Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-04-13 · Heft 29-30 (13.4.1927) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 29-30 (13.4.1927)
Date
1927-04-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652906--19046-2676878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 218 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20/30 Dann setzten sich alle drei um den Tisch, sprachen den Segenspruch über ein Glas Branntwein, tranken und füllten die Glaser aufs neue ,.. ״Fall doch nicht so über das Glas her wie über eine warme Semmel!“ mahnte Neche ihren Mann. Der Arrak und der heiße Tee erwärmten Reb Salman, Schweißtropfen glänzten auf seiner broniefarbenen Stirn. Ein warmer Dunst, der dem Tee und dem Munde der Umsitzenden entstieg, schwamm vor seinen Augen. Das Zimmer war klein und eng, die Wände waren dunkel von Staub und Rauch, die Fenster niedrig, schmal und ungestrichen, ln der Mitte stand ein schwarzer Tisch, der von Schuhwichse und Leim glänzte, und darauf lagen in einem Haufen — Werk* zeug, Holznägel, eine Schürze, ein hölzerner Leisten und ein Paar alte Schuhe mit schietgetretenen Absätzen, die zur Reparatur gebracht waren. Auf dem Fußboden lagen Lederstücke umher, dazu Einwickelpapier, dünne Bindläden und sonstige Abfälle. Neben dem Tisch stand der niedrige Schusterschemel. Den zweiten Schemel, den ein gelbliches Kissen bedeckte, hatte Baruch an den Eßtisch geruckt, der, schmal und lahm, an die Wand gelehnt stand. Von der Werkstatt, die auch als Salon zum Empfang von Gästen diente, führte eine kleine Tür in ein zweites, nicht allzu großes Zimmer, ßaruch Schibko war siebeuuudsech/ig Jahre alt; ein dürres, ausgemergeltes Männchen, seiner Frau ähnlich. Sein spärlicher weißer Bart stand Ihm schief zur Seite, und seine kleinen apfelroten Backen glänzten besonders, wenn er einen ״bitteren Tropfen" getrunken hatte, was nicht gar zu selten vorkam. ״Sei fröhlich, Habenichts:•‘ rief der Flickschuster vergnügt aus und klopfte Neche auf die Schulter. — ״So sind wir beide — Großvater und Großmutter! . . . Nur keine Sorge, Salman! . . .“ Und auf Reb Salman sank hier, bei seinen beiden alten Freunden, ein Gefühl von Behaglichkeit, Wärme und Schwäche nieder. Seine gewohnte Schweigsamkeit verließ ihn. Sein Inneres taute auf, und das Geheimfach seines Herzens öffnete sich vor diesen guten Leuten. Er erzählte ihnen von dem, was ihm heute abend in seinem Hause zugestoßen war, und auch von dem, was sich seiner Meinung nach hinter diesem Vorfall verbarg. Seine Rede floß langsam, Wort für Wort, und Jedes einzelne, schwer wie Stein, war getränkt mit Zorn und Schmerz: ״Die Welt verliert jede Zucht . . . überflüssige Jahre, meine Jahre . . . Alther ist nicht mehr da . . der Türke hat ihn zugrunde gerichtet . . . Gott zur Ehre . . . und sie liegt da und stöhnt und wendet kein Auge von mir ... einen Basiliskenblick hat sie —- sie frißt mich förmlich mit ihren Blicken auf . . . und jene, ihre Schwester, kommt und hetzt sie auf . . . Chajka treibt sich Tag und Nacht herum . . . Scham kennt sie nicht . . . der Vater im Grab, die Mutter krank — ein freier Vogel! . . . Nur Estherka , . . nur Estherka . . . und jener Taugenichts, der Soldat . . . wenn das mein Alther hätte mitansehen müssen 1 Ruhe, mein Sohn, ruhe sanft . . . Dein greiser Vater sehnt sich nach dir, er wird zu dir kommen, und du wirst zu ihm nicht zurückkehren ... so ein Flegel und Windbeutel! . . . Altenheim!“ brüllt er und lacht . . . ,.was kümmert ihn Ehrfurcht vor dem Alter? Ausgerottet soll sein Leben werden ... ja, ausgerottet, der Bengel! . . .“ Reb Salman wackelte aufgeregt mit dem Kopf. Öen letzten Ruf ״Altenheim“ konnte er Leiserke nicht verzeihen. ״Ruhig, ruhig, genug, Reb Salman 1“ bemühte sich der Schuhmacher, ihn zu besänftigen. ״Du weißt doch, an drei Dingen erkennt man den Menschen: am Geldbeutel, am Becher und an seinem Zorn. Am Becher — das bezieht sich aut mich: Ich liebe den Bacher. Das ist so meine Natur,;:nidiE 1 nt»!׳ *einem :Zorne •— das ■geht:■ auf dich: aufbrausend bist du! seit ich dich kenne, bist du (ähzornig; bei jeder Kleinigkeit Feuer und Flamme, die Haut brennt dir förmlich ab ... du bist doch kein Kind mehr, mußt doch schon wissen, daß die Menschen verschieden sind . . . dieser sagt so und jener sagt so — spei aus und fertig ... die Worte eines dummen Jungen so wichtig zu nehmen ... an seinem Zorne . . . und an! Geldbeutel — das ist auf uns beide gesagt, in de tn Punkte sind wir gleich — nicht wahr, Neche? . . . Mach dir keine Sorgen, Reb Salman! . . . Komm, laß uns noch einen trinken! . . .“ Reb Salman übernachtete bei Baruch. Neche machte ihm in der Werkstatt das Lager zurecht. Sie rückte Baruchs Arbeitstisch und einen Haufen kleiner Stühle und Petroleumtanks dicht an die schmale Holzbank heran und breitete über das Ganze einen Strohsack. Das Lager war nicht sonderlich weich und eben, aber im Notfälle und unter der Voraus* Setzung, daß es sich nicht in seine Bestandteile auflöste, konnte man es eine Nacht darauf aushalten. Baruch zeigte sich mit Neches Machwerk sehr zufrieden. ״Selbst der Kaiser könnte hier schlafen!" bemerkte er und klopfte auf den Sack. ״Ein königliches Lager!" Lange Zeit gelang es Reb Salman nicht, seine erstarrten Glieder zu erwärmen, obwohl Neche ihn mit einem Berg von Lumpen zugedeckt hatte. Jedoch am frühen Morgen wachte er schweißbedeckt auf. Er blieb noch eine geraume Weile liegen, schloß die Augen und öffnete sie wieder, schwach, zerbrochen, stumpf in schwere Gedanken versunken, die ihn abwärts zogen. In seinem Innern reifte irgendein Ent- Schluß . . . (Aus dem Hebräischen von A. Joel.) Es war einmal EmilSpiegels Gedichte*)! Man liest und man erstaunt: aus welcher Zeit kommen diese Verse? Sinnsprüche klassizistischer Bürgerlichkeit, Weihegaben an Grillparzer und Schiller; patiniertes Versmaß. Ist das ein Epigone des Biedermeier? Eine vergessene Insel deutscher Kultur ist P r a g. Die letzte geistige Mode stammt aus den vierziger Jahren. Liberalismus, gehaltene Schwärmerei und diskrete mlsanthropische Resignation, die sich vornehm bescheidet. Was später kam, die erlesene Vortruppe moderner Dichtung, stürzte aus Prag hinaus, ins Reich hinüber. Auch wenn mancher in Prag wohnen blieb, seine Bedeutung, seine geistige Existenz, wirkt drüben in Deutschland. Prag, das deutsche Prag, ist Mittelpunkt eines Kreises. Aber es fehlt der Kreis, — so bleibt nur der Punkt; verschwindend. Jetzt, einsamer als je, auf den traurigen Küstenstrich sudetendeutscher Art hinüberblickend, ertrinkend im Meere einer anderen Volkskultur, bröckelt die Insel. Und wenn sie nicht mehr sein wird, in späten Jahren, wird ein sentimentaler Historiker die versunkene Atlantis so schildern können: Die schwärmerischste Bevölkerungsgruppe jenes verflossenen Erdteils waren seine Juden. Sie behüteten die Tempel seiner Ideale, trugen das historische Gewand des Liberalismus auch zu Zeiten, wo cs schon so unmodern war, daß kein Deutscher es tragen mochte, verhüteten, daß sie Spießbürger würden durch die Grazie und Würde, mit der sie Ihre Unzeitemäßheit betätigten, und waren die rührendsten Erscheinungen er späteren Epoche. Denn während damals jeder Bürger seine Stammeszugehörigkeit durch ostentatives Anlegen von Nationalfracht bezeigte, was in dem wilden Völkergemisch unumgäng- *) E. Spiegel, ״Einkehr und Abwehr“, R. Löwit, Verlag, Wien. lieh geworden war, blieben die Mitglieder dieses Clans mit Schillerhcmdett um den Nacken, die deutschen Farben auf der Brust und Tefillim an den Händen, ruhig zwischen den Rassen stehen und sangen die Lieder von ehedem. Eine der rührendsten unter diesen anachronistischen Figuren war Emil Spiegel. Seine Verse, die Verse eines vornehmen Geistes, sind keine Dichtungen, sondern ein Tagebuch, dessen Blätter schon im Beschreiben vergilbten. Ein Mann, der noch die letzten Dinge mit Epigrammen erledigen zu können glaubte, als es schon allgemeine Sitte geworden war, sie in Essays zu beschreiben. Der den gegnerischen Dingen mit dem Vorwurf entgegentritt, sic seien pietätlos, ohne zu merken, daß Pietät aus dem Wörterbuche der Zeit gestrichen wurde. Ein Mann, zu dem das Beiwort ״bieder“ untrennbar gehört: und nicht er kann dafür, daß dieses Wort nur noch humoristisch gebraucht wird. Es ist nicht seine Schuld. Er lebte in einer Zeit, die es nicht mehr gab. Seine persönliche Wirkung — dem Vorwort seiner Freunde ist es zu entnehmen — muß eine bedeutende gewesen sein. Auch aus seinen Versen spricht ein edier Mensch in Tönen, rührend und vergeblich, gute alte Zeit. So werden die Verse Spiegels viele Menschen erfreuen. Aber er ist kein Zeitkritiker, denn er lebte nicht in seiner Zeit, sondern viel früher. Diese Paradoxie machte ihn zum Vertreter einer Gruppe solcher verlorener jüdischer Deutschen, die in Treue und Courteoisic sich zu Idealen bekennen, welche sich nicht mehr zu ihnen bekennen wollen; aufrechtes Fähnlein, das die Parolen der Gegenwart nicht annimmt; das sich verzaubert noch hält im Kyffhäuser mancher Logen und leise dort versteinernd sich entseelt. Mirjam Scheuer. Die Jaden Wiens ״Die Juden Wiens“. Eine statistische Studie. Von Dr. Leo floldhantratr. R. Löwit Verlag, Wien. Mit dem Worte Achad Haams, daß nur ein lebenskräftiges Volk seinen Serubabel und seinen N'ehemia findet, ״die das Volk mit sich reißen und das Land wieder aufrichten“, schließt diese gediegene, mehr als nur statistische Arbeit Goldhammers. Dieses Schlußwort Ist zugleich die zionistische Voraussetzung des Buches. Das Volk in der Galuth muß in jeder Beziehung lebenskräftig erhalten bleiben, soll es für Palästina reif sein. Ein gesundes Diasporajudentum ist die beste Gewähr für das Gelingen des Palästinawerkes. Doch das W'iencr Judentum krankt: es leidet an den allgemeinen großstädtischen Krankheiten wie Sinken der Geburtsziffer, stetiges Anwachsen der Todesfälle, schlechte Wohnverhältnisse und an den spezifischen jüdischen Anomalien, wie die historisch bedingte, aber vvirtschaftlich paradoxe Berufsschichtung, das katastrophale Anschwellen der Austritte aus dem [udenfum, der Mischehen, die meist kinderlos bleiben, und die eigenartige, konzentrierte Siedlungsform, die Tatsache, daß ungefähr 00••.! der jüdischen Bevölkerung Wiens (von der Gesamtzahl 201513 jüdischer Einwolmer 111 502) in einem Fünftel der Wiener Bezirke wohnen. Das Büchlein, das von einem starken, jüdischen hevölkerungspolitischen Verantwortungsgefühl getragen und in seinen Schlußfolgerungen ln lokalpolitischcr Richtung polemisch ist, soll sowohl den Zionisten, die an der Berechtigung einer innerpolitischen jüdischen Arbeit zweifeln, als auch jenen Juden, die die große Bedeutung des Zionismus noch nicht erkannt haben, warm empfohlen werden. Die aufschlußreichen Tabellen und Ziffern und die kurzen, aber um so treffenderen Bernerkungen Goidhammers werden sie eines Besseren belehren. Sie werden erfahren, daß, während in den Jahren 1901 bis 1905 auf 1000 Seelen bei den Jude« die Zahl der Austritte 3,59 betrüg, itn Jahre W23 eine VcEdoppefung, und tiit&i auf 6,14, festzustellen ist. Gleichzeitig weist aber Ooldhammer mit Recht auf die Bedeutung der zionistischen Bewegung hin, die in der Alterstabelle der aus dem Judentum Austretenden bemerkenswerte Veränderungen hervorgerufen hat. Das Alter von 14 bis 20 Jahren nahm an der gesamten jüdischen Austrittsbewegung bis zum Jahre 1910 mit 14°/0 teil, seit diesem Jahre aber sank die Zahl auf 10,8ס/י, was zum größten Teil dem Einfluß des Zionismus auf die Jugend zu verdanken ist. Die Aus- Wirkung des versteckten Numerus clausus an den Wiener Hochschulen, in Form von verschiedenartigen Beschränkungen und Erschwerungen zeigt sich deutlich itn Sinken des Prozentsatzes der jüdischen Studenten der Wiener Universität, der vor dem Kriege (1914/1915) 31,54 und im Studienjahre 1925/1926 nur mehr 24,85 °/0 betrug. Daß ein Prozentsatz von 43,85 aller jüdisenen Berufstätigen im Handel beschäftigt ist, ist wohl von keinem Standpunkt erfreulich. Daß aber eine Berufsumschichtung der Juden nur mit aktiver Hilfe der Regierung wirkungsvoll durehgenihrt werden kann, ist selbstverständlich. Eine Besserung der tristen Wohnverhältnisse der Juden, insbesondere in der Leopoldsiadt und Brigittenau, kann wiederum nur die Gemeindeverwaltung herbeiführen, indem sie bei der Wohnungszuweisung in den von ihr erbauten Häusern mehr als bisher die Juden berücksichtigt. Ich glaube dagegen, daß Goldhammer die Bedeutung der sozialdemokratischen Errungenschaften ,,auf dem Gebiete der Lohnfragen, der Arbeitszeit und der hygienischen Maßnahmen“ für die Juden zweifellos unterschätzt. Abgesehen von allen anderen wichtigen Gesichtspunkten, aus folgenden aus den Aufstellungen Goldhammers resultierenden Gründen: Zunächst zeigt eine Tabelle, daß von je 100 jüdisehen Berufstätigen in ״Industrie und Gewerbe“ auf 38,11 Selbständige doch 61,89 Unselbständige und im ״Handel und Verkehr" auf 29,52 Selbständige gar 70,48 Unselbständige kommen. Der von Goldhammer aufgestellte Satz also, daß bei den Juden (im Gegensatz zu den Nichtjuden) ״zwei Meister einem Arbeiter nachlaufen“, ist illusorisch, denn es kommt tatsächlich nicht viel darauf an, ob die Unselbständigen Angestellte oder Arbeiter oder Lehrlinge sind. Auf alle Fälle genießen sie die sozialen Errungenschaften der Revolution und der letzten Jahre. Gesetzt aber den Fall, daß es bei den Juden tatsächlich verhältnismäßig weniger Arbeiter gäbe als bei den Nichtjuden, so ist doch für sie die soziale Gesetzgebung von ungeheuerer Bedeutung, denn die selbständigen Juden beschäftigen selbstverständlich in großem Maße auch Nichtjuden, die von Goldhammer aufgestellte Theorie vom veränderten Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei den Juden erweist, sich daher in der Praxis als Trugschluß. Der jüdische Unternehmer behandelt in Lohnfragen oder sonstigen Arbeitsbedingungen seine jüdisehen Angestellten nicht anders als die nichtjüdischen und darum sind die sozialen Errungenschaften für beide gleich wichtig. Um aktuell zu sprechen! eine jüdische parlamentarische Vertretung muß, wenn sie auch die Interessen der jüdischen Angestellten repräsentieren soll, für diese Errungenschaften unbedingt eintreten, was übrigens Im gegenwärtigen Wahlprogramm der ״Jüdischen Liste“ in Oesterreich voll zum Ausdruck kommt. Bis auf den oben besprochenen Punkt, in dem mir die Konklusionen Goldhammers falsch erscheinen, ist seine Bro* schüre von großem Interesse und — was wichtiger Ist — von besonderer Bedeutung für unsere Arbeit. Exakte Wissenschaftlichkeit, die mitten drin im Leben steht, ist geeignet, in mancher Beziehung zur Klärung beizutragen, uns von Schlagworten zu befreien und neue Wege zu weisen. Dt. Leopold Thater. ProL Dr. Greßmann Mit Hugo Greßmann verliert die biblische Wissenschaft einen ihrer bedeutendsten Namen und das Judentum einen verständnisvollen Freund. Neben Hermann Gunkel war Greßmann ein Hauptvertreter der sogenannten rellglonsgeschichtliehen Forschungsrichtung, die das eigenartige Geistesleben des alten Israel besonders aus den Zusammenhängen mit der Umwelt des alten Orients zu begreifen und hinter dem literarischen Niederschlag der alten Erzählungen die vorliterarische Gestalt der biblischen Gedankenwelt zu ergründen sucht. Oreßmanns Hauptwerke auf diesem Gebiet, seine Dar- Stellung der biblischen Eschatologie, seine feinsinnige Analyse des Gilgameschcpos und vor allem sein gedankenvolles Buch über ״Mose und seine Zeit“ sind durch ihre furchtbar« Betrachtungsweise, durch die Schärfe und Weite des Blicks, wie den ernsten Willen zur Objektivität eine Quelle reicher Anregung und Belehrung auch für den, der In vielen Einzelheiten auf anderem Standpunkt stehen mag. Nicht minder wertvoll ist das von G. in Verbindung mit anderen Fachgelehrten herausgegebene Quellenwerk der altorientalischen Texte und Bilder zum Alten Testament, dessen Textband vor kurzem in 2. Auflage erschienen ist, sowie die von G. bearbeiteten Bände des Göttinger Bibelwerks (Die Schriften des A. T. und N. T. in Auswahl übersetzt und erklärt), die überall seinen originellen Geist und seine große Darstellungsgabe bezeugen. Daneben hat er in einer Fülle kleinerer Schriften und Aufsätze, zuletzt als Herausgeber der Zeitschrift für Alttestamenilichc Wissenschaft, sowie in zahlreichen Vorträgen unermüdlich am Weiterbau unserer wissenschaftlichen Kenntnis der Bibel gearbeitet, stets geistvoll und anregend, auch dort, wo er irregegangen sein mag, und Immer in rein objektivem Erkenntnisstreben, auch dort, wo seine Resultate im Empfinden Andersdenkender Anstoß erregen können. ln den letzten Jahren richtete sein Interesse sich in zunehmendem Maße auch auf das spätere Judentum. Ein Ergebnis seiner diesbezüglichen Studien ist die Neubearbeitung von Boussets ״Religion des Judentums“, andere Arbeiten sollten besonders in einer von G., Lietzmann und dem Unterzeichneten herauszugebenden Schriftenreihe folgen. Vor zwei Jahren übernahm G. die Leitung des Institutum Judaicum der Berliner Universität, das fortan der objektiven Erforschung des Judentums gewidmet sein und zugleich «in Zusammenarbeiten jüdischer und christlicher Forschung anbahnen sollte. Unvergessen seien G. die bei der Eröffnung dieses Instituts gesprochenen Worte, die damit schlossen, daß, wenn die bei der Erforschung des Judentums erförderliehe Objektivität — nach dem Ausspruch eines Redners — unerreichbar sei, weil stets Liebe oder Haß unser Urteil beeinflussen, daß dann eben die Liebe, nicht der Haß, den Ausschlag geben möge. In der Folge haben im Winter 1926/27 jüdische Gelehrte aller Richtungen an diesem Institut Gastvorträge über die geistigen Strömungen im jüdischen Volke gehalten, deren erste Reihe nun auch im Druck erschienen ist. Greßmann war ein ehrlicher Schätzer der im jüdischen Volke ruhenden Kräfte und ein warmer Freund der Bestrebungen zur Erneuerung des jüdischen Volks- und Menschentums; er ist auch dem hier gegründeten Pro-Palästina- Komitee bereitwillig beigetreten uneogehörte dessen Präsidium an. G. ist kurz nach Vollendung des 50. Lebensjalires auf einer Amerikareise, die neue Arbeitsmöglichkeiten anbahnen sollte, plötzlich gestorben. Auch das jüdische Volk betrauert den Hingang dieses verdienten Forschers und wahren Menschen. 11 יה* זכרו ברוד. Torczy ner. Interessante Kontroverse Im Verlauf einer Diskussion über Probleme des Parif ismiis, die zwischen dem bekannten Pazifisten Dr. Kurt Hi 11 er und der von Friedrich Wilhelm Förster geleiteten Zeitschrift ״Die Menschheit“ (Wiesbaden) ־onders über die Frage des deutschen Föderalismus geführt wurde und in die wir uns hier nicht einzumischen haben, beschwerte sich Hiller in der ״Weltbühne“ u. a. über den in der ״Menschheit" enthaltenen Satz: ״Herr Dr. Kurt Hiller ist ein artfremder Deutscher" und wirft seinen Gegnern Antisemitismus vor. Darauf entgegnet Frifz Rötteher in den letzten Nummern der ״Menschheit“: ״Die ,Menschheit‘ ist ein Freund aller Menschen, der deutschartigen und der fremdartigen, der artfremden und der artgleichen, der gutartigen und der unartigen. Weil wir jede Bevorzugung eines Volkes, die nicht durch besondere dauernde Leistung und freiwillige allgemeine Anerkennung begründet ist und sich auf der Basis rechtlicher Gleichstellung vollzieht, ablehnen — auch für unser eigenes Volk — deshalb werden wir dauernd von antisemitischen Blättern angepöbelt Die ,Menschheit‘ stellt den Anteil, den das Judentum an der europäischen Kultur via Nazareth hat, mindestens ebenso hoch wie etwa den Anteil der germanischen Völker.... Ja, die ,Menschheit‘ hat eine besondere Leistung des Judentums hinsichtlich der Weltkultur bzw. des Weltfriedens Über die bisherigen Leistungen aller Völker gestellt: Das Judentum hat nach der Vertreibung aus Palästina, wodurch es um den Besitz eines Vaterlandes im territorialen Sinne gekommen war, den geistigen Begriff ,Vaterland‘ so veredelt, und ins Kulturelle überführt, daß es ihn nicht nur 2000 Jahre bewahrt und geheiligt hat, sondern damit auch beispielgebend für alle anderen Völker geworden ist. Seit der Zeit Christi braucht, wie das Beispiel der Juden beweist, kein Volk den Vörtkertod durch tnaterielie Unterdrückung zu fürchten und aus dieser Furcht heraus zu den Waffen zu greifen. In diesem Sinne hat die ,Menschheit‘ dem Verzicht des jüdischen Volkes auf Waffengebrauch bei der Wiederherste(- fung seines nationalen Lebens ihre Anerkennung nicht versagt. Um so mehr müssen wir bedauern, wenn jüdische Kreise in blödem Mißverstehen der eigenen Art diese unvergleichliche pazifistische Tradition des Judentums vielfach tun materieller Dinge willen verlassen; wenn jüdische Kreise nervös werden, sobald man den Unterschied zwischen ihrer Art und der deutschen hervorhebt, oder sie gar den nationalistischen Dummstolz unserer Sechsdreier- Patrioten mitmachen. Neulich schrieb mir in diesem Sinne ein Jude: ,Wer mir mein Deutschtum abspricht, den betrachte ich als meinen Todfeind‘.‘־ Nach einem Hinweis auf die altjüdische ,,föderalistische‘‘ Stämmeverfassung schließt der Artikel: ״. . . Aber vielleicht nimmt Herr Hiller in einer stillen Stunde sich das heilige Buch seines Volkes zur Hand — das heilige Buch des Judentums, das auch das heilige Buch des Christentums geworden. Vielleicht gewinnt er dann Verständnis für den Föderalismus der ,Menschheit‘ und dafür, daß er für uns als artfremder Deutscher erscheint, weil er auch der jüdischen Art fremd ist.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.