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Jüdische Rundschau · 1927-04-08 · Heft 28 (8.4.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 28 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 204 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 28 Religion auch bestimmte Menschen geben muß, sondern es oedeutet, daß die jüdische Religion, wie nun auch einmal ihr historisches Schicksal gewesen ist, nur in ein Volk sich eingesenkt hat, das ein Gefühl der Eigenheit und Abgegrenztheit in seiner Bezogenheit auf die Allheit niemals verlor. Daß dabei der theoretische Universalismus nichts von seiner Klarheit einbüßte, ist selbstverständlich. Wir haben den Kreis der religiösen Gedanken nicht verlassen; wir tun es auch nicht, wenn wir die praktischen Konsequenzen zu ziehen suchen, die sich aus dem hier beschriebenen Charakter der jüdischen Gemeinschaft ergeben. Wäre diese nichts als eine Summe von Bekennem des gleichen Glaubens, so ginge uns zutiefst nur das Schicksal der Idee an, die aus eigener Kraft heraus, ihr Leben in der Erhaltung ihrer Träger und vielleicht auch in der Eroberung neuer zu erweisen hätte; aber wir sind eben mehr: wir sind ein über die ganze Welt zerstreuter Stamm, der leben muß und soll. Daraus folgt, daß uns sein soziales und kulturelles Schicksal in ganz anderer Weise kümmert. Kein vernünftiger Mensch wird den Unterschied in der Lage und den Möglidikeiten der judenheit von Ost und West verkennen; niemand wird auch die Tiefe unseres Kulturzusamraenhanges mit dem deutschen Volke unterschätzen; aber wir fragen: was ist aus uns in den fünf Generationen geworden, seitdem die Etnanzipation im Westen eingesetzt hat? Und nun geht es uns nicht bloß um den Juden, es gellt uns vor allem um den Mensehen in uns. Haben wir uns dem deutschen Volke in seiner Gesamtheit assimiliert oder nicht vielmehr einer relativ geringen sozialen Schicht in ihm, den Gewerbetreibenden, den Kaufieuten und Rechtsanwälten, den Aerzten und im freien Beruf Stehenden, einem kleinen Ausschnitt aus der Volksgemeinde, die seelisch, geistig und — wie die Dinge heute liegen — auch körperlich nur bestehen können, wenn aus breiter Tiefe volkhaften Grundes frisches Blut und neues Leben ihnen zu fließt? Wir wollen gar nicht untersuchen, ob auf die Dauer Religion, irgendeine Re- Jigion mit dieser Geistigkeit heute noch vereinbar ist, wenn ihre Träger nicht fort und fort aus der Tiefe des Volkes sich ergänzen. Wir sehen aber, daß ■wir zugrunde gehen, wenn es uns nicht möglich ist, wirklichen Anschluß an ein breites und tiefes Volksleben zu finden. Der Zionismus ist ein großer Versuch, die Unnatürlichkeit eines verdorrenden Daseins in heroischer Anstrengung zu wenden. Wir begleiten das Aufbauwerk in Palästina darum mit herzlichster und tätiger Teilnahme. Wir sehen in ihm den Versuch, wenigstens für einen Teil des jüdischen Stammes, und sei es auch nur einen ziffernmäßig geringen, einLebenin voller Natürlichkeit zu schaffen. Wir sind gewiß, daß gar nicht lange Zeit vergehen wird, und der nationale lüde Palästinas wird ln vieler Hinsicht dem nichtjüdischqn Deutschen ähnlicher sein, als viele deutsche ,Juden ihren nichtjüdischen Mitbürgern; denn frisches Wirken in natürlicher Schichtung wird vieles glitten, was ein furchtbares Schicksal an uns gekrümmt hat wir hoffen von einem freien jüdischen Volksleben nationalistischer Verengung und Verkrümmung des freien un aufrecht Menschlichen, sondern die Kraft und den Willen zu einem freien gottgewollten Arbeiten und Atmen auf dem Mutterboden Erde. Nicht bloß in Erez-Israel; das soll unseren Blick nicht bannen. Wir sehen ja schon jetzt, wie erst seine Idee in dem Juden einen Geist der Natürlichkeit, der Ablösung von ausdörrender Intellektualität großgezogen, junge Menschen zur Religion der Väter zurückgeführt und auch bei uns Ackerbauer una Handwerker aus ihnen gemacht hat Wir schauen im Zionismus nicht das Schibboleth eines wütenden Streites zwischen deutscher und jüdischer Natior jwMÄ^i-vi^mehr 4» Symbol de* *st wlfAfererV*01kh*ftrE^«it,;z1t«^Ikbuche1i".ta. ein ursprüngliches und echtes Leben. Die Ansiedelung zehntausender jüdischer Familien auf den weiten Aeckern des Sowjet- Staates hat gewiß nichts mit den politisch nationalen Tendenzen zu tun, die sich auf Palästina kehren; aber wir müssen bekennen, es kann für den Juden, und zwar ganz besonders für den religiös erfüllten keine größere Freude geben, als diese, daß er es erlebt, unser Stamm ist doch noch nicht dürr und abfestorben, er lebt und treibt neue Blüten. Und gerade wir, ie wir als liberale Juden meinen, daß gar viel Staub und Schutt der Jahrhunderte uns den Zutritt zu unserem geistigen Out verbaut hat, die wir in Freiheit nach dem Spruch unseres Gewissens eine Verjüngung und Neubelebung unserer Religion herbeiführen wollen, — wie sollten wir anders denn mit tiefster, heiliger Freude auf dieses erhabene Werk der Neugeburt unseres Volkskörpers blicken? In der Nachmittagssitzung, in der die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, wurde die Debatte über die beiden Referate geführt. Dr. Elk (Stettin) führt aus, daß er sich in seinen religiösen Anschauungen als Schüler Seligmanns fühle. Ein inneres Verhältnis zu den früheren Kämpfen gegen den Zionismus besitze er nicht, er wisse von diesen Kämpfen nicht als Miterlebender. Es sei für ihn bereits selbstvcrständlieh geworden, daß die Blutsgemeinschaft der alleinige Boden der jüdischen Religion sei. Der altliberale Missionsgedanke habe sich für die Praxis als nicht gut brauchbar erwiesen; die Chaluziuth in Palästina aber sei pure Realität. Der Liberalismus muß4 Anschluß finden an die jüdische Volksgemeinschaft und im Sinne der nationalen Wiedergeburt wirken. Dr. Galliner (Berlin) führt aus, daß die Gegensätze der heutigen Tagung auf den Gegensatz von alt und jung hinauslauten. Er weist auf Dubnow hin, dessen Geschichtswerk er viele schöne Stunden danke; darin zeige sich ein anderer Zionismus als in Parteivercammiungen. Das Baecksche Buch sei grundlegend für unsere Auffassung von der jüdischen Religion, enthalt־׳ aber nichts von Zionismus. Man müsse dem Zionismus dankbar sein, daß er viele indifferente Kreise wieder der jüdischen Religion zugeführt habe. Die jüdische Religion aber müsse eine Weltreligion bleiben ohne nationale Verengung. Dr. Grünewald (Mannheim): Das Referat von Vogelstein enthielt eine freie Deutung der jüdischen Geschichte. Di« Frage ist aber, ob und wieweit man sich dabei von den wesentlichsten Grundlagen des Judentums entfernen darf. Diese wesensgemäßen Grundlagen behandelt Dr. Wiener. Bestimmen unter andern Stammes- und Blutsgeineinschaft das Judentum mit, so ist auch durch diese die geschichtliche lontinuität des Judentums mit bestimmt. Somit ist auch für das religiöse Judentum, ja gerade für das religiöse Judentüm, der praktische Zionismus in seine תו Rechte erwiesen. Aber auch aus einem anderen Grunde müssen wir uns mit dem Zionismus befreunden Er verändert die Wirklichkeit, er tut also das, wozu der religiöse Liberalismus in seiner bisherigen Gestalt nicht Imstande war. Der Zionismus macht uns zum Subjekt einer Veränderung unserer Lebensformen, uns, d. h. die Gemeinschaft aller Juden, die sich in der Verwaltung ihrer Ziele unter einer fremden ״Gesetzgebung“ fühlen. Der Zionismus, der die Chaiuzim aus sich entläßt, der die Wirklichkeit unserer Welt und die Umwelt unserer Wirklichkeit revolutioniert, wäre dazu nicht imstande, hätte er nicht religiöse Qualitäten. Eine religiöse Bewegung, die praktisch nicht wirksam wird, ist keine. Der religiöse Liberalismus wird die Indifferenten nicht besiegen, wenn er nicht gegen die Assirailanz mobilisiert. Damit ist die nächste Aufgabe des Liberalismus gekennzeichnet: Aus der rein akademischen Haltung herauszutreten. Die Erfüllung dieser Aufgabe kann unmöglich in Gegensätzlichkeit und Fremdheit zum Zionismus führen. Dr. Jacob (Saarbrücken) legt in eingehenden Ausführangen dar, was für ihn eine Synthese zwischen Judentum und Deutschtum sei und was ihn vom Zionismus trennt. Der Zionismus sei eine atheistische Bewegung. Dr. Maybaum (Bingen a. Rh.): Die Erörterung über die Stellung des religiösen Liberalismus zum Zionismus muß im Rahmen einer Rabbinerversammlung eine theologische sein. Unseres Amtes ist es, die geschichtliche Bewegung des Zionismus, in seinen innersten Motiven zu verstehen, und bei uns liberalen Rabbinern sind die Voraussetzungen vorhanden, diese Motive in ihren religiösen Zusammenhängen zu begreifen. Nicht unsere Abhängigkeit von der deutschen Umwelt darf für unsere Entscheidung über den Zionismus maßgebend _ sein, obwohl ich sehr gut weiß, daß diese Abhängigkeit die der echten Liebesgesinnung sein kann, sondern die jüdische Religion allein muß das Forum sein, vor dem wir unsere Stellungnahme zum Zionismus verteidigen. Der religionsphilosophische Ort, an dem der Zionismus in das theologische System des Liberalismus eingeordnet werden könnte, ergibt sich mit der Frage: Geschichtsbejahung oder Geschichtsverneinung. Herr Dr. Vogelstein hat solche Tendenzen der jüdischen Geschichte in den Vordergrund gedrängt, die geschichtsverneinender Natur sind. Es gibt sicher solche Tendenzen. Es bleibt nur unverständlich, wie vom Standpunkt des Liberalismus auf sie hingewiesen werden kann. Der religiöse Liberalismus will doch eine Renaissance des Prophetismus sein. Dieser aber ist aktive Geschichtsbejahung, im klassischen Prophetismus ist es Gott selbst, der das geschichtliche Leben lenkt. Fromm sein bedeutet, Vertrauensvolles Sich-Hingeben an die Ziele der Geschichte. Das jesaianische Wort: ״Wenn Ihr nicht glaubt, werdet Ihr nicht bestehen,“ ist gesprochen einer politischen Sit u a t i o n aus dem nationalen Leben gegenüber. Dieser prophetischen Begeisterung der Weltgeschichte gegenüber, die das Weltgericht ist, stellt gegenüber die kirchliche Frömtnigkeit, als psalmsingende Gemeinde sich zurückzuziehen vom geschichtlichen Leben, weil dieses geschichtliche Leben nicht in seinen Möglichkeiten gesehen wird, die es dem religiösen und sittlichen Handeln bietet. Wenn also der religiöse Liberalismus die Renaissance des Prophetismus ist, so hat er schon gewählt zwischen prophetischer Geschirhtsbejahung und kirchlicher Geschichts- Verneinung. Suchen wir eine Definition des Liberalismus, die die Enge aller Parteiprogramme hinter sich läßt, eine Definition, die die großen geschichtlichen Zusammenhänge ira Auge hat, so kann man sagen, der Liberalismus ist tue Auflösung der Tetnpeigemeinde. Der Liberalismus müßte sich untreu werden, wenn er die kirchliche Religiosität der Tempelgemeinde wählen würde. Er muß, weil er die Renaissance des Prophetismqs sein will, die Säkularisierung der Tempelgemeinde zur weltlichen V 01 ksgemeinde fordern, weil er nur unter dieser Voraussetzung seine religiösen Ideen verwirklichen kann. Wem es sonderbar scheint, daß eine Säkularisierung, also eine Verweltlichung auf Grund religiöser Motive gefordert wird, der sei erinnert, daß der Begriff einer ״weltlichen Sphäre“ einer jener kirchlichen Begriffe ist, die der Liberalismus aufs schärfste bekämpfen muß. Der religiöse Liberalismus, der den Prophetismus er• neuern *will, ■fcfiat ,־«* 'ib, ״nafch׳?'t»th־öSsch-lcöntemp|ati«r. Ärf sich in eine unbewegliche Religloifsgemfeinde zurückrtiztehen, während rings um uns geschichtliches Leben flutet. Wenn wir also auf Grund der Ideen des Prophetismus Ausschau halten nach Ideen, an denen der Genius der jüdischen Ge• schichte wiederum zur Aktivität erwachen könnte, so haben wir vom Liberalismus schon den Weg gefunden zum Zionismus. Aber es ergeben sich noch weitere Punkte, die zeigen, wie Liberalismus und Zionismus aufeinander angewiesen sind. Es handelt sich um die Erlösung des jüdischen Gesetzes, um die Befreiung der Religion, durch die Verbindung von religiösen und rituellen Vorschriften, die kollektiven Lebensnotwendigkeiten wahren zu müssen. Es erweist sich, daß alle Ablehnung des Rituals trotz der Genugtuung, die sie für die religiöse Innerlichkeit bedeutet, als eine Gefahr angesehen wird, weil das Ritualgesetz nicht in seiner religiösen Belanglosigkeit, sondern in seiner gemeinschaftsverbindenden Leistung gesehen wird. So sehr ich auch vom Standpunkt der religiösen Innerlichkeit die Ansprüche des Din, des Ritualgesetzes, als primitiv empfinde, so muß ich mir doch vor Äugln halten, wie das Ritualgesetz Einheit stiftete in einer Gemeinschaft, die das Schicksal der Zerstreuung betroffen hat. Erst wenn die gemeinschaft»- stiftende Leistung des Ritualgesetzes abgelöst wird von anderen Kräften, die gleichfalls Notwendigkeiten der Gemeinschaft zu wahren imstande sind, ist der Predigt der religiösen Innerlichkeit freie Bahn geschaffen. Erst wenn die säkularisierte hebräische Sprache, der moderne Nationalgedanke, die Idee Palästinas als eines gemeinschaftlichen Zentrums jene soziologischen Aufgaben übernehmen, die im jüdischen Mittelalter das Ritualgesetz erfüllt hat, kann sich die jüdische Religion auf ihr eigenstes Gebiet zurückziehen, kann sie mit gutem Gewissen die Verbindlichkeit, mit der sie das Ritualgesetz aus soziologischen Gründen umgab, fallen lassen und kann sich dann im Sinne des Liberalismus entwickeln. Noch ein letztes. Hinter uns liegt die bürgerliche Epoche des Liberalismus. Von seinen großen Leistungen für die jüdische Welt in diesem Kreise zu sprechen, ist unnötig. Die Frage für die Zukunft ist die, wie wird der Liberalismus eine Volksbewegung. Diese Frage ist eine Schicksalsfrage. Denn es gibt Probleme, die in Kommissionen und Aus- Schüssen nicht gelöst werden können. Das liberale Gebetbuch z. B., das wir wollen und das sich allein durchsetzen kann, muß seinem Inhalt nach liberal, seiner Form nach jüdisch sein. Damit dies der Fall sei, muß sich mit der liberalen Theoiogie die neuhebräische Dichtung verschwistern. Diese Verschwisterung bestand bereits in einem Teile der hebräisch schreibenden Haskaia, die von Mendelsohn ausging. Das liberale Gebetbuch ist nur ein Beispiel für vieles, wenn sich die liberale Theologie, die die Renaissance des Prophetismus will, verbindet mit den Kreisen, die die nationale Renaissance wollen, geht sie den Weg, der in ihren ureigensten Ideen angezeigt ist. Denn der Chaluz ist der jüdische ' n-rh, der nestenen kann vor den Idealen unserer Prophetn: ,•11.1 ■<«׳ :;ü; •..i^111n[1!1111s1m1111u1n111n1nn11111n111m1n11nnnn111nmnmnmnn1nmm1n111nt1m11n11n1n111m11nnu1 Oie nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau" erscheint wegen der Feiertage als Doppelnummer am Mittwoch, den <13. April 1337 Die Dienstag-Ausgäbe entlfillf. Dr. Baeeks Standpunkt Dr. Baeck: Einer Bewegung gegenüber kommt es vor allem darauf an, sie in ihren tiefsten Problemen und Motiven zu begreifen. Bei der Gegenüberstellung von Liberalismus und Zionismus macht sich ein theoretisches Problem geltend: Das Problem des ich. In aller Religion steckt ein Ich, das von ihr nicht loszulösen ist. In der jüdischen Religion gleichfalls, sie ist nicht zu lösen vom jüdischen Menschen. Hermann Cohen wollte diese Lösung durchführen, aber wir sehen heute, daß dieser Standpunkt seiner Theorie der Wirklichkeit widerspricht Der jüdische Mensch ist eine geschichtliche Wirklichkeit Alles Menschliche erscheint nur in der Form der Besonderheit In einer Gesamttheoiogie des Judentums könnte das Wesen des Judentums nur den ersten Teil bedeuten, dem als zweiter zu folgen hätte die Psychologie des Judentums, und als dritter ein solcher, der zu heißen hätte: der jüdische Mensch. Das Judentum ist nur zu verstehen aus der jüdischen Ges a m t h e i t. Es gibt 600 000 deutsche Juden. Gehörten wir nur zu ihnen, so wären wir blutarm. Wir gehören zur ganzen jüdischen Gemeinschaft Betrachten wir die sozioogische Struktur des deutschen Judentums, so müssen wir aussprechen: Wir sind Bourgeois. Und zugleich mit dieser Feststellung erhebt sich die Forderung, seelisch aus der Bourgeoisie herauszugeiangen. Religion einer Bourgeoisie kann es nicht geben, Bourgeoisiereligion ist Entartung. Ein Exponent des Veriangens, aus der Bourgeoisie herauszukommen, ist der Zionismus. Wir sprechen in unseren Predigten immer von der Erfüilung, von der Verwirklichung. Was verwirklichen wir denn? Die Sehnsucht, etwas zu verwirklichen, regt sich darum; auch sie spricht im Zionismus. Die jüdische Predigt unserer Zeit krankt daran, daß ihr eine Fülle von lebendigen religiösen Problemen fehlt, weil der Prediger nur den bürgerliehen Zuhörer vor sich meint. In Deutschland tritt gegenwärtig ein allmähliches Aufhören der bisherigen Orthodoxie In Erscheinung. Die Orthodoxie geht über in den Zionismus. Soll nun der Zionismus religiös nur durch die Orthodoxie gelenkt werden? Damit verurteilen wir den Liberalismus zur Ausschaltung aus einem Wesentlichen. Auch der Liberalismus muß im Zionismus für seine religiösen Ideale wirken. Auch mit dem Einströmen des QstJudentums nach Deutschland erwächst dem religiösen Liberalismus ein wichtiger Aufgabenkreis, dem er sich nicht entziehen darf. Die Frömmigkeit der Ostjuden ist Mifieufrömmigkeit Mit dem Fortfall des Milieus fällt leicht jegliche religiöse Gesinnung weg. Der religiöse Liberalismus könnte mit seiner Individualf römmigkeit hier erzieherisch wirken. Diese Einflußnahme ist aber unmöglich, wenn man diese Kreise durch antizionistische Stellungnahme vor den Kopf stoßen würde. Eine solche Stellungnahme ist dem Ostjuden einfach unverständlich. Ebenso unverständlich wie dem größten Teil der jüdischen Jugend In Deutschland. Antizionismus ist für diese heutige Jugend eine Art Scholastik. Wer den Zusammenhang mit der Jugend nicht verlieren will, muß sich das vor Augen halten: alt ist erst der, der den Zusammenhang mit der heranwachsenden Generation verliert Im Zionismus selbst geht eine sichtbare Wandlung vor sich, ein deutlicher Zug zur persönlichen Religiosität macht sich bemerkbar. Der Vorwurf des Atheismus ist ungerecht. Der Prozentsatz der Atheisten ist unter den Überalen Nachläufern vielleicht größer als unter den Zionisten. Für Palästina gilt die Frager Wie söU lieh dort das :: jüdische1 ILifa» etttwefctih־?.: ts4iriPfflsfina־,®fergebwwef®if einerseits der Orthodoxie, andererseits dem russischen Nihilismus? Hier erwachsen dem religiösen Liberalismus wichtige Pflichten. Man spricht von der Krisis in Palästina. Diese Krisis könnte aber auch vieierwärts eine Krisis im Judentum werden. Denn wenn die Enttäuschung in Palästina eintreten sollte, so könnte sie für viele zu einer Enttäuschung am Judentum werden, wenn nicht der Liberalismus durch sein von ihm bewiesenes Verstandnis für ihr Ideai bereit und fähig wäre, sie in seine Gedanken und seine Zuversicht auch eintreten zu lassen. Nprden (Elberfeld): Der Zionismus tut weder der Religion noch dem religiösen Liberalismus Abbruch. Die iiberalen Laien müssen von dem Rabbiner diesbezüglich aufgeklärt werden. Der Rabbiner darf im Wahlkampf nicht gegen den Zionismus wirken. Dr. Georg Wilde (Magdeburg): Religion und Politik sind voneinander geschieden. Der Rabbiner hat als Vertreter der jüdischen Religion weder zur Politik seines Heimatlandes noch zu einer anderen besonderen jüdischen Politik Stellung zu nehmen. Die Religion vertritt Gedanken und Gefühle, die Ewigkeitswert besitzen; die Politik verfolgt Unternehmungen, die zeitlich begrenzt sind, die scheitern können. Die Religion muß jede politische Aenderung überdauern können. Darum darf der Rabbiner die Religion nicht an politische Anschauungen oder Unternehmungen ketten. Es war falsch und hat sich als schädlieh erwiesen, daß vor etwa 25 Jahren die deutschen Rabbiner aller Richtungen sich im Namen der Religion gegen die politischen Bestrebungen des Zionismus erklärten; es könnte sich in Zukunft als ebenso falsch und für die Religion als schädlich erweisen, wenn die Rabbiner jetzt im Namen der Religion die entgegengesetzte Stellung einnehmen würden. Die Freiheit der persönlichen Einstellung muß jedem Rabbiner gewahrt bleiben. Dr. Fuchs (Chemnitz) spricht vermittelnd. Dr. Dienemann: Das deutsche Judentum werde durch die Auseinanderreißung in zwei Parteien gefährdet. Wir haben uns gegen die These zu wenden, daß Zionismus und Liberalismus Gegensätze sind. Dr. Appel: Wir sollen mit den zionistischen Religiösliberalen Zusammenarbeiten. Dr. Prinz bringt folgende Resolution ein: ״Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands hält es für notwendig zu sagen, daß religiös liberale Gesinnung keineswegs die Zugehörigkeit zur Zionistischen Vercinigung und die Mitarbeit am Aufbau Palästinas ausschließt.“ Die Resolution Nach einem Schlußwort der beiden Referenten Dr. Vogelstein und Dr. Wiener wird folgende von Dr. Wiener eingebrachte Resolution einstimmig angenommen: ״Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands erklärt, daß der Grundcharakter des Judentums religiös ist und bleiben muß. Sie lehnt jeden Versuch der Deutung des Judentums als eines ausschließlich nationalen Gebildes entschieden ab. Sie überläßt es dem persönlichen Verantwortungsgefühls eines jeden Einzelnen, welche Stellung er gegenüber dem Zionismus einnimmt. Sie hofft, daß die Besiedelung Palästinas in einem Geiste erfolgt, der eine Belebung der jüdischen Religiosität verbürgt.“

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