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Jüdische Rundschau · 1927-05-03 · Heft 35 (3.5.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 35 (3.5.1927)
Date
1927-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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4■ TUEWSlfflE SUNÖ5CHÄIT ־Säte'251 15 sich eben den rgeü dichgewirtseine nden [wiemuß, dichrfahmen* isere Exwenn wir Wir sich Wir : geandlaben n die mttit, : der ialuth ebrlunkte 1tar , so \ e neutwohl* ngenl zur eilen. die am Zn• von der der Sne! rdie Und irta. vom mtiich jerung eriode g beenden;etjahr immer;efjahr ohen e jemeth schon, melio- Flußin der ־beiten e f e s, Nach ierung ch die : Sied- 151)00 n a nkon- .veilem iko.JI a hat h u n g?kutive chduth sammsoeben idende Herr Nr. 35 ,JericWcrstattmifl״ Juden ohne Unterschied ihrer innerjüdischen Partclstellung sind in der Verurteilung nichtjüdischer Kritiker des Judentums dahin einig, daß sie auf die Oberflächlichkeit hinweisen, mit der jüdische Art und jüdisches Wesen von derartigen ״Sachverständigen“ gekennzeichnet und generalisiert werden. Durch die traurigen Erfahrungen gewitzigt, müßten Juden in der Beurteilung von Sachverhalten innerhalb des jüdischen Lagers doppelt vorsichtig sein und nur auf Grund allergrößter Gewissenhaftigkeit irgendeine Meinung abgeben. Ehrlichster Wille zur Wahrheit und peinlichste Sachlichkeit sollten Leitgrundsätze bei der Berichterstattung, insbesondere über die Verhältnisse in jenen Gebieten sein, wo etwa Neues im Werden ist. Leider halten sich einzelne Berichterstatter, die in der letztep Zeit Palästina besucht haben und mm ein Urteil über das Aufbauwerk 1m Lande abgeben, an diese Grundsätze nicht Es ist zumeist so, daß diese mit Vorurteilen in das Land kommenden Besucher mit den Ohren sehen, und somit nicht Bericht-, sondern Ocrüchterstatter sind. Aber auch das Sehen mit den Ohren wird äußerst leichtfertig vorgenommen. Man kommt ins Land, bleibt dort einige Tage, schafft sich ein Alibi, daß man im Lande gewesen ist, und fällt dann nach der Rückkehr in die Heimat vor ahnungslosen und naiven Zuhörern Werturteile, die ehrliche Beobachter selbst auf Grund vielmonatiger Beobachtungen nicht abzugeben wagen. In der letzten Zeit erlebten wir in Deutschland die ״Berichterstattung“ des Herrn Dr. Bruno Weil von der Jüdisch-liberalen Vereinigung und des Herrn Staatsrats Cohn aus Dessau. Die Berichte beider Herren waren in der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ in extenso veröffentlicht, und wie wir hören, gedenken beide ״Berichterstatter“ auch außerhalb Berlins ihre Vorträge zu wiederholen. JVie es um die Sachkenntnis des Herrn Dr. Bruno Weil bestellt ist, belehrt nachstehender Brief von Hermann Struck an Kurt Blumenf eld: Jerusalem, 4. April 1027. Lieber Herr Blumenfeid! Ihre Anfrage erreichte mich hier. Herr Dr. Bruno Weil besuchte mich kürzlich mit seiner Gattin in Haifa. Leider stellte sich im Laufe der Unterhaltung heraus, daß er von den für das neue Palästina wichtigen Dingen fast nichts gesehen hatte. Er hat keine der Siedlungen des Emek, weder Daganiah noch Ain Charod oder Beth Alfa besucht. Nur in Migdai war er, wo er zwei deutsche Chaluzim traf, die ״wenn sic das Geld besäßen, gern nach Deutschland zurückkehrten“. Nichtsdestoweniger war er überzeugt, daß die zionistische Arbeit bedeutungslos sei und keinen Beitrag zur Lösung der Judenfrage darstellc! Er wollte — kaum angekommen —■ Haifa wieder vorlassen, ohne eine unserer großen Fabriken, ohne das Technikum, ohne die Realschule gesehen zu haben. Auf meinen Vorschlag blieb er noch einen halben Tag, und ich zeigte ihm die beiden letzterwähnten Institutionen. Ich war ganz starr über diesen Mangel an Willen, sich informieren und etwas zeigen zu lassen. Gerade ein so intelligenter Gegner unserer Idee hätte doch eigentlich die Pflicht, wenigstens die Hauptsachen zu sehen, um sich ein wenig ein eigenes Urteil zu bilden. Daß wir erst eine Million Dunam besitzen und Jährlich zurzeit nur etwa 20000 Menschen immigrieren, konnte er am grünen Strom der Spree auch erfahren. Schade, schade, daß die für uns so wertvollen Gegner uns nicht schärfer *unter die Lupe nehmen. Besten Gruß Ihr ergebener gez, Hermann Struck. Was für Dr. Bruno Weil gilt, trifft in erhöhtem Maße auf Staatsrat Cohn zu. Bermerkenswert ist die Haltung der C. V.- Zeitung, die die wenigen positiven Bemerkungen beider Redner veröffentlicht und auf diese Weise wohl zu erkennen geben will, daß sie die Verantwortung für die subjektiv gehaltenen Berichte ausschließlich den Verfassern zur Last legt. Die Ver- Sammlung, in der die Herren Weil und Cohn sprachen, wurde von Justizrat Brodnitz geleitet, der in seinem Schlußwort nachdrücklich darauf hinwies, daß das Palästinawerk fiir alle Juden von Interesse sei. Me Einnahmen des Keren Hajessod in den letzten 6 Monaten Mit dem Eingang von £ 70 177 im Monat März erreichten die Eingänge für die erste Hälfte des Budgetjahres 5687 (1. Oktober 1926 bis 31. März. 1927) die vom Keren Hajessod noch nie erreichte Höhe von £ 348 075. Die Eingänge der letzten sechs Monate bedeuten nicht nur eine Steigerung von ungefähr 70 0,0 gegen die Eingänge in der gleichen Zeit des Vorjahres, sondern auch gegenüber den Einnahmen der gleichen Periode in den vorangegangenen sechs Jahren seit Gründung des Keren Hajessod. Es betrugen die Einnahmen des Keren Hajessod in der Zeit vom 1. Oktober bis 31. März in den Jahren 5682—5687: 5682 £ 199514 5683 C 195284 5684 £ 200 404 5683 £ 251929 5686 £ 219993 5687 £ 348975 (Ziko.) Zahlt den Schekel werbet für ihn! Der erste Schekelausweis erscheint in der n&chaten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ Lord Plomer in den Arbeitersiedlungen Wir haben bereits von der Reise Lord Plumcrs durch das nördliche Palästina, wo er vor allem den Arbeitersiedlungen Besuche abstattete, berichtet und haben auch die telegraphische Meldung wiedergegeben, daß Lord Plgmer seiner Hoch- Schätzung besonders für die kulturelle Arbeitslcistung des jüdischen Arbeiters in Palästina Ausdruck verliehen und sich als entschiedener Gegner jeden Versuches der Verleumdung der jüdischen Arbeiterschaft erklärt hat. Einem ausführlichen Bericht über diese Besichtigungsreise des High Commissioner entnehmen wir: Die mehrtägige Tour I.ord Plumers war hauptsächlich dem Besuch der jüdischen Arbeitersiedlungen und Institutionen gewidmet. 111 Haifa besuchte der High Commissioner das neue Arbeiterzentrum in H a d a r Hakarmel und das jetzt im Bau befindliche Amphitheater. Als er erfuhr, daß das Amphitheater durch freiwillige Arbeit beschäftigungsloser Arbeiter in Haifa errichtet werde, die Unterstützungsgelder von der Zionistischen Exekutive erhalten, erklärte Lord Plumer, daß eine solche Verwendung von Hilfsgeldern für produktive Zwecke ein Beispiel gäbe, das überall nachgeahmt werden sollte. Nach einem Besuch im Arbeits Büro in Haifa hielt Lord Plumer eine Ansprache an die Arbeiter, wobei er seinem Bedauern Ausdruck gab, daß er nicht in ihrer Sprache reden könne. Er habe nie an die gegen die palästinetisisehen Arbeiter erhobenen Verleumdungen geglaubt. Er fand sodann warme Worte des Lobes für den J i s c 11 u w im allgemeinen und erklärte, niemals und nirgends einen solchen Eindruck von Ordnung und Disziplin gewonnen zu haben, wie in den jüdischen Siedlungen, trotz der gegenwärtigen kritischen ökonomischen Situation. Von Haifa ging der High Commissioner nach Nahalal, wo er die landwirtschaftliche Mädchenschule besuchte. Sein nächster Besuch galt der kooperativen landwirtschaftlichen Siedlung von Ein Charod, wo er von Vertretern der verschiedenen Siedlungen im Emek empfangen wurde. Nach Darlegung der Geschichte von Ein Charod brachten die Siedler auf Wunsch Lord Plumers ihre Beschwerden vor, so über den Zehent, über den Mangel an Verbindungswegen mit den Hauptstraßen und die fehlende Unterstützung ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit durch die Regierung. Lord Plumer erwiderte, sein gegenwärtiger Bestich im Emek sei der Beweis für sein Verlangen, mit dem hier Geleisteten bekannt zu werden und sich an Ort und Stelle zu informieren, inwieweit die Regierung helfen könne. Plumer besuchte sodann A f u 1 e h und die Arbeiter- Siedlungen von Kineret 11 und Daganiah. 111 Kinereth wurde er von Vertretern der Farmervereinigung von Untergaliläa und der Pica begrüßt Auch hier wurde betont, daß das Fehlen von guten Straßen die Entwicklung der Siedlungen behindere. Der High Commissioner erklärte, die Regierung verstehe die schwierige Situation der Farmer, und betonte, daß die Regierung sich für die A f u I e h — M e s c 11 a — J a w n c c 1 — Ki ner eth-S tra ß c von zwei Gesichtspunkten aus interessiere, vom Standpunkt der Entwicklung der landwirtschaftlichen Siedlungen und der Arbeitsbeschaffung für die Arbeitslosen. Jerusalems Beispiel imd die Wahlen in Jaffa ״H a j i s c h u w“ nimmt in einem Leitartikel Stellung zu den Wahlvorbereitungen, die zurzeit für die bevorstehenden Stadtratswahlen in Jaffa getroffen werden. Die Jerusalemer Juden hätten einen erfreulichen Beweis ihrer politischen Reife gegeben, indem sie unter Zurückstellung aller Gegensätze sich auf eine jüdische Einheitsliste geeinigt und die Liste Naschaschibi unterstützt hätten. Es scheine, daß auch in Haifa die Entwicklung sich in ähnlicher Richtung bewegen werde. Dagegen sei es sehr bedauerlich, daß in Jaffa vorläufig noch keine Rede von einem geordneten jüdischen Vorgehen sein könne. Den Maßnahmen der Arbeiterschaft in Tel-Awiw sei es zu verdanken, daß heute /,wischen Jaffa und Tcl-Awiw ein unübersteigbarer Berg sich auftiirme. Aber es sei trotzdem nicht zu verstehen, daß nicht wenigstens die Juden, die auch jetzt noch in Jaffa Wahlrecht hätten (jüdische Einwohner Jaffas und solche Einwohner Tcl-Awiws, die in Jaffa Grundstücke oder Geschäfte besitzen), etwas zur Verteidigung ihrer Rechte unternehmen. Auch in Jaffa könnten die Juden beim Kampf der arabischen Parteien das Zünglein an der Wage bilden. Wenn aber etwa geheime Verhandlungen geführt würden, so müßten jedenfalls zwei Vorbedingungen existieren, um eine Einigung aller Juden zu erreichen; die drei jüdischen Kandidaten müßten Männer von Format sein, von deren Eintritt in den Jaffaer Stadtrat mar» sich etwas für die jüdische Sache versprechen könne und es dürften nur dann Abmachungen mit einer arabischen Gruppe getroffen werden, wenn Gewähr für volle Erfüllung der berechtigten jüdischen Forderungen geboten würde. * Die arabische Presse nimmt je nach ihrer Parteirichtung zu dem Ergebnis der Wahlen in Jerusalem Stellung. So schreibt der ״Sut e 1 A s h a b“, der schon vor dem Abschluß der Wahlen gegen die Wahltaktik der Naschaschibi heftige Artikel geschrieben hafte:! Wir beglückwünschen die Kandidaten der arabischen Exekutive, die sich nur auf ihre eigenen Volksgenossen verließen. Die Juden wären verpflichtet gewesen, sich nicht an dem Wahlkampf zwischen den arabischen Kandidaten zu beteiligen, nachdem ihre Kandidaten gewählt waren. Aber sie haben vorgezogen, das Gegenteil zu tun, und den Arabern dadurch eine Lehre gegeben, die diese künftig zu entsprechenden Konsetjuenzen veranlassen werde. E)ie Araber werden denjenigen, die sich einer neutralen Haltung befleißigt haben, dies nicht vergessen. Von den Zionisten konnte man nichts anderes erwarten. Aus klaren politischen Absichten heraus haben sie die Kandidaten unterstützt, die die arabische Exekutive vernichten wollen. ״Djema e! Arabia“, das Organ der Hussein!, schreibt zu Hem Wahlergebnis, daß Naschaschibi seine Wahl einzig und allein den Juden zu verdanken habe. Es sei auch bekannt, welchen Preis er dafür bezahlt habe. Das Blatt veröffentlicht sodann die Einzelheiten des angeblichen Vertrages, der zwischen Naschaschibi und den Zionisten in den Büros der Zionistischen Exekutive geschlossen worden sei, und den Jucien eine ganze Reihe von Rechten und Ansprüchen in der künftigen Stadtverwaltung sichere. Der ״C arme 1“ veröffentlicht die Wahlergebnisse für Jerusalem und Nablus und fügt hinzu, die Wahlen haben den Sieg der Opposition der arabischen Exekutive erbracht. Der Wahlausgang sei eine gute Lehre für den Vorsitzenden der arabischen Exekutive und seine Gefährten. Diese mögen die Lehre daraus ziehen, daß die palästinensischen Araber sich nicht gegen ihren Willen von einer kleinen Gruppe Männer führen lassen. Diese Männer haben auf Trümmern der Vergangenheit gebaut, ohne die Interessen des Volkes tätig wahrzunehmen. So haben sie sein Vertrauen verloren, und das Volk habe sich von ihnen abgewandt. Der Aufsatz schließt mit der Aufforderung an die Männer der Exekutive zu Allah, dem Vaterland und dem Volke zurückzukehren. Die Zukunft der arabischen Jugend Der ״F e I e s t i n“ veröffentlicht einen Aufsatz über das Rerufsproblcm der arabischen Jugend. Eines der ernstesten Probleme der Gegenwart ist das Schicksal der arabischen Jugend, der es itn Lande an Arbeitsmöglichkeiten fehle, zumal dann, wenn die Regierungsäniter und die kommerziellen Unternehmungen des Landes ihren Bedarf an Beamten gedeckt hätten. Es ist nicht zu leugnen, daß es im Lande eine Anzahl von Aemtcrn gibt, die auch für die arabische Jugend in Frage kämen, aber sie sind von Engländern und Juden besetzt. Die Regierung muß zum Schutze der Rechte der Landeseinwohner ein Gesetz erlassen, das diesen die Beamtenstellung in den staatlichen Verwaltungen und in größeren Privatunternehmungen sichere. Raphael Chamizer Von Dr. Karl Sch w a r z. Im Leipager Kunstverein lernen wir einen neuen Plastiker kennen, dessen Werke einen ungewöhnlichen Eindruck machen. Wer ist dieser Künstler, von dem man noch nie gehört hat, und der hier bei seinem ersten Auftreten als eine geschlossene und reife Persönlichkeit erscheint? Man kann angesichts dieser Werke nicht von ״Entwicklung“ reden. Kein Anfänger, der noch sucht oder nach Form und Ausdruck tastet. Eine erstauniiehe Sicherheit. Nichts Eklektisches. Vielmehr eine rücksichtslose Ehrlichkeit persönlichen Willens. Nichts Gewolltes, sondern eine elementare Kraft, die visionär Geschautes und Erfühltes gestaltet. Jedes Werk durchzittert von stärkstem Erleben. Man gerät in Erregung vor diesen großen und kleinen Plastiken, denn jedes dieser Werke hat etwas Aufwühlendes, jede Linie ist Aufruhr, Kampf, Evolution, Sehnsucht und Verschmachten. Ein Plastiker spricht hier, dem die Form unter den schaffenden Händen wächst. Das Material ist Selbstverständlichkeit. Die Bronze fließt, gräbt sich in schattenhafte Tiefen und blitzt auf. Der Marmor leuchtet und glitzert in großen Flächen. Trotz aller oft komplizierter Teilbehandlung sachliche Einheit und Geschlossenheit der Gesamtwirkung. In jedem einzelnen Werk, ob kleineren oder größeren Formates, ein sicheres Formgefühl und richtiges Auswerten technischer Gcgebenheit. Das heißt, er fühlt und formt von vornherein in dem endgültigen Material, er beherrscht den Meißel und die Werkzeuge des Ziseleurs. Er überzeugt durch Selbstverständlichkeit und fesselt durch elementare Gestaltungskraft. Vielleicht erschreckt er manchmal durch das gewaltige Pathos. Aber dieses wird vorständlich durch die Leidenschaftlichkeit seines Schaffens. Es ist der Ausbruch eines lange zurückgedrängten Kunstwillens. Denn Dr. Raphael Chamizer, ein bewahrter Mediziner, ist volkommener Autodiktat. Bis vor zwei Jahren hat er niemals künstlerisch gearbeitet. In seiner Jugend drängte es ihn wohl zur Kunst, aber der gestrenge Vater bestand auf dem akademischen Studium, und so schlummerte dieses Wollen, bis eine ffalieiireise vor zwei Jahren die alte Leidenschaft mit aller Gewalt emporriß. Und nun beginnt ein geradezu ekstatisches Schaffen. Er greift fast unbewußt zum Meißel. Zwei kleine Phantasieköpfe entstehen ohne jedes Modell, ohne jede vorbereitende Zeichnung. Der Prophetenkopf ist eine gestaltete Vision, reine Verinnerlichung. Ein Menschenantlitz in höchster geistiger Verzückung und Hingabe. Die Außenweit ist versunken, das Auge blickt nach innen. Der Philosoph, als der rezeptive Gegensatz, ist nicht Auge, sondern Hirn, ist Denkvorrichtung, grübelnde Ueberlegung. Ein kleines Marmorköpfchen eines Idioten ist das bildhafte Produkt des Analytikers, dessen medizinisches Wissen hier dem Künstler zu Hilfe kommt. Was drängt sich nicht alles in diesem infantilen, degenerierten, launen- und geckenhaft /!!gestutzten Jüngling zusammen, das in erschreckender Realistik von d#1 Drüsenschwellungen bis zum Haarschopf ausgedrückt ist! Der Ausdruckswille und die psychologische Herausarbeitung höchsten Grades steigert sich noch mehr in den gewaliigen Bronzeköpfen des Savonarola und der Salome. Der Gläubige und Gütige, in dem alle Regungen in Fanatismus enden, zerklüftet in verzehrendem Kampf einer tiberbrandenden Seele, hebt den Blick ins unergründlich Ferne seiner Sehnsucht. Der Mund dürstet und verschmachtet. Die Augen suchen und flehen. Und als Gegensatz, wiederum zu dieser idealistisch verzückten Gestalt die grausam verkrampfte weibliche Hyäne, das opferheischende, blutgierige, siegesbewußte und in wildem Rauschs triumphierende Weib, dessen Nüstern beben. Diese beiden, in ihrer thematischen Auffassung wie stilistisehen Konzeption gleich außergewöhnlichen Büsten verdienen auch noch in einer anderen Richtung Beachtung. Das Material der Bronze, leuchtend und gleißend, wird gehoben durch die Sockelbehandlung, die zusammenfließt mit der Gestalt und ihr Bewegung und Rhythmus gibt. Die Frontalansicht des Savonarolakopfes klingt in Kreuzesform aus, während der Diagonalschnitt des mit dem weiten Kopftuche der Salome verbundenen Sockels den aus ihren Augen lachenden, ihren Mund wild umspielenden Hohn und Spott bis zum Siegestanz der ganzen Gestalt steigert Dem Marmorblock entsteigt, wie von einem Zauberodem verlebendigt, die weibliche Porträtbüste: weniger Porträt als Charakterstudie. Aber dieser griechische Stein glitzert nicht nur in den Oberschichten, sondern umschmeichelt auch unendliche Zartheiten. Der kaum angedeutete Busen, noch in dem unbehauenen Quader steckend, schwillt in feinen Linien empor, das Fleischliche durchzuckt die weichen Schultern und Anmut, Weiblichkeit in der reinsten, schönsten Form gibt diesem zarten und doch nirgends überzärtelten, auch wieder psychologisch zugespitzteil Frauenbildnis so unendlich viel Reizvolles und beinahe Geheimnisvolles. Aber man merkt es an jeder Form und in jedem Winkel, daß hier nicht der Analytiker, sondern der — Gatte das Bild seiner Frau formt und Momente mitklingen, die niemals nur das geistige Auge erfassen kann. Die bedeutendste Leistung des — es ist fast nicht glaubhaft — erst so kurze Zeit schaffenden Künstlers ist die überlebensgroße Marmorfigur der in Trauer versunkenen Frauengestalt. Unwillkürlich drängt sich einem hier der Vergleich mit Benno Eikans Denkmal ״Den Opfern“ auf. Dort ballt sich die Bronzemassc zu gewaltiger Form zusammen. Hier ist nichts Schwere, sondern Gelöstheit — trotz der formalen Geschlossenheif. Aber man verwechsele nicht tektonische Gebundenheit — das primäre Erfordernis jeder Plastik — mit spirituellen, d. h. seelischer und gefühlter Konzeption. Nicht unabsichtlich heißt diese Figur ״Trauer“ und nicht ״Die Trauernde“. Eine Welt versinkt hier in abgrundtiefe Trauer. Keine Klage wird laut. Der Mund, der eben noch aufgestöhnt hat, ist verstummt, in letztem Klagelaut ermattet, die Brust ist zusammengesunken und die Arme sind erschlafft. Sie neigt sich dem Unabänderlichen und verbar׳! in dieser träumhaften Resignation. Absichtlich sind hier Formen übersteigert und manche Details entlcbendigt. Es gilt nicht die Frau aarzustellen, sondern die Weiblichkeit. In einigen Teilen zuckt noch das Leben, andere sind symbolhaft geformt. Vom Rücken her rieselt es herauf. Der Kopf ist vollkommen Ruhe. Das stilisierte Haar, in breiten Strähnen zusammengefaßt, ist der Ausklang׳.

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