Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 31-32 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 31/32 JÜEDISCHE RÜNÖSCHKU Seite 231 Literatur-Blatt Ein Gespräch in der Nadit (Ein Kapitel aus einem unveröffentlichten Roman.) Von Sch. Qore 1 ik. Dobrowinski verabschiedete sich von Ludmilla Iwanowna. Er hatte noch heute eine Begegnung mit dem sonderbaren Schor, von dem er ihr sagte, daß er ein höchst interessanter Mensch sei. Worin dies Interessante bestand, darüber blieb er ihr die Erklärung schuldig. Er erzählte ihr auch nicht, daß Schor ein alter Freund von ihm sei, ja im gewissen Sinne sogar ein gewesener Lehrer. Keiner wußte von seinen Beziehungen zu aetn geheimnisvollen Gast, der das Leben eines Einsiedlers in der einzigen Synagoge von Bogdanowka führte, der aber dabei seinem Aussehen nach nichts gemein hatte mit dem bekannten Typus eines Jeschiba-Bachur. Denn Schor wollte, die Bogdanowker Juden sollten ln ihm nur den Durchwandernden sehen, einen von jenen Weltabgeschiedenen, armen Gemara-Lernem aus dem weiten Litauen, die ab und zu die ukrainischen Städte besuchen und manchmal wochenlang dort verweilen und gewöhnlich in der Synagoge wohnen. Dobrowinski hielt cs natürlieh für seine Pflicht, die gegebene Zusage in diesem Punkt zu erfüllen. Die jüdischen Bewohner Bogdanowkas, sofern sie nicht zu der schwärmerischen Jugend gehörten, die auf dem Fluß ruderte und ukrainische Lieder sang, waren schon dabei, die Schwellen ihrer einstöckigen Häuser zu verlassen und sich zur Ruhe zu begeben. In der eintretenden Stille vernahm man aus der Ferne den Lärm des Iswoschtzik, der den letzten Passagier vom Bahnhof brachte, gedämpfte Gitarretöne verklangen irgendwo aus einem Verandafenster. Alles versank in Stille und Schweigen. Dobrowinski ließ auf sich den Zauber der Nacht wirken. Er konnte sich kaum vorstellen, daß in der letzten Zeit in seinem Innern wieder jene bekannte Unruhe auftauchte, die ihn zwang, den Gedanken aufzunehmen, wieder in die weite Welt zu gehen, wieder freiwilliger Sklave jener großen europäischen Städte zu werden, in denen er sich immer nur unglücklich fühlte und die doch eine teuflische Macht auf ihn ausübten. Wie wohl tat ihm jetzt dieses langsame Schreiten über die Straßen der schlafenden Provinzstadt. Er kehrte in ein Seitengäßchen ein, gelangte auf den Weg, der zur Wiese führte und erreichte bald den Fluß, an dessen Ufer Schor — die Arme unter dem Kopf — lag. ,ßie sind wohl ein häufiger Gast hier?“ sagte Dobrowinski. Schor erhob sich langsam, und wie noch in Gedanken befangen reichte er ihm die Hand. ״Nein, nicht besonders“, erwiderte er. ״Ich liebe eigentlich nur ein e Landschaft, das offene Feld, das gute fromme, heilige Feld. Die Berge, die See, der Wala können mir nicht jene Stimmungen vermitteln wie das Feld. Sie wissen, wie armselig die kleinen jüdischen Siedlungen in Litauen und Weißrußland sind, nur zwei Reihen hölzerne Häuser, aber dafür ist das Feld so nahe. Und die Synagoge, die auch aus Holz ist, befindet sich nur zwei Schritte vom Felde. Steigt man die paar Stufen aus verfaultem Holz herunter, so befindet man sich inmitten der wogenden Aehren.“ Es trat eine Pause ein wie immer vor dem Uebcrgang zum eigentlichen Thema. Dann fing Dobrowinski an. ״Schor“, sagte er, ״ich habe Sie sechs Jahre nicht gesehen. Seit jenem Sommerabend am Vierwaldstätter See, wo Sie sich So merkwürdig zeigten, vergingen sechs Jahre. Gehört habe ich allerdings von Ihnen ziemlich viel. Man erzählte, Sie seien aus der Partei ausgetreten, auf die Wanderung gegangen, Sie seien fromm geworden, man erzählte ferner, Sie predigten in zahlreichen Synagogen in Litauen. Daß Sie eine innere Wandlung durchmachten, sah iclugchoii damals, während unseres gemeinsamen Aufenthalts in dem Schweizer Dorfe. Aber daß die Wandlung diese ungewöhnliche Form annehmen würde, darauf konnte ich nicht gefaßt sein.“ ״ich bi«1 nur der mächtigen inneren Stimme gefolgt“, antwortete Schor. ״Ich glaubte zuerst selbst nicht, daß sie derart stark sein würde. Ich wollte sie übertönen, überschreien mit allerhand Gewohntem und Hergebrachtem. Dann aber gab ich nach, weil sie mächtiger war, diese innere Stimme. Sic befahl, mein früheres Leben aufzugeben, und ich mußte gehorchen. Wir waren einst nahe Freunde, Dobrowinski, und daher soll diese Nacht dem Reden gewidmet sein. Ich kann mich gar nicht mehr entsinnen, wann ich geredet habe, denn selten überkommt mich ein Verlangen danach. Ich bin in das Schweigen verliebt, Dobrowinski, ich, der ehemalige revolutionäre Redner und Demagoge. Ich brauchte gar kein Gelübde des Schweigens auf mich zu nehmen, denn es bedeutet für mich nicht Verzicht, sondern höchste seelische Wonne. Aber heute werde ich reden, unserer alten Freundschaft wegen. Sie sind doch deshalb zu mir gekommen, und ich habe Ihnen auch zu reden versprochen. Gehen wir dorthin zum umgekippten Boot und setzen wir uns.“ Nach einer Weile fuhr er fort: ״Vieles, was Sie über mich erzählen gehört haben, Dobrowinsln, ist nicht ganz richtig. Nichts Außerordentliches ist eigentlich vorgekommen. Bei anderen Völkern ist es eine ziemlieh häufige Erscheinung, bei uns Juden allerdings nicht. Bei allen Völkern finden Sie solche Menschen, die einem mächtigen Verlangen nach Abgeschiedenheit, nach religiöser Stille nachgingen. Man sieht sie im Schatten der Klosterbäume spazierengehen, in reinen Gedanken versunken. Bei einem war es ein großes Unglück, das diese Wandlung hervorgerufen hat, bei anderen bedeutete es nur das Wiedererwachen eines religiösen Gefühls, einer Sehnsucht, die, eingeschüchtert durch den Rausch des Alltags, sich in die entferntesten Winkel der Seele verkroch und dort nur den günstigen Moment abwartete, um wieder aufzutauchen. Verschieden sind die Ursachen. Aber kommt dieser Moment, dann weiß jeder, wohin er gehen kann. Wohin soll aber der Jude gehen, wenn er nicht mehr den Lärm, den Kampf des Lebens hinnehmen kann? In die Botei-Midroschim? Aber auch dort fehlt die erhabene Stille. Weshalb schreien wir so. Dobrowinski, wenn wir zu Gott beten? Warum schreien wir überhaupt? Manchmal erscheint mir das als ein Fluch, dazu angetan, einen großen Teil unserer Wirkung zu vernichten. Stellen Sie sich vor, wenn zu den großen geistigen und seelisehen Eigenschaften, die unserem Volke innewohnen, noch diese Achtung, diese Liebe zur Stille hinzukomint, wenn unser Gang ein langsamerer wäre, wie cs sich für ein altes Volk ziemt (nur alte Völker reden still, neugeborene, junge schreien). Wieviel könnten wir dadurch an Schönheit, an Inhalt gewännen. Aber das Laster des Lärmes hat sich unserer für alle Zeiten bemächtigt, und wir tragen es überall hin. Er liebt nicht die Stille, der Jude. Dennoch, auch bei uns gibt es Menschen, deren Seelen nach langem Verwundet- und Erschrockensein erwachen, die sich nach Abgeschiedenheit, nach innigem religiösen Leben sehnen. Sie möchten das Tor des rauschenden Lebens mit seinem gerechten und gerechten Kampf verlassen, sie möchten der Welt enfesgea, PaniscMm werden, aber sie haben keinen Platz bei uns, sie wissen nicht, wohin zu gehen.“ ״Sie vergessen aber, Schor״. versuchte Dobrowinski erwidern, ״daß wir einst ein Woloschin und andere berfthtn JescMbatii hatten, wo so viele ein wahrhaft heiliges Leb führten. Ich meine natürlich nicht Woloschin in der Zeit des Verfalls, wo die Bacharim hinter den Gemore-Folianten die Grammatik verborgen hielten, weltliche Bücher studierten, sondern die frühere Zeit, wo Woloschin für seine Jünger die ganze Welt bedeutete und eine Stätte frommen, heiligen Lebens war,“ ״Nein“, sagte Schor, ״Woloschin war etwas ganz anderes. Dort herrschte das große Wetteifern unter den Leraern, dort lebte der Masmid, der Charif, und die Hauptsache war der Daf (das Blatt Gemore) und das tiefe Eindringen in seine Geheimnisse. Gewiß, Woloschin besaß Größe, dort feierte und heiligte man das jüdische Buch, aber es herrschte nicht jene Stille, jenes Insichhineinhorchen, ohne das ein inniges religiöses Leben unmöglich ist. Woloschin war eine Akademie, dort pries man die ״Toirc“ für die beste ״Schoire“ und ich meine keine Akademie. Ich meine ein feierliches hohes Gebäude auf einem Hügel oder in einem lieblichen Tai, ich meine einen langen steinernen Hof mit grünem Gras bewachsen, und hundertjährige Bäume werfen ihre Schatten auf die Wege, wo jüdische Paruschim wandeln, langsam, nachdenklich, mit mildem Blick in den Augen, mit durch Trübsal geläuterten und befriedeten Seelen. Ja, Dobrowinski, ich möchte, es wäre bei uns derartiges möglich. Dort, in einem solchen Beth-Haparuschim, werden alte jüdische Bücher nicht mit Wetteifer studiert, und der Beste wird nicht der Scharfsinnigste sein. Und durch die hohen Fenster dieses Hauses der Verzichter und Weltabgeschiedenen ergießen sich Töne von erhabener Trauer, ganz andere, als jener schmerzvolle Nigüti der hungernden Gemore-Bachurim, aus welchem man Sehnsucht nach dem verlassenen Heim, Klägern über Einsamkeit und schwer zu ertragende Armut und Entbehrungen vernimmt. Nein, hier ist eine andere Trauer, jene, die Heilung den Seelen bringt, und das köstlichste Merkmal jedes wahren religiösen Empfindens bildet und des wahrhaft Weisen würdig ist. ״Denn bei trübem Kick kann das Herz glücklich sein, Das Herz des Weisen im Trauerhause, Das Herz des Toren im Freudenhause.“ Die Batei-Haparuschim, von denen ich träume, sind von Feldern und Gärten umgeben. Im Hinterhof befinden sich Werkstätten, wo die Einsiedler durch eigene Arbeit alles Notwendige für ihren Lebensunterhalt beschaffen. Das Brot, das sie essen, wächst auf den mit ihren eigenen Händen bestellten Feldern. Unter ihnen befinden sich Schneider, Schuster, Tischler, Schnitzer. Wollen Sie wissen, welche Art Leben ich meine, dann lesen Sie bei Joscphus das Kapitel über die Essäer, lesen Sie, wie er ihr leises, friedliches Lächeln, die Sanftmut ihres Wesens, die Sauberkeit ihrer Stuben, die Stille, die auch während ihrer Mahlzeiten herrschte, beschreibt. Ja, in den Mauern solcher Batei-Haparuschim lebt eine Gemeinde ein frommes, heiliges Leben. Ich stelle mir manchmal vor: Juden kehren von einem Jahrmarkt in die Stadt zurück. Lärmende Juden mit verstaubten Bärten, viele Juden in einem Wagen und in einem Chaos von Gebärden und Gesten. Wenn sie aber den Hügel hinunterfahren und in dem goldenen Purpur der untergehenden Sonne, den Mögen-David auf dem Turm des einsamen, hohen Hauses glühen, leuchten sehen, dann werden diese Juden still, da hellen sich auch ihre durch die leidenschaftlichen Grimassen verzerrten Gesichter auf. Ach, das ganze Leben unseres Volkes könnte einen schönen Inhalt bekommen, wäre auch bei uns so etwas möglich, wie hie und da auf irgendeinem Hügel oder in irgendeinem lieblichen Tal eine Zufluchtsstätte für diejenigen, die nicht mehr das gedankenlose Treiben in der Atmosphäre des Hasses mitmachen können, und die nicht durch den Tod überrascht sein wollen, ohne wenigstens über ihn nachgedacht zu haben. Jetzt sitzen Sie hier, Dobrowinski, und wundern sich, solche Worte von mir zu hören, der einst selbst ein Kämpfer war, aber erinnern Sie sich, wie Sie vor Jahren einmal zu mir heraufkamen und von einem modernen russischen Dichter erzählten, einem enthusiastischen Verehrer von Baudelaire und Verlaine, einem Salonlöwen, durch Erfolg verwöhnt, der auf einmal der Gesellschaft, der Literatur den Rücken kehrte und in die Einsamkeit ging, in das Leben jener Gott suchenden und über Ewiges nachdenkenden Menschen, die über unsere Erde zerstreut sind. Sie erzählten ferner, daß nach Jahren In das Arbeitszimnier eines berühmten russischen Schriftstellers das Stubenmädchen mit der Meldung trat, ein Bäuerlein, barfuß und entbläßten Hauptes, sitzt dort in der Küche und möchte unbedingt den Herrn sprechen. Und der berühmte Schriftsteller konnte in diesem Bäuerlein, das ihn still grüßte, nur schwer den einstigen dekadenten Dichter und Salonlöwen erkennen. Sie erzählten mir damals mit einem gewissen Behagen davon. Sie sagten, wie gut es doch sei, daß es auch derartige Menschen gäbe. Aber wenn es sich um die Seele und den Geist eines Juden handelt, da sind sie vertraut nur mit einer Form der heroischen Seele, die im brausenden Kampf gegen Unrecht steht. Als eine Abweichung aber vom großen Ziele, als eine Degradierung kommt ihnen eine Seele vor, die um Einlaß bitten möchte in jenes Haus der Paruschim, von dem ich eben geträumt habe.“ Dobrowinski erwiderte nichts. Schweigend drückte er die Hand seines einstigen Freundes. In Gedanken überflog er sein eigenes Leben, das voll von Bitternissen und Enttäuschungen war, und dachte dabei: Stünde wirklich so ein heiliges Haus irgendwo auf einem Hügel oder in einem lieblichen Tal, wer weiß, ob nicht auch ich demütig und gesenkten Hauptes an seiner Pforte gestanden und um Einlaß gebeten hätte. ln dem soeben erschienenen Märzheft der ״Mitteilungen für jüdische Familienforschung“ beleuchtet der Studienrat L)r. S. B1 a c h die Beziehungen zwischen jüdischer Volkskunde und Familiengeschichte. Der Verfasser berichtet über jüdischen Hausrat, Spiele, Sprichwörter und Melodien. Prof. Dr. Grotte in Breslau, der verdienstvolle Erforscher jüdischer Gotteshäuser und Friedhöfe, bringt eine Darstellung seiner eigenen Familie, die, aus Böhmen stammend, dor: bereits 15(12 nachweislich ist und sich nach Ungarn und Wien ausgebreitet hat. Friedrich W e r v a c h, Potsdam, stellt auf Grund amtlicher Listen die 278 jüdischen Einwohner der Stadt Frankfurt a. O. zusammen, die 1812 festen Namen annahmen. Ihre bisherigen und ihre neuen Namen werden angeführt. Dasselbe bietet uns L. H o r w i t z , Kassel, für die 744 Seelen starke jüdische Gemeinde in Königsberg i. Pr. Dr. Erwin M. Dreifuß, Berlin, gibt ein Kapitel seines soeben erschienenen Buches ״Die Familiennamen der Juden“. Max Qrunwald, Wien, führt seine Darstellung der Deszendenz des Wiener Finanziers Simson Wertheimers fort; dem folgen Bücherbesprechungen und das stark benutzte Suchblatt. Die Zeitschrift wird allen Mitgliedern der Gesellschaff kostenlos geliefert. Die Newton-Gedenkfeier in Jerusalem wurde nicht, wie wir vor einiger Zeit berichteten, von einem Institut der Hebräischen Universität veranstaltet, sondern von der Jerusalemer mathematlsch-naturwissenschaftliehen Gesellschaft. Ein Buch der Sehnsucht Dieses ״Reich der Gerechtigkeit“, das dem vorliegenden Buche eines der jüngsten jüdisch-französischen Schriftsteller nicht nur den Namen, sondern auch den Inhalt gibt, existiert noch nicht in der Wirklichkeit. Dieses Reich der Gerechtigkeit ist jene Welt, nach der sich die Seele der ganzen Menschheit sehnt, weil sie der in Leiden und Martyrien verstrickten realen gerade entgegengesetzt ist. In dieser echt jüdischen ״jener Welt“ wählte sich der Verfasser Josue Jehudas*) einen Winkel, in den allein er sich als Einsamer zu vertiefen sucht. Der Winkel ist das jüdische Volk in der Nachkriegszeit und der Held — einer der vielen jüdischen Intellektuellen, eine Art moderner ״Hato'ch b’darkej hachajim“ (״Der Irrende auf dem Lebenspfad“, bekannter Roman Smolenskins in der Haskalah-Epoche). Der geneigte Leser wird darauf aufmerksam gemacht, daß er es mit einem französischen Roman zu tun hat; schade nur, daß er Anspruch darauf erhebt, eine Antwort auf die Judenfrage zu geben. Die jüdische Welt, die stets ein Rätsel für das europäische Leserpublikum geblieben ist und an die man sich nur mit einer bestimmten vorgefaßten guten oder bösen Tendenz heranzumachen pflegte, begann in den letzten Jahren das europäische Gewissen zu bedrängen, es zu beunruhigen und eine klare Antwort zu verlangen: ein Volk, das nicht lebt und doch hartnäckig wie ein Volk leben will — was ist das eigentlich für eine Sphinx? Was vor dem Kriege so geheimnisvoll verborgen war, ist auf einem natürlichen Wege aus seinem Versteck hervorgebrochen, riß alle Dämme auf seinem Wege nieder und dabei wurde kar, daß das alles gar nicht so verständlich und einfach war. Im Gegenteil! Die Welt vernahm die uralte und ewig mahnende Stimme: ״Ihr, naiven Menschen! Ihr Irrt, wenn Ihr glaubt, sämtliche Rechnungen mit mir beglichen zu haben. Hier bin ich, ich — die Ruhige, die Stumme und verlange die Antwort von Euch, die Ihr mir schuldet. Ich mache mir nichts daraus, von Euch der Taktlosigkeit be-, schuldigt zu werden, weij ich in einer für Euch so schweren Stunde mit meiner Mahnung auftrete, ln dieser Stunde eben, vielleicht ist es die meine, muß ich kommen, um Euch allen mein echtes Gesicht zu zeigen, die Ihr Euch mit der Lösung sämtlicher Weltprobleme befaßt. In dieser schweren Stunde, werde ich, das Phänomen, das Ihr auf Eure Art erklärt zu haben glaubt, nicht von der Stelle weichen, bevor Ihr mir nicht Genugtuung gewährt habt!“ In dem Buche des Herrn jdhudas stehen diese Worte nicht, das erfahrene literarische Ohr vernimmt aber diese Stimme darin und nicht nur die Stimme, sondern auch den Ton. Es ist die Stimme und der Ton, den man während der letzten zehn bis zwölf Jahre von Juden in allen Literaturen immer wieder vernimmt. Das Antlitz des Autors ist nur zu seinem Volk gewendet: nicht von der zivilisierten Mensch* heit, nicht vom erwachten Gewissen der äußeren Welt, nut von der inneren Wandlung des Volkes selbst kann ihm die Lösung des Judenproblems kommen. Das ist die klare Sentenz, die Moral des Buche«, die man gar nicht ablehnen könnte, wenn nicht . . . Wenn es kein französischer Roman wäre. - Der Verfasser führt den Leser auf einer langen Strecke durch die jüdische Weit, vorbei an Männern, Frauen, Typen, Klassen, die alle arbeiten, kämpfen, suchen, voll Sehnsucht sind — und plötzlich ertönt eine par excellence französische Antwort auf das Kernproblem der jüdischen Not: ״Cherchez la femme“. Hier fragt sich der naive Leser, ob das Rezept, das an und für sich so schön und angenehm ist, nicht einen zu großen Luxus für uns Juden darstellt? In dieser liegt das Geheimnis der einzelnen Mängel des Buches: stellenweise ist es zu sentimental, die Figuren sind oft zu blaß und blutlos; die Metamorphosen der Helden kommen ohne die Tragik, ohne die Wehen einer wahren Verwandlung zustande. Das Werk zerbröckelt. Eine weitere Fehlerquelle des Buches ist es unserer Ansicht nach, daß der Verfasser eine Enzyklopädie des Juden* tums geben wollte: das patriarchalische und das moderne Judentum, das Judentum als Philosophie, als Ethik, als Religionslehre, als soziologisches Milieu — dies alles ver* suchte der Verfasser darzustellen und es ist etwas Abstraktes und Verschwommenes herausgekommen. Schon in der Gestalt des Haupthelden Benzion Lurje begegnen wir diesem Mangel: seinem Wesen und seiner Ge* sinnung nach Zionist, steht er außerhalb der Partei. Eine zerrissene Seele, wir aber fühlen die Tragik der Zerrissenheit nicht mit. Als 13jähriger Junge erlebte er einen grausigen Pogrom in Rußland, dessen Schrecken auf das zarte Kind einen erschütternden Eindruck gemacht hat. Von seinen Leiden und seinem starken Willen bezwungen, erlaubten ihm die Eltern, das Elternhaus und das stiefmütterliche Land zu verlassen, um die Rache für das unschuldig vergossene Blut im ״Reiche der Gerechtigkeit“ zu suchen. Benzion durchreist ganz Europa, studiert überall, studiert viel und-bleibt ein moderner Hamlet, halb Zionist, halb ״Stam“-Nationalist, halb Kosmopolit. Nichts aber ist im Buche von Benzion dem Suchenden, dem Sichsehnenden, dem ״Irrenden auf dem Lebenspfad“, dem rachenehmenden Shylock geblieben. Es blieb nur die subjektive Tragik einer unglücklichen Liebe. Wenn wir aber selbst diese Tragik nicht fühlen, so liegt es daran, daß Benzion mehr zu lieben glaubt, als er Sulamith wirklich liebt. — Sulamith ist der Typ des jüdischen Mädchens aus der Bourgeoisie, einer Studentin aus Genf oder von der Sorbonne. Sie ist ganz Gehirn, trocken, oberflächlich. Sie ist Ratio* nalistin, schwärmt aber phrasenhaft von der ״göttlichen Bildung“ und hat eine läcnerliche Beziehung zum jüdischen Volke. Kurzum: ein Mädchen in den ״besten Janren“ — und dazu noch aus der jüdischen Bourgeoisie, die der Ver* fasser unendlich haßt. Die Liebe Benzions und Sulamiths besteht eigentlich nur darin, daß sie sich bei jeder Zusammenkunft ineinander aufs neue verlieben und — zu philosophieren beginnen. Der Benzion, den wir mit warmer Anteilnahme auf seinem Märtyrerwege begleitet haben, ist verschwunden, wir sind Zeugen seiner Auferstehung im ״Reiche der Gerechtigkeit“, das er nun glücklich gefunden zu haben glaubt: enttäuscht in seiner ״Liebe“ zur leeren, bourgeoisen Sulamith, findet er seinen Trost bei der Bundistin Riwka. Diese Riwka ist der echte Schutzengel im ״Reiche der Gerechtigkeit“, d i e jüdische Frau, die dem jüdischen Volke in seiner schweren Lage nottut. Sie ist Bundistin — also entbehrt sic nicht des Gefühls für soziale Gerechtigkeit und Ordnung; sie liebt Benzion mit verhaltener Inbrunst, — wie es sich für eine patriarchalisch jüdische Frau ziemt; ungeachtet ihrer bundistischen Einstellung betet sie zu Gott, daß er ihr Kraft gäbe, den Benzion zu lieben und ihn zu stärken, daß er — *) ״Le royaume de justice“.