Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-06-24 · Heft 50 (24.6.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 50 (24.6.1927)
Date
1927-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652923--19202-2677051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 50 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 357 Die Memoiren von Ab. Cahan (״Blätter aus meinem Leben“, von Ab. Cahan, New York, herausgegeben von der ״Vorwärts“-Gesellscl1aft.) Von Sch. Gore lik. I. Ab. Cahan, der Mitbegründer und Redakteur des New Yorker ״Vorwärts“, der verbreitetsten jüdischen Zeitung in Amerika, und auch sonst gewiß eine der markantesten, wenn auch viel umstrittenen Persönlichkeiten des jüdischen New York, hat jetzt ein dreibändiges Werk, das die Erinnerungen seines Lebens enthält, erscheinen lassen. Er ist 67 Jahre alt, also an jenem Zeitpunkt angelangt, wo man im Begriffe ist, Rückschau zu halten, sich Rechenschaft über das Vergangene, über diese kurze Weile zwischen zwei Ewigkeiten, die wir unser Leben nennen, abzulegen. Der erste Band ist der alten Heimat gewidmet, die anderen beiden umfassen die Erinnerungen seines überaus tätigen und temperamentvollen Wirkens seit seiner Ankunft in New York im Jahre 1882 bis 1897, dem Jahr der ״Vorwärts“־Gr£indung. Er bringt also die Erinnerungen vorläufig bis zu seinem 37• Lebensjahre, Jahre, die als Sturm- und Drangperiode gewertet werden dürfen. Gute, beste Zeit! in der das Don Quichotische, das ein jeder doch besitzt, wenn er nicht ganz unbegnadet ist, zum Vorschein kommt. Man sollte eigentlich nur von diesen Jahren erzählen, in denen man in edler Rüstung auf einem hohen Roß sitzt, immer bereit, große Taten zu vollführen und für Ideale zu kämpfen. Daß der stürmende Ritter später, oft nach nicht langer Zeit, in einen prosaischen, ruhigen Sancho-Pansa sich verwandelt, wissen wir ohnehin. Auch Cahan, der uns hier sein Leben erzählt, ist mit dem Feuer der Begeisterung begnadet gewesen. Enthusiastischer, flammender Sozialist, gleichzeitig aber mit einem großen Sinn für die Realitäten, wirkte er Jahrzehnte unter der jüdischen Bevölkerung in New York und erwarb sich große Verdienste. Von diesem Wirken, vom Erlebten und Gesehenen erzählt er nun, erzählt gut, talentvoll, oft spannend, so daß seine Memoiren außer ihrem historischen Wert auch als anregende Lektüre angesehen werden dürfen. Nicht, daß seinem Leben Abenteuerliches anhaftet, sondern die Zeit, die er vorführt, war eine äußerst interessante. Cahan verließ sein altes Heim, als es noch fest in seinem Gefüge stand, und ging nach Amerika, das erst anfing, Schicksal für einen großen Teil des jüdischen Volkes zu werden. Nicht nur stand er bei der Geburt dieses neuen Lebens, sondern er war aurh einer von den stark Wirkenden, und die Schilderungen all dieser Jahre sind von bedeutendem Wert. Cahan besitzt ein phänomenales Gedächtnis für Menschen und Ereignisse. Diese Gabe kommt ihm zunutze, da er es liebt, ausführlich, weitschweifig zu erzählen. Nichts scheint ihm unwichtig, was mit seiner Kindheit, Jugend und seinen Sturmjahren in Beziehung steht. Ein Kritiker, der ihm alles andere als gut gesinnt ist, betrachtet, nicht ohne Ironie, das auffallende Bemühen Cahans, der Nachwelt nichts vorzuenthalten, was seine Person, sein Tun und Wirken angeht. Nun, ein Selbstverleugner ist unser Memoirist sicherlich nicht, aber man muß gerecht sein und zugeben, daß Cahan nicht nur über sich mit einer gewissen Wonne spricht, sondern diese Wonne auch die ihn umgebende Welt mit einschließt. Das Ausführliche, das Verweilen bei Details, das seiner Schreibmanier eigen sind, macht längst Vergessenes wieder lebendig. Bei der Schilderung der Kindheits- und Lehrjahre liebt er es nicht nur zu erzählen, in welchem Hofe seine Eltern wohnten und bei welchem Rebben er lernte, sondern alle Nachbarn, alle Mitbewohner des Hofes, sowie die Familie des Rebben, die Mifschüler sind in einer eindrucksvollen Art geschildert. Es ergeben sich dadurch sehr interessante Einblicke in ein Leben voller Eigentümlichkeiten. Eine ganz jüdische Bevölkerung zieht an uns vorbei, darunter Gestalten, die unsere Aufmerksamkeit fesseln, denn die Heimat Cahans ist die berühmte Gaon-Stadt, ist jenes Wilna vor 50—60 Jahren, das ״Jeruscholajm de Lita“ genannt wird. Und diese mit Geistigkeit durchtränkte Stadt mit ihren vielen alten Synagogen, Jeschiboth, Magidim, Chasonim, mit den ersten Gottlosen, die ihre Kinder ins Gymnasium schicken, lebt wieder auf. Einige für jene Zeit bedeutende Repräsentanten der Haskala, wie Kähnen Schulman, Aisik Meier Diek, Odom Hakohen Lewensohn (Berl Michaleschker genannt) sehen wir über die Straßen Wilnas still, in fortschrittliche, ketzerische Gedanken versunken und vor sich hinlächelnd, wandeln. Eliokum Zunser, den berühmten Badchon und Volkssänger, an dessen Liedern die Juden Litauens und der Ukraine Trost und Vergnügen fanden, sehen wir auf einer reichen Hochzeit seine volkstiimliche Kunst zum Besten geben. Und die legendären Witzlinge Motke Chabad, Schaike Pfeifer treiben ihr heiteres Wesen. Welch eine Stadt! Ihre Einwohner können die bitterste Not ertragen, nur nicht zu den Unwissenden, zu den Arn-Haarazim gezählt zu werden, und der einzige Unkundige unter den gelehrten Nachbarn in einem der dicht bevölkerten Wilnaer Höfe bemüht sich, wenigstens eine Gelehrsamkeit vorzutäuschen. ״Ganz früh steh ich mir uff un lern mir abissele“ lügt dieser ehrliche biedere Mann, weil es ihm so unendlich schwer fällt, sein ״Am- Haarazes“ zu gestehen. Der Schreiber dieser Zeilen, der sich des Wilna vor 35 Jahren gut erinnert, erkennt und erlebt in Cahans Schiiderungen wieder diese merkwürdige, bedeutende Stadt, die trotz des großen Niederganges noch bis auf den heutigen Tag vieles von ihrer geistigen Anmut und Reinheit bewahrt hat. li. Die Hauptaufmerksamkeit des Lesers der Cahanschen Memoiren wird wohl jenem Teil zukommen, der das jüdische Leben in Amerika der 80er und 90er Jahre behandelt. Cahans Auswanderung nach Amerika fiel gerade zusammen mit dem Anfang der großen jüdischen Emigration, die der Pogromwelie im Jahre 1881 folgte. Als er wegen Belästijungen der politischen Polizei aus dem Städtchen Welisch, wo er Volkslehrer war, nach der Ukraine flüchtete, bot sich ihm dort ein seltsames Bild: Die ukrainische Judenheit befand sich in einer verheißungsvollen Aufregung, allerorten wurde nur von Auswanderung nach Amerika gesprochen, auf den Bahnhöfen von Kiew und anderen ,großen ukrainisehen Städten sah man Scharen jüdischer Reisender, die sich auf dem Wege nach der Neuen Welt befanden. Man merkte trotz des schweren Geprüftseins keine Verzweiflungsstimrnung, sie wurde verdrängt durch eine Begeisterung, die sich der Massen, wie auch der erwachten jüdischen Intelligenz bemächtigte und die der Ausdruck einer neuen Hoffnung war! Zumal die Intelligenz, für die die Pogromereiigujsse ein Umlernen, ein Sichändern im Verhältnis zum eigenen Volke, von dem sie sich entfernt hatte, bedeuteten, verband mit dieser Auswanderung nach Amerika auch den Wunsch nach Erfüllung jenes Ideals des Gemeinschaftslebens, das ihr als das Vollkommenste erschien. Es bildeten sich unter dieser Intelligenz die sogenannte ״Am-Eilom״-Grt!ppcn, mit dem Ziele, in der Neuen Welt Kolonien auf sozialistischer Grundlage zu gründen! Weil es kein panikartiges Flüchten von einem Pogrom, sondern eine erworbene Erkenntnis mit Trotz und Willen zu einem neuen Leben war, so konnte eine gedrückte Stimmung nicht aufkommen, es herrschte im Gegenteil eine Zuversicht, ähnlich wie bei den Bilu-Leuten, die den palästinensischen Flügel der zum nationalen Bewußtsein erwachten jüdischen Intelligenz darstellten. Es muß bemerkt werden, daß auch die ״Amerikaner“ nicht allein mit utopischen sozialen Idealen durchdrungen.waren, sondern auch starke nationale Stimmungen aufweisen konnten, wenngleich sich diese Stimmungen nicht dominierend äußerten, wie das bei den Bilu der Fall war. Auch die ״Amerikaner“ betrachteten sich als Pioniere, als Meraglim, denen eine Sendung obliegt, ein Heim für das jüdische Volk zu gründen. ״In die idealistische Seite der Bewegung — schreibt Cahan — sind auch einfache Juden hineingezogen worden. Gleich der Intelligenz, waren auch sie begeistert. Ganz einfache Juden, Werkmeister und Händler, denen es in Rußland nicht schlecht ging, verkauften alles und trugen es zu den Gruppen, die nach Amerika fuhren, um ein neues jüdisches Leben zu gründen. Sie taten cs mit einer religiösen Begeisterung, und es gab Beispiele von Selbstaufopferung, viele goldene Momente sind in jenen Tagen zu verzeichnen gewesen.“ Cahan wurde von diesem Strom mitgerissen. Er hatte das Glück, einer der Mitreisenden in jenem historischen Zug zu sein, der an einem Sonnabend des Jahres 18S2 von Kiew abfuhr. Es war der erste Zug, der eine sehr beträchtliche Zahl Amerika-Auswanderer mitnahm, und jener Sonnabend darf mit Recht als der Anfang der großen jüdischen Emigration bezeichnet werden. Und mit dem Strom dieser ersten Emigranten, der sich über das damals noch unbedeutende jüdische Viertel in New York (die jüdische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zählte damals weniger als hunderttausend Seelen) ausbreitete und ergoß, landete auch eine ansehnliche Zahl idealistisch gestimmter und begeisterter jüdischer Intelligenz. Betrachtet man die vergeistigten Gesichter, die uns aus den Photographien, die den Memoiren Cahans beigegeben sind, anblicken, so denkt man, daß man sich in einer Kwuzah oder auf einer Chaluzitn-Versammlung in Tel-Awiw befindet. In der Tat waren es Menschen von derselben seelischen und geistigen Beschaffenheit, wie wir sie jetzt in Palästina vor uns haben. New York beherbergte damals jüdische Träumer, Utopisten, aller Art soziale Experimentatoren. Daß die Leute um die ״Am-Eilom“- Gruppen es ernst mit ihren Plänen meinten, zeigte unter allen anderen Versuchen der Versuch mit der Farm in Origon, wo man an die Verwirklichung der Gemeinschaftsideale herantrat. Zwar mußte diese Farm aufgegeben werden, aber erst lange nachdem die Mitglieder unter den größten Opfern sich abgemüht hatten, die strengsten Prinzipien der neuen sozialen Ordnung durchzuführen. Unter den Eindrücken und Notwendigkeiten der realen Welt erwarben sie sich später eine nüchternere Auffassung vom Leben; viele fanden bald den vorteilhafteren Weg des persönlichen Erfolges, aus ihnen wurden gute Aerzte, Rechtsanwälte, erfolgreiche Kaufleute. Das Gros der Intelligenz aber blieb bei den Massen*, bei dem Volke; leitete seine geseltschaftliehe, politische und soziale Erziehung, zerstreute die auf dem neuen Boden sich elend und einsam Fühlenden durch Vorträge und Versammlungen, teilte das bißchen Wissen über die Welt und die Dinge, das sie besaß, mit den Unwissenden, Morgens lasen sie ein Buch oder eine Broschüre und abends trugen sie schon vor dankbaren Zuhörern dessen Inhalt vor. Sie predigten Sozialismus dem jüdischen Proletarier, der sich gestern noch als Makler und Händler betätigte. Und da diese neu gewordenen Proletarier noch fromme Juden waren und mit bedecktem Haupt auf den Mähmaschinen saßen, gaben sie ihren Reden und sozialen und freiheitlichen Botschaften oft die Form von religiösen Predigten. Ab. Cahan z. B. zeichnete seine Feuilletons in der ersten New Yorker jüdischen Wochenschrift mit den Worten: ״Der proletarische Magid.“ Sie waren echte Volksfreunde, diese Intelligenten, sie traten als Helfer und Tröster der neu Eingewanderten auf in den ersten Jahren der Emigration, die sehr, sehr schwer ausfielen. Die Ahnung, die die Auswanderer hatten, daß durch sie ein neuer historischer Prozeß eingeleitet werde und jedes neue Schiff, das jüdische Emigranten ins Land brachte, eine Maßnahme des Schicksals bedeute, damit zur gegebenen Zeit eine starke amerikanische Judenheit da sein sollte, diese Ahnung war wohl eine richtige, aber die Bitternis der ersten Zeit wurde dadurch nicht geringer. An den Schwellen der schmutzigen, unfrohen Häuser des New Yorker jüdischen “Viertels saßen die Emigranten nach einem langen Arbeitstag müde, traurig, und sannen darüber nach, daß das neue Leben, das ihnen vorschwebte, als sie sich auf den Weg nach Amerika machten, in Wirklichkeit doch recht trübe aussah. Morris Rosenfeld, auch einer von den Ersten, die herüberkamen, gab in seiner Lyrik jenen Gefühlen und Stimmungen Ausdruck, die die ״grünen“ Emigranten •damals beherrschten. Er sang das erschütternde Lied von dem neu gewordenen Proletarier, der niemals Zeit hat, sein geliebtes Kind zu sehen: Ich hob a kleines Ingele A Suhnele gor a fains, Wenn ich seh im, ducht sich mir Die ganze Welt is mains. Nor selten, selten seh ich im usw. Könnte man die Briefe, die damals aus Amerika an die Verwandten nach der Ukraine, nach Litauen geschrieben wurden, auffinden, wir würden dann aufs höchste von der Tiefe der Sehnsucht nach der alten Heimat ergriffen, von dem Schmerz und Seelenweh, das aus jeder Zeile schrie. Und da kann der große Dienst an den Massen, den die Intelligenz damals geleistet hat, gar nicht genug geschätzt und betont werden. Sie leisteten, diese ehemaligen Volkslehrer, Studenten und jetzt selbst Arbeiter, seelischen und geistigen Beistand, sie schufen die ersten Arbeiterorganisationen, sie führten den Kampf gegen das Schwitz-System, sie gründeten die ersten Zeitungen, sie sprachen den Mutlosen Mut zu, obwohl sie selbst noch unerfahren im Leben waren und sie selbst trotz der schwungvollen Reden über die Verbrüderung der Menschheit, und die hohen Ideale der Freiheit und Gleichheit, von einer qualvollen Sehnsucht nach der alten Heimat geplagt wurden. ״Ach —, wie angenehm es war — erzählt Cahan — nach Hause zu schreiben.“ ״Oft — bemerkt er weiter — spazierend durch die |5traße11, pflegte ich still vor mir eines von jenen Nigunim zu sinken. d:e ich von meinem Vater gehört habe.“ j ׳:Dj<: kulturelle und soziale Leistung/' volks undh'chen I jü.au^ei.? iligeaz jener ersten Emigrat; d ' sich nicht nur in der Gründung und dem Ausbau der mächtigen Trade-Unions aus, durch die die materielle Existenz des jüdisehen Arbeiters auf ein hohes Niveau gebracht wurde, und auch nicht in den imposanten ״Vorwärts“-Buildings allein. Jene Arbeit war im Grunde genommen eine nationale gewesen. Sic hat die Massen vor der Assimilation geschützt, sie hat den jüdischen Leser geschaffen. Die Assimilation in Amerika, die jetzt immer größere Fortschritte macht, wäre viel früher eingetreten. Nun, es hat sich mit den Jahren so unendlich vieles verändert. Aus den flammenden Enthusiasten sind inzwischen behäbige, gut bezahlte Gewerkschaftsführer geworden, und Rosenfelds Lyrik klagte später nicht über schwere Arbeit, sondern über die Sklaverei des Journalismus: Die Pen (Feder) wos hat mir gedient Mus ich allein izt dienen Ich wein eif jeden Tropfen Tint Wos is farau derinen. Und wenn ihn ein Ekel packte vor der Geist- und Ideen- Iosigkeit, die später herrschten, sehnte er sich sogar nach jener Zeit der elendsten Arbeit, aber der reinen Seelen zurück. Wil schaffen bitter, schaffen schwer jo schaffen on a taine rardingen kori ich nor die Scher Die Pen mus bleiben meine. Hl. Es konnte natürlich nicht ausbieiben, daß bei einem Detail- Schildercr wie Cahan, Bilder auch von dem nicht-jüdisehen Amerika gegeben wurden, vom New York der 80er und 90er Jahre ohne Wolkenkratzer und nur sehr wenigen Millionären, von korrumpierten Politikern, die während der Wahlzeit an den Straßenecken mit Säcken voll Geld stehen und Wählerstimmen einhandcln. Aber auch Persönlichkeiten von selten idealistischer Reinheit begegnen wir. Es würde zu weit führen, auf diesen allgemeinen Teil der Cahanschen Erinnerungen einzugehen, es soll hier nur vermerkt werden, daß der amerikanische Boden damals eine ganze Anzahl auch nichtjüdischer Träumer, Sozialreformer und Utopisten trug. Einige von ihnen suchten und fanden Anlehnung bei den eingewanderten jüdischen Enthusiasten. So wird z. B. viel von einem gewissen Frey erzählt, der aus dem Positivismus von Auguste Comte eine Religion für sich gemacht hat, der ein Mensch von himmlischer Lauterkeit und Güte, ein Heiliger war. Dieser Frey schloß sich der ״Am-Eilom“-Gruppe an, die nach Origon ging, um dort eine neue Gemeinschaft zu gründen. Wir wohnen auch einem höchst interessanten, sehr amüsanten Disput bei zwischen dem Agrar-Rc former Henry George, der damals in Amerika viele Anhänger hatte, und dein russischen Sozialdemokraten aristokratischer Herkunft Schevitz. Diesen Sehewitz hören wir auch 2u den jüdischen Emigranten sprechen, und wenn er hier erwähnt wird, geschieht es hauptsächlich seiner Frau wegen, die keine andere ist, als die berühmte Helene von Dönniges-Rakowitz, die Ferdinand Lassalle zum Verhängnis wurde. Cahan war zweimal Delegierter auf den Internationalen Sozialisten-Kongressen in den 99er Jahren und traf dort im Namen der jüdischen Arbeiter in Amerika auf. Aus diesem Teil seiner Tätigkeit verlohnt es sich, eine Episode zu erwähnen, die von einiger Wichtigkeit ist, nämlich die Episode mit Punkt 4 der Tagesordnung auf dem Internationalen Sozialisten-Kongreß in Brüssel im Jahre 1891, den Cahan eingebracht hat und der lautet: Wiesollensichdieorganisierten Arbeiter aller Länder zu d e r Jud e n f ra g e verhalten? Dieser Punkt 4 gab Anlaß zu Aufregungen seitens der Kongreßmitglieder, wie auch seitens verschiedener jüdischer Notablen. Der Brüsseler Rabbiner bekundete großes Interesse für den jüdischen Delegierten aus Amerika, er lud ihn zu Mittag ein und gab ihm zu verstehen, daß die Absicht, auf dem Kongreß eine jüdische Resolution einzubringen, ihn, den Rabbiner, mit ernster Sorge erfülle, denn es sei zu befürchten, daß die Welt eine derartige Resolution als Taktlosigkeit empfinden und es nur ״Risches“ geben werde. Merkwürdig ist es nur, daß der damalige Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Victor Adler, und Paul Singer von der deutschen Sozialdemokratie sich mit derselben Bitte an ihre Gesinnungs- und Glaubensgenossen wandten, von diesem unseligen Punkt 4 Abstand zu nehmen. Die Argumente, die sie vorbrachten, waren, wenn auch etwas anders nüanciert, im Grunde genommen dieselben, wie die des Brüsseler Rabbiners: Nur keinen ״Risches“ machen. Es muß Cahan hoch an gerechnet werden, daß er sich durch diese Einwendungen und Ratschläge von seinem Vorhaben nicht abbringen ließ. Er bestand auf dem Punkt 4, hielt eine temperamentvolle Rede über die Judenfrage, aber seine Resolution ging dennoch nicht durch, man einigte sich auf eine sonderbare Resolution, in der zum Ausdruck gebracht wurde, daß der Kongreß den Antisemitismus wie auch den Philosemitismus verdämmt. Es ist zu begreifen, wenn in Cahans Erinnerungen die Ent- Stellung und Entwicklung der jüdischen Arbeiterbewe g u n g in Amerika einen besonders breiten Raum einnimmt, das geschieht aber keineswegs auf Kosten des allgemeinen jüdischen Lebens, das sehr eindrucksvoll und ausführlich geschildert wird. Besonders interessant sind die Erzählungen Cahans von den Anfängen des jüdischen Theaters in Amerika, von den elenden Schmierern, die sich als Dramaturgen gebärdeten, von dem tiefen Niveau dieses Theaterlebens, wobei auf einzelne Schauspieler, wie zum Beispiel Mogulesko aus Rumänien, die sich durch großes Talent auszeichneten, hingewiesen wird. Von der allmählichen Ausdehnung des jüdischen Viertels, von der fortschreitenden Erstarkung und Festigung der jüdischen New Yorker Gemeinde erzählt Cahan in wechselvollen Bildern. All right! Nicht nur werden Frauen, Eltern, Verwandte und Freunde aus der alten Heimat herübergeholt, man importiert auch schon für die neugebauten Synagogen die berühmtesten Chasonim Kuper und Minkowski. Zwar sind unter den Eingewanderten noch keine besonders reichen Leute, der materielle Aufschwung wird erst nach einigen Jahren kommen, aber immerhin, man ist schon kräftig genug, lind bei dem orthodoxen Teil der New Yorker jüdischen Bevölkerung wird der Gedanke wach, daß es endlich an der Zeit sei, sich nach einem großen Row umzusehen. Ein solcher fehlt noch in New York. Und sic ließen sich den Wilnaer Stadt-Magid Reb Jankew-Josef kommen. Sie können’s sich leisten. Wilna aber ist arm und kann ihn nicht für sich behalten. Ein einfacher, guter Jude Michl Beirak, ein Onkel Cahans, schreibt einen Brief an seinen Neffen über diese Angelegenheit. Der Brief ist so schön, ja ergreifend, beleuchtet derart das jüdische Wesen von damals, daß ich nicht umhin kann, ihn hier zu bringen: ״Er ist uns sehr teuer. Er ist ein großer Charif und ein seltener Jore Schomajim. Uns tut das Herz weh, daß wir uns oz ihn! verabschieden mußten. Man möchte nicht einen solch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.