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Jüdische Rundschau · 1927-03-29 · Heft 25 (29.3.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 25 (29.3.1927)
Date
1927-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr.as JÜEOISCHI RUNDSCHAU Seite 183 Pressesdiau Die Lehre Jabotinskys Von M. M e d z 1 n i. ״Haarez“ veröffentlichte eine Artikelserie von M. Medzini, die wir nachstehend auszugsweise wiedergeben: I. ״K r e u z z u g“. Hätte der Besuch von Herrn Jabotinsky in Palästina nur dem Studium der Lage des Landes gedient und wären seine vier Vorträge in dessen wichtigsten Städten nur sein ״Beitrag“ zum Verständnis und zur Erklärung dieser Lage gewesen, so könnten wir uns mit den zahlreichen Berichten und wenigen Aufsätzen begnügen, die in den letzten Wochen in unserer Presse erschienen sind. Aber es war die Absicht des Führers der Revisionisten und seiner begeisterten Anhänger, seinen Besuch zu einem ״Kreuzzuge“ und seine Reden zur ״Gesetzgebung“ ihrer Bewegung zu machen, und deshalb ist es unsere Pflicht, die Resultate dieses ״Zuges“ zusammenzufassen und diese Lehre eingehend und erschöpfend zu betrachten. jabotinsky versprach, dem Jischuw sein ganzes Programm zu entwickeln. Es war seine Absicht, die Grundfragen der zionistischen Arbeit und des zionistischen Denkens zu behandein. Demgemäß verteilte er seine Lehre auf vier umfassende Vorträge: 1. ״Die Lage im Lande und ihre Ursachen“, 2. ״Die Wege der politischen Offensive“, 3. ״Die Frage der Jewish Agency“, 4. ״Unsere politischen und allgemeinen Forderungen“. Ein Redner wie Jabotinsky, der das richtige Wort zu finden und seine Worte und Ideen zu konzentrieren versteht, hätte in vier derartigen Vorträgen nicht nur ein politisches Programm, sondern eine vollständige Weltanschauung geben können, und wenn dies Jabotinsky nicht gelang und er in Jerusalem wiederholte, was er in Tel-Awiw und in Haifa gesagt hatte, so lag der Grund darin, daß auch ein ausgezeichneter Redner wie er nicht aus dem Nichts schöpfen kann. Um seinen Gedanken und ihren Nuancen nachzugehen, wollen auch wir Jabotinskys Disposition folgen. ״Die Lage im Lande und ihre Ursachen“. Der Autor konfrontiert hier zunächst die Aeußerung in Jabotinskys erster Tel-Awiwer Rede, in der er von einem vollständigen Debacle der bisherigen kolonisatorischen Bemühungen sprach, mit der in seiner letzten Rede, in welcher er die kolonisatorische Leistung als eine außerordentliche, von keinem sonst in Mittelmeerländern kolonisierenden Volke erreichte darstellt. Die Ursache des Widerspruches zwischen diesen beiden Aeußerungen hat man, der Meinung des Autors zufolge, weder in der palästinensischen Wirklichkeit, noch in Jabotinskys revisionistischer Auffassung zu suchen, als vielmehr darin, daß es ihm nicht darauf ankam, die Wahrheit der palästinensischen Wirklichkeit zu ergründen, sondern darauf, in dieser Wirklichkeit ״nur Argumente für seine Anschauungen und Programme, die er fertig aus Paris mitgebracht hatte“, zu finden. Er fährt fort: Das erste, was an Jabotinskys Gedankengang und Argumentation auffällt, ist die Tatsache, daß keine innere, natürliche Verbindung zwischen der Analyse der Lage im Lande als Grundlag« und Jabotinskys Einfluß und Programm als Resultat hieraus besteht. Der Führer der Revisionisten ist ins Land gekommen zur Zeit eines schweren wirtschaftlichen Nieder-?:anges als Folge der unnormalen Hausse eines kurzen ״Bums“, abotinsky kannte sehr gut die Gründe der gegenwärtigen ״Krise“ . und fand selbst, in einem seiner Auf» tze im ־ifeea■ sehr pa»ei#e "Ntasett ־ fif den" ׳ vH*apb fälctor, der uns In die heutige Lage gebracht' hat — Inflation; aber hier hat er anscheinend absichtlich diese Erklärung vergessen; auf seine Frage: ״Weiches ist die Ursache der Krise?“ erhält er vielmehr zur Antwort: ״Man sagt, die Ursache der Krise sei der Umstand, daß man minderwertige Waren produziert. Andere sagen, der jüdische Arbeiter ist teuer. Wieder andere: das ganze jüdische Volk ist schuld; es will nicht Tozeret-Haarez kaufen.“ Selbstverständlich wollte Jabotinsky sich mit derartigen Antworten nicht begnügen. Es ist gewiß nichts dagegen einzuwenden, daß diese Antworten wirklich äußerst kindisch sind, obgleich Jabotinsky erklärt, daß er sie von den Führern der ״Gemäßigten im Jischuw“ erhalten habe, ״die in täglichem Kontakt mit Handel und Wirtschaft des Jischuw stehen.“ Wogegen muß man sich wenden? Dagegen, daß Jabotinsky eine Erklärung für die Ursachen der Krise nicht an anderen, geeigneteren Stellen suchte. Hätte er dies getan, so hätte er vielleicht eine andere Erzählung gehört, wie die klare Analyse der Lage im Lande, die B. Katznelson auf der Konferenz der ״Achduth ha-Awoda“ gab. Er hätte die wichtigste Wahrheit gehört, daß, obgleich die Krise fast alle unsere wirtschaftlichen Positionen ergriffen hat, ״es keine orgaaische Krise unserer Wirtschaft im Lande ist“. Jabotinsky hörte und sah nur das, was er brauchte, um die große, aus Paris stammende ״Wahrheit“ zu bestätigen, nämlich: ״die organische Ursache der Wunde liegt nicht in uns, nicht im jüdischen Volk und nicht in unserer Fäulnis. Die Ursache liegt in dem Regime Palästinas.“ Die Frage des Regimes. ״Eine Masseneinwaiidcrung ist Sache einer Regierung, eines Staates. Entweder erfolgt sie mit Hilfe einer Regierung, oder aber sie kann überhaupt nicht erfolgen.“ — Der Art ist die erste Konsequenz Jabotinskys. ״Eine große Kolonisation ist rieht abhängig von den privaten Geldern, die wir sammeln, 3der von der Energie, die wir aufbringen, oder von unseren Fähigkeiten. Eine große Kolonisation ist abhängig von dem >taaf, der Regierung“ — dies ist seine zweite, mit der ersten verbundene Konsequenz, und auf diesem einfachen Wege löst Jabotinsky all die Fragen, die seit Jahren den Jischuw und die ganze zionistische Bewegung beschäftigen. Landwirtschaft una Industrie, Erziehung und Verteidigung, Einwanderung und innere Organisierung — auf all diese Fragen antwortet Jabotinsky mit einer kurzen und entschiedenen Antwort: ״Nur mit staatlichen Mitteln.“ Und er fügt in furchterregendem Ton hinzu: ״Entweder ihr sterbt, oder ihr beschreitet diesen Weg.“ Welches ist nun der Weg, den Jabotinsky uns zeigt? der ״politische Schlüssel“ ohne den ״der Chaluz sich vergebens müht, ihr vergebens Boden kauft, alles vergebens?“ Die Antwort ist: ein kolonisatorisches Regime. Der ,,Oelberg“ muß zur ״Palästina-Exekutive“ werden, die palästinensische Regierung zu einer kolonisatorischen Regierung. Hier liegt der Schwerpunkt von Jabotinskys ganzer ,,Lehre“ und hier liegt sein Grundirrtum, aus dem alle seine sonstigen Irrtümer stammen. Nicht England ist der Kolonisator Palästinas, sondem das jüdische Volk, und Großbritannien hat sich nicht verpflichtet, uns unser Nationalheim zu errichten und all das tu tun, was Jabotinsky jetzt von ihm fordert, sondern nch verpflichtet, unser kolonisatorisches Werk zu erleich- : e r n*). Das Ergebnis der wenigen, aber bedeutungsvollen fahre unserer Arbeit unter dem Sciiutze der britischen Regie- ־ung ist, daß wir noch einer energischen politischen Arbeit ledurfen, um die Regierung zur Erfüllung dieser ihrer be- *) Der Ausdruck der Balfour-Deklaration ist to facilitate, L h. zu erleichtern. grenzten Verpflichtung zu bringen, und dies ist nur möglich auf dem Wege hartnäckigen Kampfes gm jede kleine Forderung und jeden, auch den geringsten, Anspruch. Jabotinsky irrt auch darin, daß er glaubt, man könne und müsse Palästina genau so wie Amerika, Australien, Südafrika und Neuseeland kolonisieren. Seine ״Enzyklopädie“, in der er die Geschichte der Kolonisation dieser Gebiete gefunden hat, kann uns nicht viel in bezug auf die Kolonisation Palästinas lehren. Ehe Unterschiede sind in fast allen Be* dingungen überaus groß. Hier hebt der Autor die grundsätzlich verschiedenen Voraussetzungen der palästinensischen Kolonisation gegen die amerikanischer u. ä. im einzelnen hervor. Deshalb hat Ben-Gurion mit seiner Antwort an Jabotinsky recht: ״Wir können den Hauptangriffspunkt nicht im Regime sehen, während die historische Notwendigkeit des jüdischen Volkes zur Sammlung der Diaspora, der Zwang, den Juden- Staat aufzubauen, Zehntausegde und Hunderttausende aus der Oalufh zu bringen und sie auf dem Boden des Landes anzusiedeln, während dies die Lebensnotwendigkeit eines Volkes ist, das im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende auf seine Existenz nicht verzichtet hat. Deshalb ist es־ nicht angängig, daß die Möglichkeit dieser Rettung nicht in ihm selbst liegen, sondern von irgend jemand Fremdem abhängig sein soll. Denn bevor noch das gegenwärtige Regime im Lande bestand, haben wir mit unserem Werke begonnen und an es geglaubt, weil es eine Notwendigkeit unseres Lebens war. Keine äußere Bedingung vermag unsere Arbeit zum Aufhören zu bringen.“ Nehmen wir nun an, es sei zum Gelingen unserer Arbeit erforderlich, den ״Oelberg“ zur ״Palästina-Exekutive“ zu machen, welches sind die Mittel zur Erreichung dieses Zieles? Diese Frage hatte Jabotinsky uns in seinem zweiten Vortrage über ״Die Wege der politischen Offensive“ zu beantworten. Diese Rede war eine schwere Enttäuschung für die, die von Jabotinsky ein politisches Aktionsprogramm zu hören gehofft hatten, das an die Stelle der jetzigen ״impressionistischen“ Politik zu treten hätte. Anstatt ein Programm politischer Tätigkeit zu entwickeln, erzählte Jabotinsky dasselbe, was er schon in seiner ersten Rede gesagt hatte und was er später auch in seinen übrigen Reden wiederholte. Er machte die wichtige Entdeckung, daß die Balfour-Deklaration kein ..Fetzen Papier“ ist, sondern ein Schuldschein, der uns von der britischen Regierung gegeben ist. Aber dieser Schuldschein werde nur ciiigelöst werden, wenn wir es mit aller Energie verlangen und nicht warten, bis England mit dem Geld in der Hand zu uns kommt. Zweifellos hat Jabotinsky auch in dieser Frage bis zu einem gewissen Grade mit seiner Kritik des bestehenden Systems recht. ZweifeFos haben die Führer der Zionistischen Organisation darin einen schweren Fehler begangen, daß sie es nicht für nötig hielten, eine ausedehnte politische Propaganda in England zu führen. Aber eirnUebergang von bloßer Kritik zu konstruktiven Vorschlägen fand Jabotinsky nicht die Antwort auf die Frage, die er selbst vor uns aufrollte. Der Ausspruch, daß die Welt keine ״Räuberweit“, sondern eine ״Richterwelt“ und der Goi kein Petljura, sondern ein Gladstone sei, ist an sich gewiß schön, entspricht aber nicht der Wirklichkeit und löst nicht unsere Frage. Die Welt ist keine ״RäuberweR“, aber auch keine Richterweit, und der Goi ist weder Petljura noch Gladstone. In den wenigen Augenblicken seiner Größe ist er Gladstone, aber in den Momenten seines Falles ist er Petljura und schlimmer als Petljura. jabotinsky erinnerte an Herzls festen Glauben in die Gerechtigkeit der Völker und an sein Veitrauen, daß einst das ״Große Synhedrion“ der Völker ״ zusammentreten werde, um Hie Zuktihft"der Welt zu' bestimmen, und daß es auch uns verstehen und Gerechtigkeit zuteil werden lassen werde. All dies ist schöne und erhabene Poesie, aber weit entfeint von der Wirklichkeit. Und wie bitter wäre der österreichische Journalist Herzl enttäuscht worden, wäre es ihm beschieden gewesen, bis 1ÜI8 zu leben und als Sonderberichterstatter der ״Neuen Freien Presse“ an der Konferenz von Versailles teilzunehmen! Was wäre dann noch von seinem Traum eines ״Synhedrions der Völker“ übriggeblieben? Weshalb also zitiert Jabotinsky ihn, um auf diesem brüchigen Fundament all seine Hoffnung auf Erfüllung unserer nationalen Forderungen zu bauen? Jabotinsky hat mit seiner Forderung von politischem Aktivismus recht, aber er vermag uns nicht den Weg zu zeigen und uns das System dieses Aktivismus zu geben, und was er vorschfägt, ist nur ein schlechtes Surrogat, vergleichbar dem Glauben an einen Messias, der in der Gestalt der ״Versailler Konferenz“ kommen soll. Was bleibt von Jabotinsky und seinen ״Wegen der politisehen Offensive“ übrig, wenn man diesen Glauben an das ״große Synhedrion" abzieht*)? Nur jene Forderung politischer Propaganda und Aufklärung in den bedeutenden politischen Zentren, von der wir seit Jahren snrechen und von der wir schon sprachen, als Herr Jabotinsky selbst Mitglied der zionistischen Exekutive war und an der Spitze des Propagandadepartements stand. Und weil seine jetzige zornige Kritik die Tatsache nicht aus unserem Gedächtnis auslöschen kann, daß er selbst als Mitglied unserer obersten Behörde nicht mehr geleistet hat als diejenigen, die heute in Great Rüssel Street sitzen, so werden seine Reden über ״Wege der Offensive“ und ״politische und wirtschaftliche Forderungen“ uns nicht beweisen, daß es wirklich derartige ״Wege“ und ״Forderungen“ gibt, denen nicht schöne Träume, sondern ein klares und gesundes politisches und wirtschaftliches Programm zugrunde liegt. II. Wir haben gesehen, daß Jabotinsky uns keine neuen Wege politischer Offensive zeigen konnte. Wir wollen nun betrachten, welches seine ״politischen und wirtschaftlichen Forderungen“ sind. Einleitend muß ich betonen, daß man allgemein Jabotinskys Hypothesen gegenüber mißtrauisch zu sein hat, "sobald er von" Phrasen auf Tatsachen, van nolitischer Phi'osophie auf die politische und wirtschaftliche Wirklichkeit kommt. Obgleich er über diese Dinge mit bekannter Sicherheit spricht, ziemlich oft den Ausdruck ״eisernes Gesetz“ gebraucht und sich auf seine , Enzyklopädie“ beruft, bcweisen doch verschiedene Beispiele in seinen Reden im Lande, daß man keine übertriebene Furcht vor seinen ״eisernen Gesetzen“ und kein blindes Vertrauen zu jener ״Enzyklopädie“ zu haben braucht. Gehen wir zu seinen politischen und wirtschaftlichen Forderungen über, die auf diesen ״eisernen Gesetzen“ beruhen. Diese Forderungen berühren die vier wichtigsten Grundlagen unseres Werkes im Lande: Sicherheit, Boden, Finanzen und Industrie. Die Frage der Sicherheit. Herr Jabotinsky glaubt, man dürfe sich nicht darauf berufen, daß die allgemeine Sicherheit beträchtlich ge- *) Und gestehen wir, daß dieser Glaube an die Gerechtigkeit der Völker bei einem Menschen wie Jabotinsky, der immer von der Macht als dem Mittel, unsere Rechte zu sichern, spricht, uns etwas sehr künstlich erscheint wachsen ist, daß Ueberfille auf den Wegen seltener geworden sind, daß die Fälle von Raub und Mord sich beträchtlich vermindert haben und daß das Land ein mehr oder weniger normales Leben zu führen beginnt, obgleich erst acht Jahre seit Kriegsende und fünf Jahre seit den letzten Unruhen vergangen sind, obgleich die Ereignisse in der benachbarten moslimischen Welt die arabischen Patrioten locken, die Wege Zagluls und Kemals zu beschreiten, und obgleich die Politik der Regierung nicht besonders glücklich ist. Und trotz alledem gibt es keinen Juden im Lande, der da glaubt, daß kein Grund zur Besorgnis sei und gewiß niemanden in der Palästina-Exekutive. Wenn man nach Jahren einmal die Archive der zionistischen Exekutive öffnen wird, wird mau dort vielleicht Dokumente zur Frage der Verteidigung finden, die in einer nicht weniger energischen Sprache als Jabotinskys Reden abgefaßt sind. Aber die Frage hängt nicht von Jabotinsky und nicht von der zionistischen Exekutive ab, und bei ihrer Verhandlung muß man sich von Losungen fernhalten, die nach Demagogie schmecken und bedenken, daß wir gerade bei dieser Angelegenheit, die die Regierung als ihre elementare Pflicht betrachtet, um so weniger bekommen werden, je mehr wir schreien. Der Autor spricht weiter von der bekannten Grenzkorpsangelegenheit und legt dar, daß die einmütigen Be- Strebungen des Jischuw, eine Erfüllung der darauf bezügliehen Regierungsversprechungen zu erzielen, mit der revisionistischen Legionspropaganda nichts zu tun haben. Freundschaft mit der Landesbevölkerung sei der einzige Weg zu unserer Verwurzelung im Lande, und diese werde durch die Legionspläne nicht gefördert. Trotzdem müsse natürlich alles unternommen werden, um die Gefahr zu vermindern, die in der gegenwärtigen Politik der Regierung in der Frage der öffentlichen Sicherheit liege. Der Autor wendet sich einer weiteren Frage zu: Regierungsböden. Auch hier nahm Jabotinsky die bekannten Forderungen des Jischuw auf, und auch hier ging er weiter und machte aus diesen Forderungen eine Weltanschauung und ein Kolonisationsprogramm, das alle Fragen löst. Wir beabsichtigen keineswegs, alles, was Jabotinsky zu dieser Frage sagte, zu verwerfen, aber auch hier sehen wir in Jabotinskys Anschauungen ein Gemisch von berechtigter Kritik und wirklichkeitsfremden Vorschlägen. Es ist richtig, daß wir eine umfassende und durchgreifende Kritik unserer ganzen Bodenpolitik brauchen. Aber in seiner scharfen Kritik hat Jabotinsky vergessen, daß wir Im Lande nicht im ״leeren Raum“ arbeiten und daß neben der Zionistischen Organisation noch viele andere Käufer auf dein Markte erschienen sind. Besonders ist die Steigerung der Bodenpreise in den letzten zwei Jahren nicht so sehr auf ein Anwachsen der Anforderungen seitens der Zionistischen Organisation, sondern auf die privateri Praktiken zurückzuführen. Wären unsere Fonds auf dem Bodenmarkte ausschlaggebend, so könnten wir viel durch Regularisierung der Bodenfrage erreichen. Wir wollen nicht vergessen, daß genau so wie die Juden Boden kaufen, viele Araber ihn verkaufen wollen. Aber Jabotinsky spricht, seiner Losung ״Nur durch staatliehe Mittel“ getreu, nicht über eine derartige nationale Regu< lierung, sondern kommt mit dem Projekt einer ״Bodenreform“. Dieses Projekt an sich ist sehr schön und einfach: die Regierung soll die unbebauten Böden der arabischen Effendis (Jabotinsky fügt zum Ausgleich auch die jüdisehen ״Effendis“ hinzu) enteignen und eine ״Bodenreserve“ schaffen, aus der jeder Jude und Araber Land erhalten soll, der darum ersucht, um sich darauf anzustedein und von c Landarbeit־ m leimt, Worauf baut Jiboflnfky dieses ׳Pfojekt auf? Auf dem ottomanischen Gesetz, das besagt, daß die Regierung berechtigt ist, Boden, der von seinem Besitzer drei Jahre hintereinandci nicht bebaut wurde, zu konfiszieren. Herr Jabotinsky liebt es, die Worte Samuels zu zitieren, der dieses Gesetz ״an excellent law“ nannte, aber er vergißt die von jenem hinzugefügten Erläuterungen zu erwähnen. Diese besagen, daß die türkische Regierung es ״nur selten“ angewandt hat, und daß die neue Palästinaregierung es nur ein einziges Mai möglich fand, sich seiner zu bedienen: als eine kleine Bodenfläche zur Errichtung eines Flugzeuglagers gebraucht wurde, enteignete man den Boden, der im Besitz eines reichen syrischen Grundbesitzers gewesen war*). Kann man auf einer derartig schwachen Grundlage das gewaltige Gebäude einer ״Bodenreform“ errichten? Zu unserem großen Bedauern müssen wir uns selbst diese Frage mit ״Nein“ beantworten. Gehörte England zu den Ländern, in denen die Bodenreform bereits durchgeführt ist, und wären die englischen Administratoren von dieser Idee durchdrungen oder wenigstens durch Erfahrungen in ihrer Heimat an sie gewöhnt, so wäre es vielleicht möglich, auf sie einzuwirken und ihnen die große Bedeutung einer derartigen Reform auch in Palästina nachzuweisen. Aber die ,,Bodenreformbewegung“ ist in England selbst noch immer sehr schwach, und die! Massen, aus denen sich die Beamten rekrutieren, verhalten sich gleichgültig oder mit offener Feindschaft zu ihr. Wie kann man hoffen, daß eine ans diesen Menschen bestehende Regierung bereit sein wird, die Aujgabe einer Bodenreform zu übernehmen, wie es sie bisher weder in der Geschichte Englands noch in der seiner zahlreichen Kolonien gab? Aber zu unserem Glück ist die Lage etwas anders als das schwarze Bild, das Jabotinsky uns entworfen hat. Auch ohne seine Bodenreform vermögen wir Großes innerhalb der Grenzen der Möglichkeiten des Landes zu verwirklichen. Wir müssen den Kampf um die Forderung fortführen, daß die Regierung den schweren Irrtum des früheren High Commissioners in bezug auf den Dschiltlik von Beisan wieder gut mache (der den größten Teil der Dschiftlik-Böden im Lande darstellt), und müssen damit beginnen, neue noch unbetretene Wege und Richtungen zu suchen. Aber hierzu müssen wir Träume vergessen, die außerhalb des Bereiches der Wirklichkeit und Möglichkeit liegen, so angenehm und so schön sic auch sein mögen, und unsere Kräfte darauf konzentrieren, den Bodenerwerb so zu organisieren, daß sich die nationale Energie nicht zersplittert und die Seuche der Spekulation nicht wiederkehrt. Zweierlei ist hierzu nötig: Organisierung und Geld. Geld. Auch hierzu hat Herr Jabotinsky ein ausgezeichnetes Projekt, das die Frage mit Leichtigkeit löst, ohne daß wir uns selbst oder unser Volk besonders anzustrengen brauchen. Welches ist dieses Projekt? Herr Jabotinsky spricht das Zauberwort ohne besondere Schwierigkeit aus: die Reg i e r u n g. Auch hier diese allmächtige Regierung als Allheitmittel, ähnlich jenen Arzcneien, die in den Zeitungen angepriesen werden mit dem Versprechen, alle Krankheiten, vom Schnupfen bis Krebs und Schwindsucht, zu heilen. Nach Durchführung der Bodenreform — sagt Jabotinsky — kann die Regierung auf der Grundlage ihres unbebauten Landes eine Anleihe erhalten. Wie seltsam ist der Gedankengang dieses Mannes! Als er m uns kam, verkündete er, daß er gekommen sei, um alle Illusionen zu vernichten und die bittere Wahrheit *) Nach dem neuen Gesetz über Bodenenteignung könnte die Regierung dies auch tun, ohne jenes türlasche Gesetz anzuwenden-

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