Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1927)
- Date
- 1927-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nl41/42 .־ IÜE131SCWI RUNDSCHAU Seite 301 Büdiersdiaii Sombarfs ״Hodikapltallsmus“ Das große Werk von Werner Sombart über den modernen Kapitalismus ist durch die Ausgabe des letzten 1100 Seiten starkes Schlußbandes, einer Darstellung des Wirtschafts■ lebens im Zeitalter des Hochkapitalismus, soeben zum Abschluß gekommen (2 Halbbände, 1106 Seiten, Duncker & Humblot, München; jeder Band gebunden 17 M.). Damit liegt eine große eigenartige abgeschlossene Kultur■ geschichte über Oesamteuropa vor» wie wir sie bisher in dieser Stoffbeherrschung und souveränen Darstellungsart in keiner Sprache besaßen. Es ist ein mit erstaunlicher Gelehrsamkeit und wachstem Instinkt für die gesellschaftlichen Zusammenhänge unternommener Versuch einer gesamteuropäischen Wirtschaftsgeschichte seit der Karolingerzeit. Die beiden neuen Halbbände umfassen die Entwicklung etwa der letzten 150 Jahre, bis zum Jahre 1914, das nicht nur für eine geschlossene historische Darstellung der heute einzig mögliche Abschluß ist, sondem auch das Ende des eigentlichen ״Hochkapitalismus“ darstellt. Es würde zu weit führen, an dieser Steile das großartige Werk ausführlich zu analysieren, obwohl gerade für uns Juden sich mannigfache Zusammenhänge mit unserm Schicksal ergeben und auch wir Zionisten, die mitten in einer Volkswirtschaftlichen Laboratoriumsarbeit stehen, Erkenntnis und Belehrung aus dem riesigen Materialreichtum dieses Buches schöpfen können. Hier soll nur speziell darauf hingewiesen werden, daß Sombart an vielen Stellen seine bekannte Auffassung von der wirtschaftsfördernden Funktion der Juden auch hier vielfach ausspricht. Er weist auf die Veränderungen des Unternehmertyps in der modernen Zeit hin und betont, daß' die Vorherrschaft von den romanischen auf die germanischen Rassen überging und besonders viele Wirtschaftsführer Juden sind. Die Zahl der jüdischen Direktoren industrieller Unternehmungen in Deutschland beträgt in manchen Branchen etwa 300/0. ״Weit größer“ —• fährt er fort — ״ist der Anteil der Juden an der Leitung der Banken, die heute zum größten Teil in jüdischen Händen sich befinden“. Eine Behauptung, die wahrscheinlich in dieser Form nicht zu trifft. Dagegen ist die Teilnahme des jüdischen Elementes am großkapitaUstisehen Detailhandel (Warenhäuser) wohl richtig. Kurz, nach Somhart ist der Kapitalismus ״eine german isch -jüdische Angelegenheit geworden“. Damit sind, nach seiner Meinung, ״offenbar Volksstämme an die Front gekommen, die stärkere Ünteraehmerbegabungen in sich schließen: die germanische Rasse... Das unternehmende Vorwärtsdrängen, das Faustische, die zähe Ausdauer, die konstruktive architektonische Veranlagung, die jüdische Rasse: die große Betriebsamkeit, den spekulativen Spürsinn, die starke Rechenhaftigkeit, die Einfühiungsfähigkeit, den Fortschrittshunger“. Man sieht, daß Sombart an seiner alten, in seinem Buch .,Die Juden und das Wirtschaftsleben“ gegebenen Charakteristik des Judentums trotz allen Polemiken festhält. Es sind nicht gerade ״edle“ Eigenschaften, die er — gemessen an den ״germanischen“ — den Juden zuschreibt; dennoch wird man zugehen müssen, daß seine These weitgehend stimmt, da er hier ja keine absolute Deskription! gibt, sondern für seinen Zweck das Judentum nur so weit betrachtet, als es sich kapitalistisch betätigt hat. Man kann also schwerlich in diesem Zusammenhang etwa einen chassidischen Rabbi oder einen Chaluz als Gegenbeweis anführen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß auch die Tatsachen des jüdischen Lebens in ihren wirtschaftlichen Auswirkungen von Sombart berücksichtigt werden, z. B. die jüdischen Wänderungen, die Juden-Emanzipation usw., natürlich auch einzelne hervorragende, jüdische. Persönlichkeiten. Aber über dieses spezielle Interesse hinaus bietet das Buch für jeden Politiker und jeden Wirtschaftler, der nach Erkenntnis der unsere Welt erfüllenden Zusammenhänge strebt, eine Fülle von Anregung, kluger Erörterung und wertvoller Belehrung. tr. Gg. Leopold Weisel: Aus dem Neumarker Landestor. Die Volkskunde eines Aufklärers; herausgegeben von I. Blau, Reichenberg, Sudetendeutscher Verlag, 1926. Ein längst Verstorbener, ein Zeitgenosse Heines, ist dieser Schriftsteller — wir haben nie etwas von ihm gehört und hätten es auch weiterhin nicht, wenn nicht I. Blau uns diese Auswahl seiner Schriften zugleich mit einer kurzen biographischen Einleitung vorlegen würde. Und es ist ihm nur zu danken, daß er dies tut. Denn dieser Weisel ist eine ebenso interessante wie um das Judentum verdiente Gestalt. 1804 als Sohn einer Hausiererfamilie geboren, hat er lange Zeit im Prager Ghetto gelebt, dann als Wundarzt studiert und danach bis zu seinem 1873 erfolgten Tode seinen Beruf ausgeübt in Neumark, einem Bauerndorf an der böhmisch-bayerischen Grenze. Es ist seltsam, wie dieser Mensch mit recht umfassendem Wissen, mit dem reinen Wollen des Aufklärers, mit der Liebe zum Judentum unter den Bauern lebt, sie zu verstehen und in Aufsätzen in allen möglichen Zeitschriften zu schildern und bessern sucht, wo er kann, — doch immer der auf sein Judentum stolze Jude bleibt, fremd gegenüber seiner Umgebung, trotzdem er 1843 — einer Frau zu Liebe — zum Christentum übergetreten ist. Ja, gerade dieser Schritt scheint ihn innerlich gespalten zu haben: es tönt oft von Flüchen und Verwünschungen gegen Abtrünnige und von wehmütigen Melodien in den jüdischen Sagen und Schilderungen, die er aufgezeichnet und bearbeitet hat. Denn darin liegt seine Bedeutung für das Judentum: zahlreiche Sagen, die er in Prag oder sonstwo hörte, oder in alten Schriften fand, hat er der Vergessenheit entrissen; er ist der bedeutendste Mitarbeiter an den Sipp u r i m, jener vierbändigen Sagensammlung, die der Prager Buchhändler Pascheies um die Mitte des Jahrhunderts herausgab. Daneben schilderte er aus eigener Anschauung lebendig, und auch jetzt noch mit Gewinn zu lesen, das jüdische Volksleben seiner Zeit (in der vorliegenden Auswahl: ״Die Jeschiboth oder jüdischen Hochschulen“ und vor allem: ״Die Prager Juden, wie sie leben“). Mit Recht nennt ihn der Herausgeber einen Wegbereiter jüdischer Volkskunde. Und manchmal spricht er Erkenntnisse aus, die nur wenige in seiner Zeit hatten, wenn er über die Zukunft des Volkes nachdenkt, ״welches der Herr zu«n Harlekin im allgemeinen Weltdrama bestimmt, und das auf der großen Weltbühne, darauf die Nationen Komödie spielen, in jeder Szene Prügel und Püffe kriegt, sie mag komisch spielen oder tragisch sein.“ Mit Verwunderung und halb tadelnd stellt er fest, daß der Jude, die neue Welt in sich aufnehmend, zu eben der Zeit, wo in dieser alle Nationalitäten erwachten, über seine Sprache und Satzungen spotte und zu einem Doppelcharakter werde. ״Ob er dabei gewonnen und glücklicher geworden, bleibt die Frage“. Zu Ende seiner Schilderung der Prager Juden verteidigt er diese durch die Lage, in der sie sich befänden. Nur dadurch seien sie zu unproduktiven Berufen getrieben. ,,Wir wollen sehen,“ schließt er den Abschnitt, ״ob der Jude Feld und Wiesen nicht so gut wie jeder Bauer bestellen kann, wenn er seinen eigenen Grund und Boden besitzen wird, ob er nicht auch Handwerke erlernen wird, wenn ihm alle Gewerbe frei zu treiben erlaubt sind.“ Dr. Alex Bein. Adolf Altmann. 1. Aehren und Beeren, homiletische Weckrufe; 2. Jüdische Welt- und Lebensperspektiven. — Die im ersten Werke gesammelten Predigten und Ansprachen stellen einen Weg durch das jüdische Jahr dar. In diesem Buche werden die Feste in ihren Hauptgedanken und Grund- Stimmungen behandelt, im zweiten im Anschluß an einzelne Sabbate allgemeine religiöse Themen. Der Rezensent bekennt, daß er grundsätzlich Gegner aller homiletischen Veröffentlichungen ist. Predigten sollen gehalten, aber nicht gedruckt werden. Sind sie gedruckt, so sind sie nicht viel mehr als Kochrezepte, an denen man die Kunst des Koches nicht erkennen kann. Diese Einschränkung vorausgeschickt, ist anzuerkennen, daß die Sammlung mit liebevoller Hingabe gearbeitet und zusammengestellt ist, und infolgedessen bei gleichgestimmten Seelen ihre Wirkung haben wird. Ich weise besonders die Lehrer auf dem Lande auf das Werk hin, die hier manche Anregung finden dürften. — lm zweiten Werke greift der Verfasser tiefer. In neun Essays behandelt er teils religionsphilosophische, teils religionspolitische Dinge, und wagt sich sogar an die Grund- Probleme des religiösen Lebens heran. Die Frage ״Gut und Böse“ wird vom Standpunkte des Optimismus und Pessimismus behandelt, das Phänomen des Traumes, das heute im Vordergrund des Interesses steht, vom Judentum her betrachtet, die ethisch-religiöse Energetik Israels und der Thora besprochen; ferner findet der Ordens- und Logengedanke seine Behandlung und eine geschickte Zusammen- Stellung zeigt uns auch den geschichtlichen und sagenhaften Propheten Ella. Alles vom Standpunkt des strenggläubigen Juden aus und vom guten Willen beseelt, ״nicht anzustoßen“, aber doch auch ohne Scheu, die Wahrheit zu sagen. Lesern, die Neigung haben, aus einer gewissen Vogelschau religiöser Stimmung sich das Judentum in seiner Totalität deuten zu lassen, sei das Werk empfohlen und schließlich nur das Bedauern ausgesprochen, daß an dieser Stelle ein ausführliches Eingehen auf die Probleme selbst nicht möglidi^ist. Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Guttstadt (Ostpreußen) von Prediger Felix Halpe rn-Guttstadt. (Selbstverlag des Verfassers. Preis 3,50 M.) Das Werkchen erzählt die 113jährige Geschichte einer ermländischen jüdischen Gemeinde. Das Material ist bisher noch nicht bearbeitet und der Verfasser hat es in fünf Kapiteln mit großem Fleiß zusammengetragen. Ganz besonders hervorzuheben ist die Vorgeschichte der Juden (Kapitel 1). Sic zeigt, unter welchen schwierigen Umständen sich die Juden im Ermland niederließen. Dabei sind amtliche Urkunden von historischem Werte wiedergegeben. Dem Buch sind auch einige gut gelungene Bilder beigegeben. Unter dem Titel ״Tramping through Palestüie. Impressions ot an American Student in Israelland" erschien soeben in New York (Verlag Kcnsington Preß) eine ungewöhnlich interessante und lebendige Reisebeschreibung von einer Wanderung durch Palästina. Das Buch ist bemerkenswert durch die Person des Verfassers wie auch wegen der Art, in der dieser Palästina bereist hat. Mit dem Rucksack auf dem Rücken ist der zweiundzwanzigjährige amerikanische Student Milton J. Go elf — d i e s ist der Name des Verfassers — im Jahre 1925 zu Fub durch Palästina gewandert. Was er auf dieser Wanderfahrt durch das ganze Land in den jüdischen Städten und Dörfern gesehen und erlebt hat, das beschreibt er in diesem Buche ungewöhnlich lebendig und plastisch in der Art eines Tagebuch-Berichtes. Das Werk, dem Louis Lipsky ein Vorwort gewidmet hat, ist ein Hymnus auf die jüdische Arbeit in Palästina und ihre Zukunft. (Ziko.) Mit dem ״Peer Gyut“ Ins Heilige Land (herausgegeben im Aufträge des Deutschen Vereines vom Heiligen Lande, Köln 1926). Ein katholisches Palästinabuch, das man erwartungsvoll und ־ neugierig aufschlägt, um es enttäuscht und ein wenig gekränkt aus der Hand zu legen. Man ist auf Palästina als Jude eben doch eifersüchtig. Und daß man die ״Heiligkeit“ Palästinas zum Vorwand nimmt, eine sehr bequeme und komfortable Mittelmeerreise zu machen, um schließlich auch für drei oder vier Tage nach Palästina zu kommen und dort von Hospiz zu Hospiz, also von Festessen zu Festessen zu eilen und zwischendurch auch noch ein paar Kirchen und heilige Stätten zu besuchen, an denen man nun einmal als ״Pilger“ gewesen sein muß, das scheint uns irgendwie herabsetzend für die ״Heiligkeit“ dieses Landes zu sein. Es mutet sonderbar an und berührt schmerzlich, in diesem Berichte von einem Spießerausflug in den paar Sätzen, welche vom Zionismus handeln, die Feststellung als Tadel zu finden, daß neben ״ideal veranlagten“ Einwanderern auch solche ins Land kommen, die es ״aus rein geschäftliehen Motiven“ tun. Und dann natürlich als Resümee der alarmierende Warnruf an die katholische Welt: ״Die Augen offen!“ Hat man schon Rivalen, dann wünscht man doch, daß ihr Verhältnis zum Objekte der Rivalität rin adäquateres und würdigeres wäre. Armes Palästina. Spitzer. * Kierkegaard: Als Band 9/10 der vom ״Hoch\veg“-VerIag herausgegebenen Schriftenreihe ,,Quellen“ ist eine Auswahl aus Kierkegaards Werken in der IFebersetzung von H. Ulrich erschienen (Preis 13 M.). Die Uebersetzung schmiegt sich in der Diktion sehr enge an das Original und ist darin ein Zeugnis demütig-aufrichtiger Hingabe. Man glaubt es dem Uebersetzer, wenn er versiehe*^, ״alles, bis ins geringste hinein, immer und immer wieder laut gelesen, bedacht, geformt und umgeschrieben״ zu haben. Die Auswahl beginnt mit der herrlichen ״Lobrede über Abraham“, bringt auf mehr als 500 Seiten Proben aus den wichtigsten werken Kierkegaards, ausgewählt von einem, der Kierkegaard ernst nimmt und ihn daher kennt. Das Bestreben der Auswahl geht dahin, ein Ganzes zu geben und das gelingt ihr für das Thema, das sie in den Mittelpunkt stellt: Die Frömmigkeit, das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott. Ein weiterer Auswahlband, der den Menschen Kierkegaard in den Mittelpunkt stellt, soll folgen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Kierkegaard, der von einem strengen evangelischen Christentum positiv ausgeht, über die konfessionelle Schranke hinweg Wichtiges und Entscheidendes zu sagen hat, das uns alle —■ und manchmal erst recht als Juden — angeht. Es ist das eine spröde Lektüre, wer aber als richtiger Leser daran geht (Kierkegaard spricht in sehr klaren Worten selbst von dem Leser, den er nötig hat, um verstanden zu werden), der hat sich in die Gewalt eines ganz Großen begeben. m. s. Die Kunst-Jury der Gemeinde Wien, die unter dem Vorsitz des Vizebürgermeisters Emerling getagt hat, verlieh den diesjährigen Dürer-Preis der jüdischen Malerin Lea Rein hart. Die Künstlerin hat vor kurzem in der Hauptaus- Stellung des Albrecht Dürer-Bundes ihre Werke gezeigt, die die Aufmerksamkeit der Kunstkenner erregten. Der junge amerikanisch-jüdische Maler Elias Großinan , der sich in kom aufhält, um die alten jüdischen Viertel zu malen, wurde eingeladen, den italienischen König und M u s s o - lini zu porträtieren. Israel Zangwills ״König der Schnorrer“ wurde vom hebräischen Künstlertheater in Jerusalem mit großem Erfolge aufgeführt. Psychologie des Intimen Kinderlebens11) »Sua Kola habest Li belli" »Jedes Bach Kat sein© Geschieht®■ Aber nicht nur die Geschichte, die im Augenblick anhebt, da das Buch die Studierstube verläßt und sich zum Gang durch die Welt der Leser und Kritiker anschickt. Sondern jedes Buch hat seine Geschichte, die Vorgeschichte ist, die Entstehung des Buches, seine geistig-seelischen Wurzeln enthält und für die Persönlichkeit des Verfassers in weitestem Maße so charakteristisch ist, daß sie bei Beurteilung des Buches nicht außer Acht bleiben darf. Gleichsam eine Geschichte des Werkes aus der Psychologie des Verfassers. Diese Behauptung — eine auf einen Spezialfall angewendete Formulierung der These von der ״Zielstrebigkeit“, der ״Ganzheit der Persönlichkeit“ — wird in vorliegendem Buche in doppelter Hinsicht illustriert: am Verfasser selbst und an den Kindern, welche die Objekte seiner psychologischen Studien waren. Schneerson will eine Psychologie des intimen Seelenlebens des Kindes geben, d. h. Gefühlsleben und frei schaffende Phantasie des Kindes ergründen. Die Versenkung in diese Sphäre der kindlichen Seele, die Wahl der Untersuchungsmethoden und die Ausdeutung der Befunde zu einer Wissenschaft vom ״Sprachliehen Schöpfertum des Kindes“ oder der ״Kinderdichtung־‘ sind ebenso charakteristisch für die Persönlichkeit des Verfassers wie seine Art der Darstellung. Ein chassidischer Jude, der auch in diesen Blättern mehrfach Proben seiner schöpferisch-künstlerischen Persönlichkeit, seiner Phantasie und seines Einfühlungsvermögens für psychologische Typen gegeben hat, wählt sich aus innerer Notwendigkrit zum Thema seiner Untersuchung die Phantasie des Kindes. Es ist auch innere Bedingtheit, daß er als Testobjekt für die schöpferische und charakterologische Bedeutung der Kinderphantasie vorwiegend das sprachliche Schöpfertum wählt. Denn für welche Seite der schöpferischen Persönlichkeit brächte wohl ein Sohn des Volkes, das die Heiligen Bücher gedichtet hat, mehr einfühlendes Verständnis auf als für das ״freischaffende Wort“? Auch die Darstellung, die —durch wissenschaftliche Disziplin nicht gebunden — in einer «ns ungewohnten Weise weitausmalenae, in vielfachen Wiederholungen abgewandelte Beschreibungen mehr bevorzugt, als die knappe, abgrenzende Definition und die logisch aneinanderreihende Entwicklung von Gedankengangen des westeuropäischen Wissenschaftlers, ist aus der Persönlichkeit des Verfassers zu deuten und zu werten. So zeugt das Werk für seinen Schöpfer. Aber auch eine negative Eigenschaft des Buches Ist nur verständlich, wenn man die Seele des Verfassers und seine Lebenseschichte würdigt. Der in der psychologischen Literatur bewanerte Leser vermißt schmerzlich eine Auseinandersetzung mit neueren deutschen psychologischen Meinungen, Insbesondere den verschiedenen psychoanalytischen Anschauungen. Zu solcher Auseinandersetzung ist um so mehr Gelegenheit gegeben, als an manchen Stellen des Buches psychoanalytische Begriffe und Worte (z. B. der Begriff der ״Ambivalenz“ oder des ״Ersatzes“) verwendet werden und die vom Verfasser geübte Erweckung und Verwertung ״freier Phantasieschöpfungen“ Berührungspunkte mit den von der Psychoanalyse verwendeten ״freien Assoziationen“ hat. Außerdem sind aber auch ״freie Phantasie- Schöpfungen“ von Kindern durch psychoanalytische Forscher bereits gesammelt und gedeutet worden. Der Leser ist erstaunt, wenn er als Begründung für diese Unterlassung In der Einleitung den Satz findet: ״. daß bei den neuesten Lehren nicht eingehender verweilt werden durfte, um die vorgesteckten Grenzen der: Arbeit' nicht zu üN^hreiten^-'DerLtAeFiKftftiediese Erklärung auch dann nick 3 r ausreichend halten, tvenn der stattliche Band von über dremundeyt Seiten im ganzen die Selbstbeschränkung wirklich zeigte, welche die Einleitung verspricht. Man wird vielmehr die wahren, geheimsten, unterbewußten Gründe für diese Unterlassung in Tiefenschichten Schncersonschen Seelenlebens vermuten. Als notwendiger Ausfluß der Persönlichkeit des Verfassers hat auch diese Unterlassung Anspruch auf unsere Achtung. Ich mache diesen Hinweis für diejenigen wissenschaftlichen Kritiker, die zu dem g«* nannten Mangel eine nur sachliche Einstellung nehmen wollten. In einer zweiten Hinsicht illustriert das Buch die Behauptung von der Zielstrebigkeit der Persönlichkeit. Schneerson benutzt experimentell-psychologische Tests, um gewisse Typen der Kinderphantasie zu finden. Es ist hier nicht der Ort, die Art der Tests, ihre Brauchbarkeit, ihre Ursprünge und ihre Bedeutung im einzelnen zu schildern und zu werten. Was festgestellt werden soll, ist: Daß die verschiedenen Methoden, die kindliche Phantasie zu ergründen: Selbsterzählung, Bestellerzählung, Nacherzählung usw. letzten Endes dazu führen sollen, die Gesamtpersönlichkeit des Kindes irgendwie in eine darstell• bare Form zu fassen, freilich mit der vom Verfasser selbst gewählten Einschränkung, daß der Gesichtspunkt, unter dem er die Kinderpersöniichkeiten betrachtet, eben nur die kindliche Phantasie — aas kindliche Schöpfertum — ist. So krystallisieren sich dem Verfasser verschiedene Typen des kindlichen Schöpfertums heraus: lyrische, epische. Unter den epischen Erzeugnissen, die im wesentlichen durch das Märchen repräsentiert sind, zeigt wieder jede Märchenart einen besonderen Kindheits- Charakter an. Tiermärchen, mythologische Märchen, Abenteurcrmärchcn, didaktische Märchen: so viele Phantasietypen, so viele Typen der schöpferischen kindlichen Persönlichkeit. Kluge Worte findet der Verfasser über die Lehre von der Kinderdichtung und dem Wesensunterschied zwischen sögenannter Kinderkunst und Kunst. Ein wertvolles Kapitel befaßt sich mit der Darstellung der Phantasieerzeugnisse der geistig oder seelisch anormalen Kinder. Daß dem Verfasser gerade auf diesem Gebiete eine reiche Erfahrung zur Verfügung sieht, wissen wir schon aus früheren Büchern. Dieses Buch soll nach seines Autors Ausspruch ein ernster Versuch sein, ״.... die dunklen Gebiete der Entwicklung des jugendlichen Menschen mit dem experimentell-wissenschaftlichen Licht zu erhellen“, wendet sich also an pädagogische Kreise. Ich möchte es trotzdem auch dem pädagogisch interessierten Nichtfachtnann zur Lektüre empfehlen. Alle, die das tägliche Leben in nähere oder fernere Berührung mit Kindern bringt, vor allem also die Eltern, werden aus dem Buche lernen können. Aber das Buch will nicht geblättert, es will gelesen, ja studiert sein. Es erfordert Zeit, Versenkung und Geduld. Dieselbe Hingabe also, die auch unsere Kinder von uns verlangen, wollen wir sie ״einlühlend“ verstehen und verständnisvoll behandeln. Dr. H. N ot hma n n, Berlin. Die Zeitschrift von Hias-Emigdirekt ״Die jüdische Emigration“ bringt eine Statistik über die in den Jahren 1920 bis 1925 aus Elis Island zurückgeschickten Emigranten. Danach hat sich der Prozentsatz der zurückgestoßenen jüdischen Wanderer im Verlauf der genannten Periode verachtfacht. 1921 wurden 6,8 Einwanderer pro Tausend zurückgeschickt; 1922 schon 22,2 pro Tausend; 1923: 27,1, 1924: 28,8, 1925 aber schon 79,1 pro Tausend der Einwanderer. Hauptursache war das Fehlen zureichender Dokumente, aber auch der Gesundheitszustand war vielfach Grund für Zurückweisung. *) Von F. Schneerson, Verlag C. A., Schwetschke, Berlin, 1926; Preis 10 M. ♦