Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1927)
- Date
- 1927-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 53, 5.'VII. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 379 Die Berliner Weizmann-Tage Nach 3</.> tägiger angestrengter Tätigkeit hat Dr. Wciz־ mann Berlin wieder verlassen, Dr. Weidmann hat im Verlauf dieser Tage eine große Zahl von Besprechungen ab* gehalten. Tr wurde vom Reichskanzler empfangen, er war Oast bei einem Frühstück des Auswärtigen Amtes, er hat mit einer großen Anzahl von Persönlichkeiten des politischen und wirtschaftlichen Lebens Besprechungen abgehalten. Bei mehreren Veranstaltungen in Privathäusern hatte Dr. Weizmann außerdem (iclegenheit, mit einer Reihe jüdischer Personfichkeiten die Lage des Aufbau-Werkes zu besprechen. Ueber die Veranstaltung des Pro Palästina- Komitees, he! welcher außer Dr. Weizmann noch die Herren Ciraf Bernstorf f, Oeh.-Rat Sellin, Minister Dr. Becker, Rabbiner Dr. Raeck und Frau Katharina von Kardorff-Ohcimb sprachen, haben wir ausführlich berichtet. Die Veranstaltung hat einen großen Eindruck ins- ,besondere auf die jüdische Öffentlichkeit gemacht, so sehr sich auch unsere Cicgner bemühen, objektive Berichte darüber zu unterdrücken. Den Höhepunkt des Besuches Dr. Weidmanns bedeutete die große Versammlung am Mittwochabend im Lehrer-Vereins haus, die von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gemeinsam mit der Berliner Zionistischen Vereinigung veranstaltet war. Die Versammlung bildete eines der größten Ereignisse des Berliner zionistischen Lebens der letzten Jahre. Der überfüllte Saal, in welchem trotz des Gedränges lautlose Stille und gespannteste Aufmerksamkeit herrschte, bot ein Bild von großer Feierlichkeit. In der Versammlung sprach zuerst Kurt Blumenfeld, der namens der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Dr, Weizmann in Deutschland begrüßt« und die Grundgedanken dariegfe, die die zionistische Politik in Deutschland leiten. Sodann begrüßte namens der Berliner Zionistischen Vereinigung Dr. Kanoivitz den Präsidenten und führte ungefähr folgendes aus: Diese ungeheuere Demonstration des Berliner Zionismus enthebt mich der Aufgabe, nach Worten zu suchen, um Ihnen auszudrücken, was Sic und die Tage Ihrer Anwesenheit für den Berliner Zionismus bedeuten. Sie sind so oft Gegenstand enthusiastischer und begeisterter Begrüßung, daß es für Menschen, die Ihnen die Echtheit ihres Gefühls darlegcn wollen, schwer ist, Worte zu finden. Wir können nur hoffen, daß Sie bei Ihrem Aufenthalt unter den Berliner Zionisten es empfinden werden, was Sie dem deutschen Zionismus bedeuten. Der deutsche Zionismus sieht in ihnen den Repräsentanten der zionistischen Bewegung und begleitet Ihre unermüdliche Arbeit mit Bewunderung und mit dem Wunsch, an! seinem Platz das Notwendige für die Bewegung zu leisten. Wir würden uns glücklich schätzen, wenn Sie bei Ihrer so ungeheuer schweren Arbeit ein Gefühl der Stärkung und Beruhigung von hier mitnehrnen würden in den! Bewußtsein, daß hier ein echter Zionismus lebt, der auch in diesen ernsten Tagen mit unermüdlicher Treue bereit ist, Ihre Arbeit und unser Werk zu fördern. Als letzter sprach Dr. Wciz mann in groß angelegter Rede, die die allgemeinen Richtlinien seiner Polit i k darlegte. Er erörterte die, Ursachen der Wirtschaftskrise in Palästina und zeigte die großen Möglichkeiten der palästinensisehen Entwicklung, die freilich zur Voraussetzung haben, daß systematisch 11 hl ohne Ueberspannung der Kräfte gearbeitet wird. Als wichtigste politische Voraussetzung bezeichnete Dr. Wci/mann, abgesehen von der Unterstützung der Mandafarmacht, die das Mandat auszuführen entschlossen ist, die Herstellung einer Intcressen-Harmonie zwischen Juden und den Arabern. Zum Schluß setzte Dr. Weizmann die unseren Lesern bekannte Politik der Erweiterung der Jewish Agency auseinander. Er schloß mit einem nachdrücklichen Appell die Zionisten, der Bedeutung der Zionistischen Organisation eingedenk zu sein, die auch in der Zukunft noch der Hauptträger cler Lasten des Palästina-Aufbaus sein wird. Nur eine selbstbewußte, fest gefügte Zionistische Organisation, die in ihren eigenen Reihen Ordnung und Disziplin hat, kann die zentripetale Kraft ausüben, eine Peripherie um sich zu sammeln, die unsere Möglichkeiten vergroßem wird. Nach der cinstiindigen Rede im Lehrer-Vereinshaus mußte Dr. Weizmann sich noch in die Parallcl-Vcrsammlung in Haberlands Festsälen bemühen, wo er die Rede wiederholen mußte. In beiden Versammlungen wurden ihm große Ovationen zuteil. Mark Antokolski Z t! in 25 1 ä h 1־ i g c n Todestag. Von Dr. Karl Schwarz. Am 5. Tamiis NC«>2 — vor 23 Jahren — starb Mark Antokolski im 60. Lebensjahre. Er wurde im Wilnaer Cheder erzogen, ging erst ba einem Posamentier, dann bei einem Graveur in die Lehre und kam mit 20 Jahren nach Petersbürg, wo er sich bald infolge seiner Geschicklichkeit an der Akademie durchsetzte Sehr schnell begann der Aufstieg. Eine kleine Holzfigur ,,Der jüdische Schneider“ brachte ihm die erste Auszeichnung. Im folgenden Jahre wurde seine Elfenbeinschnitzerei ״Der Geizhals“ mit der großen Silbermedaille und der Anerkennung des Zaren belohnt. Von den anfangs ihn beschäftigenden jüdischen Stoffen wendet er sich der russischen Geschichte zu. Der Kleinplastiker greift rum Großformat. Die Statue Iwan des Schrecklichen wird im Marmororiginal vorn Zaren erworben, eine Bronzekopie im Museum Alexander III. und eine andere im South- Kensington-Museum aufgcstellt. In Rom vollendet er die Kolossalstatue Peter des Großen und einen ״Christus vor dem Volke“ (um nur die Hauptwerke seiner Entwicklung zu nennen). Es folgen ״Der sterbende Sokrates“ (1876) und sechs Jahre später der ״Spinoza“, die den Höhepunkt, aber auch die künstlerischen Grenzen seines Schaffens bedeuten. Anerkennung und Befehdung wechseln in diesem Künstlerleben. Ucberschwänghrhc Begeisterung auf der einen Seite, da Turgenieff und Sfassov ihn als den bedeutendsten zeitgen russischen russischen Bildhauer feiern, Ablehnung und gehässige Verächtlichmachung durch die russisch-natio- Balistische Presse. Man Wollte ihm sogar die Rückkehr nach Petersburg wegen des Judenediktes Alexander III. unmöglieh machen polemisierte gegen seinen Iwan, der dem russisehen Empfinden fernstehe, leimte den Alexander ab und .»erbitterte den stillen und bescheidenen Künstler, der schließ- 11M1, angewidert von all den um ihn tobenden Kämpfen, im Ausland seine Ruhe suchte und bis an sein in Hamburg erfolgtes Ende mehr wie ein meditierender Philosojrh als ein p wildem Tatendrang schaffender Künstler sein Werk schuf, '״**»♦'* udig und voller Pläne, nie rastend und nie ver- AM 1 *;kurze ,?Auski־ Dr. Weizmann ist von Berlin nach London zurückgekehrt, wo ihn dringende Angelegenheiten erwarten. * Ueber Dr. Weidmanns Tätigkeit in Berlin wird noch gemeldet: Der Dirigent des Auswärtigen Amtes, Freiherr v. Richthofcn, gab am Mittwoch ein Frühstück, dem Staatssekretär Dr. v. Schubert, Kultusminister Dr. Becker, Legationsrat Prof. Dr. Sobernheim, sowie andere hohe Beamte des Auswärtigen Amtes, ferner der sozialdemokratische Führer Dr. Brcitschcid, der Zcntrumsabgeordnctc Dr. Kaas wie auch weitere Diplomaten und Politiker und von jüdischer Seife Direktor Oskar Wassermann, Kurt Blumenfeld und Alfred Berger beiwohnten. Das Frühstück gab Gelegenheit zu einer regen Aussprache über die Lage in Palästina und die zionistischen Ziele. Am 28. Juni abends hatte der Präsident des Deutschen Keren Hajessod, Direktor CKkar Wassermann, aus Anlaß der Anwesenheit Dr. Wei/manns einen Kreis jüdischer Persönlichkeiten zu sich geladen. Gegenstand der Unterhaltung war die finanzielle Lage des Palästinaaufbaus und die Pläne zur Heranziehung privaten Kapitals, die Keren Hajessod-Anleihe usw. Am 29. Juni gab der Bankier Willy Drcyfus zu Ehren Dr. Weizmanns ein Frühstück, bei welchem gleichfalls über die aktuellen Palästinafragen gesprachen wurde. Erfreuliche MißsIMnde Gedanken zur Wcizmann-Kundgebung. Viele waren erregt, daß inan sie nicht am Mittwochabend hineinlicß, trotz der blauen und grünen Karten, daß vor dem Lehrervereinshaus Schupo stand, daß man sich drängen und stoßen mußte, um in den überfüllten Saal zu gelangen. Aber ich war zufrieden, daß ich mitten in diesem Gedränge stand und die Erregung der Masse verspürte, daß mich Schupoleutc rücksichtslos zurikkdrängten. Diese Aufregung gab mir die Ueberzeugung: hier ist etwas los! Weizmann spricht! Ja, es ist ein Ereignes. Heute ist in Berlin erst etwas los, wenn Schupo dabei ist, absperrt, zurückhält. Und dagegen ist selbst das jüdische Temperament machtlos. Wie viele Juden warteten wohl damals auf dem Flugplatz, um den jüdischen Ozeanflieger Levine zu bestaunen, wieviel Juden standen stundenlang auf den Straßen, um den Stahlhelm und die Roten Frontkämpfer zu begaffen? Warum sollten sic nicht auch stundenlang stehen, um Chaim Wcizmann zu sehen, gar zu hören? Und ich freute mich, daß es vor allem die Jugend war, die draußen stand. Die Alten, sie mögen ruhig schon im Saale sitzen, aber die Jugend soll fühlen, daß heute etwas los ist in der jüdischen Welt. Weizmann sagte treffend: er kann die Jugend nicht begeistern mit Rufen zu den Waffen, die wir nicht besitzen, er kann ihnen nicht diese Art Enthusiasmus gehen. Nun, hier konnte sich die Jugend erregen, daß man sie nicht in den Saal ließ, um den großen Führer zu sehen und zu hören. Hier konnten sie lernen, daß zu einer Bewegung ״Zorcs“ gehören und daß Weizmann sich als ״Millionär in Zorcs“ vielleicht noch zu gering einschätzte. Mögen noch oft die Schupos die Zugänge zu überfüllten jüdischen Versammlungen absperren, mögen noch oft du: Massen sich vor den Pforten drängen, um etwas über Palästina zu hören, dann steht es gut um unsere Bewegung, weil man die Bewegung verspürt. Max Kolpenitzkv. Ein österreichisches Pro-Palästina *Komitee Die ״Wiener Morgenzeitung“ teilt mit: Bereits seit längerer Zeit sind Bemühungen im Gange, um nach dem Muster anderer Länder auch in Oesterreich die Bildung eines ,,Pro- Palästina-Komitees“ durchzuffthren. Diese Verhandlungen sind nunmehr soweit gediehen, daß bereits eine große Zahl von hervorragenden Vertretern aller politischen Parteien Oesterreichs sowie der hiesigen wissenschaftlichen Kunst- und Literaturkreise sich zum Beitritt bereit erklärt haben. Die Konstituicrung des österreichischen Pro-Palästifia-Komitees ist daher für den Beginn des Herbstes zu gewärtigen. im Jubiiaumsianr des 1. zionisieimongresses sie jeder Zionist einen Baum im Herzi-M! Dies ist die würdigste Ehrung des Andenkens Theodor Herzl's des Schöpfers des Kongresses. Ir Ein Vierteljahrhundert ist seit seinem Tode vergangen. Antokolskis Name lebt. Und wenn wir heute sein Lebenswerk betrachten und einer kritischen Würdigung unterziehen, so geschieht dies mit dem ehrlichen Bestreben, ihm den gebührenden Platz in der Geschichte einzuräumen. Denn uns ist Antokolskis Schaffen mehr als das Werk eines Künstlers. Er, der erste jüdische Plastiker, der über die Grenzen seiner Heimat bekannt wurde, der als erster in die ,,offizielle Kunst“ cintrat, ist ein Problem. Antokolski war ganz Jude. Jude seiner Abstammung, seinem Empfinden, seiner künstlerischen Begabung nach. Von diesem Gesichtspunkte aus versteht sich erst dieses Mannes Werk, das ein sieghaftes und doch tragisches gewesen. Als Holz- und Elfenbeinschnitzer beginnt er. Es sind kleine, anekdotenhaft gehaltene Werke, in denen er sein Empfinden, seine jüdische Gedankenwelt künstlerisch erzählt. Der jüdische Schneider, der sich müht, den Faden in das Nadelöhr hincinzubckommen; der Geizhals, der ängstlich sein Geld zählt; ein Relief, disputierende Juden darstellend; eine andere Arbeit, halb Freiplastik, halb Relief, deren endgültige Lösung an dem verzwickten künstlerischen Problem scheiterte: Von der Inquisition überfallene Juden. All dieses bringt ein starkes bildnerisches Verlangen zum Ausdruck, das jedoch die Gesetzmäßigkeit der Plastik nicht voll empfindet, seiner ganzen Geistesrichtung nach auch nicht voll empfinden kann. Es ist dem Juden, der ohne Tradition zur Plastik greift, nicht gegefjpn, sein spekulativ-analysierendes Denken visuellkünstlerisch einzustellen. Der Jude hört mit den Augen. D. h. das reine Sehen, das die Plastik in viel höherem Maße verlangt als die Malerei, das dreidimensionale Empfinden, das tektonisch Absolute liegt ihm nicht. Seine ganze Erziehung von den Urvätern an, der durch das ״Lernen“ geschärfte Geist, das in ihm siedende orientalische Blut gibt ihm die Fähigkeit, sich mehr mit dem Inhalt der Dinge als mit dem Ding an sich zu beschäftigen. Er fragt nicht nach dem Aussehen, sondern nach dem Wesen des Menschen. Er will nicht an der Oberfläche bleiben, sondern dessen Kern ergründen. Daher fehlt es uns an plastischen Begabungen. Antokolski wagt den Schritt zur Groß- und Freiplastik. Und hier wird und bleibt seine Kunst Problem. Sein Iwan ist trotz aller Größe anekdotenhaft und daher die gegen dieses Die Berliner Repräsentanten-Wahlen bestätigt Wie wir erfahren, hat das Polizei-Präsidium soeben die ,Wahlen zur Repräscntantcn-Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde bestätigt. Dem Beschwerdeführer Dr. Manfred Blochert wurde mitgctcilt, daß der Vorstand nach Ansicht des Polizei-Präsidiums den Erfordernissen der Nachprüfung des Wahlresultates entsprochen hat, so daß zu weiterem Eingreifen kein Anlaß ist. Damit ist diese Angelcgenheit endlich erledigt. Die Wahlen, die iin Mai 1926 stattgefunden haben, sind bekanntlich von den Liberalen und später von den nationaldeutschen Juden angefochten worden. Auch nachdem der Polizei-Präsident den Wahlprotest bereits abgclchnt hatte, haben die national-deutschen Juden nochmals einen Protest eingereicht. Durch dieses Mittel ist die Konstituierung der gewählten Repräscntanfen-Versammlung, in welcher die Libernlen in der Minderheit sind, immer wieder hinausgezögert worden. Nunmehr hat durch die Entscheidung des Polizei- Präsidiums die alte Repräsentanten-Versammlung zu bestehen aufgehört. Wann die Konstituierung der neuen erfolgen wird, ist noch nicht festgestellt, da im Juli und August ein Teil der Repräsentanten verreist sein dürfte. Die Jewish Agency-Kommission Jerusalem, 30. Juni (J. T, A.) Am 29. Juni hat Dr, Lee K. Frankel, Vizepräsident der Metropolitan Lif« Insurance Cotnpnnv in New York und Mitglied der unparteiisehen Jewish Agency-Kommission, der zu Anfang dieses Monats in Palästina eintraf, die Rückreise nach Amerika angetreten. Mit ihm reisten ab der Sekretär der amerikanischen Abteilung der Jewish Agcncy-Kommission Dr. Maurice B. Mexter, Dozent an der Harvard-Universität, Dr. Charles F. W i I in s k y , der stellvertretende Kommissar für Gesundheitswesen der Stadt Boston, der als Sachverständiger für Hygiene die Verhältnisse in Palästina studiert hat. Vor seiner Abreise empfing Dr. Frankel die Vertreter der Presse und erklärte, die Kommission hätte 20 Kolonien der verschiedensten Typen besucht und alle Zweige des Lebens in Palästina beobachtet. Sie hätte ein vollständiges Bild von den Verhältnissen gewonnen und sei somit in der Lage, ihr Teil zu dem Generalbericht über die Aussichten des Aufbauwerks in Palästina beizutragen. Jeder Experte wird einen detaillierten Bericht über sein Sonderfach _abfassen und der unparteiischen Kommission unterbreiten. Diese Kommission wird dann ein Resümee der Einzelberichte abfassen und Anregungen für den weiteren Aufbau geben. In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüd. Tel.-Ag.. äußerte sich Herr Felix M. W a r b u r g über seine Erichnissc in Palästina folgendermaßen: Ich gewann in Palästina, das unter der bewundernswerten Verwaltung von Ford Phmicr steht, den Eindruck, daß das Problem des Zusammenlebens von Juden und Arabern in rapider Weise an Schärfe verliert. Ferner fand ich, daß eine Anzahl der neuen jüdischen Kolonien auf eine erfolgreiche Geschäftsbasis kommt. Wenn die enthusiastische Mitarbeit, die diese Entwicklung möglich gemacht hat, andauert, so wird sich dieser Weltwinkel, der so viele Religionen und so viele Völker inspiriert hat, zu einer Stätte erfolgreicher Arbeit entwickeln. Es wird noch viel Zeit und viel finanzieller Opfer bedürfen, um jene Schwierigkeiten zu überwinden, die sich nach der langen Periode der Mißwirtschaft unter den früheren Re• gierungen ergeben. Aber schließlich wird sich das Land aus eigenen Kräften entwickeln können. Ich bin sehr hoffnungsvoll in bezug auf die Universität, die sich zu einem Zentrum jüdischer Inspiration und Erziehung auswächst. Auch diejenigen Departements, die nicht direkt mit jüdischen Studien zu tun haben, dienen der Entwicklung jüdischen Geistes und werden ein Segen sein für das Land. Laut dem ״Haare/“ soll Dr. Lee K. Frankel während seines Besuches in Tel -Awiw erklärt haben, daß die Sachverständigen hoffen, ihren Bericht im Herbst fertigstellen zu können. Im Winter sollen dann Sir Alfred Mond und Direktor Wassermann nach Amerika kommen, um auf Grund dieses Berichtes der Experten den eigentlichen Bericht der Kommission auszuarbeiten, der nicht später als Anfang 19 2 8 fertig werden soll. Auf Wunsch des englischen Königs wurde Leopold Pi li c h 0 w s k i s Gemälde ״Die Eröffnung der Hebräischen Universität in Jerusalem durch Lord Balfour" in den Buckingham-Palast gebracht und einen Tag lang in der Krönungshalle ausgestellt. Das Gemälde wurde sodann nach der White Chapel-Kunstgaleric gebracht, wo es am 30. Juni der privaten Besichtigung zugänglich gemacht wurde. Werk geführte Polemik durchaus zu verstehen. Man empfand im Gegenlager das Unbefriedigende, ohne cs jedoch in der richtigen Weise aiis/udrücken. Der Schreckliche ist nicht schrecklich, es ist nicht das Monument, das in jeder Linie, jeder Falte die Dämonie des furchtbaren Zaren darstellt. Ein Zuviel an Kleinlichem zerstört die Gesamtwirkung. Ein im Jahre 1873 geschaffener Marmorkopf des Mephisto zeigt so recht die Grenzen seines plastischen Könnens: es entsteht ein kleiner Kobold, der schalkhaft lächelt. — Der sterbende Sokrates ist wohl seine hervorragendste Leistung. Der in dem mächtigen Sessel zusammengesunkene Körper, dessen Glieder erschlaffen, die herabhängenden Arme und der auf die Brust sinkende Kahlschädcl sind einheitlicher Rhythmus. Doch auch hier ist nicht das Letzte gefunden. Das Werk hat seitliche Angriffspunkte, die die Geschlossenheit stören und seine Wirkung allschwächen. Viel weniger befriedigend ist die Marmorstatue des sinnenden Spinoza, wo der Jude Antokolski zuviel von seiner Seele in das Werk gelegt hat, sich in zu großer Liebe zu seinem Heiden selbst verlor, ein Zuviel geben wollte. Gerade hier hat er mehr mit spekiilativ-analysierendcm Sinnen als mit dem Auge gearbeitet. Das ist das Problem Antokolski, der noch zu sehr mit dem Wesen seines Volkes verknüpft ist, als daß er der wirklieh große Bildhauer hätte werden können. Es nimmt nichts von der Größe seines künstlerischen Schaffens, denn er ist der Pionier, der als erster den Schritt in die Plastik wagte. Daß er das gelobte Land der Erfüllung nicht erreichte, daß er wohl selbst am besten wußte, wie groß noch seine Unzukingliclikcit war, empfinden wir an dem philosophischen Abklang seiner letzten Jahre. Seine Schüler sind über ihn nicht hinausgelangt. Erst die jüngste Generation hat aus seinem Erbe die Lehre zu ziehen verstanden und weist ihm in Ehrfurcht den Platz in der Geschichte an: dem uncrschrockenen Führer zur Eroberung des uns durch Jahrhunderte entfremdeten Kunstgebietes der Plastik. Der Begründer und langjährige Chefredakteur der großen New Yorker Tageszeitung ״Forward“ (Vorwärts), Abraham C a h a 1!, dessen Memoiren in Nr. 50 der ״J. R.“ von Gorelik besprochen waren, weilte mehrere Tage in Berlin.