte der Befriedigung, worauf Wolffsohn bemerkte, ״Herzl sucht und findet die Menschen, die der Zionismus braucht“. Es entwickelte sich alsbald ein lebhaftes Gespräch über den Zionismus, den Sultan und die Türkei. Herzl bekundete für alles, was den Verkehr mit der Umgebung des Sultans, das Leben und Treiben im Jildis und der Staatsverwaltung betraf, ein überaus ernstes Interesse, ließ aber auch recht gerne die heiteren Seiten des Treibens dieser eigenartigen Gesellschaft auf sich einwirken. Nach Feststellung der Umrisse des zu beobachtenden Vorgehens fand meine erste Begegnung mit dem Führer ihr Ende. Ich schied in tiefer Bewegung, bereichert mit neuem Lebensinhalt und freiem jiidischein Selbstbewußtsein. Am nächsten Morgen mußte ich zu Tahsin, um ihn vorerst von der Ankunft Herzls zu verständigen. An Hand meiner persönlichen Erlebnisse und der während meines langen Verkehrs im Jildis gesammelten Erfahrungen uiic Beobachtungen, war ich in der Lage, Herzl alle in Betracht kommenden Personen und deren Beziehungen zueinander zu charakterisieren und ihm Dinge vor Augen zu bringen, die seine! Einführung in sein neues Tätigkeitsfeld zu dienen geeignet waren. Er hat sich auf dem ihm unbekannten Terrain gerne leiten lassen. Tahsin, mit dem ich persönlich nicht am besten