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Jüdische Rundschau · 1927-04-05 · Heft 27 (5.4.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 27 (5.4.1927)
Date
1927-04-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr, 27 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 199 — —..ו.. .....■.. M! — ■ .. ..■II....will.. Opfer sozialer Ungestalt Von Helene Hanna Thon. In Jerusalem gibt es ein Haus, in dem fünfundzwanzig Säuglinge in blütenweißen Bettdien liegen und dem Leben entgegendämmem. Wer die blond- und sehwarzkftpfigen Kleinen in ihrem frischen Leinenzeug, behü’et von ihrer Arbeit treu ergebenen Pflegerinnen sieht, der fühlt sieh umgeben von einer Atmosphäre von Geborgenheit und Sorglosigkeit, einem Jenseits von Leid und Schuld, das in einem beglückenden Gegensatz zur von Zweifeln verstörten'Außenwelt steht. Das Glück dieser Kleinen ist ihrte Ahnungslosigkeit. Wenn sie wüßten! Wenn sie wüßten,, woher sie kommen und was ihnen bevorsteht! Greifen wir aufs Geratewohl ein paar Schicksale heraus: Nummer ... Eines Morgens, als der aschkenarischc Oberrabbiner von Jerusalem aus seiner Haustür tritt, findet er auf den Stufen des Hauses ein Bündckhen. Als er es aufnimmt, erweist es sich als ein in seidene Stoffe gehülltes, ganz junges' Kind. Auf seiner Brust ein Zettelchen des Inhalts, daß dies aas rechtmäßige Kind von Eltern guter Erziehung sei, deren Not zur Zeit so groß, daß sie es nicht erhalten körnten. Nummer ... ist ein Gegenstück dazu. .Vor wenigen Wochen, als ein Arbeiter des G'-lu 1 in Jerusa’em' aus seiner Baracke ins Freie tritt, stößt sein Fuß an ein auf der Erde hegendes Etwas: ein neugeborenes Kind. Bei näherer Untersuchung des eingebündelten kleine:! Wesens findet man einen Zettel in gutem Hebräisch mit der Sitte, das Kind im Kinderhaus des Gdud aufrtmehmen. Nach eingehender Erörterung der Möglichkeit bringen Mitglieder des Gdud es iri das Säuglingsheim der Histadruth Naschi■n Ibrioth, wo es Aufnahme findet. -Am Tage darauf, als eine Genossin aus dem Bereich der Gdud-Barackep nach der Stadt zu geht, spricht eine Frau sie an und fragt, was aus dem gestern gefundenen Kinde geworden sei. Nach erhaltenem Bescheid geht sie eilig davon. Nummer . . . Ebenfalls ein Findiing. Ein Chauffeur sieht ln Haifa neben seinem zur Abfahrt nach Jerusalem bereiten Automobil. Da kommt eilig eine junge Frau mit einem Säugling im Arm auf ihn zu und fragt, oh ein Patz für sie frei sei. Der Chauffeur bejaht. Die Fremde ersucht, sie mitzunehmen und bittet den Chauffeur, ein paar Auge :blicke das Kind zu halten, bis sie eine notwendige Besorgung erledigt habe. Der Mann willigt ein, und dic\Unbeka״mte ׳entfernt sich. Der Chauffeur wartet mit dem Kinde •auf dem Arm, die Passagiere nehmen ihre Plätze ein, aber die Frau kommt noch immer nicht. Plötzlich wird es allen klar, daß sie überhaupt niemals wiederkomtrfen wird. Das Automobil muß zu seiner vorgeschriebenen Zeit abfahren, und da der Chauffeur das Kind nicht auf der Straße liegen lassen will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als es aufs Geratewohl nach Jerusalem mPzunehtnen. Hier wandert es wochenlang von Hand zu Hand, bis sich sichere Unterkunft bietet. Nummer ... Ein Einwandererpaar kommt ins Land. ...g Leai', die den drückendsten 'Verhältnissen in der .•׳■׳?,u .י.־"lohen sind und in Palästina ein twues..י eben b־׳ ginnen möchten. Die junge Frau trägt ein Ki.,d. Nach d . Ankunft stellt es sich heraus, daß sie zu denen gehöre׳!, ganz ungeeignet sind, die Schwieiigfarä’n des Kolonistenlebens zu ertragen; der Mann ist lungenkrank. Nun beginnt eine Zeit des Leidens, das Suchen nach Arbrit, das Versagen bei sich bietender Arbeitsmöglichkeit. Die Kräfte des Mannes schwinden Immer mehr dahin, die Nerven der jungen werdenden Mutter sind bis zum Platzen gespannt. Als das Kind erscheint, hält die überanstrengte Psyche der Frau dem neuen mächtigen Ansturm nicht mehr Stand: als eine psychisch schwer Erkrankte muß man sie von dem durchkdie Mutter bedrohten Kinde fortreißen. Der kranke junge Vater steht allein mit dem hilflosen Säugling . . . Nummer ... In einem der orthodoxesten Kolclim von Jerusalem gibt es in einem Hause eine geistig wenig entwickelte Tochter. Eines Tages wird die bekannteste Jerusalemer Aerztin dringend zu diesem Kolel gerufen. Als sie den engen Hof, darin sich Wohnung an Wohnung reiht, betritt, trifft sie dort einen Haufen schreiender Menschen, die den Eingang zu einer der elenden Wohnungen belagern. Drinnen liegt das Mädchen in Geburtswehen, und während das Kind sich ihrem Schoße entringt, saust es von allen Seiten durch die zersplitternden Fensterscheiben und ergießt sich über die Mutter und das soeben geborene Wesen. ״Steinigt sie!“ Und so weiter. Zu jedem der Bettchen des Säuglingsheimes ein Stück menschlicher Tragik, die noch nichts, von sich selber weiß, ln jedem Bettchen ein kleiner Büßer, der Und auch die Möglichkeiten des weisen Rabbi sind begrenzt. Ihm gelingt es ja nur, Golem (d. h. Diesseitiges) und Schern (d. h. Jenseitiges) aneinanderzuheften, zeitweilig zur Berührung zu zwingen, aber nicht fortdauernd zu verbinden. Die Schöpfung des Golem ist nicht die Schöpfung des Menschen. Der Golem ist nicht der künstliche Mensch; denn ihm fehlt, was den Menschen auszeichnet von allen Werken der Schöpfung: die Snrache. Der Golem hat keine Intelligenz; was er tut, entspringt dem Hirn seines Schöpfers. Im Golem nistet kein Trieb, weder zum Guten, noch zum Bösen. Es liegt etwas Tragisches darin, daß der Golem, der nur durch den vollkommene« Weisen, -durch jenen nämlich, der den unaussprechlichen GoHesnamen üh£r die Lippen zu bringen vermag, an sielt etwas U nvollkommeneä, ein im Dingliehen begrenztes Stückwerk ist. Der Akt des Golemschöpfens kann darum kaum über den einer magischen Manipulation hinausgehen. Dieser Erkenntnis ist wohl eine weitere, weniger bekannte, doch um so interessantere Variante des Mythos zu verdanken. Diese nämlich sagt aus, daß der Golem nicht ein aus dem Anorganischen geformtes und von dem Organischen (dem Hauche als dem Mittler des Sehern) belebtes Ding wäre, sondern ein Doppelgänger des Rabbi selber. Der Golem ist das gespaltete Ich Rabbi Löws. seine aus seinem Körper Herausgctreteue Seele, welche, in dr'inioniselWF Gestalt sichtbar und wahrnehmbar geworden ist, eben um die Mission des Heltens, des Rettcns zu erfüllen. , Held gliedert seinem Werke einen ״Exkurs über den Poppelgänger“ an und findet in ihm die tiefste Deutung des ganzen Problems. Es ist sicher, daß Hans Ludwig Held mit dieser Studie einen bedeutsamen Beitrag zur jüdischen Volkskunde geliefert hat, einen Markstein zur ״Wissenschaft des Golem״. Das Werk zeugt von einem erstaunlichen Wissen, einer riesigen Arbeitsleistung und einer begeisterten Hingabe an den schwierigen Stoff. Dies mögen dem Verfasser alle diejenigen danken, welchen die Sage vom Prager Golem mehr zu bedeuten hat, als eine nur interessante und unterhaltende 1 listorie. Erjist Toller liest am Sonnabend, den 9. April, abends, S Uhr, im Bürgersaal des Berliner Rathauses aus eigenen Werken. Eintritt 1 M. \ Die Tätigkeit des Arbeitsdepartements die, mehr oder minder große Schuld der Eltern abbüßt. Fälle wie die genannten und wie die ungenannten gibt es in jedem Lande und in jeder menschlichen Gemeinschaft, nur mag der Prozentsatz in einem neuen Lande mit einer zusammengewürfelten, unkonsolidierten Gesellschaft größer sein als anderwärts. Mfn kann diesen in jeder und besoncrers in einer neuen Gesellschaft unvermeidlichen Notständen gegenüber verschiedene Standpunkte eiimehinen: man kann sagen, daß die von vornherein physisch und sozial Beeinträchtigten zum Leben unfähig seien und sie zum Tode verurteilen. Das heißt in einer Anzahl dieser Fälle, daß man das auf der Straße liegende Kind liegen läßt, bis es verhungert ist, wenn nicht gerade zufällig christliche Missionsleute den Findling auflesen und ihn zu einem Hasser Israels erziehen. Oder man kann sagen, daß gerade hjer Institute notwendig sind, welche die Benachteiligten erhalten und für die Gesellschaft nutzbar machen. Nun aber zeigt sich das Ungewöhnliche unserer Situation: selbst wenn die palästinensische Ge-e’lschaft die Erhaltung solcher Existenzen wünscht, gibt es keine Stelle, die zu diesem Erbaltungswerke verpflichtet ist. Die englische Ve׳- vvaltung schafft k' ine sozialen Institute, die Stadtverwaltungen gleichfa'ls flicht. Die soziale Tätigkeit der jüdischen Gemeinden steht weit hinter derjenigen der christlichen und sogar mohammedanischen zurück. Und die Zionistische Organisation, nach der vielfach gerufen wird? Kann sie wi-küch ihre dem Aufbau gewidmeten Fonds derartigen Zwecken widmen und auch b ■i diesem Werk das ganze große östliche Proletariat, das sich an sie klammert, m׳tschleppen? Resultat: bis vor kurzem gingen ht-rii'Iuch solche unter einem bösen Stern geborenen Kinder /!! ׳runde oder vcrsehwnnden hinter den Mauern der Missionshäuser. Bis sich die paläsri,׳;■ nsische Frairaiorga'risali >!1 1 li tndruth N',1 c' i :1 Iari 11׳ dieser Ausgestoßenen, annahm und ihnen das .Säuglingsheim crrirhn'te. Eine volle Lösung des Problems konnten natürlich die über sehr beif.|^j||f .Mittel ve fügenden Frau׳*n nicht erzielen: sie konnten eine Unterkunft für fünfundzwanzig Kinder schaffen, i0ftr Mu'ewlen Herzeus geschehen lassen, daß die doppelte oder dreifache Zahl zugrunde geht. Diesen Fünfundzwanzig habe״ sie freiwillig ein Heim geschaffen, in dem alle Möglichkeiten « ihrer gesunder! Ent- Wicklung gegeben sind, wenigstens sie Säuglinge rificl — denn was spä‘.•::׳ aus ihnen wird, v׳eii|ö'sie dem Säuglingsheim entwa-hsen, H eine unbeautwOfÄfe oder ungenügend beantwortete Frage. , j Aber nua^e%|ft'.*ki1;;:^ieHureMbafe Frage: was wird, wenn — bei der schwierigen Lage in» Lande m l bei den ungeheure״ materiellen .Anforde die sie an jeden Ei:!- zelnen stellt — die privaten Mittel, aus dermn das 11 i׳n ׳'׳hallen wird,* versiegen? Was wird wvf.in — wie cs von Tag zu Tag dl# — der׳ Morgen kr i’mt, an dein man keine Nahrung mehr, für die kaufen kann? Man kann ein' Geschäft, תז\■ sorget*. ׳' «sstufi'e aufh'Len — wie aber lost man »'gr. 'heim auf? Legt man die aus ELndshjSp6.׳!׳•: :■'׳־'!pW ■atu.,naget oder von der Straße Auf- £׳ :i ״wo man sie gefunden bat? welche die Frauen der Histadruth Naschim Ibrioth, ״i: dieses •Werk begannen, weil niemand sonst es beginuca wollte und die es unter weit günstigeren als den heute «»'■ ■den:'Bedingungen begannen-,'• •vol^’ticfcj• Sorge *ici^uitd^der jödflcheSt“ Mrfwelt vorlegÄ1.'"";" '"''"י Hie WnderMrsorge in Palästina März. (J. T. A.) Dr. Umberto S a n o f t! Blanc ho, einer der bedeutendsten italienischen Fachmänner auf dem Gebiete der Erziehung, der einige Wochen i!1 Palästina zugebracht und die jüdischen Kolonien besucht hat, äußerte sich zum römischen J. T. A.-Vertreter über den Zustand der Kinderfiirsorge in Palästina wie folgt: Ich habe eine eingehende Enquete über den Zustand der Kinderheime und den pädagogischen Wert der Palästinaschulen durchgeführt. Es_ ist mir gelungen, in Palästina ein gemischtes Komitee für Kinderschutz zu gründen, in welchem Vertreter aller Konfessionen und Nationalitäten Palästinas sitzen. Den Vorsitz hat die Gattin des Colonel Symes inne. Ich muß bei dieser Gelegenheit meiner Bewunderung für die Lehrer in den jüdischen Kolonien Ausdruck geben, die mit Opferwilligkeit und Liebe ihren Aufgaben obliegen. Die Schulen in den Kolonien sind auf einer sehr vorgeschrittenen Stufd und sind den Talmudschulen alten Typs weit voraus. Rühmlich sind die schulhygienischen Bemühungen der Hadassali. Wir geben nachstehehd einen (stark gekürzten) Auszug aus dem Bericht, den Josef Sprinzak, der Leiter des Arbeitsdepartements der Palästina-Exekutive in einer Pressekonferenz des Keren Hajessod in Jerusalem am LI. März erstattet hat. Wir befinden uns in 1 inein Lande, das, anstatt ein Land der gegenseitigen Hilf« zu sein, ein Land der gegenseitigen Kritik ist. Ich rede im Namen des Arbeitsdepartements der zionistischen Exekutive, das ich als proletarisch»; Departement bezeichnen möchte. Die übrigen Departements haben mit Angelegenheiten und Kreisen von Menschen zu tun, die et*־as in der Welt besitzen; in meinen Arbeitsbereich fallen nur solche Finge und Personen, die nichts haben, weder Vermögen noch irgendwelche Basis, weder Boden noch Brot, jeder Ärb itslose und jeder Unterrichtslose, jeder Wohnungslose und jeder Brotlose, Dieses- Departement hat vor einigen fahren sein Programm festgesetzt. Ich erlaube mir, dies Programm kurz gefaßt anzuführen: a) l b-berftihrung neuer Einwanderer in produktive Berufe. b) Förderung der Fachausbildung der Arbeiter und Er* schließiin;; neuer Arbeitsgebiete. c) Förderung von Einrichtungen zur Entwicklung der wirfschafili׳ hen T.itigk׳ it und ihrer Selbstverwaltung. d) Erkielilerun־״ d׳.r Lage der Arbeitslosen. c) Sorge für die sanitären und kulturellen Bedürfnisse der Arbeiter. I) Informatorisch•■« Verkehr mit den Fimvanderungsinstitutioneii der ׳riomsfischen Organisation in allen Angelegenheilen d r Arbrttorcin Wanderung. In Wirklichkeit aber gibt cs mehr Aufgaben als im Programm verzeichn t sin׳!. Das Arbeitsdepartement kennt verschiedene Perioden, i's kennt einen Frierienszustand, Tage der Eroberung d r Arbeit, es gibt Zeiten, in denen man einen gewissen Zn:-tand in der Arbeit sicherstellen muß. und es gibt einen K!i :: :•:/׳.!stand, Zeiten der Defensive gegen die Offensive der Krise, Aber auch in den Friedenstagen hört die Sorge um di׳• Arbeitslosigkeit nicht auf. Die Tibi gl; eit d.s Arbeibdepartements in diesem Jahre ist in zwei Gebirie zu teilen: das Gebiet der Arbeit und das Gebiet d r Arbeitslosigkeit. Ich habe auf der letzten Sitzung des A.-C. ein Arbeitsbudget eingebracht, das zwei Teile enthielt, ein Budget für die normalen Arbeitsbedürfnisse, für Ding«', tue in k-.inem Zusammenhang mit einer Krise stehen; für di• normalen Funktionen des Arbeitsdeoartements Italic ich den Betrag von C 60 000 verlangt. Und ich habe auch ein Bud״ct zur Belriimnfung der Arbeitslosigkeit vorgelegt. Zur Zeit der A.-C.-Sitzung wurden die ersten An- Zeichen d r Krise sichtbar. Hierfür habe ich ein Budget aufgestellt, das damals groß erschien, das aber für die gegen- - wärtigen Verhältnisse ganz bescheiden ist, und zwar späten £ 75 000 zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bestimmt sein. Der erste Betrag wurde in diesem Jahre in Wirklichkeit auf £ 30 OOf) reduziert: (fi- Differenzsumme zwischen diesem Bctrag und den £ 6100f) wurde für die Erhöhung der Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verwendet. Was haben wir in diesem Jahre im Rahmen der regulären Tätigkeit des Arbeitsdepartements geleistet? Im Mittelpunkt der Tätigkeit des Arbeitsdepartements stand auch in diesem Jahre das Eindringen der jüdischen Arbeiter in die Kolonien. Als das Arbeitsdepartement mit den besten Kräften der organisierten Arbeiterschaft voll Sorge darüber war, wie inan neue Arbfctamärkte erobern könnte, - kamen ׳wir zu der Ueberzenguaf, keit, unsere Energien und unsere Mittel auf die Kolonien ‘ , lenken müssen. Dank den Anstrengungen des Arbeitsdepartements sind wir zu der großen Ziffer von 5000 Arbeitern in 0 e n Kolonie n gelangt, 5000 Arbeitern, die unter gewissen Verhältnissen die Hoffnung haben, sich in den Kolonien dauernd zu verwurzeln. Wir kennen das Problem; es konkurriert mit dem jüdischen Arbeiter in der Kolonie nicht nur der Araber, der für einen billigeren Lohn arbeitet, sondern auch ein Arbeüer, der sich i:1 bes־e״en ökonomischen Verhältnissen als er befindet. Der arabische Arbeiter, der Fellach, verrichtet in der Kolonie nur gelegentliche Arbeit: er hat aber daneben eine ständige eigene Wirtschaft. Ec ist kein Proletarier, sondern in einem gewissen Sinne selbst ein Bauer. Sein Verdienst in der Kolonie dient ihm als Zuschuß zu dem Ertrage seiner Wirtschaft. Wir sind nun zu der Ueber/eugung gelangt, daß wir dem jüdischen Arbeiter helfen und ihm, srinem Konkurrenten ähnliche, Verhältnisse schaffen müssen. Das Arbeitsdepartement hat in diesem Jahre in dieses Werk zirka CE. 18f>00 investiert. Der!Ölfische Arbeiter in dai Kolonien befindet sich?war au־h ietrt norh in ungemein schweren Existenzbedingungen. Worin drückt sich nun unsere Hilfe aus? Wir geben dein jüdischen Arbeiter die minimale Möglichkeit, sicli eine Wohnung zu verschaffen, wir geben ihm die Möglichkeit, sich Arbeitsgerät anzuschaffen. Eine Ballin-Btosraphie Peter Franz Stubmann: Ballin, Leben und Werk eines deutschen Repders. 12 Abb., 3 Faksimiles. Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin-Grunewald. Ein kleiner jüdischer Auswanderungsagent wird durch zähe Tüchtigkeit und Begabung der Führer des größten Schiffahrtsunternehmens Deutschlands, eine der ersten Pofenzen der aufsteigenden deutschen Wirtschaft, und bricht zusammen, weil er sein Werk vernichtet •sieht oder zu sehen meint; am Ende seiner Tage wird er wieder an seine ״niedrige“*Abkunft erinnert, zurückgestoßen und verdächtigt, nachdem er selbst infolge klareren Blickes viel unter dem Unverstand einer entfesselten Furie gelittel! hat': das ist das Los Albert Ballins. Ein richtiges Judenschicksal ereilte diesen einflußreichen, hochgestellten Mann schließlich doch, obwohl er sich so vom Judentum entfernt hatte, daß sein Biograph von ihm ״rühmen“ kann, sein Unternehmen habe keinen jüdischen Angestellten gehabt. Die Biographie Ballins ist nicht nur die interessante Geschichte einer tatenreichen und ereignisreichen Laufbahn!• nicht nur ein Stück Zeitgeschichte und Wirtschaftsgeschichte, sondern ein Beitrag zur Erkenntnis der eigentümlichen, schicksalhaften Stellung der Juden im deutschen Leben. Stubmann berichtet über Ballins Herkunft aus Dänemark, leider wird der Stammbaum nicht über den Vater hinaus verfolgt; dem Vater liamuel loel Wird der Erwerb eines Grundstückes Jn Hamburg als ״Israeliten״ versagt; auch dem Sohn bereitet sein Judentum vielfache1 Hindernisse. Aber gerade als Jude vielleicht sieht Ballin schärfer den Wahnsinn der zum Kriege treibenden Politik, er versucht immer wieder die Verständigung mit England zu vermitteln — durch Sir Ernest Cassel! Jüdische Beziehungen hätten vielleicht den Krieg verhindern können, hätten ihre Träger mehr vermocht; aber die anderen Mächte waren stärker, und schließlich kam der Moment, wo der ״jüdische Krämer“, nach allen glänzenden Ehrungen, in Verachtung fallen mußte vor dem Ideal des heldischen Kämpfers, dem dann auch die Welt ausgeliefert wurde. Stubmanns Buch, das auch viele Originalbriefe Ballins bringt, ist ein ergreifendes Dokument. tr. } Ein Museum des ״Bund“ Das Genfer Museum der jüdischen Sozialdemokratie Ruß- | lands (״Bund"), das Dokumente zur jüdischen Arbeiterj hewegung in Rußland aus den letzten 50 Jahren enthält, ist ׳ kürzlich nach Berlin übergeführt worden. Ein kleiner Stab von Fachleuten unter Leitung von Franz K u r s k i sichtet zurzeit das reiche Material. Alan hat zunächst die ältesten Kisten geöffnet und fand darin einen umfangreichen Brief- W echsel des in *den siebziger Jahren des vorigen lahrhunderts bekannten jüdischen Revolutionärs S תנו dcl e w i t s ch , der in London lebte. Im Archiv sind auch die ersten Nummern der illegalen sozialistischen Propa1:;:!ndaprca:e Rußlands aufbewahrt. Eine Sonderabteilung bilden OrigiiTjjlbriefe bekannter Sozialistenführer, darunter Lenin, Tschitscherin, T r o t z k i, Sinn w j e w , P I c c h a n o w , Mario w. Auch Briefe an und über den Priester Gapon sind im Archiv vorhanden. Sehr umfangreich ist die Korrespondenz über P i I s 11 d s k i, die u.;י• Briefe Dershinskis und M a r c 111 c w s k i s aufweist. t Sonderbar mutet heute ein Originalbrief Mussolinis an, worin dieser bestätigt, von Angclica Balabanowa revolutionäre Literatur für einen ifidisehen Arbeiter erhalten zu haben. Ferner liegen Hunderte von Briefen gefangener Revolutionäre aus den Kerkern Rußlands und aus Sibirien an dis Auslandskomitee des Bundes vor. Interessant sind überall die gelben Flecke in diesen Schreiben: sie rühren daher, daß zwischen harmlosen Zeilen mit chemischer Tinte geschriebene geheim•: Mitteilungen standen. Um den Text sichtbar zu machen, mußt■*״ diese Stellen über einer Flamme erwärmt werden. Auch Bildnisse hingerichteter russischer Revolutionäre und Andenken an sie bewahrt die Sammlung auf. Ein dünnes, in schwarzes Leder gebundenes Heft birgt das Original der Gründungsurkunde der ersten jüdischen sozialistischen Gruppe vom 20. Mai 1876 in London. 1 Vom 3. bis 7. April d. J. findet in Köln eine Ausstellung unter der Devise ״Die jüdische Frau und das jüdische Haus“ statt. Es soll der jüdischen Frau gezeigt werden, wie auch im modernen Heim in geschmackvollster Form die jüdischhistorische Note erhalten werden kann. Die Ausstellung wird von den Bnei Brith-Logen, und zwar von den Schwesternbünden in Köln, veranstaltet.

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