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Jüdische Rundschau · 1927-03-29 · Heft 25 (29.3.1927) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 25 (29.3.1927)
Date
1927-03-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 184 JUED15CHE RUNDSCHAU Nr. 25 au verkünden. Aber an Stelle der Wahrheit gab er uns neue und schlechtere Illusionen, als es die alten waren. Denn unsere Illusionen sind der palästinensischen Wirklichkeit auf dem von Schweiß und Blut unserer Arbeiter getränkten Boden er■ wachsen, seine Illusionen dagegen stammen aus dem Tintenfaß seines Pariser Zimmers, weshalb befragte der Führer der Revisionisten nicht seine ״Enzyklopädie“ und las das von An• leihen und Anldhebedingungen handelnde Kapitel nach? Hätte er dies getan, so wäre ihm klar geworden, daß eine Anleihe nicht auf unbebautes Land gegeben wird. Wenn eine Anleihe gegen Verpfändung von Land gewährt wird, so rechnet man nicht den wert des Bodens, sondern seine Rentabilität, und unbebauter Boden hat keine Rentabilität. Eine Palästina* Anleihe gegen ״Verpfandung unbebauten Bodens“ bedeutet Anleihe unter Garantie der palästinensischen Regierung. Die Erlangung der Anleihe von £ 5 005000, die sich seit Jahren hinzient, zeigt aber, wie schwierig eine derartige Angelegenheit selbst dann ist, wenn die Jerusalemer Regierung das Geld in der Hauptsache zu dem Zwecke braucht, ihre Schulden an die Londoner Regierung zu bezahlen, so daß diese an der Sache Interessiert Ist. Die Frage der Anleihe rum Aufbau Palästinas ist eine solche der Zionistischen Organisation, und wir erwarten, von ihr praktische Vorschläge liierzu zu hören, aber es ist mir zweifelhaft, ob für den Traum Jabotinskys unter diesen praktischen Vorschlägen Raum sein wird. 111. ״Scbutzzöli e.“ Zur Vollständigkeit seines Wirtschaftsprogramms brauchte Jabot!nsky auch eine Antwort auf die Frage der Industrie in Palästina, und da er bereits eine erprobte Medizin gegen alle Krankheiten besaß, war es nicht schwer für ihn, auch für diese Frage eine Lösung m finden: ״So wie kein Volk eine Industrie ohne Regierungshilfe geschaffen hat, ebenso werdet auch ihr eine Industrie nicht ohne Regierungshilfe schaffen können.“ Ist dieses ״eiserne Gesetz‘‘ Jabotinskys richtig? Entspricht es der historischen objektiven Wahrheit? Der Führer der Revisionisten erzählte uns die Geschichte des ״Strumpfes“ aus den Vereinigten Staaten von Amerika und wollte uns damit die Richtigkeit seines schutzzöllnerischen Glaubens beweisen. Aber wir können uns bei einer so großen Frage wie der Frage der Industriepolitik nicht mit einem Beispiel begnügen, das zudem nicht besonders charakteristisch ist. Hätte Jabotinsky diesen ernsten Gegenstand von allen Selten erforscht, wie es erforderlich gewesen wäre, so hätte er gelernt, unter welchen Bedingungen Schutzzölle und unter welchen ״Freihandel“ erforderlich ist. Diese Bedingungen kann man allgemein in zwei Gruppen teilen: ein Land, das seine Industrie auf einheimischen Rohstoffen hauptsächlich zur Befriedigung einheimischer Bedürfnisse aufbaut, gewinnt durch Schutzzölle und verliert durch ״Freihandel“. Das Gegenteil ist ein Land, das seine Industrie auf importierten Rohsfoften mit dem Zwange, seine Erzeugnisse im Ausland abzusetzen, aufbaut. Gerade England mit der Entwicklung seiner Industriepolitik im Einklänge mit seiner Stellung am Weltmarkt veranschaulicht diese Regel. Zu welcher der beiden angeführtem Kategorien gehört Palästina? Offenbar zur zweiten, als ein Land, dessen indnstrie fast ganz auf fremden Rohstoffen und dessen industrielle Hoffnungen fast ganz auf Export beruhen. Schutzzölle sind für die Industrie eines solchen Landes von keinem großen Nutzen, und wären sie, wie Jabotinsky uns zu beweisen suchte, die einzige Hoffnung für eine Entwicklung unserer Industrie, so müßten wir in Wahrheit gestehen: wir haben keine Hoffnttpg, Aber das ist nicht die wahre Lage im Lande, und auch Ufer tat Jabotinsky dasselbe wie in andern Dingen: er Obernahm eine Forderung des Jischuw an die Regierung und steigerte sie ins Absurde. Schutzzölle wurden ihm die unbedingte Grundvoraussetzung für die Entwicklung der Industrie in Palästina, und hierauf errichtete er seine wirtschaftliche Weltanschauung. ״ Was der jüdische Jischuw noch vor Bestehen des Revisionismus verlangte, ist Aenderung unseres Zollsystems geraäß den Interessen des Landes. Das türkische ‘Zollsystem beruhte auf einer einfachen arithmetischen Grundlage: für jede importierte Ware hatte man 120/״ zu bezahlen — das war alles. Die vorsichtige britische Regierung trug lange Zeit Bedenken, den Zoll, der eine ihrer Haupteinnahmequellen bildete — und noch bildet —, anzutasten. Es wurden gewisse Acnderungen getroffen, um die Entwicklung der Land- Wirtschaft und die Gründung von Industrien zu erleichtern, aber das System als Ganzes blieb. Die scharfe Kritik zwang die Regierung zu weiteren Aenderungen, und es wurde der erste Schrift auf dem Wege zu spezifischen Zöllen getan. Hartnäckiger Druck aller an dem Fortschritt der palästinensisehen Industrie Interessierten wird sie zwingen, auf dem Wege weiterzugehen. Aber dieser Druck darf nicht in Gestalt einer bloßen Forderung, wie der Jabotinskys nach ״Schutz- Zöllen“, erfolgen, sondern in Form von praktischen Forderungen, die auf Tatsachen beruhen*). Die Geschichte von dem ״Strumpf“, die vielleicht im Bet-Am in Tel-Awiw־ Eindruck machen konnte, wird im Kabinett des Direktors des Handels- und Zolldepartements in Jerusalem keinen Eindruck machen. Selbst in England, dessen Regierung heute in den Händen von Protektionisfen liegt, hat man nicht .,Schutzzölle“ schlechthin eingeführt, sondern jede einzelne Industrie, die Schutzzoll braucht, wendet sich an die Regierung, und diese setzt in jedem einzelnen Falle eine Kommission ein, um die Angelegenheit zu prüfen, und mehr als einmal schon wurden von der Regierung Baldwin Bitten gewisser Industrieller um ״Schutzzölle“ abgelehnt. Bevor wir zu dem Charakter von Jabotinskys Forderungen ״nach innen“ übergehen - - bisher sprachen wir über Forderangen ״nach außen“ —, müssen wir auf eine Frage eingehen, die anscheinend keine innere organische Verbindung mit den übrigen Teilen der revisionistischen Lehre hat, die Jabotinsky aber trotzdem zu einem ״Grundpfeiler“ seiner Weltanschauung macht. Ich spreche von der ״Frage der M e h r h e i t“. Von den drei Hauptgrandlagen, aus denen der Zionismus als nationale Renaissancebewegung des jüdischen Volkes zusammengesetzt ist, dem kulturellen, sozialen und politischen Element, setzt Jabotinsky das politische Element an die erste Stelle und faßt es, wie Dr. Glücksohn in seinem Aufsatz ״Eine gleichgültige Diskussion“ (״Haarez“ v. 8. Kislev) betonte, ganz formal auf. Der Hauptinhalt dieser Frage liegt für ihn und seine Freunde in einer einfachen arithmetischen Rechnung, die ihr ganzes Streben bestimmt: dazu m kommen, daß die Juden 510/« der Bevölkerung Palästinas ausmachen. Er verwirft fanatisch jeden andern Zionismus, der dieses Streben nicht in den Mittelpunkt aller unserer Angelegenheiten und Aufgaben stellt: kein Zionismus ohne jüdische Mehrheit, ohne sie wird Palästina nie ein ״Judenstaat“, sondern ein neues ״Ghetto“. ״Galuth heißt Minderheit“, verkündete Jabotinsky, ohne jüdische Mehrheit wird Palästina nicht mehr sein als noch ein Winkel der großen Galuth. y Tatsächlich gehen die meisten Forderungen der paiästinensisehen Industriellen gegenüber der Regierung nicht auf ״Zollschutz“, sondern Herabsetzung oder Abschaffung des Zolles auf importierte Rohstoffe und Beseitigung der Absurditäten im bestehenden Zollsystem, das z. B. einen Zoll auf Papier legt, während Bücher zollfrei eingeführt werden können. Hat der Führer der Revisionisten mit dieser ״Grundlegung^‘ recht; kann man wirklich sagen, daß ״Galuth Minderheit heißt“ und folglich jede ״Minderheit Galuth bedeutet“? Mir scheint, daß bei der Lösung dieser Fragen die Arithmetik allein nicht die Hauptsache ist. Wenn man in irgendeiner russisehen oder polnischen Provinz jüdische Einwohner konzentriert, so daß sie 51 °/0 der Bevölkerung betragen, wird dadurch kein ״Judenstaat“ geschaffen, obgleich die formale Forderung der ״Mehrheit“ erfüllt ist. Die charakteristischsten Momente der Galuth sind: die besondere soziale Gliederung der jüdischen Einwohner und die wirtschaftliche Funktion, die sie innerhalb der Staats Wirtschaft erfüllen. Zu diesen beiden Momenten tritt ferner das dritte, das man ״Galuthpsychologie“ nennt, ein Er- Zeugnis der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lage. Kann man auf Grund dieser Analyse behaupten, daß das heutige Palästina — er sagt: das Palästina der jüdischen Minderheit — nur eine neue Galuth ist? Nicht nur die Qu ant i t ä t ist ein politischer Faktor, sondern auch die Qualität Aber wir wollen annehmen, daß Jabotinsky recht hat und wir wirklich vor der Gefahr der Schaffung einer neuen ״Galuth“ stehen. Hat er einen praktischen Vorschlag, diese Gefahr abzuwenden? Sind seine Berechnungen über Frreichung des Zieles von 51"׳» im Laufe der nächsten 25 Jahre richtig? Er nimmt die Zahl der arabischen Einwohner heute mit 700000, die der Juden mit 150 000 an. Nach 25 Jahren werden 1 400000 Araber im Lande leben und damit unsere Zahl diese Stufe erreicht und übersteigt, müssen wir innerhalb dieser Zeit mindestens 1 000000 Menschen ins Land bringen, d. h. 40 000 jährlich. Dem Anschein nach eine richtige Rechnung. Betrachten wir sie aber genauer, so sehen wir, daß sie auf einer falschen Voraussetzung aufgebaut ist. Denn weshalb setzt Jabotinsky nur die 700000 Araber Palästinas in Rechnung? Gerade er weiß doch sehr gut, daß eine jüdische Massencinwanderung für viele Jahre nur möglich ist, wenn Transjordanien für die jüdische Kolonisation geöfffnet wird, und dann muß er die Zahl der arabischen Einwohner heute mit 10000QQ und nach 25 Jahren mit 2000 000 ansetzen. Wir brauchen dann also nicht eine Einwanderung von 40 OCX) Menschen jährlich, sondern viel mehr. Und was die Antwort auf Jabotinskys ״Forderung“ betrifft, so können wir uns wohl mit der klaren und mehr dem Geiste des Zionismus entsprechenden Antwort begnügen, die Dr. Glücksolm in dem erwähnten Artikel gab: ״Die bloße zahlenmäßige Tatsache der Majorität oder Minorität ist für uns keine entscheidende Norm für das Verhältnis der Völker untereinander. Wir wollen diese Norm nicht, wann und wo wir die Minorität sind, und wir werden sie nicht anerkennen, wann und wo wir die Mehrheit sein werden. An Stelle dieser Norm, die das ,freie Spiel der natürlichen Kräfte' bedeutet, wollen wir eine rechtmäßige und moralische Norm. Gegenüber Recht und Moral haben die Zahlenverhältnisse keinen Wert. Wir erkennen die ,Souveränität‘ der im Lande bestehenden Mehrheit nicht an, und wir wollen kein ״souveränes‘ Volk werden, wenn wir die Mehrheit bilden werden. An Stelle nationaler?Souveränität‘ der Mehrheitsnation erklären wir uns für nationale ,Autonomie‘ von Nachbarvölkern.“ Warum aber hat Herr Jabotinsky׳ gerade diese Frage in den Vordergrund gestellt? Versteht er nicht, daß von der Lösung, die die verschiedenen Teile der Zionistischen Organisation für sie finden, der Fortgang unserer Kolonisationsarbeit nicht abhängig ist? Diejenigen, die die Notwendigkeit der ״Mehrheit“ proklamieren, und diejenigen, die dies nicht tun, arbeiten doch an einem Ziel: unsere Kolonisationsarbeit im schnellsten Tempo fortzuführen, in möglichst kurzer Zeit eine möglichst große Zahl von Menschen anzusiedeln und unsere Position in den nächsten Jahren zu verstärken. Aendert sich irgend-ttwmr alt •dicssenv Prögttnm miö ab dfes»; Aibcit dadurch, daß wir täglich und stündlich die Parole" ״Mehrheit“ proklamieren oder nicht proklamieren? Weshalb also macht Jabotinsky dies zum ״Thron“, auf dem er sitzt und auf den er seine ganze ״Bewegung“ setzt? rv. Mir scheint, daß man diese Frage nur beantworten kann, wenn man nicht nur das revisionistische ״Programm“, sondern auch die psychologischen Faktoren betrachtet, die in dieser Bewegung wirksam sind. Damit kommen wir zu Jabotinskys eigentlicher Absicht. Worauf zielt Jabotinsky mit all seinem Theaterdonner? Der Eindruck, den wir aus seinen ersten Reden erhielten, war der, daß das Hauptobjekt seiner Angriffe die Regierung, das Regime, die Verwaltung sind, da sie die wichtigste, ja einzige Grundlage für das Gelingen unseres Werkes sind. Von der Regierung fordert Jabotinsky Böden und Schutzzölle, Handelsverträge zum Schutze unserer Produktion und Chausseebauten im Einklang mit den Bedürfnissen unserer Industrie, und von ihr verlangte er offenbar die Schaffung eines ״kolonisatorischen Regimes“. Aber seine letzte Rede zeigte, daß diese Offensive gegen die Regierang nur ein ״Schleier“ ist, hinter dem Jabotinsky die Hauptoffensive gegen seinen verhaßtesten Gegner vorbereitete, die ״Führer“. Er, der erst gestern erklärt hatte, daß die Regierung ihre Verpfiiehtungen nicht erfülle, brach plötzlich in «Jen Ruf aus: Am Jisroel — all right! England — all right! Alles all right! Nur die zionistischen Führer sind nicht all right!“ Und nicht genug damit, geht er noch weiter: ״Eure.Führer sind es, die hingehen und Propaganda treiben gegen das geizige jüdische Volk, gegen das minderwertige Palästina und das englische Räubervolk.“ Und gegen diese Führer proklamiert Jabotinsky eine Reihe von Proklamationen, eine immer furchtbarer als die andere, und ruft ihnen zu: .,Hinweg von der Bildfläche!“ Zahlreich sind unter uns diejenigen, die mit der Politik unserer Führer nicht zufrieden sind. Aber die lebendigen Aufgaben der nationalen Renaissancebewegung und unser« besondere Lage in Palästina und der ganzen Welt verpflichten die Wortführer der Opposition, zu der viele von uns gehören, nicht nur die Forderungen des elementaren Anstandes in ihren Kampfmethoden zu berücksichtigen, sondern auch dem Ansehen der Führer gegenüber besonders vorsichtig zu sein. Denn das einzige Ergebnis jedes hemmungslosen Angriffes ist Schwächung unseres Einflusses und unserer Macht sowohl nach innen wie nach außen. Bei seiner Kritik der ״Führer“ ließ Jabotinsky nicht nur die Forderungen dieser Vorsicht, sondern auch die des elementaren Anstandes unberücksichtigt. Ein großer Teü seiner Beschuldigungen gegen sie beruht auf ״freien Auslegungen“ zweifelhafter ״Grundlagen“, tim keine schärferen Ausdrücke zu gebrauchen. Welches ist der richtige Name für Jabotinskys Aussage, daß ״die zionistische Exekutive die Arbeiter gegen das Kapital und die Kapitalisten gegen die Arbeiter a u f h e t z e“? Um seine Zuhörer in diesem Kampfe gegen die ״Führer“ aut seine Seite zu ziehen, stellt Jabotinsky sich selbst als den ״Verteidiger der Ehre des jüdischen Volkes“ gegen ״eure Führer“ hin, die ״das minderwertige Palästina una das geizige jüdische Volk“ verleumden. Im Sturm seiner Angriffe sah Jabotinsky nicht, daß seine Worte sich selbst widersprechen. Denn welches ist die logische Verbindung zwischen seinem Ausspruch: ״Das jüdische Volk hat seine Pflicht getan“ und dem andern nach wenigen Tagen: ,.Nur wir wissen, daß das jüdische Voik nicht genug für Palästina gegeben hat?“ Wozu dann all der Blitz und Donner Jabotinskvs gegen die Führer, die ״eine Propaganda gegen das geizige jüdische Volk treiben“? Und was ihre Propaganda ״gegen das minderwertige Palästina“ betrifft: wer setzt den Wert Palästinas herab: die ״Führer“, die so viel von unsere Eroberungen und Taten im Lande trotz der Fehlschläge und Schwierigkeiten sprechen, oder Herr Jabotinsky, der seine Ausführungen über aie Lage im Lande in die kurzen Worte zusammenfaßte: ״Der Same ist nicht aufgegangen“? Dies war das eigentliche Ziel von Jabotinskys ״Kreuzzug“ im Lande: nicht zur Lösung der Fragen, die vor uns stehen, beizutragen, nicht die Lage zu verstehen und zu erklären, und auch nicht die Fehler in unserer Arbeit klarzulegen und andere Wege zu bezeichnen, sondern den Boden vorzubereiten für die endgültige Kriegserklärung an die Leiter der Zionistisehen Organisation, ja an diese selbst. Dies waren seine Worte in seiner letzten Rede in Tel-Awiw: ״ich gehe in die Galuth zum Kampfe bis ans Ende, bis zum Siege oder bis zum Untergang.“ ״Sieg oder Untergang*‘ — dies ist Jabotinskys Parole, und wenn die feierliche Proklamation dieser Losung auch erst zum Schluß seines Besuches im Lande erfolgte, so wird doch jeder zugeben müssen, daß sie nicht plötzlich und unvorbereitet entstanden Ist, daß er diese Losung vielmehr schon im Herzen trug, als er sich entschloß, ״in die Zionistische Organisation zurück zukehren“, den Schekel zu zahlen und auf den 14. Kongreß zu gehen. Der Kampf innerhalb der Zi&- nisttschen Organisation aber wurde ihm zu einem solchen, gegen die Zionistische Organisation, denn ״Sieg oder Untergang“ bedeutet: Ich, Jabotinsky, werde mit der Zionistischen Organisation sein, wenn sie meine Ansichten übernimmt und sich meinem Willen unterwirft, andernfalls — Untergang! Revisionismus und Zionismus. Diese Kriegserklärung Jabotinskys stellt uns vor die Grundfrage: Was bedeutet der Revisionismus und wie verhält er sich zum Zionismus? In einem neuen Buch des englischen Schriftsteilere H. G. Wells wird eine Charakteristik des Kommtinismus gegeben. ״Kommunismus“, sagt Wells, ״ist ein bloßer Boykott der Zivilisation durch die Enttäuschten“. Diese Charakteristik paßt völlig auf den Revisionismus in seinem Verhältnis zum Zionismus. Der Revisionismus ist aus der Verbitterung und der Enttäuschung über unsere anscheinend geringen Erfolge und unsere langsame: Fortschritte entstanden. Und wenn man sein Auge auch nicht vor der Tatsache verschließen darf, daß es Grund zur Verbitterung über die bestehenden Methoden unserer Arbeit gab und gibt, so ist doch weder in der Wirklichkeit noch in der Idee Grand vorhanden zur Enttäuschung. Aber weil diese Enttäuschung eine Tatsache und die Verzweiflung Wahrheit ist, müssen vir uns fragen: woher stammt dieses Phänomen? Mir scheint, es gibt auf diese Frage eine Antwort: Erstarrung des inneren Gehaltes des Zionis* m u s. Wir selbst haben es nicht gefühlt, wie es geschehen konnte, daß der Zionismus aus der nationalen Renaissance* bewegung des ganzen jüdischen Volkes zu einem begrenzten kolonisatorischen Unternehmen wurde, wie die Mittel zu Zwecken wurden, Palästina statt einer Antwort auf unsere nationale Frage zu einem Versuch, die jüdische Emigrationsfrage zu lösen, wie dje Galuth vergessen wurde und nur noch Quelle für Hilfsmittel und ein Reservoir für Menschenmaterial blieb. An Stelle des großen Ideals des synthetischen Zionismus: Renaissance des jüdischen Volkes durch Aufbau eines nationalen Zentrums und nationale Renaissance in der Galuth, kam jemand und schrieb auf die Fahne eine neue inhaltsleere Losung: ״Jüdische Mehrheit in Palästina, koste es, was es wolle.“ Die politischen Ideen wurden an die erste Stelle gerückt, d. h. die bloße Form ohne den kulturellen und sozialen Inhalt,, der uns immer von aller* erste• :tateutsmg >fÜr.uaMf$- adonwtische -Wel4«»ett«»rtf|uwM1 Da ist es kein Wunder, wenn Anhänger eines solfihett Zionismus in Verzweiflung und Enttäuschung geraten, deftn sie wollen sich nicht mit jenem tiefen Prozeß der kulturellen und sozialen Renaissance begnügen, der bei uns im Gange ist, aber bisher noch nicht Jenen Ausdruck gefunden hat, den wir erstreben und der mit dem Erstarken unserer Kräfte und dem Forfschreiten unseres Werkes über Siege und Niederlagen, Aufstieg und Niedergang kommen wird. Auf dieser Verzweiflung sucht Jabotinsky augenblicklich eine Bewegung der ״Revision“ zu errichten und so spricht er von ״Konsolidierung der Verzweiflung“ als dem wichtigsten Erfordernis der Stunde. Aber er begeht hierbei einen Irrtum. Die Verzweiflung ist eine gewaltige Kraft, wenn cs gilt, etwas zu zerstöreu. Aber eines liegt nicht in ihr: produktive Kraft. Und der Zionismus ist Schöpfung. Jabotinsky ver* kündet, daß er augenblicklich vor allem Zerstörung erstrebt: ״Vor allem wollen wir einen Besen nehmen und alle Illusionen ausfegen, und wenn ein unbebautes, leeres Feld übrig bleiben wird, dann werden wir wissen, welchen Trost und welche Hoffnungen wir auf diesem Felde aussäen können“. Dies ist die Losung aller Propheten der Zerstörung: ״der nackte Mensch auf nacktem Boden“, aber was ist der ״Trost und die Hoffnung“, die er uns auf dem ״leeren Felde“ auszusäen verspricht? Verteidigung der hebräischen Snrache ״bis aufs Messer“? Verbreitung von Tozeref-Haarez’)? Versicherung sämtlicher Juden der Welt gerade bei einer bestimmten Gesellschaft? Und nennt Herr Jabotinsky all das: Rückkehr zu den Idealen Herzls? Stärker als die logische Notwendigkeit ist hier die psychologische. Aus ״der Strömung des Widerspruchs gegen den heutigen Gang unserer Arbeit eine starke Partei“ zu schaffen, mit der er in den Kampf ziehen kann, ist dieses ״Programm“ zustande gekommen, ein Gemisch von ״jüdischer Mehrheit“ mit Anleihe auf unbebaute Ländereien, von Schutzzollen mit intensiver Landwirtschaft, von Tozeret-Haarez mit revisionistischer Versicherung. Und über all diesem Gemisch ist mit schreienden Lettern geschrieben: ״Rechts — Lüge, links — Lüge, nur ein Weg — Wahrheit“. Bewegung und Führer. Der Autor stellt Jabotinskys Parole ״Konsolidierung der Verzweiflung“ die Losung der Arbeiterschaft ״Konsolidierung der Kräfte“ gegenüber, weist auf den bei den ernsten Eiementen des Jischuw ausgebliebenen Erfolg der Jabotinskyschen rhetorischen Anstrengung hin und fährt fort; Form ohne Inhalt, Losung ohne Programm —■ das Ist der Revisionismus oder richtiger ״Rezidivismus“. Denn diese ״Bewegung“ ist im wesentlichen ein bloßer Rückfall in die Kinderkrankheit des Zionismus, die ״Hypertrophie der Politik“ hieß. Und um diesen Mangel zu verdecken und den leeren Raum auszufüllen, kamen die Revisionisten instinktiv auf eine merkwürdige ..Heldenverehrung“, auf Schaffung eines ״Kultus des Führers“. Jabotinsky wurde zum Heros dieser ״Bewegung“, seine Reden sind ihre Lehre, seine Proklamationen ״unverbrüchliches Gesetz“. Dip Gläubigen des neuen Heros, die Lassailes Rat befolgen, großen Lärm zu erheben, damit man glaube, ihre Zahl sei groß, wußten nicht, mit welchem Namen sie ihn ansprechen sollten, als er ins Land kam. Er wurde ״der nationale Führer“, ״der Präsident“, ״der Mann“ und selbst ״der Führer“ schlechthin, bis es soweit kam, daß Jabotinskys neuer Jünger, der konservative Fascist vom ״Doar-Hajom“, gezwungen war, ihn mit einem ganzen Tierpark zu vergleichen: ״seine Stimme *) Uebrigens verliert der jüdische Jischuw weniger durch Einkauf fremder Erzeugnisse als durch Vergebung von Arbeiten in den jüdischen Kolonien an Nichtjuden. Dieser Vertust beträgt jährlich £E 300000.

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