Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1927)
- Date
- 1927-05-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 302 JÜEDISCHE RÜNUSCHÄÜ Nr. 41/42 Zur Mentalität der jüdischen Jugend in Deutschland Von Bruno M in z*). II. ״Es gibt keine größere Gefahr für die Zukunft unseres Werkes als die Erstarrung.“ Weder die allgemeine Mentalität der Jugend in Deutsch• land überhaupt, noch die Schleier der Krise, die sich über die jüdisch-nationale Bewegung breiten, rechtfertigen , die eigen• artige Lage, in der sich die zionistische Jugend heute befindet. Wir wissen sehr wohl, wie zermürbend jene kleinlichen Kämpfe sein können, die um materieller Notwendigkeiten willen geführt werden müssen und wie beengend das Gefühl ist, von immer neuen Widerständen umlagert zu sein. All das aber dürfte uns nicht daran hindern, unsere Ideologie zu vertiefen. Wir wollen an unseren Nöten nicht verkümmern, sondern wachsen. Leider aber sind die meisten Menschen mit ihrer geistigen Verfassung völlig zufrieden. Und man kann nur immer wieder jene unbekannte Kraft bewundern, die so mangelhaft ausgestattete Geschöpfe mit der Autosuggestion ihrer Vollkommenheit in die Welt setzen konnte. Wenn wir demnach auf jene seltsame Ueberheblichkeit einzelner Kreise der zionistischen Jugend hinweisen würden — an der auch unsere Kritik sicherlieh scheieirn dürfte so könnten Skeptiker, auf ein allgemeines Gesetz deutend, achselzuckend daran vorübergehen. Wir aber können nicht vergessen, daß die geistigen Möglichkeiten, die vor uns liegen, gewaltig sein könnten. Jeder Weg, den wir וווו Hinblick auf das Ziel, eine völlig neue Kultur zu schaffen, erkämpfen, könnte zu schöpferischer Arbeit führen. Und unser Verantwortlichkeitsgefühl sollte uns dazu bewegen, einen Prozeß, den Völker vor ungemein langer Zeitspanne vielleicht unbewußt an sich erfahren haben, mit etwas wacherem Bewußtsein zu erleben. An der Schwelle einer Entwicklung, in der nicht Jahre, sondern Jahrzehnte eine Rolle spielen werden, sollte uns der Gedanke an ein Stagnieren der Idee im Lager der Jugend infolge eines vorübergehenden Stillstands im Werke zum mindesten erschüttern. Leider pflegen jedoch Tatsachen sich nicht darum zu kümmern, wie wir über sie denken. Wer heute in eine Gesellschaft junger Zionisten gerät, wird unwillkürlich an Schopenhauers Gleichnis von der Gemein- Schaft der Igel erinnert. Solange es Sommer war, bewegten sich die Tierchen munter umher. Als es aber Winter wurde und sie anfingen zu frieren, rückten sic eng aneinander, um sich zu erwärmen. Sie machten jedoch dabei die üble Erfahrung, daß sie sich gegenseitig stachen. Aber die Zeit heilt alles. Und so bildeten sie allmählich eine Art Mittelstellung heraus, die eine reibungslose, laue Wärme gewährleistete. Es könnte fast wie eine Ironie anmuten, wenn wir daran denken, daß diese Jugend einmal dazu beitragen sollte, westliche Aktivität in den verträumten Orient hinüberzutragen — zu einer Zeit allerdings, in der man in Deutschland nach einem östlichen Nirvana dürstet. Vielleicht haben wir hier das Ergebnis einer Erziehung vor uns, die einem Zuge der Epoche folgend, zentralistisch eingestellt war und eine gefügige Herde herauszubilden suchte. Daß ein Nebeneinandertrotten jugendlicher jüdischer Menschen noch lange nicht ausreicht, um sie zu einem Erleben sollten®-jetalaM» -Scfcdk fern des ״Blau-weiß“ in aller zfeirtlichkdt gezeigt haben. Vielleicht könnte uns dieser Zustand die befremdende Tat- Sache erklären, daß viele junge Zionisten im Vertrauen auf ihre nationale Einstellung hin innerlich assimilierter sind als viele Assimilanten. Und wären wir boshaft, so könnten wir im Hinblick auf manchen von uns zu der Definition kommen, ein Zionist sei ein Mensch, der nichts dagegen habe, daß Palästina aufgebaut werde. Man könnte es in dieser allgemeinen Lage fast als einen Lichtblick betrachten, daß die Jugend, aus der einmal ״deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hervorgehen sollen, sich heute religiösen Problemen zuwendet und so eine Basis für eine Diskussion schaffen dürfte. Stellen wir fest, daß die religiöse Bindung die einzige ist, die sie mit dem Judentum verknüpft, so erscheint dieser Versuch immerhin von Bedeutung. Würde freilich ein jeder von ihnen mit voller Klarheit und Ehrlichkeit über seinen Glauben im Innersten richten, so würde manches stolze Wortgebäude in sich zusammenbrechen. Man ist noch nicht religiöser Jude, wenn man einem dunklen Trägheitsdrange folgend in die Synagoge geht. Religiöser Jude kann nur der sein, der den Inhalt der Religion voll bejaht und ihre Formen beachtet. Wer dazu nicht imstande ist, mag ein Monotheist ein Pantheist oder Deist sein. Von einem ״jüdischen Glauben“ Rollte er nicht sprechen. Weder Zusammengehörigkeitsgefühle noch andere schöne Dinge helfen über diese Klippe hinweg. Selbstverständlich wissen wir, daß die assimilierte Jugend diese Konsequenz nie ziehen wird; denn die menschliche Genügsamkeit ist grenzenlos im Reiche der Ideen. Wenn wir uns demnach von einer Diskussion zwischen zionistischer Jugend und assimilierter nicht allzuviel versprechen, so mag das immerhin verständlich sein. Bei dem gleichmäßigen Tiefstand in beiden Lägern dürfte sie ihre Schwierigkeiten haben. Denn zu jeder Diskussion, die zu einem Ergebnis führen soll, gehört ein gewisses Niveau. Und jene Diskussionsmüdigkeit, die heute immer mehr einem kritiklosen Hinnehmen Raum gewährt, dürfte lediglich dadurch zu erklären sein, daß die notwendigsten Voraussetzungen für einen Wettkampf der Ideen fehlen. Es dürfte uns jedoch heute klar sein, daß die zionistische Jugend nicht den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf das religiöse Gebiet verlegen kann. Wir achten jeden von uns, der die Gabe der Religiosität besitzt und möchten jene wundervollen biblisehen Erzählungen, die unsere frühe Kindheit umrankten, nicht missen. Wir verlangen aber Ehrlichkeit und Klarheit. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, daß eine erhebliche Anzahl derer, die zu uns kommen, religiös gescheitert sind, so werden wir uns der ungeheuren Verantwortung bewußt, die die zionistischen Jugendverbände tragen. Sie können versichert sein, daß der größte Teil derer, die aus ihnen ausscheiden, nicht nur dem Zionismus, sondern dem Judentumc überhaupt verloren geht. Das haben wir leider oft genug erleben müssen. Die Krise im Lager der jüdischen Jugend in Deutschland ist nicht nur bedingt durch einen Mangel an Führern, sondern durch eine allgemeine Interesselosigkeit der Geführten. Diese Tatsache erschwert es uns ungemein, einen gangbaren Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden. Es dürfte selbst dem größten Optimisten kaum gelingen, einer ganzen Generation eine neue *) Siehe Nr. 31/32 der ״Jüdischen Rundschau“. — Wir werden gerne eine Aussprache über dieses wichtige Thema eröffnen, an der sich vor allem die Jugend selbst betätigen sollte. — Red. Mentalität einzugeben. Und wenn heute bereits Stimmen laut werden, die dem deutschen Anteil aus der, Gesamtbewegung mit größter Skepsis entgegensehen, so sollte uns das wenigstens zu denken geben. Hätten wir die Kraft, eine neue Jugend aus der Erde zu stampfen und sie mit dem Hauche zu beleben, der den ideellen Zionismus bewegt, so wäre alles klar. Es müßte eine Jugend sein, die unberührt von den abstumpfenden Ereignissen der Zeit, sich eine naive Aufnahmefähigkeit bewahrt hat, eine Jugend, die mit tausend Fragen an unsere Probleme herantritt. Das Thema der ״zionistischen Erziehung“, das gerade die so oft im Munde führen, die sic am nötigsten hätten, ist sehr heikel. Hätten wir für jeden von uns einen Rousseau, der den feinsten Regungen seines Zöglings nachspürte und das, was produktiv an ihm sein könnte, zur Entfaltung brächte, so wäre das vielleicht eine Lösung. Vielleicht könnten in einer Vertiefung in die jüdische und ostjüdische Literatur Möglichkeiten liegen. Das sind aber Dinge, die nur dem Einzelnen ein Eindringen in das Verständnis jüdischer Notwendigkeiten nahelegen könnten. Die große Masse wird sich dadurch nicht in ihrem Wege zu allgemeiner Verflachung aufhalten lassen. Und so schließen wir diese Betrach• tung mit einer großen Frage, deren Beantwortung durch die ״Tat“ ein Aufatmen und eine Erlösung bedeuten würde. Der Zionismus aui der Pan-Pacific-Konierenz Anfang Mai tagte in Honolulu die vom Departement des Innern der Regierung der Vereinigten Staaten einberufene Kont'erenz zur Erörterung neuer Kolonisationsmethoden. Bekanntlieh wurde die Zionistische Organisation Amerikas eingeiaden, einen Vertreter zu dieser Konferenz zu entsenden, der über die Kolonisation Palästinas referieren soll. Die Organisation entsandte als ihren Vertreter Herrn Gerschon Agronsky, den Pressechef der Palästina-Exekutive, der in der heutigen Sitzung der Konferenz einen umfangreichen Bericht über ״Die landwirtschaftliche Siedlung Palästinas“ verlas. Herr Agronsky behandelte in seinem Bericht den gesamten Komplex der Siedlungsfragen Palästinas, berichtete über die zionistischen Versuchsanstalten, die Kolonisationsmethoden, das System der Darlehen a« Siedler, das Kooperativsystem, sowie die Erziehungs- und Gesundheitsarbeit. Der Bericht ist vollinhaltlich in ״New Palestine“ abgedruckt. Berliner Tagung der Völkerbundligen Berlin, 19. Mai. (J.T. A.) Ende Mai wird in Berlin die Internationale Union der Völkerbundligen eine Tagung abhalten. Wie wir erfahren, wird das Generalsekretariat der Union einen Bericht über die Lage der Juden in Rumä nien vorlegen, in welchem die vielfachen Beschwerden über die Recht- und Schutzlosigkeit der Juden in Rumänien berücksichtigt sein werden. Die jüdischen Völkerbundligen in den verschiedenen Lindern, so in Oesterreich, Bulgarien, Tschechoslowakei, werden auf der Berliner Tagung vertreten sein. Als Vertreter der palästinensischen Völkerbundliga wird Herr Dizengoff, Mitglied der zionistischen Exekutive, der Tagung heiwohneti. Lord Piuiner in Peiach Tikwah Jerusalem, 18. Mai (J.T.A.) Der Oberkommissar von Palästina, Feldmarschall Lora Piumer, besuchte vor Antritt ®ei׳ Ferienrelse 'flle^TColonTen" PTtä'Ö'lr.Ti't1wair. 'hreiner Ansprache appellierte er an die Kolonisten, beider Scholle zu bleiben; die jüngere Generation möge nicht in die Städte wandern. Lord Piumer rühmte die musterhafte Arbeit in der Kolonie und stellte fest, daß die Gemeinde Petach Tikwah es niemals nötig hatte, von der Regierung polizeiliehe Hilfe zu fordern. Es wurde Lord Piumer ein Memorandum überreicht, in welchem mitgeteilt wird, daß die Kolonie zusammen mit den Nachbarsiedhingcn Ain Ganim־, Machne Jehuda, Hatechija und Kfar-Ganim rund 10000 Einwohner zählt; 2000 Familien beschäftigen sich mit Landwirtschaft. Die Kolonie verfügt über 30 000 Dunam Boden, von dem 8500 Dunam Orangen-Plantagen sind. Die Reparatur der Klagemauer Jerusalem, 20. Mai (J. T. A.) Die Zionistische Exekutive und andere jüdische Institutionen haben bei der Regierung dagegen Protest erhoben, daß Araber mit der Renarierung der Klagemauer beschäftigt werden. Es wird darauf hingewiesen, daß die Mauer den Juden gehört und daß nur Juden berechtigt seien, für ihre Instandhaltung zu sorgen. Die Regierung nat in Berücksichtigung des Protestes den Abbruch der Arbeit angeordnet. Nichtsdestoweniger fahren die Araber in der Restaurationsarbeit fort. Polen und Palästina Wie die Lemberger ,Chwila“ *berichtet, steht die Ernennung des Abgeordneten und Mitgliedes des Jüdischen Klubs, Dr Bernhard Hausner, zum polnischen Konsul in Haifa bevor. Die polnische Regierung plant die Errichtung eines eigenen Konsulates in Haifa, weil das polnische Konsulaf in Jerusalem über die in Haifa ans Land gehenden Ein- Wanderer aus Polen keine genügende Kontrolle habe. Die Ernennung Dr. Hausners soll zugleich ein Zeichen der Sympathie und des Wunsches der Unterstützung des Aufbau- Werkes in Palästina durch die polnische Regierung sein. Laut dem ״Nowy Dziennik“ soll Dr. Hausner ursprünglich zum polnischen Generalkonsul in Jerusalem an Stelle des zurückgetretenen Dr. Hubicki ausersehen gewesen sein; auf Grund einer Intervention des Vertreters des Vatikans sei jedoch von dieser seiner Ernennung Abstand genommen worden. Der Streik bei Nnr Der Streik in der Streichholzfabrik ״Nur“ in Akko, der bereits Monate anhält und bei dem der Besitzer des Werkes bisher jeden Versuch einer Vermittlung ablehnte, scheint sich jetzt endlich seinem Ende zu nähern. Nach der Ankunft des zweiten Besitzers im Lande haben sich die Unternehmer bereit erklärt, in Verhandlungen mit den Arbeitern einzutreten. Die Verhandlungen beziehen sich auf sanitäre Einrichtungcn, auf Lohnhöhe, Krankenkasse usw. Laut ״Official Gazette“ Nr. 181 werden in Palästina die Zündhölzer mit einer Steuer von 5 Piastern pro Groß, das nicht mehr als 10 000 Streichhölzer enthält, belegt. Außerdem muß jeder Produzent für die Lizenz £E 5 pro Jahr zahlen. Die neue Verordnung enthält auch Bestimmungen über den Export von Streichhölzern und verschiedene Betriebsvorschriften und Strafnormen. (Ziko.) Laut Meldung des ״Haarez“ verhandeln jetzt die Regierungen von Palästina und dem Libanon über die Errichtung einer Telephonverbindung zwischen diesen beiden Ländern. Felix M. Warbarg 11 Russland Moskau, 20. Mai (J.T.A.) Die Herren Felix M. Warbürg Präsident des Joint Distribution Committee, James Becker und der europäische Joint-Direktor, Dr. Bernhard Kahn weilten einige Tage in den jüdischen Kolonien im Kreise Cherson. Von dort begaben sie sich zum Besuch der jüdischen Kolonien im Rayon Krivojrog. Am 18. Mai weilten sie schon mitten unter den jüdischen Kolonisten in der Nordkrim. Auf Wunsch der Kolonisten der Kolonien ״Nowy Putj“ und ״Nowaja Sarja“ wurde der Name der ersteren in ״Felix“ und der zweiten in ״Warburg“ umgewandelt. Wie aus Y a 11 a telegraphiert wird, haben die Herren Felix M. Warburg, James Becker, Dr. Bernhard Kahn und Dr. Joseph Rosen von den 160 jüdischen Kolonien bereits 27 eingehend besichtigt. Herr Felix M- Warburg äußerte seine große Genugtuung darüber, daß die jüdischen Kolonisten mit so viel Energie und Tüchtigkeit ihr Leben neu aufzubauen versuchen. Den Leistungen des Agro-Joint spendete er hohes Lob. * Moskau, 23. Mai. (J. T. A.) Felix M. W a r b u r g ist in Begleitung von Dr. Bernhard Kahn, James Becker und Dr. Joseph Rosen vom Besuch der jüdischen Kolonien in der Ukraine und in der Krim nach Moskau zurückgekehrt und hat bereits die Reise nach Berlin angetreten. In einem Gespräch mit dem Vertreter der J. T.A. führte Herr Felix M. Warburg aus: Was ich in den drei Hauptkolonisatkmsdistrikten gesehen habe, hat mich mit Stolz und Befriedigung erfüllt; alle Grundelemenfe für ein glückliches Gelingen der Kolonisation sind vorhanden. Ich glaube, daß die Kolonisten schon in naher Zukunft eines Lebens der Gesundheit und der Selbstachtung sicher sein können. Der Drang zur Landsiedlung ist in ständiger Zunahme begriffen. Die Arbeit des Joint in den ersten drei Jahren ging nach vorgefaßtem Plane vonstatten und erbrachte befriedigende Resultate. Es ist eine Freude, die Kolonisten in ihrem neuen Heim zu beobachten, wie sie sich sicher und zufrieden fühlen und hoffnungsfreudig in die Zukunft schauen. Ein Teil hat bereits mit Rückzahlungen begonnen; dies ist die beste Rechtfertigung der Pläne Dr. Joseph Rosens. Es wird mir, hoffe ich — schloß Felix M. Warburg — nach meiner Heimkehr gelingen, die amerikanische Judenheit davon zu überzeugen, daß man in dieser praktischen humanitären Arbeit fortfanren muß. Der Wert der russischen Kolonisation kann gar nicht übertrieben werden. Vor allem müssen die schriftlichen Verpflichtungen der Spender zugunsten des United Jevvish Appeal des Joint eingelöst werden, damit wir unsere Verpflichtungen in Rußland erfüllen können. Die Zeit drängt. Die Stadlratswahlen in Warschau Warschau, 23. Mai. (J.T. A.) Das Ergebnis der gestern durchgeführten Stadtratwahlen in Warschau liegt nun vor. Auf den Vereinigten jüdischen Block entfielen 39000, aui den jüdischen sozialistischen ״Bund“ 20000 Stimmen. Von den 120 Mandaten erhielt der jüdische Block 15, der ״Bund“ 7. Im allgemeinen hat sich das Ergebnis zu Ungunsten der JudenundderPi!sudski - Anhänger verschoben. RBinäaische Methoden Bukarest, 20. Mai. (J.T.A.) Großes Aufsehen in der rumänischen Oeffeotlfchkeit und Erbittgcung unter der Judenschaft erregte es, daß auf der Festsitzung des runtänisehen Parlaments aus Anlaß der 50-Jahr-Feier der Unabhängigkeit Rumäniens dem jüdischen Senator Landesrabbiner Dr. Niemirower, der von den jüdischen Parlamentariern als ihr Sprecher designiert worden war, das Wort nicht erteilt wurde. Um irreführenden amtlichen Mitteilungen den Boden zu entziehen, gibt Abg. Dr. Mayer Ebner der Presse die folgende Darstellung: Sowohl Kammerpräsident Negulescu als auch Senatspräsident General Coanda stimmten dem Ersuchen der jüdischen Parlamentarier, Landesrabbiner Niemirower in der Festsitzung sprechen zu lassen, zu. Trotzdem wurde diesem das Wort nicht erteilt. Weshalb? Hier die Erklärung: Die Juden bedeuten keine Minorität und auch keine Partei, sondern sind nur eilte Religionsgemeinschaft, deren Vertreter nicht das Wort ergreifen konnte, da auch die Vertreter der anderen Konfcssionen nicht sprachen. Ich will, schließt Dr. Ebner, dazu keinen Kommentar geben, obzwar ich zahlreiche Argumente an der Hand hätte. Aber ich bitte, diese Erklärung zu veröffentlichen, damit jene, die es interessiert, Kenntnis davon erlangen. Bukarest, 20. Mai. (J.T. A.) Vor mehr als drei Monaten wurde der jüdische Medizinstudent Lespisianu in das Gefängnis gesteckt, weil er in Abwehr eines Ueberfalls einer Uebermacht antisemitischer Studenten aus seinem Revolver einen Schuß in die Luft abgegeben hat. Der Schuß hat keinerlei Schaden angerichtet. Der Verteidiger Lespisianus teilt nun mit, daß der gemarterte jüdische Student dem Staatsanwalt mitgeteilt hat, daß er gezwungen sei, in den Hungerstreik zu treten, weil das Untersuchungsstadium gar kein Ende nehmen will, obwohl doch die Angelegenheit so eindeutig sei. Die Untersuchung gegen Lespesianu wird aut ״vorsätzlichen, aber nicht vollbrachten Mord‘ geführt. Im Parlament interpellierte Dr. Mayer Ebner in der Angelegenheit Lespesianu und teilte mit, daß laut den Zeugenaussagen Lespesianu erst dann den Schuß abgegeben hat, als er "bereits von den cuzistischen Studenten umringt war und es für ihn kein Entrinnen gab. Dr. Ebner forderte den Justizminister auf, Lespesianu, dessen Hungerstreik schon einige Tage andauert, und dessen Leben bedroht ist, bis zur Gerichtsverhandlung freizulassen. Eine Antwort auf die Interpellation erfolgte nicht. 300 jüdische Studenten der rumänischen Universität veröffentiiehte einen Protest gegen die Freiheitsberaubung Lespesianus, der ein Opfer jener Losung geworden ist, die die jüdischen Studenten aus den rumänischen Universitäten ganz entfernen will. Er hat nur vom primitivsten Abwehrrecht Gebrauch gemacht. * Der jüdische Medizinstudent Lespeseanu, der seit drei Monaten unter der Beschuldigung des Mordversuchs in Untersuchungshaft gehalten wurde, weil er sich der starken Uebermacht ihn attackierender Cuzisten durch einen Schreckschuß in die Luft erwehrte, ist nach zehntägigem Hungerstreik, da die Gefängnisärzte sein Leben unmittelbar bedroht erklärten, aus der Haft entlassen worden. Riga, 22. Mai. (J.T.A.) Der lettländische Sejm hat die Aenderungen zu dem bereits bestehenden Bürgerschaftsge setz, die von den jüdischen Abgeordneten gefordert wurden, endgültig angenommen. Das reaktionäre Sejm- Zentrum hat nach Annahme der neuen Verordnung kundgetan, dab es die Initiative zur Veranstaltung einer V o 1 k s a b s 11 m - mung gegen das Inkrafttreten der neuen Bürgerschaftsver- Ordnung ergreifen werde.