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Jüdische Rundschau · 1927-04-13 · Heft 29-30 (13.4.1927) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 29-30 (13.4.1927)
Date
1927-04-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 220 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20/30 ordnen. Auch die Schute in der Großstadt kann die gemein* .schaftfördernden, erzieherischen Anforderungen nicht ganz erfüllen. Sie ist in den meisten Fällen in erster Linie Lernschule und kann schon aus Raum- und Zeitmangel nicht die dafür nötige Atmosphäre schaffen. Dasselbe gilt auch häufig bei den Kindergärten der Großstadt. Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß gerade vom zionistischen Standpunkt aus die Erziehung der jüdischen Kinder in und zur Gemeinschaft von ungeheurer Wichtigkeit wäre; denn das Ziel: die Arbeit für das jüdische Volk in Palästina erfordert Menschen, deren Leben nicht nur auf ihre einzelnen, individuellen Bedürfnisse eingestellt ist, sondern vielmehr solche, die fähig sind, sich einzufügen, sich zu überwinden, in Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten. Hie atmosphärische Vorbereitung für solch ein Leben kann und soll in der Kindheit beginnen. Aber bisher fehlt uns die Institution, die diese Aufgabe erfüllt. Ich möchte hier verschlagen, sie zu schaffen, und zwar auf folgende Weise: Ma n sollte ein jüdisches K i n d e r h a u s cinrichten, einige Zimmer mit großem Garten an der Peripherie Berlins, Dort könnten 2D bis lg Kinder alles das finden, was sie für ihr kindliches Sein brauchen, ln den Vormittagsstunden sollte dort ein Kindergarten eingerichtet werden, und nachmittags ist das ganze Heini offen für Kinder bis etwa zum 10. Lebensjahre (also bis zu ihrem Eintritt in Jugendorganisationen). I oder 2 Räume und der Garten dienen zu freier Beschäftigung: Spielen, hauen, lesen, Gartenarbeit. Im dritten Raum finden in festgesetzten Stunden Fachkurse statt: Gymnastik, Musik (man konnte in solch einem Heim den Musikunterricht wunderbar ausgestaltcn zu Kinderkapellcn, Kinderchor, Pflege jüdischer Volksmusik us\y.), Handfcrtigfceit (zeichnen, malen, modellieren, basteln), hebräisch. Das ganze Heim müßte einen Leiter oder eine Leiterin haben, die mit einigen Hilfskräften auch die freie Beschältigintg und den Kindergarten leitet und überwacht. Die Faehkurse würden von Fachlehrern erteilt, und zwar gruppenweise. Diese Faehkurse, die hier alle von gleichgesinnten Lehrkräften erteilt würden und in der gleichen Umgebung stattfänden, würden eine wesentliche Verbesserung sein gegenüber dem unruhigen, uneinheitlichen und verwirrenden Einfluß der Privatstunden, wie sie die meisten Kinder heute haben. Der Leiter des Heims müßte die starke Fähigkeit haben, die Atmosphäre des Heims auch im jüdischen Geist zu gestalten durch Erzählungen, Spiele, Darstellungen, bei denen er schöpfen könnte aus unseren wesentlichsten Quellen: Bibel, Midrasch und Palästina. Ich habe hier nur die großen Umrisse des Heims gegeben, ohne schon auf Einzelheiten näher einzugehen. Ich könnte mir dann eine weitere Ausgestaltung vorstellen: Man könnte hier eine Kiuderbibliothek schaffen, eine von Kindern selbst angelegte Bildersammlung, Kindertheater und Filmvorführungen. Mart körnte in den Abendstunden ein Jugendheim einrichten. Weiter wäre eine Verbindung mit der jüdischen Schule durchaus denkbar und wünschenswert. Auch zum Tages- und Ferienheim könnte man das Kiudetnaus ausgestalten und dadurch der Selbsttätigkeit der Kinder in der Besorgung des Hauses und der Mahlzeiten noch eine schöne Möglichkeit geben. Der Vorschlag zur Schaffung eines solchen Heims für eine Ktncfergemeinschaft ist nicht neu. Einrichtungen ahnlieber Art gibt es bereits in Deutschland, England und Palästina. Seine wirklich gute Durchführung könnte uns den Gewinn einer Einflußsphäre auf weitere Kreise der jüdischen Jugend, die es heranzichen würde, schaffen. Das Elternhaus braucht deswegen nicht zu fürchten, Einbuße an irgendwelchen Werten und Einflüssen zu erleiden. Sind seine Werte und seine Atmosphäre stark, so wirken sie sich auch aus und bedeuten nur ein Phis für das Kind zu seinem Leben in der Kindergemeinschaft. Sind sie es nicht, so bietet ihm diese wenigstens einen Ersatz! Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, deren wesentlichste mir in den Entfernungen der Großstadt zu liegen scheint. Die Finanzierung des Heims würde bereits bei einer Beteiligung von 30 Kindern durchführbar sein. Ich bin überzeugt, daß der große Wert, der in der Schaffung eines jüdischen Kinderhauses liegt, alle Hemmnisse aufwiegt, und daß diejenigen, die ihn erkennen, auch die Schwierigkeiten überwinden und sein Zustandekommen fördern werden. Käte Baer-F reyer. * Die Jüdisch-Nationale Frauenvereinigung, die sich um die Verwirklichung dieses Planes bemüht, bittet alle diejenigen, die Interesse daran haben, pm frdl. Meldung an das Sekretariat für Frauenarbeit, Meinekestraße 10 (Tel. Bism. 7165—67), damit sie zu einer in Aussicht genommenen näheren Besprechung cingeladen werden können. Eine nationale Anstalt für Körperkultur Von Cäcilie Sirkes, Tel-Avviw. ln Tel-Awiw ist eine Initiativgruppe im Entstehen begriffen, die eine geeignete bauliche Anlage für die Zentralisierung der systematischen Körperpflege in Palästina zu schaffen beabsir.htigt. Ein Erziehungsinstiüft mit Internat am Meeresüfer wird geplant, ähnlich wie in Hellerau, Laxenburg usw., um auf Grund der allgemein anerkannten Basis der rhythmischen Gymnastik die körperliche und geistige Entwicklung in den breitesten Volksschichten zu fördern. Der Grundstein für dieses Institut ist bereits vorhanden. In vieljähriger Arbeit ist es Frau Margarete Ornstein kraft ihres umfassenden Wissens, bedeutender pädagogischer Fähigkeiten und starken Persönlichkeit gelungen, eine mustergültige Anstalt für diese Zwecke aufzubauen, die über 130 Mitglieder, wie auch die hier vorhandenen Theaterschulcn (״Ohel“, ״Gnessin- Studio1‘) umfaßt. Der vor kurzem veranstaltete Vonührungsabend der Schule, die Leistungen der Jugend auf dem Gebiete der rhvthmischen Gymnastik haben die Anregung gegeben, diese Errungenschaft als allgemeines Erziehungsmittel zu verwerten. Die natürlichen Voraussetzungen hierfür sind schon in der palästinensischen Landschaft gegeben. Die Lichtfülle, die Nähe des Meeres, der weite, freie Raum sind für diese Zwecke besonders geeignet und günstig. Eine Anlage am Meeresuter, in der die Pflege der rhythmischen Gymnastik betrieben wird, würde eine Reihe von Eigenschaften zutage fördern, die im Daseinskampf und besonders in unseren Verhältnissen unbedingte Notwendigkeit sind. Körperliche und geistige Erstraffung, Erlangung praktischer Fertigkeiten, Oekonomie der Kräfte, Arbeitsfreude, jedwede Leistung als Lust zu empfinden, werden eben durch systematische Körperkultur erzielt. Ueber hebräische Kindergärten Nirgends wird in zionistischen Kreisen so viel über jüdischnationale Erziehung und hebräische Kultur gesprochen, wie gerade hier in Deutschland. Es vergeht kein Delegiertentag und keine sonstige Tagung ohne Kulturreferate mit interessanten Diskussionen. Bei aller Anerkennung der Berechtigung solcher theoretischen Erörterungen müssen wir doch tragen, ob sie eine praktische Bedeutung für die Er- Ziehung der neuen zionistischen Generation haben. Leider können wir diese Frage nur mit nein beantworten. Wir wissen aus verschiedenen Berichten, daß die deutsehen Juden in Palästina, infolge ihrer geringen Kenntnisse der hebräischen Sprache, fast völlig isoliert leben und keinen Anteil am öffentlichen Leben nehmen können, wobei zu bedenken ist, daß diese dabei meistens zu den besten deutsehen Zionisten gehören. Und wie sicht das zionistische Leben in seinen prakfischen Auswirkungen hier in Deutschland aus? Man diskotiert über politische Fragen, sicherlich nimmt man regen Anteil an den Sammelaktionen, aber von einer hebräischen kulturellen Bewegung mit Verlangen nach hebräischen Büchern, nach einem neuen hebräischen Worte, was unsere hebräisch Schaffenden zu neuen Leistungen ansporrien könnte, von all diesem merken wir leider gar nichts. Die deutsche zionistische Jugend, mit der Blati-Weiß-Bewegung an der Spitze, mit deren Erziehung man sich theoretisch so viel beschäftigte, hat alles in sich aufgenommen, außer dem wahren jüdischen kulturellen Inhalt. Sie hat über viele jüdische Probleme gelesen, diskutiert, ein bißchen hebräisch getrieben, begeistert hebräische Lieder gesungen; aber das alles drang nicht in das Innere hinein und übte keine tiefere Wirkung aus. Sie ist darum dem Judentum fremd geblieben, und die ganze Bewegung scheiterte daran. Dieser Zustand ist gewiß auch vom üalutli-Leben und der heutigen wirtschaftlichen und politischen Weltlage verursarht, die Hauptschuld aber daran trägt die falsche westeuropäische zionistische Erziehung. l!m die Jugend mit dem Judithen kulturellen Inhalt, dem Lande und dem Volk zu verknüpfen, muß man für sie schon in den ersten Jugendjahren ein hebräisches Milieu schaffen. Das sind die hebräischen Schulen und Kindergärten. Nur auf diesem W ege wird die neue jüdische Generation mit der hebräischen Kultur groß werden, gewissermaßen in sie hineinwachsen, und nicht so wie es heute geschieht, indem Erwachsene mit ihrem fremden Seeleninhalt etwas Hebräisches aufgepfropft bekommen. Der Gedanke der Notwendigkeit der hebräischen Schulen beschäftigt neuerdings einige Kreise zionistischer Eltern. Als Folge davon sehen wir seit einiger Zeit hieivund da hebräische Kindergärten auftauchen, die aber infolge versehiedener Ursachen bald wieder eingehen. Einige dieser Ursachen werden wir unten erörtern. Zunächst ist aber die Tendenz der Eltern zu begrüßen, die es verstanden haben, die Sache richtig anzufas«cn. nämlich mit dem Kindergs.ten zu beginnen. Die moderne Psychologie weist daraut hin, was für eine ungeheure Bedeutung für die spätere geistige Entwicklung eines Menschen, das Alter von 3 -6 Jahren hat. Das ist das Alter der Entwicklung der Sinne, die das Kind übt, indem es die äußere Welt in sich aufnimmt und verarbeitet. Das Gehörte, Gefühlte und Gesehene geht für das Kind nicht verloren, sondern hinterläßt tiefe Spuren in der jungen Seele; und mit Recht wird behauptet, daß der Mensch in dieser Zeit mehr lernt als in seinem ganzen späteren Leben, und was in diesem Alter versäumt wird, kann man nie wieder naehholen. Schon aus diesem Grunde ist es so wichtig, mit dem Kindergarten zu beginnen. Lim dem hebräischen K'iude/garlen einen Erfolg zu sichern, müssen wir ihn pädagogisch richtig gestalten. Wenn viele deutsche Kindergärten existieren, in denen diese Bedingung nicht erfüllt wird, so ist das für den hebräischen Kindergarten unmöglich. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir in dem Kindergarten, der nur einen Teil der kindlichen Umgebung bildet (das Kind lebt noch in anderer Umgebung) eine Schwierigkeit hineinbringen, .nämlich die neue Sprache. Diese Schwierigkeit können wir nur durch psychologisches Verständnis vermindern, indem wir die richtige Umgebung schaffen. Eins muß für uns klar sein, daß der Kindergarten keine hebräische Lehranstalt sein darf, wo wir den Kindern durch Beibringen von Vokabeln und von für sie sinnlosen Liedern (wie es noch vielfach gemacht wird) die Sprache einprägen. Was wir machen müssen, das ist eben eine dem Kinde angepaßte hebräische Umgebung schaffen, in der wir ihm Material bieten, das die in ihm schlummernden Kräfte entwickeln hilft. Die Aufgabe der Kindergärtnerin ist es hier, mit Geduld und wissenschaftlichem Interesse das Kind in seinen spontanen Aeußerungen zu beobachten und ihre Hilfe da einzusetzen, wo sie notwendig ist. Einen sehr wichtigen Bestandteil des Lebens im Kindergarten müssen die Feiertage bilden. Sie werden ihrem Inhalte entsprechend, einfach wie es die kindlichen Seelen sind, gefeiert, um den Kindern ein echtes, ihnen zugängliches Erlebnis zu gewähren. Hier, wo alles für das Kind eingerichtet ist, wo es in seinen Bewegungen und in seiner Tätigkeit nicht gestört wird, wo es ebenso alleine wie in Gruppen arbeiten oder spielen kann (die Erwachsenen unterschätzen die Arbeit der kleinen Kinder und nennen es immer — Spielen), wächst das Kind schon in frühem Alter in die soziale Gemeinschaft hinein. Es gewöhnt sich allmählich seine Triebe, die nach Befriedigimg drängen, zu beherrschen, um nicht init den An- Sprüchen, die die Gesellschaft an es stellt, in Konflikt zu geraten. Lebt das Kind eine zeitlang im hebräischen Kindergarten, hört es hebräisch sprechen, bekommt es alle seine neuen Begriffe und Erlebnisse in dieser Sprache, so werden wir das Wunder erleben, daß das Kind nicht nur hebräisch sprechen, sondern auch hebräisch denken wird. Die auf diesem Wege erworbene Sprache kann seine zweite Mutterspräche werden und ihm den Weg zu den jüdischen Kulturschätzen, zum Volke und zum Lande eröffnen. Der Kindergarten kann nur dann seine Aufgabe erfüllen und sich einwurzeln, wenn er nicht isoliert dasteht. Es muß ein enger Zusammenhang zwischen Kindergarten und Elternhaus bestehen. Besonders müssen die Mütter die Arbeit und Entwicklung ihrer Kinder durch häufige Besuche in1 Kindergarten und häufige Beratungen mit der Kindergärtnerin, verfolgen, und sich mit der hebräischen Sprache vertraut machen, damit die Kinder zu Hause ihre neu gewonnenen Begriffe befestigen und das Kindergartenleben in gewissem Maße fortsetzen können. Ein großes Hindernis für das Bestehen der hebräischen Kindergärten ist die finanzielle Schwierigkeit, auf die wir jetzt nicht eingehen können. Wir glauben aber, daß, wenn die zionistischen Eltern von der ungeheuren Wichtigkeit der hebräischen Erziehung durchdrungen werden, cs auch gelingen wird, diese Schwierigkeiten zu beseitigen. Sarah Fajans-Glück. ,,Die Jüdische Fran and das Jüdische Haus״ Köln, 10. April. (|.T.A.) Die am vorigen Sonntag in der Rheinlandloge in Köln eröffnete Ausstellung ״Die jüdische Frau und das jüdische Haus“ findet in der jüdischen wie in der nichtjüdischen Öffentlichkeit großen Anklang. Die Presse des Rheinlandcs bringet ausführliche Beschreibungen der Ausstellung und stellt fest, daß solche Institutionen geeignet sind, eine Ausgleichung von Gegensätzen innerhalb der Bevölkerung herbeizuführen und das Verständnis füreinander durch die Kenntnis der religiösen Sitten und Gebräuche zu fördern, Verständnis der kulturellen Zusammenhänge zu fördern. 111 der vom Schwesternbund der Kölner Jüdischen Loge arrangierten Ausstellung sind die verschiedenen Feste und ihre Symbole, soweit sie sich im häuslichen Leben darstellen, Gegenstand der Schau. Der gedeckte Festtagstiseh bildet in den meisten Kojen den Mittelpunkt; auf ihm finden sich neben den Geräten, den schöngearbeiteten Weinbechern und Karaffen, den Brottellern und Messern aus Silber, den bronzenen Sabbatlampen, silbernen Leuchtern und kupfergetriebenen Gießfässern zum Händewaschen alle die Gegenstände, die besondere Gelegenheiten symbolisieren, so am Sabbatausgang die feingearbeiteten silbernen Riechbüchschen, oft in der Form zierlicher Türmchen, die kunstvoll gearbeiteten Passahgeräte, sowie die illustrierten Hagadahs. Die Laubhütte wird gezeigt, geschmückt mit Grün und Früchten. Auch die Feste der Kinder ziehen vorbei, Chanukkah mit den vielen Lichtern, den Menorahs, endlich die Purim-Symbole. Daneben finden auch die Familienfeste der Beschneidung, der Einsegnung und der Hochzeit eindringliche Darstellung mit sinnig aufgebauten Gabentischen und dem fröhlichernsten Aufbau des Traulnmmels. Zweck dieser Darstellung ist nicht allein, die enge Beziehung des Juden zur Vergangenheit zu zeigen; auch sein lebenbejahendes freudiges Mitgehen mit den Errungenschaffen der Gegenwart soll betont werden. So veranschauliehen Erzeugnisse des modernen Kunstgewerbes, wie es die Juden verstanden haben, junge Künstler für die Aufgaben der Kunst im jüdischen Heim zu interessieren. Man sieht hier Arbeiten des Frankfurters Leo Horovitz in Silber und Bronze, einen prächtigen Bronzeleuchter von Benno Elkan, Silberarbeiten von Friedländer in Düsseldorf, die Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule Freudenthal in Breslau, sowie Gemälde und Intarsien des bekannten Künstlers Oskar Haberer, früher Karlsruhe, jetzt Berlin. In einem besonderen Raume werden jüdische Familienbilder vom Ende des 18. Jafirhunderis an bis auf unsere Tage gezeigt. Neben den festlich zugerichteten Räumen ist eine Sabbathnachmittagsstube mit jüdischen Büchern zu sehen. — Die Ausstellung wird von Schulen und Gruppen stark besucht. Ein Franenleben Nacht über Rußland. Lebenserinnerungen von W e r a F i g n e r, Malik-Verlag, Berlin. — Diese Memoiren bilden ein Dokument seltener Seelengröße, würdig der dauernden Verehrung. Es tst nicht so sehr dieses an Qualen und Leiden so überreiche Schicksal, wie vor allem der ganz selbstverstündliche, ja unbewußte und immer unpathetische Heroismus, der ergreift und im Innersten aufwühlt. Hier spricht ein Mensch, dem sein schweres Los immer, in jedem Augenblick, in jeder Lage selbstverständlichster Tribut war dafür, daß er es unternommen hat, einer für wahr erkannten Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Und dieser äußerste Mut zu seinem Bekenntnis macht für uns vor allem den Wert des Buches aus, Wir sehen, in .diesen, Lebenserinnerungen. die übliche, sorglos-heiter verlaufene Jugend der gutsituierten Gutsbesitzerstochter, die das junge Mädchen zunächst in harmanischer Geschlossenheit heranwachsen läßt. Aber der lebhafte Geist findet im behaglich-bürgerlichen Leben nicht Genüge, während rings Not und Unterdrückung herrschen. Sie geht — nach gründlicher Vorbereitung — als Feldscherin unter die Bauern und übt hier ihre ärztliche und agitatorische Tätigkeit aus. Verfolgt von der Polizei, geht sie nach Petersbürg, wo sie Mitglied des Vollzugsausschusses ״Volks-Wille“ wird, der zum Hauptprogrammpunkt die gewaltsame Beseitigung der führenden Reaktionäre hatte. Nach vielfachen Verfolgungcn wird sie erfaßt und zum Tode verurteilt. Nach erfolgter Begnadigung schickt man Wera Figner auf die Schlüsselburg, wo sie 22 Jahre begraben bleibt. Sie beschreibt die schauerliche Stille innerhalb der Gefängnismauern, wo man keinen Laut hört als das Stöhnen der mitgefangenen Freunde, wie man von ihrem Tod erfährt und dem Wahnsinn, in den manche von ihnen verfallen; wie sie selbst jahrelang furchtlos gegen die Schikanen der rohen Gefängnisverwaltung ankämpft; solche innere Kraft können wir fast nicht mehr verstehen. Und dann sehen wir sie — nach alledem — bereit zu jedem Freundschaftsdienst und der zartesten Gefühle fähig. Nach Jahren gestattet man ihr regelmäßige Spaziergänge im Gefängnisgarten mit Ludmilla Wolkenstein; da erwacht die ganze Kraft der Hingabe an den nahestehenden, mitverstehen- ‘ den Menschen, und die Angst, die Sorge um das Ergehen der mitgefangenen Brüder klingt überall durch. Als ihr endlieh Begnadigung verkündet wird, da gilt ihre erste Sorge der Frage, ob nicht vielleicht die Mutter ihre Tochter als bußfertig hingestellt hatte. Nach ihrer Freiwerdung hat diese ,,Frau das ihr einzig mögliche Leben fortgesetzt: für die Unterdrückten tätig zu sein. Wir kennen aus der Zeit der Sozialrevolution der siebziger und achtziger Jahre im zaristischen Rußland eine Reihe ganz außerordentlicher Menschen, unter ihnen eine beträchtliehe Anzahl Juden. Unabhängig von allen Fragen der politischen oder gar parteimäßigen Ideologie gehören sie zu den wahrhaft Großen unter den Menschen. Die unbedingte Hingabe an eine Idee, der unbeirrbare Glaube an das Ziel auch in schweren Zeiten der Reaktion, und nicht zuletzt die Seelengröße und Menschenliebe dieser Frauen machen jene Jahre der beginnenden Revolution im alten Rußland auch für uns Zionisten, und vor allem für uns zionistische Frauen zu einer lehrreichen Epoche. Martha W e 11 s c h. Warschau, 6. April. (J. T. A.) Die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis, die vom Marschall P i I s u d s k i empfangen wurde, klagte vor ihm, sie wäre durch den Verein polnischer Schriftsteller nicht eingeladen worden, wahrscheinlieh weil sie einer Einladung der jüdischen Schriftsteller gefolgt war. Pilsudski soll ihr erwidert haben: Mich laden die Juden nicht ein, und dennoch behandeln mich gewisse polnische Kreise schlecht. Zionisten!

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