Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 244 JU1PI8CHI RUNDSCHAU Nr. 34 Vom Ursprung der indischen Mystik Von Dr. S. A. Horodezky, Berlin. Die jüdische Mystik ist so alt wie das jüdische Volk; sie ist Fleisch von seinem Fleische und Bein von seinem Beine. Der Faden der jüdischen Mystik ist niemals unter• brochen worden. Sie begleitete das jüdische Volk auf allen seinen Lebenspfaden, in den Tagen der Ruhe und in den Ta^en der Wanderung, in den Zeiten, als es noch in seinem Heimatlande lebte, und als es in der Fremde weilte. Sie tat vor seinem Blicke die himmlischen Sphären, die unendlichen hehren Welten, die göttlichen Mysterien und das Geheimnis der Ewigkeit auf. Sie zog es aus der Versenktheit in das irdisch-vergängliche Treiben voller Klagen, Drangsale und grenzenloser Verzweiflung zu einem geistigen, ewigen und göttlichen Leben empor. Sie zeigte sich bestrebt, seine körperliehe Hülle zu läutern, um sie zu heiligen und zu vergeistigen. Unter dem Einflüsse der geschichtlichen Begebenheiten nahm allerdings die jüdische Mystik verschiedene Formen an. Im Verlaufe der Generationen verzweigte sie sich mannigfaltig; ihr inneres Wesen jedoch blieb während aller dieser Wandlungen unverändert; es bleibt sich gleich im Laufe der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes. Spuren der jüdisehen Mystik finden wir bereits im Pentateuch; in deutlicher Gestalt tritt sie uns besonders bei den Propheten entgegen. Das letzte Buch der Heiligen Schrift vollends, Daniel, trägt bereits ein offensichtlich mystisches Gepräge. In diesem Buche konzentrieren und verkörpern sich all jene vereinzelten mystisehen Züge, die in den ihm vorangehenden Büchern der Heiligen Schrift zerstreut sind, und zwar in ihrer ganzen Wucht und Fülle. Der unbekannte Verfasser dieses Buches ist sich dessen wohl bewußt, daß nicht jedermann dazu befähigt ist, den göttlichen Mysterien zu lauschen und das Geheimnis der Ewigkeit zu ergründen — ״denn die Dinge sind versiegelt und verborgen bis an das Ende der Tage“. Aehnlicherweise warnt der unbekannte Verfasser des Buches Esra 4 davor, die gött• liehen Mysterien öffentlich vorzutragen; nur einzelnen Aus• erwählten dürfen sie mitgeteilt werden. Dasselbe tun die Taimudisten und Kabbalisten. Das mystische Buch Daniel bildet eine Brücke zwischen der Mystik, der Heiligen Schrift und der Mystik der Apokalypse. Die vom Geiste des Propheten Ezechiel umwehten apokalyptischen Schriften, die eine Wesensverwandtschaft mit dem Buche Daniel aufweisen, in denen die jüdische Mystik eine außerordentliche Vertiefung erfuhr und sich nach ver• schiedenen Richtungen zu verästeln begann, blieben außerhalb der Sammlungen der Heiligen Schrift, wiewohl auch sie meistens in hebräischer oder aramäischer Sprache und innerhalb der Grenze des jüdischen Landes geschrieben wurden, und wiewohl ein Teil der apokalyptischen Schrift Henoch zu gleicher Zeit mit dem Buche Daniel verfaßt wurde. Allem Anscheine nach nahmen zu jener Zeit unter den Sammlern der Heiligen Bücher die rationalistischen Elemente überhand, und sie vermochten es durchzusetzen, daß in die Sammlungen der Heiligen Schrift keine anderen mystischen Bücher als das bereits erwähnte Buch Daniel zur Aufnahme gelangten. Trotz• dem erlitt dadurch der Einfluß dieser Schriften keinen Abbrach, denn es gelang deren mystischem Geiste, sich ln das Innere des Christentums, der Agada, der Kabbala und des Chassidismus einzuschleichen. Innerhalb dieses großen, die Entstehung und Entwick• fung der Heiligen Schrift und der Apokalypse umfassenden Zeitraumes sind aus der Mitte des jüdischen Volkes drei eigenartige Minner hervorgegangen, die in den Tiefen ihrer Seele eine! einzigen großen mystischen Gedanken hegten — es sind dies Hosea, Jeremias und Jesus aus Nazareth. Der große mystische Gedanke, den sie ihren Ansichten über Gott und Mensch und deren gegenseitiges Verhältnis zueinander zugrunde legten, bestand ln der Liebe. Eine große und tiefe Liebe umgibt und erfüllt den Mensehen bis zu einem Grade, daß er außer ihr nichts anderes mehr wahrnimmt und merkt — die Liebe zu einer unsichtbaren, ungreifbaren,, immateriellen, will sagen: geistigen, verklärten, unbegrenzten, unendlich entrückten göttlichen Wesenheit, eine Liebe, die den Menschen dazu drängt, sich mit der Gottheit restlos zu vereinigen, um mit ihr zu einem einzigen Ganzen zu verschmelzen, so daß die Grenzen zwischen Mensch und Gott sich völlig verwischen — der Mensch vergottet und Gott vermenschlicht wird. Dieser tiefe mystische Gedanke diente diesen drei einander geistig verwandten Männern als Leitstern und Richtschnur. Ein einziges Ereignis war es, das den mystischen Gedanken der absoluten Liebe in ihrem Innern entfachte. Sie lebten alle drei in den furchtbarsten Zeiten der jüdischen Oeschiehte, in Zelten, die einander völlig glichen. Hosea lebte in der Periode des Untergangs ״des Königreiches Israel“, Jeremias in der Periode der Zerstörung des ersten Tempels und Jesus aus Nazareth — in der Periode der Zerstörung des zweiten Tempels. Sie alle drei waren Zeugen der furchtbaren Begebenheiten und Missetaten und Zeitgenossen all jener Bösewichte und irreleitenden Führer, die das Unheil mitverschuldet haben. ,,Denn es gibt keine Wahrheit, keine Güte und keine Erkenntnis Gottes auf Erden,“ klagt Hosea. ״Die Propheten weissagen Falsches, und die Priester üben Oewalt mit ihrer Hilfe und meinem Volke behagt es,“ trauert Jeremias. ״Blinde Führer sind sie, die Pharisäer, sie versperren dem Menschen den Zutritt zum Himmelreich,“ ruft Jesus aus Nazareth aus. Sie alle erduldeten grausige Marter an Leib und Seele durch Israels Verschulden; sie verließen Land und Volk, sprengten die Fesseln alles Irdischen und schwangen sich zu höheren Regionen empor; sie forderten die absolute Gerechtigkeit, die absolute Liebe, jene Liebe, die den Menschen mit Gott und den Menschen mit dem Menschen vereint. Diesem mystischen Gedanken entspringt ein anderer Gedanke von noch größerer Wucht und Tiefe — die Liebe Gottes zu Israel: Gott sehne sich gleichsam nach Israel, er werbe um Israel und strebe danach, in seine Nähe zu gelangen, er könne gleichsam ohne Israel nicht leben ״und ch werde mich dir verloben für immer, ich werde mich dir verloben in Recht und Gerechtigkeit, in Güte und Erbarmen, ich werde mich dir verloben in Treue, und du wirst Gott erkennen,“ ruft Hosea im Namen Gottes aus, ״mit ewiger Liebe liebe ich dich,“ sagt Jeremias. Und diese Liebe ist so gewaltig, daß er sich bereit erklärt, mit Israel einen ״neuen Bund“ zu schließen, einen Bund, der fester ist als jener, den er mit den Vorfahren am Tage des Auszugs aus Aegypten geschlossen hat. Und dieser Bund wird mit unausloschlichen Lettern im Innern Israels eingegraben werden, ״so daß sie nicht mehr einander den Spruch lehren werden, erkennet Gott,“ denn alle, von Groß bis Klein, werden ihn kennen — so spricht Jeremias; und was Jesus anbetrifft, so versichert und beteuert er immer wieder, daß das ״Himmelreich auf Erden“ und jenes ״Himmelreich Jesu“ gleichbedeutend ist mit der Vorstellung von der Liebe Gottes zu Israel, die bei den genannten Propheten verkündet wird. Denn Jesus dachte genau so wie Hosea und Jeremias, und zwar, daß die Liebe Gottes zu Israel und deren Vereinigung miteinander der gesamten Menschheit die Erlösung bringen werde; ״denn das Heit kommt von den Juden." Bei den Essäern wurde die jüdische Mystik zu einer Angelegenheit des täglichen Lebens. Zwar finden wir mystische Zeremonien auch vorher bei den Juden: all dies« Opfergaben und Opferhaadlungen, all diese Blutbesprengungen, all diese Tauchakte und Wasserbesprengungen, um durch die Reinwaschung des Leibes auch die Seele zu läutern und dgl. m. legen ein beredtes Zeugnis von der in diesen Handlungen enthaltenen Mystik ab. Allein alle derartigen mystischen Akte wurden von ״Auserwählten“, von Priestern verrichtet. Ganz anders die Essier; diese bildeten eine besondere Sekte, ungefähr viertausend Mann stark, die sich gänzlich dem Gottesdienste widmete. Nicht nur lagen die Essäer täglich dem Studium geheimer Lehren ob — wie es scheint, der Schriften der jüdischen Apokalypse — nicht nur beschäftigten sie sich täglich mit der jüdischen spekulativen Mystik, sondern ihre sämtlichen Handlungen und Verrichtungen religiöser wie profaner Natur trugen ein jüdisch-mystisches Gepräge. Sie kannten überhaupt nicht den Unterschied zwischen religiös und profan in ihrer täglichen Lebenspraxis, denn alles, was sie taten, stand unter dem Zeichen einer religiösen Weihe. Sie waren die ersten, die Speise und Trank heiligten, denn sie betrachteten Speise und Trank als gottgeweilit, den Tisch als Altar Gottes und die Tischgenossen als Priester. Dieser große mystische Gedanke, daß man durch die Einnahme der Mahlzeit in Berührung mit der Gottheit gelangen könne, ein Gedanke, dessen Ursprung wir bereits im ״geweihten Brote“ finden, bürgerte sich in der Folge im Christentum, in der Kabbala und im Chassidismus ein. In diese Zeit fallen die Anfänge des Christentums. Zunächst stand das Christentum unter dem Einflüsse der spekulativen Mystik der jüdischen Apokalypse einerseits und dem der praktischen Mystik essäischer Observanz andererseits. Johannes der Täufer und Jesus waren den Essäern geistesverwandt: und auch in ihrer Lebenspraxis wiesen sie nahe Verwandtschaft mit diesen letzteren auf. Als aber in der Folge das Christentum mit der heidnischen Mystik paktierte — denn nur auf diesem Wege vermochte es die Völker für sich zu gewinnen — und die heidnischen Elemente das jüdische Element zu verdrängen begannen, so daß dadurch auch dessen praktische Mystik eine Wandlung ihres Wesens erfuhr, da rückte die jüdische Mystik vom Christentum ab und schlug eine besondere eigene Richtung ein — die der Agada und Midraschim, der Kabbala und des Chassidismus. Seitdem verwuchs die jüdische Mystik mit dem Judentum immer enger und wurde schließlich zu einem inneren wichtigen Bestandteil desselben, so daß man nunmehr den Bestand des Judentums, oder richtiger die Daseinsberechtigung des Judentums ohne die jüdische Mystik nicht gut denken kann. Und in dem Maße als das Judentum kraft verschiedener Umstände sich vom geistigen Judentum, dem Prophetismus zu entfernen beginnt, um zu einem rationalistisch-praktischen Gesetzesjudentum zu werden, raffte sich die jüdische Mystik immer wieder auf, um den wahren Geist des Judentums vor Erstarrung zu retten; sie wachte eifrig über alles, was innerhalb des offiziellen Judentums geschah und entfacht in ihm immer wieder Leben und Bewegung, religiöses Fühlen und religiöses Atmen. Von der Heiligen Schrift aus zog die jüdische Mystik durch die jüdische Apokalypse, streifte das Christentum, kehrte von da zurück und schlug eine neue Richtung ein. Von nun an begann sie sich im Talmud und den an diesen sich anschließenden Midraschim zu entwickeln. Die jüdische Mystik verharrte nicht in den Grenzen ihres Ursprungs- und Heimatlandes, sondern gewann kraft ihres Einflusses die Juden der Dfaspora (Aegyptens) für sich. Aehnllcherweise verfuhr sie übrigens in bezug auf die jüdische Apokalypse. Auch der talmudischen Mystik begegnen wir sowohl In Judäa selber als auch außerhalb Judäas: im jerusalemischen und im babylonischen Talmud. Angesichts des Umstandes; daß nicht jedermann fähig und würdig ist, in die Geheimnisse der Schöpfung eingeführt zu werden, bürgerte sich seit jeher die Gewohnheit ein, die jüdische Mystik möglichst geheim zu halten (Daniel, Esra 4): dieser Gepflogenheit folgend, warnten auch die Taimudisten davor*): ״Die Geheimlehre darf nur an einen Menschen überliefert werden, der Fünferlei in seiner Person vereinigt, und zwar: muß er Vorgesetzter, Ratgeber, Kunstverständiger, Zaubereikundiger und hochangesehen“ sein; und an einer anderen Stelle: ״Man trage die Schöpfungsgeschichte nicht vor Zweien und die Theogonie nicht Vor einem Einzelnen vor, es sei denn, daß es ein Weiser Und selbständig Denkender ist.“ (Chagiga 11 b, 13 A.) Das Geheimnis des Daseins offenbarten sie grundsätzlich nur Auserwähl♦׳״• t ״!npswegs aber der Menge. Von der Jüdischen National• and Universitälsbibliolhek Auf Grund einer Intervention von Herrn Dr. Viktor Jacobs o n erhielt die Bibliothek ein neuerliches Geschenk der f r a n « zösischen Regierung. Die Sendung enthielt u. a. die große Geschichte des französischen Volkes von Hanotaux. In Rumänien wurde auf Initiative von Rabbiner Dr. Melr Abraham Halevy eine Gesellschaft der Freunde der Jerusa-!einer Universität gegründet. Dem Vorstand gehören u. a. die Universitätsprofessoren Cantacuzino, Dissescu, Emmanuel, Radulescu-Motru, Galaction, Sonielevlci, Pariton, Jonescu-Mihiesti, der gewesene Minister Florescu, der Präsident der Advokatenkarnmer Dobrescu, Oberrabbiner Dr. N1 e m i r o w e r, der Präsident der Zionistischen Organisation Adolf Bernhardt, Universitätsdozent Dr. G o 1 d s t e i n , Advokat Dr. Birnberg an. Die Organisation will eine Sektion rumänischer Literatur an der Universitätsbibliothek Jerusalem gründen und Studienexkursionen nach Palästina organisieren. Herr Jakob Rawkin in Tientsin (China) übersandte der Bibliothek das große chinesisch-russische Wörterbuch, das unter der Redaktion von Bischof Inkventl in Peking im Jahre 1909 erschienen ist. Herr N. S- L e b o v i t z, Brooklyn, brachte bei seinem Besuche in Palästina eine Anzahl wertvoller Handschriften hebräischer Dichter aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit. Ferner erhielt die Bibliothek durch die Zionistische Organisation ln Hol• land und durch eine Spende der Familie Boasson drei große Metallschränke zur Aufbewahrung der Handschriften der Bibliothek. VergrSBcrug des hebräischen Schnlnetzes Aus einem Bericht des Erziehungsdepartments der Zlonistischen Exekutive für 5686 geht hervor, daß trotz der schweren Situation im Lande die Erziehungsarbeit erweitert und die Zahl der Schulen vergrößert worden ist. Fünf Erziehungsinstitute sind aus wirtschaftlichen und anderen Gründen nicht mehr der Leitung des Erziehungsdepartments unterstellt; andererseits aber sind 30 hinzugekommen, so ergibt sich ein Zuwachs von 25 für das Jahr 5686. Diese Institute werden 88 weitere Lehrer, 83 neue Klassen mit 2350 Schülern unter die Leitung des Erziehungsdepartments bringen. Am 21. d. Mts. fand in London eine große Versammlung der zionistischen Jugend statt, in der Dr. Schmarja L e w i n, Louis Lipsky , Sprinzak und Dizengoff Ansprachen hielten. Die Versammlung beschloß, eine intens ive Schekelaktion unter den Londoner Juden zu entfalten. *) Verbreitung mystischer Lehr«. Nashashlbl Bürgermeister voi Jerasalem Jerusalem, 25. April. (J.T.A.) Der neugewählte Stadtrat von Jerusalem hielt heute seine erste Sitzung ab, deren Hauptgegenstand die Wahl des Bürgermeisters und der Vizebürgermeister war. Zum Bürgermeister wurde der gemäßigte arabische Führer Nashashibi wiedergewählt, zu Vizebürgermeistern wurden gewählt der jüdische Stadtverordnete Haym Salamon und der christliche Araber Faraj. Die Oster-Prozessloiien in Jerusalem Jerusalem, 25. April. (J.T.A.) Die am 23. April stattgefundenen Prozessionen der Mohammedaner und Christen in Jerusalem sind vollkommen ruhig verlaufen. Die Behörden haben in Anbetracht der Anwesenheit vieler Tausend Anhänger der verschiedenen Religionen von auswärts die Polizei und die englischen Truppen in einen Zustand verstärkten Schutzes versetzt. Auen die Hospitäler hatten Anstalten getroffen, um für die Aufnahme einer großen Zahl Verwundeter gerüstet zu sein. Die Prozessionen waren größer als jemals. Die mohammedanische Prozession ging mittags vor sich, während die christliche Prozession, an der Vertreter der meisten christlichen Nationen teilnahmen, am Nachmittag begann. Die jüdische Bevölkerung Jerusalems verhielt sich ruhig und vermied jede Ansammlung. Eine Pani Nathan •Gedenkleier in Berlin Der Hilfsverein def Deutschen Juden hielt am Montag, den 25. April, seine diesjährige ordentliche Mitgliederver- Sammlung ab. Voran ging eine Gedenkfeier für Dr. Paul Nathan, der an diesem Tage sein 70. Lebensjahr vollendet hätte. Aus der geplanten Festveranstaltung wurde eine Trauerfeier, zu der sich Vertreter zahlreicher jüdischer Oraanisationen eingefunden hatten. Dr. James Simon, der Präsi* dent des Hilfsvereins der Deutschen Juden, gab In bewegten Worten ein Lebensbild Paul Nathans. Die Gedenkrede Weit Dr. Bernhard Kahn, der fast zwei Jahrzehnte hindurch an der Seite Paul Nathans das Hilfswerk und die politischen Aktionen des Hilfsvereins geführt hat. Als dritter Redner sprach Dr. Mark Wischnitzer über das jüdische Aufbauwerk in Rußland, dem Paul Nathan seine letzten Lebenstage gewidmet hatte. * Bei der am 25. April in Berlin abgehaltenen Mitglieder- Versammlung des Hiltsvereins der Deutschen Juden wurde James Simon zum Präsidenten und Generalkonsul Eugen Landau zum ersten Vizepräsidenten gewählt. Antisemitischer Terror in Ulanen K ow n o, 22. April. (J.T.A.) Die jüdische Sejm-Fraktlon Litauens erhielt aus dem Städtchen Ragewe, Kreis Ponie* wesch, die Mitteilung, daß ein litauischer Offizier ohne jede Ursache die Frau Chawa Fosol, die Gattin eines jüdischen Bürgers, erschossen und mehrere Juden fürchterlich mißhandelt hat. Mehrere Tage lebten die Juden infolge der fortdauernden Ausschreitungen dieses Terroristen in schwerer Panik und wagten nicht, die Straße zu betreten. Gleichzeitig betrieben laizistische Elemente eine gefährliche judenhetzerische Propa- . ' ' nom'men, um den “Mörder der Frau Fosol zur Verantwortung zu ziehen» Der Vorsitzende der jüdischen Sejm-Fraktion, Dr. Robinson, intervenierte heim “Kriegsminister in dieser Angelegenheit. Auch in Po nie weschnaben Offiziere jüdische Bürger überfallen und schwer mißhandelt. Ein Offizier erteilte einer Militärpatrouille den Befehl, auf die Juden zu schießen. Zum Glück wurde dem Befehl nicht Folge gegeben. * Kowno, 21. April. (J.T.A.) In dem meist von Juden bewohnten Städtchen Janischok (Kreis Schaulen in Litauen) entstand am zweiten Passahtag unter der dortigen christlichen Bevölkerung das Gerücht, daß die Juden ein christliches Kind zu Ritualzwecken geschlachtet haben. Eine erregte Menschenmenge versammelte sich vor der Synagoge und versuchte in dieselbe einzudringen. Die Polizei zerstreute die Menge und verhaftete zwei der Rädelsführer. * Der Berichterstatter der Zeitung ״Die Jüdische Stimme“ in Kowno übergab seinem Blatte am Sonntag vormittag eine Meldung, über ein am Sonnabend abend gefälltes Todesurteil des Kriegsgerichts in Kowno. Da die Zeitungen in Litauen unter strenger Zensur erscheinen, legte das Blatt diese Meldung der Zensur vor, die sie genehmigte. Nach einigen Tagen erhielt der Berichterstatter seitens der Kommandantur einen Ausweisungsbefehl, der ihm nicht mehr gestattet, in Kowno zu bleiben, mit der Begründung, daß er seinem Blatte voreilig eine Meldung zur Veröffentlichung übergeben habe. (B. T.) Konlerenz der polnischen Jijden in England London, 22. April. (J.T.A.) WHe Föderation polnificher Juden in Großbritannien hielt eine Kon* ferenz ab, in der die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Polen erörtert wurde. Leopold Piiichowsky, der Präsident der Föderation, referierte über die gegenwärtige Lage der Juden in Polen und kam zu dem Schlüsse, daß sich die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in der polnischen Republik politisch und wirtschaftlich gebessert haben, aber noch weit davon entfernt sind, normal zu sein. Wie Abg. Grünbaum jüngst feststellte, müssen aus Polen mindestens eine Million Juden auswandern. Leider ist gegenwärtig zu einer solchen Massenauswanderung keine Möglichkeit vorhanden, man müsse die Judenschaft politisch untf finanziell soweit kräftigen, daß sie weiter existieren kann. Dr. D. J ochelmann sagte, der Ausspruch, es seien in Polen eine Million Juden zu viel, werde von den polnischen Antisemiten aufgegriffen und für ihre Zwecke mißbraucht. Die Tatsache könne aber nicht abgeleugnet werden. Die Konferenz nahm eine scharfe Protestresolution gegen die unmenschliche Behandlung der Juden in Rumänien an. Darin wird die rumänische Regierung aufgefordert, ihren jüdischen Bürgern Schutz angedeihen zu lassen. Moskau, 22. April. (I.T.-A.) Im Kreis Barnaule in Sibirien, dicht an der Eisenbahnstation Alekskoje, wurden 750 Desjatin Boden unter 50 jüdische Familien verteilt. Es ist dies der erste Versuch einer jüdischen Landansiedlung In Sibirien, dem sich weitere Versuche anschließen werden. Der Unparteiische Samuel Weizmann (ein Bruder Chain! Weizmanns) und der Kommunist Raschkes wurden zu Stellvertretern des Vorsitzenden der ÖZET-Zentrale gewählt.