Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 274 JUEDlSCH E RUNDSCHAU Nr. 38 Zionistische Gegenwartsprobleme in Polen öer Jüdische Wahlblock zum Warschauer Stadtrat. — Die ,tolle der Zionisten. — Stellung der ״Hitachdut“. — Das Echo der Wiener Wahlen. Von unserem Korrespondenten. — g. Warschau, Anfang Mai. ln unserem letzten Bericht über die politische Lage der Oer Juden und Polen (״J. R.“ vom 20 v. M.) haben wir die Wichtigkeit der gegenwärtigen Wahlen zum Stadtrat in W a r schau besprochen und darauf hingewiesen, daß vom zionistischem Standpunkt es nicht gleichgültig sein kann, welche Taktik dabei die zionistischen Parteien einschlagen werden. Die Verhandlung zwecks Schaffung von Wahlblocks sind'' nun abgeschlossen und es ist daher möglich, ja sogar notwendig, über das Geschehene einige prinzipielle Bemerkungen zu machen, die auch außerhalb Polens von Interesse sein dürften. Die zionistische Front läuft ja von Palästina über Warschau, Wien, Berlin und New York, und was heute an einem Punkte dieser langen Kampffront geschieht, kann morgen wo anders passieren. _ Daß die Warschauer Siadtratwahlen auch nach der prinzipiellen Seite hin beurteilt werden müssen, beweist am besten die lebhafte Auseinandersetzung, welche in den letzten Wochen in verschiedenen zionistischen Kreisen und Presseorganen in Polen stattfand. Zu allererst handelte es sich um die ״Blockidee“ als solche. Sollen die Zionisten selbständig auftreten oder Wahlbündnisse schließen bzw. danach streben, eine jüdische Einheitsfront zu schaffen? Recht bald siegte der Gedanke einer Einheitsfront, und das Zentralkomitee der allgemelnzionistischen Organisation Kongreßpolens hat als erstes diese Parole ausgegeben und die Initiative zur Schaffung einer Vereinigung jüdischer Parteien und Organisationen ergriffen. Es waren dabei folgende Erwägungen maßgebend: Die Wahlordnung schließt technische Wahlblocks aus, ermöglicht nur großen Parteien eine starke Vertretung, die Zersplitterung bei den letzten Stadtratwahlen hat die Vertninderung der Zahl der jüdischen Mandatare verursacht und deswegen auch den Einfluß der jüdischen Repräsentanz sehr stark reduziert Angesichts der einheitlichen antisenistischen polnischen Front ist eine vereinigte jüdische Oegenwehr nötig, soll die große jüdische Gemeinde der polnischen Hauptstaat (über ein Drittel der gesamten Bevölkerung) in ihren bürgerliehen, nationalen und wirtschaftlichen Interessen nicht geschädigt werden. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, daß in manchen zionistischen Kreisen noch ein Umstand hervorgehoben wurde: der Zionismus sei in der jüdischen Gesellschaft nicht mehr populär. Der Zusammenbruch der vierten Aiijah habe dem Zionismus in Polen eine Schlappe eingetragen, die Autorität der Zionistischen Organisation und ihrer Führer erheblich geschwächt und deswegen sei es nicht ratsam und nicht opportun, mit einer selbständigen zionistischen Liste aufzutreten. Eine eventuelle Niederlage einer reinzionistischen Liste werde dem Zionismus in Polen mehr Schaden zufügen, als ein Wahlbündnis mit anderen jüdischen, sogar gegnerischen Parteien. Uebrigens — behauptete man weiter — habe das Warschauer Stadtparlament mit Ziorlsmus wenig: Gemeinsames, da es sich hier vorwiegend um wirtschaftliche Tagesinteressen der Jüdischen Bevölkerung handelt. Und da sind wir zu einer weiteren Frage angelangt, welche ln Polen letztens stark diskutiert wurde. Jüdische Wirtschaftsverbände, in erster Linie die der Kaufmannschaft und des Handwerkertums, In langjähriger emsiger Arbeit gerade von den besten zionistischen Kräften in Polen organisiert und zu einem wichtigen sozialpolitischen Faktor fn Öffentlichen jü- dischen und nichtjüdischen Leben herangebildet, haben seit einer gewissen Zeit das Streben offenbart — in falscher Beurteilung ihrer Rolle und ihrer Aufgaben und auch in schiefer Wertschätzung objektiver Tatsachen — die Hegemonie Im jüdisehen öffentlichen Leben zu erlangen und an Stelle der politisehen Parteien aufzutreten. Da die erdrückende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Polens aus Kaufleuten und Handwerkern besteht — argumentieren diese Kreise — und da der Kampf um die wirtschaftliche Existens die erste und wichtigste Sorge des Durchschnittsjuden ausmacht, ist es recht und billig, daß die gesamte jüdische Politik nur fm Interesse dieser wirtschaftlichen Gruppen und nur von deren Vertretern geführt werden soll. Es entspann sich also eine Debatte über ״Wirtschaftspolitik oder nationale Politik?“, ״Interessenvertretung oder Volks- Vertretung?“. Da, ■wie oben bemerkt, auch manche Zionisten meinten, daß es sich bei den gegenwärtigen Wahlen in erster Linie um wirtschaftliche Interessen handelt, erließ man zionistischerseits, nach politischer Stellungnahme zur Wahlbündnisidee als solcher die Parole: Politik und Wirtschaft, und faßte den Entschluß, ein Wahlbündnis sämtlicher bürgerlicher politischen Parteien und den Wirtschaftsorganisationen der Kauf- Ieute und Handwerker vorzuschlagen. Also ein Kompromiß nach der prinzipiellen Seite: es gilt sowohl den nationalen politischen Kampf zu führen, als auch die bedrohten wirtschaftlichen Positionen des jüdischen Bürgertums zu verteidigen. Mit Recht betonte man zionlstischerseits, es sei ein Unsinn, zu glauben, der Warschauer Gemeinderat werde den Juden gegenüber sich nur von wirtschaftlichen Gründen leiten lassen. An unzähligen Beispielen wies man nach, daß es sich auch da um eminent wichtige politische Fragen handelt, und daß der Kampf mit den Juden einen ausdrücklich politischen Charakter habe. Es wurde aber auch zugegeben, daß stärker als bisher die rein wirtschaftlichen und professionellen Interessen der jüdischen Bevölkerung gewahrt werden müssen, und daß hierzu Fachleute aus den entsprechenden Berufsverbänden herangezogen werden sollen. Die allgemeinen Zionisten gingen aber in ihrer Wahltaktik noch weiter lind beschlossen, auch die Agudah in den Wahlblock aufzunehmen. Es waren da einerseits Opportunitätsgri'mde maßgebend, andererseits wollte man die Einheitsfront möglichst breit spannen. Nach langen schwierigen Verhandlungen (die Schwierigkelten betrafen die Mandatenverteilung) kam endlich folgender ״Jüdisch-nationaler Wah 1 b 1 ock“ zustande: Allgemeine Zionisten (5 Mandate), Agudah (5), Verband der Kaufleute (5), Handwerkerorganisation (4), Misrachi (3), kleine Kaufleute (3), Frauenverband (2). Sämtliche diesem Block angeschlossene Parteien und Verbände verpflichteten sich zu gemeinsamem Vorgehen itn künftigen Stadtrat auf nationaler Basis und in sozialer bürgerlicher Richtung. Das Zustandekommen dieser Einigung fand in manchen zionistischen Kreisen starken Beifall, in anderen wieder stieß es auf Unwillen und heftige Kritik. Diese kam von seiten der ״Hitachdut“. Diese zionistische Partei, welche keineswegs eine Gegnerin des Koalitions- *,gedankens ist, behauptete, daß im jetzigen Augenblick, gerade im Moment der Abschwächung des Zionismus in Polen, es ein Verrat am Zionismus bedeute, wenn die zionistische Fahne bei einer so überaus wichtigen politischen Aktion versteckt wird. Es sei eben Pflicht der Zionisten gewesen, samtliehe zionistische Kräfte aller Schattierungen zu sammeln, einen zionistischen Block zu schaffen, und mit offenem zionistischen Visier vor die jüdischen Massen zu treten Der Kampf sei ein vorwiegend politischer, der Zionismus habe auf sämtliche Tagesfragen eine zionistisehe Antwort zu geben. Die allgemeinen Zionisten, meint die ״Hitachdut“, haben den Zionismus in der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit herabgewürdigt, indem sie sich wohl mit der ״schwarzen Reaktion“ (Agudah) vereinigen, die demokratischen Richtungen aber abstoßen. Entweder sollte eine einheitliche politische Liste, aber von rechts bis links, oder eine rein zionistische aufgestellt werden. Es werde jetzt der Eindruck erweckt, der Zionismus sei mit Reaktion identisch. Ferner ging der Vorwurf der ״Hitachdut“ dahin, die allgemeinen Zionisten hätten noch weiter den Zionismus geschädigt dadurch, daß sie ein Bündnis mit ausgesprochenen bürgerlichen wirtschaftlichen Elementen schlossen, und so wiederum den Zionismus mit bürgerlicher Wirtschaftspolitik vermengten. Die ״Hitachdut“ meinte, es sei mit ihrem zionistischen und sozialen Gewissen unvereinbar, sich einem solchen antidemokratischen (wie sie ihn bezeichnete) und eminent bürgerlichen Block anzuschließen, erklärte ferner, sie fühle sich verpflichtet, sogar diesen Block zu bekämpfen. Bald aber ging die ״Hitachdut“ einen Weg, welcher ihr von vielen zionistischen Kreisen sehr verübelt wurde. Die ״Hitachdut“ schloß ein Wahlbündnis mit einer sogenannten ״sozialdemokratischen“ Gruppe. Es ist dies eine demokratische, linksgerichtete, sehr schwache Organisation, seinerzeit eine Opposition gegen den Führer der Folkisten Noah Plilutzky, welche vom letzteren gänzlich abrückte und eine selbständige Partei gründete. F!1 kulturpolitischer Richtung vertritt diese Gruppe den strengsten Jiddischismus. Die gemeinsame Wahlplattform, auf welche die ״Hitachdut“ mit dieser Gruppe sich einigte, war der Kampf gegen die olitische, soziale und wirtschaftli.he Reaktion, für DÄnoratie und soziale Reformen, Schutz der jüdischen Arbeitsmensehen. In Kulturfragen sollten beide Oruppen freie Hand hahen, weder die hebräische noch die jiddische Sprache sollten aber gegenseitig bekämpft werden. Nun begann die Attacke gegen die ״Hitachdut“, der man vorwarf, daß sie, die erprobte und verdienstvolle Vorkämplerin der hebräischen Kulturbewegung, es für richtig fand, sich mit extremen Jiddischisten und Gegnern der hebräischen Sprache und Kultur zu vereinigen. Unwillen gegen diese Vereinigung herrschte auch innerhalb der Hitachdut und knapp vor Niederschrift dieser Zeilen stellte sich heraus, daß die ״Hitachdut“ taktische Erwägungen fallen , ließ und nunmehr selbständig in den Wahlkampf, als ״Demokratisch -zionistischer Arbeitsblock“ eintrltt. Es ist also die einzige Wahlliste, welche sich offen als zionistisch bezeichnet. Diesem Block haben sich u. a. mehrere Organisationen der arbeitenden Intelligenz angeschlossen. Außer diesen jüdischen Parteien treten selbständig auf die ״Poale Zion“, Hechte und Linke gesondert, der ״Bund“ und einige kleine unbedeutende Gruppen. Es ist charakteristisch, daß der Ausgang der Wiener Wahlen, für welche man hier ein großes Interesse bekundet, von beiden oben erwähnten zionistischen Richtungen in ihrem Sinne ausgelegt wird. Die allgemeinen Zionisten ziehen daraus die Lehre, daß man eben sämtliche jüdische Kreise heranziehen muß und speziell jüdische Berufsverbände der jüdisch-nationalen politischen Partei angliedern 8011. Die ״,Hitachdut“ und andere demokratische zionistische Gruppen ziehen wiederum aus den Wiener Wahlen den Schluß, daß es für den Zionismus verderblich werden kann, falls er hier in den Golusländern Front machen wird gegen die Demokratie, gegen sozialen Fortschritt und als Verfechter einzig und allein bürgerlicher Interessen auftreten werde. Daß innerhalb des polnischen allgemeinen Zionismus rechtsbürgerliche und konservative Elemente in den letzten Jahren die Oberhand gewannen, unterliegt keinem Zweifel. Abg. Frostig, welcher dies auch im Lemberger ״Morgen“ feststellt, meint, dies sei die Schuld der ״Hitachdut“, welche aus der allgemeinen zionistischen Organisation austrat und außerhalb nicht mehr in der Lage ist, dieser Erscheinung entgegenzutreten. Wie dem auch sei, die Ereignisse in Warschau haben die Kluft im polnischen Zionismus noch mehr vertieft, und es scheint auch auf dem Gebiet der Oegenwartsarbeit ein Prozeß vor sich zu gehen, welcher größte Beachtung in der Weltbewegung verdient. Vom Preußischen Landesverband Die Tagung des Großen Rates des Preußischen Landesverbandes vom 8. Mai war die erste, die nach der Landesversammlung stattfand. Sie hatte sich deshalb ln erster Linie mit den Beschlüssen der Landesversammlung zu befassen und hier vor allem mit dem Judengesetz. Das Judengesetz ist von der Landesversammlung in einem von unserem Standpunkte aus höchst unbefriedigenden Zustand verabschiedet worden. Die Durchbrechung des Glekhberechtigimgsprinzlps in der Frage der Wählbarkeit von Ausländern zu Vorstehern, die Erleichterung des Austritts für Steuerdrückeberger, das Fehlen einer Bestimmung, wonach die einzelnen Gemeinden einem Landesverband angehören müssen, und andere Mängel haben die Volkspartei veranlaßt, gegen den Entwurf zu stimmen. Da Rat und Landesversammlung gleichberechtigte Faktoren sind, mußte nunmehr der Rat zu den Beschlüssen der Landes- Versammlung Stellung nehmen. Ein Antrag, zumindest den Artikel 24 wieder herzustellen, nach welchem jede Synagogengemeinde einem anerkannten Landesverband angehören muß, eine Bestimmung, die die Landesversammlung gestrichen hat, wurde in der Ratsitzung mit 16 gegen 15 Stimmen abgelehnt, wobei festgehalten werden muß, daß K a r e s k i, der nicht anwesend sein konnte, selbstverständlich ebenfalls für die Wiederherstellung des Artikels 24 gewesen wäre, ebenso wie Rabbiner Dr. E ni i 1 L e v y, der als Vertreter anwesend war und deshalb vom Vorsitzenden zur Abstimmung nicht zugelassen wurde. Die erneute Stellungnahme des Rates zeigt also, daß die Zahl derjenigen, die das preußische Judentum desorganisieren wollen, allerhöclistens die Hälfte der Ratsmitgheder ausmacht. Bedeutungsvoll ist, daß sofort die Lehrervertreter ihren Protest anmeldeten. Sie erklärten, daß bei der Erleiehterung des Austritts und dem Fehlen einer Bestimmung über Zwangszugehörigkeit zu einem Verbände, die Stellung von Lehrern und Kantoren völlig ungesichert sei. Sie legten scharfen Protest gegen den Gesetzentwurf ein und erklärten, daß sie im Interesse der Jüdischen Gemeinden, wie itn Interesse der Erhaltung eines tüchtigen Lehrer- und Kultusbeamten- Standes kein Mittel unversucht lassen würden, um das Gesetz in dieser Form zu Fall zu bringen. Im übrigen wurde eine en bloc-Annahme der von der Landesversammlung beschlossenen Aenderungen gegen den Protest von Dr. Klee mit 17 gegen 9 Stimmen unter Stimmenthaltung der übrigen Ratsmitglieder beschlossen. Von einer Spezialberatung der einzelnen Aendenuigen wurde Abstand genommen, so daß man nicht einmal von einer Durchpeitschung sprechen kann. Die Landesversammlung hatte beschlossen, mit dem Halber- Städter Verband in Beratungen einzutreten. Justizrat Makower wünschte deshalb, daß der Halberstädter Verband aufgefordert werde, das Gesetz zu unterschreiben, damit es dann der Regierung eingereicht werden könne. Dr. Klee wandte sich mix größter Schärfe gegen diesen Versuch, den klar ausgesprochenen Willen der Landesversammlung zu umgehen. Er verlangte, daß auf Grund des vorliegenden, vom Landesverband angenommenen Entwurfes, ordnungsmäßige Verhandlungen mit dem Halberstädter Verband geführt würden, daß die Meinungen und Wünsche des Halberstäater Verbandes gehört würden und . י" ״®" versuche, mit diesem zusammen zur Fixierung eines 6,1"61״*liehen Entwurfes zu kommen, damit der Regierung lediglieh ein einziger Entwurf der preußischen Judenbeit vorgelegt werde. Ergäben die Verhandlungen mit dem Halberstädter Verband, daß Aenderungen nötig seien, so müsse der Rat des Landesverbandes noch einmal zusammentreten und über diese Aenderungen beraten. Ergäbe dann diese erneute Beratung, daß Aenderungen gemacht werden müßten, so müßten natürlieh diese Aenderungen aufs neue der Landesversammlung im nächsten Jahre vorgelegt werden. Auch Herr Moritz A. Loeb verlangte Verhandlungen mit dem Halberstädter Verbände. Es wurde dann im Sinne der Ausführungen von Dr. Klee beschlossen, für die Verhandlungen mit Halberstadt eine Kornmission, bestehend aus den Herren Kammergerichtsrat Wolf, Justizrat L i 11 e n t h a 1, Rechtsanwalt Dr. K1 e e, Dr. F r e u n d, Bruno Galewski, Moritz A. Loeb und Justizrat Makower zu wählen. Ueber den Entwurf ist somit natürlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Es wird abzuwarten sein, welche Aenderungen Halberstadt wünscht, und erst nach Beratung mit Halberstadt und über die Wünsche von Halberstadt im Landesverband wird übersehen werden können, welche definitive Form der Entwurf annimmt. Zu den von der Landesversammlung und vom Rat durchzuführenden Aufgaben gehört auch die Schaffung eines Wahl- Prüfungsgerichts. Die unerhörten Wahlproteste in der Berliner jüdischen Gemeinde, die die Gemeinde seit einem Jahr völlig lähmen und allerschwerste Schädigung bedeuten, ferner der Gesichtspunkt, daß es der Würde der jüdischen Gemeinschaft entspricht, diese Dinge selbst auszutragen und nicht die Behörde zum Oberrichter zu machen, haben bekanntlich Herrn Ministerialdirektor B a d t veranlaßt, in der Landesversammlung die Schaffung eines Wahlprüfungsgerichtes anzuregen. Diese Anregung ist von den anderen Fraktionen auf genommen worden. Der Rat hat nunmehr auf Antrag des Referenten Dr. Klee beschlossen, den Rechtsausschuß mit der Ausarbeitung eines solchen Wahlprüfungsgerichtes zu betrauen. Es würden dann später die Jüdischen Gemeinden in Preußen einen entsprechenden Paragraphen in ihr Statut aufzunehmen haben, daß Wahl- Proteste nicht mehr vor die staatliche Behörde, sondern vor dieses Wahlprüfungsgericht gebracht werden müssen. Die wichtige Frage der Bestellung von Sachverständigen für jüdische Angelegenheiten bei der preußischen Regierung wurde vertagt. Die Aenderungen des Etats, ■wie sie von der Landes Versammlung vorgenommen wurden, wurden genehmigtj so insbesondere die Herabsetzung der Position Gehäller. Dabei ist aber noch nicht im einzelnen darüber beraten worden, welche Gehälter herabgesetzt werden sollen, ebenso ist, weil der Berieht des Herrn Kareski noch abgewartet werden soll, über die Frage der Verwendung der für Jugendpflege und Sportbewegung ausgesetzten Summen noch kein definitiver Beschluß gefaßt. Eine interessante Debatte ergab der Antrag auf Einberufung einer Konferenz derlüdischen Organ!־ sationen über die Frage von Taufen, Mischehen und Austritten. Professor Türk referierte namens des Wohlfahrtsausschusses dahin, daß eine Bearbeitung des vorhandenen Materials zunächst in Aussicht genommen sei und daß man zur Beibringung weiteren Materials die Mitarbeit der beteiligten Vereinigungen wie des Frauenbundes, der Jüdischen Kinderhilfe usw. beabsichtige. Es würden dann die Beschlüsse des beim Wohlfahrtsausschuß bestehenden bevölkerungspolitischen Ausschusses abgewartet werden. Im bevölkerungspolitischen Augjchuß arbeitet bekanntlich Frau W r o n s k y mit. Herr Moritz JC 'Loeb bat um mehr Elan. Eine Konferenz als Auftakt sei dringend zu wünschen. Es wurde deshalb für die Vorbereitungsarbeiten des Wohlfahrtsausschusses ein Termin bis zum Herbst dieses Jahres bestimmt: dann soll aufs neue die Frage der Einberufung einer Konferenz geprüft werden. Justizrat Makower regte die Frage an, ob seitens des Verbandes eine Stellungnahme beim Abschluß eines Konkordats im Reich oder in Preußen sich empfehle. Er wies darauf hin, daß in Bayern nicht nur mit der katholischen, sondern auch mit der evangelischen Kirche ein Konkordat geschlossen sei. Obwohl man die Entwicklung in Preußen und im Reich natürlich nicht voraussehen könne, müsse man sich auf eine ähnliche Situation in Preußen rechtzeitig einstellen und die jüdischen Forderungen anmelden. Einem Vorschlag Badt, der die Be- Handlung dieser Frage für absolut verfrüht erklärte und von 'eder Beschlußfassung Abstand zu nehmen bat, wurde Folge eistet Im übrigen beschäftigte sich die Ratstagung mit einer Reihe organisatorischer Fragen. Für ein in Breslau ausgeschiedenes Landesversammlungs-Mitglied wurde der Lehrer Freundlieh- Breslau_einberufen. Es wurde über die Frage der Diäten während der Tagung der Landesversammlung Ratstagungen und Tagungen der Ausschüsse, die die Aufmerksamkeit von den Plenarsitzungen abzögen, stattfinden. Die Erörterung dieser Frage gab Dr. Freund Gelegenheit, auf den Mißstand hinzuweisen, daß noch vor der ersten Lesung eines Gesetzcntwurfes Fraktionsbeschlüsse über die Stellungnahme zu dem Oesetzentwurf herbeigeführt wurden. Beim Judengesetz seien die Mitglieder der liberalen Fraktion bereits aus ihrer Fraktions- Sitzung mit fest umrissenen Anschauungen und Abstimmungs- Weisungen gekommen, noch vor dem Bericht des Rates und der Diskussion. Nur so erkläre sich Jas unreife ErebnisderAbstimmunginderLandesversammung in bezug auf das JudengesetjZ. Der Anregung, daß Fraktionsberatungen erst nach der ersten Lesung stattfinden sollten, wurde zugestimmt. Die Anfrage einer rheinischen Gemeinde wegen der Beitragsleistung der Einzelgemeindcn an zentrale Wolilfahrtseinrichtungen führte zu der prinzipiellen Feststellung, daß den Gemeinden, da der Landesverband noch nicht die finanzielle Kraft habe, die zentralen Wohlfahrtseinrichtungen selbst zu unterhalten, geraten werden solle, die Unterstützungen weiter zu bewilligen, daß aber der Landesverband als Zentralinstanz in;e jem Falle bereit sei, auf Anfragen Auskunft zu erteilen, ob und wie weit ein Bedürfnis der Unterstützung im einzelnen vorlicgi Prinzipielle Erörterungen fanden auf Grund des Gesuches einer in der Provinz Sachs en gelegenen Gemeinde um Ge- Währung eines Darlehns zum Synagogen-Ncubau statt und einer Gemeinde in der Provinz Posen, bei der der Verkauf des Synagogengrundstücks erforderlich ist. Die für eine Reihe von Gemeinden sehr wichtige Frage der gesetzlichen Regelung der Doppel-Besteuerung, über die Herr Justizrat Blau referierte, wurde dem Rechtsausschuß überwiesen. Die Frage der Einschränkung der Sonntagsruhe in jüdischen Betrieben wurde nach einem Referat von Dr. Freund erörtert. Sie ist für die Jüdischen Gemeinden und Verbände von. besonderer Bedeutung. Eine befriedigende Lösung der noch schwebenden Verhandlungen wurde in Aussicht gestellt. Die Gründung des Reichsverbandes wurde nicht erneut erörtert. Es ist aber anzunehmen, daß eine der nächsten Ratstagungen sich mit dieser Frage beschäftigen wird, da demnächst in Dresden eine Konferenz der Landesverbände zusammentreten wird, um die Frage erneut zu prüfen. Die Ein- Stellung der volksparteiüchen Vertreter ist gegeben: Sie werden selbstverständlich keinerlei Regelung der Reichsverbandsfrage ihre Zustimmung geben, die nicht den neuzuschaffenden Reichsverband mit allen demokratischen Garantien ausstattet.