Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 40 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 288 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40 Zionistische Debatten in Berlin Früher als sonst rüsten sich diesmal die Parteien zum Kampfe um die Macht am Kongreß. Die Krise ln Palästina, welche auch an der Organisation nicht spurlos vorbeigeht und die es notwendig macht, die Arbeit der Organisation In Pa״ lästina und außerhalb nuf neue Grundlagen zu stellen, beünstigt die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Sichtungen im Zionismus und stärkt die Hoffnung der oppositionellen Parteien, die Wählerschaft davon zu überzeugen, daß sie die Lösung der Schwierigkeiten in der Hand haben- Daß nun auch die Exekutive selbst und daß das A.-C. in seiner letzten Sitzung die Anwendung neuer Methoden von sich aus zur Diskussion gestellt haben, begünstigt die Bereitschaft breiter zionistischer Kreise, anzuhören und zu überlegen, welche neuen Wege in Vorschlag!gebracht werden und welche Aus- Sichten sie bieten. Da nach der Londoner A.-C.-Sitzung die bekanntesten Führer der Opposition sich in Berlin befinden, haben die beiden Abende, an denen oppositionelle Führer ihr Programm ent־ wickelten, sich zu Auseinandersetzungen gestaltet, welche man mit den Generaldebatten auf Kongressen und ähnlichen Tagungen vergleichen kann. » Am Montag sprach in den Sophiensälen als Gast der Gruppe der Zionisten aus dem Osten Jizchak Grünbau in, der repräsentative Führer der ״Radikalen“ Opposition. Er polemisierte, wie gewöhnlich, vor allem gegen die Erweiterung der Jewish Agency, ln der Debatte sprachen u. a. Blumenfela und Jabotinsky. Tags darauf sprach in einer Versammlung der B.Z.V. im Logenhaus der Korrespondent der ״Vossischen Zeitung“, Herr Dr. Wolfgang v. Weisl, der bekanntlich zu der revisionistisehen Gruppe gehört. Die Versammlung wies einen stattlichen Besuch auf, und der Verlauf der Diskussion hat die Erwartungen der Teilnehmer wohl übertroffen. Weisl beginnt seine Ausführungen mit der Feststellung, daß die Krise eine dreifache ist: eine Krise der Zionistischen Organisation, die Krise des Kolonisationsunternehmens in Pa■ lästina und als wichtigstes eine Krise des moralischen und wirtschaftlichen Kredits. Die Leitung stehe einem fortschreitenden Inneren Verfall der Zionistischen Organisation, deren offensichtliebstes Symptom der Rückgang ihrer Mitgliederzahl ist, hilflos gegenüber. Sie selbst sei an diesem Verfall schuld. Denn sie abe den Zionismus zu einer kleinen Sache werden lassen, sie habe es nicht verstanden, die große Chance, den Aufschwung der Nachkriegsjahre festzuhalten •, ihre Schuld sei es, daß der Zionismus zu einer Sache einiger hundert oder tausend zu kolo* nisierender Juden wurde, statt die Ueberführung des Volkes in s e i n Land zu bedeuten. Dieser verkleinerte Zionismus könne allerdings dem Ansturm der großen europäischen Bewegungen, welchem unserejugend ausgesetzt ist, nicht standhalten. Damit im Zusammenhänge sei die zweite Erscheinungsform der Krise, die kolonisatorische. Palästina sei ein ausgezeichnetes Land; die Möglichkeit einer großzügigen Ueberführung der Juden dorthin sei gegeben; aber durch die Verkleinerung des Ziels, ,dadurch, daß man ein System der sporadischen Ansiedlung gewählt habe, sei auch die kolonisatorische Krise entstanden. Der Redner geht auf die Broschüre der Centralvereinler Weil und Cohn ein und behauptet, die darin gemachten Ausstellungen deckten sich fast völlig mit der Kritik, welche die Revisionisten üben. Er hebt fünf EÜnwände hervor, auf denen die Kritik der Broschüre auf gebaut ist: Palästina sei zu klein, um eine betrachtliehe Anzahl Juden fassen zu können; die Einwanderung zu gering, um bei der Lösung der Judenfrage irgendwie ins Gewicht zu fallen; die politische Rechtslage für die Juden ungünstiger als in vielen europäischen Ländern; die Orientalisierung europäischer Juden abzulehnen; die Sicherheit von Gut una Leben nur auf die englische Militärmacht gestützt und bei ihrem Versagen aufs äußerste gefährdet. Weisl macht sich alle diese Einwände zu eigen, meint aber, daß die gerügten Uebelstände auf politischem und wirtschaftlichem Wege behoben werden können. Palästina sei zu klein, aber mit Transjordanien biete es Platz genug, und es sei die Schuld unserer politischen Leitung, daß Transjordanien für unsere Kolonisation äugenblleklieh nicht in Betracht käme und die Aufgabe einer Besseren, dieses Tor einzustoßen. Daß die Einwanderung zu gering sei, sei Schuld der verfehlten Kolonisationspolitik, die statt von Rentabilität von dem Wunsche nach dem jüdischen Bauer ausgehe und die von der Regierung zu gewährende Hilfe außer acht lasse. Die Juden hätten durch die Schuld einer nicht energisch genug auftretenden Exekutive in Palästina weniger politische Rechte als in europäischen Ländern; so könnte z. B. der Redner, als SpröBUng einer alten Familie‘^ in seinem Heimatland Oesterreich, nicht aber in Palästina Minister werden. (?! — A. d. R.) Im übrigen dementiert Weisl die ihm von Dr. Weil in seiner Broschüre in den Mund gelegte Aeußerung in der dort behaupteten Fassung. Weisl spricht noch für europäischen Standard im palästinensischen Leben und für Maßnahmen zur Sicherung des jüdischen Be- Standes in Palästina. Alle Unzulänglichkeiten gehen also auf die Leitung und letzten Endes auf die parlamentarischen Körperschaften zurück, die jene wählt und der sie verantwortlich ist: den Kongreß. Eine Reform des Kongresses sei notwendig. Weis! schlägt vor, die Anzahl der Delegierten zu verringern, die Sessionsdauer auf vier bis fünf Wochen zu verlängern, den Kongreß grundsätzlich nur in Palästina tagen zu lassen und das passive Wahlrecht auf solche einzuschränken, die durch einen mindestens sechswöchentliehen Paiästinaaufenthalt in der betreffenden Kongreßperiode die Gewähr bieten, über palästinensische Dinge genügend informiert zu sein und zu ihnen in einem lebendigen Verhältnis zu stehen. Ein solcher Kongreß würde eine Leitung wählen, welche den Aufgaben gewachsen wäre. Die Kongresse müßten Etappen der kolonisatorischen Entwicklung bedeuten. Zur Diskussion meldeten sich sieben Redner, und die Rednerzeit wird daher auf 15 Minuten beschränkt. Dr. Bileski: Der Rückgang der Zionistischen Organi* sation bedeutet ein außerordentlich ernstes Problem und geht zurück auf ein sehr verwickeltes System von Ursachen, welches in kurzer Zelt nicht dargelegt werden kann. Die Berichterstattung revisionistischer Korrespondenten in der großen deutsehen Tagespresse ist unter den Begleitursachen, welche unsere Propaganda schwierig gestalten, nicht zu unterschätzen. Je näher der Zionismus der Verwirklichung seines Programms kommt, desto komplizierter wird er, desto schwerer ist es, ihn auf die Formel einer anziehenden eleganten Lösung zu bringen. Weisls Konformität mit Dr. Weil ist symptomatisch. Die do ut des-Politik, die Weisl England gegenüber fordert, scheitere daran, daß wir für englische Anstrengungen, wie sie die Revisionisten verlangen, kein gleichwertiges politisches oder wirtschaftliches Aequivalent zu geben haben. Unsere stärkste Macht ist unsere Idee, die werbende Kraft einer reinen Bewegung. Wo es sich um Fragen der politischen Taktik im Rahmen des Erreichbaren handelt, haben wir zur Persönlichkeit Weizmanns mehr Vertrauen als zu irgendeinem der 01 Vor uns stehen im Augenblick zwei Aul״ terung der Grundlagen und die Oesundung der palästinensischen Wirtschaft. Licht heim: Die Revisionisten verlangen die Wiederherstellung der Verantwortlichkeit. Die Politik der gegenwär tigen Leitung habe Schiffbruch erlitten, also müsse sie gehen Die Agency-Politik ist gescheitert, nachdem Weizmann in seinen Briefe an Marshall diesem zugestanden hat, daß es der von ihm geführten Gruppe freistehe, Palästina in eine Linie mit der Krim oder gar hinter sie zu stellen. Die jetzt konstituierte Agency-Komtnission und ähnliche Unternehmungen seien nichts andere* als der Versuch, das Mißlingen der Politik der Exekutive durch Ablenkung auf neue Parolen zu verschleiern. Nachum Goldmann: Die Majorität der Zionisten trifft sich in der Kritik des gegenwärtigen Zustandes in Palästina und nur die Frage, ob Abhilfe von der jetzigen Leitung erwartet werden könne oder nicht, macht die Scheidung zwischen den herrschenden und den oppositionellen Richtungen. Die Agency-Politik und der damit notwendig verbundene Verzicht auf den Wunsch und den Glauben, die Majorität des Judentums für den zionistischen Gedanken zu gewinnen, habe den Zionismus um seinen Kampfcharakter, um seine werbende Position gebracht und so den inneren Niedergang verschuldet. Die Vorgänge des letzten Jahres in Amerika seien ein Beispiel dafür. Goldmann warnt davor, die Sache Welzmanns zur Sache einer Person zu machen. Weizmann repräsentiere ein System, und es bedeute eine Herabsetzung für ihn, wenn man meint, er könne auch ein anderes System reprlsentieren, von dessen Notwendigkeit ja alle überzeugt seien. Welzmann steht als Person rein, groß und unantastbar da. Sein System aber ist schlecht und deshalb muß er gehen. Dr. F o e r d e r: Die Forderung der Revisionisten, die Verantwortlichkeit wieder herzustellen, nehmen wir freudig auf. Nur glauben wir, daß die Revisionisten mit ihrer Kritik und ihren Proklamationen dieser Forderung selbst am wenigsten nachkommen. Der naive und kritiklose Nationalismus, der vor unseren Augen in Europa so schwer diskreditiert wurde und wird und der nichts destoweniger von Leuten wie Jabotinsky als das Um und Auf ihres ideologischen Rüstzeugs gebraucht wird, diskreditiert auch unser Bestreben und macht die Gewinnung der besten Teile der jüdischen Jugend bei uns außerordentlich schwer. Die Revisionisten hätten, davon abgesehen, noch niemals eine Antwort darauf gegeben, was sie unter der politischen Aktion verstehen, die sie immer fordern. Diese Frage zu beantworten, ist aber eine Sache der Verantwortlichkeit, wie sie Lichtheim fordert. Soloweitschik: in Deutschland gibt es noch einen echten radikalen Zionismus. Blumenfeld, der sein Repräsentant ist, hat aber ein System der Bündnispolitik ausgedacht und verficht es, welches in sich konsequent ist und für reife zionistische Persönlichkeiten zulässig sein mag, in seinen Ergebnissen aber auch den deutschen Zionismus gefährdet Ein Beispiel dafür sei die liberale Rabbinerkonferenz, eine der wichtigsten Erscheinungen in der jüdischen Entwicklung der letzten Zeit, von der die zionistische Oeffentlichkeit durch Schuld ihrer Leitung kaum Notiz nahm, statt durch die entstandene Bresche in die stärkste Position des deutschen Judentums einzudringen. Der Mangel an Auseinandersetzung macht die Gewinnung einer neuen Jugend so schwer. Redner wiederholt die Argumente gegen die Agency-Politik. Jabotinsky: Die Berichterstattung über Palästina der beiden Revisionisten Weisl (Voss. Zeitg.) und Davis (Bert. Tageblatt) bedeuten eine große Leistung. An französischen Regierungsstellen sammelt und registriert man sie und sieht in ihnen nebst den Berichten im Jewish Chronicle die wichtigste Quelle der Information. Der Redner wendet sich gegen die Agency- Politik und vermeint, ihre verderblichen Wirkungen nun auch in Deutschland feststellen zu können. Die Diskreditierung des jüdischen Nationalismus, die aus Foerders Worten spricht, sei gefährlich und ungerechtfertigt. Der jüdische Nationalismus sei eine heilige und gute Sache. Wenn man die do ut des-Politik für unmöglich hält, degradiere man sich zum Bettler, verzichte man auf die moralische Position, die in der Welt so schwer erkämpft wurde und die uns bei entsprechendem Ausbau noch immer die stärkste Waffe sein werde, schwäche man auch seine propagandistische Position nach innen. Wir werden die Jugend nur gewinnen, wenn wir von dem Recht unserer großen Sache Gebrauch machen. Die Aussetzung an der revisionistischen Kritik, daß sie die zionistische Arbeit schädige, sei ungerechtfertigt Man müsse die Wahrheit enthüllen und auf Vorhänge verachten. Blumenfeld: Für den Abgrund, der sich in unserer Mitte aufgetan hat, ist das tiefe Mißverstehen bezeichnend, das uns von unseren Gegnern entgegengebracht wird. Wenn gesagt wurde, daß die do ut des-Politik im revisionistischen Sinne nicht anwendbar ist, so versteht Jabotinsky, daß wir uns zu Bettlern degradieren und auf unser Recht verzichten, während Bileski doch gerade hervorhob, daß unsere stärkste politische Position die Gerechtigkeit unseres Anspruchs und die Macht unserer Idee sei. Jabotinsky findet ferner, daß wir den Nationalismus diskreditieren und überhört, daß wir den schlechten Nationalismus allerdings scharf bekämpfen, um desto wirksamer dem guten zum Siege zu verhelfen. Der Vorwurf, Tatsachen zu verschleiern, trifft den deutschen Zionismus am wenigsten. Seit Jahren wird die ״Jüdische Rundschau“ und nicht zufetzt von oppositionellen Kreisen aufs schärfste angegriffen, weil sie es jederzeit für ihre Aufgabe gehalten hat und hält, die Dinge so zu schildern, wie sie sind, ohne Rücksicht auf rechts oder links; weil wir allerdings der Meinung sind, daß man einen guten Zionismus nur senaffen kann, wenn man jederzeit Schwierigkeiten und Mängel dem Zionisten vor Augen hält und derart seine Verantwortlichkeit für alle Fälle auf das höchste steigert. Wir haben uns gegen billige Parolen immer gewendet und werden es weiter tun. Man wirft uns die Bündnispolitik vor. Wir sind darin nie weiter gegangen, als es die Integrität unserer Gesinnung erlaubte, wir haben nie Konzessionen gemacht, auch wenn dadurch die Geldaufbringung schwer wird. Es ist hingegen bezeichnend, daß die Revisionisten, um ihr einziges Ziel, die Beseitigung der jetzigen Leitung, zu erreichen, kein Mittel und kein Bündnis scheuen, und daß es Herr Weisl nicht verabscheut hat, sich den Repräsentanten des deutschen antizionistischen Judentums zum Verbündeten zu nehmen. Soweit dürfe keine Opposition gehen, daß sie die Front gegen das antizionistische Judentum verlasse und jenem Helferdienste leiste. Auch die von Herrn Jabotinsky gerühmte revisionistische Berichterstattung in den deutschen Weitblättern gehört in dieses Gebiet. Wir bekämpfen sie nicht deshalb, weil sie den Keren Hajessod schädige, wie uns unterstellt wird, vielmehr deshalb, weil diese witzelnde Art unernst und verantwortungslos ist. Mangelnder politischer Instinkt läßt jene Berichterstatter nicht erkennen, daß ihre vermeintliehen Argumente nicht dazu beitragen, die öffentliche Meinung für eine Verbesserung der politischen Bedingungen des 7.icmi*;isd1en Werkes zu gewinnen, vielmehr unseren antizionistischen jüdischen Gegnern eine außerordentlich will* kommene Bestätigung jener Behauptungen bedeuten, welche sie gegen den Zionismus seit seinem Auftreten Vorbringen. Herr weisl irrt, wenn er meint, durch eine Entkräftung der weilschen Argumente irgendwen in seinem Lager überzeugen zu können. Es geht in Wahrheit um anderes. Wenn man von Personen und Systemen spricht, dann müssen wir sagen: Personen ohne System sind schlecht, noch schlechter Systeme ohne Personen. wirhabenzudenFührernderOppositionnicht das Vertrauen, daß sie die notwendige Neuordnung bringen. Wir halten ihr System für falsch und unrichtig und sehen auch keine Personen unter ihnen, deren Händen wir unsere Sache anvertrauen würden. In seinem Schlußwort versuchte Weisl, die Einwände gegen seine Ausführungen zu zerstreuen und stellte noch einmal seine Forderungen auf Reorganisation des Kongresses auf. Die Versammlung, die auch an dramatischen Szenen nicht arm war (besonders ans Jabotinsky die Beschränkung der Redezeit für sich nicht zur Kenntnis genommen zu haben schien und ferner als Blumenfeld unter lebhaftem Beifall der Majorität der Versammlung die journalistischen Methoden Weisls in etwas drastischen Ausdrücken unter Jabotinskys Protest charakterisierte), hatte ansehnliches Niveau. M. Sp, Aus dem Lager der Opposition Wir erhalten nachstehendes Cotnmuniquä mit der Bitte um Abdruck: Am 15. und 16. Mai 1927 fand in Berlin eine Konferenz von Vertretern der oppositionellen zionistischen Presse statt, zur Beratung der gegenwärtigen Lage im Zionlsmus. An der Konferenz, die von den Herren Dr. M. S o I o - wei t s c h i k und Richard Lichtheim geleitet wurde, nahmen Vertreter zionistischer Zeitungen sowie zionistische Publizisten aus folgenden Lindern teil: Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Oesterreich, Palästina, Polen, Rumänien und Tschechoslowakei. Nach einer eingehenden Debatte über die wichtigsten Pro- Meine der gegenwärtigen zionistischen Situation wurde die Auffassung der Konferenzteilnehmer in dem nachfolgenden, einstimmig beschlossenem Communiqu«* niedergelegt: Die Konferenz konstatiert, daß die innere und äußere Lage der zionistischen Bewegung in den letzten zwei Jahren eine weitere fortschreitende Verschlechterung erfahren hat, die durch die Krise in Palästina eine ganz besondere Schärfe angenommen hat. Inn erzionistisch hat die Fortsetzung der verhängnlsvollen Politik der Erweiterung der Jewish Agency zu einer fortdauernden Erschütterung der Organisation geführt. Anstatt den Kampf für die Priorität des Palästinagedankens im jüdischen Leben und die nationale Wiedergeburt durchzuführen und die wichtigsten jüdischen Machtpositionen besonders in Amerika für den Zionismus zu gewinnen, hat die Politik des Kompromisses um jeden Preis dazu geführt, das demütigende Abkommen mit der Marshallgruppe zu schließen, die Politik der amerikanischen zionistischen Organisation in ihrem Kampf um die Anerkennung der Prioirtät Palästinas zu desavourieren und so den Machtwillen der Organisation empfindlich zu schwächen. Die Erfolglosigkeit der Jewish-Agency-Politik in organisatorischer und finanzieller Hinsicht, die Aussichtslosigkeit hinsichtlich konkreter Ergebnisse für die nächste Zeit nach dem Eingeständnis der Leitung, beweist die Vergeblichkeit dieser Politik, die seit vier Jahren die zionistische Organisation demoralisiert Im Gegensatz zu dieser illusionären und aussichtslosen Methode der grundsätzlich notwendigen Heranziehung nichtzionistischer Kreise zum Aufbau Palästinas, hält die Konferenz für den einzigen aussichtsvollen Weg denjenigen der wirtschaftlichen Kooperation mit den Nicntzionisten in allen Institutionen, in denen sie zur konkreten Mitarbeit in Palästina bereit sind, wobei die souveränen Rechte des zionistischen Kongresses in vollem Ausmaße gewahrt werden müssen. Außenpolitisch ist die Haltung der englischen Regierung und Administration in Palästina nach wie vor in hochstem Grade unbefriedigend. Trotz kleiner Zugeständnisse in manchen Einzelfragen verharrt die englische Administration auf der Basis der passiven Neutralität gegenüber dem jüdischen Aufbauwerk. Die zionistische Exekutive hat nichts Entscheiden׳ des getan, um eine Aendemng dieser Haltung herbeizuführen; sie gibt sich vielmehr mit ihr zufrieden und ließ es sogar zu, daß durch die Tendenz zur Preisgabe des fundamentalen zionistischen Endzieles einer jüdischen Majorititsbildung in Palästina ln führenden zionistischen Kreisen die entscheidendem politischen Ziele der Bewegung gefährdet wurden. Demgegenüber erachtet es die Konferenz als eine unerläßliche Voraus- Setzung des Tempos und der Dimensionen unserer Kolonisation, daß die englische Administration in Palästina die notwendigen politischen und wirtschaftspolitischen Vorbedingungen für unser Aüfbauwerk schaffe. An Stelle der unsere Kolonisation hemmenden Politik des Weißbuches muß eine Politik der adetiven Unterstützung unseres Aufbaus treten, wozu die englische Regierung auf Grund des Mandates verpflichtet ist Sie muß die Mitverantwortung für den Wiederaufbau des jüdischen nationai home. tragen .una.in der Gesetzgebung, besonders auf den! Gebiete der Agrar-, Steuer- und Zougese&e. sowie der öffentliehen Konzessionen diesem Prinzip der aktiven Unterstützung unserer Kolonisation Rechnung tragen. Hinsichtlich der Oestaltung der heute unbefriedigenden Lage des Schutzwesens im Lande, muß für die Erfüllung der Forderung des Waad leumi Sorge getragen werden, nach Schaffung ,.einer jüdischen Einheit innerhalb der palästinensischen Verteidigungskräfte“. Die Konferenz ist überzeugt daß durch eine systematische, zähe und zielbewußte Politik ln London und anderen politischen Zentren, an der es völlig mangelt wesentliche Erfolge in dieser Hinsicht erzielt werden können. Die ökonomische Krise und empfindliche Mißstände in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht in Palästina haben bewiesen, daß die Exekutive, die seit Jahren einen Abbau der politischen Arbeit und den rein ökonomischen Kurs propagiert, auch auf dem ökonomischen Gebiete versagt hat. Wenn auch wesentliche Gründe für die schwierige Lage im Lande in den mangelnden politischen und finanziellen Bedingungen liegen, so trägt doch die Exekutive für viele der gemachten Fehler die Verantwortung. Insbesondere hat sie es nicht verstanden, ihre wichtigste Aufgabe, die höchste leitende Instanz der Kolonisation aut der Basis eines systematischen Planes zu sein, zu erfüllen. Aus allen diesen Gesichtspunkten erachtet es die Konterenz für notwendig, die zionistische Oeffentlichkeit über die Gefahren der gegenwärtigen Situation aufzuklären und die Erkenntnis zu verwurzeln, daß der Kurs der Liquidation der politischen Ziele und Aktivität, der Lähmung der Organisation durch eine dauernde Kompromißpolitik, der schwäche und des Mangels an Koordination in den ökonomischen und finanziellen Arbeiten in Palästina zu einer fortdauernden Erschütterung der Bewegung und damit des Aufbauwerkes führen muß. Nur eine entscheidende Abkehr von den bisherigen Metlioden und eine entsprechende Umgestaltung der zionistischen Leitung kann zu einer Neubelebung der Bewegung, zur Wiedergewinnung des vielfach erschütterten Vertrauens aes jüdischen Volkes, zu einer Steigerung unserer finanziellen Mittel und einer Ausdehnung unseres Kolonisationswerkes führen. Einig in der Anerkennung dieser Gesichtspunkte, sind die Teilnehmer der Konferenz und ihre Freunde m den verschiedenen Ländern, ungeachtet der Divergenz in bestimmten anderen Fragen, besonders hinsichtlich der sozialen Prinzipien des Aufbauwerkes in Palästina, entschlossen, gemeinsam die Aufklärung der zionistischen Oeffentlichkeit im Sinne der hier dargelegten Auffassung, mit allen Mitteln fortzusetzen, um eine Aenderung der inneren und äußeren Lage der Bewegung herbeiführen zu helfen. * Wir geben das vorstehende Communiqud wieder, obwohl es ein Novum darstellt, daß die Vertreter einer bestimmt gerichteten ״Presse“ Deklarationen verschicken, die sonst nur von verantwortlichen Parteileitungen auszugehen pflegen. Das Communlqul nennt auch bezeichnenderweise nicht die vertretenen Presseorgane, sondern eine Reihe von Ländern, was zur Klärung nicht besonders beiträgt. Wir erfahren lediglieh, daß die bekannten Journalisten Soloweitschik und Licht heim die Verhandlungen geleitet haben, ohne daß gesagt wird, welche Zeitungen diese Herren repräsentieren. Das Communique stellt jedenfalls der journalistisch en Begabung der Teilnehmer ein gutes Zeugnis aus. Mit dem Inhalt werden wir 1ms wohl noch öfter zu beschäftigen- Gelegenheit haben. Denn unter dem verschämten Namen der vereinigten ״Pressevertreter“ verbirgt sich offenbar etwas anderes. Es ist kein Geheimnis, daß in den letzten Tagen in Berlin eine ge-