Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 44 (Juni 1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15. Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Auslandsabonuetnenls werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet Anzeigen-Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392״; Für Oesterreich; Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 156030. \־ 't7; ־ Für Tschechoslowakei: rostsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410. ׳ f;; Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 7CÄ ..; . Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag.' Nummer 44 | Berlin, 3. VI. 1927 Anzeigenpreis; 8 geapait .NoopareiUezcüe 0,50 G.-M, Stellengesuche 0,25 G.-M, ׳ ג׳ סיון׳ תרפ״ז | xxxii. Jahrgä־*; Per Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer ölfenllich - rethfilch gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.«1 : Ans Ere*-׳Isräel Die Regiemngsarbcilen Nach dem ״Dawar“ vom 15. Mai wurde B e r! Z w i von dem! Zivilsekretär■ Colonel Sy m es. zu ei1!er längeren Ausspräche empfangen, die den Fragen der^Regierungsarbeiten und der Arbeitslosigkeit gewidmet war. Ben'Zwi führte aus, daß die meisten der von der Regierung seinerzeit zugesicherten öffehtliehen Arbeiten'noch nicht .zur Ausführung gekommen seien. Colonel Symes erwähnte demgegenüber das Projekt zur Trockenlegung der Kischonmündung, das £E 22C00 erfordert und in allernächster Zeit zur Ausführung kommen wird, sobald die Bestätigung von London eingetroffen sein wird. Er; hoffe, daiß diese Arbeit von den Arbeitslosen i n Haifa ausgeführt werden wird und daß ferner die Arbeiten an dem Straßenbau Har Hakarmel-Hadar begonnen werden. Was die Arbeiten in J a f f a anlangt, so bemerkte Colonel Symes dem Blatt zufolge, daß man in nächster Zeit nicht mit größeren Arbeiten im Hafen rechnen könne, und ebenso nicht mit dem Bau eines Verbindungsweges zwischen dem Hafen und der : Allenby-Straße. In nächster Zeit seien dort nur kleinere Arbei- :ten, in Verbindung mit der Errichtung des neuen Zöllgebäudes zu erwarten. Die Straße Rischon-Rechobot sei im Prinzip längst genehmigt; : sicher. könne auch hier eine Anzahl jüdischer Ar-; beitslosen beschäftigt werden. - : Wegen der sclnvie r i.g ei! Finanzlage der Regie- Vrurig beabsichtige diese, in diesem Jahre nicht das bestehende;׳Straßennetz■zu erweitern. Als Ausnahme davon wurde jedoch in :der Unterredung erwähnt, daß der Bau der Straße, die die Kolonien des Unteren Qalil mit dem Emek verbinden wird, noch Jam Ende des kommenden Sommers begonnen werden soll. Auch jdie Pica beteiligt sich an der Aufbringung des dazu erforder-!׳liehen Betrages. Schließlich wurde die Arbeitslage bei der ,Eisenbahn berührt. Colonel Symes gab als Grund der bis- : herigen Verzögerung in der-Aufnahme der monatlichen Arbeiten;,den Einspruch des Colonial Offjce in London gegen das neue > Eisenbahnbudget an, doch sei in den nächsten Tagen das Ein- ’ treffen de'r Bestätigung zu erwarten. Zweifellos werden dann ,:gewisse Arbeiten innerhalb der Eisenbahnbetriebe begonnen werden. S“ , Die Palästina-Arbeiterbank >: ־Am 15־. Mai fand in Tel-Awiw die Generalversammlung ef Aktionäre? der f?31ästina:Arbeiterbank statt. Die •sch\ye! ,?jrt.'-ßhaftskrise im Laa׳*s!,!lieh rrht ohne hmduß aut <t ratiglseit der ßahk.‘ $0' sind die Lposiien j!» Laufe deä ährts' 1026 von £E '43000 auf '£!:’'000 6׳״ heruntergegangen. ־ ihch der Geldüberweisungsverkehr aus dem Au-dande nahm •־,'ab. Die eigentliche B'a n k tYt i g’k e i t dagegen hat ״noch zu genommen. Der Umsatz stieg von £E 338858 : im Jahre 1925 auf £E 378 919 im Jahre 1926. Darlehen!wurden. um 10,6 <>/0 mehr als im Vorjahre erteilt,!;'zwar 424 in Höhe von £E 183 665, davon 2־für öffentliche •:;Arbeiten (£E 61 244), 82 für landwirtschaftliche Zwecke (£E 20 123), 132 an Kooperative (£E 46 304), 36 an ver-; schiedene Institutionen (£E 52 281) und 172 an Einzelpersonen :! (£E 3810). Die Kredite für öffentliche Arbeiten sind erhöht :'worden, während die für Einzelpersonen heruntergesetzt; wurden, da diesen Bedürfnissen die Arbeiter-Spar- und Leih- ׳ hasse ' nachkommt, zu deren Gründung die Arbeiterbank; beigetragen hat. 1'׳;.’ Die Generalversammlung, die unter Vorsitz von A. B< jlin stattfand, beschloß, vom Reingewinn in Höhe י | £E 4100 £E 500 für die Bedürfnisse der Histadruth und . £E 1400 für den Reservefonds zu bestimmen. Aus dem Rest; wurde ein Sonderfonds gegründet, der der Leitung für bcfsondere Bedürfnisse zur Verfügung stehen wird. Was den; Antrag auf Zuweisungen an den Keren ׳Hajessod und Keren Kajemeth betrifft, so wurde darauf hingewiesen, daß laut } den Statuten Zuweisungen nicht erfolgen dürfen, bevor nicht ״die Inhaber der Vorzugsaktien 5 <Y0 Dividende erhalten hat״״ |,Die Leitung wurde beauftragt, einen Weg zu suchen, ׳ )• dem . Ansuchen der beiden Fonds doch irgendwie nach- י" :kommen werden könne. An Stelle des ausgelösten Blochunjenfeld trat Brudny in die Leitung ein- Der austheid-ende Vertreter der Aktienbesitzer R o s o f f wurde iedergewählt. J. Haft wurde zum amtlichen Kontrolleur :wählt. (Ziko.) Vom Jerusalemer Sladfrat }'Im neugewählten Jerusalemer Stadtrat stimmte bei der rage, ob die Sitzungen des Stadtrats öffentlicji oder geschlossen in sollen, ein Mitglied der Nashashibi-Gruppe nut den drei iden — der vierte Jude Shemaan weilt noch im Ausland - ld} den zwei Husseiniten für die Oeffentlichkeit, so da äshashibi mit fünf Stimmen in der Minderheit blieb. Die Frage ill noch der Regierung vorgelegt werden, da der Beschluß an- :blich gegen das noch aus der türkischen Zeit stammende!!Statut verstößt. Es wurde u. a. beschlossen, das Statut aus dem glfürkischen ins Arabische und Hebräische zu übersetzen, über Ipie Beratungen genau Protokoll zu führen und reguläre Sitzunligen jeden Donnerstag abzuhalten.. Die Konzession von Mavromatis Nach dem ״Haarez“ vom 15. Mai wurde das Jerusalemer pBtbo der englischen Firma Jackson geschlossen und L äie Beamten an die Filiale der Gesellschaft in Aegypten versetzt. |}Der Leiter des Büros erklärte, dem Blatte zufolge, vor seiner!:»Abreise, daß in naher Zukunft nicht mit der Aufnahm e g;von Arbeiten zur. Elektrizitäts- und Wasserversorgung von lljerusalem auf Grund der Konzession von Mavromatis zu rech•!;;England sehr günstige Aussichten hat, bemüht sich jetzt |:die zionistische Palästina-Exekutive um eine entsprechende }:Verpackung und Schaffung günstiger Transportbedingungen : für die in letzter Zeit sehr erfolgreich •angepflanzten Tafel-;;Trauben. In den jüdischen Siedlungen wird eine besondere;! Propaganda für den Traubenkonsum veranstaltet. Die bürgerliche Pariei Palästinas Die ״H i t a c h d u t h E s r a c h i 111 L e u m i t h.“ . (N#tionale Bürgerliche Vereinigung) Erez-Israel, ersucht, uns um Abdruck des nachstehenden P r o g r a m m e s: . . ■ ׳.' 1. Die H. E. L. ist ein integrierender Teil der Zionistischen Weltorganisation und erstrebt die Verwirklichung ihrer Zjele. 2. Die H. E. L. legt als Grundprinzip für den Aufbau des Landes das nationale Prinzip fest und erkennt der nationalen Tendenz den Vorrang von allen Sonderbestrebungeri' in allen Teilen des Kolonisationswerkes zu. .:׳■■'; " ' 3. Die Erreichung einer jüdischen. Majorität ii» Lande in möglichst kurzer Zeit und auf gesunder wirtschaftlicher Basis ist die einzige Garantie für die Schaffung der nationalen: Heinistätte in Erez-Israel, und alle kolonisatorische Arbeit'muß äüf Erreichung dieser Ziele gerichtet'sein. . :׳ . ׳: 4. Das jüdische Privatkapital und das auf Grundläge der Privatinitiative errichtete System der individueilen Kolonisation sind die Hauptinstrumente'für den Aufbau. Aufgabe des nationalen Kapitals ist die Schaffung solcher Bedingungen, welche die normale Entwicklung' dieser Mittel ermöglichen und sichern. 5. J ü d i s c h e A r b e i t ist eine Grundbedingung, des Aufbaues. Aufgabe des nationalen Kapitales und der nationalen Institutionen ist die Schaffung solcher Bedingungen, welche die Verwendung jüdischer Arbeit erleichtern und sichern.. 6. Die H.E. L. sieht in der landwirtschaftlichen Kolonisation und der ununterbrochenen Erweiterung der durch jüdische Siedler besetzten Flächen den Hauptfaktor des Renaissance des Volkes und des Landes. 7. Der Anspruch auf Ansiedlung auf nationalem Boden (K. K. L.) und auf die Unterstützung seitens der anderen natiolialen Fonds steht in gleichem Maße allen Teilen des Volkes ohne Unterschied der Gemeinde, Partei oder Standes zu. Bei Auswahl der Anzusiedelnden, haben in Betracht gezogen, zu werden die Erfahrung der Siedler, ihre physische und moralische Eignung und die Mittel, welche sie in die Wirtschaft investieren können. Der Vorzug hat dem Kandidaten zuerkannf zu werden, der ■die meisten Chancen hat, in kürzester Zeit selbständig zu werden. 8. Alle Gelder, die von nationalen Fonds für Kolonisationszwecke aufgewenckt werden, sind als Darlehen• zu betrachten. gesichert zu werden. ־• ’’’*■־•'׳' Tri־ ,;. v 9. Die s t ä d t i s c h p. K o I o u i s 3 t i o 11 , begründet auf der realen Grundlage von Industrie und Handel, iri ein Hauptfaktor zur Erreichung unseres Zieles. Aufgabe des• nationalen Kapitals und der nationalen Institutionen ist die Schaffung der zu ihrer Entwicklung notwendigen politischen,‘gesetzlichen und finanziehen Bedingungen. 10. Die H. E. L.: ist der Ueberzeugung, daß nur durch geineinsame Arbeit aller Teile des Jischmvs und durch völlige nationale Solidarität die Erreichung unseres' Zieles möglich ist, sie betrachtet den Klassenkampf in Erez-Israel als nationales Unglück und verlangt die Regelung der Verhältnisse unter den Teilen des Jischuws auf der Grundlage der gegenseifigen Verständigung und des obligatorischen Schiedsgerichtes. 11. Die hebräische Sprache ist Grundlage unserer nationalen Kultur und deshalb propagiert die IL E. L. den unaufhörlichen und fanatischen Kampf zwecks Einbürgerung der Sprache in allen Teilen des palästinensischen Lebens. 12. Der öffentliche Ihiterricht hat alle Elemente zu umfassen, deren Kenntnis entsprechend dem Geiste des Volkes und seiner historischen Entwicklung Pflicht des jüdischen Kindes ist. L>ie H. E. L. ist dagegen, daß aus öffentlichen Fonds Schulen von Klassencharakter erhalten werden. Die H. E. L. empfindet es für nötig, den Schulen in den Kolonien und Dörfern landwirtschaftlichen Charakter und Tendenz zu geben, ln den städtischen Erziehungsanstalten hat die Vorbildung für den Arbeits- und Handwerksunterricht einen bedeutenden Raum einzunehraen. 13. Der Charakter des öffentlichen gesellschaftlichen Lebens ist mit der Tradition in Einklang zu bringen — wie sie sieb im Leben des Volkes ausgebildet und kristallisiert hat. 11. Die H. E. L. betrachtet eine aktive politische Tätigkeit als Notwendigkeit und stellt in den Mittelpunkt derselben die Forderung an die Mandatarmacht, allen ihren im Mandat enthaltenen Verpflichtungen für den Aijfbau der jüdischen nationalen Heimstätte voll nachzukommen. 15. Die H. E. L. betrachtet es als notwendig, die Finanzpolitik der Zionistischen Organisation grundlegend zu ändern und eine gesunde, den Bedürfnissen des Landes und seiner Ent- Wicklung entsprechende Finanzmethode zu schaffen. 20 Jahre Bezalci Jerusalem, 27. Mai. (J. T. A.) In diesen Tagen sind es zwanzig Jahre, seitdem die jüdische Kunst- und Kunstgewerbeschule ״B e z a 1 e 1“ in Jerusalem begründet worden ist. Der aus diesem Anlaß abgehaltenen Feier wohnten Vertreter der Palästina-Regierung, der zionistischen Exekutive, der Hebräischen Universität, des Waad Leumi, sowie zahlreicher anderer Institutionen bei. Die Redner des Abends priesen die hervorragenden Leistungen der Schule, die, indem sie der Wiederauflebung der jüdischen Kunst in Palästina dient, stets die praktischen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung im Auge behält und in ihren künstlerischen Werkstätten Hunderte von Knaben und Mädchen für das Leben erzieht. Professor Boris Schatz, der als der Begründer der Bezalel-Schule Gegenstand besonderer Ehrungen war, erzählte die Geschichte der Schule und gedachte der Schwierigkeiten, denen er am Beginn gegenüberstand. Jahrelang mußte die Schule einen harten Existenzkampf führen. Jetzt sei auch das Interesse der Juden im Auslande für die palästinensische Kunst und das Kunstgewerbe wach. In Amerika, wo er länger als ein Jahr weilte, konnte er feststellen, daß das Interesse der amerikanischen Juden für Palästina in! Steigen begriffen ist. Der enthüllte Antisemitismus Von Dr. Felix Weltsch. ־ Der Antisemitismus ist nicht nur für uns ■Juden! Ein, interessantes Studienobjekt; es zeigt sich1bei ־näherer : Betrachtung,׳ daß er ganz allgemein soziologisch, massen* , und gruppenpsychologisch so aufschlußreich fur-<i|s}. Seelenleben der Menschen ist,'daß man ihn> ge1?dezj1v$f$.£ eine Erkenntnis-Pforte bezeichnen könnte.! Es sieht! fäst - so׳ aus, als ob dieser Ort menschlichen!Tuns und'^uh׳ - lens der Erkenntnis eine geringere Widerstandskraft ׳eni■׳־׳ gegenzusetzen vermöchte, geradezu ein י locus:.minörisA! resistentiae der Erkenntnis gegenüber ist. : Hier :vermag־?! die psychologische Erkenntnis einzudringen, ' weit! über'6 die Judenfrage hinaus,1 mitten hinein׳ ins Seelen-׳und x; Triebleben der Menschheitsgruppen; der Antisemitismus ." ist der. Seelen'verräter der Menschheit. 1יו׳- יי׳, Nicht um'Individualpsychologie handelt es sich hifer, sondern um Gruppenpsych'ologip; ein Erkerintriiszweigy der für das Verständnis menschlichen Zusammenlebens■!, von immer größerer Bedeutung zu werden beginnt.:. Ein jeder hat sicherlich schon das überraschende Erlebnis•!' gehabt, wie wenig eigentlich der Antisemitismus zwischen Eihzelmenschen, die sich als Individuen gegenüberstehen,:'} bedeutet; es ergeht Juden wie Antisemiten so. ־ Lernt ״ der Antisemit einen ״individuellen“ Juden }wirklich;ken־> nen, so kommt es gewöhnlich bald zu dem bekannten Ausspruch: Er ist zwar ein Jude, aber ein anständiger )• Mensch. Lernt aber ein Jude einen Antisemiten .׳als״; Individuum kennen, so wird er auch' 'in den meisten Fällen bemerken: Er ist zwar ein Antisemit,׳aber man׳■■׳ kann mit ihm reden, mit ihm arbeiten. Kürz der 'Antisemitismus ist ..zwischen Individuen, die einander!:, kennen, meist eine leere, unwirkliche Theorie.; v;} Wirklich, erfüllt, packend, unheimlich wirksam; i^t;׳ das alles erst von Gruppe zu Gruppe; und} von Gruppehmitgliedern zu Gruppenmitgliedefn, insoweit sie: :•־ sich als solche fühlen. ׳,-;2־׳. ״•'. ׳ ׳־ י! ׳ י.-> p-s;rt Uirhf pur, zwischen Juden _&uAi?/rnite^ ko; es ist •auch;zwischen Deutschen‘und Tschechen*so,» oder zwischen Sozialisten und Kapitalisten uswv; ja zu unserer Schande sei es: nicht verschwiegen'; daß 'map. auch schon ״oft von Assimilanteh das Wort hört: Er ist zwar ׳ein Zionist, aber..; ־.׳.״■, ■״ Zwischen den Gruppen also werden alle״ jene} , Affekte und Triebe wirksam, welche im 'Bereiche .der » Individuen durch Vernunft und persönlichen - .Willen} ' niedergehalten, abgeändert, veredelt werden. Als Glied einer Gruppe aber erscheint der Einzelne in einem Stadium der'Triebmoral, das er als Individuum, ^chon längst überwunden. hat. Innerhalb der Gruppe sink! das Verantwortungsgefühl, vermindert sich in auffallen• , dem Maße, sittliche Ueberlegung schwindet, Bewußffejp ,־: trübt sich; Wohlwollen, Mitleid, alle edlen Regungen / werden überwuchert und zurückgedrängt' von den‘ '1ä:pb daren, atavistischen Gruppentrieben. J 10 ׳ ׳ >* Aus diesen Tatsachen, aus ■der Gruppenpsycholögie erwächst uns erst das Verständnis für den Antisemi■:. tismus. Bereits einige Publikationen der letzten Zeif wiesen in dieser Richtung; so das vor einiger Zeit erschienene Buch über d?u Antisemitismus von. Bernstein‘). Arnold Zweig hatte schon vor sechs-Jäh׳־' ren im ״Juden“ in einer großen׳. Anzahl •glänzender•,•Ajthjf; handlungen diese Erkenntnis vorgetragen. Nun faßt 'etseine Gedanken über den Antisemitismus und die Gruppenaffekte in ׳ einein großen Werke zusammen, das 'er*, nach der Shakespearschen Figur.C al iban .nennt, und das dieser Tage erschienen ist**). ' ׳!.:.־..׳... : ״ Die moderne Psychologie־ als deren beste Vertreter wir Nietzsche, Scheler, Pfänder,' Freud, Adler ansehen können, ist eine Wissenschaft,;welche eine besondere Art .»׳ von seelischer Intuition und von schöpferischem. Scharfsinn erfordert, eine Begabung, welche die Pflege dieser; Wissenschaft in die Nähe dichterischer Einfügung rückt. Es ist darum von vornherein klar, daß nicht nur die Werke der Dichter selbst wichtige Beiträge zu dieser;} Wissenschaft sind, sondern daß der Dichter auch einmal1 — verzichtend auf die gestaltende Kraft seiner Kunst ׳:■—׳ theoretisch darstellend seine intuitiven Erkenntnisse mitzuteilen und so das ganze Wissensgebiet mii einem Schlag um ein großes Stück vorwärts zu bringen vermag.׳ Das kann man nun von dem neuen Buch. Arnold Zweigs mit höchstem Recht behaupten׳. Es ist.ein Buch', von einem überfließenden, geradezu üb.erschäumenden1' Reichtum an Erkenntnissen; ein Buch, das nach' ■allen׳ Seiten, jn die Tiefe und in die Weite blickt, an :nichts vorübergeht und unsere Erkenntnis, der jüdischen. Situa- . tiön unendlich bereichert. t 1 *) Jüdischer Verlag, Berlin. **) Arnold Zweig, Caliban oder Politik und ..iden sch a f t. Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften,׳ dargetan am Antisemitismus1927 —-’־,? Gustav Kienenheuer^Werlag,!Berlin, •Preis IJ.0PM. - b-■■•:; )