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Jüdische Rundschau · 1927-06-01 · Heft 44 (Juni 1927) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 44 (Juni 1927)
Date
1927-06-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 314 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 Die Grundlage von Zweigs Gedanken über den Anti* semitismus ist der Zentralitäts- und Differenz-Gruppen- Affekt. Eine jede Gruppe hat das Bewußtsein: Ich bin mehr als die andere, ich stehe im Mittelpunkte; die anderen, vor allem die entgegengesetzte Gruppe, ist wertlos und muß bekämpft und vernichtet werden. Auf dem Differenz-Affekt, der nicht nur zwischen Völkern, sondern zwischen Gruppen aller Art, zwischen Waffengattungen, Truppenkörpern, Studentenverbindungen, Vereinen, Bewohnern verschiedener Stockwerke spielen kann, überall also, wo sich ein ״Wir“ und ein ״Ihr“ auf Grund einer klar gefühlten Differenz ergibt, ist die eigentliche Grundlage des Antisemitismus. Von dieser Grunderkenntnis gibt es nun zwei Wege: einen weiter in die Tiefe bohrenden und einen diese Erkenntnis durchsetzenden, ausbauenden und verwertenden. Arnold Zweig wählt bewußt den zweiten. Er analysiert den Differenz-Affekt nicht weiter, er geht von ihm aus und führt ihn durch. Und es gelingt ihm mit diesem Licht alle Varianten des Antisemitismus und das Schicksal des jüdischen Volkes neu und schlagend zu be* leuchten. Alle unsere schmerzhaften jüdischen Probleme erscheinen uns in neuer Klarheit: Der Antisemitismus, die heutige Situation des jüdischen Volkes, das deutsche Judentum, der jüdische Liberalismus, die Messias-Theorie, die Assimilation; der jüdische Nationalismus mit allen seinen Problemen, der Palästina-Aufbau. Die ganze Tragik des jüdischen Volkes steht neu vor uns auf, mit dichterischem Auge gesehen. Und das ist wohl das Wichtigste. Nicht was Arnold Zweig den Antisemiten sagt, sondern was er den Juden sagt, und nicht, was er über den Antisemitismus sagt, sondern was er über das Judentum sagt, macht die große Bedeutung dieses ,Werkes aus. Das ist ja die wahre Krankheit der Westjuden, daß sie das natürliche sinnvolle Verhältnis zu ihrem Jude- Sein verloren haben. Und so mußte tatsächlich die erste Tat eines ״edlen“ jüdischen Nationalismus sein, dieses Verhältnis wieder neti zu schaffen. Das ist — und dies sei im Gegensatz zu allen jenen, welche den Weg zum Nationalismus nur über feste nationale Formen sehen, gesagt — unter den heutigen Verhältnissen der Weg der Westjuden zum Judentum. Nur so kann es ihnen wieder gelingen, Wurzel zu schlagen Im fruchtbaren Erdreich des Volkes. Und hierfür ist das Buch Arnold Zweigs von unersetzbarer Bedeutung. Denn es spricht zu uns Westjuden in unserer Sprache und es wirkt auf uns mit Pen besten Gedanken unseres Kulturbewußtseins. Dieses Buch ist ein wunderbares Beispiel der schöpferischen Kraft des ״Widerstandes“. So wie der Antisemitismus, ohne es zu wollen, dem Ganzen des jüdigegfjwfee!• $|ic,h־ als, schöpferischer WM«r- I ****-$״*«״' stand «rUNst. ■r^: es’'-ist,׳;ment, sein-־Verdienst und .auch.; nicht seine Tat, es ist die Tat des jüdischen Volkes, daß es nicht nur hysterisch, sondern auch schöpferisch zu reagieren vermag so ist es auch hier. Arnold Zweig schreibt ein Buch über den Antisemitismus, und das Resultat ist ein herrliches Buch über die Lage des heutigen Judentums. Nie noch ist unser Westjudentum so gepackt und so gezeichnet worden, nie noch ist ihm sein Weg so einleuchtend vor Augen geführt worden. Das Büch ist weder parteipolitisch noch literarisch, es ist weder trocken noch schwatzhaft. Es ist hinreißend und doch überlegt geschrieben. Wir müssen Arnold Zweig dankbar sein, daß er seiner dichterischen Produktion dieses Buch abgerungen hat; es ist das Buch eines Menschen von feinster ertro* päischer Geistigkeit, von weiter Menschlichkeit und tiefer Jüdischkeit. Es ist das Buch eines Dichters. Nur Arnold Zweig hat es schreiben können. » An den Rand geschrieben Der bekannte Balladendichter Börnes Freiherr von Münchhausen war kürzlich eine ganz kurze Zeit in der Türkei. Er veröffentlichte über diese Reise ,,Tagehuchzettel“, Immerhin meinte er selbst dazu: ״Die kurzen Eindrücke sind gewiß teilweise irrig, — aber sie sind auch frischer als die des lange weilenden (vielleicht langweilenden!) Forschers,“ Aber auch diese Selbstentschuldigung half nichts. Es gab nur ein Urteil über diese Niederschrift. Dieses Urteil deckte sich ungefähr mit dem, das wir schon als Quintaner hatten, als wir in unserem französischen Lehrbuch die schöne Geschichte von dem Mann lasen, der, nachdem er eine Stunde ln Paris gewesen und in einem Gasthaus beim Frühstück von einem rothaarigen Kellner bedient worden war, nach Hause schrieb: ״Fn Paris sind die Kellner rothaarig.“ Nur über Palästina darf man nach einem Aufenthalt von noch so kurzer Zeit ein Urteil abgeben, das die gescheitesten Menschen in den hervorragendsten Stellungen als treffend und einwandfrei hinnehmen. Auch wenn es dem Urteil anderer, die sich ernstlich in die Dinge einzudringen bemüht haben, widerspricht. Auch wenn diese anderen keine Veranlassung hatten, mit einer solchen Voreingenommenheit an das Problem heranzugehen wie etwa die Herren Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil und Staatsrat Dr. Cohn. Aber sogar Herr Binjamia Segel macht in der ״Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland“ den Versuch, den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens von der Verantwortung dieser Palästina-Durchrenn-Berichte zu entlasten. Weil der C.-V. nämlich den anders lautenden Bericht seines eigenen Syndikus Dr. Alfred Wiener zwar zu veröffentliehen bisher unterlassen hat, aber doch in vertrautem Kreise erstatten ließ, so daß Herr Segel ihn für seinen Privatbedarf niederschreiben und vervielfältigen konnte. Immerhin etwas! Aber die nochmalige Veröffentlichung der Cohn-Weilschen Rennberichte in Broschürenform gißt in den einführenden Worten ohne weiteres zu, daß der Vorsitzende des genannten Vereins die Verantwortung über das Gesagte und Gedruckte übernimmt Wissen möchte ich nur, ob dieser nicht wenigstens den Wunsch hat, einige Sätze des Berichts, die ״genaue“ Angaben enthalten, nachzuprüfen. So z. B. den des Herrn Staatsrat Cohn: ״Die Universität besteht aus vier oder fünf Zimmern mit chemischen Instrumenten... Dann gibt es noch ein paar Zimmer in der Stadt in denen gelehrt wird.“ Sollte man nicht vielleicht doch einmal jemand in Jerusalem beauftragen — unter den angeblich so zahlreichen Antizionisten dort wird sich wohl ein Verläßlicher finden — der in etwas größerer Ruhe nachzählt, ob dort vier oder fünf Zimmer oder vielleicht noch einige mehr sind? Und ob man diese nicht im allgemeinen und auch in diesem besonderen Falle Laboratorium nennen könnte? Und ob nicht noch Hörsäle auch noch da sind? Und ob nicht im Erdgeschoß eine große Glasbläserei für die Zwecke der Laboratorien ist? Und ob nicht im selben u. E. sehr schönen Universitätsebäude auch noch •andere Laboratorien, z. B. des mikroiologischen Instituts sind? Wenn man nämlich so schnell reist, kann man in der Eile doch vielleicht das eine oder andere übersehen, auch wenn man Staatsrat a. D. ist. Und der Herr Centralvereins-Vorsitzende könnte vielleicht, wenn er schon beim Fragen ist, einmal feststellen, was Herr Dr. Bruno Weil in seinem Abwehrbrief an Struck damit sagen wollte, daß er ״immerhin eine gewisse Anzahl von Kolonien gesehen habe"? Heißt das, er habe sie im Vorbeifahren vom Autofenster aus gesehen? Oder hat er sie wirklich besichtigt und auch bei ihnen wie in Tel-Awiw ״alle Erkenntnisquellen, die ihm zugänglich wären, ausgeschöpft“? Es wäre immerhin für die Gesamtbeuj-teilung von Interesse, ob hier das . oder bloß ־mit advokatorischenr Geschick gebraucht Ist, um eiherF anscheinend doch offenbaren Mangel an Kenntnisnahme zu verschieiern ... Zum Schluß noch etwas ganz anderes. Ein Zukunftsbild. Man versetze sich in das Jahr 4000 n. Ch. Große Veränderungen sind auf der Mutter Erde vor sich gegangen. Völker gingen, Völker kamen. Eines Tages findet man Korrespondenzen von der Insel Samoa aus der Zeit, da dort noch eine deutsche Kolonie war, mit dem Mutterlande. Da schreiben die aus Deutschland dahin Ausgewanderten, ihre Kirchen seien zerstört worden, sie® bitten um Hilfe für den Bau einer neuen Kirche, — sie äußern ״kein Wort des Wunsches der Heimkehr“ nach Deutschland, ״kein Wort des Wunsches nach Beteiligung an den heimatlichen Dingen“... Einer, der von diesen Funden erfährt, im Jahre 4000, bcrichtet schnell darüber in einem schönen Feuilleton und er folgert aus diesem Wohlgefühl der Deutschen in ihrer Kolonie, aus diesem Mangel an Wünschen für die Heimat, die Deutschen haben ״schon damals aufgehört, ein Volk zu sein“... Was klingt da aber für ein scharfes Wort der Kritik des verehrten Lesers an mein Ohr? Ich will nichts gehört haben. Ich nehme nur an, der verehrte Leser schüttelt bloß den Kopf ob solcher Logik. Ich auch. Wenn dasselbe aber von den Juden in der altigyptischen Kolonie Elephantine erzählt wird und Herr Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil daraus den Schluß zieht: Das zeigt, schon damals haben die Juden aufgehört ein Volk zu sein, so findet diese weisheitsvoile Schlußfolgerung das Placet des Herrn Vorsitzenden des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Olaubens und von der Broschüre, in der das auf S. 5 und 20 und auf der anderen Seite die erwähnten Reiseberichte zu lesen sind, sind 2000 Exemplare kaum sie die Druckpresse verlassen haben, verkauft. Man reißt sich drum... So sind eben die Menschen. Irgend etwas dazu zu sagen, erübrigt sich. H ugo Sc h ac h tel. Schtaß des Kongresses der VdlkerbmtdHp Am 29. Mai hielt der Kongreß seine erste Plenarsitzung nach der festlichen Eröffnung ab. Aus sämtlichen vertretenen Ländern sprach je ein Delegierter. Der Delegierte für Palästina, Herr Dizengoff, der im Namen der palästinensischen Völkerbundliga sprach, führte ungefähr aus, die palästinensische Liga sei noch jung, aber der. Völkerbundgedanke ist in Palästina nicht neu. Die■ Liga hat zur Propaganda der Völkerbundidee eine Broschüre in hebräischer Sprache herausgegeben, die Beiträge der hervorragendsten palästinensischen Dichter, so auch Ch.N. Bi a I iks,enthält. Schriften in anderen palästinensischen Sprachen werden folgen. In 150 jüdischen Schulen־, in denen 21 000 Kinder erzogen werden, wird 1m Geiste dieser Versammlung gearbeitet. Das Hauptbüro der Palästina- Liga befindet sich in Jerusalem, es bestehen Abteilungen in Jaffa und Haifa; weitere Abteilungen sind in Bildung begriffen. Herr Dizengoff schloß: In Palästina haben die Propheten zuerst die Idee des Friedens und der Völkerverbrüderung proklamiert, die jetzt in Deutschland, wo z. B. Krupp seine Fabriken für Kriegsmaschinen in Produktionsstätten für Ackerbau-Geräte um gebaut hat, verwirklicht werden. Hoffentlich wird die Palästina-Liga bald so stark sein, daß sie die Ligen aller Länder zur Abhaltung des Weltkongresses in Jerus c h a 1 a j i m , der — wie ihr Name besagt — Friedensstadt, wird einladen können. Am 30. Mai fand im Hotel Esplanade ein Presse-Tee statt, zu dem die Vertreter der Minderheiten auf dem Weltkongreß der Völkerbundligen eingeladen hatten. Der slowenische Abgeordnete von Triest Dr. Wilfan, der den beiden ersten Minderheitenkongressen präsidiert hat, hielt die Einleitungsrede, in der er darauf hinwies, daß 40 Millionen europäische Menschen in 35 nationalen Oruppen um die primitiven Rechte der Minder• heiten kämpfen. Für die jüdischen Minderheiten sprach Dr. Marg u 1 i e s (Tschechoslowakei), der ungefähr sagte: Das jüdische Volk erleidet das herbe Schicksal einer Minderheit seit langen Jahren, nun, da die Bewegung für die Rechte der Minderheiten nach dem. Weltkrieg entfacht ist und die Minderheiten nicht mehr allein Objekt, sondern auch Subjekt der Politik werden, dürfen auch die jüdischen Minderheiten auf Gerechtigkeit hoffen. Die Minderheiten wollen ehrlich am Staate und an der menschliehen Gesittung mitarbeiten. Wir sind, schloß Dr. Margulies, aus der Not heraus Pazifisten. Wir haben es gelernt, daß Fortschritt und Gesittung nie durch Gewalt, sondern durch einen Wandel der Gesinnung erreicht werden. Diesen Wandel herbeizuführen, wird unser Lebensziel bleiben. Protest gegen Rumänien Wien, 31. Mai (J. T. A.) Der Protestaktion der westeuropäischen und amerikanischen Juden gegen die Bedrükkun ge n und Verfolgungeü der fuden in Ru jn,änien;-״haf%1׳ch ■nun• nucjvJIg4s$teari<;felte, judenhrii;׳,an■״! einberufene. Protestversammlung statt, die■ ungemein׳ zahlreich besucht war. Hauptredner waren der Gberrabbiner von Wien, Prof. Dr. Chajes tmd Dr. Ornstein. Die Versammlung nahm zum Schluß eine Resolution an, in der für die Juden Rumäniens gleiches Recht und gleicher Schutz,. wie ihn die übrigen Bürger Rumäniens genießen, gefordert wird. Liberales Judentum tür Palästina London, 27. Mai. (J. T. A.) In einer Versammlung liberaler jüdischer Persönlichkeiten Londons hielt der Leitet der zionistischen Palästina-Exekutive Colonel F. H. Kisch eine Ansprache, woraufhin beschlossen wurde, unter dem Vorsitz von Reverend Maurice L. Perlzweig ein Komitee zu gründen, das die Aufgabe haben soll, eine Gesellschaft liberaler und Reform juden für die Mitarbeit an der Jewlsh Agency zu organisieren. Die Gesellschaft, der Zionisten wie Nichtzionisten angehören, wird u. a. auch die Aufgabe haben, die Interessen des liberalen Judentums in Palästina wahrzunehmen. Die Geheimnisse des Kammerjägers Von Moses Wald m ann. Zu Pessach habe ich hier von meiner Begegnung mit dem jüdischen Kammerjäger in Litauen erzählt. Am Schlosse habe ich vermerkt, daß ich verschweigen müsse, wohin sich um jene Zeit mein Reisekamerad zu begeben beabsichtige und welche Pläne er durchzuführen gedenke. Ich habe angeeben,, daß sich diese Pläne auf Pessach und Chainezusräumen beziehen. Ich will gestehen, daß ich mich damals nicht an die strikte Wahrheit gehalten habe. Ich verfolgte bei den Ausflüchten, die ich in betreff der Reise meines Freundes und seiner Pläne machte, zwei Absichten: erstens wollte ich durch diese Bemerkung die Aufmerksamkeit von dem tatsächlichen Vorhaben des Kammerjägers ablenken, zweitens aber paßte es gerade für die Pessachnummer, in der traditionsmäßig eine Pessachgeschichte veröffentlicht werden soll, von Pessach und Chamez zu reden und auf diese Weise der Pflicht eines jüdischen Schreibers anläßlich der Pessachfeiertage zu genügen. Schließlich, alle Kollegen werden es bestätigen, ist es keine einfache Sache, alljährlich zu allen jüdischen Feiertagen Geschichten zu erzählen, die gerade dem betreffenden Feiertage angemessen sind und so verlieh ich durch diese Bemerkuiig der Geschichte den Anschein, als ob sie eine Pessachgeschichte wäre. Doch zurück zu unsrem Kammerjäger! Ich kann mit Vergnügen vermelden, daß ich vor einigen Tagen von dem lieben, alten Mann einen Brief bekommen habe, den ich wohl nicht vollständig aber auszugsweise wiedergeben will. Der Brief, auf zwei Blättern aus einem Schulheft geschrieben (mit Tinte, deren Blässe verrät, daß sie durch Aufrühren der vertrockneten Ueberreste eines Tintenfasses hergestellt wurde), lautet: ״Gelobt sei Gott! An meinen lieben Freund, den Lehrer unserer Lehrer, sein Licht möge leuchten, in der heiligen Gemeinde Berlin! Ich kann Ihnen mitteilen, daß ich und mein Hausgesinde, Gott sei Dank, gesund sind und däß wir unser Auskommen in Ehren und zur Genüge haben, was ich wünsche von Ihnen zu vernehmen. Gottes Macht ist groß! Wen er erniedrigt, den erhöht er auch, und so schwer mein Herz gewesen ist vor dem heiligen Feiertage des Pessach, so leicht ist es jetzt, denn mit Gottes Hilfe ist meine Tochter üincndel mit ihren zwei Kindern, sie sollen leben und gesund sein, vorige Woche zurückgekommen und wir bereiten einen glücklichen und fröhlichen Schwuos vor, und ich bedauere nur, daß Sie, der mir so gute Ratschläge gegeben hat, nicht bei uns sein werden, uni unsere große Freude zu sehen und sich mitzufreuen an den guten Gaben, die der liebe Herrgott allen Juden an diesem heiligen Feiertage beschert. Wenn die Post es annehmen würde, so möchte ich Ihnen gern einige Blinzen (Kreppchen mit Käse) schicken, damit Sie Anteil haben, wenn auch ganz weit irn deutschen Land, an dem Vergnügen, das Gott mir beschert hat auf meine alten Tage.“ . . . Damit ist der Brief noch nicht zu Ende. Er enthält noch mehrere geschäftliche Nachrichten, die ich, da sie nur mich und meinen Freund in Litauen angehen, nicht mitteilen kann. Hingegen ist es notwendig, die Vorgeschichte des Briefes zu erzählen. Ich kann das, ohne etwas zu verschweigen, tun, da, wie aus dem Anfang des Briefes ersichtlich, des Kammerjägers Tochter, Ginendel, samt den Kindern, glücklich bei ihren Eltern gelandet ist. Als ich den Kammerjäger im Eisenbahnwagen traf, war er auf einer Reise nach Kowno begriffen. Doch führten ihn dahin nicht berufliche Pflichten oder Aussichten, sondern eine Privatangelegenheit ganz delikater Art, die er mir anvertraute und derentwegen er meinen Rat in Anspruch nahm. ״Ich bin in großen Sorgen“, sagte er mir damals. ״Ich habe, Gott erhalte sie beim Leben, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn ist in New York und schickt mir pünktlich jeden Monat 5 Dollar, wiewohl ich Gottseidank auf seine Hilfe nicht angewiesen Mn und selbst genug verdiene, um mein Haus in Ehren zu erhalten. Aber, ich nehme das Geld von meinem Sohne an, damit er das Verdienst, Vater und Mutter zu ehren, nicht verliere. Ich lege das von ihm geschickte Geld zusammen und, so Gott will, in 120 Jahren werde ich es ihm und seinen Kindern zurückgeben. Mein Sohn bereitet mir also keine Sorgen; ich beziehe viel Vergnügen von ihn! und von seinen Kindern, umsomehr, als er sich ganz jüdisch führt, und ich aus Briefern von anderen Leuten weiß, daß er in New York an Gott und seine Gebote nicht vergessen hat. Mein zweites Kind ist eine Tochter, sie soll leben, und mit der habe ich, Gott verzeihe mir die Sünde, viel Sorgen. Noch vor der Revolution hat sie eine Bekanntschaft gehabt mit einem jungen Mann aus unserer Gegend, einem Drechsler, der in Rußland lebt Und was soll ich Ihnen sagen? Alle Partien, die man ihr vorschlug, hat sie abgelehnt. Wir leben ja in einer ganz anderen Welt als vor 30 Jahren, da die Kinder ihren Eltern gehorcht haben. Meine Tochter wollte unbedingt nach Rußland fahren und dort ihren Drechsler heiraten. Bitten, Tränen, Händeringen der Mutter, all das hat nichts genützt. Sie hat sich ihren Drechsler in den Kopf gesetzt, und wir konnten nichts machen. Vor vier Jahren hat sie einen litauischen Paß genommen und ist nach Rußland abgereist. Dort hat sie iliren Drechsler geheiratet und nun hat sie Gottseidank zwei Kinderchen. Aber von der großen Liebe ist sehr wenig geblieben. Der Drechsler behandelte sie sehr schlecht und sie lebt in großer Not. Sie selbst hat zuerst gar nichts davon geschrieben, aber Bekannte aus Rußland haben mir das mitgeteilt, Und ich habe sie dann wissen lassen, daß uns alles bekannt ist und habe ihr geschrieben, daß es mir Gottlob gut geht, und daß ich mit großer Freude sie und ihre Kinder aufnehmen würde, und daß mir die Kinderchen mein Alter verschönern werden. Was soll ich Ihnen sagen? Briefe hin, Briefe her: schließlich hat sich meine Tochter einverstanden erklärt, nach Hause zu kommen. Aber woher soll sie einen Paß nehmen? Durch die Heirat mit dem Drechsler in Rußland ist sie russische Bürgerin geworden und bekommt keine Einreiseerlaubnis nach Litauen. Ich habe lange hin und her gedacht, was man da tun könnte, bis mir ein Nachbar den Rat gab, die Heirat mit dein Drechsler ganz zu verschweigen und zu sagen, daß meine Tochter noch immer unverheiratet ist und daß ihre Kinder, Gott bewahre uns davor, unehelich sind. Wenn ich das sage, so ist meine Tochter noch immer litauische Staatsangehörige und kann infolgedessen in die Heimat zurückkommen. Bleibt die Frage: warum hat sie vier Jahre lang ihren Paß nicht verlängert? Zweitens kann sie durch die Angabe, daß die Kinder unehelich sind in einen schlechten Ruf kommen. Bei uns im Städtchen weiß man zwar ganz f ' ' ’ ־: '־' :י' ״“1■יי ־־’־i ■1־־־־ Mann zur Welt gebracht hat. Ich fahre also jetzt nach KoWno zum Polizei-Minister, um ihn um Entschuldigung zu bitten, daß meine Tochter ihren Paß während der Zeit von vier Jahren nicht verlängert hat und ihn zu ersuchen, daß er ihr die Rückkehr, ihr und den zwei Kindern (für den Minister sind sie unehelich, wir aber wissen die Wahrheit), erlauben

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