Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1927)
- Date
- 1927-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 JÜEDISCHE StWöSCHÄtr Säte m ^r. 37 nden hat :bund an!den Ein• O r ü n 1 ergehen 1 D r e s jsentwurf jüdischer »rden ist, der Ver■ rum hanleteiligten 1 einer rgerlchts- , 1 e w s k i Deutsch• Prof. Dr. it Salo• nen. Aus ־ erwartet. len verbände« die Eröff- :schlossen italt steht ■ren Rates setzt, von i in Berlin piung für em Beruf esverband 9, melden, 1 erfahren on Herrn!ion statt, :rden.! gemacht istitut als betrag soll höfe usw. e Beträge setzt wird , aber die 1 das vorhung der e Zwecke allen dann r Landesing käme, wogegen en irgendührt wird, rabe von ich später eine Mit• Wandereratungen :Ile sowie ands teil, rieht über Vpril 1925 erfürsorge urde. In von der 1495 Jnrung aus- 10 M. Im luf 18 076 5 Kinder; osten und M. ausm ganzen der Wanmders ein , der das ärlich beandlungen 1 Häusern Interesse Kinder an s betrifft, Scholem wirkungseiner neu zu einem neue Ge- ו erschien ׳:n Hause, trotzdem chter und iters, aber tliehkeiten 1 Kindern fröhlicher hinwegirgerliches de Nach-;ht in Geder seine, ebter, ein rtes. Aus nden ver-;an!i!ie zu tuberkulös!gen, sonim Sanainen Brief freudigste ts er aus ble ä la nit einem ht, derart, ung doch : Triumph Brief am Prag Ein Nachspiel zu den Parlamentswahlen in der Tschechoslowakei Bei den Parlamentswahlen Im Jahre 1925 ist die jüdische Partei, die von den Jüdischnationalen organisiert wurde, mit einer eigenen Liste auf getreten. Die orthodoxen Rabbiner Weber und Hirschler aus der Slowakei und ihr engster Anhang, welche von der Wahl jüdischer Abgeordneten eine Minderung ihres Einflusses und ihrer Macht befürchteten, haben sich, um dies zu verhindern, von der republikanischen Partei und von deren Exponenten in Regierungsstellen dazu verwenden lassen, um durch Aufstellen einer an und für sich aussichtslosen Liste unter dem Namen der Jüdischen Wirtschaftspartei von den jüdischen Stimmen soviel abzusplittern, als notwendig war, um aas Erreichen der Wahlzahl unmöglich zu machen. Für diese ihre Tätigkeit wurde ihnen Unterstützung durch Geld und Einfluß zugesagt. Unter dem Drucke der Wählerschaft mußte sich die Jüdische Wirtschaftspartei in Verhandlungen zwecks Einigung auf eine einzige Liste einlassen. Es kam auch insofern eine Einigung zustande, als der Spitzenkandidat der Jüdischen Wirtschaftspartei unter Zustimmung seines Anhanges sich auf dieser Liste streichen ließ und von der jüdischen Partei auf deren Liste gesetzt wurde. Dieser hat nunmehr den Betrag von 100000 KL, den er vorher zur Bestreitung der Wahlkosten der Jüdischen Wirtschaftspartei von dem Vizegouvenieur Karpathorufilands erhalten hatte, im Einverständnis mit der Partei, auf deren Liste er nunmehr kandidierte, dein Vizegouvenieur Rozsypal persönlieh zurückgestellt und sich von ihm bestätigen lassen. Die Rabbiner aber wußten die Zurücknahme ihrer Liste dennoch unmöglich zu machen, haben damit die Einigung verhindert und in weiterer Folge dadurch die Wahl jüdischer Kandidaten vereitelt. Der Empörung über dieses Vorgehen der Rabbiner, durch welches sich hunderttausend jüdische Wähler u!n ihr Wahlrecht betrogen fühlten, gab die jüdische Partei in einer Kundgebung Ausdruck, welche von Dr. Emil Margulies, Advokat in Leitmeritz, beantragt worden war und in welcher es unter anderem hieß; ״Die Einigung ist trotz des auch deutlich bckündeten Volkswillens zerschlagen worden, weil eine herrschsüchtige, nur um ihre eigene Macht und ihren eigenen Vorteil besorgte käufliche und gekaufte klerikale Gruppe, die eine parlamentarische Vertretung überhaupt nicht wollte, die sich vielmehr im Dienste und auf Befehl der Feinde des jüdischen Volkes die Zerstörung der politischen Selbständigkeit des jiidisehen Volkes zum Ziel gesetzt hat, diese Einigung zu vereiteln wußte. Die jüdische Partei steht in unerbittlicher Gegner- Schaft gegen diejenigen, welche die tiefe Religiosität der jüdisehen Massen, welche das ihnen als religiöse Führer von diesen entgegengebrachte Vertrauen und die Mittel der Religion mißbrauchen, und das Volk an seine Feinde verschachern.“ Mit diesen Vorgängen befaßte sich auch Dr. Ludwig Singer, Stadtrat in Prag, in einer Rede in der Stadt- Vertretung von Groß-Prag. Wegen des Inhaltes beider Kundgebungen haben die slowakisch'en Oberrabbiner Weber und Hirschler und ein Advokat Dr. W. die Klage vor dem Kmetengericht in Prag überreicht. Hierüber fand nun die Hauptversammlung statt. Herr Dr. Margulies war durch Herrn Dr. A n g e I o G o 1 d s t e i n, Dr. Singer durch Herrn Dr. Ernst Lebenhart vertreten. Der vom Vorsitzenden, Oberiandcsgeriditsrat K no bl och, zu Beginn der Verhandlung angeregte Vergleich wurde von den Angeklagten Dr. Margulies und Dr. Singer grundsätzlich und mit der Begründung abgelehnt, daß es sich hier um die Fest- Reinheit des politischen Lebens handelt, in welcher es kein Kompromiß gibt. Die gegen Dr. Singer erhobene Anklage mußte von den Klägern aus formellen Gründen zurückgenommen werden. Dr. Margulies erklärte, die preßgesetzliche Verantwortung für die Veröffentlichung der von ihm verfaßten Kundgebung, und auch die volle Verantwortung für den Inhalt dieser Kundgebung zu übernehmen, und bot für seine Behauptungen den Beweis der Wahrheit an, der trotz des Widerstrebens der Gegner, die diesen Wahrheitsbeweis gern vermieden sehen wollten, zugelassen wurde. In Durchführung dieses Wahrheitsbeweises wurde der Advokat Dr. Salomon aus Uzhorod als Zeuge vernommen, welcher nicht uur bestätigte, daß für die Bestreitung der Wahlkosten der Jüdischen Wirtschaftspartei von dem Vizegouvenieur 100000 Kc. gegeben worden sind, sondern auch noch unter Führung von Zeugen anzugeben wußte, daß nach der erwähnten Rückgabe des Betrages durch den früheren Spitzenkandidaten neuerlich aus derselben Quelle 150000 Kc. hergegeben und für die Zwecke der Jüdischen Wirtschaftspartei im Wahlkampfe verwendet wurde. Dr. Margulies legte eine Photographie der vorerwähnten Bestätigung über die Rückgabe der 1O0 000 Kc. dem 'Gerichte vor. Sein Verteidiger, Dr. Goldstein, erbot sich zur Vorlage des Originals dieser Bestätigung, die sich in seinem Besitze befindet und führte außerdem dazu Herrn U. als Zeugen darüber, daß dieses Geld bar ausgezahlt und daß es zuriiekgegeben wurde. Zur Durchführung dieser Beweise vertagte das Gericht die Verhandlung. m. c. Rußlandreise Warburgs and Bernhard Kahns Berlin, 5. Mai. (J.T.A.) Am 5. Mai abends ist Dr. Bernhard Kahn, der Leiter des Europa-Werkes des American Joint Distribution (iommittces zu Berlin nach Moskau abgereist, ln Moskau wird er mit dem Präsidenten des Joint; Felix M. War bürg aus New York, und dem Direktor des Agro-Joint, Dr. Joseph Rosen Zusammentreffen. Die drei Herren werden gemeinsam das gesamte Flilfs- und Aufbauwerk in Rußland inspizieren und eine auf etwa drei Wochen berechnete Reise durch die jüdischen Kolonien unternehmen. Von Rußland aus werden sich Dr. Bernhard Kahn und Felix M. War bürg nach Berlin begeben. Der XV. Kongreß ilillilllMMIllMllfflilllllM naht heran! Sanunelf den 1H!111n1n111111Ht11i111!n1n11t!!111H1111s1111!11tinn11111H11n1n1n111H1ui1:i11!!i!tH1nt11Hi SAekel und werbe! für Ihn! Mmmmmmmmmmmmmiiimiimimiimimmmiimiimmmi Konferenz der Jüdischen Gemeinden AHrnmäniens Bukarest, 6. Mai. (J. T. A.) Anfang Mai wurde hier eine Konferenz der ״Union der jüdischen Gemein den Aftrumäniens“ abgehalten, der Delegierte aus 40 Gemeinden beiwohnten. Die Verhandlung leitete der Vizepräsident der Union, Dr. St ein hart, Beisitzer waren Oberrabbiner Niemirower, Apotheker Solomon und Generalsekretär M. Schwei g. Es wurden die folgenden zwei Resolutionen gefaßt, die die Lage der jüdischen Schulen in Altrumänien kennzeichnen: 1. Die Konferenz konstatiert, daß die Existenz der jüdischeu Schulen in Altrumänien gefährdet ist dadurch, daß die Regierung die Rechte dieser Schulen, die in den Gesetzen garantiert sind, nicht anerkennt und deren jahrzehntelange fruchtbare Tätigkeit negiert. 2. Die Konferenz proklamiert die Notwendigkeit des religiösen Unterrichtes und die Respektierung der Sabbatruhe in den jüdischen Schulen gemäß den Prinzipien religiöser Freiheit, die in der Verfassung verankert sind. Die Konferenz bevollmächtigt die Repräsentanz des Gemeindeverbandes, die notwendigen Schritte zur Verwirklichung des obligaten religiösen Unterrichtes für die jüdischen Schüler in den Staatsschulen und der Beobachtung der Sabbatruhe in den jüdischen Schulen zu unternehmen. Seltsame Zensnrpraxis Die litauische Zensurbehörde hat die ״Jüdische Rundschau“ vom 29. April konfisziert; sämtliche Exemplare unseres Blattes wurden von der litauischen Post retouniert. Ehe* Begründung dieser ungewöhnlichen Maßflälithe ist nicht erfolgt. Die Nummer enthält auf Seite 4 unter der Ueberschrift ״Antisemitischer Terror in Litauen“ eine Reihe von J.T. A.- Meldungen über Vorkommnisse in Litauen, die in allen Zeitungen veröffentlicht waren. Es werden darin antisemitische Uebergriffe faszistischer Elemente geschildert. Wir können nicht annehmen, daß diese Nachrichten für die litauische Zensurbehördc einen Grund zur Konfiskation bilden können. Denn wir nehmen mit Bestimmtheit an, daß auch die litauische Regierung und die maßgebenden Kreise Litauens die in den erwähnten Notizen berichteten skandalösen Vorfälle mißbilligen. Es ist also nicht einzusehen, warum sie unter den Schutz der Zensurbehördc fallen sollen. New York, 2. Mai. (J.T.A.) Senator King (Demokrat) verlangte den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit allen Ländern, die die jüdischen Staatsangehörigen vor den Folgen der antisemitischen Agitation unzureichend schützen. Letzthin habe er auf seiner Reise durch Polen bemerkt, daß die Lage der polnischen Juden besonders gedrückt sei. Weil er Jade ist K o w n o, 4. Mai. (J. T. A.) In einem Gespräch mit Presse- Vertretern erklärte der litauische Premier Prof. Woldem a ras, der Generalsekretär der litauischen Gesandtschaft in Washington, Herr R a b i no wi tsc h, sei ״auf eigenen Wunsch“ seines Amtes enthoben worden. In litauischen jüdischeu Kreisen weiß man aber, daß Herr Rabinowitsch, weil e r J u d e i s t, gezwungen wurde, sein Amt niederzulegen. Das Organ des Ministerpräsidenten Woldemaras hat schon in den ersten Tagen nach dem Rcchtsumsturz im Namen von Woldemaras erklärt, daß Herr Rabinowitsch sein Amt verlassen müsse, ״weil er Jude ist“. Kurz darauf hat Woldemaras diese Aeußerung in Abrede gestellt und erklärt, daß Herr Rabinowitsch überhaupt nicht abberufen worden sei. Es stellt sich nun heraus, daß die erste Nachricht über die Abberufung von Rabinowitsch richtig war. Seine Stelle bekleidet jetzt der Litauer Dr. Bogd a n a s. Das Arbeitsfeld des HUIsvereias Am 4. Mai fand unter Vorsitz von Dr. James Simon eine Sitzung des Geschäfts!ährenden Ausschusses des Hills- Vereins der deutschen Juden statt. Es nahmen u. a. teil; der stellvertretende Vorsitzende des Hilfsvercins, Generalkonsul Eugen L an d au, Dr. Bernhard Kahn, und von den in der letzten Generalversammlung neu gewählten Mitgliedern die Herren: Berthoid Israel, Prof. Dr. Eugen Mittwoch und Landgerichtsdirektor Dr. J. Ster 11. In Üebereinstimmung mit bereits früher gefaßten Beschlüssen wurden Grundlinien für die Arbeit des Hilfsvereins in Rußland aufgestellt, und es wurden Anregungen für eine Beteiligung am Hilfswerk für die in Deutschland befindlichen russisch-jüdisehen Flüchtlinge gegeben. Des weiteren wurde prinzipiell beschlossen, eine Hilfstätigkeit im Orient im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel aufzunehmen. Es verlautet, daß die Absicht besieht, in die geplante neue Orientarbeit auch Palästina einzuschließen. IM« Rubrik ״Eebrier“ ln Verfolg der Anordnung der amerikanischen Einwand«• rungsbehördc, daß nach Amerika reisende Juden aus Deutsch- Iand sich im Einwandererformular bei ״Rasse oder Volk“ als ״Hebräer“ und nicht als ״Deutsche“ einzutragen haben, nahmen Dr. Alfred Wiener als Syndikus des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr.Hochstetter namens des Norddeutschen Lloyd, v. Meibom namens der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt A.-G. Gelegenheit, in der amerikanischen Botschaft vorzusprechen. Ein alter Freund d*8 Vereins, Rechtsanwalt Dr. Max J. Loewenthal, nahm als Dolmetscher an der am 3. Mat stattgefundenen Unterredung teil. Die Herren wurden von dem amerikanischen Botschafter, Dr, Shurraann, in Anwesenheit des amerikanischen Generalkonsuls empfangen und erhielten ausreichende Gelegenheit, ihre Wünsche vorzutragen. _ Der Stahihehntag Dank der umfassenden Maßnahmen der Berliner Polizei verlief der mit großem Pomp angekündigte Stahlhelmtag in Berlin verhältnismäßig ruhig und es kam, was befürchtet wurde, zu keinen antijüdischen Ausschreitungen. Allerdings konnte festgestellt werden, daß der Kurfürstendamm, der zuletzt mehrmals Schauplatz antisemitischer Roheltsakte war, am 8. Mai ziemlich veriassen dalag. Durch böse Erfahrungen gewitzigt mieden die luden möglichst den Aufenthalt in den Durchzugsstraßen der Stahlhelmer, die sich durch Absingung auch des Hakenkreuzliedes vergnügten. Die Tatsache, daß man sich freiwillig der Freizügigkeit begab, ist immerhin kennzeichnend. Von welchem Geiste der Stahlheim, der sich in Berlin bemühte, Reife zu bekunden, gegenüber den Juden erfüllt ist, belehrte ein Passus in der Rede des Vorsitzenden S c f d t e im Lustgarten. Der gute Mann forderte, allerdings in vorsichtiger Weise, ״zur Austreibung der fremden Elemente“ auf, die sich heute in Deutschland ״eingenistet“ haben. Was die jüdischen Redakteure der Hugenbergpresse, die Gesinnungsfreunde Dr. Naumanns nicht verhinderte, Bcgrüßungs- und Jubelartikel zu Ehren des Stahlhelms zu schreiben. * 11t der Nacht zum J. Mai wurden in Berlin mehrere Passanten auf dein Kurfürstendamm zwischen Uhland- und Bleibtreustraße von etwa 100 Nationalsozialisten niedergeschlagen und mißhandelt. Die Exzedenten verteilten Flugblätter antisemitischen Inhalts״ in denen davon die Rede war, daß ״die jüdische Voiksdiktatur den Nationalsozialistischen Studentenbund verboten“ hat. Natürlich wurde auch das antisemitische Lied ״Hakenkreuz am Stahlhelm“ gesungen. 21 Randalierer wurden festgenominen. In all den zahlreichen Briefen so selten, fast niemals eine Klage. Ein zärtlicher Freund, ein lustiger, wackerer Kamerad, war er immer darauf bedacht, eine überraschende Freude zu machen, jedes sich bietende Ereignis zum Anlaß nehmend, anderen eine Annehmlichkeit zu bereiten. Die drei Flundertfrancscheine, die er der verheirateten Tochter Ernestine zu ihrem Geburtstag in ejnern Kuvert schickt, werden in drei verschiedene Papiere sorgfältig eingepackt und jedes von ihm mit einer höchst drolligen Aufschrift versehen. Trennung von seiner Familie war für Scholem Aleichem schwer zu ertragen. Am liebsten mochte er alle, alle um sich haben, auch die Verheirateten. Da dies aber unmöglich war, da entweder Krankheit oder Vortragstouren oft zu einer Trennung zwangen, begleitete ihn wenigstens ein Teil der Familie auf seinen Wanderungen und zu den Stätten, wo er Heilung für seine kranken Lungen suchte. Einmal jährlich war es Regel, daß alle sich versammeln mußten. Da gab es Feste, photographische Aufnahmen. Ais die beiden verheirateten Töchter, die in Berlin wohnten, unerwartet, um wieder eine Ueberraschung zu bereiten, Scholem Aleichem in Lausanne aufsuchten, schrieb er sofort einen Brief an die zurückgebliebenen Schwiegersöhne, sie sollten doch ihrerseits plötzlich und überraschend für ihre Gattinnen in Lausanne ankommen. Der ganze lange Brief handelt nur von diesem plötzlichen, unangemeldeten Eintreffen und der Freude, dem Lachen, das es hervorrufen würde. Auf die Steigerung der Freude kommt es ihm an. ״Und für diesen Verdienst“ — schreibt er an die Schwiegersöhne — ״daß wir lachen, Vergnügen haben werden, zwei Tage zusammen verbringen werden und uns gemeinsam photographieren lassen werden, werdet ihr einmal von euern Kindern denselben Naches haben wie wir von euch“. Und zum Schluß: ״Ich weiß doch, wann der Zug ankommen muß. Freitag früh 10.20 Uhr. Ich werde euch auf dem Bahnhof erwarten und werde euch unter die Arme nehmen und nach Hause bringen, ohne eine Miene dabei zu verziehen: Hier sind sie.“ So meistert sein Leben Scholem Aleichem, der zwar außerhalb seiner ״eigenen Republik“ viel Glückliches erlebte, aber auch viel Schmerzliches. Trotz der großen Liebe und Verehrung des Volkes fehlte es dennoch nicht an materiellen Sorgen, an Taktlosigkeiten, ja unverzeihlichen Härten seitens der Zeitungsverleger, die dem größten jüdischen Dichter zumuteten und ihn aufforderten, manche seiner Werke zu verstümmeln, damit sie nur mehr dem Geschmack der Straße entsprächen. Es gab viel Leid. An der Tuberkulose mußte Scholem Aleichem, der selbst von dieser Krankheit heimgesucht wurde, auch seinen begabten Sohn leiden sehen. Vater und Sohn lagen oft in ein und demselben Sanatorium. Aber den Ausdruck dieses Leidens könnte man höchstens aus einigen Briefen an Berkowitz vernehmen, den Töchtern gegenüber zeigte er sich wie stets heiter und vergnügt. So berichtete er ihnen aus Nervi von Sonne, bester Gesundheit, an einem Tag, wo es gerade fürchterlich regnete und er mit hoher Temperatur fiebernd im Bett lag. Nur in einem Brief hören wir Scholem Aleichem über die grausamen Schläge des Schicksals aufschreicu, das ist der Brief vom Jahre 1915 aus New York, wo er (nach vielem Leid in der ersten Zeit des Krieges in Kopenhagen) mit einem Teil seiner Familie wohnte. Sein kranker Sohn Mischa, der in Kopenhagen blieb, verstarb dort, und als diese Nachricht Scholem Aleichem erreichte, brach er zusammen. ״Wie auf uns dieser Tod gewirkt hat?“ schreibt er in einem Brief an seine Tochter, die in Odessa wohnte. ״Unglaublich. Was die Mutter anbetrifft, gäbe Gott, daß sic es überlebt. Und ich, nun ja, ich trage einen toten Sarg in meiner Seele. Und ich werde diesen Sarg mit mir in die Grube nehmen.“ ״Ach!“ — beklagt er sich weiter — ״wie das böswillige Schicksal uns zerschleudert und verstreut hat über die ganze Welt! Wotiin werden meine Gebeine kommen?“ Dieser Brief enthält noch folgendes Postskriptum: ״Wenn Du willst, d. 11. wenn D11 ein Verlangen danach empfindest, kannst Du Dich Schiwe setzen — auf eine Stunde.“ Unter dem Eindruck dieses Todes schrieb Scholem Aleichem sein Testament, das man nicht ohne tiefste Erschütterung lesen kann. Er erholte sich nicht mehr von diesem Schlage. Von seinem Antlitz ist der Schalk, die lächelnde Güte verschwunden. Düster, unendlich traurig, verwelkt und gebrochen sieht er auf den letzten Bildern aus. Er lebte auch nicht lange mehr. Am 13. Mai 1916 verschied er, 57 Jahre alt. (Sein Vater und auch der Großvater sind in demselben Alter gestorben.) (Schluß folgt.) ״Paulus uuter den Juden“ im Wiener Burgtheater Anläßlich der in Deutschland erfolgten Uraufführung des Werfelschen Dramas haben wir dieses Werk ausführlich besprechen. Unser Wiener Korrespondent berichtet uns über die Aufführung des Dramas im Wiener Burgtheater: Das Wiener Burgtheater, wo das Stück am 4. Mai zum erstell Male aufgeführt wurde, wandte daran viel Mühe und Fleiß und stellte die besten verfügbaren männlichen Kräfte in den Dienst des Stückes, das nur zwei kleine Frauenrollcn hat. Direktor Herterichs Regie, aut klassische Folie angelegt, traf das Wesentliche, mußte aber in der Dctaihnalerei scheitern. Die Habima hätte es besser gemacht, und besonders die Gestalten der Rabbunim wären nicht so kläglich tind schablonenhaft ausgefallen. Sehr eindrucksvoll und sehenswert die Dekorationen Harry Täubers. Die Meisterleistling der Aufführung ist der Gmaliel Raoul Aslans, eine Rolle aus einem Gebiet, das der Künstler bisher noch nie betreten hat. Aslan gab dem greisen Rabbi die ganze Güte und Kraft, die der Dichter der Gestalt zugedacht hat. Im Augenblick, da er nach gescheitertem Kampf" mit Paulus die Psalmen klagevoll anstimmt und den geliebten Schüler aus seinem Herzen reißt, erreicht Alsan höchste tragische Kraft Den Paulus spricht feurig Paul Hartmann, mehr Schüler, als gottverzehrter Apostel. Von den übrigen Darstellern wäre nur noch H ö b 1 i n g zu erwähnen, der sich ehrlich, aber nur mit geringem Erfolg in der Rolle des Hohepriesters bemüht hat, und Herr Andersen dem der zelotische Chanan gut gelungen ist. Um Marullus’, des Prokurators, Mund zuckt das zynische Lächeln Albert Heines. Die Noten zu den Posaunen- und Baßtönen, die stellenweise erdröhnen, schrieb Franz Salmhofer. Das Publikum nahm Stück und Aufführung beifällig, ohne sich besonders zu echauffieren, auf. Das Drama Werfels wird für die hebräische Bühne, zumal in Palästina, allerdings mit kleinen dramaturgisehen Aenderungen, eine wertvolle Aufgabe sein. . _ Leopold T ha Je r.