Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 44 (Juni 1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 3! 7 Literatur und Kunst Die Simler Saga (Jean Richard Bloch: Simler & Co. Rotapfcl-Verlag, Leipzig-Zürich.) Von Sch. Q o r c 11 k. Wie eine jüdische Tuchfabrikanten-Familic aus dem Elsaß der 70er Jahre nach einer kleinen Industriestadt in West- Frankreich zieht, dort ein Wrack von einer Fabrik kauft, sie wieder instand setzt, mit hinreißender Energie und Frische an die Arbeit geht und schließlich zu großem Aufstieg gelangt, davon erzählt uns Jean Richard Bloch in seinem, durch große künstlerische Qualitäten und durch außerordentliehe Gestaltungskraft sich auszcichnendcn Roman ״Simler & Co.“. Er läßt uns tcilnehmcn an einem überaus heiteren Bild, wie Vater, Söhne und Onkel mit unübertrefflicher Unbekümmertheit für alles andere in der Welt frisch-fröhlich ans Werk gehen und vor einer erstaunten Stadt das Exempel ungeahnter Stoßkraft statuieren. Sie werden’s schaffen, diese Simler! Ihre Unmittelbarkeit, ihre nur auf einen Punkt konzentrierte Kraft und Energie wird Wunder vollbringen und in dem Städtchen Vendeuvre, wo man sie anfänglich mir mit Mißgunst, mit Hohn betrachtet, werden sie bald die Ersten sein, ln diesem Roman von Bloch gibt es nur eine große Begebenheit: die Fabrik! Das Simlerschc Temperament, das Simlerschc Feuer wird nur auf diesen einen Gegenstand vertan. Alle anderen Begebenheiten sind nur Episoden, die keine ernsten inneren Konflikte verursachen, man hat einfach nicht viel Zeit, utn sich mit ihnen abzugeben. Es geschieht herzlich wenig in diesem Roman: Eine Liebe, die nicht zur Entfaltung kommt, die nur die ersten Knosoeu zeitigt und bald cinfrieren wird. Eine Vernunftehe wird geschlossen. Das Haupt der Familie, der Patriarch Simler, stirbt. Ein herrliches alterndes Fräulein Le Pleynicr, schreibt einen entzückenden Brief voll vornehmer Resignation an ihre Freundin. Sonst kommt nichts vor, und dennoch hat das sehr umfangreiche Buch viel Spannung und hält uns trotz der Dürftigkeit äußerer Ereignisse in Atem. Es ist eigentlich ein sehr merkwürdiges Buch, und es ist nicht ganz leicht, sich darin zurechtzufinden. Es hat eine Idee, es soll sogar eine Warnung darin enthalten sein. Denn das Feuer, das in den Simlcrs lodert, ist nicht das heilige Feuer jenes großen Rabbi, von dem die Legende erzählt, daß, während er saß und lernte, ein in der Luft schwebender Vogel durch den Atem seines Mundes verbrannte. Es ist auch nicht das innere Feuer jenes Kaufmanns Rcb Jcchcskicl Goinbincr aus Aschs ״Städtchen“, der, als ein Bote ihm die Nachricht von seinem wirtschaftlichen Ruin brachte, dennoch ruhig, unbeirrt die Schmone-Esro fortsetzte. Durch das Simlerschc Feuer wird die Seele nicht geläutert, nicht aufgerichtet, sic verkohlt vielmehr, sic wird zu Asche. Aber unser Autor hat in seinem Werk eine derart meisterhafte Miniaturarbcit geleistet, hat solche Schaffensfreude am künstlerischen Ausarbeiten der Charaktere gezeigt, daß dem Leser wie auch dem Kritiker diese Freude sich mitteilen muß und er sozusagen abgelenkt wird. Jene Warnung konzentriert nicht mehr unsere Aufmerksamkeit alP sich,‘ Beim Leien der Försyte Saga zum Beispiel vergißt man niemals die Haupttendenz des Romans, sie drängt sich uns immerfort auf, es ist uns stets gegenwärtig, daß hier ein Zeitalter, eine Menschenschicht gestaltet wird, die in ihrem Leben nur von einer Leidenschaft belastet, beherrscht, behext ist, von der Leidenschaft des Besitzes. Wiederholt erinnert der Verfasser selbst den Leser daran, was er eigent* lieh mit seinem Werk zeigen will. Ganz anders bei Bloch. Es ergeht ihm wie einem Maler, der ein großes Bild malen will, worin eine zentrale Idee ausgedrückt werden soll; durch die verliebte Sorgfalt, durch die außerordentliche Vortrefflichkeit aber, mit der er jede Linie, jeden Ausdruck der Figuren ausarbeitet, schafft er einen selbständigen, von der zentralen Idee unabhängigen Genuß, so daß der Betrachter von den vollendeten Einzelheiten geblendet wird und sich nicht genug tun kann in begeisterten Ausrufen. Die Idee, die in dem Bilde zum Ausdruck kommen sollte, geriet allmählich in Vergessenheit. Und doch muß bemerkt werden, daß die naive Freude, mit der die Simlcrs an ihre Arbeit gehen, die unleugbare Redlichkeit in ihrem ganzen Gehaben unseren Einwendungen, daß sie einem Fetisch dienen, die Schärfe nimmt und man bisweilen entdeckt, daß man diese Siinlers, die alle miteinander Prachtkerle sind, gern hat. Seltsam ist es, daß gerade die Besten ,in Vendeuvre Sympathie für die Simlcrs empfinden. Fräulein Le Pleynicr, die umsonst an Joseph ihr Herz verloren hat, trägt ihm nichts nach, immer hält sie ihn für den Würdigsten unter all ihren Bekannten und fiir denjenigen, mit dem sie -- ach! so glücklich sein könnte. Die Bewohner der industriellen Provinzstadt haben längst ihre Mißgunst gegenüber der elsässisclieit jüdischen Familie vergessen und bringen ihr nur Wohlwollen, ja Bewunderung entgegen. Woher kommt es? Ist es die Urwüchsigkeit, die mit einer gewissen Idealität verbunden ist, oder die fast kindische Freude, mit der die Simlers ans Werk gehen, die solches Verhalten und Empfinden ihnen gegenüber bewirkt? Mit dem Forsytismus allein sind die Simlers nicht zu erschöpfen. Allerdings, wenn ihre erste Inventur gut ausfällt, bekunden sic eine geräuschvolle Freude, deren die düsteren rnisanthropisdien Forsyfcs niemals fähig sind: Umarmungen, Schluchzen, Jubelgcschrci. ״Sag’ ihr, Bertliold, siehzchntaiiscnd Franken in neun Monaten, und daß die Kinder reich sein werden, wie Könige, sag’ ihr’s, Bertliold, sag’ ihr’«.“ Und dennoch, mit der Freude an dem Besitz allein ist es bei den Simlcrs nicht getan. Der Patriarch dieser Familie, der alte Hippolyt, richtet sterbend an den Nachfolger das Vermächtnis. In abgerissenen Worten, in seinem gewohnten harten Elsässisch gibt er Direktiven: Kinder . . . Faprik . . . Myrtil . . . ehrlich . . . kute Kinder . . . arpeiten . . . reich . . . nicht nötik . . . nicht . . . gut aehtkepen . . . kelt . . . nicht, nicht nötik . . . Nein . . . kut achtkepen ... ״Gut achtgeben!‘‘ damit nichts hmdurchschlüpft, was nicht zu der Sippe gehört. Die Simlcrs haben eine dichte, tinbeugsame Front um sich aufgcrichtct, an der alles, was ihrem Familiensinn, ihrem Geschäft zuwklerläuft, abpraltt, wirkungslos verhallt. Sogar die Macht der Liehe kann hieran nichts ändern. Sie weilte nur flüchtig in der guten Seele Josephs, dem tüchtigsten der beiden Söhne Simlers, und als es ernstl;ch hieß zu wählen zwischen Familie, Fabrik und den Gefühlen des Herzens, da mußten natürlich die Gefühle verstummen. Und sie verstummten leicht, ein Siclt-wehren gab cs nicht, keine Spuren innerer Konflikte!unterließ diese Passion, obwohl Joseph Simler ein guter Kerl ist. Die Familie siegte. Und die Fabrik. ״Gut achtgeben“, diese Devise ist in das Wappen der Simlcrs eingegraben. In der dritten Generation sind sie schon Rennstallbesitzer, Spender für Kirchen und Universitäten, Anwärter auf Baronstitel und Kunst-Mäccne. Wie wir sie aber liier in diesem Roman der siebziger Jahre in ihrem patriarchalischen Milieu vor uns sehen, muten sic wie eine Werkmeistcrgildc im Mittelalter an, sind sie brave, dem Luxus abholde Leute, deren Energie niemals erlahm(. Ob dieser fröhlichen Energie, ob dieser aufgestapelten unverbrauchten Kraft werden sie von dem klugen Hektor Lafomberc, der die Ausschweifungen seiner Vorfahren sühnen muß, beneidet. Israel wird ob seiner Zucht beneidet: ״Ihr seid jung, sagt Hektor, ja, mein Lieber, ganz jung, ungemein Jung, Vater ebenso wie Ihr“. * Ein Moment von bedeutender Wichtigkeit ist da, das unerwähnt zu lassen ein Fehler wäre: die Isoliertheit der Simlers, die mitunter unheimlich wirkt. Nicht die Isoliertheit von der christlichen Außenwelt ist hier gemeint. Diese äußere Welt, abgesehen von gesellschaftlichen Beziehungen, läßt sie an sich nicht heran und eine Abnormität ist hier nicht zu erblicken. Aber die Simlers sind losgelöst auch von einer jüdischen Umgebung. Den Atem einer jüdischen Welt spüren wir nicht in dem Roman von Bloch. Eine jüdische Familie, stark im Patriarchalischen verwurzelt, wird geschildert, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit einem jüdischen Kollektiv. Einmal sehen wir die Simlcrs in ihrem Hause, im Fabrikliof, am Jom Kippur beten, und wir fühlen nicht dabei, daß eine große jüdische Welt an demselben Tage dasselbe tut. Das jüdische Städtchen fehlt eben, das Leben und Treiben eines jüdischen Kollektivs fehlt, mit einem Wort: das jüdische Volk. Das ist cs, was den Vorteil einer ostjüdischen Erzählung ausmacht: Das Volk ist da. Es. bedeutet aber keineswegs, daß die Simlcrs uns nicht ahnen ließen, daß es zwölf Bände von Graetz gibt. Ein gewisser aristokratischer Zug wohnt ihnen allen inne, in dem majestätischen Dahiuschrciteii des alten Hippolyt, wie in den! gewinnenden Freimut des Joseph, obwohl er, als Fräulein Le Plcynier ihm einmal am Klavier vorspicltc, mit anmutiger Offenheit bekannte, daß er zum ersten Mal den Namen Beethoven hörte. Etwas von einer alten Rasse, etwas von einer unerschrockenen Ucbcrlegcnhcit ist an allen Simlers haften geblieben und zusammen mit der aufgestapclten Energie bildet sie jenen Reiz, den jeder anerkennen muß, wenn er auch die Simlersche Lebensauffassung ablehnt. Romain Rolland hat dieses Buch mit einem Vorwort versehen, worin er ein begeistertes Lob für das künstlerische Können Blochs ausspricht. Jerusalemer K» £!{&"... Von M. Y. Ben-Gawriel (Jerusalem). In keinem anderen Land der Welt würde man, nufer einem derartigen ökonomischen Druck stehend, wie ihn äugenblicklich der Jischuw Palästinas zu ertragen hat, an neue Kunstschöpfung oder an die Exhibition des Geschaffenen denken. Daß hier beides geschieht, daß gemalt wird, daß man auch Theater spielt, daß sogar Bücher erscheinen, und daß so und so viele hundert Menschen sich finden — trotz dieser drückenden Wirtschaftslage — die in Kunstausstellungen gehen, das ist ein Zeichen der unverwüstlichen inneren Kraft der jüdischen Menschen in Palästina, einer Kraft, die aber nur unter dieser Sonne, und nie und niemals im Dämmerlicht Europas gedeihen könnte. Fünfunddreißig jüdische und ein deutscher Künstler luden .zur sechsten Jahresausstellung der jüdischen Künstlcrgemeinschaff. Die Ausstellung, ein seltsames Gemisch von höchster, hart ringender Kunst und suchendem Dilettantismus, bewies vor allem eins: wer hierher kommt, muß umlernen. Das große Licht dieser Sonne, die stählerne Härte dieser heroischcn Stcinlandschaft, die unerhört scharfen Konturen dieser Schatten, die mystische Flut dieses Mondlichtes über der silbernen Wüste tmd die Unmittelbarkeit dieser Farben hier zu erfassen und wiederzugeben, erfordert mehr, als man i!1 Europa gelernt 1md aus tausend europäischen Farbenerlcbnissc״ zu projizieren verstand. Anders sind die Manifestationen dieser Landschaft als die des Abendlandes, und wie der Sinn und das ■Fühlen des zur Heimat — Heimat im übergeographischen Sinn! — gekommenen Oestiers sich in diesem aus großen Flächen aufgebauten sonnentollen Milieu wandelt und wandeln muß, so, ebenso muß sein Verhältnis zu den Farben (und wahrscheinlich auch zur Maltechnik) sich wandeln, will er nicht als Maler (tmd auch als Zeichner) ein Stümper werden. Dies konnte man bei der Ausstellung der Sechsunddreißig beobachten. Ein paar von diesen Leuten, die, dies sei betont, durch die Bank sich bemühen, das Erlebnis Palästina ehrlich zu bewältigen, seien erwähnt. Da ist Abraham Neu mann, aus Polen und aus Paris schon bekannt, der ein Lichtempfinden ganz seltener Art bekundet. Seine Landschaft ״Safed“, seine ״Grabeskirchc“ und besonders sein ״beth hakknesset stambuli“ beweisen es. Dann ist da Josef Preß mann, der mir hoffnungsberechtigt erscheint, und Nachtmi Guttm ann, der mit einfachen Mitteln die Stimmung der Altstadt von Jaffa (in einem intimen Detail) einfängt. Ein Pastell von B, Zuckcrmann (der gleichzeitig eine eigene Aus- Stellung• veranstaltet), ist mit viel Liebe gemacht und trifft recht sicher die Wüstenstimmung der Berge jenseits des Meeres von Tibcrias. Ke heroische Einsamkeit des Gebirges Juda weiß (brauner Ton in breiten Flächen - frauenhaft erfaßt,) Sionah T a g e r ■. eine palästinensische Sefardin. jfut mitcrleben zu lassen, Owad jalius Landschaften dürfen auch genannt werden, ein blinder persischer Jude von Anna Ticho ist einer der wenigen ausgestellten Köpfe — Gott sei Dank werden die Judenköpfc, die ״jüdische Kunst aus Palästina“ repräsentieren, endlich doch weniger — der persönliche Note zeigt, und schließlich die beiden, wie mir zumindest scheint. Bemerkenswertesten der Ausstellung Leopold und Grete Krakauer. Beide sind in Palästina gewachsen. Grete Krakaucr hat mit klugem Blick und nüchterner Ucbcrlegung die Technik erfaßt, die dieses Milieu, annähernd zumindest, darzustellen vermag. Ihre Landschaften, reinlich und übersichtlich, die Ucbergangsfarben außerordentlich geschickt verwendend, zeigen von brillanter Darstellungskraft mit männlichem Einschlag, die das illustrative Moment zu erfassen weiß. (Eines dieser Stücke ging letzthin in den Besitz des Präsidenten Masaryk über.) Leopold Krakauer aber ist ein Mensch, der nicht hur um die Technik, sondern besonders um das innere Erlebnis ringt. Ein Ringender — man verzeihe das abgehetzte Wort - im wahrsten Sinne der Phrase: was wir hier schauen erschüttert uns, denn wir schauen auf diesen Kampf, dessen Ausgang ungewiß ist: entweder bewältigt der Künstler das gewaltige Erlebnis dieser Landschaft oder aber er muß die Waffen strecken. Ein Mittelding, stümperhaftes Kopieren ihrer Aeifßcrlichkcitcn, gibt es hier nicht, dessen ist man sicher, schon wenn mau vor den unerhört z.wingcndcn Kohlezcichnungen Elkas (Leopold Krakauers) steht. Hier, fühlt man, ist ein Mystiker, der - vielleicht weiß er gar nichts vom Judentum — mit zerschlissener Seele um das Judentum in sich und in dieser Landschaft kämpft. Dieses Gräberfeld auf dem Oelberg und dieser Jude über der Stadt und dieser Bettler, das sind Bilder, die alles eher als leicht-fertig sind; das sind Stationen eines kämpferischen Weges, der vielleicht nur Stationen und kein Ende kennt. Ein anderer ist Rubin, der eine Somkrausstellung veranstaltot. Ein Arrivierter, der manches aus Europa mitgebracht hat, das er mit dem liier Vorgefundenen geschickt zu vereinen weiß. Große Flächen, großes Licht, ein wenig Expressionismus, gemäßigt genug, um heute noch zu bestehen — aber alle Achtung vor seinen ״Tänzern von Merom“. Hier liegt ein Stückchen jüdisches Erlebnis, das merkwürdig in eine Landschaft komponiert ist, die irgendwie an persische Miniaturen erinnert. Diese neunköpfige Tänzergruppc, fächerförmig erstarrt in ihrer Extasc, vor sanften Bergen, deren Orient durch eine Palme und eine Ziege (ein bei Rubin immer wiederkehrendes Detail) angezeigt wird, hat starke, bezwingende Größe in sich. Hier ist nichts gespenstisch, nichts ist verborgen, alles ist offenbar; und dennoch Tänzer am Grabe des Mystikers Bar jochai. Rubin liebt die Stilisierung der Landschaft und ihrer Details (mitunter, für mein Gefühl zumindest,, zu stark), aber sein ..Ach ui Ha’am“ vor stilisiertem Blattarrangemcnt wirkt doch zwingend, klärend vielleicht. Die harte, steife Parallele der Linien wird zum Sinnbild der unbeeinflußbaren Offenheit und Gradlinigkeit dieses Philosophen. Und daneben die ganze liebliche Stille der Landschaft in (Talil, cingcfangcn in breiter Idylle, der die Ziege nicht fehlt; es ist recht schwer, definitiv sagen zu können, ob Rubin ein Könner oder ein Künstler ist. Seine Büste, von der Channah Orlowa modelliert, ist auf alle Fälle eine ganz starke Angelegenheit. Eine Menge von diesen genannten und nicht genannten Malern sind wahre Künstler; allen gemeinsam ist, daß sic ehrlich die Tendenz haben, den Rahmen artiger Kunstfertigkeit zu sprengen. Alles in allem: die spezifisch jüdische Art der Darstellung hat noch keiner entdeckt, wohl kaum auch nur einen Weg dorthin, von wo aus eine ״jüdische Kunst“ entstehen könnte (in ihrer typischen Einzigartigkeit wie etwa chinesische oder auch mir arabische Malerei), aber das jüdisehe Erlebnis stellt hinter manchem dieser Bilder. (Wenn es, glaube ich. einst hinter jüdischem Kmistbandwcrk stehen wird, dann wird der Weg zu jüdischer Kunst gegeben sein, denn ohne Knnsthandwork als Vorstufe, wird cs auch hier nicht gehen.) In diesem Zusammenhang sei noch der Photoausstellung von 1. Schweig gedacht. Schweig ist, scheint mir, der erste der Photographen Palästinas, der endlich draufgekommen ist, daß es außer Esel und Kamel auch noch etwas anderes Spezifisches an der palästinensischen Landschaft gibt. Bis nun macht er keine Konze:.sinnen; wenn er dabei bleibt und dem seichten Kunstgcsdunaek der Tourhtenniasse nicht entgegenkommen wird.'dann scheint er mir als exzellenter Künstler auf seinem Gebiete anzitsprechen zu sein. Berliner Kunstausstellung Die große Berliner Kunstausstellung des ״Kartells“, zu dem 11. a. ,,Sezession", Novembergruppe“ und ״Abstrakte“ gehören, teilt sich diesmal mit der Juryfreien und der ihr zugehörigen Ausstellung für Kircheukunst in die Riescnrämnc des Landesausstellinigsgebäudes am Lehrter Bahnhof. Die Ausstellung für Kirchenkunst ist auch für uns von bcsonderem Interesse; denn sie hat zwei Synagogen aufgebaut. Die eine von dem Maler Issay K u I v i a 11 s k y ,_ ist allerdings nur ein ,.Andachtsraum“, bestimmt zur Andacht eines einzelnen Menschen. Der Name Gottes beherrscht den Raum. Die Buchstaben des Gottesnamens erscheinen in magischer Bedeutung im chassidischcn Sinne und die eine Wand des quadratischen Raumes gehört ganz einem riesigen Mögen Oovid in mathematischer Mystik. Kulvianskys Grundgedanke ist: ״Um Gott zu suchen ist kein Raum notwendig. Der Raum dient nur zur Konzentration.“ Die Synagoge ist aber nicht nur Andachtsraum, sondern gehört in erster Reihe der jüdischen Gesamtheit, der Gemeinschaft. Und deshalb ist ihr Zweck nur erfüllt, wenn der Gemcinschaftscliarakfer betont wird. Diesen Zweck erfüllt in den bescheidenen Grenzen, für die er bestimmt ist, der Sy!1agogenraum des Architekten Harry R o s c n 111 a I viel besser. Die Bänke sind zwar ein wenig ungewohnt angebracht: sie ziehen siel! als Steinbänke an den Wänden hin. In altjüdischer Weise steht das Pult zur Thoravorlesung mit einem zweiarmigen Leuchter in der Mitte des Raumes etwas erhöht auf einer Stein- Plattform und Stufen führen z.1! beiden Seiten hinauf. Die Svnagogc ist denkbar einfach. Ihr Rauprinzip: drei ineinandergeschobene Kästen. Vorgchaut ist der Raum für den Thora- Schrein, das zweite Rechteck bilden die beiden N'ehenränme: ״der Chor“ und das ,,Trauzimmer“, die liier nur durch crleuchtote Fenster angedeutet sind. Der dritte Rechteckhai! ist die eigentliche Synagoge. Die Frauenempore ist gleichfalls durch ein Fenster angedcutet. Beleuchtet wird der Raum durch Oberlieht. Die einfachen Formen, die schlichte Verwendung des Steins, die allen überflüssigen Zierrat vermeidet, gehen der Synagoge durch das gedämpfte Licht einen zugleich intimen und doch würdig-feierlichen Charakter. Außer der Naturfarbe dis Steins ist die einzige Farbe das tiefe Rot des Läufers vor dem Thorapult. Im Vorraum zeigt ein Schrank kunstgewerbliche Arbeiten aus den Werkstätten von Rahe! Ruth S i 11 a h s o h 11. Die Synagogenzcichnung des Düsseldorfer Architekten Körner ist ähnlich im Entwurf, sieht nur an den Wänden stilisierte Leuchter vor. Die jüdische Kunst ist in allen Ausstellungen so reichhaltig vertreten, wie man sie bisher noch niemals sah. Besonders hei den Jnrvfreien. Hier sieht man vor allem drei beachtenswerte in Berlin noch nicht oder nur wenig gezeigte Maler. Fritz. Fei gl er. auf den im vorigen Jahre an dieser Stelle hingewiesen wurde, ist diesmal eine große Wand eingeräumt. Er zeigt sich als echtes Maltcniperament mit selbstverständlicher Beherrschung der Bewegung wie des geistigen Ausdrucks. Das Selbstbildnis zeigt den typischen scharf beobachtenden Malerblick, das Bikinis eines '״jungen Mannes“ und das eines ״Jiidischcn Bettlers“ sind außerordentlich lebensvoll, llenuch ßardzynski und dem Düsseldorfer Jaukel Adler wurden ebenfalls eine ganze Wand eingeräumt. Die Kunst dieser beiden ist im Gegensatz zu der geistig konzentrierten Kunst Fciglcrs primitiv östliche Kunst. Man kann sie mit der primitiven und kräftigen Sprache mancher Jargondichtung vergleichen. Jaukel Adler hat den Dyb«k$til, den Ernst Stern als hochempfindlicher Theatcrmann in seiner ״Szene aus Dybuk“ bis auf die Stimm- '41:1 ■m,\ I '־4 fj } '■} w 1-1' :1 H H'j; ■:{!ן;,׳. 1! rlf .! *•