Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 100 JUEDFSCHE RUNDSCHAU Nr. 2t Gesinnung ein Ausgleich gesucht werden sollte — ich setze gleich an die Spitze meiner Ausführungen die These, daß keiner Seile ein Gesinnungsopfer zugemutet werden darf —, sondern es handelt sich darum, Mißverständnisse auszuräumen, Zwistigkeiten hciaiiegen, UebelwoÜendc ihres Einflusses zu berauben. die einenden .Momente starker zu betonen und den Aufgtthenkrtis fesl/ustellen, innerhalb dessen gemeinsame Energien^eingesetzt werden könnten. Kein Zweifel, daß auf tlicst-m Wege nicht nur eine Festigung unserer Stellung im Staate sowie im Kampf gegen unsere Gegner gewonnen werden könnte, sondern daß auch die Parteien selbst daraus Nutzen ziehen würden. Uns Zionisten verbindet in den Gemeinden mit den Konservativen eine gewisse politische Freundschüft nicht deshalb, weil etwa die Mehrheit der dentscheu Zionisten in religiöser Hinsicht auf konservativem Standjinnkt stünde, sondern weil diese Partei gleich uns die Treue ziir fraclition,- dcn_ Sinn für die Bedeutung des Hebräischen, das. Verständnis für den Aufbau Palästinas und für die jüdische Schule betätigt. Die Liberalen sollten bedenken, (laß sich in unseren Reihen zahlreicher Menschen religiösliberaler Gesinnung finden, die den Weg zu ihnen nicht finden konnten, weil die liberale Pari ei es meist als ihre Aufgabe, ans,ah, dem Zionismus allenthalben Schwierigkeiten zu bereiten. Andererseits haben wir ein Interesse daran, die Pflicht zur Mitarbeit am PalästinaaufbaU auf die Schultern der gesamten jtidenheit zu legen. Wir wissen, daß für diese Idee auch in Ihren Reihen Stimmung vorhanden ist, und daß eine, solche vielfach geweckt werden kann, wenn Miß- Verständnisse beseitigt und die Treibereien gewisser Kreise ausgeschaltct werden können, die ein Interesse daran haben, den Zwiespalt klaffend zu erhalten. Diese Fragen sollten eigentlich vor einem Forum der deutschen Juden behandelt werden; da wir. eine solche Tribüne nicht besitzen, muß cs hier auf der Tribüne des preußischen fudentums geschehen. Zuvor soll die Situation in der Berliner Gemeinde gestreift werden. Diese Sache hat auch für den Landesverband ihre Bedeutung; denn wenn in einer Gemeinde, die ein Drittel aller deutschen Juden umfaßt und deren Finanzkraft das finanzielle Rückgrat des Landesverbandes ist, eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnissc eintritt, so kann das für das Geschehen innerhalb des Verbandes nicht ohne Bedeutung sein. Uebrigens scheint mir, daß, wenn nach siebzig Jahren ein Wechsel im Gemeinderegime eintritt, dieser Moment der historischen Bedeutung nicht entbehrt, und es sollte Aufgabe der Redner bei der allgemeinen Aussprache sein, sich zu jüdisch-geschichtlichen Vorgängen zu äußern. Die neue Mehrheit in Berlin wird nun bald Tatsache sein. Aut die liberalen Proteste hat die Aufsichtsbehörde gewisse Nachprüfungen angeordnet, über die wir im Gemeindevorstand noch hinausgegangen sind. Voraussichtlich werden bei dieser Nachprüfung einer Wahl, bei der es eine Wählerliste von zirka 130 000 Wählern und eine Wahlbeteiligung von etwa 00 000 gab, ״egen 100 Stimmen nachträglich zu kassieren sein. Sie werden zugeben, daß die moralische Integrität und Rechtmäßigkeit dieser Wahlen gar nicht in Vergleich gestellt werden kann mit der der Wahlen zum preußischen Landesverband, gegen die bekanntlich von keiner Seite Protest eingelegt worden ist, trotzdem schwerste prinzipielle Verstöße gegen die Verfassung erwiesen waren. Nach Berlin und Köln hoffen wir auf weitere Wahlsiege in den jüdischen Gemeinden. Was wird die Folge dieser Siege sein? Die Aufrichtung eines Parteiregimes? Ein solches hat es?.war in den Iiberalen Groflgemeinden jahrzehntelang gegeben und gibt es heute noch in krassester Form in jenen deutschen Gemeinden, in denen sich dauernd Bestrebungen regen, ein Ausnahme- Wahlrecht einzufülvreu oder das Proportionalwahlrecht zu verweigern!*b er:w o! Icn di e Par rtä t « wir nehme» w׳•/ ״;«?dat 4z Äncr, äewähfttf. a Parität und Demokratie sind Ideen, die ans unserer Anschauung von der Einheit des jüdischen Volkes fließen, innerhalb dessen wir jegliche Art der Differenzierung für möglich halten. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß jedes jüdische Bedürfnis, das in einem größeren Kreise empfunden und geäußert wird, von dem Verwalter des gemeinsamen Besitzes befriedigt werden muß. Wir sind keine kirchlichen Oberrichter und Inquisitoren, die im Besitz der allein seligmachenden Weisheit sind. Werden jüdische Schulen von einem größeren Kreise von Gemeindemitgliedern verlangt, so müssen sie gegeben werden. Ebenso, wenn ein chassidischer oder sephardischer Gottesdienst verlangt wird. Und wenn wir hier von Ihnen einen besonderen U 111 e r r i c J11 s a u s s c h u ß verlangt haben, so stand Ihnen nicht das Recht zu, zu entscheiden, ob diese Forderung gut oder böse ist, sondern es bedeutet bereits eine Verletzung der Parität, wenn die Frage der Berechtigung einer bestimmten Gesinnung überhaupt geprüft wird. AI! das, was ich ausfütirte, kann natürlich nicht ausschüeßcti, daß wir gewisse Residuen des Parteiregimes beseitigen und unerfüllte Forderungen nachträglich erfüllen werden. Namentlich gilt das auf dem Gebiete der Schulpolitik, wo es viel nachzunelen gibt. Nach dem Stande der Konkordatsfrage wird diese Angelegenheit ohnehin bald akut werden. Ueber den Charakter unserer Schufe'n sind geradezu ungeheuerliche Vorstellungen verbreitet, obwohl cs. jedem freisteht, sich am lebenden Objekt über die Wahrheit zu unterrichten. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen jüdischer Schule und jüdischer Schule, und schon die quantitativ.e Frage kann z. B. beim hebräischen Unterricht zu einer qualitativen Differenz führen. Der Geist der Parität müßte aber auch in den großen Organisationen herrschen. Hier rückt die Frage der Unterstützung unserer Palästinalorderung . in den Vordergrund, denn gegen sie hat sich stets der konzentrische Angriff unserer Gegner gerichtet, Es ist kaum zu gfauben, weiche Ammenmärchen auf diesem Gebiete Glauben linden und wie groß die Zahl der Mißverständnisse ist, die hier hinwegzuräumen sind. Gelingt dies aber, so wird sich in vielen von Ihnen eine uralte Neigung, die ein Erbteil Ihres Blutes jst, von neuem regen, die aber bisher von einer schematisch auf das Judentum angewandten politischen Doktrin verdrängt worden ist. ich muß mich an dieser Stelle auf einige Stichwörter, auf kurze Erklärungen beschränken. Da gibt es zunächst den Kampf gegen die ״politischen“ Grundlagen unserer Bewegung, obwohl es nicht schwer sein kann zu begreifen, daß eine Massenkolonisation unter de!1 komplizierten pojitischen Verhältnissen des vorderen Orients nicht anders als mit politischen Mitteln bewältigt werden kann, ja daß gewisse politische Voraussetzungen hierfür geradezu erforderlieh sind. Vielleicht werden manchem die Augen aufgegangen sein, der die Moskauer Rede K a 11' n i 11 s" über die" Krimkolonisation gelesen hat. Wir können auch keinen grundsätzlichen Unterschied darin erblicken, daß man auf der einen Seife die nationalkulturellen Forderungen in den Vordergrund stellt, während die andere Seite die jüdischen Massen ihrer eigenen kulturellen Entwicklung überlassen will — es sei denn, daß man giaubt, die spontane Entwicklung solle oder werde zu einer Anpassung an das Levantinertum oder an die Araber führen. Manches Bedenken wird in Nichts zerfließen, wenn Sie diese Fragen nicht mehr theoretisch oder polemisch oder parteimäßig oder dialektisch erörtern werden, sondern wenn Sie selbst in der harten und verantwortungsvollen Arbeit stehen werden. Dann werden Sie auch von dem Ewigkeitshauch, der diesen Problemen anhaftet, berührt werden. ich muß hier unsere alte Versicherung wiederholen, daß unsere Anschauungen mit Staatstreue und Staatsgesinnung in voljem Einklang stehen. Wir überlassen es einer angeblich liberalen Presse, für die Deutschen in zahlreichen euro- : päischen Ländern mindestens die kulturelle Autonomie zu fordern, uns gegenüber aber von ״zwei Vaterländern״ zu sprechen, ohne zti bedenken, daß das z. B. für die Deutschen im Trentino eine gefährliche Redewendung ist. Sie haben sicher nicht verkannt, daß die psychologische Wirkung der Gründung des Pro Palästina-Komitees aut die deutsche Judenheit eine tiefgehende gewesen ist. Hier konnte der jüdische Bürger beobachten, welche Rück- Wirkung die produktive ji;;*;v:'r: Leistung auf die Achtung der Völker vor Juden und Judentum au&übf, und er mußte sich sagen, daß an dem ihm von liberaler Seite immer wieder vorgetragenen Anklagen gegen den ״staatsfeindlichen Zionismus“ nicht alles stimmen könne, wenn sich höchste Staatsbeamte und Parlamentarier von Breitscheid über das Zentrum bis zu Hoetzsch für den zionistischen Palästina-Aufbäu einsetzen. ich brauche hier nicht die Minner zu chafakterisieren, die offenbar jene Staatsmänner für naive und irregeleitete Kinder :.hielten, denfca»^'sie'aeittc6elehr1fngrtoe:r.J*S,:?; ׳W|lr־f^i|^€t;l*^Ä¥nhünt9״Steplcn';rin<l 1i!ħWr>iiL -׳äk '• kommen lassen mußten. Zum letzten möchte ich die Legende von unserer artgeblichen Forderung nationaler Minorilitsrechfe zerstören. Wir vertreten die auch von Eugen Fuchs akzeptierte Formel: Wir erheben diese Forderung dort, wo Juden in Massen siedeln und wo sie glauben, sich durch Minoritätsrechte vor der Vergewaltigung durch die . Mehrheit oder vor den Gefahren einer einseitigen nationalen Bindung schützen zu können. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, stirbt diese Forderung an ihrer eigenen Unsinnigkeit. Es fehlen für sic, wie wir vor wenigen Tagen in der Presse wiederholt haben, ebenso im Aufbau des deutschen Staates wie in der Gliederung und Verteilung der Judenheit alle Voraussetzungen. Uns genügt in Deutschland jene Autonomie der Gemeinden, die uns durch den Artikel 137 der Reichs- Verfassung gewährleistet ist. Aber mit dieser Legende ist für den naiven Bürger ein Zionisfenscnreck auf gerichtet, worden, geradeso wie mit der Vokabel ״Voiksgemeind>e“, die nichts anderes ausdrücken sollte als das Programm der Befriedigung aller jüdischen Bedürfnisse durch die jüdische Gemeinschaft und den Protest gegen die mijüdiscly Verkirchlichung und Konfessionalisierung der alten Kebilla . . ... Wir. glauben an die M ög Lieb k c i t e i n-e r V-er ä-t ä-n־g digung. Sie ist aber, wie schon zu Anfang gesagt, a:1 die: Voraussetzung gebunden, daß keine Seite von der anderen ein\ Gesinnungsopfer verlangt. Besorgnisse, wie die oben er-1 wähnten, können zerstreut werden, praktische Fragen könnciv \ gemeinsam gelöst werden, über all das gibt es Aussprache \ und Verständigung, aber über Fragen wie die, welche. Vo r- 1 Stellungen wir von der Zukunft des Judentum,s und des jüdischen Volkes haben, darüber kann doch kein Kompromiß geschlossen werden. Wenn cs Kreise geben sollte, die glaubten, daß wir etwas von unserer Ideologie opfern würden, so müssen deren Illusionen zerstört werden. l>ie von manchen unserer Gegner so genannte 0!ז o I u s t h co r! e׳‘ abschwören, hieße: den Zionismus abschwören. Diese Ihtoric ist die ״Theorie“ des Jesajas, des Micha und der anderen Propheten, auf die Sie sich ja bei der Vertretung Ihre!- religiösen Anschauungen besonders gern berufen. Redner führt einige hebräische Zitate an und fährt fort: Es' hieße den Sinn dieser Worte künstlich verrenken, wenn man ihnen einen anderen Sinn unterschieben wollte als den klaren Wortsinn, der unserer jüdischen Anschauung entspricht. Ich habe nichts dagegen, daß Sie den Worten der Propheten widersprechen. Daß wir aber unseren Glauben, unsere Anschauung, unsere Hoffnung nicht zum Vcrhandlungsobjekt degradieren werden, darüber soll Klarheit herrschen. Nichts anderes erwarten wir vom deutschen Judentum, als daß cs sich — wie das ainerikanische Judentum zum Jewish Agciicy-Gedankeu —, zu,« Gedanken der B ü ndnispokitik bekennt. An diesem Werk können wir als gleichberechtigte Gruppen gemeinsam schaffen. Es ist unsere Ueberzeugung, daß die Mißverstand-, nissc, die Sie heute noch an der Mitarbeit hindern, bei gegenseifiger wohlwollender Aussprache beseitigt, werden können.. Die Erörterung der auf der Tagesordnung stehenden Punkte soll der Spezialdebatte überlassen bleiben. Ich habe nur zur Hauptfrage zu erklären, daß wir keiner Verschlechterung gegenüber den Bestimmungen des alten preußischen Judengesetzes von 1847 zustimmen werden, das uns immerhin, gewisse Kautelen gegen Ausnahmebestimmungen in den Gemeindestatuten gegeben hat. Wir werden auch keinerlei Bc- Stimmungen dulden, dje gewisse Gruppen unserer Gemeindemitglieder schlechter stellen sollen als die gleichen Gruppen in den christlichen Religionsgemeinden. Zum Schluß geht Redner auf die . Gesamtorganisation der deutschen Juden ein. Eine solche Organisation zu wünschen, scheint die Stereo typische Formel der Etatsredner _ werden zu sollen. Wir glauben aber, daß es höchste Zeit ist, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Es gibt Gruppen im deutschen Judentum, die es zwar wünschenswert fänden, eine Verbindung der hestehenden Landesverbände herzustellen,> die sich aber vorerst auch mit dem bestehenden Zustand abfinden würden. Uns ist der Landesverband aber nur ein technischer Notbehelf, dessen wir zur Verteilung der Subsidien an leistungsschwache Gcmeinden bedürfen. Für die Behandlung der großen jüdischen i Fragen erkennen wir nur das deutsche Judentum als zuständig an. Deutsches Judentum ist ein historischer Begriff, preußisches Judentum nicht. Nur das deutsche Judentum ist uns ein vollgültiger Bestandteil des Gesamtjudentums. Wir erkennen den Primat der Landesjudentümer nicht an und weisen den Partikularismus, der ein altes Erbübel der deutsche» Politik ist, al$ ein fremdartiges Element schroff.zurück. Wenn, wie wir hoffen, sich das preußische Judentum mit.#»,.kiejncji L Ndfdstäat«!; * den* Hänsestldten |tnd ■ mit Sachsen »Sv deutschen Juden, die sich ebenfalls zusaAfe«ng6®ShlfllSiÄ haben, ein Ausgleich gefunden werden. Wenn aber nicht; so sehen wir das Bild nicht so, daß sich etwa Norddeutschland und Süddeutschland gewappnet gegenüberstehen, sondern nach unserer Vorstellung stehen hier neunzig Prozent der deutschen luden gegen zehn Prozent, und wir glauben, daß die neunzig. Prozent im Konfliktsfalle die Pflicht haben, die Zügel selbst zu ergreifen und auf unanfechtbar demokratischer Basis die Gesamtorganisation der deutschen Juden zu errichten. Hier ist kein Raum für ein bevorzugtes Stimmrecht kleiner Gruppen, die da glauben, aus ihrer deutsch-politischen Differenzierung heraus besondere Interessen schützen zu müssen. Eine solche deutsche Tribüne brauchen wir. Wir wollen den Frieden im Hause, wollen die Verständigung, wollen gemeinsame Arbeit und gemeinsame Abwehr, wir wollen aber nicht die geistige Auseinandersetzung innerhalb des Judentums unterbinden. Im Gegenteil, wir wollen sie auf die weithin sichtbare Tribüne des deutschen Judentums verlegen und überlassen es jeder Gruppe im deutschen Judentum, an ihren Sieg zu glauben. Wir wollen friedliche, gemeinsame Arbeit, aber geistigen Kamp!. (Leb-( *hafter Beifall bei der Volkspartei.) voll von Einfällen und süßer Sabbatausgangsstimmung, vom Chor sehr eindrucksvoll vorgetragen. Nun, und nicht zuletzt, noch ein Wort über den hervorragenden Solisten des Abends, Oberkantor Alter aus Hannover. Er irug mit am meisten zum Gelingen des Ganzen bei. Alter ist ein ebenso bedeutender Sänger wie ein raffinierter herrlicher Koloratur-Chasen. In allen Solls und in zwei wunderschönen, auf dem Boden chassidischer Tradition und Intuition gewachsenen Gesängen eigener Komposition bot er Prachticistungen der Kunst und des Nussach. Sein Piano, seine wundervolle Miticlfage, sein zu Herzen fliegender Ton und seine Verve müssen mit großem Lob hervogehoben werden. Neben ihm machte sich durch prächtiges Altmaterial und gute Musikalität Fräulein Hilda Lind angenehm bemerkbar. — Herr Musikdirektor Johannes Senffieben vertiefte sich verdienstvoll in den fremden Stil, und Herr Gonski imprövisierte fast mit gutem Geschick als Begleiter am Flügel. Der Chor bot eine hingebende Leistung, und Winawer wird seit diesem seinem Debüt zu den berufenen Interpreten synagögalcr Musik gezählt werden müssen. * Das zweite Konzert der vornehm-rührigen Komponistin und Pianistin Alice jacob-Loewenson brachte wieder Modernes, nicht Ällzumodernes, nämlich außer Sephardischen Liedern von Frau Jacob-Locwenson, Gesänge voll Alexandrow, Wiener und Milhaud, jedesmal von einigen charakteristischen Klavierstücken geschmackvoll eingeieitet, Auffälliger Geschmack und interessante Auswahl der Programme geben überhaupt den Abenden dieser Künstlerin das Gepräge. — Die Sephardischen Lieder zeichnen sich, wie immer die Bearbeitungen der Frau Jacob-Loewenson, durch feinfühlige Begleitung aus und werden überall gern gehört werden. Das kompositorisch Bedeutsamste boten die Gesänge Milbauds, vor allem die beiden letzten Nummern ״Lamentation“ und ״Chant du forgeron". Aber auch Alexandrow mit dem ״Eichelhäher“ und Wiener mit dem süßen Stück ״Abbitte“ seien nicht vergessen. Und vor allem nicht Hermann Schey, der hervorragend kultivierte Barifonist, der der Konzerfgeberin in allen Abteilungen mit großer Hingebung und ebenso großen! Erfolge zur Seife stand. Arno Nadef. Ans dem Vortrapsaal Der Jude und das Theater. Ucber dieses Thema sprach bei Gelegenheit einer Veranstaltung des ״Vereins für jüdische Geschichte und Literatur“ Erwin Kaiser, Mitglied der Volksbühne. Wie alle Kunst, führte er aus, so ist auch das Jüdische Drama aus religiösen Anfängen hervorgegangen. Im Hohen Liede, in Hiob und im Mirjamslied sind zuerst^ dramatische Elemente nachgewiesen worden, doch sind erst die Komödien, die sicli um die Hauptpersonen des Purimfestes herum bildeten, der Auftakt zu einer größeren Betätigung des Juden am Theater. Im 17. Jahrhundert wurde das erste deutsch-jüdisehe Theater in Frankfurt a. M. unter Bermann Limburg gegründet, dessen erstes Stück ״Joseph“ gedruckt wurde. Seit der Emanzipation der deutschen Juden sind dann eine Anzahl von ihnen am Aufbau des deutschen Theaters an führender Stelle beteiligt gewesen. Otto Brahm schuf die tonangebende Bühne modernen Stils, Max Reinhardt unternimmt es Shakespeare und die anderen Großen zeitgemäß zu machen und schafft die Souveränität des Regisseurs, Leopold J e s s n e r liebt die puritanische Einfachheit, während Reinhardt durch Ueppigkeit wirkt. Für ihn ist das Mileu •wichtig, nicht die Atmosphäre. Allen großen jüdischen Künstlern verhelfen neben ihren individuellen Eigenschaften sehr viel jüdische Qualitäten zu ihrem Erfolg: Dessoir, Davlson und Sonnenthal, Elisabeth Bergner, Mäx Pallenberg. Eine eigenartige Erscheinung ist das jüdische Theater, das 1875 mit Farcen begonnen hat. Jüdische moderne Bühnen sind zweimal aus dem Osten nach Berlin gekommen. Das hebräische Theater ist von einer Zentralidee durchdrungen. Es ist fast religiös zu nennen, denn, wenn es auch nicht ausgesprochen wird, so ״lag Gott doch in der Luft“. Bei seinen Ausführungen ist daher Gesang und Tanz ein notwendiger Bestandteil. Auch die neueste Kamst der menschlichen Darstellung, der Film, ist schon beeinflußt von Juden. Fast ein Mythos ist um den jüdischen Typus des Films, Charlie Chaplin, geschaffen worden. Seine überall beinahe geliebte groteske Figur verkörpert den Kampf des armen Unschuldigen, des Schleraihls, gegen die starre Macht. Es ist der ewige Kampf Davids gegen Goliath. — Dem interessanten Vorfrag folgte lebhafter Beifall der angeregten Hörerschaft. Ra. Li. Die Joden Im französischen Drama L. A. M. Jones veröffentlicht im ״Daily Teleg rap h“ einen Artikel über das Drama in Frankreich uhd schreibt, daß die meisten französischen Theater von Juden geleitet werden, die Mehrzahl der Schauspieler und drei Viertel der Dramatiker Juden sind. Die Revolution von 1789, die die Menschenrechte verkündete, eröffnete der französischen Judenheit den Zutritt zum geistigen Wettbewerb. Heute sind die Juden Porto Riehe, Henry Bernstein, Tristan Bernard mit ihrer Aufrichtigkeit und ihrem Talent die führenden französischen Dramatiker. Es kommen noch Edmond See, Fernard Noziere, Francis de Croissct, Alfred de Savoir, Henri Kistenmaekers, Romain Couhis, Henri de Rothschild. Bücherschau Dr. Gerhard Seholem, Bibliographia Kabbalistica. Vcrzeichnis der gedruckten, die jüdische Mystik (Gnosis, Kabbala, Sabbatianismus, Frankismus, Chassidismus) behandelnden Bücher und Aufsätze von Rcochlin bis zu: Gegenwart. Mit einem Anhang: Bibliographie des Zohar und seiner Kommentare. Band ll der Quellen und Forschungen zur Geschichte der jüdischen Mystik. Herausgegeben von Robert Fisler. XVI und 230 Seiten, gr.-81927 ,״, Druguhn, Leipzig, geh. M. 19,״, geb. M. 21,—. Die darstellende Literatur der jüdischem Mystik in ihren verschiedenen historischen Erscheinungsformen findet sich verstreut an entlegenen und oft unerwarteten Orten; sic ist so zum grollten Teil für den Wissenschaftler wie für den interessierten Laien unfruchtbar geblieben. Das• vorliegende Buch bietet den genauen bibliographischen Nachweis von mehr als 1300 Büchern und Aufsätzen in allen Sprachen mit kritischen und ergänzenden Bemerkungen und ist also ein Schlüssel, der jedem den Zugang zu diesem Gebiete ermoglicht. Als Anhang ist ein vollständiges Verzeichnis aller Ausgaben des Zohar, des. Hauptbuches der kabhalftt!sehen Literatur und seiner Kommentare beigcgebcn. Den bchluß bilden Ergänzungen und ein Sachregister.