Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1927)
- Date
- 1927-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652877-2652916--19138-2676980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 300 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41/42 Avigdor Hameiri Versuch einer Synthese. Von Arthur Köstler, Tel-Awiw. 1. Das neue Palästina ist ein Hafen seltsamer Menschwerdüngen. — Trotz aller an ihm haftenden Imponderabilien ist der Begriff Zionismus viel zu zweckbedingt, um all die wunderliehen Entwicklungskurven zu umfassen, deren Enden in Zion zusammenlaufen; doch auch hier am Ziele herrscht noch keine Harmonie. Es ist eine Retorte, in der die konträrsten Substanzen gärend zur Synthese streben; das Chaos ist überwunden, aber noch sieht man nicht die Gestalt, zu der es sich kristallisicren wird. Wohl ist dies Land Erfüllung jedem, der hier landet, doch auch die Erfüllung ist tausendstes taltig: dem Einen winkt sie in den Kommunen des Tales jesreel, dem Andern tönt sie aus dem leidgetränkten Echo der Klagemauer und dem dritten blüht sie einfach aus der verheißungsvollen Mystik des terrc inconnue, wie Van Zantens Insel der Verheißung. Auch sei!11» «uf einen Faktor hiugewiesen, mit dem man erne als mit etwas Gegebenem operiert, obwohl er bloß eine iktion darstellt: nämlich das Urjudcntum als Wegbestimmer der jüdischen Renaissance. Richtig ist, daß alles neuhebräische Schrifttum sprachlich von der Bibel ausgehen muß — falsch ist es, anzunehmen, daß ihm hierdurch ein Weg vorgezeichnet sei. Wohl ist auch keine Ethik denkbar ohne den Berg Sinai — allein der hebräischen Moderne sind die Propheten Bahnbrecher, doch keine Wegweiser. Da nun in Palästina eine einheitliche Strömung nicht vorhanden ist, aus deren Projektion der schaffende Künstler zum Teile wenigstens analytisch erfaßbar wäre, ist man gezwungen, synthetisch vorzugehen und die außerpalästinensischen, quasi ״prähistorischen“ Entwicklungsfaktoren zu behandeln, aus denen er entstand. II. Avigdor Hameiri (Feuerstein), als Sohn ungarischjüdischer Gutsbesitzer im Komitate Szabolcs geboren, Team in jungen Jahren als Journalist nach Budapest. Sein Großvater, Bibelforscher und Sonderling, hatte ihm das Hebräische früh beigebracht. In Budapest geriet er in den Sturm, den das Auftauchen des größten und tragischsten Dichtergenies, den das Magyarenland je gebar, in den stillen Wassern ungarisch-heimatländischer Dichtung hervorrief. In der magischen Atmosphäre, die um Ady herum entstand, kämpfte Hameiri den entscheidenden Kampf seines Lebens; als er Ungarn verließ, waren seine Wege schon klar gezeichnet. Aus dieser Periode stammen die im Jahre 1912 im Verlage der Zionistischen Organisation erschienenen Gedichte. Der damals Zweiundzwanzigjährige stand noch unter dem deutlichen Einfluß Adys, der in seiner Entwicklung überhaupt eine überragende Rolfe spielt: erst als strahlendes Zentrum seines suchenden Kreisens, dann als Antipol bewußter Abkehr; immer aber als integrierender Faktor, mit teils positlvem, teils negativem Vorzeichen. Ohne Ady ist es unmöglieh, Hameiri zu verstehen. Andreas Ady: ihm ward es gegeben, daß er sich sein Lebenlang erschrocken und krampihaft-hysterisch an die Erde klammem mußte, um durch ihre rasende Rotation nicht ins Leere geschleudert zu werden. Ja und Nein, These und Antithese liegen im Nichtextatiker zeitlebens neben- und ineinandergeschachtelt, und die Spannung, hervorgerufen durch des Mensehen ewige Bipolarität, ist seine dynamische treibende Kraft. Doch Ady war Extatiker: et starb, wie es geschehen mußte, in der M«ehflnt 800»Schaffens; die chronische Tragödie aller•, menschliche» Zerrissenheit und Unzulänglichkeit war m ihm zur akuten Krankheit erblüht, an der er zu Grunde gehen mußte. Ady ist -־ man gestatte diese kühne Konstruktion — ein Panthefst Part pour l’art. — Er fühlt nur eine einzige, glühende Realität: sein tausendgestaltiges, All-umfassendes Ich-Erlebnis. Da es keine äußeren werte Tür ihn gibt, gibt es auch keine Bewegung, weil nichts da ist, an der man sie messen könnte; tatsächlich findet man bei Ady keine Entwicklung, nur ein extatisches lmkreisetaumeln von einem Extrem in den — identischen — Gegensatz; es ist eine Welt, deren Form die Bewegung und deren Wesen die Ruhe ist. — Ady ist ein Strenggläubiger: der Gott, den er in die Welt hineinprojiziert, bleibt sein Eigentum: er spielt mit ihm, kämpft mit ihm, wirbt um ihn, verzweifelt an ihm — aber letzten Endes ist alles nur ein Spiel und Oott auch nur eine Manifestation seiner spielenden All-Einheit: das ist Adys Pantheismus l’art pour l’art. Wenn wir ungebührlich lange bei Ady verweilten, so haben Wir doch gleichzeitig einen ganzen Abschnitt aus Hameiris Entwicklung beleuchtet. Hameiri, mit Ady eng befreundet und ihn vergötternd, war nahe daran, an dessen Glut selbst zu verbrennen; es waren die Jahre, in denen die Welt zur schmerzenden Wunde ־wird und das Chaos zur Flucht lockt. Daß er widerstand und seine eigenen Wege ging, ist ein Prüfstein seiner Kraft. Hameiri und Ady, beide im Dschungel des zwanzigsten Jahrhunderts irrend, beide Söhne von Outsiderkulturen: der magyarischen und der hebräischen, mußten die Einsamkeit des Individuums im Weltenraume potenziert empfinden; doch während bei Ady die Oottesstranlen, die er in die Welt projiziert, wieder nur ins eigene Ich zurückkehren, fand Hameiri eine erweiterte Realität, an der seine Gott-suchende Sehnsucht haften konnte: die der Nation. Anfangs ist auch sein Erlebnis des Judentums nur eine höhere Stufe der Offenbarung eigener Individualität; das Ich-Erlebnis wird auf eine breitere Basis ausgedehnt und zugleich die Nation, in der sich seine ureigensten Tendenzen verkörpern, dem eigenen Ich einverleibt. Doch damit Ist auch schon ein zweiter Schritt getan: im Momente, da er sein Schicksal mit dem einer menschlichen Gemeinschaft verknüpft, wird er auch von deren Strome fortgerissen; das Individuum mag in Ruhe verharren, wie Narziss- Ady, der im Spiegel der Erscheinungen stets nur das eigene Antlitz erblickt, — die Gemeinschaft kennt nur die Entwicklung, das ewige Streben nach Vollendung, den Kampf um nur geahnte Ziele, den gewaltigsten Imperativ: Vorwärts. So tritt das dynamische Prinzip in Hameiris Leben — und die ethischen Imperative. Hameiris Dichtung lebt sich vorwiegend im Nationalen aus — und doch ist er nichts weniger als ,^Nationalist“. Ihm wird die Nation zum metaphysischen Begriffe; zum Träger der Unsterbliclikcitssehnsucht des Sterblichen; zum grollen Hohlspiegel, in dessen Brennpunkt der Ichkomplex steht; zum erlösenden Strome, der das chaotische in sich selbst ruhende Individuum zur Bewegung mit- und einem geahnten Ziele entgegenreißt. Und so formuliert sich im Strebenden, der den Narziss in sich überwunden hat, ein neuer Gottesbegriff: Gott, der am Ende des Weges und doch unerreichbar ferne lockt; Gott, der sich nur in der Bewegung, also nur in der Nation offenbart und dem sich aller stürmende Fortschritt nähert, ohne ihn jemals ganz zu erreichen; Gott, der Uebennensch: Asymptote, der die riyperbel ewig naht, ohne sich jemals ganz mit ihr zu vermählen. Also ist Hameiri Positivist, aber ein melancholischer Positivist; nur im Streben liegt das Heil, und doch ist alles Streben vergeblich; ein jüdischer Zarathustra, dem an Stelle des hysterischen Zarathustra-Lachens die Tränen des Judenkummers in der Kehle sitzen. Eines der Gedichte aus dem Zyklus: ״In den Geburtswehen des Morgen“, das andeutungsweise alle Elemente dieser entscheidenden Epoche in Hameiris Leben enthält, sei hier, unter Betonung der Unübersetzbarkeit sprachlicher Eigenart^ in freier Nachdichtung wiedergegeben; Der Weg unter mir wird zu rasenden Rossen und ich muß reiten, reiten reiten: weh mir, wohin . . . Es träumet am Wege seit zeitlosen Zeiten ferne, ferne, von Zedern umschlossen, der Kummer-Altar und harret meiner Tränen. Altar Israels ln der Wüste verloren: so sah Dich einst ein müder Ahne ragen und sank dann hin . . . Mich Heiden hat Gott im Zorn geschlagen, zornige Pfeile im Fleische mir bohren und trostlose Reue bebt in meinem Blute. Und weiter, weiter nur. Ufer entgleiten, Ruf Gottes schallt, Weg ward zum Strome, die Augen sind zu . . . Dunkelnder Himmel wölbt sich zum Dome, es harrt der Altar seit zeitlosen Zeiten: wehe mir, wehe, daß ich ihn nie erreiche . . . III. Der Weltkrieg brachte Hameiri nach Sibirien und dann, nach manchen Irrfahrten, im Jahre 1921 nach Palästina. Aus jener Zeit des großen Bebens, stammen die beiden Bände, Kriegserzählungen ״Jakobs Bogen“, und ״Unter Roten Himmeln“. In alle Wirrnisse des entfesselten Chaos getaucht, hat Hameiri seinen Weg nicht verloren, wie ein roter Faden ziehen zwei Leitmotive durch all sein Erleben: der antwort* heischende Hilfeschrei des geschundenen Judentums — und die Auseinandersetrung des einsamen Geschöpfes mit seinem Gotte. Fm gequälten Suchen nach dem Sinne unerschöpflicher Erden* pein, nimmt Gott persönliche Züge an: ״Die Züge eines wahnsinnigen Schneiders, der die gemarterten Menschenseelen in immer neue Kleider preßt, damit sie seinem Künstler-Ideale näherkommen, — heil Ihm, denn nur das Leid erlöst . . (Kriegstagebuch). So verschmilzt der Glaube an die erlösende Mission des Leides mit einem evolutionären Menschheitideal — um das Leid zu tragen bedarf es keines messianischen Narkotikums und keines Schlafes, mit Träumen vom besseren Jenseits. Ecce Homo — doch mit dem Blick auf das neue Leben, das brausend aus den Trümmern Zions ersteht, gerichtet. — Man sieht: der Gott Hameiris ist vielgestaltig. Er hat etwas von der kühlen Gottheit Spinozas — doch ist es auch ein Gott, ״der von außen stoßet“. Ein Gottesbegriff, der selbst wenn er pantheistisch zerfließt, noch persönliche Züge aufweist — 1m Menschen, der ihn nach seinem Ebenbilde schuf, liegen die Gegensätze in steter Spannung gebunden und seine Projektionen lassen sich in keinen Ismus pressen. So gibt es bei Hameiri auch einen dualistischen Konflikt: er wird symbolisiert durch die beiden Uipole ״Gott“ und ״Weib“. Der alte Ady-Komplex wird hier wieder wach; ein Rest der ursprüngliehen Ich-Trankenheit bleibt immer im Individuum zurück, der sich im Strome der Gemeinschaft nicht auflösen kann; ein Rest des ursprünglichen Egozentrismus, des einstigen Narzisses, und sein Symbof ist das Weib. Während das ״National-Ich“ seine dynamische Erfüllung findet — bleibt das Andere, das Imponderabile, das Verschämt-Extatische doch auch da, und züngelt mit seinen Fragen flammender Skepsis nach den geschäftigen Rädern des großen Mechanismus. So bleiben wir Spielbälle des ״Verrückten Schneiders“' — der Evolution, -ז- und den giftigsüßen Lippen der Ixtascn unseres All-Einsseins: Gott und Weib: sie gebieten und fordern, Dunkler Urquell und Gestade der Gestade, Gott, Üer sein heiliges Antlitz verhallt Und das bloße Weib, des Lebens Blüten treibend; , Blüten von Qlücksrausch und Tod . . . ... In Sodoms Bett sind wir gebettet, Niemand weiß Antwort aut Warum und Wohin, nur wenn unser Blut, rot, verströmt, wissen wir; dies ist Gebet zu Gott und Opfertribut an giftigsüße Lippen . . . (,,Der ewige Kerker“) IV. Der Versuch, von der Stellung Hameiris als Sprachschöptei Und Revolutionär in der hebräischen Sprache ein Bild zu geben, kann hier leider nicht unternommen werden; doch sei auf seine bahnbrechende Bedeutung hingewiesen, sowohl was d|e uner* hört freie Art der Behandlung von Syntax und Etymologie, des rhythmischen Flusses und architektonischen Aufbaus der Strophe betrifft, als auch in der Neubelebung prophetischer Diktion in ihrer elementaren Wucht. Schließlich wäre zu erwähnen, daß Hameiri auch als Ueber- Setzer zu den Pionieren des Hebräischen gehört, die zu einer Zeit, als dies noch nottat, durch die Erschließung der hebräisehen Sprache für moderne Werke fremder Literaturen bewiesen, daß diese potentiell den sublimsten Ansprüchen des zwanzigsten Jahrhunderts gewachsen ist. Der Rest war Intuition. Hameiri übertrug den ״ungarischen Faust“ — ״Die Tragödie des Menschen“ von Emmerich Madäh — eine Leistung, für die ihm die ungarische Akademie vor kurzem erst eine Dankschrift übersandte — und die bedeutendsten Werke der ungarisehen Moderne; überdies noch Bürgers ״Münchhausen“ mit sprachbildender Meisterschaft. « Wir haben versucht, den Weg Hameiris, der ihn zu seiner heutigen Stellung in der jüdischen Renaissance führte, nachzubilaen. Wie alle, die von der Abstraktion zur Realität, von der Idee her zum Konkreten kommen, huldigt er einem reinen Radikalismus. Von den hemmenden Schwierigkeiten und Reibungen in der Fläche der Realität unberührt, den Gedanken von der Auferstehung des Judentums in seinem einstigen Glanze in seiner vollen, durch keine Widerstände gehemmten Wucht auch ins Politische projizierend und ihn voll erfassend in seiner ursprünglichen und reinen, Herzischen Konzeption, ist Hameiri der Dichter nicht der Judenemanzipation und nicht des National- Judentums, und nicht der jüdischen Heimstätte in Palästina — doch der erste, der den Juden Staat schlechthin, zu besingen wagte. Und nicht nur als eine Wertung der artistischen Position Avigdor Hameiris im neuhebräischen Schrifttum ist es daher vielleicht aufzufassen, wenn der Doyen der hebräischen Dichtung, Chaim Nachman Bialik, von Hameiri sagte: ״mit ihm beginne die hebräische Moderne“. Das bisher wertvollste Werk über die Türkei Im Weltkrieg wird von französischer Seite vorgelegt: ״La Guerre Turquc dans la Guerre MonalaTe“ von M. L a r c h e r. Der Verfasser, der dem französischen Oeneralstab angehört, hat seinem Interessenkreis entsprechend vor allem die militärischen Geschehnisse bearbeitet; doch gibt der Darstellung der Kriegsereignisse ,eine tiefdringende Ertassung der türkischen und islamischen Frage in Ihrer Verknüpfung mit der Gesamtheit der weltpolitischen Entwicklung Fundament und Rahmen. Das Verzeichnis der Quellen, einschließlich der russischen und türkischen, ist das bisher vollständigste über den Gegenstand und besonders schätzbar. Den Ereignissen in Palästina sind ungefähr 80 Seiten gewidmet. a. Dte Akademie für die Wissenschaft des Judentums Am Mittwoch, den 18. Mai, fand im Logenhaus zu Berlin die stark besuchte Jahresversammlung der ״Akademie für die Wissenschaft des Judentums“ statt. Die Versammlung leitete der Vorsitzende des Verwaltungsvorstandes der Akademie, Herr Dr. Aron Hirsch, den Bericht des Forschungsinstituts erstattete dessen Leiter, Herr Professor Julius Guttmann, den Geschäftsbericht der erste Schriftführer, Sanitätsrat Dr. Gustav Bradt, und der Generalsekretär Dr. Israel Auerbach. Dem Vorstande wurde einstimmig Entlastung erteilt und der abtretende Ehrenausschuß in corpore wiedergewählt. Die Referate gaben einen Ueberblick über die günstige Entwicklung der Akademie im Jahre 1926. Das Forschungsinstitut schritt in der Realisierung des großen, ihm von Professor Eugen Täubler gegebenen Grundplanes erfolgreich fort. In einer Reihe von wissenschaftlichen Einzelaktionen (eine talmudische, historische, literarhistorische, Sprachwissenschaftliehe und philosophische) sind 25 meist jugendliche Gelehrte an der Arbeit. Eine sechste Abteilung wurde mit der unter Vorsitz von Professor Heinrich Silbergleit stehenden Sektion für Statistik und Wirtschaftskunde der Juden im März d. J. gegründet. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten erscheinen in der Reihe der ״Veröffentlichungen der Akademie“. Bis jetzt erschienen sind 15 Bände, eine ganze Anzahl neuer wird das Jahr 1927 bringen. Für die Veröffentlichungen ist soeben eine eigene Verlagsabteilung geschaffen worden, die als Akademle-Verlag in die Öffentlichkeit tritt. Als erstes Werk des neuen Verlages ist am Tage der Versammlung Th. Albecks Monographie ״Untersuchungen über die halachischen Midraschim“ erschienen. Alle jährlichen Berichte über die Ent- Wicklung der Akademie und gemeinverständliche Aufsätze der Forscher bringt das ״Korrespondenzblatt“ der Akademie. Der Akademie lose angegliedert ist die Hermann- Cohen-Stiftung, eine Edition der jüdischen Werke dieses Denkers, dem die Akademie ihre Gründung verdankt Drei Bände ,,Jüdische Schriften“ sind bereits erschienen, zwei weitere ״Kleine philosophische Schriften“ kommen in wenigen Wochen, heraus. Mit der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ gemeinsam arbeitet die Akademie an der Schaffung der großen Jubiläums-Ausgabe der ״Schriften Moses Mendelssohns“, die in 12 bis 15 Bänden im Jahre 1929 erscheinen wird, * Im Anschluß an diese Jahresversammlung hielt Rabb. Dr. Max Wiener einen Vortrag über ,Judentum und Mystik“. Er gab zunächst eine Darstellung der Grundlagen, des Sinnes und der Hauptthesen des Judentums: Sinn und Ziel des Judentums ist der Mensch als das die göttlichen Gebote bewußt erfüllende Wesen. ״Alles liegt in Gottes Hand mit Ausnahme der Gottesfurcht.“ Gott ist der absolute Schöpfer alles Seins und Geschehens. Aber des Menschen Wille ist frei . . . Gott und Mensch sind nicht identisch, sondern bedingen sich in wechselseitiger Schöpferkraft. Der Mensch ist dem Judentum stets das geistige und sittliche Ebenbild Gottes. Daher ist der Jude Feind aller Nivellierung, energisch, eigensinnig, kritisch, Kämpfer, daher aber auch Freund der Menschheit, nie geringschätzig gegenüber irgendeinem Wesen, das Menschenantlitz trägt. Dem Judentum ist die Schöpfung, als Symbol der Schaffung von Wechselbeziehungen Gott — Mensch, die Urzelle sittlichsozialen Lebens und Verantwortungsbewußtseins, das geschult wird durch das Gesetz und den Sejog lathoran den ״Zaun lim die Lehre“, das heilige Mittel zum heiligen Zweck. — Die Mystik dagegen führt zur Einschmelzüng des Individuums ins Absolute, in den Schöpfer, dem der Mensch nicht gegenübersteht, der vielmehr einen Teil seiner Allseele ins Irdische gesandt hat, von wo sie sich so bald wie möglich wieder lösen muß, um gottgleich zu werden. Darum ist hier Gefühl, Extase alles, Gestaltung und verstandesmäßige Erforschung irdischen Lebens nichts. — So konnte die zeitweise sehi starke jüdische Mystik der Kabbala, die sich nur Im Weg, nicht im letzten Ziel, von der allgemeinen Mystik unterschied, nur das rabbinische Judentum bekämpfen oder sich selbst aufgeben. Die letzte Konsequenz der Mystik konnte innerhalb des Judentums nicht gezogen werden und man zog sie auch nicht. Dem Kind der Mystik, dem Chassidismus, blieb das ״Ol mizwoth“, und damit die Konsequenzen det thorah-rabbinischen Weltanschauung verbindlich. Das Judentum mit seiner Lebensbejahung und sozialen Verantwortung des irdischen Menschen als eigenlebenden Gottesebenbildes überwand die Mystik, die auch der vielfach ästhetisierende und übetreibende Neuchassidismus mit dem Judentum nicht in eine Synthese bringen kann. Die Legende vom Juden Colombos Wie erinnerlich, hat Vlasco Ibanez in einem Interview von gewichtigen historischen Quellen gesprochen, die es als fast gewiß erscheinen lassen, das Christoph Columbu! jüdischer Abkunft sei. In der ״Vossischen Zeitung4 wird jetzt auf diesen Ausspruch Ibanez’ zurückgegriffen unc darauf hingewiesen, daß dessen Annahme durch die folgend« neue ״Entdeckung44 erhärtet erscheint: ln Cadiz tagte jet® in Anwesenheit des spanischen Königspaares der Kongreß de! spanischen und portugiesischen Vereinigungen für den Fort schritt der Wissenschaft. Hier hat nun der portugiesische Pro fessor jüdischer Konfession, Moses Bensabai Amza• lek, Lektor an der Lissaboner Handelshochschule im Beiseil des Bischofs von Cadiz Columbus als Abkömmling von Juder erklärt. U. a. hat er darauf hingewiesen, daß die abgekürzter Zeichen, die der Unterschrift in den Briefen von Christopi Columbus jedesmal vorangehen, mit hebräischen Lettern über einstimmen und ״Der Heiligste Gott, der Einzig-Einzige“ ode: auch ״Der Gott der Heerscharen44 bedeute. Der Vortrag erregt« Aufsehen. Amzalek wurde zum Ehrendoktor ernannt. — Dr Arthur K a 11 m a n n weist in der ״V o s s i s c h e n Zeitung‘ darauf hin, daß schon vor längerer Zeit Dr. G D i e r c k s ein angesehener Historiograph, eine Schrift über ״die Abstam mung des Columbus“ veröffentlichte und ein 1912 in New-Yorl erschienenes Buch von Dr. Constantino de H o r t a j Pardo erwähnte, dem wiederum Aktenfunde zugrunde liegen die ״nach dreißigjährigen sorgfältigsten archivalischen Studien‘ auf die Abstammung des Columbus sichere Aufschlüsse bieten Es soll danach festgestellt sein, daß Colon in der Hafenstadt Pontevedra in Galizien geboren worden ist. Seinen nachsten Angehörigen hat er nach dem Zeugnis des Sohnes Fernando Ursprung und Geburtsstätte verschwiegen, zum besonderen Zwecke aber, sich in Italien, wohin der Zehnjährige mit seiner Familie übergcsiedelt war, als Genuesen in Portugal als Spanier ausgegeben. Da die gaüzischen Häfen Zufluchtsstätten vieler aus Spanien vertriebener Juden, auch zum Christentum bekehrter, waren, da ferner in der väterlichen Familie wie in der mütterlichen Fonterosa ausschließlich alttcstamentarisclie Vornamen im Gebrauch waren, kann jüdischer Ursprung angenommen Werden, dessen Aufdeckung ein Hindernis für die Durchführung der kühnen Pläne des Seefahrers geworden wäre. Mit vielen jüdischen oder neuchristlichen Familien Spaniens und Portugal stand er in dauernden Beziehungen, und reiche Juden förderten durch Geldmittel seine Reisen.