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Jüdische Rundschau · 1927-05-31 · Heft 43 (31.5.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 43 (31.5.1927)
Date
1927-05-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 310 3UED1SCHE KÜflDSCHÄÜ Kr. 43 Vortrag Kurt Bluttienfdd PaUiün* - ein Reisebericht Wie wir bereits kur/ gemeldet haben, hatte die B.Z.V. für den 23, d. Mts, eine öffentliche Versammlung in den Plenarsaal des Reichswirtschaftsrats einbemfen. Kurt Blunienfeld, der bereits wiederholt über die Hauptprobleme der Politik und Wirtschaft im Zusammenhang mit seiner letzten Reise gesprochen hatte, sollte vor einer größeren Öffentlichkeit einen Reisebericht erstatten. Der Abend# zeigte aufs Neue, daß wir in Berlin ein großes Publikum haben. Als Dr. Kanowitz die Versammlung eröffnete, waren Saal und Tribünen überfüllt. Es waren sehr viel Nichtzionisten und Jugendliehe Zuhörer erschienen. Blumenfeld sprach über die Schwierigkeiten eines Palästina-Bericlits für einen Menschen, der Palästina gut kennt und sich dauernd mit Palästinafragen beschäftigt Wer sich lange in Palästina aufhält und häufig hinfährt, sieht manches, wer nur wenige Tage im Lande zubringt, sieht alles und hat die Möglichkeit, zu abschließendem Urteil zu kommen. Am beste» haben es diejenigen, denen es in erster Linie darauf ankommt, für ihre antizionistische Propaganda einen Alibi-Beweis zu beschaffen. Blunienfeld glaubt aber, daß nur derjenige, der innerlich mit dem Leben, dem Volk und den Gedanken der Wiedergeburt verknüpft ist, Palästina wirklich zu sehen vermag, während die meisten Reisenden mit den Ohren sehen und gar nicht ungern die Opfer von ihnen willkommenen Informationen werden. Blumenfeld berichtete über die augenblickliche Krise, stellte kurz ihre Gründe dar und berührte die Frage der Einwanderung und Auswanderung. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre betrug die Rückwanderung etwas über 20 0/0 der Einwanderung. Diese Quote sei verglichen mit der Statistik anderer lmtnigrationsländer gar nicht ungünstig. Wegen der Krise, welche nicht erst unsere Gegner entdeckt haben, deren Erscheinungen jeder Leser unserer Presse genau kennt, und die weder die erste, noch die letzte ist, weil ein Aufbau von Leben nicht ohne Krisen vor sich gehen kann, spricht man in letzter Zeit immer wieder von der wirtschaftlichen Seite des palästinensischen Unternehmens. Der Redner selbst hat in der letzten Zeit immer wieder von dieser Seite der Sache und von der Politik gesprochen, er begnügt sich aber daher diesmal mit einigen zahlenmäßigen Angaben und wendet sich dem zu, was Palästina für das Judentum der ganzen Welt wichtig macht, zu den menschlichen Kräften, die hinter dem Werke stehen. Gerade die Zeiten der Krise, welche an die Menschen Palästinas außerordentliche Forderungen stellen, sind geeignet, diese menschlichen Kräfte zu prüfen. Die palästinensische Welt reagiert auf die Krise ernst und würdig, stolz und zuversichtlich. Nichts von den Erscheinungen ist zu spüren, welche in moralischer Hinsicht Wirtschaftskrisen zu begleiten pflegen. Die moralische Haitung Ist staunenswert fest. Die Zuversicht geht so weit, daß man trotz der Sorgen auch von einem Gefühl der Bedrückung weniger merkt, als man erwartet hätte. Der diesjährige Purim in Tel-Awiw vereinigte drei Tage und Nächte lang tausende und tausende Menschen in naiver und schöner Fröhlichkeit. Nichts im jüdischen Leben der Galuth läßt sich diesem Fest vergleichen, das so ganz aus dem Leben erwächst und es erfaßt. Irn selben Tel-Awlw, das unter der Krise 4rm meisten lefdety fand ein Seder für 700 Arbeitslose statt, den die Arbeiter selbst veranstaltet haben. Die alten Gebräuche erhalten neues Leben, längst Vergessenes lebt wieder auf. Man kann sagen, daß in jüdischer Beziehung auf einem Quadratkilometer in Palästina mehr, Wichtigeres und Interessanteres geschieht als in der ganzen übrigen jüdischen Welt. Das Leben ist dort frei und selbstverständlich, man fühlt erst dort, wie abstrakt das Judentum in der Galuth ist, ein Judentum der Debatten und Abstimmungen. Selbstverständlich ist in Palästina das Leben in einem dauernden Umwandlungsprozeß begriffen. Es kommen Juden aus allen Ländern mit ihren Eigenheiten hin, wie in einen Schmelztiegel. Zionisten gehen aber auch nicht hin, um in wenigen Jahren ״fertig* gemacht“ zu werden, sie vertrauen auf Kinder und Enkel. Durch gemeinsame Hoffnungen und durch Pioniertum wird aber schon heilte in Palästina die Volkseinheit fühlbar. Der Pioniergelst ist nicht schwächer geworden, er hat sich nur versachlich! In dem Zusammenstoß der Idee mit der Wirklichkeit, welche jede Pioniertat bedeutet, sind unsere Menschen in der Bewältigung der Wirklichkeit wesentlich veitergekommen. Die Not der Krise hat auch hier nicht schwächend, sondern stärkend gewirkt. Vielleicht ist es sogar besser als ln der Zeit der Hausse. Man wendet gegen Palästina ein, daß Menschen sozial absteigen, daß Intellektuelle zu Arbeitern werden und man versteht nicht, daß diese Chaluziuth, der Heroismus, der unsere assimilierten Juden in Legenden und Geschichte begeistert, aber in der Gegenwart peinlich empfunden wird, der Sinn der ganze« Sache ist. Das gleiche gilt vom Hebräischen, an dem man aussetzt, daß es wenig nützlich ist. Es kommt aber nicht auf Nutzen an, sondern auf Neugeburt, auf das Heraustreten eben aus der Welt, aus welcher diese Kritik geboren ist. Es ist leicht, Idealist für die Vergangenheit zu sein, für Heroen der Vergangenheit zu schwärmen, selbst aber sein beruhigtes Leben weitem!- führen. Die Tat unserer Chaluzim bedeutet den Protest gegen diese Haltung, den Ernst der Verwirklichung. Dieser Geist trägt seine Früchte. Die neue Generation, die in Palästina heranwächst und um deretwillen alles geschieht, ist eine außerordentliche Erscheinung. Ihrer Aufgabe bewußt, steht sie ihr ruhig und diszipliniert gegenüber, bereitet sie sich vor, ihr sachlich gerecht zu werden und gewinnt so eine erfreuliche und umibertriebene menschliche Haltung, die man besonders bei der Arbeiterjugend wahrnimmt. Man hört die Debatten in ihrer Organisation und sieht, wie hier zum ersten Mal die ganze Welt in den festen Zusammenhang einer jüdischen Gemeinschaft tritt. Palästina bedeutet keine Verengerung des Gesichtskreises, das wird hier deutlich. Die neue Sicherheit, daß etwas Unzerstörbares aufgebaut wird, ist das Ergebnis der Reise, Wir sind Realisten, aber doch stark durch die Utopie. Der Geist erst, der unsere reale Arbeit an der realen Kolonisation Palästinas durchdringt und sie bestimmt, macht unser Unternehmen zu dem, was es ist. In den letzten drei Jahren sind erstaunliche Fortschritte ln der Landwirtschaft und im Pflanzungsbau gemacht worden. Die Arbeitstechnik, die wissenschaftliche Schulung sei unvergleichlich besser geworden. Auf dem Lande fühlt man nichts von der Krise. Alle Siedler haben das Bestreben, Wirtschaftlieber zu werden und eine Fahrt durch alle Punkte zeigte Blumenfeld aufs neue die Mannigfaltigkeit des jüdischen Lebens und den Reichtum unseres Landes an landschaftlicher Schönheit und auch an fksonderlichkeiten des Bodens, des Klimas und der Möglichkeiten zukünftiger Entwicklung. Wer am palästinensischen Leben teilnimmt, ist immer überrascht, wenn von gewissen Palästinarcisenden über die Kleinheit des Landes gesprochen wird. Dieser Begriff kann nur für Menschen eine Rolle spielen, die nur mit Flugzeug, Schnell- 2ug oder Automobil von europäischen Großstädten aus durch Lind״; rasen. Dem Schweizer, dem Dänen, dem Holländer wird sein Land niemals klein erscheinen. Es birgt für ihn die ganze Welt. Er erlebt in ihm alle menschlichen Möglichkeiten. Gemessen an den Vereinigten Staaten ist Deutschland klein, gemessen an Deutschland ist Palästina geographisch ein kielnes Land. Palästina sei vielleicht klein, aber cs war doch niemals größer, in den besten Zeiten der jüdischen Vergangenheit war es sogar mitunter viel kleiner als das Gebiet, das wir heute Palästina zu nennen pflegen und doch habe in diesem kleinen Palästina immer wieder die Lösung der Judenfrage stattgefunden. Es sei eigentümlich, daß Menschen, die sich auf die jüdische Religiosität und auf die prophetische Ethik berufen, gerade für Palästina nur quantitative Maßstäbe haben. “Aber für Palästina sind ja auch liberale Meraglim immer orthodox. Merkwürdig muß es um die jüdische Religlosität von Menschen bestellt sein, die sich je nach der Geographle religiös anders ״einstellen“. Wie es um die letzten Palästina-Berichterstatter bestellt sei, beweisen zwei Behatiptungen: ״Die Synagoge von Tel־Awiw sei absichtlich nicht fertig gebaut, weil sonst kein Geld mehr für Tel*Awiw gegeben würde“ und ״die lieimtückeschsten Menschen auf der Welt sind die Orientalen“. Solche Berichterstatter erweisen die sittliche Notwendigkeit der zionistischen Bewegung. Eine echte Palästinareise ist eine solche, in der man sein Judentum neu zu erleben vermag. Daß uns Palästina diese Möglichkeit bietet, ist das beste Zeichen für die Wahrheit des zionistischen Gedankens. Herr Dr. Apfel appellierte in seiner Schlußrede an die Anwesenden, doch einzusehen, daß alle intellektuelle Abwehrarbeit gegen den Antisemitismus auch vom Gesichtspunkte der Wirksamkeit nicht zu vergleichen ist mit dem Werke in Palästina und seiner Wirkung. Die Wahlen in Warschau Von unserem Korrespondenten. -g. Warschau, Ende Mai. Die am 22. Mai vorgenommenen Wahlen zum Warschauer Stadtrat bedeuten den ersten nach den letzten Sejmwählen (November 1922) allgemeinen großen Aufmarsch sämtlicher politischer Parteien in Polen. Dies und der Umstand, daß wir in Polen vor neuen Parlamentswahlen stehen, verlieh den Wahlen in der polnischen Hauptstadt eine besondere Bedeutung. Auch die jüdische Gesellschaft erwartete mit Spannung den Ausgang dieser Stadtratswahlen, um das Kräfteverhältnis im jüdischen Lager nach einer ereignisschweren Periode von fünf Jahren Testzustellen. Im allgemeinen ergaben die letzten Wahlen einen Ruck nach links. Die antisemitischen Block-Parteien, welche die Wahlagitation mit den schärfsten antisemitischen und judenfresserischen Mitteln betrieben, erlitten eine ziemlich starke Einbuße, indem sie mehr als ein Viertel Stimmen verlören und anstatt des Besitzstandes von . 61 Mandateis (dleT Mehrheit des >stadtrates) nur 47 Mandate bekamen. Die Anhänger PÜsudskis, die sogenannten radikalen Demokraten und die ihnen angeschlossenen Gruppen erhielten über 40000 Stimmen und 16 Mandate. Die polnische sozialistische Partei behauptete ihre Stimmenzahl vom Jahre 1922 und im Verhältnis zum Jahre 1919 (vorletzte Stadtratswählen) gewann sie sogar über 5»;«. Ueber 65000 Stimmen fielen auf die für ungültig erklärte Liste der Kommunisten, was dk größte Ueberrascnung brachte, da man den kommunistischen Anhang in Warschau doch nicht für so groß gehalten hatte. Diese ungültigen Stimmen verkleinerten natürlieh den Wahlquotienten und infolgedessen muß bei Beurteilung des Wahlausganges nicht so sehr die Zahl der Mandate, als die auf jede Partei entfallene Stimmenzahl maßgebend sein. Dieser allgemeine Ruck nach links ist vom jüdischen Standpunkte positiv zu werten, obzwar während der Wahlagitation auch die linken polnischen Parteien, insbesondere die polnischen Sozialisten, sich reichlich des Antisemitismus bedienten. Immerhin ist die Atmosphäre etwas entpestet, und es sind Aussichten auf Durchführung so mancher jüdischer Postulate vorhanden. Diese Aussichten wären noch besser, hätten die jüdischen Parteien einen größeren Erfolg errungen. Leider ist dies nicht der Fall. Die Gesamtzahl der jüdischen Vertreter im Warschauer Stadtparlament blieb dieselbe: 27 auf 120 Mitglieder (der Bevölkcrungszabl nach mußten es 40—47 sein). Dieses Resuliat ist unbefriedigend, wenn man bedenkt, daß im Jahre 1919 in Warschau nur 171000, gegenwärtig aber 397 000 Stimmen abgegeben wurden. Dieser große Stimmenzuwachs hat also den Besitzstand der jüdischen Bevölkerung im Stadtrat gar nicht vermehrt. Dies erklärt sich u. a. damit, daß von den Juden nur gegen 45 «'0. von den Nichtjuden aber zirka 80״/# zur Wahlurne gingen. Diese bemerkenswerte A b - stineriz von 9000 wahlberechtigten Juden ist nicht nur ein Ergebnis des Wahlschwindels (keine oder falsche Eintragungen in die Wahllisten), sondern auch der Apathie der jüdischen Massen und teilweise des Mißtrauens sämtlichen jüdischen Parteien gegenüber. Ein Umstand, welcher zum ernsten Nachdenken Anlaß geben sollte. Innerhalb der jüdischen Vertretung hat sich auch ein Ruck nach links vollzogen. Im gewesenen Stadtrat gehörten 20 jüdische Ratmänner den bürgerlichen Gruppen und 7 den proletarischen an. Heute ist das Verhältnis 15 zu 10 bzw. 12. Der jüdischnationale Block (Allgemeine Zionisten, Misrachi, Agudah, Kaufleute, Handwerker, Kleinhändler und Frauen Organisation) hat von den erwarteten 20—27 Mandaten nur 15 erhalten (40 000 Stimmen) und auch im Verhältnis zu den Sejmwahlen im Jahre 1922 (damals wurde insgesamt in Warschau dieselbe Stimmenzahl abgegeben und die Wahl- Ordination war fast die gleiche) über 11000 Stimmen eingebüßt. Das Zählen der rein zionistischen Stimmen ist natürlieh unmöglich. Itn geivesenen Stadtrat (1919) erhielten die damals selbständig vorgehenden Allgemeinen Zionisten 7455 Stimmen und 5 .Mandate, der Misrachi 706 Stimmen ohne Mandat. Nach dem Teilungsschlüssel des Blocks erhalten gegenwärtig die Allgemeinen Zionisten nur 3 Mandate (Senator Ing. Körner, Dr. Hindes und M. Eltenberg) und Misrachi ein Mandat (S. Engelman). Der zlonistische Besitzstand im Stadtrat ist also etwas gemindert, trotzdem ist aber nicht anzunehmen, daß die Zahl der rein zionistischen Stimmen zurückgegangen ist. Zu diesen müssen doch auch die auf die links zionistischen Listen abgegebenen Stimmen hinzugerechnet werden. Die Hitachduth, welche zum erstenmal selbständig bei Wahlen auftrat, erhielt zirka 1000 Stimmen und die rechte Poale Zion 689 Stimmen. Allerdings blieben beide Parteien ohne Mandate. Die Agudah hat auf unehrliche Weist ihren Besitzstand vermehrt. Eine Abzweigung der Agudan, die sogenannte ״Poale Emune Jisroel“, haben nicht ohne ״inoffizielle“ Aprobation der Agudah eine selbständige Liste eingereicht, und am Wahltage haben bekannte Führer der Agudah, darunter prominente Rabbiner, ihren Anhängern befohlen, für diese orthodoxe Arbeiterliste und nicht für die Blockliste zu stimmen. So gewannen zum allgemeinen Staunen die ״P.E J “ über 5000 Stimmen (2 Mandate), wo es doch feststeht, daß diese Gruppe in Warschau höchstens 500 eigene Stimmen erreichen konnte. Auf diese verräterische weise ist die Agudah, welche als Teil des Blocks 3 Mandate erhält, im Stadtrat in den Besitz von zusammen 5 Mandaten gekommen. Diese Handlungsweise der Agudah-Führer rief in der jüdischen Gesellschaft große Entrüstung hervor. Der Bund, welcher von sämtlichen jüdischen Parteien die lebhafteste, modernste und kostspieligste Wahlpropaganda betrieb (er erhielt große Geldsummen aus Amerika) gewann zwar im Verhältnis zum Jahre 1922 keine neuen Stimmen (über 19000), vermehrte aber seine Mandatzahl von 5 auf 7. Es ist bemerkenswert, daß nicht unbedeutende Teile der jüdischen Kleinbürger und der arbeitenden Intelligenz für den Bund stimmten. Die Poale Zion-Linke stiegen von über 1200 Stimmen im Jahre 1922 auf über 7000 Stimmen und erhielten statt bisher 2, 3 Mandate. Eine furchtbare Niederlage erlitten die Folkistea mit N. Prilutzki an der Spitze. Dieser einst in Polen so populäre Politiker, welcher im Jahre 1922 22670 Stimmen auf sich vereinigte und ein Sejmmandat errang, konnte jetzt, schon die Liste seiner Opposition hinzurechnend, nicht mehr als 3400 Stimmen aufbringen. Beide Gruppen erhielten kern einziges Mandat. Es wäre noch zu verzeichnen, daß bei den letzte« Wahlen keine einzige Assimilantengruppe sich um jüdische Stimmen bewarb, während im gewesenen Stadtrat noch ein Assimilant vorhanden war. Ferner soll erwähnt werden, daß für die ungültige kommunistische Liste wahrscheinlich auch jüdische Stimmen abgegeben wurden, wenn auch sicherlich in keiner so großen Zahl wie die antisemitische Presse jetzt behauptet. Soweit die Tatsachen. Die Lehren der letzten Wahlen sind mannigfach. Die trotz des Zustandekommens des bürgerliehen jüdischnationalen Blocks vorhandene Zersplitterung brachte für die jüdische Bevölkerung einen Verlust von zirka 10 000 Stimmen und 3 Mandaten. Dieses Resultat gibt also denjenigen recht, welche unermüdlich die Idee einer großen jüdischen Einheitsfront verfochten und auf die Oefahien einer Zersplitterung hinwiesen. Vom zionistischen Standpunkt aus ist es zu bedauern, daß es nicht gelungen ist, die Zahl der zionistischen Ratminner zu erhalten dzw. zu vermehren. Aber noch trauriger ist es, daß während der Wahlagitation, die doch Gelegenheit zur öffentlichen Propaganda und Auseinandersetzung bietet, kaum etwas von Zionismus zu vernehmen war. In dieser Beziehung haben sich die linken zionistischen Gruppen ein Verdienst erworben. Die Hitachduth hat sogar rein hebräische gutbesuchte Wahlmeetings abgehalten, was wohl in Warschau ein Novum war. Es stellt sich jetzt heraus, daß viele allgemeine Zionisten Gegner des Blocks in dieser Form waren und die zionistische Presse stellt, nachdem es schon zu spät Ist, Fragen, ob es ratsam war, eine solche Taktik einzuschlagen. Den Zionisten im Block fehlte Schwung und Elan. Ihre Propaganda konnte kaum zionistisch-erzieherisch wirken. Außerdem führten sie selbst eine für den Zionismus schädliche Lage herbei, da die jüdischen proletarischen Parteien und sogar fortschrittliche bürgerliche Elemente in der jüdischen Gesellschaft ihren Programmen und Listen den des angeblich rteeWsbttrgerlfclM«, ' YVkHtttt fr« rrn'־־Zf»»I$tiltff entgegenstelrten. Der allgemeine Ruck nach links zeigt, auf welch gefährlichen Weg sich der offizielle Zionismus ln Polen begibt. Die polnische Presse sämtlicher Schattierungen hat auch in diesem Sinne die Wahlresultate für den Zionismus beurteilt. Andererseits soll die schwere Situation unserer Bewegung nicht unterschätzt werden, welche eine allgemeinjüdische Politik im Galuth anstrebend, zwischen rechts und links nur sehr schwer zu operieren vermag. Die Konferenz zun Schutz jüdischer Rechte New York, 24. Mai. (J.T.A.) Zwischen Louis Marshall und Dr. Stephen S. Wise ist hinsichtlich der bevorstehenden Konferenz zum Schutz der j ü - dischen Rechte ein Meinungsstreit ausgebrochen. Diese Konferenz ist vom American Jewish Committee und dem Komitee der jüdischen Delegationen in Paris gemeinschaftlieh für August nach Genf einberufen worden. Louis Marshall gab in einem Aufsatz der Befürchtung Ausdruck, daß in dieser Konferenz unüberlegte Worte und Taten — mögen sie auch gut gemeint sein — böse Folgen haben könnten. Marshall erinnert daran, daß das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris und der Amerikanisch-jüdische Konreß laut einem damaligen Abkommen sich nach der riedenskonferenz von Versailles hätten auflösen sollen. Dr. Stephen S. W i s e erwidert, das Fortbestehen der von Marshall beanstandeten jüdischen Institutionen sei — ebenso wie die kommende Genfer Konferenz zum Schutze jüdischer Rechte — absolut notwendig, um über den Schutz jüdischer Rechte und die Einhaltung der Friedensverfräge jederzeit wachen zu können. Dr. Wise erinnert daran, daß Louis Marsball, der sich anfangs gegen die Einberufung des ersten Amerikanisch-Jüdischen Kongresses gewandt hat, auch gegen den Anspruch auf Minderheitsrechte für die jüdische Bevölkerung Osteuropas Einwendungen gemacht und sich erst später entschlossen hat, für solche Rechte einzutreten. Die Arabische Exekutive an die Mandatskommission Jerusalem, 27. Mai. (J. T. A.) Die palästinensischarabische Exekutive hat heute das von Ihr abgefaßte, für die Mandatskommission des Völkerbundes bestimmte Memorandum der Presse übergeben. Sie tat dies im Gegensatz zu der bisherigen Gepflogenheit, für die Mandatskommission bestimmte offizielle Mitteilungen nicht vor deren Behandlung durch die Mandatskommission zu veröffentlichen. In dem Memorandum wird gegen England als Mandatsmacht die Klage erhoben, daß es die Anregungen der Mandat8kommlssion nicht erfüllt und eine die arabische Bevölkerung schädigende Politik befolge. Insbesondere wird darüber geklagt, daß immer mehr britische Beamte ins Lanc kommen, daß Palästina noch immer einer Selbstverwaltungsinstitution entbehrt und daß die arabische Sprache im offiziellen Gebrauch gegenüber dem Englischen und Hebräischen zurückgesetzt wird. Ferner läßt die Regierung eine wahllose Einwanderung von Juden zum Schaden der Araber zu. Eine neue Industriebank in Tel-Awiw Wie aus Jerusalem berichtet wird; wird die Vereinigung der Industriellen demnächst in Tel-Awiw eine Bank unter der Firma ״National Bank for Industry Ltd.“ eröffnen. Der Leiter dieser Bank ist Herr Weidenfeld.

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