Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1927)
- Date
- 1927-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W15, Meinekestraße 10, Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Aail&acUabonnemetits werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet Nummer 57 I Berlin, 19. VII. 1927 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinWlö, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis: 8gespaltNonpareillezeüe030G.־.H. Stellengesuche 0,25 GvM AozeigenschluB: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 716570 ״. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392״ Für Oesterreich: Poitsparkaasenamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 4I(X Für Polen: Postsparkaasen&mt Warschau« Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.** Die Lage im Erdbebengebiei Die Hilfsaktion der Regierung — Jüdische Freiwillige Die ״Times״ veröffentlichen folgende Berichte ihres Korrespondenten aus Jerusalem vom 14. und 15. Juli: Vollständige Einzelheiten über die Verluste und Beschädigungen sind noch nicht verfügbar, aber es ist schon klar, daß die Erdstöße am stärksten in den Distrikten Jerusalem, Nazareth, Nablus, Ramallah und Ramleh fühlbar waren, während in Transjordanien Es Salt und Irbid am stärksten betroffen sind. Man glaubt, daß Petra verschont geblieben ist. Der größere Teil der Rettungsarbeiten wurde durch die Mannschaft der britischen Gendarmerie, der Fliegertruppe und Regierungsbeamte durchgeführt. Bemerkenswert war die Hilflosigkeit der Eingeborenen. In Nablus weigerten sich kräftige junge Männer, teils aus Fata- Jistnus, teils aus Furcht, der Polizei bei Wegräumung der Trümmer zu helfen und den zerstörten Marktplatz zu betreten; sie mußten zwangsweise zum Hilfsdienst herangezogen werden, nachdem die Polizei 12 Stunden ohne Unterbrechung gearbeitet hatte. Colonel Symes, der Hauptsekretär der Regierung und Stellvertreter des abwesenden Oberkommissärs, besucht gegenwärtig die betroffenen Gebiete. Während des Erdbebens war er gerade auf der Reise nach Deraa in einem Eisenbahnzug im Jarmuktal. Der Zug entgleiste und die Passagiere waren infolge der von den Abhängen des Tales herabsturzenden Felsblöcke in ernster Gefahr. Die Beschädigung des Regierungshauses in Jerusalem ist so schwer, daß die notwendigen Reparaturen zwei Jahre in Anspruch nehmen und £ 30000 kosten werden. Das Hilfswerk wird mit aller Beschleunigung von den Distriktsgouverneuren organisiert Am schlimmsten ist die Situation in Nablus, da die Bäckereien dort teils zerstört sind, teils in der Gefahrenzone liegen. Man sendet Lebensmittel von Jerusalem. Tel-Awiw sandte 1200 Laib Brot und viele jüdische Freiwillige, die bei Wegräumen der Trümmer helfen. Die Regierung hat Nablus, Ludd und §am!eh •'Ge 14.ZUW* nj,#1|׳ . gejngeht d*4vand}״ rten selbst ׳wurden׳ «dort ׳gr§&*nr BjöSgSf Nathan Strauß aus New York sandte telegraphisch £ 5000. Die Fliegertruppe stellte Zweite; und5 andere Bedarfsgegenstände zur Verfügung. ־ Die ökonomischen Wirkungen des Erdbebens sind noch unbestimmt. In Nablus hat es sich schon als notwendig erwiesen, das türkische Gesetz zur Verhinderung der Preistreiberei und Hamsterei zur Anwendung zu bringen. Nablus ist das Zentrum der Seifen- und Tabakindustrie, welche etwa die Hälfte des palästinensischen Exports ausmacht. Das unmittelbare Bedürfnis der Wiederaufbauarbeiten wird wahrscheinlich die Arbeitslosigkeit etwas mildern. Während der Zerstörung des biochemischen Laboratoriums der hebräischen Universität gelang es dem Direktor des Departements für Parasitologie, Dr. S. Adler, die Züchtungen von Typhus- und Dissenterie- Bazillen zu retten. Der Direktor des Regierungs- Departements für Altertümer teilt mit, daß das Museum und die Altertümer nicht so schwer gelitten haben als man erwartet hatte. Rahefs Grab wurde beschädigt und mußte geschlossen werden bis zur Untersuchung durch Fachleute. In Jerusalem wurden die Räumlichkeiten der Anglo-Palestine Bank und die Evelyne de Rothschild- Schule beschädigt. Colonel Symes hat angekündigt, daß die Regierung eine Sammlung eröffnet und erläßt einen Appell, Beiträge an die Regierung zu richten. Die letzten Ziffern der Verluste sind folgende: Palästina: 102 Tote, 356 Schwerv erletzte, Transjordanien: 68 Tote, 102 Schwerverletzte. In Nablus kampiert die ganze Bevölkerung außerhalb der Stadt. Für den momentanen Bedarf sind genügend Mittel vorhanden, aber im weiteren Verlauf werden wahrscheinlich noch erhebliche Summen erforderlich sein. Der Aufruf Col. Symes׳ hat den Zweck, unorganisierter und daher verschwenderischer philanthropischer Hilfe voruzbeugen. Weitere Nachrichten besagen, daß auch in den jüdischen Wohnvierteln Talpioth und Beth Israel in Jerusalem eine Anzahl von Gebäuden beschädigt wurden. Die Samaritaner, die völlig ruiniert sind, richten einen Appell um Hilfe an die Judenschaft. Die jüdischen Siedlungen sind, wie bereits mitgeteilt, völlig verschont geblieben. Es bestätigt sich, daß keine Verluste an jüdischen Menschenleben zu beklagen sind. Zuletzt hier eingetroffene weitere Nachrichten besagen, daß auch das Dach des Davidsturms in Jerusalem eingestürzt ist. Auch das St. John-Kloster ist beschädigt. Die A. P. C. hat ihre Geschäfte in das Lokal der Barclay’s Bank in Jerusalem verlegt. Juden beteiligen sich in mehreren arabischen Städten eifrig an den Bergungsarbeiten. Der bisher gemeldete Sachschaden beträgt über £ 400 000 (8 Millionen Mark). Jerusalem, 14. Juli. (J.T.A.) Nach einer Meldung des deutschen Generalkonsulats in Jerusalem sind bei den schweren Erdbeben in der deutschen Kolonie keine Personen zu Schaden gekommen. Die Sachbeschädigungen sind Verhältnismäßig gering; die deutschen Kolonien im Lande sind, soweit bisher Festzustellen war, wenig von dem Erdbeben betroffen worden. Der jetzt in England auf Urlaub weilende Oberkommissar für Palästina, Feldmarschall Lord Flumer, hat in einem Telegramm seinem tiefsten Beileid mit den Opfern und den Geschäfügten der Katastrophe Ausdruck gegeben. Lord Plumer wird seinen Urlaub abkürzen und bereits am 29. Juli nach Palästina zurückkehren. Der Kolonialminister Amery, ferner Sir Herbert Samuel und Sir Ronald Storrs haben telegraphische Beileidskundgebungen nach Palästina gesandt. Ein Nachbeben am 17. Joli Die Ita erhielt am 17. d. M. nachmittags ein Telegramm, daß sich am Vormittage des gleichen Tages um 10 Uhr zwei Erdstöße ereigneten, die in Jerusalem, Jaffa und Haifa gespürt wurden. Dieses neue Beben verursachte nur ganz unbedeutenden Schaden. Drei Pers o n e n sind verletzt. Die United Preß, die gleichfalls einen Bericht über das neue Erdbeben in Palästina verbreitet, hebt hervor, daß die Erdstöße trotz einer gewissen Heftigkeit nur von ganzkurzerDauer waren. Die Meldung der United Preß bestätigt, daß der angerichtete Schaden unbedeutend ist. Die Ursache des Bebens In der ״Vossischen Zeitung“ schreibt Dr. Emil Carthaus über die Ursache des Bebens, das er als tektonisches rubriziert Wir entnehmen seinen Ausführungen nachstehende Stellen: Schon längst ist man in geologischen Kreisen zu der Er- Kenntnis gekommen, daß die feste Erdrinde infolge der stetigen Abkühlung unseres Planeten auf seiner Bahn durch den eisig kalten Weltenraum und der damit verbundenen Schrumpfung des Erdkerns in zahlreiche Schollen zerbrochen ist. Sie befinden sich unter zunehmendem seitlichem Druck. Löst sich dieser nicht allmählich und unmerklich in den 90genannten säkularen Hebungen und Senkungen der Scholle 1 «Mhf ׳!, ».׳OfM«11afcte,fs»Ä:׳ ra,:.״B«ckwlfel :90 Jptefl, ' tektoHÄehe 4'ehfjrdie durch־ <M Vulkanismus aus der Erde hervorgerufenen an Häufigkeit und Umfang weit nachstehen. Außerordentlich deutlich ausgesprochene Bruchspalten der Erdrinde haben wir nun vor allem in den großen Graben- Senkungen vor uns, von denen sich eine, die sogenannte ostafrikanische, vom Rudolf- und Stefanisee durch das Hochland von Abessinien, das Rote Meer und über die Sinaihalbinsel bis zum Toten Meer hinzieht; um sich nach Norden dann durch das Jordan t a 1 oder das Ghor bis zu der großen Talsenke zwischen dem Libanon und Antilibanon, hinzuziehen. Im Süden dieses gewaltigen Grabenbruches scheinen stärkere Verschiebungen zwischen den sie einschließenden Schollen der Erdrinde schon lange ihr Ende erreicht zu haben. Im Norden jedoch, in Palästina und in Syrien, ist dieses keineswegs der Fall. Auch die Erderschütterungen, die jetzt wieder westlich und östlich an der Orabensenke des Jordantales eingetreten sind, können auf solche Schollenverschiebungen zurückgeführt werden. Haben sich doch die Scholien in dieser Bruchspalte so weit gesenkt, daß wir im Toten Meere mit 394 Metern unter dem Meeresspiegel die tiefste Stelle der ganzen sichtbaren Erdoberfläche vor uns haben. Zuweilen müssen sich ' die Schoilenverscliiebungen hier ruckweise und mit großer Gewalt als heftige Erdbeben geltend gemacht haben, da von solchen auch die Geschichte zu erzählen weiß. Die Falschmeldungen der Presse Eine große Zahl von deutschen Zeitungen, besonders der Provinz, veröffentlichten, wie wir feststellten, die bekannten antizionistischen Meldungen des ״Daily Expreß“, worin über Zerstörung der zionistischen Siedlungen berichtet wird und u. a. folgender Unsinn steht (übereinstimmend in zahlreichen, selbst großen Zeitungen): Man weiß in der Londoner City nicht, aus welchen Quellen es möglich sein wird, Mittel bereitzustellen, um den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude, der Eisenbahnen usw. in Palästina in die Wege zu leiten. Der Mißerfolg der bisherigen englischen und jüdischen Wirtschaftspoütik in Palästina soll eine Neuaufnahme von Kapital außerordentlich erschweren. An demselben Tage (13. Juli) veröffentlichte WTB. folgende wahrheitsgetreue Nachricht, die wir aber nur in einer Wiener Zeitung, in keiner einzigen größeren deutschen Zeitung fanden: Berlin, 13. Juli. (Wolff.) Nach hier vorliegenden zuverlässigen Nachrichten über das Erdbeben in Palästina entfällt nahezu der gesamte Verlust an Menschenleben auf rein arabische Orte und Dörfer. Die genaue Zahl der Todesopfer steht noch nicht fest, doch ist es als sicher zu bezeichnen, daß die Angabe von 1000 Opfern an Menschenleben übertrieben ist. Die zionistisehe Siedlung in Emek und das übrige jüdische Kolonistenwerk sind von dem Erdbeben nicht getroffen worden. Die Redaktionen haben angesichts dieser Wolff-Meldung nicht einmal die Vermutung aes guten Glaubens für sich. Die Sensationsfreudigkeit mancher Zeitungen übersteigt erheblich ihre Gewissenhaftigkeit. Wie aus Warschau gemeldet wird, hat die Nachricht von dem Erdbeben außerordentlich Erregung unter den dortigen jüdischen Massen hervorgerufen, insbesondere wegen der zahlreichen Familien, die Angehörige in Palästina haben. Theodor Herzls Vermächtnis Zum 20. Tamus. Theodor Herz! erscheint am Himmel des Judentums wie ein Komet: aller Augen magisch gebannt von dem leuchtenden und flammenden Wunder, in aller Herzen eine atemlose Furcht vor der großen Katastrophe, eine atemlose Erwartung und Hoffnung auf neue aus dem Zusammenprall mit der alten Wirklichkeitswelt entstehende Weiten. Theodor Herzl ist ein in trunkenem Traume Taumelnder, ein zu ungeheurer Erfüllung Rasender. Ein von seiner Idee Besessener, wie die Menschheit sie zu gewissen Zeitepochen braucht, um aus ihrer Trägheit aufgeschreckt und zu großen Zielen fortgerissen zu werden. Aber ein von keinem Phantom sondern von der Wahrheit Besessener. Beweis: Der Führer stirbt, verglüht rasch nach Kometenart, aber die von ihm geschaffene Bewegung lebt fort. Sie bleibt lange führerlos, sie spaltet sich in Gruppen und Parteien, ungeahnte Schwierigkeiten hemmen ihren Lauf, aber sie lebt und schreitet auf immer deutlicher erkennbarem Wege ihrem Ziele entgegen. Es entstehen neue Führer, die Gruppen und Parteien lassen in gewaltiger Zellenteilung neues Leben entstehen, die Schwierigkeiten rufen neue Volkskräfte ins Dasein. Zum Schluß ist die Idee so sehr zur Wirklichkeit geworden, daß eine dritte Generation sich die jüdische Weit ohne sie nicht mehr denken kann, daß sie ihr zu einer anonymen Kraft geworden ist, unausdenklich als Geistesschöpfung eines Einzelnen. Was will es gegen Herzls Größe besagen, daß sich die Dinge unter anderen Bedingungen und in anderem Tempo entwickeln als er voraussah? Ja, hätte in seinem Zukunftsbilde dieses alle Schwierigkeiten überspringende, hinreißende Tempo gefehlt — so hätte er nicht so machtvoll mitreißen können. Herzls kühner Zukunftsroman, in dem der Dichter, Gestalter des Seins rang, ist Äf ii Roman wurde zur Wahrheit: die jüdischen Dörfer, die jüdische Hand am Pflug, der jüdische Wegebauer und Sümpfetrockner, die jüdische Gesellschaftsgründung — das alles ist kein Märchen mehr, ist reale, von vielen Naiven alljährlich aufs neue wie ein Wunder bestaunte Wirklichkeit. Freilich, die ungestörte, bürgerlich geborgene Sicherheit und Zufriedenheit dieser Siedlungen und Siedler sind noch nicht erreicht; noch ist alles Kampf: Kampf mit dem herben Boden, Kampf mit der eigenen Körperkraft, Kampf um die Mittel, Kampf mit dem Uebergewicht der Araber, Kampf gegen das Großstadt- Europa, das jeder im Blute hat, Kampf um den neuen Lebensinhalt und seine neue Form. So ist eben das Tempo der Wirklichkeit gegenüber dem Kometentraum. Aber die Grundgesetze, nach denen das Märchen, der Roman — langsam, langsam — Wirklichkeit werde! wollen, sind die, welche Theodor Herzl wies: Er forderte die internationale Diskussion der Juden• frage: — wenn er heute auferstünde, er fände in San Remo, in Genf, seine Forderung erfüllt. Herzl ersehnte die öffentlich-rechtliche Sicherung der jüdischen Palästina-Siedlung. Wenn er noch bei uns weilte, so würde er die heutige Auslegung der Balfour• Deklaration gewiß nicht als letzte Erfüllung seines Traumes anerkennen, aber er, der ein so eminent real• politischer Träumer war, würde als Erster verstehen, daß diese Erklärung (trotz aller Emanzipationsedikte die erste politische Lebensgrundlage des neuzeitlichen Judentums) das ist, was die Juden selbst jeweils aus ihr machen. Er — realpolitischer als alle, die sich heute als seine wahren Jünger ausgeben — würde voller Staunen über das Vollbrachte vor einer Erklärung stehen, die den Juden die Möglichkeit gibt, sich Palästina in dem Maße zu eigen zu machen, wie ihr inneres Anrecht an das Land und ihre Kraft es zu besiedeln ihnen gestatten Theodor Herzl nannte den Zionismus die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr in das Judenland und ahnte wohl selbst kaum die ganze Tiefe des Sinnes, mit dem dieses Wort sich erfüllen würde. Oder ahnte er das Neuerwachen der hebräischen Sprache? die neue tiefe Verbundenheit einer jungen Generation mit dem T’nach? eine neue jüdische Literatur, Ansätze zu einer neuen jüdischen Kunst und Wissenschaft? Ahnte er, daß neue Bande einer systematischen jüdisch-sozialen Hilfe über Länder und Meere gespannt werden, daß auch in den Gegnern des Zionismus ein neues Suchen nach jüdischen Lebenswerten erwachen würde? Und auch an dem, was Theodor Herzl als den Grundpfeiler seiner Traumwirklichkeit ansall, auf dem diese stehen oder fallen mußte, erwies er sich als Prophet der Wahrheit Nachdem er sein glänzendes