Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 28 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 208 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 28 Allmähliche Veränderungen Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AO. Tel-Awiw, den 30. März 1927. Daß eine solche Hausse, wie es die vierte Alijah für Palästina war, und daß eine solche Baisse, wie es die nachfolgende Krise bedeutete, nicht ohne große Veränderungen über das Land hingehen würde, war jedem klar, der die Entwicklung der letzten drei Jahre verfolgte. Immer deutlicher kündigt sich für die nächsten Monate eine weitgehende Verschiebung auf verschiedenen Gebieten in Palästina an. In den letzten Wochen kam ein Problem ans Tageslicht, von dem man in den eingeweihterr Kreisen bereits lange wußte. In den Tageszeitungen erschien ein Protestbrief der Kulturkommission der Arbeiterorganisation (Waaclath Hatarbuth) gegen die Exekutive, da diese ihr mitgeteilt hatte, daß sie — entsprechend der prekären finanziellen Situation und der Kürzung sämtlicher Budgetposten zugunsten der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit — vorläufig nicht imstande sei, ihr das Budget für das zweite Halbjahr des laufenden Jahres (es handelt sich um mehr als £ 4000) zu bewilligen. Fast zur selben Zeit haben die Lehrer, die beim Erziehungsdepartement arbeiten, in einer Versammlung in Jerusalem die drohende Warnung verlauten lassen, daß sie die Schulen nach Zxtkch nicht öffnen könnten, wenn ihre finanziellen Forwe rangen (es ist bereits seit Monaten kein Gehalt mehr an «te Lehrer gezahlt worden) nicht wenigstens zum Teil befriedigt würden. Die offizielle Antwort der Exekutive steht heute noch aus. Aber schon kann man Voraussagen, daß, wenn die Antwort der Exekutive nicht in einem sofort zahlbaren Scheck besteht, die Situation im Lande durch diese Komplikationen sehr ungemütlich werden wird. Es handelt sich ja hier nicht um ein platonisches, noch so begeistertes Bekenntnis zum Kulturprogramm oder zur hebräischen Sprache, sondern um die Erhaltung bestehender Institute, um die Deckung laufender Ausgaben. Und zwar nicht um Institute und Ausgaben, die irgendein Luxusbedürfnis befriedigen, sondern um bitter lebensnotwendige Einrichtungen, ohne die eine Arbeit der nationalen Renaissance keinen Boden und kein Ziel hat. Obwohl dies niemand bestreitet, wird dieses Argument schon heute und wird in steigendem Maße in der nächsten Zeit von allen Seiten mit Nachdruck im Kampf gegen die Exekutive wiederholt werden; und doch verstehen die verantwortlichen Persönlichkeiten, die unter dem furchtbaren Druck der Verhältnisse beschließen müssen, das Kulturbudget stark zu kürzen und den Verpflichtungen gegenüber den Lehrern mu־ mangelhaft nachzukommen, die Notwendigkeit dieser Budgetposten sicher ebensogut wie irgendeiner von denen, die in Wort oder Schrift für die bedrohte Kultur eintreten. Man kann nicht Voraussagen, ob die Exekutive unter dem Einfluß der öffentlichen Meinung Palästinas und des Galuth nicht doch von einer scharfen Kürzung des Kulturtwdgets absehen wird — dies hingt natürlich von den Finanzen ab. Aber man kann, ohne ein Prophet zu sein, voraussagen, daß die Klemme, in die wir in der Kulturarbeit durch die Krise gekommen sind, auf eine Umorientierung auf dem Gesamtgebiet der Erziehungsarbeit wirken wird• Auch Im Lande mehren sich die Stimmen, die von der Notwendigkeit . .($re£k«!t einen größeren oder kleineren Teil dieser A»•־ gaben von der Zionistischen Organisation, abzuwüzen. Eine Situation wie die heutige, wo die Exekutive nicht einmal den Verpflichtungen für das laufende Jahr nachkommen kann, wird die Tendenz, das zionistische Budget an dieser Stelle zu entlasten, schärfer werden lassen. Zu bedauern wäre es jedoch, wenn solche Aenderungen improvisiert, unter dem Drange des Augenblicks und daher ohne die nötige Umsicht gemacht würden. Vielleicht ist gerade heute eine schlechte Zeit für solche (*durchaus einschneidende!) Umwälzungen. Sie sollten nicht unter dem Druck des Moments, sondern in der Einsicht der budgetpolltischen Umorientierung getroffen werden. Das soll gesagt sein, gerade für den Fall, daß in nächster Zeit keinerlei prinzipielle Beschlüsse auf diesem Gebiete gefaßt werden. Gerade dann sollte dieses Thema sowohl in der Oeffentlichkeit wie in den leitenden Instanzen zur ernstesten Diskussion stehen. H. Es wimmelt heute in Palästina von Delegationen und Delegierten. Da ist die Untersuchungskommirsion für die Zustande und die Verwaltung der ״Hadassa 11“, die mit Literaten Ober Zionismus Von Sch. Go r e 1 ik. Zum Wesen des nur geistreichen Literaten gehört es, daß er sich einer Idee oder einer gesellschaftlichen Bewegung nähert, ohne Gefahr zu laufen, irgendwie infiziert zu werden. Die sonderbare und sehr bequeme Immunität, die er genießt, entspringt der Gewohnheit, alle Ereignisse nur für nonchalante Bemerkungen zum Anlaß zu nehmen. Tänzelnd und Apercus hinschleudernd, bewegt sich der geistreiche Literat in der Welt der Ideen. Der einfache Sterbliche erhebt eine Idee manchmal zum Ziel seines Lebens, er liest ein Buch und wird darart aufgewühlt, daß er alles aufgibt, um einer Lehre zu dienen und sich für sie aufzuopfern. Dem Literaten passiert derartiges selten, er ist stets angeregt, aber selten ergriffen, er läßt die Ergriffenheit gar nicht an sich herankommen, da sein Beruf darin besteht, Anlaß zu nehmen und nicht lange an einer Sache, mag sie noch so groß und bedeutend sein, haften zu bleiben. Geschieht es aber, dann haben wir es nicht mit einem geistreichen Literaten mehr zu tun, sondern mit einem ernsten Schriftsteller, der von einer Idee gefangen genommen worden ist und leidenschaftlich für sie Partei nimmt. Holitscher kann als Beispiel in diesem Sinne dienen. Zuerst wahrscheinlich folgt er dem Wunsche seiner guten, naiven Seele, sich überall dorthin zu begeben, wo sich nach seinem Empfinden Neues und Gerechtes regt, dort sozusagen einen Höflichkeitsbesuch abznatatten und Gefühle der Dankbarkeit und Bewunderung auszudrürkeu: Ich grüße Euch, wackere Männer! Alsbald aber wird er selbst ergriffen, möchte in die Reihen treten, möchte als Oesinnun;t»fge!10sse angesprochen werden, weil er sich als solchen fühlt. Bei vielen kann diese stete Bereitschaft zum Enthusiasmus vielleicht ein Lächeln Hervorrufen. Indes mit großem Unrecht, denn in Wirklichkeit handelt es sich hier um eine sehr kostbare Eigenschaft, die der Literat selten, fast niemals besitzt. Ich blätterte vor einigen Tagen in einem kleinen Band Essays von Albert Ehrenstein (״Menschen und Affen“, Verlag Ernst Rowohlt, Berlin). Ehrenstefa ist ein begabter, Henriette Szold an der Spitze aus Amerika gekommen Ist, um das Verhältnis der amerikanischen Hadassah zu ihrer palästinensischen Institution und die Beziehungen der ״Hadassah“ zu der zionistischen Exekutive zu klären. Im Kielwasser dieser Verhandlungen taucht das Problem der Arbeiterkrankenkasse (״Kupath Chollra“) auf, das nach allem, was heute verlautet, auf mehr oder weniger einschneidende Umwälzungen der sanitären Arbeiterfürsorge schließen läßt Eine zweite amerikanische Delegation, aus Kaufleuten und K&pitalisten bestehend, ist dabei, in der Untersuchung der Bedingungen des Landes und in Verhandlungen mit verschiedenen Instituten und Körperschaften eine Basis klarzulegen, die eine Möglichkeit für Kapitalinvestitionen gibt. Ihr Interesse wendet sich sowohl der Industrie wie der Plantagen Wirtschaft zu. Die Arbeit dieser Delegation wird allgemein mit großem Interesse verfolgt. Palästina, das heute an einem riesigen Oeldhunger leidet, Ist geneigt, hoffnungsvoll auf jede Ziffer zu horchen, besonders wenn sie sechs oder sieben Stellen aufweist. Und da die Knappheit der nationalen Gelder leider so fühlbar ist, ist man geneigt, dem wankenden Privat kapital große Hoffnungen und vielleicht auch große Versprechungen entgegenzubringen. Mit diesem Interesse und diesen Hoffnungen geht eine geistige Umorientierung Hand in Hand, die mit sehr raschen Schritten vorwärts geht und bereits tief in den linken Flügel des Jiscbuw hineinreicht. Es gibt heute kaum eine Diskussion in Palästina, ob man das Land mit oder ohne Privatkapital bauen soll. Man fühlt oder sieht ein, daß diese Frage müßig ist. Noch ist zwar das private Kapital zum großen Teil nichts als ein winkender Schimmer am Horizont. Wir haben es in der Hauptsache mit Patrouillen und Vorposten zu tun. Aber Palästina fühlt, daß das Kapital kommen wird und muß und deshalb heißt die Frage nicht, ob, sondern wie. Was hat das Kapital für Aufgaben, für Möglichkeiten, welchen Rahmen und welche Bedingungen soll man ihm schaffen. Nur langsam wird heute der ganze Umfang und die volle Tiefe dieser Fragestellung klar. Die Ankömmlinge suchen sich zu orientieren, ob die ״Arbeitergefahr“ in Palästina so groß ist, wie man ihnen erzählt hat und das Land — mit Ausnahme einzelner Schichten -- sucht sie über dies« Gespenst zu beruhigen. Hand In Hand damit geht eine bedeutsame politische Umstellung. Das rechte Lager schließt sich gegen die Arbeiterschaft zusammen, und der linke Flügel beginnt langsam aber merklich seine Strategie zu ändern. Diese Aenderung setzt sich nicht ohne innere Kämpfe und Hemmnisse, aber mit der Sicherheit einer Notwendigkeit durch. Ein Symbol dieses neuen Kurses ist die veränderte Stellung der Arbeiterschaft oder auch nur eines Teiles von ihr zur Frage der Arbeitsämter. Zum ersten Male hat in den letzten Tagen das offizielle Organ der Histadruth, der ״Dawar“ einen Kompromiß Vorschlag für ein neutrales Arbeitsamt gemacht*). Der offizielle Kurs der Arbeiterschaft war bekanntlich bisher auf die Verteidigung der den Arbeiterräten a«gegliederten, nur der Arbeiterorganisation unterstehenden Arbeitsämter gerichtet. Es mag für jetzt genügen, diesen Vorschlag der Arbeiterschaft, der mit sehr großem Interesse aufgenommen worden ist, als Symptom zu erwähnen. Er wird der Ausgangspunkt sein für wesentliche Aenderungen auf sozialpolitischem Gebiete, die Möglichkeiten bieten ffln ein Zusammenarbeiten von* Arbeitern und Kapital auf einer Im Jlschuw offiziell anerkannten Grundlage. III. Zum Schluß sei noch auf eine Umwälzung hingewiesen, die sich in der Landwirtschaft vorbereitet. Wir erlebten vor zwei und drei Jahren im Lande den T a b a k - t a u m e 1. Er breitete sich aus und flaute ab. Heute stehen wir vor einer Bewegung, die man den Orangentaumel nennen könnte, und die weit ausgreifender zu werden verspricht als der des Tabaks vor zwei Jahren. Die Ausdehnung der Orangen-Plantagen ist bedeutsam als der Arbeitszweig, *) In ״Dawar“ vom 25. März veröffentlicht Berl Kazn e 1 s 0 0 einen Leitartikel über die Probleme der dritten Konferenz der Histadruth und formuliert dabei 9 Punkte in bezug auf das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wir haben das Problem bei Besprechung des Konfliktes wegen des Seminarbaus in Jerusalem mehrfach behandelt und werden Kaznelsons Vorschläge, die von der bürgerlichen Presse als Ereignis ersten Ranges begrüßt worden sind, noch im Wortlaut wiedergeben. — Red. auf den sich private Energie und privates Geld in allernächster Zeit in großem Ausmaße werfen werden, was eine Verschiebung des Schwerpunktes von der nationalen zur privaten Kolonisation zur Folge hat Wenn man den heute «!gestellten Schätzungen über die Ausdehnungsfähigkeit dieses landwirtschaftlichen Zweiges Glauben schenken darf, so liegen hier für den Augenblick große, vielleicht ungeheure Möglichkeiten. Ganz Palästina wird dieser Neuerscheinung Rechnung tragen müssen. Die Gewerkschaftsbewegung In Palästina Die ״Presseberichte des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Amsterdam“ enthalten in ihrer Ausgabe vom 29. März folgenden Bericht aus Palästina: (I. G. B.) Der zirka 23 000 Mitglieder zählende uewerkschaftsbund von Palästina, dem von kommunistischer Seite dauernd vorgeworfen wird, daß er die Organisierung der arabischen Arbeiter hintertreibe, schreibt uns, daß im Gegenteil alles getan wird, um die arabischen Arbeiter zu erfassen. Daß dies nicht im Handumdrehen geschehen kann, ist nicht auf den schlechten Willen des Gewerk- Schaftsbundes, sondern auf natürliche Schwierigkeiten kultureller und sozialer Art zurückzuführen, wobei die Zusammensetzung der Arbeiterschaft in den verschiedenen Industrien und Gewerben sowie der Stand und die Entwicklung derselben eine große Rolle spielen. In der Landwirtschaft, die in Palästina wohl der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist und hauptsächlich von Fellachen als Pächter von Grundstücken der Regierung und der Großgrundbesitzer betrieben wird, sind äußerst wenige arabische Lohnarbeiter beschäftigt. Auf industriellem Gebiet gibt es neben den Gewerben, die nach dem Kriege durch jüdisches Kapital gegründet wurden, nur die auf primitiver Stufe stehende arabische Seifen-, Zigaretten- und Tonwarenindustrie, die zusammen mit dem Klelnhandwerk nur einige tausend arabische Arbeiter beschäftigt. Arabische Arbeiter findet man ferner noch im Transportgewerbe (Eisenbahnen) sowie im Hoch- und Straßenbau und in den Häfen. Da diese Arbeiter zu einem großen Teil nicht seßhaft sind, ist es verständlich, daß ihre Organisierung große Mühe bereitet. Trotzdem ist es dem Gewerkschaftsbund bereits gelungen, eine beträchtliche Zahl dieser Arbeiter an sich zu ziehen. So sind z. B. 50 ״/o der Mitglieder des Eisenbahnerverbandes Araber, in vielen anderen Gewerben gibt es Anfänge arabischer Organisationen, denen von den jüdischen Arbeitern alle mögliche Hilfe zuteil wird. So wurde im vergangenen Jahr mit ihrer Hilfe da großer Streik ara* bischer Tischler und Schneider siegrdch zu Ende geführt: er brachte eine Herabsetzung der Arbeitszeit von 14 auf 0 Stunden, ln Haifa ist durch Vermittlung der jüdischen Arbeiter ein Klub arabischer Arbeiter gegründet worden. Endlich gibt die Landeszentrale eine Wochenschrift in arabischer Sprache heraus. Wie überall, so versuchen auch die Kommunisten in Palästina unter dem Deckmantel einer ״Einheitsbewegung“ die reguläre Organisationstätigkeit zu untergraben. Daneben unterhalten sie mit den arabischen Effendis, d. h. den Großgrundbesitzen! und Führern der reaktionären arabischen Nationalistenpartei, Beziehungen, deren Zweck nicht schwer zu ergründen ist. Auch hier lautet ihre Parole: Umsturz und Verwirrung um jeden Preis und unter Anwendüng jedes Mittels. W^zmann 8nl die ArbeUmdialf Ein Dementi Dr. Weiznunns. NewY0rk,25. März. (J. T. A.) Dr. Ch. Weizmann sandte dem ״Jewlsh Daily Bulletin“ das folgende Schreiben: ״Irii lese Im ,Jewjsh Daily Bulletin‘ eine der palästinensisehen Presse entstammende Mitteilung des Inhalts, ich hätte im Hinblick auf die Drohung der jüdischen Arbeiterorganisationen, ihre Vertreter aus der zionistischen Exekutive in Jerusalem zurückzuziehen, an Ben Gurion telegraphiert, daß, wenn die Arbeitervertreter zurückträten, auch ich meinen Rücktritt vollziehen würde. Ich stelle mit allem Nachdruck fest, daß ich seit mindestens sechs Monaten mit Ben Gurion in keiner Verbindung stand. Ich habe weder telegraphisch noch auf irgendeinem anderen Wege auf die Angelegenheit seines Rücktritts Bezug genommen.“ (Die Nachricht ist bekanntlich von dem revisionistisehen Organ ״Hazafon“ in Haifa fabriziert worden. — A. d. R.) geistreicher Literat, aber derart, daß man beim Lesen müde wird und sich gezwungen sieht, das Buch beiseite zu legen. In der Tat gibt es nichts Ermüdenderes als den stets Geistreichen, der in jeder Zeile danach trachtet, mit Extravaganzen des Gedankens und des Stils zu verblüffen. Merkwürdig ist nur, daß das Gedächtnis der Menschheit nicht an den allzu Geistreichen haften bleiben will, sondern an den Ernsten und Strengen, an denen, die Flucher und Mahner waren . . . In dem erwähnten Sammeiband von Albert Ehrenstein finden wir außer den Aufsätzen über die Reden Buddhas, über Liebe, über Balzac u. a. auch solche, die sich mit jüdischen Problemen, mit dem Zionismus befassen. Befassen ist nicht das richtige Wort, eher wird der Zionismus zum Anlaß genommen, um einige Fertigkeiten des geistreichen Literaten zu demonstrieren. Der Zionist möge sich all der Etappen der zionistischen Bewegung erinnern, er denke an die seelische j Glut, an den Enthusiasmus Unzähliger, für die der Zionismus; der Hauptinhalt ihres Lebens war, und höre dam! das Oei schwätz des geistreichen Literaten: t ״Exzessiver Zionismus scheint mir nicht der Weg zur | Erfüllung. Ein jüdischer Nationalpark, ein Idianerterritorium, i eine Reservation, in der statt wilder Bissons gemäßigte i 1s.achten verwahrt werden, etwa unter der milden Herrschaft < iues mittlerweile zum Dschiugiscohn avancierten kaiserlichen Rates und Großrabbiners, das wäre Flucht, Flucht ins Herbarium. Und neue freiwillige Kasernierung, Uniformierung des Judentums“. Wie sympathisch im Vergleich zu dieser kalten Phrasenj schwelgerei muß uns jener Wiener Journalist, der Freund ' Herzls, Vorkommen, der vor Sorge in Tränen au •Vach, als er! Herzl rettungslos dem Zionismus sich hingcre!! sah. Für , diesen gefühlvollen, ahnungslosen Assimilanten war die jü- 1 dische national« Idee etwas derart Ungeheuerliches, daß er im Emst an dem Verstand Herzls zu zweifeln anfing und bitterlich weinte, da er seinen Freund verloren sah. Bei Albert Ehrenstein hat man es nicht mit einem Gegner, dem die Irrlehre des Zionismus wirklich nahe ging, zu tun. Man darf sogar versucht sein anzunehmen, daß diese ganze Plauderei über Zionismus nur deswegen zustande kam, damit der Einfall mit ״Dschingiscohn“ nicht verloren geht. Die Sucht, originell zu erscheinen, das Laster des Jonglierens mit gfistreichen Einfällen, die durch ihre Fülle aufdringlich und er• müdend wirken, bergen in sich die Strafe für den Literaten, indem sie ihn die Armseligkeit und Abgeschmacktheit seine! Argumente nicht merken ließen. Welche Unvornehmheit ist doch diese Art der Auseinandersetzung mit einer Idee, die während der ganzen Zeit des Exils die Seele eines Volkes beschäftigt hat. Jehuda Halevi klagte umsonst. Es war ein Leichtsinn von ihm, seiner überaus gesicherten Position in Spanien den Rücken zu kehren, eine Pilgerfahrt nach Pa• lästina vorzunehmen, um dort von Sarazenen getötet zu wer• den. Und unvorsichtig war es von Herzl, Führer seines Volkes zu werden, mit der Jdee eines Judenstaates sich herumzuplagen, wo er doch eine gesicherte Stellung in der Neuen Freien Presse hatte. Vergebens all die Mühen der Idealisten, denn nach Ehrenstein ist Palästina ״ein überwundener Zustand. Sentimentaler Historizismus will neue Inzucht treiben, Blutschände mit dem Mutterlande". Selbstverständlich geht es auch bei Ehrenstein nicht ab, ohne die besondere Mission in der Welt zu erwähnen, die der Jude zu erfüllen hat. Er möchte ״den Juden, einen der besten Streiter für die Menschheit, aus dieser aufreibenden Dienstpflicht noch nicht in den vegetativen Ruhestand in den nabelber;baulichen, lebensfristenden Ackerbau entlassen, auf Milch- und Honigflüssen dahinzutreiben.“ Ehrenstein ist übrigens nicht der einzige, der in dieser selbstgefälligen Art eine Idee beschwatzt, IIja Ehrenbürg, der überaus talentvolle Literat, verfährt in ähnlicher Weise. Auch er tut den Zionismus lächelnd ab mit dem Hinweis auf jene jüdischen Patrioten, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wieso sie gerade schlimmer sein sollten als die anderen, und eigener Erde, eigener Hochschule;! und sogar eigener Polizei weniger würdig (״Ein Tropfen Teer im Honigfaß“, ״Uterarisehe Welt“ Nr• 10 von» Mir? 1927).