Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 45-46 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2652877-2652919--19170-2677015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 45/46 JUEDISCHE RUNDSCH'ÄÜ!Seile 320 Kulturpolitische Diskussion Schlußwort Von Gerhard H o I d h c i m. I. Bei Veröffentlichung meines einleitenden Aufsatzes stand für mich außer Zweifel, daß die von mir aufgeworfenen Probleme seitens der zionistischen Orthodoxie keine Förderung erfahren würden. Man hat dort seinen Schnlchan Aruch, seine feste Vorstellung vom Wesen des Judentums und ist in der (beneidenswerten?) Lage, von Skrupeln und Zweifeln nicht geplagt zu werden. Das Gesetz wird für einen ״wesentlichen Bestandteil“ jedes echten jüdischen Volkslebens erklärt, d. h. (im Binne der Definition des B. G. B.) man meint, daß das Judentum, falls es vom Gesetze getrennt werden sollte, zerstört oder in seinem Wesen verändert würde. Wer diese These für falsch erklärt und gar ihr offensiven Trotz bietet, läuft sichere Gefahr, als ״tiniüdisch“ oder zumindest verständnislos abgckanzelt zu werden. Herr Wolfsberg ist ein Gegner der Psychoanalyse. Das ist sein gutes Recht. Aber was in aller Welt zwang den Disputanten, seine Affekte gegen diese Disziplin geradezu zum Kernstück seiner Entgegnung zu machen?!st die ״Jüdische Rundschau“ der Platz, die angeblichen Persönlichkeitsschädigungen der analytischen Therapie zum Entsetzen des ahnungslosen Lesers zu enthüllen? Selbst wenn - eine gewiß merkwürdige Unterstellung — die in meinem Aufsatz dargestellte zionistische Kultursituation ein unmittelbares Resultat psychoanalytischer Umtriebe w li r c , hätte ein verantwortungsvoller Denker nicht die unbeweisbare Behauptung wagen dürfen, daß durch die Analyse ״ein Abbau des ethischen und hochgeistigen Menschen“ vor sich gehe. Wo aber mein Aufsatz nur an einer einzigen und keineswegs notwendig in diesen Zusammenhang gehörenden Stelle Freudsche Gedankengänge verwandte — wo andererseits gar nicht bestritten werden kann, daß zwischen der von mir vertretenen jüdischen Auffassung und der Psychoanalyse auch nicht der mindeste ursächliche Zusammenhang besteht, ist die von Wolfsbcrg unternommene Sehwernunktvcrschicbung ein unerlaubtes Kampfmittel. Ist etwa der ״Anfall“ von der Tradition eine Folgeerscheinung der ״die Kulturschicht abtragenden“ analytischen Methode, weich letztere doch erst seit 30 Jahren besteht? Hätte nicht meine Abhandlung gerade so gut von jemandem geschrieben sein können, der noch nie einen Blick in ein Frcudsches Buch getan hat? Ganz nebenbei gesagt, scheint mir für die Jugenderziehung orthodoxer Kreise außer Talmud und Gcmaran auch ein klein w enig, allerdings ernsthaftes Freudstudium recht erforderlich. Und sogar die von Wolfsberg so perhorreszierten Schüler des ״genialen“ Freud schreiben mitunter pädagogisch recht belangvolle Sachen, z. B. Siegfried Bernfeld. Zch'u’lmad! Diese Parole, mit der wir Amhaarazim so gern von orthodoxer Seite traktiert zu werden pflegen, sollte auf dem Gebiete der Erziehungspsychologic wenigstens von denen befolgt werden, die junge Menschen zu leiten sich berufen fühlen. II. Waren die Angriffe des Herrn Wolfsberg auf die Psychoanalyse nicht so offenkundig verkehrt, daß nicht auch ein ״gcbildeter Laie“ sie unschwer zurückweisen könnte — ich hätte ein Thema nicht mehr berührt, das dazu verdammt ist, die Affekte der Menschen zu provozieren (ganz abgesehen davon, daß ich mich weder als Kämpe für diese Wissenschaft berufen fühle noch auf diese Lehre cingcschworcn bin). Herr Wolfsberg erweitert nun aber den Vorwurf des Dilettantismus auch auf das Gebiet der modernen judenfrage. Diese Materie habe ich nun mehr als 15 Jahre mit heißem Bemühen studiert und redete Her•■ sogar•״»*־ *einer gewissen י Sachkunde.י gebrachte zu haben. Nun höre Tch von so kompetenter Seite, daß es mit meinem soziologischen und geistesgeschichtlichen Verstandnis recht erheblich hapert. Mit dieser schlechten Zensur würde ich gewiß sehr beschämt zu Boden sehen, wenn nicht ausdrücklieh sogar ״führende deutsche Zionisten“ (ratet ihr, wer damit gemeint ist?) dasselbe Urteil hinnchmcn müßten. Ich fasse also wieder Mut und envidere Herrn Wolfsbcrg: Sie haben vollkommen recht, dal! unsere Analyse der jüdischen Situation nur den modernen, assimiliertenjuden eiubeziehe. Wir sind nämlich solche Flachköpfe, 11m ernsthaft zu glauben, daß das letzte Jahrhundert jüdischer Entwicklung die Psychologie unserer Menschen entscheidend und unwiderruflich verändert hat. Wenn auch die Kontinuität zwischen früher und jetzt keineswegs völlig unterbrochen ist (hiervon noch später), so ist doch nicht gut zu leugnen, daß nicht nur der Zionismus als politische Bewegung, sondern überhaupt die spezifische Problematik des modernen Judentums ohne die Phänomene der Emanzipation und Assimilation gar nicht denkbar wäre. Noch so gute Kenntnis und Einfühlungsfähigkcit in die jüdische Geschichte kann nicht ermöglichen, daß unsere ״historische Reaktionsbasis“ weiter zurück als in die jüngste Vergangenheit reicht. Das soll natürlich nicht heißen, daß!111 Dcnkprozcß und den spezifischen Rcaktionsfornicn die Geschichte unseres Volkes nicht unlöslich eingeprägt sei. Die Tatsache, daß durch die Leidensgeschichte die Seele, durch das Talmudstudium der Vorväter der Geist auch des modernsten Juden beeindruckt ist und in diesem Sinne Menschen wie etwa Karl Marx und Rosa Luxemburg, Harden und Kerr, Siegfried Jacobsohu und Kurt Miller ganz unabhängig von ihrer bewußten Stellung zur Judenfrage tiefste unbewußte Beziehungen zur jüdischen Vergangenheit haben, wird ja von niemandem bestritten. Herr Wolfsbcrg kann also, wenn er von mangelnder historischer Reaktionsbasis spricht, nur etwas anderes meinen: nämlich die Unfähigkeit, Lebensstil und Rhythmus einer verklungenen Zeit neu zu erleben. Wenn er mm aber glaubt, daß seiner Gruppe die Verbindung mit den Realitäten des mittelalterlichen Judentums deshalb möglich ist, weil sie ein besonders fein entwickeltes historisches Reaktionsvermögen besitzt, so befindet er sich in einer frommen Selbsttäuschtnig. Diese Kreise halten an der Tradition fest, nicht weil sic die mystische Fähigkeit einer geistigen Postzipation besäßen, d. 11. ihr Vorstellungslehen auf Jahrtausende zurückschrauben könnten, sondern weil die Bindungen des Eltern- und Oroßeltcrnhauscs stark genug waren, das Kindhcitscrlebiiis zu überdauern. Es ist wirklich nur (mau soll sich doch nichts vormachen) ״der Klang, von Jugend auf gewöhnt“, die Visionen ujtd Eindrücke von Jugend und Erziehung, die das strenge Festhalten an der Tradition ermöglichen. Lehrt doch die Erfahrung, daß Menschen, die einem liberalen Hause entstammen, kaum je zur Orthodoxie sich später entwickelt haben. Um die moderne Juden frage zu begreifen, ist meiner A11sieht nach weder die besondere Fähigkeit einer historischen Regression noch eine übermäßige Kenntnis der Vergangenheit erforderlich. Es genügt die psychologische Situation des entwurzelten, nirgendwo geistig beheimateten Juden zu erfassen, um zur Konklusion zu kommen, daß dieses Dasein zukunftslos ist. Hätten Wolfsberg und seine Freunde weniger Talmud- Gelehrsamkeit und etwas mehr Blick und Verständnis für die komplexe Lage des modernen Judentums, darin könnten sie gar nicht anders, als die geistige und seelische Entfcrntlicit unserer Kreise von der Tradition als historische, nicht mehr zu «dressierende Entwicklungstatsachc an/uerkennen. Es sollte als Kriterium eines echten Zionismus gelten, nicht nur die nationale Einheit, sondern auch die nationale Gleichberechtigung aller Juden zu proklamieren. Kein Mensch wird es dem Misrachi verdenken, wenn er alle seiner spezifisehen Anschauung noch erreichbaren Zionisten zu sich hinüber- ־/uziehen sucht. Aber er muß die Prätention aufgeben, die allein richtige Meinung über jüdische Entwicklung zu haben. Obschon ich die Methode, uns Andere nur als Erziehungsobjektc zu betrachten, schon in meinem einleitenden Aufsätze als verdammenswert gegeißelt habe, hat Herr Wolfsbcrg in seinem Diskussionsbeitrag wieder nichts Besseres gewußt, als uns unsere Unbildung vorzuhalteri und seine von uns mm einmal bestrittene These als Axiom zugrunde zu legen. Mit dieser Art der Diskussion wird jede Möglichkeit einer klärenden Unterhaltmig gewaltsam versperrt. Wie wenig Wolfsbcrg unsere Situation begreift, zeigt der Abschnitt, wo er mir einen Konflikt zwischen meinem Menschenturn und meinem Judentum einzuredeii versucht. Er sagt, ״sobald cs sich um Belange der Tradition handelt, bekommt ohne weiteres der Mensch das Wort“. Und er wirft mir vor, daß ich den! Judentum nicht ״das Opfer meines Individualismus bringe, um das Volk zu retten“. Nun ist es mir schon ohnehin wenig verständlich, wie ein Mensch ״seinen Individualismus“ zum Opfer bringen kann, durch dessen Besitz, er doch erst zum Menschen wird. Ich weiß wohl, daß die Hingegcbcuhcit an eine Idee die Bereitschaft hervorruft, individuelle Bedürfnisse hintaimistellen, und es ist mir auch bekannt, daß gerade der Zionismus jene wunderbare Besessenheit entfacht hat, die wir Clialu/iuth nennen. Aber man sei sich doch darüber klar: Selbst diese auserlesene Schar von Idealisten wird bei ihrem Ent- Schlüsse und ihrer Ausdauer nicht von dem prävalierenden Gefühl des Opfers geleitet (dann sollten sie cs lieber bleiben lassen), sondern von der Vorstellung, daß diese wahrhaft nationale Lcbensgestaltung die ״Opfer“ mehr als ausglcicht und eine sonst nie erreichbare Glücksentfaltung ermöglicht. Jedes Opfer ist untrennbar verbunden mit Lustäquivalenten und verlangt begrifflich das Gefühl der Notwendigkeit. Wer fürs Vaterland zu sterben bereit ist, findet die SeTbstaufgabe süß und ehrenvoll. Wer im Dienste eines Ideals seine phvsisehen Kräfte systematisch ruiniert, kann so nur handeln, wenn er aus diesem Dasein Lustgewinn schöpft und dabei von dem höheren Sinn seiner Lebensarbeit überzeugt ist. Wollte also jemand (nach der Forderung des Herrn Wolfsberg) eine religiöstraditionelle Lebensführung annehmen, dann müßte er wirklich davon durchdrungen sein, auf diese Weise ״das Volk zu retten“. Für Wolfsberg ist der Kausalzusammenhang zwischen Traditionswahrung und Volksrettmig so selbstverständlich, daß er ganz Übersicht, daß wir Anderen hier mit der gleichen lieberzeugtheit dissentieren. Wolfsberg begreift eben gar nicht die innere Notwendigkeit unserer Ablehnung seiner Forderung. Er hält uns für träge und opferscheu, wo wir doch gerade den Sinn des Opfers bestreiten. Unaufhörlich wird das Streitige als unstreitig unterstellt. Ein ewiger Zirkel! Während wir sagen, daß durch die historische Tatsache der Emanzipation der Zusammenhang mit den Kulturinhaltcn und Vorstellungen vergangencr Zeiten abgebrochen ist, wundert sich Wolfsberg darüber, daß diese Unterbrechung der Kontinuität uns gar nicht ״stutzig macht“'. Was kann mich, Herr Wolfsbcrg, an einer Erscheinung stutzig machen, deren innerste Notwendigkeit ich begriffen habe und deren Erkenntnis für mich gerade der Ausgangspunkt meiner Ueberlegungcn wird? 111. Es ist das Schicksal fast jeder Diskussion, dal) die Diskutauten aneinander vorbeireden. Oft wird — besonders ui der Politik — Absicht dahiiitcrsfecken; man verstellt den Gegner schon, verdreht und entstellt aber sein Argument und oft leider auch sein Motiv. Noch schlimmer fast ist, wenn die Streitenden mit den reinsten Mitteln und dem ehrlichsten Willen ihre Gegensätzc austragen wollen, aber die geistige Mauer so hoch ist, daß eine Kommunikation sich nicht als möglich erweist. Die echte Diskussion dient doch wahrhaftig nicht nur der Ueberzeugung. Es ist doch kaum wahrscheinlich, daß zwei gereifte, in ihre Weltanschauung gebannte Äenschen diese verändern Können. Möglich ist aber, daß die Antipoden sich wenigstens verstehen, daß sie heraustreten aus ihrer Eingesponnenheit und sogar von einer Leidenschaft erfaßt werden, die Hintergründe fremden Denkens und Tuns zu ergründen. Man kann mit aller Kraft sich für seine Anschauung eiusetzen und unbeirrbar die Gegenmeinung ablehnen. Aber man sollte vor sich selbst den Respekt haben und vor der eigenen Zensurinstanz, nur bestehen können, wenn man einmal, in einer glücklichen Stunde, kristallklar erfaßt hat, was eigentlich der Andere will und welchem Gesetz er gehorchen muß, um so und nicht anders sich entscheiden zu können. Hat die Feststellung der Schwierigkeiten eines ungetrübten Sichverstehens bei Wolfsberg mir aufrichtigen Schmerz, aber immerhin keine Verwunderung bereitet, so bin ich über das Mißverstehen eines mir gedanklich so nahestehenden Menschen wie Krojanker geradezu entsetzt. Dieser sieht in mir den Aufklärer, der mit moderner Erkenntnis gegen die irrationalen Mächte religionsgebundcnefr Tradition zu Felde zieht. Du lieber Gott! Ein so überzeugter Irrationalist wie ich soll, noch dazu vor einem ihm viel zu ״aufgeklärten“ Publikum, sich solcher Aufgabe hingeben! War es denn so schwer, hinter meine Absiebten zu kommen? Habe ich nicht deutlich genug ausgesprochen, daß mein Kampf sich ganz und gar nicht gegen die Erscheinungsform eines orthodoxen, im Gesetze verankerten Judentunis richtet, sondern nur die Anmaßung dieser Kreise zurückweist, uns Anderen die jüdische Gleichberechtigung zu versagen? Nicht der durchaus legitimen, in ihrer Determination mir voll verständlichen orthodoxen Weltanschauung wird zu Leibe gcrückt, sondern doch nur deren hassenswerte Gewohnheit demonsfriert, das ganze Judentum im Sinne dieser Auffassung ״erziehen“ zu dürfen. Mehr noch: Das eigene Minderwcrtigkcits* gcfülil, das latent auch in dem so modernen Krojanker schluminert, wenn er zugeben muß, a!11 Jom-Kippur außerhalb der Synagoge sich unwohl, d. 11. als schlechter Jude zu fühlen, soll znni Zwecke der Therapie auf seine Wurzel zurückgefiihrt werden. Und damit diese notwendige ״Autoemanzipation“ von atavistischen Vorstellungen uns nicht erschwert werde, habe ich jenen den Kampf angesagt, die es sich nicht genügen lassen, selbst ihrer Ucberzeugung zu leben, sondern dem jüdischen Volke eine für alle Zeiten gültige inhaltliche Bestimmung aufreden. Die ״Säkularisierung“ des Judentums fordern heißt nicht so kulturlos sein, um es für möglich zu halten, daß eine tausendjährige Tradition mm einfach radikal aiisgcmec/t werden könne. Da mir, dem angeblichen Voltaire-Schüler, seit den Anfängen meines bewußten Denkens der rcligiös-mctaphysische Nationaleharakter dos Judentums ein Axiom war, habe ich am Zionismus weniger seine national-primitiven Wurzeln als die in der Bewegung schlummernde Provokation der Gott zugewandten Kräfte begrüßt. Würde der Aufbau Palästinas eine Degradation des Judentums zu einem Wald- und Wiesenvolke zur Folge haben, das ״mit wenig Witz, und viel Behagen“ dort drüben seinen Lebensunterhalt sucht, ohne seiner immanenten Idee (an die auch ein ״formaler“ Zionismus glauben kam!) treu zt! bleiben, so würde mich die gcsctzcstrcne Richtung bei aller Weg- und Zieldiffcrcnz als ihr nahestehend empfinden dürfen. Denn unter Verweltlichung darf nur Entklcrikalisieruiig, aber niemals Materialisierung verstanden werden. Wer die empirisch(׳ Gestalt des vorcmait/ipatorisehai Judentums, seine Normen und seine Kulte, im wesentlichen auf eine Entwicklung zuriickiiihrt, die von feindlichen Mächten diktiert war wer also das Wunderwerk des jüdischen Gesetzes nur als einen genialen N o t w e 11 r a k t, nicht aber als den originärer! Ausdruck einer in Freiheit lebenden Gemeinschaft betrachtet, der will den Neubeginn aktiver jüdischer Geschichte unbelastet sehen mit einer Lebensform, die sprechendes Zeugnis ablcgt von der Abnormität eines Volkslebens. Wir lehnen es ab, die Diaspora-Gcwordcnheit dieses Judentums schweigend zu verehren, nicht* nur weil der Intellekt das Opfer nicht bringen will, sondern weil Gefühl und Instinkt, weil unser jüdischer Zukunftswille sich dagegen aufbäumt. Insofern, aber auch nur insofern unter ״Tradition“ ein ewig gültiger, das Volk bindender Normenkomplex verstanden wird, sprechen wir von einem ״Bruch mit der Tradition“, weich letzteren wir gar nicht erst durch bewußten Willcnsakt zu vollziehen brauchen, sondern der als historische Tatsache anerkannt werden muß. Hat das letzte Jahrhundert eine unwiderrufliche Verändcrung der geistigen Physiognomie unseres Volkes geschaffen, so bleibt die Erwartung, daß auf heimatlichem Boden eilt gesunder Ausgleich erfolgen wird zwischen den rezipierten סוווclcrn-europäisclien Bewußtseinsinhalten und den unserer Volksscelc adäquaten und darum Datier besitzenden Elementen unserer Tradition. Wir ״Freireligiösen“ haben nämlich zu dem Erinnerungsvermögen des jüdischen Volkes soviel Zutrauen, daß wir der in einem jüdischen Palästina sinnlos werdenden Ein- Kapselung entsagen zu können glauben. Was wirklich Ausdruck unserer Seele ist und nicht nur mechanisch übernommener Brauch, kann nur mit den! Volke selbst vernichtet werden. Es ist doch kein beliebiges Land, in das wir zurtickkchrcn. Wer einmal dieses Palästina gesehen hat iit seiner Traditionsgehundenheit und der Durchtränkflieit mit jüdischer Erinnerung, der weiß dort die Seele des Judentums gut geborgen. Schert wir nicht schon heute, daß traditionelle Bräuche und Ordnungen dort im Leben sich verankern und Feste in neuer Form ihre Auferstehung feiern? Noch einmal: Der Kampf geht nicht gegen die Sekte eines orthodoxen Traditionsbckennertums (wer wird mit ehrlich Ucberzeugtcn streiten?), sondern nur gegen die Kompctenzanmaflung dieser Kreise, über das Wesen des Judentums das letzte und gültige Wort zu sagen. Was Ich will: Die Unverbrüchlichkcitsschrankc eines selbstherrlich sich gebärdenden Traditiotialismus niedcrrcißen, das Judentum entsühnt wissen von dem Ballast anererbter Schuldgefühle und es aus seiner Notgesetzgebttng erlöst sehen in eine Lebensgestaltung, die aus Freiheit der geistigen Entwicklung organisch erwächst. Und was ich glaube: Daß die im Volke wurzelnden und von Zcitströmungen unberührharen, also wirklich echten Traditionen unvergänglich bleiben und von Geschlecht zu Geschlecht sich in zwar wandclmler Form, aber unzerstörbarem Geiste fortcntwickcln werden. IV. Unsere zionistische Ucberzeugung, daß mir im Judenlande der Gesundungsprozeß unseres kranken Volkes vor sich gehen und nur dort das Tradifionsproblem seiner organischer» Lösung cntgcgcngcbracht werden kann, darf nun aber nicht dazu führen, daß die Diaspora, alles Heil von drüben erwartend, die Hände in den Schoß legt. Man mag die Frage, ob das außer Landes lebende Judentum auf lange Zeit sich wird erhalten und als jüdischer Kraftfaktor wird bestehen bleiben können, mit mehr oder weniger Skepsis gegenüberstehen. Sicher ist doch das eine: Palästina wird noch für Jahrzehnte hinaus nicht so gesichert sein, um auf das Weltjudcntum verzichten zu können. Das heißt: Die Aufbauaktion, von deren Gelingen wir die Zukunft des Judentums abhängig glauben, ist gefährdet und vielleicht zur Erfolglosigkeit verurteilt, wenn nicht starke Galutheadres en reserve stehen. Somit wird schon allein um der Verwirklichung des unmittelbaren zionistischen Zieles willen die jüdische Erziehung der kommenden Generation zum Kernproblem der Bewegung. Nun herrscht über die Notwendigkeit pädagogischer Ein- W irkungen wohl keine Meinungsverschiedenheit. Auch wer (mit mir) die Einflußinöglichkeiten auf den schon in frühen Jahren sich manifestierenden Eigencharakter des Kindes für nicht sehr groß hält, auch der wird vernünftigerweise nicht für eine völlige Erziehungsanarchie eintreten. Die Differenz geht also nicht um das Ob, sondern um das Wie einer zionistischen Erziehung. Krojanker glaubt, daß die Realität Palästinas, zu deren Ver* lebendigung persönliche Verbindungen beitragen, stark genug sein wird, um das jüdische Bewußtsein unserer Kinder zu erwecken und seine Erhaltung zu garantieren. , Dieser Glaube scheint mir eine verhängnisvolle Ueberschätzung des räumlich fernen und kulturell doch erst in den Anfängen steckenden Landes zu sein. Wenn schon, wie wir schaudernd immer wieder feststeileil müssen, selbst bei dem Gros der alten, ideologisch fundierten Zionisten Palästina mir ganz peripher in das persönliehe Leben ciimigreifcn vermag, so -sind Kinder, die voraussctzungslos in die Welt treten, ganz gewiß nur von un mittelb a r wirkenden Einflüssen abhängig. Gelingt es nicht, die Beziehung des Heranwachsenden Geschlechts zu Palästina und Judentum durch konkrete, auf das tägliche Erleben sich gründende Erziehungsmaßnahmen systematisch heranzubilden, d. h. das Vorstcllmigslebcn des Kindes durch solche Mittel, w'ic sie der kindlichen Psyche allein entsprechen, zu erfüllen, dann sehe ich keine Hoffnung für die Zukunft. Die Erkenntnis, daß auch unsere Kinder nach der Pubertät sich einmal genau so wie wir pro aut contra werden entscheiden müssen, teile ich gewiß mit Krojanker. Aber ich schätze die psychologischen und soziologischen Bedingungen, unter denen in zehn und zwanzig Jahren diese Entscheidung erfolgen wird, weit ungünstiger ein, als jene geistige Situation, unter der wir Zionisten wurden. Mir scheint, daß wesentliche Antriebe, die uns zum Zionismus führten, in nicht zu ferner Zeit weniger stark wirken werden, daß der Antisemitismus sich bedeutend mildern und das Gefühl der Andersartigkeit insofern seine Kraßheit einbiifien wird, als die fortschrittlichen, völkerverbindenden Tendenzen auch in Deutschland immer stärker sich ausbreiten und damit eine ganz, andere Verständigungsbasis zwischen uns und den Anderen geschaffen sein wird. Doch ich miili cinräumen, daß dieses Zukimftskalkül natürlich nicht beweisbar ist. Unterscheide ich mich von Krojanker nur in den Erzienungs-!11 i 11 e 1 n , nicht aber in der Methode der Erziehung, so scheint mir die pädagogische Weisheit von Marcel Lew gänzlich ablehmuigswert. Hier wird eine Katastrophentheorie in Reinkultur vertreten. Jeder Versuch, auf das Gemüt des Kindes zu wirken, wird nicht nur als hoffnungslos, sondern sogar als zionismusfeindlich bekämpft, da doch das Kind sonst au der Gallith Geschmack finden und seine Palästiuaenergicn cinbiißcn könnte. Und die zionistische Erziehung soll darin bestellen, schon in frühen Jahren das Kind von seiner Umgebung abzugreuz.cn und das Fremdheitsget'iihl geradezu zu provozieren. Der Trieb zum Judentum soll nicht organisch anerz.ogen, sondern durch den Gegensatz gereizt werden. Wenn Lew seinen Kindern die. Judenfeindsehaft schon frühzeitig demonstrieren und die kindliche Harmlosigkeit durch konfliktbeladcne Realitäten zerstören will, so kann ich dieser Erzichungskunst nur wünschen daß eine elementare Rebellion sie von der Absurdität und der Unmensehlichkeit eines derartigen Unterfangens belehrt. Bring׳ eine so ״erzogene“ Jugend nicht die Kraft auf, derartiger Eiseiibartkurcn sich zu widersetzen, so muß sic zwangsläufig verkrüppeln. Aber nicht nur die Kinder, gegen die hier Mißhandlung(!׳ verübt werden sollen - auch die zionistische Idee erschein' mir schufzbediirftig gegen solche Entgeistung und Ballhomi• sierting. Für mich bedeutete bisher Zionismus den Versuch einer Wiedererweckung des gesamten jüdischen Lebens, und ich glaubte immer, daß die jüdische Heimstätte nicht nur die Fort־ existenz des Volkes garantieren, sondern auch als lebendiges Kraftzcntrum zumindest Teile der Galuth vor dem Untergang bewahren sollte. Zionismus wäre ein Zerrbild einer nationalen Bewegung, wenn er um eines kleinen Prozentsatzes willen die starken, volksbewußtcn Kräfte außerhalb des Landes sträflich