Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1927)
- Date
- 1927-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 266 innerhalb des Weges zur Erreichung dieses Zieles; also nicht Unterschiede vom Baseler Programm, sondern vielleicht von Kongreßbeschlüssen. Solche Differenzen gehören aber vor den Kongreß. Wer innerhalb des Baseler Programms eine eigene Anschauung hat, muß logischerweise trachten, sie innerhalb des Zionismus auf dem richtigen Forum durchzusetzen. Dieses Forum aber ist der Kongreß; und der Weg zum Kongreß ist — der Schekel. Die Zionisten müssen alle Anstrengungen machen, um die Schekelsammlung möglichst erfolgreich zu gestalten. Das letzte Jahr hat einen gewissen Rückgang gezeigt. Die Gründe für den allgemeinen Rückgang sind vor allem das kongreßlose Jahr, das immer eine Schwächung der Propaganda bringt und die Vereinheitlichung des Schekels, welche zur Folge hatte, daß der Konkurrenzkampf der Fraktionen um die möglichst große Anzahl von Schekalim entfällt, was nebst seiner guten Wirkungen auch die schlechte hat, daß die absolute Zahl zurückgeht. Sehr oft aber liegt der Grund, warum die Schekelpropaganda nicht den erwarteten Erfolg hat, ganz anderswo, als Innerhalb von Ueberzeugungen und sachlichen Gründen. Er liegt einfach in der Nachlässigkeit, mit der die Zionisten ihre Pflicht nicht tun, die Ortsgruppen die Schekel nicht verkaufen, die verkauften nicht rechtzeitig abführen usw. Ich will die Nachlässigkeit nicht vollkommen verdammen; ich weiß, daß in mancher Hinsicht das Leben durch sie erst erträglich wird. Sie ist eine natürliche Selbsthilfe des Lebens gegenüber Bürokratismus und Pedanterie. Sie ist die Rache des irrationalen gegenüber übertriebenem Rationalismus; und der einfachste Weg für das Individuum, sich innerhalb eines allzu einengenden Panzers von Vorschriften, Regeln und Tagespflichten seine Ruhe zu schaffen. Kurz, der alte Satz, den man, wenn ich nicht Irre, auf das verstorbene Oesterreich atfwandte, es herrsche dort der ״Absolutismus, gemildert durch die Schlamperei“, hat sogar eine gewisse metaphysische Bedeutung. Aber — diese Anschauung ist nur dann gestattet und hat nur dann eine gewisse moralische Berechtigung, wenn man die Kraft und den Willen hat, die Schlamperei im Zaum zu halten, wenn man sich immer wieder aufzuraffen versteht, wenn man immer wieder mal mit Konsequenz und Kraft durchzugreifen vermag; wenn ma!1 also — sozusagen — die Schlamperei rationalisiert. Sonst führt sie unausweislich ins Chaos oder zur Hölle. Es hieße, sich selbst etwas vorlügen, wollte man es nicht sehen, wieviel Nachlässigkeit es auch innerhalb der zionlstisehen Pflichten gibt; und daß es auch da, bei allem Verständnis für die Metaphysik der Nachlässigkeit notwendig ist, sich immer wieder aufzuraffen, Ordnung zu machen, aufzuräumen, die Reste aufzuarbeiten und zu leisten, was uhäere Aufgabe von uns verlangt, bis ins Kleine, ja bis ins Kleinhche. Der Ruf zur Schekelsammlung ist ein Ruf, sich wieder einmal aufzuraffen; ist ein Aufruf zur Energie. Die Zeit drängt Großes hängt vom Gelingen des Kongresses ab; Großes, das diesmal eine richtige Willensbildung zustande kommt; Voraussetzung dazu ist — der Mtft **Mt! «ff»*; fji<vZff11|~,;דחי ■*!vn" *,•.■•■.'.־.ן Die Palästina ■ Aktion der amerikanischen Arbeiter . New York, 5. Mai. (J.T.A.) Die Kampagne der jüdisehen Arbeiterschaft Amerikas zugunsten der organisierten jüdisehen Arbeiter in Palästina schreitet erfolgreich vorwärts, ln diesen Tagen wurden als erstes Ergebnis der diesjährigen Kampagne 25 000 Dollar an die Histadruth nach Palästina geschickt. Gezeichnet wurden bis jetzt für die Kampagne in 65 Städten 1330«) Dollar. Die Palästina-Delegation der Hadassah, bestehend aus Miß Szold, Miß Jacobs und Mr. Lind he im, der es gelungen ist, sowohl mit der zionistischen Palästina-Exekutive als auch mit der Kupath Cholim zu einer neuen Vereinbarung zu gelangen, ist, wie der ״Haare z“ berichtet, in der letzten Aprilwoche wieder nach Amerika zurückgereist. Am 28. März wurde in Johannesburg mit großer Feierlichkeit eine Ausstellung von Palästinaprodukten durch den Oberrabbiner von Südafrika, Dr. Landau, eröffnet. Man glaubt, daß palästinensische Erzeugnisse sich in Südafrika einen gewissen Markt erwerben können. (Ziko.) Die Briefe Schoiem - Aleichems * Von Sch. Gorelik. I. Ein bedeutendes Ereignis ist in der jüdischen Literatur zu verzeichnen. In einer selten schönen Ausgabe, mit zahlreichen Photographien und Bildern versehen, sind Briefe Schoiem Aleichems*) an seine Familie, an Verwandte, an Schriftsteller und :Freunde erschienen. Das Buch enthält außerdem überaus inhaltsreiche Einleitungen, Erinnerungen des Schwiegersohns Schöiems Aleichems, des bekannten Schriftstellers Berkosvitz, die uris die Persönlichkeit des großen Dichters von einer der Öffentlichkeit bisher wenig bekannten Seite beleuchten. Eine Fülle sonstigen bio -und bibliographischen Materials, verschiedene Fragmente aus dem literarischen Nachlaß Schoiem Aleichems, Erinnerungen seiner Kinder und seiner Freunde über ihn 'sind diesem seltenen Oedcnkbuche noch beigegeben vvöfden. Das nicht allzu lange, aber an innerem Reichtum so' bedeutende Leben Schoiem Aleichems (1859—1916) wird in dem Bliche von liebevollen Augen und treuem Herzen verfolgt, betrachtet u!1d in meisterhafter Form dargeiegt. Wir sehen Schoiem Aleichem als jungen Maskil, als staatlichen Rabbiner, der •sich um Fortschritt in den Spalten der hebräischen Zeitungen ״Hamelitz“ und ״Hazefira“ bemüht, seiner eigentlichen Berufung als Humorist, als Volkströster noch *inbewußt. Dann tritt er vor uns als erfolgreicher Kaufmann in Kiew, bekannt unter dem Namen Salomon Rabinowitsch, der viel Glück an der Börse hat. Nur die engeren literarischen Gruppen der neunziger Jahre wissen davon, daß der humorvolle Erzähler Schoiem Aleichem — der schon angefangen hat, viele jüdische Seelen zu erwärmen — und der Kaufmann Salomon Rabinowitsch identisch sind. Bald aber folgen Jahre des Mißgeschicks, Jahre, während weicher er sein großes Vermögen verlor. Den größten Teil verschlang die Börse, was übrig blieb, verzehrte *) ״Das Scholem-AIeichem-Buch“, herausgegeben von dem Scholem-Aleichera-Buch-Comitee, New York. JUEDISCHE RUNDSCHAU Der neue Kurs In der indischen Gemeinde Abrechnung und Ausblick. Unter dieser Parole berief die Jüdische Volkspartei für den 5. Mai zwei Massenversammlungen jüdischer Oemelndewähler ein. Eine Versammlung fand Im Westen (Tiergartenhof), die andere in der Stadthalle, Klosterstraße, statt. In der Versamm• lung im Berliner Westen, der Dr. Hildesheimer präsidierte, sprach als erster Redner Prof. Heinrich Löwe, der einen .historischen Ueberblick über die Entwicklung des deutschen Liberalismus und des deutschen Reformjudentums gab. Inner* halb des liberalen Rabbinertums in Deutschland, sagte er. hat sich eine Schwenkung vollzogen, indem die kürzlich in Berlin abgehaltene liberale Rabbinertagung sich, wie aus den Reden besonders der jüngeren Rabbiner deutlich hervorging, dem Zioniamus und seinen Bestrebungen sympathisch gegenüberstellte, während vor 20 und 30 Jahren (die Aktion der Protestrabbiner ist ja bekannt) die Verhältnisse ganz anders lagen. Der zweite Redner, Dr. Klee, ging auf die aktuellen Fragen des Berliner Judentums näher ein. Er wies die Angriffe der Nationaldeutsehen und Liberalen gegen das Pro-Pafästina-Komltee und das werdende Palästina scharf zurück und skizzierte die Aufgaben, die die neue Majorität in der Berliner Gemeindeverwaltung zu erfüllen haben wird. Rechtsanwalt Kollenscher beschäftigte sich eingehend mit der letzten Tagung des Preußischen Landesverbandes. In der Versammlung in der Stadthalle sprach Moses Waldmann, der die Politik der Jüdischen Gemeinde hineingestellt wissen wollte in die Gesamtpolitik der Judenheit in der ganzen Welt. Wir Volksparteiler, schloß er, werden, wenn wir die Politik der Gemeinde bestimmend beeinflussen werden, den anderen gegenüber wahrhaft liberal sein. Dr. Sandler behandelte ausführlich den von der letzten Landes- Versammlung angenommenen Entwurf eines Judengesetzes und setzte die Gründe auseinander, warum die Fraktion der Volkspartei gegen den Entwurf hatte stimmen müssen. Er sprach von einer undemokratischen und teilweise reaktionären Fassung dieses Gesetzes. Im zweiten Teil seiner Rede ging Dr. Sandler aut Kulturaufgaben der kommenden Gemeindeverwaltung ein. Als letzter Redner sprach Dr. Klee, der sich schart gegen die neuen Wahlproteste wendete, durch welche eine fruchtbare Arbeit immer weiter hinausgezögert werde. Er sei überzeugt, die Berliner Wählerschaft würde bei Neuwahlen denen, die positive Arbeit auf die Dauer unmöglich machen, eine deutliche Antwort erteilen. Er hoffe, daß der Polizeipräsident trotz des neuen Einspruchs der nationaldeutschen Juden die Reprisentantenwahien genehmigen werde. Er schloß mit einem Appell an Massen und Führer, mit doppelter Energie an die Arbeit zu gehen. Dr. Klee brachte dann die folgende Resolution ein, die von der Versammlung einstimmig angenommen wurde: ״Die jüdische Massenversammlung in der Berliner Stadthalle am 5. Mai fordert energisch, daß die am 16. Mai 1926 gewählte Repräsentantenversammlung endlich ihre Arbeiten aufnehme. Die dauernden Proteste sind geeignet, unsere jüdische Gemeinde zu zerstören. Die Versammlung erwartet, dab auch die neuen Proteste zurückgewiesen werden, damit die Ar* beit beginnen kann.“ Noch Immer die Repräsentantenwahlen Die erfolgte Feststellung des Wahlergebnisses in der Ber* liner Gemeinde, wonach 10 liberale Repräsentanten, 7 Volksparteiler, 2 Mittelparteiler, 1 Konservativer und 1 Poale-Zionist als gewählt erscheinen, die also gegenüber der traten Fest* Stellung Insofern eine Äendempg enthält, als an Stelte eines Volksparteilers ein der Volkspartei sich anschließender Hoepitant aus den Reihen der Poale-Ziönisten gewählt Ist, hat neuerdings einen Protest aus Kreisen des Verbandes nationaldeutscher Juden hervorgerufen. In dem beim Polizeipräsidium, also der Aufsichtsbehörde der Berliner jüdischen Gemeinde, eingegangenen von Dr. B1 o c h e r t Unterzeichneten Protest wird u. a. ausgeführt: ״Die Geschäfte der jüdischen Gemeinde zu Berlin können Seit einem Jahre nicht mehr ordnungsmäßig geführt werden, da eine ordnungsmäßig gewählte Repräsen* tanteuversammlung nicht vorhanden ist. Werden noch weitere fruchtlose Versuche unternommen, die Wahl nachträglich einzurenken, so kann das Ergebnis nur sein, daß der Zustand der Ungewißheit darüber, wer eigentlich die Gemeindegeschäfte zu führen hat, bis auf weiteres fortdauert.“ Wie wir erfahren, ist cs nicht wahrscheinlich, daß diesem Protest Folge gegeben wird. Da aber die Jüdische Gemeinde zu diesem erneuten Protest Stellung zu nehmen hat, kamt die Genehmigung der Wahlen erneut verzögert werden. Die Nationaldeutschen kündigten überdies an, daß sie im Falle der Abweisung ihres Einspruches durch den Polizeipräsidenten bei der nächsthöheren Instanz Be* rufung einlegen werden. Dieser angekündigte Einspruch wird jedoch keine aufschiebende Bedeutung für die Einberufung der gewählten Repräsentantenversammlung haben. Nr. 37 Der Retduverband Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat zusammen mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund an sämtliche deutschen Landesverbände jüdischer Gemeinden Einladungen zu einer Besprechung über die Grün• düng eines jüdischen Reichsverbandes ergehen lassen, die am Sonntag, den 22. Mai d. J. ln Dres• den stattfinden wird. Nachdem der erste Verfassungsentwurf in der Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden vom 21. November 1926 abgdehnt worden ist, wird essich in der bevorstehenden Zusammenkunft der Ver• treter sämtlicher Landesverbände in erster Linie darum handein, einen Weg zu finden, der den Wünschen aller Beteiligten Rechnung trägt und die baldige Schaffung einer Reichsorganisation ermöglicht. Vom Preußischen Landesverband werden Kammergerichts• rat W o 11 f, Rechtsanwalt Dr. Klee, Bankier G a 1 e w s k! und Justizrat Lilienthal anwesend sein. Vom Deutsch• Israelitischen Gemeindebund werden voraussichtlich Prof. Dr. M. Sobernheim, Dr. 1smar Freund, Justizrat Sa 10• mon und Rechtsanwalt Dr. Kollenscher erscheinen. Aus München wird Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer erwartet. Vom Landesverband ffldischer Gemeinden Aut Anregung des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist nunmehr in Berlin endgültig die Eröffnung der Schächterschule zum 15. Mai du J. Beschlossen worden. An der Spitze der Verwaltung dieser Anstalt steht ein Kuratorium, das sieh aus drei Mitgliedern des engeren Rates des Landesverbandes und vier Rabbinern zusammensetzt, von denen je einer in Breslau und Frankfurt a. M. und zwei in Berlin amtieren. Diejenigen jungen Leute, die Neigung und Eignung für das Fach eines Schächters besitzen, und sich diesem Beruf widmen wollen, mögen sich beim Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Berlin N 24, Oranienburger Str. 29, melden, wo auch die einschlägigen Aufnahmebedingungen zu erfahren sind. fn der vorigen Woche fand unter dem Vorsitz von Herrn Galewski eine Sitzung der Subventions-Kommission statt. Zu 29 Angelegenheiten mußte Stellung genommen werden. Aus der Mitte der Kommission ist der Vorschlag gemacht worden, einen größeren Betrag von irgendeinem Institut als langfristigesDarlehen aufzunehmen. Dieser Betrag soll dann solchen Gemeinden, die ihre Synagogen, Friedhöfe usw. in Ordnung bringen lassen wollen und dazu größere Beträge benötigen, zur Verfügung gestellt werden. Vorausgesetzt wird dabei, daß die Gemeinden selbst Vermögen besitzen, aber die notwendigen Arbeiten weder aus eigenen Mitteln, weil das vorhandene Vermögen festgelegt ist, noch durch Erhöhung der Steuern aufbringen können. Diese für gemeinnützige Zwecke zu beschaffenden und weiter zu verleihenden Gelder sollen dann innerhalb zwanzig Jahren zurückgezahlt werden. Der Landesverband würde, wenn der Vorschlag zur Verwirklichung käme, die Garantie dem Geldgeber gegenüber übernehmen, wogegen die Schuldner ihrerseits dem Landesverband Sicherheiten irgendwelcher Art stellen müßten. Sobald der Plan durchgeführt wird, werden diejenigen Gemeinden, welche um Hergabe von größeren Darlehen bereits eingekommen sind oder sich später dazu gemeldet haben, benachrichtigt werden. Ne Jüdische Wanderlflrsorp Für den 8. und 9. Mai wurde nach Berlin eine Mit• gliederversamtnlung der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge in Deutschland einberufen. An den Beratungen nahmen Vertreter des Berliner Büros der Hauptstelle sowie Delegierte der meisten Provinzialklassen Deutschlands teil. Aus dem der Mitgliederversammlung vorgelegten Bericht über die Tätigkeit der Hauptstelle in der Zeit vom 1. April 1925 bis 31. Dezember 1926 geht hervor, daß die Wanderfürsorge in dieser Periode umfassend reorganisiert wurde. In der Zeit vom Juli bis Dezember 1925 wurden von der Wanderfürsorge 6933 Personen (5438 Ausländer, 1495 Jnländer) erfaßt. Die für Reisekosten und Unterstützung ausgegebenen Beträge erreichten die Summe von 40 000 M. Im Jahre 1926 erstreckte sich die Fürsorgetätigkeit auf 18 076 Personen (davon 15 880 Männer, 1338 Frauen, 858 Kinder; 14 171 waren Ausländer, 3905 Inländer). Für Reisekosten und Unterstützungen wurden im Jahre 1926 112 000 M. ausgegeben. Neben der Hauptstelle Berlin bewältigen im ganzen Reiche 18 Provinziai-Lanakassen die Abfertigung der Wanderer. Aus der Vormittagssitzung am 8. Mai ist besonders ein Referat des Herrn Alfred Berger hervorzuheben, der das Problem der Produktivierung der Wanderer ausführlich beleuchtete. Ueber das Referat und die weiteren Verhandlungen werden wir noch berichten. die literarische Zeitschrift ״Die jüdische Volksbibliothek“, deren Herausgeber Schoiem Aleichem war. Erst im Jahre 1904 bekommt das Volk, das ihn bereits lieben lernte, seinen Dichter von Angesicht zu sehen. Er erntete unbeschreiblichen Jubel in großen und kleinen jüdischen Zentren Polens, Litauens und der Ukraine, als meisterhafter Vorleser seiner eigenen Werke. In diesem Jahre vollzieht sich sozusagen sein offizielles Eintreten in die Zunft der Schriftsteller, die nur von ihrer Feder leben müssen, und von diesem Jahre bis zu seinem Tode ist Schalem Aleichem derjenige, der die Aufmerksamkeit, die Teilnähme, die Liebe des Volkes am meisten auf sich jjjeht. | Jedoch der intime Scholen! Aleichem ist vor allem, aus seinen Briefen zu erkennen, die in diesem Buch zum erstenmal i veröffentlicht sind. Diese Briefe sind würdig, seinen besten I Werken angereiht zu werden. Sie gewähren uns einen Ein- I blick in seine reiche Seele, die imstande war, alle zu beschenken. Wir sind hier an jener Quelle angelangt, aus der sich der goldene Humor, die beispiellose Güte und Zärtlichkeit in breiten Strömen ergießen. Zugleich liefern uns diese Doku- | mente das Beispiel eines harmonischen Menschen, der ein wahrer Künstler seines eigenen Lebens war, der nicht nur durch seine Werke, sondern auch im persönlichen Verkehr mit Menschen nur Freude bereitete. II. Am fesselndsten Ist jener Teil des Buches, der den Titel ״ln seiner eigenen Republik“ trägt und der die Briefe an seine Familie enthält. Wer einmal das Vergnügen hatte, im Hause Schoiem Aleichems zu sein, ihn im Kreise der Seinigen zu sehen, der war entzückt durch die Wahrnehmung der liebevollen Eintracht, des Glückes, der Harmonie, die unter den zahlreichen Mitgliedern der Familie herrschten. Dieses Haus vereinte in sich die besten Eigenschaften alter jüdischer Patriarchenart mit der Freiheit künstlerischer Bohemie. Es war eine wirklich freie, aber geordnete Republik. Gleich Tewje, dem Milchmann, konnte auch Schoiem Aleichem sich des Wohlgefallens, das jeder an seiner Familie gefunden, rühmen. Den Kindern wurde niemals Interesse an der jüdischen Literatur * gepredigt. Sie erhielten die in intelligenten jüdischen Häusern übliche allgemeine russische Erz.iehung, aber dieses Interesse kam wie von selbst, und selten findet man, daß Kinder an allem, was das künstlerische Schaffen ihres Vaters betrifft, derart teilnehmen. Berkowitz, der Schwiegersohn Schoiem Aleichems, schildert uns in der ausführlichen und wirkungsvollen Einleitung zu diesen Briefen, wie das Vorlesen einer neu geschriebenen Novelle in seiner Familie sich immer zu einem intimen Fest gestaltete. Und wenn es gerade eine neue Geschichte von dem unvergleichlichen Tewje war, dann erschien Schoiem Aleichem in seinen besten Kleidern, ln di״sem Hause, das oft schwere materielle Not kannte, herrschte trotzdem immer eine frohe, optimistische Stimmung. Die Töchter und Söhne wetteiferten miteinander in Verehrung des Vaters, aber keiner von ihnen konnte in Aufmerksamkeiten, in Zärtlichkeiten so erfinderisch sein, wie dieser Vater selbst seinen Kindern gegenüber. Es war ein Künstlerhaus, und eine Art fröhlicher Sorglosigkeit ermöglichte es, über manches Leid hinwegzugehen. Es war aber gleichzeitig auch ein warm bürgerliches Haqs, nur kannte man hier nicht das bedrückende Nachgrübeln über den Tachles. In den Zimmern ging nicht in Gedanken versunken ein kummervoller Vater herum, der seine, vier Töchter heranwachsen sah, sondern ein Verliebter, ein Gentleman, ein Kavalier im wahrsten Sinne des Wortes. Aus den Briefen sehen wir, wie unerschöpflich im Erfinden verschiedener Späße Schoiem Aleichem war, um seine Familie zu erfreuen. Aus Nervi und Leysen, wo er als schwer tuberkulös Kranker darniederliegt, gehen den Seinen nicht Klagen, sondern die lustigsten Epistel zu. Die Sonntagsspeise im Sanatorium, in dem er Heilung sucht, gibt ihm Anlaß, einen Brief zu schreiben, der das stürmischste Lachen und die freudigste Stimmung hervorruft. Gar nicht auszudrücken, was er aus dieser Speisekarte macht, wie er Consome double ä la Margudrite oder Poularde souflde ä la Belvedfcre mit einem Kommentar versieht, in Tewjes Jüdisch verdolmetscht, derart, daß aus dem geäußerten Lob und der Bewunderung doch eine Geringschätzung herauszulesen ist, und der letzte Triumph schließlich der jüdischen Küche gehört