Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1927)
- Date
- 1927-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 394 JÜEDISCHE HÜNDSCHNU Nr. 35, 12. VH. 1927 Galuth und Palästina Von Dr. Martha Hofmann, Haifa-Wien. Frau Dr. Hofmann, eine eifrige Vorkämpferin der Zionistischen Frauenbewegung, die bekanntlich (siche ״I. R.“ Nr. 43) während einer Reise in Palästina ein Automobilunglück erlitt, das den Verlust des rechten Armes zur Folge hatte, sendet uns aus Haifa nachstehenden Aufsatz. Wir freuen uns, daß die Verunglüekte ihre Arbeitsfähigkeit wiedergewonnen hat und geben ihre Ausführungen (etwas gekürzt) wieder. Red. Es ist unbestreitbar, daß wir noch heute in der Galuth, nach so vielen Jahren zionistischer Aufklärungsarbeit, Bild- und Filmvorführungen, Palästinakunde usw., auch nicht die leiseste Vorstellung von der Wirklichkeit Pa- Iästinas haben — und dies deshalb, weil hier aus unserer zionistischen Betrachtung zumeist die Araber gänzlich ausscheiden. Gewiß, wir haben die Landkarte des Keren Kajcmeth, die mit unbedingter Treue und Wahrheitsliebe die kleineren oder größeren Gebietsteile umgrenzt, die unser Nationalfonds erwirbt. Kleine Flecken im ganzen auf dieser Landkarte. Doch was dazwischen liegt, all das nicht jüdische Gebiet, ist in unserer Vorstellung chuz laarez — leer. Von ihm ist nicht die Rede. Nur die Entwicklung der jüdischen Siedlungen interessiert uns — und das ist vielleicht verzeihlich. Aber die Folge ist, daß dem, der so vorbereitet nach Palästina kommt, in überraschender Weise das Land als ein arabisches entgegentritt, wenn er nicht gerade seine Tour mit dem Emek beginnt. Und so geschah es mir und geschah es zahllosen anderen, daß ihnen die Welt, in die sie sich versetzt sahen, mit den weiten Landstrichen, sagen wir von Jerusalem über Nablus abseits von Afuleh bis Nazareth und noch weiter, ganz ohne jüdische Siedlung, ohne jüdische Menschen, aber mit durchaus interessanten arabischen Städten, mit den biblischen Gestalten krugtragender Fellaclicnfrauen. mit Kamelkarawanen und schwerbeladenen Eseln, die beiderseits Lasten antik geformter Tonkrüge tragen, mit arabischen Flötenspielern und Tänzern, mit kleinen arabischen Kaffee- Häusern an der Landstraße, aas denen der Wirt mit der Kcfija bedeckt hervorstürzt, um dem einkehrenden Effendi oder Schelkh die Hände zu küssen — daß all diese bunte, zuweilen märchenhafte, zuweilen übelriechende, wilde, primitiv morgenländische Welt ihn wohl interessiert, fesselt oder abstößt — daß sie aber wenig harmoniert mit dem Bilde, das er sich von Erez Israel gemacht. Es wäre vielleicht wünschens- Wert, daß jeder das geschlossene jüdische Territorium des Emek zuerst kennenlemt, um nicht diese Krisis durchzumachen, er sei In ein arabisches Land gekommen. Auch in den Städten Jaffa, Haifa, Jerusalem — in ganz anderer Weise in Tiberias und Safed ist, zumindest in der Altstadt, der Hauptcharakter arabisch. In den beiden letztgenannten Städten deshalb so verschieden, weil hier die Juden seit Jahrhunderten ununterbrachen lebend, sich äußerlich so völlig den Arabern angeglichen haben, selbst ganz orientalisch sind, selbst Ver- Käufer und Besitzer in diesen durchaus morgenländischen Bazars und — obgleich mit dem Tarbusch bedeckt, in türkischen Hosen, vom arabischen Nachbar nur durch die hebräische Sprache zu unterscheiden —, geben sie doch der Stadt innerlich jüdischen Charakter, zumal wo sie in der Ueberzahl sind. Das Palästina, das wir uns in der Galuth vorstellen, gibt es, wenn überhaupt, so heute nur an ganz vereinzelten teilen des Landes. Etas, was dem jüdischen Palästina sein Gepräge gibt, ist — man mag politisch eingestellt sein wie man will, man wird es zugeben müssen — unzweifelhaft die jüdische Arbeiterschaft, fast allein Trägerin neuer jüdischer Kultur in hebräischer Sprache. Vereinzelt findet man auch in den Städten Viertel, die hebräischen, nationalen Charakter zeigen, zumeist aber bleibt nur die Jugend unsere Hoffnung, Denn vielfach gruppieren sich Landsmannschaften, die in russischer, deutscher oder polnischer Sprache neben sonstigen nicht minder wichtigen Dingen vor allem ihrer Erbitterung über die Fehler der Leitung, über die Verkehrtheiten beim Aufbau des Landes, Luft machen. In diesen Kreisen wird zumeist mit maßloser Schärfe der Vorwurf erhoben, die zionistische Leitung hätte schon vor Jahren keine mittellosen Menschen, keine Schnorrer, genannt ״Chaluzim“, ins Land kommen lassen dürfen, damit sie hier aus ihren Taschen und aus denen des ganzen Volkes zehren — schon vor Jahren hätte man nur den bürgerlichen Mittelstand oder Kapi-!allsten ״ins Land schaffen“ sollen. Dann stünden wir heute auf ganz anderer Basis. Es ist, als ob man in Palästina ganz die Geschichte unserer zionistischen Entwicklung vergessen hätte. Vergessen, wie nach der Balfour-Deklaration keineswegs die erwartete Massenimmigration auch wohlhabender Juden einsetzte, sondern lediglich ein einziger großer Widerhall dieses bedeutsamsten Ereignisses eintrat: Die Chaluziuth, die, unter Trumpeldors Führung, von Rußland ihren Ausgang nahm und erst allmählich — und hierin liegt freilich die Ursache vieler zu spät erkannter Mängel, die auch die Leitung übersah — fester organisiert wurde. Jedoch: Wenn damals nicht die Ideologie des Opferwillens, der Bereitschaft, um des Ideals willen auch zu darben und zu entbehren — heute als ״Hungerleidertum“ von den meisten Bürgerlichen, besonders aber den Revisionisten gebrandmarkt — sich ausgebildet hätte — wer wäre überhaupt in jenen Tagen, da es weder Wasser noch Licht, dafür aber viel Malaria in den Siedlungen und selbst In den Städten gab, trotz des zweiten November 1917 nach dem neuen Nationalheim gegangen? Das sind Binsenwahrheiten und für den Zionisten außerhalb Palästinas nkht der Erwähnung wert. Aber in Palästina selbst muß man immer und Immer wieder solche Binsenwahrheiten wiederholen. Daß mit diesen meist aus Rußland stammenden Chaluzim auch revolutionäre Doktrinen nach Palästina kamen — kein Wunder! Gewiß muß man von der Arbeiterschaft verlangen, daß sie Kritik an ihrer eigenen Ideologie üben, wenn sich deren Unzulänglichkeit so stark fühlbar macht, wie dies in Palästina geschehen. Gerade von Marxisten muß man fordern, daß sie die ökonomische Situation eines Landes ohne Industrie, ohne Kapital begreifen. Denn gerade die Erfassung der materiellen Grundlagen und die logischen Konklusionen daraus bilden die Basis der marxistischen Lehre. Wieso kommt es nun, daß gerade in Palästina selbst, dem Zentrum und Ziel des Zionismus, man so vielfach die Erscheinung findet, daß jedes historische Bewußtsein fehlt? Außerhalb des Landes — chuz laarez — steht uns eigentlich immerwährend die Jahrtausende alte Geschichte unseres Volkes vor Augen — sehen wir im Zionismus selbst die Weiter- Bewegung unserer Volksgeschichte — sehen wir deren Ent- Wicklung als unendlich fortschreitend an. Im Lande selbst empfindet man nur den gegenwärtigen Zustand, der von Vollendung weit entfernt ist. Der ewige Gegensatz von Sehnsucht nach dem Ideal und Verwirklichung des Ideales tritt hier kraß in Erscheinung. Auch wir, die wir im Auslande leben, wissen wohl, daß in Palästina nicht alles zum besten steht. Wir hören und lesen von der Krise, der Arbeitslosigkeit, dem Defizit auf allen Seiten. Auch wir leiden darunter, moralisch, seelisch — ja auch intellektuell. Aber keiner von allen Zionisten des Auslandes — und ergreife ihn auch eine Verschlechterung der Lage im Innersten — kann jemals davon so unmittelbar erfaßt und beeindruckt werden, wie es jeder Einwohner des Landes selbstverständlich wird. Hier ist alles Gegenwart, «inmittelbares Leben, Wirklichkeit und Alltag, der zermürbt Wir Zionisten der Galuth blicken in die Unendlichkeit unserer Entwicklung, in die Ewigkeit unserer Geschichte. Für um ist jede Krise eine Phase, die vorübergehen muß. Wie oft hat man es nicht in der Galuth gehört: ״Es hat schon Krisen gegeben, ärger als die jetzige, und es wird noch weitere Krisen geben — aber deswegen ist doch die Zukunft unser.“ Der palästinensische Bürger, aus zionistischer Sehnsucht ins Land gekommen, erlebt hier die Begrenzung des Augenblicks und diese drückt ihn vielleicht gerade deshalb so nieder, weil dem jüdischen Geiste Begrenzung überhaupt widerstrebt, weil die Sehnsucht nach einem Unendlichen, Absoluten den Zionismus in ihm reifen ließ und ihn aus der Begrenzung seiner früheren Existenz über Raum und Zeit hinweg ״in das Land der Väter“, ״in das Land der Zukunft“ getragen hat. Was er nun vorfindet, ist nicht die Unendlichkeit — ist aber auch nicht die Vollendung, die der reale Gegenpol, die Verwirklichung in der Begrenzung, wäre. Diese mangelnde Uebereinstimmung von Ideal und Wirklichkeit ist natürlich niemals so überwältigend, wie in einer Zeit wirtschaftlicher Depression, die auch moralische Denression mit sich bringt. Der gegenwärtige Zustand Pa- Iästinas ist der einer großen Entmutigung, die wie eine ansteckende Krankheit um sich greift. Eine Zufuhr neuer Mutimpulse, neuer Zuversicht tut brennend not. Wir Juden inklinieren stärker vielleicht als andere Völker zu solchen Erscheinungen des nervösen Enthusiasmus wie der nervösen Depression, die blitzartig um sich greifen und eine Massen- Stimmung bilden. Dieses Phänomen wurde von Weizmann in richtiger Diagnose erkannt, aber vielleicht mit falscher Therapie behandelt. Er hat den nervösen Enthusiasmus gehätschah und gezüchtet — siehe Unlvcrsitltseröffnung — ohne wohl zu bedenken, daß die nervöse Depression notwendig darauf folgen müsse. Gewiß haben solch ermutigende Impulse wie eine weithin sichtbare feierliche Gelstestat in Jerusalem vielen Juden über Hemmungen, innerer und «äußerer Art hinweggeholfen und sie nach Palästina gebracht. Aber dennoch war diese Therapie verfehlt. Das Volk wurde daran nicht gesünder — im Gegenteil. Es lechzt danach, wie der Kranke nach Morphiuminjektionen, ein Gift, das süß berauscht, aber zerstört, weil es den Organismus der eigenen, natürlichen Initiative beraubt. Nur von außen her erwartet er seine Lebensimpulse. Und so lechzt auch heute ganz Palästina nach einem neuen Impuls, einem neuen Lebensstrom, der Mut und Hoffnung brächte. ״Eine neue Leitung,“ heißt d as Schlagwort, und es ist, glaube Ich, gar nicht damit gesagt, daß man sich von dieser neuen Leitung wirklich das Wunder der Regeneration erwartet. Aber ״etwas Neues“ muß kommen, was neuen Mut gibt, die Sache neu zu beginnen. Irgendwie wird der Kongreß diesem psychologischen Moment, dieser nervösen Erschütterung der jüdischen Seele Rechnung tragen müssen, wenn auch nicht in dem Umfange, wie Palästina es großenteils verlangt und erwartet. Und ein ungeheurer Appell muß an das jüdische Volk im Hinterlande, der Galuth, ergehen, diese rein nervöse Panik- Stimmung aus Tel-Awiw nicht auf sich übergreifen zu lassen, nicht der Entmutigung zu verfallen, sondern gerade in dieser Zeit, die wir von der Galuth aus, wie ich oben ausgeführt, weit besser als von dem darunter leidenden Palästina aus als eine Augenblickskrise erkennen können, die den ewigen Gang unserer Geschichte nicht hemmen darf — gerade in dieser Zeit alle Kräfte aufzubieten, um Palästina neue Impulse von Glauben, Mut und Kraft zu verleihen. In der Tat, es liegt in unserer Hand, diese schwere Depression durch richtige Therapie zu heilen. Zar Statistik der Jaden fa Deutschland Von Prof. Dr, Le0 p. K. Goetz, Bonn. Als Abschluß der in Nr. 35 und Nr. 50 erschienenen Artikel über die Zunahme oder Abnahme der Israeliten in Preußen sowie in dreizehn anderen Ländern des Deutschen Reiches kann jetzt nach den neuesten Veröffentlichungen des Statistischen Reichsamts in ״Wirtschaft und Statistik“ das Material über die noch nicht behandelten vier deutschen Länder sowie der Zusammenhang der Ergebnisse für das ganze Deutsche Reich geboten werden. Im Freistaat Sachsen hat sich die Zahl der Israeliten von 17 587 Personen im Jahre!910 auf 23 252 Personen im Jahre 1925 vermehrt. Die Zunahme der Israeliten in Sachsen von der letzten Vorkriegsvolkszählung bis zur neuesten Volkszählung beträgt in absoluter Zahl 5665 Personen, das ist, relativ ausgedrückt, eine Vermehrung von 32,2 v. H., also um fast ein Drittel des früheren Bestandeis der Israeliten im Jahre 1910. Da die Gesamtbevölkerung Sachsens von 1910 bis 1925 sich um 3,86 v. H. vermehrt hat, ist der Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung Sachsens derselbe geblieben, der er im Jahre 1910 war. Er macht heute, d. 11. im Jahre 1925, wie im Jahre 1910 0,4 v. H. der Bevölkerung aus. In den anderen drei noch zu besprechenden Ländern des Reiches haben wir Abnahme der Israeliten festzustellen. In Braunschweig sind sic von 1757 Personen im Jahre 1910 auf 1753 Personen im Jahre 1925 zurückgegangen, also um 4 Personen, oder um 0,23 v. H. des früheren Bestandes. Da die Gesamtbevölkerung Braunschweigs in diesen fünfzehn Jahren sich um 1,52 v. H. der früheren Zahl gehoben hat, ist der Anteil der Israeliten an der Bevölkerung von 0,4 im Jahre 1910 auf 0,35 im Jahre 1925 gesunken. Bremen — das Staatsgebiet — weist eine Verminderung der früheren Zahl von 1843 Israeliten auf 1508 Personen, also um 335 Personen auf. Relativ ausgedrückt haben sich die Juden im Bremer Staatsgebiet um fast ein Fünftel ihrer früheren Zahl, genauer um 18,2 v. H. des alten Bestandes vermindert. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Bremens ist, bei einer Zunahme dieser Gesamtbevölkerung von 13,12 v. H., von 0,6 v. H. auf 0,4 v. H. zurückgegangen. Im Lande Waldeck haben die Israeliten von der vorletzten bis zur letzten Volkszählung um 24 Personen abgenommen; ihre Zahl hat sich von 501 Personen auf 477 Personen vermindert. Die relative Abnahme ist etwa ein Fünfte! des früheren Bestandes, genau 5,4 v. H. der Zahl der Juden im Jahre 1910. Da dieser relativen Abnahme der Juden eine relative Zunahme der Gesamtbevölkerung Waldecks um 6,6 v. H. gegenübersteht, ist der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Waldecks von 0,95 v. H. der Bevölkerung im Jahre 1910 auf 0,8 v. H. der Bevölkerung im Jahre 1925 zurückgegangen. Fassen wir nun alle diese Angaben über Zunahme und Abnahme der Israeliten in den einzelnen achtzehn Ländern des Reiches zusammen, so erhalten wir für den Bestand und die Verschiebung der Israeliten im Deutschen Reiche folgendes Ergebnis. Die Gesamtzahl der Juden im Deutschen Reich ist von 535122 im Jahre 1910 auf 564 379 im Jahre 1925 gestiegen. Diese Vermehrung beträgt in absoluter Zahl 29 257 Personen; relativ ausgedrückt Haben die Juden im ganzen Reich um etwa ein Zwanzigski, genau um 5,5 v. H. ihres Bestandes im Jahre 1910 zugenommen. Da in der• selben Zeitspanne von 1910 bis 19® die Gesamtbevölkerung des Reiches um 8,0 v. H. gestiegen ist, bleibt der Anteil von 0,9 v. H. der Bevölkerung, den die Juden im Jahre 1910 bildeten, auch heute, d. h, im Jahre 1921 derselbe wie vor dem Kriege. ״y Kongreß - Tribüne Zur Kongreljreform Von Hubert Pollack. Die Frage der Kongreßreform ist in dem Artikel Felix Rosenblüths als Frage nach den Aufgaben und Möglichkeiten des Zionistenkongresses behandelt worden. Rosenblüth stützt seine Behauptung von der mangelnden Eignung des Kongrosses zu Sachentscheidungen mit Argumenten, gegen die sich wohl kaum Einwände erheben lassen. Insbesondere wird, man seine Kritik an der Ueberepannung demokratischer Formen nur gutheißen können. Aber dennoch gibt es in seinem Vorschlag auch einige dunkle Punkte, auf die hier eingegangen werden soll. Nach dem Reformvorschlag wird das A.-C. Beschlußorgan für die praktische Durchführung der Aufbauarbeit. Um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, muß es ein Gremium sachlich Qualifizierter Persönlichkeiten sein. Die Fülle der zu erledigenden Aufgaben macht es überdies notwendig, daß das A.-C. in noch höherem Maße als bisher mehrmals im Jahre zu längeren Sessionen Zusammentritt. Hier ergeben sich Schwierigkeiten. Denn wer hat Zeit, zwei bis drei Monate im Jahr an zionistischen Tagungen teilzunehmen? Wer kennt die Einzelheiten der Arbeit? Die zionistischen Beamten und Verbandsführer. Ein so zusammengesetztes A.-C. muß ״eine Domäne der zionistisehen Oligarchie und Bürokratie“ werden. Man könnte einwenden, ein Beamtenparlament sei ja doch um nichts bedenklieber als ein Parlament überhaupt. Vielleicht Aber gibt es denn zionistische Beamte im eigentlichen Sinne des Wortes? Man wird diese Frage nicht nur deshalb verneinen müssen, weil die Funktionäre der Zionistischen Organisation leider nicht die rechtliche Stellung von Beamten haben, sondern weil den meisten von ihnen die psychische Eigenart des Beamten ab* geht. Der Typus des nur auf sein Amt gerichteten und von anderen als durch das Amt bedingten Ambitionen freien Mensehen ist unter den Juden der Gegenwart, auch unter den zionistischen, noch sehr selten. Vor allem aber sind gerade die leitenden zionistischen Funktionäre der Diasjzora nicht Verwaltungsbeamtc, auch nicht politische Beamte mit speziellen Fachkenntnissen auf irgendeinem bestimmten Gebiet, sondern Propagandisten. Als solche sind sie notwendig Rhetoren und Dialek• tiker, oft von größtem intellektuellem Format. Aber diese Eigenschäften, die zum großen Propagandisten, zum Gewinner Von Menschen und Geldern befähigen, sind durchaus verschieden von denen, deren der große Wirtschaftsorganisator und Volks- Wirtschaftspolitiker bedarf. Es erscheint daher zweifelhaft, ob die Zusammensetzung des A.-C. in dem von Rosenblüth gemeinten sachlichen Sinne überhaupt möglich ist. Dazu kommt noch, daß das A.-C. die Kräfteverhältnisse des Kongresses widerspiegeln soll. Es müßte demnach aus Vertretern zumindest der größeren Kongreßfraktionen bestehen. Ob diese, Parteivertreter, der Forderung einer nur nach Sachgesichtspunkten orientierten Arbeit werden genügen können, steht dahin. Der Hinweis darauf, daß das A.-C. in denpolitisehen Voraussetzungen seiner Beschlußfassung doch an die vom Kongreß vorgeschriebene Richtung der Politik gebunden sei, vermag diesen Zweifel nicht zu beheben. Denn die Abgrenzung der Kongreßaufgaben scheint mir die problematischste Seite des Rosenblüthschen Vorschlags 'zu sein. Die Kongreßdebatten und Kongreßbeschlüsse sollen die prinzipiellen Grundfragen des Zionismus, Sollen Stellungnahme zur allgemeinen Richtung der Wirtschaftspolitik, zur Agency-Politik, zur Kritik der Opposition usw. zum Gegenstand haben. Die Eigenart derartiger prinzipieller Debatten besteht darin, daß sie abstrakt sind und ihrer inneren Anlage nach akademisch bleiben müssen. Ueber Prinzipien läßt sich streben, tmd zwar endlos. Ein Ueberzeugen des Gegners ist kaum möglich, well sein grundsätzliches Andersdenken auf konstitutiv«• Wesens- Verschiedenheit des Charakters und der intellektuellen Anlage beruht, zu denen noch als ein die spezifische geistige Reaktion«- weise bestimmender Faktor die gesellschaftliche Stellung des Betreffenden kommt. Der Wert solcher Debatten liegt deshalb auch nicht in der Aktion, in Beschlüssen, sondern in der Kontemplation, in der klärenden Darstellung der in dem debattierenden Kreise wirksamen Anschauungen und Meinungen. Darüber, ob und wie weit eine derartige Klärung politisch sinnvoll sei, mögen die Meinungen auseinandergehen. Das ist hier nicht entscheidend. Wichtig ist, daß der Kongreß Beschlüsse fassen, daß er einer prinzipiellen Anschauung oder vielmehr — wie auch Rosenblüth betont — den Trägern einer prinzipiellen Anschauung zum Siege verhelfen muß. Damit hört die theoretisch-sachliche Diskussion auf. Es beginnt das taktisch unsachliche Manöverieren, das nun einmal die eigentümliche Form aller partamentarischen Mehrheitsbildung ist. Hier darf man die Frage aufwerfen: Wird dieses Manövrieren dann mit größerer Wahrscheinlichkeit einen relativen Grad von Sachlichkeit erreichen, wenn der Inhalt des zu fassenden Beschlusses konkrete Aufbaufragen sind oder wenn der Beschluß Prinzipien zum Inhalt hat, die ihrer Formulierung nach zweifellos allgemein gehalten und daher verschiedener Interpretation fähig sind? Die Antwort ist schwierig. Dazu kommt noch eine weitere Erwägung. Wichtig Ist in der Politik nicht nur, was man tut, sondern fast noch wichtiger wie man es tut und wer es tut. Nichts ist einer beliebigen Auslegung fähiger als eine allgemeine grundsätzliche Rahmenbestimmung. Es ist durchaus nicht so unmöglich, daß das A.-C. — gesetzt, es sei seiner Zusammensetzung nach doch arbeitsfähig — die speziellen Ausführungsbeschlüsse zu den allgemeinen prinzipiellen Vorschriften so gestaltet, daß von diesen nur noch wenig übrig bleibt und das optima fide. Der Fal!; da® die allgemeine Gesetzgebung durch Ausfühmngsvorschnften im Verwaltungswege in ihr Gegenteil verkehrt werden, ist bekanntlich nicht so selten. Und daß die Beamten und Verbandsführer, aus denen das A.-C. sjch praktisch zusammensetzen würde, in erheblichem Maße sich und ihre Anschauungsweise durchzusetzen bemüht sein werden, ist nun einmal die Eigenart jeder Bürokratie. Dieses Schwergewicht der Bürokratie wirkt sich in der reinen Verwaltungstätigkeit schon hinreichend und nicht immer zum Vorteil der Arbeit aus. Es auch noch in die für die Aufbauarbeit entscheidende Beschlußinstanz legitim einzuführen, ist gefährlich. Hier liegt das schwerste Bedenken gegen Rosenblüths Vorschlag; er behandelt die Kongreßreform unter den psychologisehen Voraussetzungen einer nach rein sachlichen Zweckmäßigkeitserwägungen orientierten Verwaltungsreform. Es geht aber auch — vielleicht sogar in erster Linie — um eine nach imponderabilen politisch-menschlichen Grundhaltungen orientierte Gesinnungsreform. Diese Seite des Kongreßreformproblems fällt in Rosenblüths Betrachtung völlig unter den Tisch. Die Beamtenlrage in Palästina Jerusalem, 6. Juli. (J.T.A.) Die von der zionistisehen Exekutive eingesetzte Kommission, die die Frage der Gehälter der zionistischen Beamten in Pa• lästina im Zusammenhang mit der Notwendigkeit, Erspar• nisse zu machen, zu studieren hatte, hat ihre Arbeiten be* endet und ihre Beobachtungen der Exekutive unterbreitet Die Kommission schlägt vor, 42 Beamte in den verschiedenen Kategorien zu entlassen, und die Gehälter einer großen Zahl anderer Beamter beträchtlich zu reduzieren. Die Kommission hat auch eine definitive Gehälterskala ausgearbeitet, nach der nunmehr verfahren werden soll. 'V st. .״״■