Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 29-30 (13.4.1927)
- Date
- 1927-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29/30 JÜEDISCHE RONÖSCHXÜ Sehe 217 Literatur-Blatt Lauschet ihr Himmel (V. M. 32, a—43) Aus dem demnächst erscheinenden V. Band des Werks Die Schrift, zu verdeutschen unternommen von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. (Verlag Lambert Schneider, Berlin), Lausehet ihr Himmel, ich will reden, die Erde höre Sprüche meines Munds. Wie Regen träufle meine Botschaft, wie Tau tliesse meine Sprache, wie Nebelrieseln übers Gespross, wie Streifschauer übers Gekräut. Denn ich rufe den NAMEN: zollt Größe unserem Gott! Der Fels, ein Ganzes sein Wirken, denn all seine Wege sind Recht, ein göttlich Treuer, ohn Falsch, bewährt und gerad ist er. Verderbt hat ihm ihr Gebreste zu Unsöhnen ein krummes verrenktes Geschlecht. IHM wollt ihr so vergelten, schmähliches, unweises Volk? Ist er nicht dein Vater, dein Stifter, gemacht hat er dich und gegründet! Gedenk der Tage der Urwelt, faßt die Jahre, Geschlecht zu Geschlecht, deinen Vater frag der dirs melde, deine Alten, sie sprechen» dir zu: Als der Höchste eineignete Stämme, als er Adams Söhne ersonderte, bestellte er Völkergemarkungen nach Zahl der Jißraelskinder. Denn Anteil IHM ist sein Volk, Jaakob seines Eigentums Meßschnur. In Wüstenland findet es ihn, in Wildnis, Heulen der Öde, er umwirbt es, er umwartet es, er umhegt es wie das Füppchen im Auge. Wie ein Adler sein Nest erweckt, über seinen Horstlingen flattert, seine Flügel spreitet, eins aufnimmt, es auf seiner Schwinge trägt: einsam geleitet es ER, kein fremder Gott ist mit ihm. Er fährt» über Kuppen des Lands, nun Ißt es Feldes Gewächs, er säugts mit Honig aus Steinspalt, aus Felsenkiesel mit Öl,— Rahm von Rindern, Fettmilch von Schafen, samt der Mastlämmer Fett, der Baschanwidder und Böcke, samt Weizens Nierenfett, und Traubenblut schlürfst du im Schaum. Oelfeist ward Jeschurun, schlug aus — du erfeistest, ermastest, erwanstest -, es verstieß den Gott der es machte, es schmähte den Fels seiner Freiheit. Mit Ungehörigen ereifern, mit Greueln verdrießen sie ihn, sie schlachten den Wichten - nicht Gottrangs! Göttern davon sie nicht wußten, neuen, von nah gekommnen, nicht hätte euren Vätern vor denen gegruselt. Du versäumtest den Fels der dich gebar, du vergaßest Gott der mit dir kreißte. ER sah und verwarf, im Verdruß um seine Söhne und Töchter, •r sprach: Mein Antlitz will ich vor ihnen bergen, ich will sehn, was ihre Zukunft wird, denn sie sind ein Geschlecht der Umstürze, Söhne — nicht ist Treue in ihnen. Durch einen Ungott ereifern mich sie, verdrießen durch ihren Tand mich, durch ein Unvolk will sie ereifern ich, sie verdrießen durch schmählichen Stamm. Denn ein Feuer schwelt in meiner Nase, das will sengen in unterste Gruft, fressen Erde und ihren Ertrag, entlodern Grundfesten der Berge. * Erschöpfen will ich Übel an ihnen, gegen sie meine Pfeile verbrauchen: ausgemergelt von Hunger, aufgespeist von Fieber, von bittrer Pest, an die schick ich Getiers Zahn, samt der Staubkriecher Geifer, straßher rafft Schwert, stubenher Entsetzen, so Jüngling so Mädchen, Säugling samt greisem Mann. Ich spräche: ich will sie zerblasen, ich lösch ihr Gedächtnis aus Menschheit, besorgt ich nicht feindlich Verdrießen, ihre Dränger möchtens verkennen, möchten sprechen: Unsre Hand ist erhoben, nicht ER hat all dies bewirkt! Denn ein Stamm ratverloren sind die, nicht ist in ihnen Erfassung, wärn aie weise, sie würdens begreifen, erfaßten für ihre Zukunft: Wie könnt einer tausend jagen, zwei eine Menge scheuchen, wftra nicht, das ihr Fels sie verkaufte, ER sie überlieferte! - Denn nicht gleich unsertn Fels ist ihr Fels, Schiedsprecher sein des unsre Feinde! — Ja denn, von der Rebe Sodoms ihre Rebe, von den Fluren Gomorras, ihre Trauben Gifttrauben, Büschel Bitternis ihnen, Natterngeifer ihr Wein, grausames Otterngift: ist das nicht bei mir verspelchert, versiegelt in meinen Behältern? Mein ist Ahndung und Zahlung, auf die Frist da ihr Fuß wanken wird, denn nah ist der Tag ihres Unheils, das Bestimmte eilt ihnen herbei. Ja denn, aburteilen wird ER sein Volk, — da geleidet es ihn seiner Knechte, denn er sieht: Handkraft wich, Gehaltnes, Gelaßnes - dahin! Und er spricht: Wo sind nun ihre Götter, ihr Fels, unter den sie sich duckten? die das Fett ihrer Schlachtmahle aßen, dis den Wein ihrer Gußspende tranken, sie mögen aufstehn, sie mögen euch helfen, Bergung sei über euch! Sehet jetzt? daß ich ich es bin, kein Gott neben mir! Ich töte und belebe, ich zerschmetterte, ich werde heilen, keiner entreißts meiner Hand. Ja denn, ich hebe meine Hand zum Himmel, ich spreche: Ichselber lebe in Ewigkeit! Hab ich den Blitz meines Schwerts erst gewetzt, umfing meine Hand das Gericht erst, kehr auf meine Dränger ich Ahndung, meinen Hassern zahle ich heim, meine Pfeile berausch ich an Blut, mein Schwert frißt Fleisch: an Blut des Durchbohrten, des Fangs, am feindlichen Kriegslockenhaupt. Jauchzt, Erdstämme, drum seinem Volk, denn er ahndet das Blut seiner Knechte, kehrt auf seine Dränger Ahndang und deckt seine Scholle, sein Volk. Kompositionen von Max Brod. ln der Univeral-Edition (Wien) erscheinen eben ״V!er Lieder für Gesang u n d Klavier‘‘ von Max Brod, die eine Auswahl aus der 50 Lieder und viele Werke für Klavier, Violine, Kammermusik u.s. f. umfassenden musikalischen Lebensarbeit des Dichters darstellen. Die Hinweise auf Musikalisches sind in Brods Romanen so stark, daß jeder aufmerksame Leser die musi• Italische Begabung Brods gefühlt hat. In seinem Buch über das ״Judentum in der Musik“ bezeichnet Heinrich Berl Max Brod als den ersten, der das Jüdische in der Musik Gustav Mahlers und Schönbergs erkannt und formuliert hat. Bekannt ist auch, da B Brod als erster auf das musikalische Genie von Leos J a n a c c k und Adolf Schreiber hingewiesen hat. — Unter den vier Liedern, die für mittlere Stimme gesetzt sind, befindet sich auch die originelle, aus jüdischem Empfinden entstandene Komposition des 126. Psalms, irt der synagogale Wendungen mitverwendet sind. ״Ein besserer Herr“, ln dem sehr unterhaltenden und gut gespielten Lustspiel Hasenclevers (im Staatlichen Schauspielhaus) fragt der große Heiratsschwindler, als er wieder einen Antrag schreiben will, seinen Gehilfen und Sekretär um einen Rat, als was er sich vorstellen soll; er möchte in diesem Fall gern etwas ganz Ausgefallenes sein. Der Gehilfe antwortet prompt: ״Werden Sie Zionist!“ Eine Bewegung der Heiterkeit geht durchs Publikum, erzwingt eine Pause. Dann sagt der Herr einfach: ״Nein. Aber Forschungsreisender“. — Das,Mädchen, das seine Offerte erhalten hat, empfängt ihn mit der Erklärung, sie habe gemeint, er werde einen Tiger an der Leine führen. Was sie wohl erwartet hätte, wenn er dem Rat des Freundes gefolgt wäre? Aber dies alles ist doch ein Scherz, und ein recht harmloser dazu. In dieser köstlichen Verhöhnung der bürgerlichen Gesellschaft bekommt jeder etwas ab. Und Zionist ist doch wirklich für diese Gesellschaft etwas Ausgefallenes. Wir sind nicht empfindlich. Wir freuen uns der guten Einfälle, deren das oft ans Groteske streifende Stück voll ist, und des flotten Spieles, und lachen mit. t. Im ״D a i 1 v tT e 1 e g r a p h“ veröffentlicht H. R. Barbour einen Aufsatz ״Jüdische Renaissance im Drama“, in welchem er nachweist, daß das Welttheater durch Generationen den Juden sehr stark verpflichtet war und ist. Sehr zahlreiche Schauspieler und Schauspielerinnen ersten Ranges in allen Ländern sind Juden oder Jüdischer Herkunft. Die moderne Bühne wird durch Werke jüdischer Dramatiker stark befruchtet und bereichert. Auch unter den Leitern, Maler und Förderern des modernen Theaters sind die Juden überaus zahlreich vertreten. Das Theater lebt zu einem sehr großen Teil von der Sympathie des jüdischen Bevölkerungsteils. Nunmehr heischt die rein jüdische Dramatik das Interesse der modernen Bühne. Der Zionismus, der eine Ncubelebung des jüdischen Geistes bewirkte, hat auch die jüdische dramatische Literatur stark angeregt. Die j i d d i - sehe Literatur macht Anspruch auf ernsthafte internationale Würdigung. Heb Salman Eia Bradutfidc am dem Roman ״Ruinשמות) ״) Von A. Reubeni, Jerusalem*). Die» Nacht war kalt und klar und das Firmament voller Sterne. Als Reb Salman aus dem Hause trat, erfaßte ihn äugenblicks ein kräftiger Windstoß, riß ihn mit und warf ihn fast zu Boden. ״Westwind wird Regen bringen....“ sagte er aus der Gewohnheit eines alten Synagogendieners heraus vor sich hin. Der Wind kam in großen’ wilden Sätzen dahergesprungen, mit kurzen Ruhepausen, peitschte das Gesicht und pfiff um die Ohren. Ohne sich über die Richtung seiner Schritte Rechenschaff abzulegen, benommen von dem Sturm und zerstreut nach all dem, was ihm soeben im Hause widerfahren war, wandte Reb Salman dem Winde seinen Rücken zu, drückte sich den Hut tiefer auf den Kopf, hüllte sich fest in seinen dünnen, abgeschabten Mantel und klappte den schwarzen Samtkragen hoch, der ihm kaum zum Kinn reichte. Das Tuch um seinen Hals bot Nacken und Ohren nur einen sehr schwachen Schutz. Der Wind stieß ihn kräftig von hinten. Die alten Füße wankten vor Schwäche; selbst der Stock schwankte in der zitternden Hand, und während er seinen Weg abtastete, hüpfte er auf dem festgefrorenen Boden dahin. Links vom Wege dehnte sich eine weite Senkung — dort konnte der Wind ungehemmt toben. Rechts zog sich eine Reihe von niedrigen Häusern hin, die zu einer einzigen Front zusammengeschmolzen waren. Der breite Fahrweg, von Regen und Fahrzeugen mit Löchern besät, schimmerte grau zwischen dem Schwarz der Senke und der dunklen Häusermauer hervor. In Reb Salmans Hirn drehten sich die Gesichte des Streites und der Verwirrung, die er zu Hause hinter sich gelassen hatte, wie in wüstem, rasendem Tanze. Er vernahm den Widerhall von Reden; Schatten von Menschen tauchten vor ihm auf. Und jetzt löste sich aus diesem Durcheinander die Gestalt seifles Enkels Leiser ab und stellte sich ihm gegenüber, mit dem frechen Grinsen auf den Lippen. Da war es, als platze etwas im Hirn des Alten — ein Blitz durchzuckte sein Inneres, und ein Donnerschlag ertönte: ״Anstand!... Flegel!... Taugenichts!...“ Reb Salman ging geradeaus weiter, ohne sich viel zu fragen, wohin er denn eigentlich gehe, wann er urnkehren würde, und ob er überhaupt umkehren wolle. Er lauschte dem Heulen und Pfeife• des Sturmes und spürte die nächtliche Kälte nicht. Die Füße trugen ihn sicherer und geschwinder, das greise Blut erwärmte sich an dem Feuer, das seine Seele verzehrte, und zornig schlug der Stock auf den Boden. Der Strom der Gesichte brauste weiter, seine Wogen kamen und gingen, kamen und gingen, doch die Gesichte blieben die gleichen. Abermals tauchte etwas aus dem Chaos auf, zwei vortretende, schwarze, böse und tückische Augen, darunter fleischige Wangen — und abermals war es, als explodiere etwas in seinem Hirn; abermals zuckte ein Blitz und krachte ein Donner: ״Still, Weib!“ — ״Salman, Salman, wohin so eilig? Du fliegst ja wie der Wind!“ schrie ihm jemand ins Ohr. Reb Salman stand wie vom Donner gerührt. Er wußte gar nicht, wo er war. Seine Knie schlotterten vor Müdigkeit. Er atmete schwer, schwitzte und blickte sich verwirrt um. Neben ihm stand Baruch Schibko, der alte Schuhmacher. ״Was denn?... Ich gehe ..stieß Reb Salman keuchend hervor. ״Du gehst?“ erwiderte der Flickschuster vergnügt» ״Spazierst im Abendwind, Wie? Kühl draußen׳ erftfächettOL.. I» kannst du ja auch ein wenig zu mir hereinkommen, ganz nahe, dort in Beth Jisrael.“ Erst jetzt sah sich Reb Salman genauer um und stellte fest, daß er sich am Eingänge von Mean-Schearira befand, dort, wo der Weg nach Beth Jisrael abzweigt, letzt blies der Wind von links. Vergebens rückte sich der Alte das Halstuch zurecht, der Wind überfiel ihn mit grausam schneidender Kälte. Reb Salman beugte sich vor und stützte sich mit seiner ganzen Schwere auf seinen Stock. Er dachte daran, wie rasch er gegangen und wie warm ihm dabei geworden war, und fürchtete, sich zu erkälten. Bei seiner Schwäche braucht man nicht viel!... ״Oh, oh ...“, brachte er ächzend hervor. ״Hier. hier... wir sind schon da!...“ Baruch war guter Laune. Er humpelte, denn mit dem linken plumpen Fuß trat er kurz. ״Ein tüchtiger Sturm!“ bemerkte er in anerkennendem und /!!stimmenden! Tone. ״Sicherlich wird es nochmal Regen geben. Wie wirst du denn wieder nach Hause kommen, Salman?“ Er stampfte ein paarmal mit dem gesunden Fuße auf und brummte das Lied weiter, das ihm noch vom Nachmittag her im Kopfe herumging, und das er für eine kurze Weile unterbrochen hatte, als er seinen alten Freund traf: ״Lauf geschwind — wie der Wind; Rasch, die alte Hexe kommt!...“ Geräuschvoll stürmte er in seine Wohnung: ״Neche, ein Glas Tee!“ ... Hilf einer jüdischen Seele!...“ Nechc war eine verhutzelte Alte, deren Gesicht von einem Netz feiner Furchen überzogen war. Ihre Augen glänzten fröhlich in ruhiger Heiterkeit. Behaglich lächelte sie ihm entgegen: ״Nu, nu, mach nicht solchen Lärm, Baruch!... Ah, Reb Salman .. ״ das ist aber ein Gast, ein richtiger Gast!... Setzt euch, Reb Salman, hier am Ofen, hier wird es euch bald warm werden... Ist das eine Kälte! Sie rückte ihm den einzigen Stuhl heran, der im Zimmer stand, einen schweren, rotbraunen Holzstuhl mit hoher Rückenlehne. Reb Salman setzte sich, ohne seinen Mantel abzulegen, ohne sein rotes Tuch vom Hals zu nehmen — und zitterte. Die Zähne schlugen ihm aufeinander.. Nechc eilte mit einer Tasse heißen Tee in der Hand auf ihn zu. Da sprang ihr Baruch entgegen: Alte!“ rief er mit gerunzelter Stirn und einem listigen Aufleuchten der Augen, als sei ihm plötzlich ein glänzender Gedanke gekommen, ״die Sache ist die... haben wir denn nicht einen kleinen Tropfen im Hause?“ ״Läßt au denn jemals etwas übrig?“ fragte Neche dagegen, und auf ihren Lippen spielte ein Lächeln, das zugleich Verweis und Verzeihung war. Er humpelte auf den Geschirrschrank zu, beschaute die leere Flasche und setzte sie sogar an den Mund, als wollte er versuchen, ob nicht doch noch ein wenig darin sei. Dann stellte er sie unwillig auf ihren Platz zurück, leckte sich die trockenen Lippen und schnalzte trübselig mit der Zunge. ״Du mußt ein wenig quetschen!“ neckte ihn Neche. ״Man muß etwas herbeischaffen, Neche,“ machte Baruch mit ernster Miene geltend, ״ein Menschenleben ist zu retten. Sieh doch, wie er zittert! ... Da hast du . . . Ich habe doch Geld bei mir gehabt! ... Da hast du drei Metallik! Spring zum Krämer hinüber, aber flink, nimm die Beine in die Hand! . . . Irgend so etwas — etwas Scharfes! . . .“ rief er ihr nach und stampfte mit seinem gesunden Fuß auf den Boden. *) Hebräisch erschienen bei Stybel, Warschau, 5685. — Siehe die Besprechung von E, Scholem in Nr. 21 der ״J. R,“ 9