Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1927)
- Date
- 1927-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41/42 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 299 Literaiur'Blaii ״Das unbekannte HeiKdtam״ Von Andrd Spire, Paris. Aim6 Paiiiire, Kind einer Lyoner katholischen Familie, religiös im Glauben seiner Eltern erzogen, wollte sich schon in seiner Kindheit dem Beruf eines Predigers weihen, fetzt erzählt er in einem Buche: ״Das unbekannte Heilig■ tum“ die röhrende Geschichte seiner Bekehrung zum Judentum. Ein Buch ohne irgendwelche pathetisch^ Absicht, ohne literarische Effekte, schön durch seinen einfachen Stil, — der Abglanz einer kristallklaren, aufrichtigen und edlen Seele, ich glaube, daß jeder feinfühlige Mensch, der einmal dieses leidenschaftliche Buch in die Hand nimmt, es nicht eher weglegen wird, als bis er es In einem Zuge gelesen hat, una «iaß er den Menschen lieben wird, der gewissermaßen bis zur vollständigen Nacktheit, loyal und ohne jede Pose seine Bestrebungen, seine Bedenken, seine Unruhe und die sich ständig abwechselnden Bewegungen seiner Intelligenz und seines Herzens entblößt. Und jeder Jude, ob mystisch veranlagt oder einfach im traditionellen Glauben erzogen, den kritische oder historische Zweifel noch nicht gestreift haben, wird dieses Buch in seine Bibliothek stellen, zwischen jenen wesentlichen Büchern, die man stets gerne zur Hand nimmt, durchblättert, ab und zu wieder liest. Aber welchen Wert hat dieses Buch als Lehrbuch, Modell und Lebensregel für denjenigen Juden der Abstammung nach, der nur imstande ist, den ethischen Wert des Judentums zu fühlen, den aber die Riten und die Gepflogenheiten der Orthodoxie ganz kalt lassen, wenn nicht gar zur Abwehr reizen? Nicht daß er etwa die Rolle verkannte, die diese Riten und Gepflogenheiten als Vormund des Glaubens, als ein ständiger Ruf des Glaubens an die Seelen zu spielen berufen sind. Aber der jüdische Glaube, wie übrigens jeder andere Glaube setzt die Tätigkeit der Vorsehung in der Welt und im Leben eines jeden Einzelnen von uns voraus, einen aufmerksamen, von all unseren Absichten und unserer Tätigkeit unterrichteten Gott, der sich durch Zeichen und Wunder offenbart, durch das was Renan ״eigentümliche Uebernatürlichkeit“ nennt. Aber weshalb soll der Jude, der gleich Littre, Renan und anderen großen Christen den Glauben verloren hat, aber weder im täglichen Leben noch in der wirklichen Geschichte sichtbare Spuren dieser Zeichen und Wunder bemerkt, all diese frommen Gesten und Bewegungen mitmachen, diese Riten erfüllen, die ihm nichts in Erinnerung zu rufen haben? Es ist mir also nicht möglich, vom rein jüdischen Standpunkt aus von dem Buche des Herrn Palliere zu sprechen, von diesem Standpunkt eines Juden, der sich religiös und gefühlsmäßig in Uebereinstimmung mit dem Autor befindet Ich spreche aber auch nicht vom Standpunkt eines Gegners. Denn die Zelten sind vorüber, in denen sich jeder Ungläubige für verpflichtet hielt, Gegner gläubiger Seelen und Gegner der Religion zu sein. Und vor allem: wo beginnt, wo hört die Religion auf? Wo ist die Linie, an der die Seele aufhört, gläubig za sein? Ist eine uninteressierte Seele nicht gläubig? ist nicht jeder Mensch gläubig, der über mateneBe Interessen, über das gewöhnliche Glück hinwegblickt, dessen Blicke auf Gegenstände gerichtet sind, die uns einfachen Menschen entgehen?,.. Und ist die Vernunft, selbst,: mit au den Opfer«, die ein loyales Einhalten von ans erfordert, nicht eine religiöse Tatsache? Und wer könnte Gegner eines Menschen sein, dessen Bekehrung der Ausdruck der Größe einer seltenen Seele bedeutet? Wenn der Gläubige einer verfolgten Religion diese Religion aufgibt, um den Glauben derjenigen anzunehmen, die diese Religion verfolgen, ist er dann sicher, daß nicht der geheime, unbewußte aber tatsächhebe Beweggrund mitspielt, eine turbulente, stürmische Welt zu verlassen, um einen sicheren Hafen aufzusuchen? Aber Herr Pallitre hat es vorgezogen, den Hafen zu verlassen und in den Sturm hinauszuziehen. Das leichte Leben hat er mit dem schweren vertauscht; den breiten Weg mit dem engen Steg! Aber wie ist in ihm diese geistige und gefühlsmäßige Haltung entstanden, die ihn so weit ab von seinem Ausgangspunkt führen sollte? Wie hat sie sich entwickeln können, trotz aller sozialen, familiären und kulturellen Widerstände? Wie hat sie feste Gestalt gewinnen können? So fragt sich mit Interesse der Mann, der, geborener Jude, aus Gründen der Aufrichtigkeit gegen sich selbst, nicht mehr nach den Geboten seiner väterlichen Religion lebt, und deshalb mit Leidenschaft eine Revue studiert, deren zahlreiche Leser im modernen Leben die Integrität ihres Glaubens, die Gebote ihrer Religion nicht mehr aufrechterhalten konnten. Zuerst sehen wir vor uns die Geburt und katholische Erziehung in einer mystischen Stadt, einer tief religiösen Familie. Das edelste, religiöse Familienleben, ohne Fanatismus, ohne Geschmack für einen schalen Katholizismus, für kleine Andachten, Medaillen. Es wirkt hier ein starker Katholizismus, mit dem wesentlichen Dogma aller christlichen Relifionen, daß ‘die Ankunft des Messias-Christus, des Retters er Menschheit der Mittelpunkt der Geschichte bedeutet, daß er es war, der die Religion auf Erden gründete, daß vor ihm nur Schatten und Figuren existierten, daß das Volk, das seine Ankunft vorbereitete, ihn aber nicht anerkannte und nicht an ihn glaubte, seine Mission beendet hat und aus der Geschichte gestrichen werden muß. Aber die ganze Geschichte dieses Volkes ist in einem Buch niedergeschrieben, das während Jahrhunderten die Bildhauer, Maler und Zeichner der Christenheit inspirierte. Der kleine Christ kannte sie, begegnete ihr stets an den Portalen der Kathedralen, in den Illustrationen der heiligen Bücher, die ihn erbauten oder zerstreuten. Dank den unvergleichliehen Bibelstichen Gustav Dores lebte die Geschichte in seiner Intimität, drang ihr mächtiges Bild in ihm ein, beherrschte sie seine Kindheit. Und später sieht er ein anderes jüdisches Bild, nicht mehr ein Werk des Gehirnes, von einer Menschenhand geschaffen. An einem herbstlichen Donnerstag gehen Palliere und einer seiner Freunde am Quai Tilsit an der großen Synagoge Lyons vorbei. Sie treten ein. Die Synagoge ist vollständig überfüllt. Alle Anwesenden stehen aufrecht und still. Das Neila- Gebet des Jom Kippur hatte begonnen. Dieses Bild aes jüdischen Volkes, ״dieses Schauspiel, feboten durch die große Versammlung von Männern, deren chultern mit Talesim bedeckt waren , rief ihm wieder das künstlerische Bild, das Bild des Epos des jüdischen Volkes in Erinnerung, wie es von der Hand Gustav Dores gestochen wurde. Der Eindruck, den er damals empfand, war derart, daß er selbst sagt: ״Von diesem einzigen Augenblick sollte mein ganzes Leben abhängen. Alle meine Zukunftspläne sollten dadurch umgestoßen und schließlich vernichtet werden. Ich befand mich unwillkürlich in eine Richtung hineingezogen, welche meine entrüsteten Proteste hervorgerufen hätte, wenn man mich in diesem Augenblick diese Richtung hätte flüchtig sehen lassen. Ich machte mir damals keinerlei Gedanken irgendwelcher Art, nichts sollte den Wechsel offenbaren, der sich in meiner Existenz vollziehen sollte.“ Aber der Wechsel ging langsam, fast unwahrnehmbar vonstatte«. Nichts von ähnlichen Debüts bei plötzlichen Bekehrungen zum Katholizismus, von den Visionen eines Alphonse Ratisbonne oder des Musikanten Hermann. In einem feinen, maßvollen, konzentrierten Menschen, von alter Kultur, wie Aimö Palliere, konnte sich nichts auf brutale, gewalttätige, deklamatorische Weise durchsetzen. Nach den Bildern kamen vernünftige Ueberlegungen, Ideen, kritische und philologische Gedanken zu Wort, all dies, wie alle menschlichen Akte, mit allen Nüancen seines moralischen und sentimentalen Hintergrundes gefärbt Er kannte die Geschichte des jüdischen Volkes besser als der größte Teil der Juden selbst. Er hatte sie intensiv miterlebt, aicht nur durch das Gedächtnis des Geistes. Und dieses Volk, von dem die Prediger, die ihn erzogen hatten, ihm erzählten, ״daß es keine andere Mission besäße, als die Ankunft des Christus vorzubereiten, und daß es seit seiner : Ankunft nur noch als blinder, ohnmächtiger Zeuge der prophetischen Wahrheit lebte“, — dieses Volk hatte er plötzlich gesehen ״noch in seinem eigenen Leben lebend, in dem nichts die angekündigte Absetzung verriet. Dieses auf die ganze Welt verstreute Judentum, erzählt er weiter, zeigte sich mir als eine starke, organisierte Gemeinschaft, die seit 1900 Jahren trotz des beständigen Vernichtungswillens, das sie umgab, immer weiterlebte, aus Gründen, die mir noch nicht faßbar waren, aber wo ich fühlte, daß mein Christentum nicht mehr daran direkt interessiert war. Meine ganze geschichtliche Philosophie fand sich umgestoßen. Die drei Jahre des öffentliehen Lebens von Jesus bildeten nicht mehr den Mittelpunkt, sie wurden wieder zu einer einfachen Episode im großen Ganzen. So entdeckte ich im Unterricht, den ich bis zu diesem Tage erhalten hatte, eine Lücke: Da der Ausgangspunkt gefälscht war, mußten auch die Folgerungen falsch sein. Die Legitimität der hundertjährigen Proteste des Judentums gegenüber den christlichen Behauptungen, entpuppte sich in diesem ersten Kontakt sicherlich noch in einer sehr vagen Art, aber schon derart, daß die empfangenen Eindrücke nicht mehr verwischt werden konnten.“ Daß der Ausgangspunkt und infolgedessen auch die Folgerangen gefälscht waren, daß, wenn das jüdische Volk die Mission gehabt haben sollte, die Ankunft des Messias vorzubereiten, es sich auf keinen Fall um den Messias Jesus handeln konnte, das belehrte ihn in bestimmter Weise die hebräische Sprache, deren Studium er sich leidenschaftlich widmete, und zwar nicht durch sentimentale, moralische oder metaphysische Argumente, die man nach allen Richtungen biegen kann, sondern durch unwiderlegbare Tatsachen. Da man den hebräischen Text hatte um falschen und ihm im Französischen oder Lateinischen einen gezwungenen, kortventionellen Sinn geben müssen, um in Jesaia oder Daniel Zeichen und Ankündigungen eines Christ-Gottes 'zu finden, der von einer jungfrau geboren werden sollte, stürzte das ganze doktrinäre Gebäude des katholischen Christentums ein. Aber während ähnliche Offenbarungen einen Renan zum sofertigen Bruch mit der Kirche zwangen, bedeuteten sie für Aime Palliere nur den Anfang einer langen Krise, in der seine diskrete Seele, abhold einem brüsken Abbruch, jeglichem Geräusch und Krach seinen Geschmack für das Hektische, das Judenjit» und sei!!® Liebe .flfc. «Uespu JK*tt!01izismus, dessen Zereinönien, hönS KtiMur und möfalfsche Werte, die er in sich trägt, ihn mit allen Fiebern hielten, auszusöhnen suchte. Solange er es vermochte, vermied er jede öffentliche Kundgebung, und ersparte dadurch seiner angebeteten Mutter, mit der er in vollständiger geistiger Uebereinstimmung lebte, großes Leid. Während langer Jahre ließ er in sich die langsame, unterirdische Arbeit seiner Gefühle und Gedanken heranreifen. Und nachdem er viele Wege durchlaufen, mehr als ein Experiment durchgeführt, mehrere rotestantische Sekten und selbst die Heilsarmee passiert atte, deren Agitation und doktrinäre Insuffienz ihn abstießen, fand er eines Tages während der Kommunion in der DominikanerkapeBe von Lyon, die Sicherheit, den Frieden, die Freude, nicht die Sicherheit und christliche Freude Pascals, sondern den jüdischen Glauben. ״Ich fühlte, sagt er, mit einer plötzliehen und erstaunlichen Ruhe, daß nichts von meinem Christliehen Glauben aufrecht blieb.“ Er fühlte, daß er alles verloren hatte und daß ihm trotzdem alles geblieben war, daß er nicht mehr Katholik, sondern Jude war, ״wie cs wahrscheinlich Jesus selbst gewesen war“, daß der Gott, den er liebte, derselbe war, der Vater, den Jesus geliebt hatte, und den er in gleicher Weise liebte, wie ihn Jesus geliebt hatte. Alles blieb ihm, ״alles was Ewigkeitswerte in sich barg und über gewöhnliche Schatten, Bilder und Symbole emporhob, nämlich Gott selbst, die lebende, einzige und höchste Wirklichkeit. Ich fühlte Gott mit meiner Seele wie man die Luft mit dem Körper fühlt.“ Für denjenigen, der das nicht erprobt hat, wird es wahrscheinlich unerklärlich bleiben, warum ein so feiner, gerechter Geist so gewöhnt an logisches Urteilen, nicht den kritischen Geist gespürt hat, der nicht nur die Stützen seines Christliehen Glaubens, sondern auch die Stützen des jüdischen Glaubens verheert. Weshalb zeigte ihm nicht seine Kenntnis des Hebräischen, wie seinerzeit Renan, daß die Bibel, obwohl voll epischer, lyrischer, ästhetischer und moralischer Schönheiten, von Widersprüchen, Unachtsamkeiten und Irrtümern strotzte. Und da eine Lücke, ein Irrtum in der Auslegung der Bibel das ganze Gebäude der Inspiration und der Offenbarung zerstört, so würde die Offenbarung und die Inspiration des Alten Testamentes ebenso zerstört sein wie diejenige des Neuen Testamentes. Aber Renan war Historiker, Philologe und Kritiker. Aime Palliere ist Mystiker. Wie groß auch der kritische und logische Apparat sein mag, mit dem sich der Mystiker umgibt, um seinen Glauben zu sondieren, das religiöse Bedürfnis, dem der Boden fehlt, würde immer wieder einen anderen Boden finden, der ihm solid genug scheint, um die Befriedigung seiner Wünsche zu unterstützen. Dank <ies Taktes des Lyoner Großrabbiners' Alfred Levy und späterhin auch dank der Ratschläge voll Güte und Menschlichkeit anderer französischer und ausländischer Rabbiner überstürzte nicht Aime Pallifere seinen öffentlichen An- Schluß an das Judentum, solange seine Mutter noch lebte - und sie lebte noch zehn Jahre. Die moralische Stärkung und den Beistand in Mitte seiner geistigen Kämpfe, aber auch die Entbindung von seinen Pflichten als geborener Christ gegenüber sich selbst, verdankt Aime Palliöre schließlich seiner Korrespondenz und Unterhaltung mit dem kabbalistischen Rabbiner Elle Benamozegh aus Livourno. Ich bin in den religiösen Wissenschaften nicht genug bewandert, um zu wissen, was in der Auslegung Benamozeghs der jüdischen Schriften und Tradition Historisches oder nur Bildhaftes ist. Indem Benamozegh den Moachismus aus seiner Vergessenheit herausgerissen, erklärt und vielfach kodifiziert hat, hat er dem Judentum einen gewaltigen Dienst erwiesen. Durch sein Buch ״Das Judentum und die Menschheit“, ein gewaltiges, unvollendetes Werk, das Aime Palliere ins Französische übersetzt hat, wird die uaivtrseBe Seite des udentums besonders ins Licht gesetzt. Von nun an ist das udentum nicht mehr in einem Gefäß eingeschlossen, wie es während vieler Jahrhunderte war, sich gegen die Außenweit durch einen Zaun um das Gesetz absperrend. Und in unserer Epoche, in der der Katholizismus so viele Bedürfnisse der Seele hat Wiedererstehen lassen, die der kritische Geist der vorhergehenden Generationen eingeschlummert hielt, wird vielleicht die enge Zusammenarbeit Bönamozeghs und Aime Palliercs das Judentum für diejenigen gläubigen Seelen bewohnbarer machen, die sich nicht mehr christlich fühlen, die aber von der Sittenstrenge und von den Enttäuschungen des Agnostizismus und des freien Gedankens andererseits abgeschreckt werden. Wer wird Philosoph? Vor einiger Zeit erschien ein Buch*) eines jüdischen Arztes, Psychotherapeuten — und vielleicht Philosophen, das in seiner sachlichen, so ganz jeder Nichterfahrung mißtrauenden Denkart, in seinem Aufbau derart von der heißen spekulativen, dichterisch gesteigerten Form abweicht, in der die jüdischen Philosophen und Geistigen der Gegenwart zu «ns sprechen, daß man schon allein deshalb seiner erwähnen müßte, träfe es auch nicht mitten in das Interesse hinein, das der Geistige und der geistige Jude insbesondere an der Frage hat, was denn den Menschen zum Philosophieren bringe, was ihn denn zum Philosophen mache. Philosophen werden sich vielleicht über dieses Buch ärgern, denn wenn jemand, wie dieser Herzberg kommt und an Hand von statistischem Material auf natur• wissenschaftlicher Methode nachweist, daß das ganze philosophisehe Denken, die gesamte Philosophie nichts sei als ein bioloisch wertvolles Mittel, die Philosophen vor geistigen Erkranungen zu bewahren, also ein Ventil für gestaute Triebe, so wird man verstehen können, daß die Betroffenen von der scheinbaren Entwertung ihrer Lebensarbeit nicht gerade begeistert sind, einer nur scheinbaren Entwertung, denn Herzberg treibt Psychologie und will nicht etwa der Philosophie ihren objektiven Wert abstreiten. Herzberg kommt auf felgende Weise zu diesem Ergebnis. Er sagt, die Philosophen seien praktisch insuffizient una weist an den Lebensdaten von 30 der bedeutendsten europäischen Philosophen nach, daß sie zu Ehe, Liebesieben, Beruf, Gelderwerb, Politik, Umgang mit Menschen reichlich ungeeignet gewesen seien, daß sie s’ich in diesen Dingen meist tölpelhaft und unglücklich ausgemacht haben und fast stets Pech darin hatten, wobei auf fällt, wieviel große Denker schwere Neurotiker waren. Das ist alles gar nicht willkürlich ausgewählt und bestätigt eigentlich nur das Bild, das man von den Philosophen seit der! Zeiten Plates, dessen Daimonion übrigens eine interessante Deutung erfährt, ohnehin hat, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, daß ein indischer Mohammedaner bei der Lektüre dieser Kapitel begeistert atisgerafen hat: ״Genau so lebensuntüchtig sind unsere arabischen Philosophen auch.“ Diese Insuffizienz, sagt Herzberg, ist nicht etwa die Folge eines Ueberwucherns philosophischer Interessen über praktische, sondern ergibt sich, wie es die Lebensdaten der Philosophen beweisen, aus den uns von der Psychoanalyse und der Psychopathologie überhaupt her bekannten Hemmungen, und zwar sind 4fcee-11ea11n8Me&.. denen der Verfasser eine überaus wichtige Rolle in der Psychologie zuweist, um so stärker, je intensiver das Triebleben ist. eine für psychoanalytisch Geschulte durchaus einleuchtende Tatsache. Und die Philosophen, beweist Herzberg, sind Menschen mit stärkstem Triebleben. Den Grund für diese Hemmungsbildung sieht Herzberg grundsätzlich in einer uns von «Jen Neuronkern her bekannten besonders großen Ueberempfindlichkeit der Philosophen, deren Ursache wiederum ihm ähnlich wie Alfred Adler konstitutionelle oder erworbene körperliche Minderwertigkeit zu sein scheint. Wohin also mit der aufgespeicherten Energie, wenn vor dem praktischen Handeln starke Barrieren stehen? Nun entweder in die Geisteskrankheit oder Neurose, oder wo infolge stärkster Begabung zum ״mittelfindenden und entscheidenden Denken“, das Herzberg in Gegensatz setzt zu einem Denken, das ״reiner Triebausdrack“ ist, in die Sublimierung zu geistiger Tätigkeit, hauptsächlich also zu dichterischer, religiöser und philosophischer Produktivität, wobei zum philosophischen Denken der Mensch prädestiniert sei, dem der Mechanismus der Projektion, d. h. die Fähigkeit, vorgestellte Dinge in die Außenwelt zu projizieren, wie sie der Künstler vorwiegend besitzt, fehle, dem dafür aber ein ״systematisierendes Denken“ besonders eigne. Der große Philosoph hätte ebenso gut ein praktischer Revolutionär werden können, und die revolutionäre Tendenz ist bei jedem von ihnen zu spüren. Ihre Hemmungen aber trieben sie zur Sublimierung revolutionären WoHens,. zu revolutionären Geistestaten. ״Philosophie“, sagt Herzberg, ״heißt Triebe durch Denken oefriedigen.“ Die Weltflucht, die Realitätsflucht, das wissen wir ja schon aus anderen kultur- und geisteswissenschaftlichen Gebieten, bewirkt die Entwertung dieser Welt und den Aufbau einer vollkommen vorgestellten Wunschwelt. Wie ist das, liegt der Einwand nahe, mit dem philosophisehen Denken der Ostjuden, die doch wahrhaftig nicht an praktischer Insuffizienz leiden. Aber sie gerade bestätigen uns Herzbergs Behauptungen. Mit welchem Hunger, mit welcher Gier stürzt sich noch der händlerischste Händler unter ihnen auf die Stunden der Realitätsflucht, wie wird hier ein Handeln, das entgegen allen Hemmungen durch den Selbsterhaltungstrieb entstanden ist, durch ein systematisch philosophisches Denken entwertet, wie werden hier die Neurosen, die infolge des Zusammenprailes des Handelns mit den Hemmungen ständig auf der Lauer liegen, durch Denken sublimiert! Hier ist philosophisches Denken wahrhaft Seelenhygiene. Mancher wird sich gegen Vieles in diesem Buche wenden, Vieles mag ihm darin fehlen, Mancher wird sich vielleicht gegen das ganze Buch stemmen, aber daran vorübergehen kann er nicht, denn das Problem der Philosophen ist im abgeschwächten Maße das des intellektuellen Juden überhaupt, und das wird hier zum ersten Male überhaupt angepackt. Fritz Schiff. Freunde und Schüler von Professor Dr. Moritz S c h a e - f e r, dem hervorragenden Gelehrten und Pädagogen, der am 21. Mai seinen 70. Geburtstag feierte, haben eine Festschritt herausgegeben, die der Persönlichkeit des Jubilars gewidmet ist und ihm an seinem 70. Geburtstage feierlich überreicht worden ist. Die Festschrift enthält Beiträge von mehr als 40 jüdischen Gelehrten und Schriftstellern, so u. a. von Dr. Pinczower, Professor Dr. Philip Aronstein, Geheimrat Prof. Dr. Emanuel Aufrecht, Rabbiner Dr. Leo Baeck, t־ tor Dn Michael Holzmann, Dr. Kellermann, Prof. Dr. 1. Marcus, Dr. Ephraim Pinczower, Dir. Ephr. Cohn u. v. a. *) Alexander Herzberg, Zur Psychologie der Philosophie und der Philosophen. Leipzig, Meiner, 1926.