Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 25 (29.3.1927)
- Date
- 1927-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 182 JUEDISCHI RUNDSCHAU Nr. 25 Kulturkampf! Holdheim sieht Gespenster: Ein Kampf von unerhörter Erbitterung• steht ihm vor Augen, weil man, so meint er, die freireligiösen Juden vergewaltigt, ihnen das ״synthetische“, d, h. religiös-nationale Judentum aufzwingen will. Welch gänzliche Verkennung der Situation 1 Niemals wird ein Opfer der Ueberzeugung verlangt. Von keinem Juden, der die ״Religion“ verloren hat, wird irgendeine ״refigiöse“ Handlung verlangt. Was geschieht, ist vielmehr folgendes: Eine Frage der Praxis wird aus den empirisch festgestellten Erfahrungen der Praxis heraus so beantwortet: Jüdisch gestaltetes Leben ist in unsrer Lage unter unsern Verhältnissen nicht anders möglich als im Rahmen der Lebensformen des jüdischen Volkes . . . Die gewaltige Schwierigkeit, die sich aus dieser Sachlage für die Zionisten ergibt, die als erste Generation die Assimilation gedanklich überwunden haben, ist mir sehr klar. Und Holdheims Aufsatz hat sie wieder einmal grell beleuchtet. Aber es hilft nichts. Wer einmal A gesagt hat, muh auch B sagen. Das Bekenntnis zum jüdischen Volkstum und zur zionistischen Auffassung der Judenfrage ist nur ein erster Schritt. Und nicht immer ist der erste Schritt der schwerste. Er bleibt Völlig wertlos, wenn ihm nicht weitere noch schwerere folgen, lind die ganze Mühe und Anspannung des ersten Schritts war umsonst, wenn die Bahn, die man mit ihm eingeschlagen hat, nicht weiter verfolgt wird. Wer nach Palästina gehen kann, geht diese Bahn' weiter, aber er geht schlecht ausgerüstet und findet ungeheure Schwierigkeiten, wenn er ohne genügende jüdische 1 lachscharah hinübergeht. Wer aber hier bleibt, weil er den ״Weg ins Judenlaml“ noch nicht gehen kann, der muß wenigstens den ״Weg zum Judentum“ gehen. Oder wie ich, um die leidige Verwechslung mit der Immer drohenden ״Religion“ zu vermeiden, lieber sage: zum Judesein. Wie das der Einzelne macht, ist seine Sache . . . Der souveräne Weg dazu (Wolfsberg hat ihn wieder betont) heißt Lernen, das Wesen des jüdischen Volkes, sein Denken, sein Fühlen, sein Hoffen und sein Glauben in seinem klassisehen Schrifttum studieren . . . Die Tagung des Landesverbandes (Fortsetzung von Seite 1.) Dr. Epstein vertritt den den Lesern unseres Blattes bekannten Standpunkt der Jüdischen Volkspartei zu dem Entwurf. Er wendet sich zunächst gegen die Institution der Personalgemeinde, die eine völlige Vernichtung unserer alten jüdischen Gemeinde zur Folge hatte. Was herauskäme, wäre eine unjüdische Institution, die keine praktische Wirksamkeit entfalten könnte. Sie verbirgt auch die Gefahr in sich, daß dort, wo Mehrheiten in der Gemeinde zu Minderheiten werden, Massenaustritte erfolgen. Der Austritt aus der Gemeinde ist für uns unannehmbar, wenn er nicht verbunden ist mit der Vetpflichfung zur Zahlungvon Abgaben an eine andere Körperschaft. Der Austritt soll nur aus Gewissens gründen gestattet werden. Die lex Lasker brachte für die Austretenden bedeutende materielle Erschwerungen, dagegen die heute Austretenden wollen sich von materiellen Lasten befreien. Die Gemeinden leiden außerordentlich nicht nur unter wirklichem Austritt, sondern vor allem unter den Austrittsdrohungen einzelner Personen, denen diese oder jene Verwaltungsmaßnahme nicht paßt. Uebergehend zur Frage des Wahlrechts betont der Redner, daß das Gesetz von 1S47 ein gutes Gesetz war und wir der preußischen Verwaltung für seine Handhabung zu Dank verpflichtet sind, ln dem Entwürfe haben wir drei Punkte zu beanstanden: 1. bezüglich der Verhältniswahl verlangen wir Herabsetzung der Zahl der zur Forderung der Verl)äitt)iswahl Berechtigten auf 30 statt 40; 2. fordern wir dis Herabsetzung der Karenzzeit auf ein Jahr und 3. fordern wir völlige Gleichstellung der Ausländer mit den Inländern. Der Ausschuß hat eine solche Gleichstellung in bezug auf die Gemeindevorstände ausdrücklich abgelehnt. Dies ist eine Verschlechterung gegenüber dem Judengesetz von 1847. Die Wählbarkeit ist der Ausfluß der Mitgliedschaft der Gemeinde und darf bei keiner Gruppe eingeschränkt werden. Wir würden das Gesetz ablehnen, wenn diese unsere Forderung nicht angenommen wird. Wir treten für dieses Prinzip nicht nur aus formalen Gründen ein, sondern weil wir glauben, daß wir die Ausländer um so nötiger haben, je mehr das jüdische Leben in unseren Gemeinden verfällt. (Lebhafter Beifall bei der Volkspartei.) Justizrat Hirschberg (konservativ) tritt für eine Verstänaigung mit dem Halberstadter Verband ein. Er erklärt sich ferner dagegen, daß das Frauenwahlrecht zur Pflicht gemacht wird. Auch in der Frage des Verhältniswahlrechtes und in der Frage der Gleichstellung der Ausländer müsse die Getneinde ihre Autonomie behalten. Professor Sobernheim (Mittelpartei) betont, daß ein Austritt aus der Gemeinde aus Steuerdrückebergerei unbedingt verhindert werden müsse. Redner wendet sich sehr wirksam gegen die Argumente, man dürfe in bezug auf das Wahlrecht mit Rücklicht auf die Autonomie der Gemeinden keine zwingende Bestimmungen treffen. Man vergißt, daß durch solche Bestimmungen ein'Schutz gegen unberechtigte Willkür des Gemeindevorstandes einer Einzelgemeinde aufgerichtet wird, keineswegs aber der Zwang zu etwas Ungebührlichem erfolgt. Nach Bemerkungen von Justizrat Makower und D־׳ Istnar Freund zu verschiedenen Punkten des Entwurfes wird um 7 Uhr abends die erste Sitzung geschlossen. Der Abend ist den Fraktionsbesprechungen gewidmet. MontagVormittag beginnt die Spezialdebatte. Die §| 1—9 werden angenommen, ebenso § 10, wobei ein Abänderungsantrag von liberaler Seite den Austritt nicht nur aus religiösen, sondern aus ״Gewissens-“ (lies: politischen) Bedenken zuzulassen, abgelehnt wird. Sodann entspinnt sich über § 12 eine lebhafte Debatte. In dieser Debatte hält Frau Wronsky (Volkspartei) eine entschiedene Rede für unbedingte Gleichberechtigung der Frauen im Wahlrecht. Im weiteren Verlauf hält Dr. Oskar Cohn seine erste Rede im Landesverband; er wendet sich scharf gegen alle Beschränkungen der Rechte der Ostjuden, die man schamhaft ,,Ausländer“ nennt. Weiter sprechen Dr. Epstein (V.-P.), Woyda (liberal), Berger (Poale Zion), Dr. Sandler u. a. Dr. Goldstdn 10 Kalkutta Dr. Alexander Goldstein ist auf seiner Tournee durch die Länder des Fernen Ostens in Kalkutta eingetroffen, wo er am 27. Februar vor einer Versammlung der führenden Repräsentanten der dortigen Jüdischen Gemeinde im Hause von Herrn und Frau David Ezra seinen ersten Vortrag über die Probleme der Wiederbelebung des Judentums und den Aufbau Palästinas hielt. Den Vorsitz in der Versammlung führte David Ezra, der im vorigen Jahre Scheriff von Kalkutta war und eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des indischen Judentums ist. Eine systematische Kampagne für den Keren Hajessod hat eingesetzt und auch die Organisierung eines Nationalfondskomitees macht Fortschritte. Die englische Presse Kalkuttas widmet der Mission Dr. Goldsterns große Aufmerksamkeit. In allen Zeitungen werden lange Interviews und Berichte über die Arbeit in Palästina veröffentlicht (Ziko.) Jabotinsky in Polen (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, Ende März. Jabotinskys Besuch in Polen galt der Propaganda für das revisionistische Programm und die revisionistische Fraktion. Seine Ankunft war begleitet von besonderen Umständen, die uns sehr charakteristisch zu sein scheinen für die zionistische Stituation in Polen. Wie wir seinerzeit berichteten, ist die revisionistische Gruppe in Polen schwach sowohl an Zahl als auch an geistigen Potenzen. Aber dazu hat die bestehende allgemein-zionistische Organisation sehr wenig beigetragen. Da man überhaupt schwache zionistische Aufklärungsarbeit leistete, hatte man es auch bisnun unterlassen, sich irgendwie mit dem Revisionismus auseinanderzusetzen. Nun, da jabotinskys Ankunft angekündigt wurde, befürchtete inan in den Kreisen der gegenwärtig in der kongreßpolnischen allgemeinzionistischen Organisation regierenden ״Eth Liwnoth“ eine starke Beeinflussung der öffentlichen jüdischen Meinung durch den Führer der Revisionisten und griff zu einem Mittel, das von mehreren Seiten stark mißbilligt wurde. Das allgemein-zionistische Zentralkomitee in Kongreßpolen erließ eine Kundgebung, in welcher Jabotinskys Propaganda als schädlich für die zionistische Sache im gegenwärtigen Augenblick erklärt und sämtlichen zionistischen Ortsgruppen anbefohlen wird, an revisionistischen Veranstaltungen keinen Anteil zu nehmen. Dieses Communique, mancherseits als ״Cherem“ bezeichnet, stieß auf starke Gegnerschaft innerhalb der allgemein-zionistischen Reihen, und zwar nicht, weil irgendwelche stärkeren Sympathien für den Revisionismus vorhanden wären, aber man betrachtete es gerade für unklug, der innerzionistischen Diskussion auf diese Weise zu entgehen. Man meinte, es sei gerade schädlich, diese unumgängliche Auseinandersetzung außerhalb der Zionistischen Organisation führen zu müssen und glaubte schließlich, dadurch das Ansehen des Zionismus herabgemindert zu sehen, wenn ein zionistisch verdienter Mann in dieser Weise aufgenommen werde. Drei Umstände waren es, welche für die Stellungnahme der allgemein-zionistischen Offiziellen maßgebend waren: die gesamte zionistische Presse Kongreßpolens bemächtigte sich der revisionistischen Propaganda mit einer Sensation, welche zwar nur Jabotinskys Persönlichkeit galt, aber Verwirrung in die zionistischen Reihen brachte. Ferner glaubte man, Jabotinsky solcherart entgegentreten zu müssen, um die Keren Hajessod- Aktion nicht zu beeinträchtigen. Und schließlich ein beachtenswertes Motiv, das in der Kundgebung mit Nachdruck hervorgehoben wurde: die revisionistische Propaganda drohe mit einer weiteren Zersplitterung der Zionistischen Organisation. Es sei hier erinnert, daß in Kongreßpolen neben den bestehenden zionistischen Föderationen, die allgemeine Zionistische Organisation schon längst ihre einseitige dominierende Rolle eingebüßt hat und seit Jahren in zwei oftmals sich stark bekämpfende Fraktionen, ״Eth Liwnoth“ und ״Ai Hamischmar“, gespalten ist. Der Differenzierungsprozeß im Zionismus hat, wie wir sehen, entgegen anders lautenden Behauptungen, beim allgemeinen Zionismus keinen Halt gemacht und droht nun mit einer weiteren Spaltung, falls der Revisionismus an Stärke gewinnen sollte. Anders war die Lage in West- und Ostgalizien. Hier haben es die bisnun einheitlichen allgemein-zionistischen Organisationen für ratsamer gehalten, Jabotinsky offiziell als ihren Gast zu bet• grüßen und veranstalteten eine Reihe von internen Beratungen, wo eine Diskussion mit Jabotinsky durchgeführt wurde. Offiziell wurde auch Jabotinsky vom ״Misrachi“ sowohl in Kongreßpolen als auch in Galizien begrüßt, in Kongreßpolen tat es gleichfalls die ״AI Ha1mschmar“-Grt1ppe. Jabotinsky hielt in simtHcheh Städten, die er besuchte, öffentliche Vorträge und hielt Parteiberatungen mit den revisionistischen Gruppen ab. Sowohl dem Namen als auch dem Inhalt nach boten Jabotinskys Vorlesungen nichts Neues. Er wiederholte überall das, was er im letzten Jahre in seinen Reden in Palästina, in Deutschland und in Paris auseinandergesetzt hat. Er rollte überall vor dem massenhaft erschienenen Publikum das bekannte revisionistische Programm auf und fand nur selten Gelegenheit, etwas Neues hinzuzufügen. Da Jabotinskys Anschauungen den Lesern der ״J. R.“ bekannt sind, wollen wir uns beschränken auf die Wiedergabe des Eindrucks, den sein Auftreten hier hervorgerufen hat. Nun gilt es, folgendes festzuhalten: Jabotinsky, welcher im russischen Vorkriegszionismus eine bedeutende Rolle spielte, erfreut sich selbstverständlich in zionistischen Kreisen Polens einer gewissen Popularität. Hinzukomint Jabotinskys Leistung während des Krieges, die Schaffung der Legion (Jabotinskys Memoiren aus dieser Zeit werden soeben in der hiesigen zionistisehen Tagesnresse veröffentlicht) und sein Auftreten während des Jaffaer Pogroms. Dies vor allem bewirkte, daß Jabotinsky als stark ausgeprägte und verdienstvolle Individualität überall mit großer Achtung und in vielen Kreisen, vornehmlich der Sport- und Jugendbewegung, mit Jubel begrüßt wurde. Er galt Jabotinskv dem Legionsschöpfer und Gefangenen von Akko, keinesfalls dem Führer der zionistischen Opposition und Begründer der revisionistischen Richtung. In Polen trat aber Jabotinsky vornehmlich als Propagator seiner revisionistischen Ideen auf. Aus unserem letzten Bericht ist zu sehen, daß der Boden für Jabotinskys Ideen in Polen günstig zu sein schien. Es herrscht Desorientierung, Schlaffheit, Enttäuschung. Man w׳artet auf das erlösende Wort. Wer ist schuld? Wie kommen wir aus der Sackgasse heraus? Nun vernahm man das Wort und lauschte mit angehaltenem Atem. Und hörte aus dem Munde eines hochbegabten Redners, mit strenger Logik und starker Faust vorgetragene Meinungen und Gedanken, die so einfach und überzeugend sind, wie die als Grundthese vorgebrachte arithmetische Formel von zwei mal zwei ist vier, und da man an Rechnen und Klügeln sich so sehr gewöhnt hat, fand man auch diese Rechnung so einfach verständlich und gleichsam so herzensnahe. Die breite Masse dachte gar nicht nach, sie konnte es nicht, da man sie das zionistische Denken gar nicht gelehrt hat. Sie war im Flug von der guten Rechnung berauscht und empfand nur — da haben wir’s —: den Schuldigen — England, una den einzigen Ausweg das ״kolonisatorische Regime“. Der Weg ist klar: die starke Forderung an England erheben und da dies die gegenwärtige zionistische Exekutive weder wili noch kann, müssen wir sie so rasch wie möglich stürzen. Dann machen wir’s schon besser und das Problem ist gelöst. Von sämtlichen Gedankengängen Jabotinskys wirkten in Polen auf die nichteingeweihte zionistische und jüdische Masse nur diejenigen, weiche irgendwie auf Rechnen und Zahlen Bezug haben. Die jüdische Mehrheit, die zu expropriierenden Millionen Dunams, die notwendigen Zölle, die bereits als kolossale Leistung bezeichnete Investition von 19 Millionen Pfund in Palästina, der Wechsel, den England zitiert hat und den es einlösen wird, sobald wir ihn nur voriegen werden . . . Was braucht er mehr, der jüdische Bürger, wenn er von einem jüdischen Helden solche und ähnliche Rechnungen vorgebracht bekommt? Wo bleibt aber dabei der Zionismus mit seinen Aufgaben und Pflichten, die er doch in allererster Linie dem jüdischen Volke auferlegt? Wo ist die Gegenreehnung, die die heutige jüdische und nichtjüdisehe Wirklichkeit uns entgegenhält? Wo der Geist, der die Zahlen beseelt und ihnen erst den richtigen Schwung und die richtige Deutung gibt? ... Wer fragte aber danach? Der polnische Zionismus, wie er vornehmlich durch seine rechte und Zentrumsparteien repräsentiert wird, enthüllte in I diesen Wochen nun wiederum seine geringe Kraft, und zwar weil er weder Kraft, noch Mut besaß, reit und sachlich Rede und Gegenrede zu stellen, für oder wider sich zu entscheiden. Uer polnische Zionist wurde vom Revisionismus angehaucht und für Augenblicke berauscht, abernichtüberzeugt. Er hatte —• Ausnahmen bestätigen nur die Regel — kein richtiges ' Verständnis und keine innere Beziehung zu allen diesen vorgebrachten Dingen. Der allgemeine Zionismus hier mitsamt seinen Führern fand es auch nicht für richtig, die Diskussion aufzunehmen und begnügte sich entweder mit der offiziellen negativen Steilung oder mit Begrüliungsworten. Kein Eingehen auf die Probleme, keine Antwort wurde erteilt, nichts wurde unternommen, um der zionistischen Masse eine Orientierung zu geben. In Galizien war es auch diesbezüglich anders, aber auch hier erhielten die revisionistischen Gruppen keinen nennenswerten Zuwachs, wenn auch so manche Theorien jabotinskys neue Anhänger fanden. Ist also der obengeschilderte Zustand für uns ein Beweis mehr für die mangelhafte zionistische Erziehung in Polen, so können wir nicht umhin, festzustellen, daß von diesem Stand-!unkt aus (und nicht vom innen- oder außenpolitischen) die Propaganda Jabotinskys in Polen als schädlich zu betrachten ist. Wenn wir von der Erörterung zionistischer Fragen als solcher 7־ was als ein Positivum zu bezeichnen ist — absehen, bleibt eine Wirkung, welche für die Zukunft verhängnisvoll werden kann. Wir wollen es an einem Beispiel illustrieren. In den Gedankengängen Jabotinskys findet sich der bekannte Passus von der Großartigkeit der bisherigen Leistung des jüdischen Volkes und dann der wiederholt etwa so ausgesprochene Gedanke: ״Falls wir all dies von England nicht erreichen, ist unsere Mühe vergebens, dann ist es ausgeschlossen, ausgeschlossen!“ Man muß die gegenwärtige Lage in Polen gut kennen, um zu ermessen, welch schädliche erzieherische Wirkung solche Behauptungen haben müssen. Und dies gerade in demselben Augenblick, wo die Keren Hajessod-Delegation sich abmüht! Kaum war Jabotinsky in Polen angelangt begriff er auch sofort die Situation, und es muß wahrheitsgemäß festgestellt werden, daß Jabotinsky in Polen diese Behauptungen abzuschwächen suchte, indem er mehrmals auch darauf hinwies, wie notwendig es ist, daß Hand in Hand mit unserer politischen Aktion, unaufhaltsam Ströme von Schweiß und Gold nach Palästina fließen müssen. Ja, aber was hilft es, wenn die G e s a in t w i r k u n g seiner Ausführungen, eben weil sie so logisch scheinen, gegen den Willen Jabotinskys zur Negation des Selbsthilfsprinzips führen muß! Man vergißt seine Mahnung und hört nur das stark vorgetragene Wort: ״ausgeschlossen!“ Die Propaganda Jabotinskys führt unumstößlich zu einem Defaitismus, wenn auch gegen den Willen des Führers. Das ist doch die Gefahr einer jeden Massenbewegung und im Moment, wo Jabotinsky es für angebracht hielt, seine Kritik in die breite Masse zu tragen, muß er darauf vorbereitet sein, daß die Masse oft nur das hört, was ihr paßt. Schmarjahn Lewin betrachtete es als seine Pflicht, sowohl eines Erziehers im Zionismus, als auch eines Anhängers und Befürworters der gegenwärtigen Methode der zionistischen Leitung und nicht zuletzt als Führer der Keren Hajessod-Delegation in den Vorträgen, die er nach Jabotinskys Auftreten in den polnischen Städten hielt, die prinzipiellen Unterschiede in der Auffassung der zionistischen Probleme zu erläutern. Es war gar keine Polemik, wohl aber eine richtige Fortsetzung seiner glücklich begonnenen Erziehungsarbeit. Braucht man noch hervorzuheben, daß vom Standpunkte des Keren Hajessod die prinzipielle Auseinandersetzung mit der revisionistischen Denkungsart bittet notwendig war? Die ohcngeschildcite fatale.... Wirkung für die Keren Hajessod-Sammlung gibt eine richtige Antwort darauf. Die einzige zionistische Partei in Polen, weiche mit der größten Wucht und mit starker Ueberzeugung dem Revisionismus entgegentrat, war die ״H i t a c h d ü t h“. In sämtlichen Städten, wo revisionistische Veranstaltungen statffanden, haben die Führer der polnischen ״Hitachdut'n“ in massenhaft besuchten Versammlungen und Vorträgen, in der Presse und in speziell veröffentlichten Broschüren ernst und sachlich, sehr ausführlich sowohl im Prinzipiellen als auch im Einzelnen, das revisionistisehe Programm kritisch beleuchtet und bekämpft. Es war eine hoch zu bew׳ertende zionistische Leistung sowohl vom Standpunkte des Gesamtzionismus als auch der zionistischen Arbeiterbewegung. Es ist kein Zufall, daß gerade die ״Hitachduth“ diese Aufgäbe erfüllte. Ist doch der Nationalismus, den Jabotinsky predigt, in krassestem Widerspruch 7.u den Prinzipien des Zionismus, wie er von der ״Hitachduth“ vertreten wird. Und daraus folgt konsequenterweise die negative Steilung der ״Hitachduth“ zum größten Teile der revisionistischen Einzelforderimgen. Man kann da überhaupt kaum von einer Kritik der Einzelheiten sprechen, da Ausgangspunkt und Zielsetzung ganz verschieden aufgefaßt werden. Die energische Propaganda der ״Hitachduth“ hat ihre Wirkung in der Öeffentlichkeit nicht verfehlt, und zwar sowohl in den Reihen der älteren Zionisten als auch — was sehr wichtig ist — der zionistischen Jugend. Stärkung des religiösen Lebens in Palästina Jerusalem, 14. März. (J.T.A.) Kürzlich wurde in Jerusalem eine Konferenz von Rabbinern und orthodoxen Gemeindefunktionären abgehaiten, der rund 200 Personen aus allen Teilen des Landes beiwohnten. Oberrabbiner K u k , Rabbiner Sonnenfeld, Oberrabbiner Aaronson- Jaffa und andere diskutierten die Frage, wie das jüdische religiöse Leben in Palästina zu stärken, die Sabbat*Beobachtung, die Versorgung mit Koscherfleisch u. a. m. zu fördern seien. Die Konferenz nahm mehrere Entschlüsse an, die folgendes betreffen: 1. Gründung eines Komitees zur Ueberwachung der Sabbat-Beobachtung in allen Städten und Kolonien; 2. Proklamierung eines Verbots von Fußball-Spielen und anderen sportlichen Veranstaltungen an den Sabbattagen; 3. Ergreifung von Maßnahmen gegen die Sabbatverletzung bei der ״Nesher-Fabrik“ in Haifa; 4. Intervention bei der Regierung, daß jüdische Beamte an den Sabbattagen vom Dienst befreit werden; 5. Intervention bei der zionistischen Exekutive, beim Keren Hajessod, Jüdischen Nationalfonds und bei der amerikanischen Judenheit, daß strenge Maßnahmen gegen die Sabbatentweihung ergriffen werden. Schließlich hat die Konferenz es als Pflicht aller Juden proklamiert, jüdische Arbeiter zu beschäftigen und die Produkte Palästinas zu bevorzugen. Verhör mit Sehalom Sehwanbart Paris, 24. März. (J.T.A.) Gestern wurde Sehalom Schwarzbart drei von aer Petljura-Parte! geführten Zeugen ־*־■־־־' ■ ״ -■ ■ auf P e~t 1 j u r a in bolschewistischem Aufträge verübt. Schwarzhart wies diese Behauptungen entrüstet zurück, und es gelang ihm, die Beweismomente der Zeugen ad absurdum zu führen. Der Verteidiger Schwarzbarts, Torr es, sagte dem J.T.A.- Vertreter, er sei überzeugt, daß dies das letzte Verhör mit Schwarzbart gewesen war. Der Prozeß wird nicht soäter als im Monat Juni atattfindea.