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Jüdische Rundschau · 1927-05-17 · Heft 39 (17.5.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 39 (17.5.1927)
Date
1927-05-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 JOEÖISCHE RUNDSCHAU Sehe 281 Zur Frage der Kongre$reform Von Dt. Felix Welt sch. Die Kongreß-Debatte hat als eine Debatte über den Kongreß begonnen. So gründlich ist sie diesmal, daß sie sogar ihre Grundlage und ihre Zweck, den Kongreß anzweifelt, bzw. seine Existenzberechtigung in Frage stellt und ihn durch ein anderes Organ zu ersetzen sucht. Man hat von ernster Seite in letzter Zeit oft genug gehört, daß es notwendig ist, die Organisation des Kongresses zu andem, ihn irgendwie aus seiner Periodizität herauszureißen, ihm eine Art Dauer zu verleihen, ihm das Budgetrecht zu nehmen, das Wahlrecht zu ändern usw. Der amerikanische Zionist Isidore M. Morrison tritt nun, wie wir berichtet haben, im offiziellen Zionistenorgan dem amerikanischen ״New Palestine“ oflen gegen den Kongreß auf und plädiert dafür, ihn durch eine ״kompakte Körperschaft von Sachverständigen zu ersetzen, die nicht allein den Schekel zahlen, sondern auch den Beschaffern des Palästinafonds verantwortlich sein sollen“. ״Der Schekel“, so sagt er, ״wird mit einem Vierteldollar, einem Schilling oder einem Zloty־ bezahlt und der Einfluß auf dem Kongreß liegt daher in den Händen dessen, der die meisten Schekelzahicr auftreiben kann“. Er findet cs grotesk, daß Delegierte, welche so gewählt werden, welche nichts vom Aufbau verstehen, über den Aufbau zu beschließen haben. Der Kongreß war von Herz! als eine demonstrative Körperschaft geschaffen worden; heute brauchen wir keine Demonstration, sondern Aufbau und dafür ist der Kongreß nicht geeignet. ״Wir brauchen", so schließt Morrison, ״eine sachkundige Körperschaft, die nicht nur den Schekelzahlern, sondern auch den Steuertragenden des Fonds verantwortlich sind; eine Körperschaft, die nicht mit politischen Schlagworten arbeitet, sondern nach wissenschaftlich erprobten Regeln; die, unbeeinflußt von Massenemotionen, dem einen Ziele zustrebt: Resultate zu erreichen.“ Morrison, ein Mann, der 1925 dem Keren Hajessod, dem Keren Kajcmeth und der hebräischen Universität eine Summe von 100000 Dollar zur Verfügung gestellt hat, ist ein durchaus ernster Zionist, einer der Organisatoren der zionistischen Bewegung in Amerika und Mitglied des administrativen Komitees der amerikanischen Zionisten. Und cs ist klar, daß so wie er viele amerikanische Zionisten 'denken, sonst würde ״New Palestine“ diesen Artikel wohl nicht abdrucken; vielleicht denken aber auch genug nicht-amerikanische Zionisten ähnlich. Uns scheint, daß die Argumentation Morrisons typisch ist — aber nicht nur dem Zionistenkongreß gegenüber. Es wird hier nur wieder einmal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Argumentation geht von einer durchaus richtigen Kritik aus; statt aber den Schwierigen Weg zu suchen, wie man die gerügten Fehler einer Institution vermeiden kann und doch den positiven Wert dieser Institution erhalten könne, will man, durch die Kritik allen positiven Werten des kritisierten Gegen- Standes gegenüber blind gemacht, in einem Anfall von Ungeduld die ganze Institution vernichten. Es geht nicht nur dem Kongreß so, sondern auch den meisten kulturellen und politischen Formen und Gegebenheiten, der Politik überhaupt, dem Nationalismus, dem Judentum, der Schule usw. usw. Die sittlich-schöpferische Antwort auf Kritik ist geduldiger Aufbau auf Grund der Kritik und nicht ungeduldige Vernichtuag. Man muß den schmalen Grat suchen, der den Berg hinaufführt und den Abgrund vermeidet und nicht im Zickzack immer wieder den Anstieg anderswo versuchen. Es ist keine Kunst, immer wiedei •■;zureißen und etwas Neues zu versuchen; die Kunst ist, das bereits Errungene immer wieder zu verbessern, umzuwandcln, ohne es zu zerstören. Nur so ist ein wirklicher Fortschritt möglich. Die Kritik am Kongreß ist richtig. Ihm fehlt die Kontinuität. Alle Beratungen werden von der Eile gepeitscht. Man muß in einer gewissen Zeit fertig werden. So wird die Gründlichkeit von vornherein ausgeschaltet. In dieser Hinsicht fehlt dem Kongreß der große Vorteil moderner Parlamente: ihre Ständigkeit und Stetigkeit. Dafür hat er aber alle Fehler der modernen Parlamente. Immer mehr wird der Kongreß zu einem Kampf der Personen um Personen und zu einem Kampf der Part e i e n um Durchsetzung ihrer Parteiforderungen, insbesondere in budgetärer Hinsicht; wobei noch zu bemerken ist, daß, wie sich die Dinge entwickelt haben, stets das Fell eines Bären verteilt wird, den der Keren Hajessod erst zu erlegen hat. Diese Mängel sind bekannt; aber es wäre ein furchtbarer Fehler darum, den Kongreß abschaffen oder im Wesen umändert! zu ־wollen. Der Kongreß wird von Menschen gemacht, ist Menschenwerk und hat alle damit zusammenhängenden Fehler. Es ist unsere Sache, diese Fehler möglichst zu erkennen und möglichst zu korrigieren. Das darf aber nicht auf Kosten der unschätzbaren Grundwerte des Kongresses geschehen; und diese sind: seine politisch-juristische und seine politi schmoralische Bedeutung. Seine politisch-juristische Bedeutung: Es ist der Sinn aller juristischen Institutionen innerhalb der stets labilen unsicheren menschlichen Verhältnisse Sicherheiten zu schaffen; feste Punkte los verstrickt sah, zwischen unverständlichen Finten und Tricks, die ihn besiegten, ohne daß er merkte wie, fand sich der Jude spielend zurecht, wie einer, der die Spielregeln mühelos beherrscht, so daß oft genug der Primitive keinen anderen Ausweg wußte, als dem aufgestachelten Differenzaffekt zur Gewalttat freien Raum zu lassen. Da dies sich besonders in wirtschaftlichen Verwicklungen offenbarte, meldet sich hier eine weitere Quelle gegenseitiger Ungleichheit an. Der ungegliederten Intellektualität entsprach bei diesen Völkern die im großen ungegliederte Wirtscnaftsweise, und die in natura oder in persönlichen Diensten zu leistende Steuerart, die, ohne Tauschwirtschaft zu sein, sich von einer ausgeprägten Geld Wirtschaft dennoch aufs wesentlichste unterschied. Kam dazu noch aus dem kanonischen Recht das Verbot des Leihens auf Zins, das in einer menschlich und gefühlshaft verbundenen, in gegenseitiger Hilfe geeinten Gemeinde seinen ausgezeichneten Sinn hatte, und die Tatsache, daß zwischen Volk und Volk, zwischen Stammstaat und Stamm- Staat internationale Beziehungen nicht bestanden, so versteht man vielleicht, mit welcher Ueberlegenheit und zugleich wie fremdartig der Jude dieser Kultur erscheinen mußte. Er besaß das ausgedehnte System menschlich-wirtschaftlicher Beziehungen quer durch alle neuen Reiche im ganzen Gebiet des ehemals römischen Imperiums, wo jüdische Ansiedlungen zu finden waren; standen doch Juden mit Juden zwischen Babylon und Cordova, zwischen Palermo und Prag in dauerndem geistigen Austausch durch Sendschreiben, die in religionsgesetzlichen und anderen, das jüdische Leben fassenden Fragen hin und her gingen. Damit war ein Netz auch wirtschaftlicher Beziehungen quer durch die Völker gespannt, das den Juden, trotz ihrer körperlichen Wehrlosigkeit eine ungeheure Ueberlegenheit verlieh, weil sie ununterbrochen an die höchsten Instanzen, Könige, Kaiser und Päpste appellieren konnten, wenn sie irgendwo von untergeordneteren oder lokalen Gewalten benachteiligt wurden. Auf diese Weise entstand unter den einfachen Menschen jene mythenbildende Empfindung von der Macht dieses scheinbar wehrlosen und verächtlich waffenlosen Wesens, das sich den Schutz der Mächtigen zu erkaufen wußte durch jenes Medium, nämlich das Geld, das innerhalb der Naturalwirtschaft und der Lehnsdienste überhaupt kaum Platz hatte. Mit Geld umzugehen aber hatte der Jude geiernt, wiederum als Erbe jener spätrömischen, ja schon der. hellenistischen und Flächen innerhalb des allgemeinen Chaos; Grundlagen, die nach allgemeiner Uebereinkunft nicht mehr bezweifelt werden können; Plattformen, auf denen mit Sicherheit weitergearbeitet werden kann. Pas ist der Zweck aller rechtlichen Institutionen. Nicht daß das Urteil des Richters stets r i c h t i g ist — das kann es nicht sein, denn der Richter ist ein Mensch — ist seine Bedeutung, sondern daß es unter bestimmten Beziehungen e n dgültig ist, unbezweifelbar ist, daß es Recht, d. h. Sicherheit schafft, endgültige Voraussetzung für alle weitere Arbeit gibt. So ist cs auch mit den Beschlüssen parlamentarischer Körperschäften und so auch mit dem Kongreß. Im Kongreß hat das jüdische Volk sich selbst eine Institution geschaffen, welche po 1 i ti s ch Recht schafft. Die Beschlüsse des Kongresses sind nicht immer richtig, auch hier beschließen Menschen, noch dazu demokratisch gewählte Menschen, die durchaus nicht immer die best-gcwählten sind, aber sie schaffen Sicherheit und Festigkeit des Wollens, sie schaffen Grundlage für weitere gemeinschaftlichc Arbeit des jüdischen Volkes; und diese Bedeutung des Kongresses ist einfach unschätzbar; denn sie verlangt zu Unsere Parole: liiiiiiiiitiimiiitHiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiitiiiiißnmiiiiiiiiiiimiiiiiiiniuiiiiiifiiiHmiiiiiiiiHiiiHßiiHiiiiiiiniiimiimnii 30000 Schekalim mm XV. Kongreß! Nächster Schekelausweis 20. Hall ihrer Anerkennung demokratische Grundlegung, Tradition, Zeit; das alles hat die geniale Kongreßtat Theodor Herzls, und der Kongreß selbst in seiner Entwicklung geleistet und es wäre einfach Irrsinn, diese unersetzliche Wirklichkeit stören zu wollen. Ebenso ist es mit der politisch-moralischen Seite, welche über den eben besprochenen formal-juristischen Standpunkt noch hinausgeht. Im Kongreß wird sich das jüdische Volk seiner selbst bewußt und tritt als solches redend und •wollend auch nach außen hin auf. Fast mehr als der Inhalt eines Beschlusses ist das Bewußtsein der gültigen Beschlußfassung, die Stirntnung gemeinsamen Wollens von moralischer Bedeutung. Es ist ein Aufschwung und ein Zusammenströmen, ein Symbol der Ganzheit und des Erlebens, der Einheit des Volkes, nach innen wirkend und nach außen geltend. Das ist wieder eine unersetzbare Wirklichkeit, die ,einer genialen Tat, unverwischbaren Erlebnissen, historischen Realitäten, Imponderabilien der Stimmung, langjähriger Entwicklung ihr Dasein verdankt und welche die demokratische Anlage des Kongresses einfach zur unerläßlichen Voraussetzung hat. Diese beiden wesentlichsten Errungenschaften des Kongresses sind durch keinerlei vom rationalistischen, ökonomischen, wirtschaftlichen Standpunkt klüger zusammengesetzte Körperschäften zu ersetzen. Wir stehen an einer gefährlichen Stelle. Die Entwicklung des zionistischen Werkes braucht jetzt eine Leitung und eine Organisation, bei deren Beschlüssen ökonomische Tatsachen und Gesetze, wirtschaftliches Wissen ausschlaggebend sein müssen. Das ist unbestreitbar. Aber der einzig richtige Weg Ist: Daß die zionistische Bewegung, so schwer es auch sein mag, diese wirtschaftlichen Erfordernisse in ihre politische Organisation, in ihre bisherigen Formen aufnimmt, nie aber, daß sie sieh selbst aufgibt und sich in eine wirtschaftliche Unternehmung verwandelt. Wir müssen alles daran setzen, um den Kongreß fähig zu machen, den jetzigen Erfordernissen des Aufbaus m Wirtschaftlicher, finanzieller, kolonisatorischer Hinsicht — zu genügen. Ob und wie dies im Detail möglich ist, davon soll ein andermal die Rede sein. Zweck dieser Zeilen war zu zeigen; Nie darf man über diesen Reformversuchen den wahren Sinn und die unersetzbare Wirklichkeit des Kongresses vergessen. Brisbane, 10. Mai. (J. T. A.) Auf seiner Reise von Indien über Java nach Australien erlitt Dr. Alexander Goldstein einen Schiffsunfall. Der Schraubendampfer ״Tasman“, mit dem er fuhr, lief tausend Meilen von Brisbane entfernt auf ein Riff auf und saß sieben Tage in gefährlicher Lage fest. Schließlich wurden die Passagiere von dem japanischen Dampfer ״Akimaru“ aufgenommen und nach Townsville an der Queensland-Küste gebracht. Dr. Goldstein ist an der Schulter verletzt. Kulturweit, die in ihrer ausgeprägten Geklwirtschaft und in ihren erst für unsere Zeit wieder verständlichen Zinshöhen schon bei Plutarch, am besten aber etwa aus einer kulturhistorischen Meisterleistung, wie der Mominsenschcn Geschichte oder der Brandesschen Caesarbiographie (zwei Bände, Erich Reiß-Verlag) abzulesen ist. Auch hiermit stand der Jude dem Bürger des Lehnsstaates gegenüber, ausgerüstet mit wirtschaftlichen Begriffen, Methoden und Rechtsempfindungen, die ihn überlegen machten wie jeden Angehörigen einer alten Zivilisation, der mit primitiven Völkern und Zuständen zu wirtschaften gelernt hat — etwa wie der kapitalistische Europäer des 19. Jahrhunderts sich der Negerstämme oder der naiven und in nur eigener Kultur gebundenen 'Gruppenverbände der Südseeinsulaner zu bemächtigen verstand. Der Jude erlangte Geld aus Produkten, mit denen der Mensch der primitiven Wirtschaft überhaupt nichts anzufangen wußte, d. h. er erzeugte wirtschaftliche Werte aus bislang vergeudeten Alt- oder Zwischenrodukten wie ein Zauberer, und er band mit seinen Verschreiungen und seinen Zinsen diejenigen, die ihn in Anspruch nehmen mußten, wie ein Zauberer. Daß der Zins zum ausgeliehenen Kapital sich genau so verhält wie das Vielfache, mit dem jede Ernte die Summe aus Saatgut und menschlicher Arbeit übertrifft, die man im Acker anlegte, das also für den Menschen der geldwirtschaftlichen Zivilisationsstufe das Recht auf Kapitalsertrag in genau derselben natürlichen Seelenhaltung steht w ie das Anrecht des Bauern auf den Mehrertrag seines Feldes, vermochte zwar jener, aber nicht dieser zu empfinden. Was innerhalb einer durch gegenseitige Hilfe und verbundene Gesinnung zur Einheit verschmolzenen Gruppe von Menschen die unrechtmäßige Ausnutzung nachbarlicher Notlage gewesen wäre, war zwischen dem vom Dirferenzaffekt beiseite gehaltenen Juden und dem ihm an Bürgerrechten und Vollwertigkeit überlegenen Sohn des Machtvolkes geltendes Recht; aber nur der Jude, nicht auch der andere vermochte diese Empfindung dauernd in sich wach zu halten. Erst jahrhundertelange Gewöhnung war imstände, in den europäischen Staaten diesen Rechtsbraueh zum Gefühl und zur Verständlichkeit zu erheben und zu vertiefen, so daß das um 1800 hereinbrechende Zeitalter der Maschine einen allgemeinen nichtjüdischen Bürgerstand und Wirtschaftsgeist vorfand, mit dem allein es sich verschmelzen konnte. Aber noch tief ins 19. Jahrhundert hinein findet sich der Kampf zwischen diesen beiden Rechtsgefühlen real, wenn Grund* Wieder Ausschreitungen gegen Jaden In Berlin Etwa 300 Hakenkreuzler, die am 12. Mai durch die Polizei an der Abhaltung einer Versammlung am Wilhelmplatz in Berlin-Charlottenburg int Hinblick auf die erfolgte Auflösung der Partei verhindert wurden, zogen durch die Hauptverkehrsstraßen des Berliner Westens, sangen antisemitische Lieder und rempelten die ihnen entgegenkommenden Passanten, die ihnen irgendwie ״jüdisch“ vorkamen, an. Zahlreiche Passanten wurden niedergeschlagen und zum Teil nicht unerheblich verletzt. 11 derselben erschienen bei der Polizei und erstatteten Anzeige. An der Spitze eines der Hakenkreuzlerzüge marschierte du junger Mann, den die Polizeibeamten als den entlaufenen Fürsorgczögling Willi Schäfer erkannten, der in der aufgelösten Nationalsozialistischen Arbeiterpartei eine große Rolle spielte und als Haupträdelsführer der Vorgänge in Lichterfclde-Ost gesucht wurde. Die Beamten verhafteten ihn trotz verzweifelter Gegenwehr. Seine Kameraden, die ihn befreien wollten, mußten durch Vorhaltung der Dienstrevolver in Schach gehalten werden. Ein großes Polizeiaufgebot zerstreute sodann die Demonstranten und nahm 33 von ihnen fest. Die von der Polizei sofort aufgenommene Untersuchung in später Nachtstunde bat ergeben, daß die antisemitischen Uebcrfälle am Kurfürstendamm von unsichtbarer Stelle aus planmäßig organisiert waren. Der Polizeipräsident hat sich die Verhafteten noch im Laufe der Nacht vorführen lassen, um sie persönlich zu vernehmen. Die größten Tumulte spielten sich am Kurfürstendamm ab. Unter den Verletzten befindet sich auch ein bekannter Berliner Redakteur, der mit seiner Gattin von den Rowdies attackiert wurde. Er schleppte sich blutüberströmt in eine nahegelcgene Wirtschaft. Die Berliner demokratische Presse fordert die Berliner Polizei auf, durch verstärktes Aufgebot und durch An• Setzung von Kraftwagenstreifen dafür zu sorgen, daß die Gegend der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskircbe und des Kurfürstendamms nicht zum ständigen Tumultplatz der Hakenkreuzler werde. Der Polizeipräsident Z ö r g i e b e 1 kündigte hierauf euergische Maßnahmen an. An dem guten Wißen des Polizei- Präsidenten ist nicht zu zweifeln; es bleibt nur die Frage, ob er mit seinen Maßnahmen Erfolg haben wird. * Während der Boxklub ״Maccabi“ in der Turnhalle einer Gemeindeschule in der Joachimsthaler Straße trainierte, überfielen die vorbeiziehenden Hakenkreuzler unweit Schule den Schriftführer einer Boxzeitschrift Dr. W 0 i 11 i t z und warfen ihn — fünfzig gegen einen — zu Boden. Mit Schlagringen und Fußtritten bearbeitet, konnte sich der Angegriffene in die Gemeindeschule retten. Hier traf er den Trainer des Maccabi, Michelson, der die Klubmiiglieder, ungefähr 23 Mann, alarmierte. Michelson schlug zwei der auf ihn eindringenden Hakenkreuzler zu Boden. Seine Schüler, die den Kampf aufnehmen wollten, wurden von dem herbeigerufenen Ueberfall• komtnando daran gehindert, das die Straße mit dem Gunrmiknüppel säuberte. Felix M. Warburg bei Ltiwiuow und SaMtwtlsek Moskau, 12. Mai. (f.T.A.) Felix M. Warburg hatte unmittelbar vor seiner Abreise nach den jüdischen Kolonien eine Zusammenkunft mit dem Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten Litwinow; es wurde die ailgemeine Lage in den Sowjetstaaten erörtert, wobei auf die Frage der jüdischen landwirtschaftlichen Ko- Ionisation besonderer Bedacht gelegt wurde. Utwinow erklärte, die Sowjetregierung habe ein!großer liüfisäe dUNs; daß sich möglichst viele Juden produktiver Arbeit zuwenden, und sie wollen diese Bewegung unterstützen, da unter dem Sowjetsystem keine Aussichten für eine Fortexistenz unproduktiver Elemente vorhanden sind. Dies wird bei der weiteren Entwicklung der Staatsindustrie und dek Staatshandels in noch erhöhtem Maße der Fall sein. Die Sowjetregierung hat bereits durch die Praxi* bewiesen, daß sie entschlossen sei, den Juden in Rußland neben den gleichen politischen Rechten auch die gleiche wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Am Tage vorher hatte Felix M. Warburg in der gleichen Angelegenheit eine Besprechung mit Smidowitsch, dem Vize- Präsidenten der Union der Sowjetrepubliken und Vorsitzenden der Regierungskommission für jüdische Landansiedlung ״Kontzct״, sowie mit dem Sekretär des ״Komzet“ und Vorsitzenden der jüdischen kommunistischen Sektionen, M e - reschin. Allen diesen Unterredungen wohnte auch James Becker bei. Nach der Rückkehr von seiner Reise durch die jüdischen Kolonien wird Felix M. Warburg von dem Präsidenten der Union der Sowjetrepubliken, Herrn Kalinin, empfangen werden. besitzende, Aristokraten oder freie Bauern mit dem Geiste des Bankkapitals in Konflikt traten. So entstand, tief verdrängt, auch in den Europäern, des Juden gegenüber ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl. Je mehr sie sich dagegen sträubten, den Juden, den sie verachteten, als auch überlegen anzuerkennen, je heftiger sie sich wehrten, dem Juden etwas verdanken zu müssen, um so tiefer entwerteten sie ihn. Erst auf der Grundlage dieses Zwiespalts, der dem Psychologen nur allzu leicht verständlich ist, kann sich der Differenzaffekt mit voller Kraft loslassen. Daher ist der Antisemitismus solcher Völker, die den Juden weniger verdanken — wobei wir ״verdanken“ durchaus regulieren am Zustand heutiger Zivilisation und keineswegs etwa absolute Werte dabei in Betracht ziehen — im Verhältnis schwächer und geringer. Da sich die Entwicklung der Nationen nach einem Zivilisationsideal hin vollzog, das dem der antiken Zivilisation, wie es die Juden mit sich trugen, gleichartig und gleichgerichtet war, war, fanden sie sich in Lebensgestaltung, Ethos, Weltansicht, Begriff vom Menschen, d. h. von sich selbst, und vor allem im Religiösen, überstülpt mit Kategorien, die von Juden teils stammten, teils getragen wurden, mit Wertungen una Begriffen einer reiferen, älteren Menschenstufe, ohne daß sie die Zeit hatten, ihr eigenes, jüngeres, hochherziges und draufgängerisches Ethos allmählich ^zu einer gleich hohen Stufe emparzuzüchten. Nicht ihre eigene Naturreligion, nicht ihr eigenes Rechtsempfinden, nicht ihre eigenen Gedankenzüge und Gesell• schaftsformeti vermochten sie zur Höhe und Reife zu führen, sondern jüdisch-christliches Ethos, römisch-griechisches Recht, antikisches Kunstideal wurde ihnen gewissermaßen auferlegt; sie wuchsen hinein, wie sich die plastische Substanz des Lebens schließlich harten Formen za fügen weiß, aber in ihr Wesen kam vielleicht ein Bruch, der sich noch heute als Reizbarkeit, d. h. als Unsicherheit und ätzende Schärfe des DifferenSrffekts kundtut. Wer wie die Italer, Römer, Romäer, Graeculi Zeit hatte, sich selbst durch viele Stufen bis zur Höhe eines eigene« Spätalters hindurchzuleben, wer von Achill und Odysseus, Zeus und Aphrodite zu Sokrates und Platon, Eleusis und Pythagoras zu Mythras, Piotin, Serapiskult und der Gnosis auf eignen Wege weiterkam, hatte keinen Grund zu dauernder innerer Unruhe. Differenzaffekte sind da, aber es fehlt ihnen das GW — jenes Gift, das bei den Völkern der Pyrenäenhalbinsel und der nordalpinen Zone, und je weiter östlich man gerät, um 88 schärfer, noch w&tet

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