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Jüdische Rundschau · 1927-06-21 · Heft 49 (21.6.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 49 (21.6.1927)
Date
1927-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. «9 Seite 35! ’ROftWCHXÜ «d*f Wiener Brief Zionistische Provlnztagung in Graz. — Vor den Kongreßwählen. — Die UniversitStskrawalle. , * Von unserem Korrespondenten. I. th. Wien, 17. Juni. Die maßgebenden zionistischen Behörden und Persönlichkeiten in Oesterreich haben sich jetzt auf die Bedeutung de* organisatorischen Zusammenfassung der Zionisten der österreicWschen Provinz besonnen. Man hat eingesehen, daß es nicht angeht, ganze Judengemeinden außerhalb des zionistisehen Wirkungskreises zu lassen, nur darum, weil sie quantitativ nicht so sehr ins Gewicht fallend, für die spezifischen Wiener innerpolitischen Ziele nicht in Betracht kamen. Insbesondere dank der energischen und zielbewußten Tätigkeit des Präsii denten des Landeskomitecs, Dr. O o 1 d h a m in e r, hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die straffe Organisierung der Zionisten der Provinz eine Stärkung der Gesamtorganisation bedeute und überdies eine Pflicht der zionistischen Leitung in Oesterreich sei. Man entschloß sich daher, eine Provinztagung einzuberufen, die im Februar dieses Jahres stattfinden sollte. Sie wurde wegen der Wahl zum Nationalrat immer wieder verschoben und fand am 11. und 12. Juni d. J. in Oraz statt. Es war zwar nicht die erste Provinztagung in Oesterreich, denn schon im Jahre 1922 beriefen die Provinzorganisationen eine Tagung nach Linz ein, die aber ebenso wie eine im Jahre 1925 (im Anschluß an den Parteitag abgehaltene) keine greifbaren Resultate brachte; es war aber die erste offiziell vom Landeskomitee cinberufene und — was noch wichtiger — die erste gelungene. Die Tagung ist sehr zahlreich beschickt worden, es waren u. a. die Städte: Graz, Linz, Innsbruck, Salzburg, Amtstetten und Leoben vertreten. Sie wurde Samstag, den 11. Juni, von Dr. Goldhammer eröffnet, der in seiner Begrüßungsansprache die Gründe darlegte, die zur Wahl von Oraz als Konferenzort geführt haben. Oraz sei die große jüdische Provinzgemeinde Oesterreichs und die erste, die eine zionistische Kultusmehrheit besitze. Als Symptom für die propagandistische Wirkung der Tagung sei vermerkt, daß am Samstag vormittag der Landesrabbiner Prof. Dr. Herzog vor der Bundeslade für das Gelingen der Tagung ein Gebet sprach. Nach den Begrüßungen sprachen Dr. Rothbtura über die Krise im Zionismus und Vizepräsident Dr. Löwen• herz über die zionistische Politik in der Kuitusgemeinde. Der Eröffnungsabend schloß mit einer unter stürmischem Beifall angenommenen (von Herrn Schiller aus Linz angebrachten) Ver• trauensresolution für die Exekutive und insbesondere für Dr. Wcizmann. Der Sonntag war den Referaten und Debatten gewidmet. Herr Schiller referierte über den Aufbau der Provinz- Organisation und verlangte für die Provinz einen größeren Einfluß auf die Landespolitik־ und gleichzeitig eine gewisse Autonornie. Die Zahl der Delegierten zum Parteitag sollte mit 70 begrenzt werden, davon 50 aus Wien und 20 aus der Provinz, im Sinne dieses Referates wurde dann ein Zionistische» Provinzverband Oesterreichs begründet, der wohl das wichtigste positive Ergebnis der Tagung ist. Zum Präsidenten des Verbandes wurde Dr. Robert Sonnenwald aus Graz gewählt. Ueber die innerpolitische Arbeit sprach Herr Karl Schwarz. Ein besonders aufschlußreiches Referat hielt der Präsident der Grazer Kultusgemeinde, Dr. Robert Sonnenwald, der nach einem historischen Ucberblick über die Ent- Wicklung der Rechte der Juden in Oesterreich die Aufgaben der Kultusgemeinden als Volksgemeinden präzisierte. Die Er* oberung der jüdischen Gemeinde, ihre Ausgestaltung zu einem Instrument der kulturellen, politischen und sozialen Entwicklung der Juden ist in allen Ländern der Galuth Jetzt aktuell, ganz be■ sojwwrs in Oesterreich, wo sie vielleicht, die.«!rage Möglichkeit ist, sich politisch zu behaupten und die kulturelle Arbeit zu intensivieren. Die Teilnehmer der Tagung waren sich der Tragweite dieses Problems voll bewußt, was schließlich auch in einer Resolution, in der die energische Fortführung des Kampfes um die Gemeinden betont wurde, zum Ausdruck kam. Neben der Gründung des Verbandes und der Aufrollung der Frage der Eroberung der Mehrheit in den Kultusstuben hat aber die Tagung auch nach anderen Richtungen hin befruchtend gewirkt. Die zionistische Jugend der öster• reichischen Provinz wurde aus ihrer Lethargie und Resignation aufgerüttelt, und es ist zu hoffen, daß die Anregungen, die in Oraz empfangen und gegeben wurden, zu einer Belebung der Jugendbewegung und zu einer Stärkung der kulturellen Arbeit führen werden. Im Gegensatz zu den erfreulichen Resultaten der Provinzfagung zeigt sich in Wien schon am Beginn der Wahlbewegung zum Kongreß ein wesentlich anderes Bild. Die erste Wanlschwalbe kam mit Herrn Dr. Wolfgang W e i s 1, der ebenso wie in Berlin auch in Wien mit seiner überaus heftigen und bei aller Zahlengenauigkeit oft übertriebenen Kritik bei dem weitaus größten Teil der Wiener Zionisten die stärkste Miß- Stimmung hervorgerufen hat. Diese Art von Politik, die mit dem Faszismus kokettiert, ist nach außen und nach innen für den Zionismus höchst gefährlich und destruktiv, weil sie zu langwierigen Kämpfen und Konflikten führen wird, deren. Ende gar nicht abzuschen ist. Es verlautet, daß die österreichischen Revisionisten Dr. Weisl als ihren Kandidaten aufstellen wollen, während seitens der Radikalen die Namen Dr. Goldhammer bzw. Dr. Waldmann genannt werden. Wer vom Zentrum in Be* fracht kommt, steht •noch nicht fest. Im ganzen dürften auf Oesterreich zwei bis drei Delegierte entfallen. Die Landes• schekeikommission hat sich mit Zustimmung aller Parteien zur Hauptwahlkommission erklärt. Einen günstigen Eindruck bat der anläßlich der Schekelaktion abgehaltene Vortragsabend Dr. Mossinsons gemacht, der auf die große Bedeutung der Erziehungs- und Propagandaarbeit hinwies. * An der Wiener Universität haben die Haken• kreuzler diesmal einen sozialistischen Vortrag gesprengt, die Melodie klang aber: ״Juden hinaus!“ Denn auch diese letzten Ausschreitungen, bei denpn Mordwaffen gebraucht wnrder! und es einige Schwerverletzte gab, wiesen das Hauptwerkmal der Pogrome auf: Bekämpft wird ein Dritter, geprügelt der Jude. Auch diesmal war der*»Ausgangspunkt der Numerus clausus, über den die Hakcnkreuzler im Festsaal der Universität einen ״wissenschaftlichen“ Vortrag mit Lichtbildern (!), auf denen die Minderwertigkeit der jüdischen Rasse demonstriert wurde, abhielten. Aus Revanche veranstalteten die sozialistischen Studenten einen Vortrag über ״den sozialen Numerus clausus“. Ein hakenkreuzlerischcs Winkelblatt hetzte in großen Plakaten, und so wurde der sozialistische Vortrajj1 gesprengt. Es gab eine regelrechte Schlacht mit Blut und Schwerverletzten. Nach zwei Tagen stürmten die Raufbolde mit dem Ruf: ״Juden hinaus!" die Universitätsbibliothek. Das Treiben wurde den Behörden zu bunt und veranlaßte den Bürgermeister in zwei Schreiben an den Polizeipräsidenten die ״traditionelle“ Autonomie der Universität aufzuheben und die Polizei zu ermächtigen, bei Raufereien auch im Innern der IJniversität zu intervenieren. Die Herren Hakenkreuzler und ihre professoralen Beschützer entrüsten sich jetzt, daß man ihnen die Freiheit — zum Prügeln nehmen will. Augenblicklich ist die Universität geschlossen, was für diese Leute das einzig Entsprechende ist. Denn auf das Studieren kommt es ihnen keineswegs an. KongreMlskussfon In der Tschechoslowakei Von unserem Korrespondenten. H. L. Mitte Juni 1927. Die Zionistische Organisation ist in der Tschechoslowakei in den letzten Jahren nicht nur zahlenmäßig, sondern auch als Bewegung gewachsen, was besonders jetzt in der Vorkongreßzeit bemerkbar wird. Im Gegensatz zu der bisherigen Gepflogenheit, allen Problemen und ideologischen Kämpfen auszuweichen und Diskussionen auf das unumgängliche Maß zu beschränken, entwickelte sich heuer schon seit einigen Monaten hier eine richtige Kongreßdiskussion. Die Debatte um all die zionistischen Tages- und Ewigkeitsfragen ist keine Domäne weniger Prager und Brunner ״Prominenten“ mehr, sie hat in weitestem Maße Eingang in die Ortsgruppen, in die zionistische Öffentlichkeit gefunden. Alle Parteien und Fraktionen der großen zionistischen Welt sind bereits im Landesverbände vertreten, cs gibt eine ziemlich starke Presse, auch eine ausgesprochen oppositionelle Wochenschrift darunter. Selbst die ״allgemeinen Zionisten“ sind aus ihrer Lethargie erwacht und suchen nach einer politischen Plattform. Die erste Phase des Meinungskampfes wurde in den beiden zionistischen Zentren, Prag und Brünn, ausgetragen. Stricker und Nahurn Gold mann haben hier schon vor Monaten, gleich nach Bekanntgabe der Ergebnisse der Amerikareise Weizmanns, zur Frage der Jewish Agency und der Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten Stellung genommen und die Exekutive in leidenschaftlicher Weise angegriffen. Doch welch Unterschied zwischen beiden! Qoldtnann, ׳dessen jugendliches Pathos und hervorragend oratorische Leistung erfrischend wirkt, sucht immer und immer wieder den Gegner zu überzeugen, zu gewinnen. Er ist der ausgezeichnete Psycholöge, der nicht aus der Schwäche seines Gegners seine Argumentation schöpft, sondern seine eigene Weltanschauung in beredter Weise entwickelt und nur so beiläufig, in Parenthese, die Mängel und Fehler der heutigen Leitung aufzählt. Strickers Pathos ist das des alten Parteihaudegen, er kämpft nicht, er greift an. Man hat da den Beigeschmack, als ob auch Verbitterung Ausgangspunkt für einen ideologischen Streit wäre. Von ״Regicrungsseite“ sprachen Hugo Herrmann und Robert Wcitsch. H ngoHerrmann verteidigte die Exekutive und erklärte ihr Bemühen um das Zustandekommen der Jewish Agency aus der politischen und wirtschaftlichen Situation. Robert Wcitsch legte in seinen Vorträgen die Notwendigkeit einer ״zionistischen Neu- Orientierung“ dar. Es sei notwendig, unser Denken mit den Realitäten in Einklang zu bringen und aus dieser geistigen Um- Stellung muß vor allem eine neue Wirtschaftspolitik, ein System der Konsolidierung des Bestehenden und Revision der Vcrwaltungsmethoden folgen. Dies bedeute vielleicht Verzicht auf viele Wünsche und Illusionen, deren Aufrechterhaltung jedoch die Gefahr des völligen!wirtschaftlichen Zusammenbruchs naherücken. Die Diskussion drehte sich allerdings weniger um die in diesem Zusammenhang aufgeworfenen Fragen, als vielmehr um die politische Seite des Judenstaats-Problems, wie ja abstrakte Fragen überhaupt ein besseres Diskussionsobjekt bilden. Inzwischen hat nach der A.-C.-Tagung das zionistische Zentralkomitee einen Beschluß zwecks Schaffung eines ״linken Zentrums“ für den Kongreß angenommen. Dr. Hugo Herrmann veröffentlichte einen diesbezüglichen Prograinmcntwurf (bereits in der ״J. R.“ wiedergegeben — A. d. R.). Die Diskussion um diese neue Gruppierung hat bereits eingesetzt. Die tschechoslowakischen Zionisten stehen seit jeher links, das heißt der Arbeiterschaft nahe und sind schon zum vorigen Kongreß gemeinsam mit der Jugend und den Anhängern der Arbeiter- Parteien in den Wahlkampf gegangen. Es ist erklärlich, daß der Vorschlag, diese gefühlsmäßig bereits vorhanden« Linksgerichtetheit auch konkret zum Ausdrude zu bringen, überall lebhafte Zustimmung fand. Es ist daher anzunehmen, daß auch diesmal die Anhänger der Hitachduth und die Jugendlichen, die im Techeleth Lawan und Schomer organisiert, zionistisch sehr agile Kräfte darstellen, sich mit dem ״linken Zentrum“ vereinigen dürften. Doch werden gerade in den Jugendkreisen einige Bedenken gegen das Programm und die Enuntiationen des linken Zentrums erhoben. So vor allem gegen die von Blumenfeid aufgestelltc Forderung, die Arbeitslosenunter- Stützungen bis zum 1. Oktober cinzustellen. Es wird dagegen eingewendet, daß man an die gänzliche Einstellung jener Unter- Stützungen erst schreiten könne, wenn anderweitig für die Arbeitssuchenden gesorgt sein wird und nicht umgekehrt. Auch wird der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die Linksgerichtetheit dieses Zentrums beim Kongreß nicht in dem Maße wie in seinen bisherigen Veröffentlichungen zum Ausdruck kommen wird, und man erwartet gerade in dieser Hinsicht noch deutliehe Erklärungen der linken Zentrumsniänner. Nahum Goldmann hat nach seiner Rückkehr aus Palästina zum zweiten Male in Prag gesprochen und auch Vladimir Jabotinsky, der sich auf der Durchreise wenige Stunden in Prag aufhielt, hat am selben Abend in die Diskussion eingegriffen. Dr. üoldmann suchte zu erklären, daß die heutige Krise in Palästina nur eine Krise der vierten Aiijah sei, hervorgerufen dadurch, daß in Außerachtlassung der primitivsten Gesetze jeglicher Kolonisation Menschen in einem Sfadium des Aufbaues ins Land kamen, die erst in einem späteren Stadium für Palästina von Wert sein können. Schuld der zionistischen Exekutive sei es gewesen, nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. Den schlimmsten Eindruck, den heute ein Besucher Palästinas nach Hause bringen müsse, sei der, daß die zionistische Exekutive in Palästina nur ein Zerrbild einer wirkliehen Leitung darstelle, daß jedwede Richtung in der Arbeit fehle und ein Chaos aus den Kompetenzstreitigkeiten der diversen Ressorts erwachse. Aufgabe des Kongresses müsse es sein, eine zielbewußte Exekutive einzusetzen. Jabotinsky stellte sich ganz hinter die von Goldmann geübte Kritik. Er wies nur noch darauf hin, daß der Palästinaaufbau eine Frage des Tempos sei und daß dieses nicht von uns, sondern von den Arabern bestimmt werde. Eine Kolonisation kleinen Stils sei seiner Meinung nach trotz der Krise beim heutigen System auch weiterhin möglich. Darum dürfe es uns aber nicht gehen. Ueber die wirtschaftlichen Probleme unseres Aufbauwerkes sprach in letzter Zeit in einigen Ortsgruppen Dr. Samuel aus Breslau, der besonders auf parallele Fragen bei der Kolonisation anderer Völker und bei uns hjnwies. Seine äußerst sachlichen Ausführungen haben viel zum tieferen Verständnis der Wirtschaftsfragen beigetragen. Jabotinsky wird in den nächsten Tagen in einigen größeren Orten Vorträge halten. Viel Neues wird da wohl nicht mehr gesagt werden. Und darum möge schon im Vorhinein auf eine nicht unbeträchtliche Gefahr hingewiesen werden, die aus manchen Aeußerungen dieses zionistischen Führers erw ächst. Es wird der Eindruck erweckt, als ob wir Zionisten schon genug geleistet hätten und alle unsere weiteren Bemühungen vergeblich sind, wenn picht usw. Das sind Argumente, die sehr dem Trägheitsmomente in jedem Einzelnen, das zu bekämpfen und überwinden das schwierigste Moment unserer Tätigkeit darstellt, entgegenkommen. Besonders in jungfräulich zionistischen Gebieten, in unserem Falle die Slowakei, wo Jabotinsky sprechen wird, kann sich diese Gefahr ganz beträchtlich auswirken. Wer einmal Gelegenheit hatte, in solchen Gebieten zu arbeiten, wird wohl am eigenen Leibe erfahren haben, welche Wirkungen solche und ähnliche Erwägungen auslösen. Es gibt keine Analogie zwischen unserem und dem politischen Leben anderer yölker. Deshalb muß auch jede Kritik bei uns vaa der größten Verantwortung getragen sein. Denn jede Kritik wirkt irgendwie zerstörend, ein Moment, das bei anderen Völkern nicht so sehr ins Gewicht fällt, da die der Regierung zur Verfügung stehende Macht der gesamte Staatsapparat, das Steuerrccht, unbeschadet aufrecht erhalten bleibt. Ganz anders bei uns, wo alle Kräfte aus einer Freiwilligkeit erwachsen, die zu wecken unsere Aufgäbe ist. Diese Frei- und Bereitwilligkeiten abzutöten, indem man ihre Sinnlosigkeit darlegt, heißt all jene zionistischen Kräfte zu zerstören, die in langjähriger Arbeit gewonnen wurden. Demokratie und Opposition Zar Botschaft des Präsidenten Masaryk Von Dr. Felix Wcitsch. Die Botschaft, welche Präsident Masaryk anläßlich seiner Wiederwahl zum Präsidenten der Republik vor den Präsidien beider Häuser des tschechoslowakischen Parlamentes verlesen hat, ist die Enunziation eines Mannes, der nicht nur Politiker, sondern auch Philosoph ist; das bedeutet: eines Mannes, der gewohnt ist, ans dem Besonderen die Lehren für das Allgemeine und aus dem Allgemeinen die Lehren für das Bcsondere zu ziehen. Darum hat aber auch seine Botschaft allgemeine Bedeutung und ist ein Beitrag nicht nur zur Erkenntnis der tschechoslowakischen Politik, sondern der Politik überhaupt und wohl auch in mancher Hinsicht unserer engeren jüdischen Politik. Zwei Fragen sind es, welche Masaryk in seiner Botschaft hauptsächlich behandelt hat: Das Problem der Demokratie und das Problem der Opposition. Masaryk kennt die Mängel der Demokratie — kennt sie gewiß nicht weniger als die modernen Angreifer der Demokratie, als Reaktionäre, Diktaturgläubige und Fascisten; aber er bekennt sich dennoeh zur Demokratie und führt ihre Mängel darauf zurück, daß sie sich erst in den frühesten Anfängen befindet. Jedem Einsichtigen sind diese Mängel bekannt: Es sind auf der Seite des Volkes, des Wählers: Mangelnde Reife, mangelnde Urteilsfähigkeit, mangelndes Verantwortungsbewußtsein, und auf der Seite der Führer: Streben nach persönlichen Vorteilen und Ehrgeiz. Beide polaren Fehler deutet Masaryk in seiner Botschaft an; er deutet aber auch den Weg an, auf welchem sie bcscitigt werden könnten: Der Erste durch Bildung; der Zweite durch Wohlwollen und Humanität. Die Demokratie, welche den Wert des einzelnen Menschen auf unendlich stellt, so daß die sonstigen Wertverschiedenheiten der Menschen politisch nicht in die Wagschale fallen — das ist der Sinn der politischen Gleichheit der Menschen, welchem unsere Bibel die religiöse, Kant die metaphysischethische Grundlegung gegeben haben — setzt etwas voraus, das leider nicht vorhanden ist: den verantwortungsbewußten Menschen. In Wahrheit aber fällt heute der Einzelne seine Entscheidungen vollkommen als Glied einer Gruppe oder gar als Teil einer Masse, d. h. unter wesentlich verminderter Verantwortlichkeit versklavt in Gruppenbetrieb und Massen- Instinkte, welche seine Urteils- und Verantwortungsfähigkeit lähmen. Das heutige Problem der Demokratie läßt sich so präzisieren: Seine Stimme gibt der Einzelne als vollwertiges Individuum ab; sein Urteil aber fällt er als minderwertiges Mitglied einer Gruppe oder der Masse. Masaryk will diesen Kardinalfehler durch Bildung beseifigen. Was heißt hier Bildung? Es muß eine Bildung sein, welche aus einem G r u p pe n mi t g 11 cd ein In dividuum macht. Wir wollen hier die Frage beiseite lassen, ob Bildung allein genügt, um diese moralische Umgeburt zu vollziehen; ob nicht ein geradezu religiöses Erlebnis die Voraussetzung ist; sicher ist aber jedenfalls Folgendes: Eine unerläßliche; Voraussetzung dieser Abänderung ist Bildung, im Sinne von Erkenntnis, Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis der Gruppentriebe. Ohne dieses lebendige Wissen von den wahren Motiven politischen Wollens ist gewiß eine Besserung nicht möglich. Und in diesem Sinn ist Bildung der Weg zur Reife. Wir haben in einem Artikel über Zweigs Buch ״Caliban“ über die Bedeutung der Gruppentriebe im allgemeinen und für den Antisemitismus im besonderen gesprochen, und gezeigt, wie gerade der Antisemitismus der reinste Typus einer Gruppenleidenschaft ist. Und so kann man auch hier wieder sagen, daß ein Mehr oder Weniger an Antisemitismus da? beste Zeichen ist für ein Weniger oder Mehr arr demokratischer Reife. Der zweite Grundmangel der Demokratie — auf Seite der Führer — das Streben nach persönlichen Vorteilen und Ehrgeiz ist eng mit der Frage der Opposition verknüpft. Opposition beruht auf Unzufriedenheit. Unzufriedenheit ist etwas Gutes; sie entsteht aus der Erkenntnis der Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit, von Wollen und Können, wo für die Wirklichkeit ein Führer, eine Leitung verantwortlich ist, entsteht aus der Unzufriedenheit Opposition. Und hier macht nun Masaryk eine sehr glückliche Unterscheidung: zwischen heiliger und abenteuerlicher Unzufriedenheit, und man kann sagen: zwischen heiliger und abenteuerlicher Opposition, Auch diesen Unterschied deutet Masaryk nur an. Vielleicht ist es erlaubt, hier zu interpretieren: Heilig ist die Unzufriedenheit, die Begeisterung, der Wille, der — innerliehe Zucht besitzt, d. h. der Wille, der sich über gegebene Widerstände nicht illusionistisch, unkritisch hinwegsetzt, sondern sie ernst nimmt, und realistisch mit ihnen ringt: der Wille, der nicht in Ventilen verpufft, nicht ins Chaotische sich ergießt, der nicht mit Ehrsucht und persönlichen Vorteilen eine fröhliche Hochzeit eingeht, sondern streng und klar in der gegebenen Welt, erstarkend, an den realen Widerständen sich seinen Weg bahnt. Abenteuerlich ist aber Unzufriedenheit, ist der Wille, der den anderen Weg geht, der seinen Widerstand leicht nimmt, der sich mit dem Egoismus!paart, der seinen Weg nicht realistisch und kritisch, sondern ilhisonistisch und kraftmcierisch wählt. Es scheint, als ob wir die Unterscheidung des Präsidenten Masaryk auch für unsere innere zionistische Politik arnmiden dürften, welche gerade jetzt vor dem Kongreß größere Wogen schlägt. Es gibt ja sogar eine gewisse Anaiogie zwischen dem Schicksal, welches die Popularität des Präsidenten Masaryk unter den tschechischen Politikern, und die Popularität Weizmanns unter den zionistischen Politikern erlebt haben. In beiden Fällen zuerst die ungeheure allgemeine Begeisterung über die großen, epochalen politischen Erfolge; dann allgemeine Kritik, erst, was das Objekt betrifft, anonym, später deutlicher werdend, und schließlich ganz deutlich. Und es ist sogar eine gewisse. Analogie im Hauptangriffspunkt; es ist in beiden Fällen eine menschlich-sittliche Eigenschaft, die irgendwie erhaben ist über die Durchschnittspolitik und welche den üblichen Politikergehirnen nicht recht einleuchtet: bei Masaryk ist es das große Ideal der Humanität, bei Weizmann ist es eine gewisse menschliche Großzügigkeit und Vornehmheit seiner Politik, welche bestrebt ist, den Partner zu verpflichten, nicht, indem sie nur fordert, sondern indem sie auch — vertraut. Der 15. Kongreß wird eine nicht unbedeutende Ooposition gegen Weizmann sehen. Man darf sie begrüßen, denn Opposition ist immer ein Resultat gesunder Unzufriedenheit. Ob sie aber schöpferisch oder ob sie zerstörerisch wirke!־ wird, das wird davon abhängen, ob sie — mit de« Worten Masarvks heilig oder abenteuerbeb sein wird.

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