Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 25 (29.3.1927)
- Date
- 1927-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2S JOEDfSCHE RUNDSCHAU Seit« (61 Kulturpolitische Diskussion Vorbemerkung der Redaktion: Der in Nr, 13 und 14 dieses Blattes veröffentlichte Aufsatz von G. Holdheim hat ein schwieriges und schmerzliches Problem berührt, letzten Endes das Problem unserer Weiterexistenz in der Qaluth. Das Problem erscheint für uns im Westen insbesondere als die Frage der folenden Generation, als die Frage, wie man den Prozeß er Entjudung, welcher von Generation zu Generation fortschreitet und auch bei den Kindern der national fühlenden und zionistisch gesonnenen Eltern nicht halt macht, zu beurteilen und zu bekämpfen hat. Diese Frage der Erziehung ist eine höchst praktische und aktuelle, mit der alle zionistischen Eltern von Verantwortungsgefühl hart zu kämpfen haben. Die persönlichen Note und Erfahrungen geben hier der Aussprache eine Grundläge, welche sie trotz der theoretischen Schwierigketten möglich macht. Wir geben deshalb der Diskussion gerne weiter Raum, von der wir glauben, daß sie von unseren Lesern mit Interesse' verfolgt wird und wenn schon nicht eine befriedigende Lösung, 80 doch wenigstens wichtige Anregungen bringen dürfte. Bei der großen Zahl der z. T. sehr umfangreichen Ein- Sendungen können wir allerdings nicht alle Vollinhaltlieh abd rucken, geben aber heute eine Anzahl von Zu- Schriften in Auszügen wieder, wobei wir das Charaktcristische hervorzuheben, Wiederholungen und Ab* Schweifungen ins allzu Spezielle zu vermeiden bestrebt sind. .,I. Von Marcel Lew, Hamburg. Der Autor leugnet die Möglichkeit, durch irgendwelche Maßnahmen pädagogischer Natur hier in der Qaluth die Probleme zu lösen, welche mit der Erhaltung, geschweige denn mit der Fortentwicklung und Regeneration des Judentums verknüpft sind. Das mache eben die Stellung des Zionismus aus, daß er die Lösung dieser Probleme durch den Wiederaufbau des jüdischen Volkskörpers in Palästina zu erreichen bestrebt sei. ln diesem Sinne sei Holdheim mit der Orthodoxie zionistischer und antizionistischer Färbung einig, wenn er Wege sucht, die Galuth festzuhalten, ein Beginnen, das zionistisch gesehen, aussichtslos sei und abfraglich, insofern es vom konsequenten Palästinismus ablenke. Im Konkreten «׳endet Lew gegen Holdheims erzieherischen Vorschläge das Folgende ein: Doppelt schädlich ist aber Holdheims Weg, den in praxi die meisten deutschen Zionisten schon beschritten haben: schädlich aus zionistischen und pädagogischen Gründen. Die pädagogischen Gründe: Die Haldheimscne Erziehungsmethode ist sentimental-ästhetischer Natur. Sie appelliert an verwischbare Oefühle, sie geht den Weg ästhetischer Eindrücke (ohne wirklich ein-zu-drücken), sic schafft momentane Erlebnisse. Da ein Märchen, hier eine Feier; da — ein wirklich reformierter — Jom Kippur und hier ein palästinensischer Freitagabend. Schließlich wirkt diese Methode auch passivierend. Träumereien an jüdischen Kaminen . . . Das ist vorbei. Wir können von den Kommunisten lernen: Straßendemonstration reizt aut; ein Einblick in Tuberkulosebohlen des Hamburger Elendviertels und dann die Ansicht Winterbader Reedereipaläste: das!nacht kommunistischer als tausend Jungnickelsche Märchen vom guten Mann. Eine Zeichnung von George Groß ist mehr wert als hundert sozialdemokratische Jugendweihen. Und weshalb in die Ferne selwÄn.? ,Ein Jahr, lang Breueifehet Orthodoxie •,im■. Ehernhause sitzt tiefer als z e h n Jahre reformierter ־Ffatagtbend mit Erzählungen aus Palästina. Jene regeln das Lebe« ganz genau. Sie wissen sehr wohl, was sie tun. Nur so erzieht man mit Erfolg; nicht durch Reden, Singen und Feiern allein. Nur so zwingt man den Menschen zur wachen Tat, anders schläfert man ein. Holdheims Weg ist kein Weg. Hier gibt es keinen Weg, der Lösung wäre. Das müssen wir wissen und eisern 11! uns elnhämmern. Jeder muß wieder von vorne Zionist werden, mein Kind genau so wie deines, Holdheim. Ich kann es aktivieren, seine aktiven Triebe reizen, so wie der Sozialist es tut. Darüber aber will ich hier nicht schreiben. Das vielleicht später. Ein Gebäude cinzureißen ist manchmal wichtiger, als ein neues zu bauen. II. Von Clara Boscbwitz, Berlin. Die Verfasserin begrüßt es In Holdheims Aufsatz, daß er einen beträchtlichen Fortschritt gegenüber früheren ״instinktlos“ antireligiösen Aenßerungen des areligiösen Zionismus darstelle und führt u. a. aus: Holdheim gibt zu, ״daß das Leben unlöslich damit behaftet ist, in einer Form in die Wirklichkeit zu treten“, entsetzt sich aber bei dem Gedanken, traditionelle Formen anzunehmen, da diese ja religiös sind, also, wenn er sie gebrauchte, eine Lüge, eine Entwertung seiner Persönlichkeit bedeuten. Er ״lehnt die Synthese zwischen Nation und Religion ab“ macht allerdings dann doch den Versuch, z. B. beim Freitagabend, etliche religiöse Formen für sich zu retten. Hier scheint er auf dem richtigen Wege, denn es kann sich nur darum handeln, möglichst viele traditionelle Formen als nationale zu übernehmen. Denn Formen werden nicht frei erfunden, sie wachsen organisch. Es wäre denkbar, eine zionistische Form zu entwickeln, z. B. wenn es ״heilige“ Sitte würde, am Sabbat in seinen vier Wänden nur hebräisch zu sprechen. Als Hermann Struck am Schluß eines Delegiertentag cs den Vorschlag machte, die nächste Tagung und die folgenden sollten hebräisch sein, lachten alle, ״spotteten ihrer selbst und wußten nicht wie“. Sie hätten freilich von der Idee der zwei Heimatländer besessen sein müssen, um sich derart gewaltsam auf die Eroberung der hebräischen Sprache zu stürzen. Aber heute gäbe es eine Elterngeneration, deren Kinder in einer keineswegs orthodoxen, aber lebendig jüdischen Atmosphäre auf- •wüchsen. Es gäbe eine große Gruppe Menschen, die diese Atmosphäre noch verdichtete. Es Ist kein .,Zeichen innerer Kraft“, daß unsere Bewegung die Besessenheit'nicht hatte, die allein organische Writerentwicklung jüdischer Formen hervortreiben könnten. Auch Holdheim, scheint es bewußt zu sein, daß hier eine nationale Form von höchstem Wert ist, die den Orthodoxen als bloß religiöse Do• mänc zu überlassen, er nicht gesonnen ist. Richtig empfindet er auch, daß einem nationalen Tag mit nur privater Feier nicht Genüge geschieht, aber er glaubt, daß ״neuartige Feiertagsformen erfunden“ werden müssen. Skeptisch dürfen wir an derartige Bemühungen mancher Kreise der Blauweißen denken, die aus Chanukkah eine Sonnenwendfeier machten. Wollt ihr euch Bachs ״Kantaten“, Beethovens ״geistliche Lieder“ Vorspielen lassen? Aber das sind ja unsere Psalmen, teils wörtlich, teils aus ihren Gedanken und Gefühlen gebildet Wenn wir Bach und Beethoven hören, werden wir durch das allgemein verständliche Volapük der Musik von Andachtsgefühl durchdrungen. Und gibt es jemanden, der dies Gefühl lügenhaft schilt? Setzt euch allein, eine kleine, freireligiöse Gemeinde, zu Bach und Beethoven, und cs ist eine private Angelegenheit. Wollt ihr aber eine nationale Feier, so stellt euch mit der Getuelnde, aBe mit dem Gesicht nach Zion gerichtet, und hört dieselben Psalmen in der Ursprache, den jüdischen Melodien, die weniger Kunst haben als Bach und Beethoven, dafür aber bis zum Zerspringen gesättigt sind von den erlebten Schick* salen eines Volkes. Zur Frage der Kindererziehung übergehend fährt Verfasserin fort: H. erkennt die große Rolle der Märchen im Leben des Kindes. Er ruft nach jüdischen Märchen. Wir haben ein paar ganz hübsche Bücher, und mancher Vater, manche Mutter mag auch gelegentlich wie ich seinen Kindern ein Märchen geschenkt haben. Man mag sammeln und sichten — sichten! Das Genie für Märchen scheint noch seltener zu sein als für irgendeine andere Dichtungsart. Man kann die großen Märchenerzähler fast an einer Hand abzählen. Und die Volksmärchen, deren Kern ja auch von einzelnen herrühren mögen, sind in vielen Jahrhunderten gewachsen. Am skeptischsten aber sollte man sein, wenn Märchen nach Rezept verlangt werden: diese und diese Weltanschauung zu illustrieren. Ist es nicht bezeichnend, daß bei Andersen, der betont christlich gewesen sein soll, diese Nuancen in all den Hunderten Märchen nur ganz sporadisch auftritt? Aber wir haben die Midraschim, nocfi mehr, wir haben die Bibel. Doch da fürchten unsere Freidenker schon, sich der Lüge schuldig zu machen, wenn sie ihren Kindern vorlesen oder getreu erzählen, wie sie es selbst nicht glauben. Aber es heißt schon: ״den Don Carlos ohne Marquis Posa spielen“, wenn man die große Hauptperson aus der Bibel fortläßt, ich weiß von gebildeten, sittlich hochstehenden Kommunisten, die ihren Kindern alljährlich die Weihnachtskrippe aufbauen. Den ganzen Dezember durch geht das Basteln und Ausputzen, Singen und Erzählen; und die zionistischen Nachbarskinder schauen ntit Entzücken und wehem Neid zu. Wovor fürchtet man sich bei unserer areligiösen Orthodoxie? Daß die Kinder einst Schreck und Schmerz der Erkenntnis erleben? Daß sie einst sagen werden: ״Ihr habt uns belogen?“ Dies letztere braucht nicht zu geschehen, wenn man aufmerksam beobachtend, die Zweifel abwartend, dem Bedürfnis des Kindes entsprechend antwortet. Mindestens das reifere Kind wird, vielleicht erst nachträglich, begreifen, daß man einem Kind in Bildern sprechen darf, vielleicht muß. ich glaube nicht, daß man Kinder ohne Gott nicht sittlich erziehen könnte, aber solange eure Aufrufe nicht Märchenschöpfungen von der Tiefe una Großartigkeit des ersten Buches Mose hervorgezaubert haben, würde ich leidvolle Krisen des kindlichen Gemüts und vorübergehende Trübungen des Vertrauens (beides sehr ernst zu werten) eher in Kauf nehmen, als daß ich es wagte, diese Wunderwelt jüdischen Kindern vorzuenthalten oder zu beschädigen. Aber erzählen, vorlesen und selbst das eigene Lesen der Kinder genügt nicht. Selbsttatigkeit erst macht ihnen die Geschichte zum vollen und freudigen Erlebnis. Ich gedenke einer kleinen Szene im Kindergarten des Volksheims. Fräulein Klaß zeigte, wie man ein Körbchen aus Plastilin knetet. Die Kleinen blickten stumm, manche ein wenig gelangweilt, zu. Als sie aber zum Schluß gelassen hinzufügte: ״Una das ist das Körbchen, in dem der kleine Moses zwischen dem Schilf auf dem Flusse lag“, löste sich spontanes Aufjauchzen ringsum, die belebende Assoziation war gefunden, und mit Eifer ging man daran, es nachzumachen. Wenn ich auch das gefährliche Wort, das ich einst von Wyneken aussprechen hörte: ״Die Pathologen sind das Salz der Erde“, nicht voll unterschreiben möchte, so diene es doch als Gegengewicht gegen die allzu einseitige geistige Hygiene der Montessori-Kinaergärten, wo Phantasie offenbar als pathologische Kontrebande verpönt ist. Ich weift nicht, ob es jüdisehe Kinder ohne ausgesprochene Phantasie überhaupt gibt. Sie will sich betätigen. Deshalb Ist ihnen Theaterspielen .eine besonder« Liebhaberei. V«j Oktober ■bis Miete' Janus» liest man als Wochenabschnitt die herrlichen Geschichten, die sich ohne Kulissen, ohne Kostüme, vor allem ohne Zuschauer (denn Darstellung, nicht Vorstellung gilt es) aus dem Stegreif am Sabbat so amüsant spielen lassen, wenn man sie am Freitag Abend, der ja mit frühem Sonnenuntergang begann (so recht den kleinen Kindern zulieb) gehört oder gelesen. Aber freilich, hier stocke ich: Bei uns zu Hause spielten wir noch Schneewittchen mit den sieben Zwergen, ebenso wie ״Chuppo“, ״Duchnen“ und ״Szederabend“ ohne Mangel an Personal, und meine vier Kleinen sahen die Bibel naiv als eigenes für sie geschriebenes Textbuch an, aber wie spielt ein Kind Theater? Unversehens bin ich auf Fragen geraten, die schwierig«־ sind als Kinderspiele, und ich will abbrecheu. Ohnehin ist eine volle Beantwortung der Holdheimschen Fragen in einem Zeitungsartikel unmöglich. 1 I .. You Isidor Hepner, Berlin. Einleitend bedauert der Verfasser dieses Aufsatzes, daß die politisch-ökonomischen Probleme des jüdischen Lebens und des Aufbaus von Palästina unsere besten Kräfte so sehr in Anspruch nehmen, daß die anderen, mit unserer geistigen und moralischen Existenz verbundenen Fragen in den Hintergrund verdrängt werden. Er setzt fort: Wir glauben an die ״Wiedergeburt des Judentums“, glauben noch an die ״Wandlung des jüdischen Menschen“. Es ist an der Zeit, den Weckruf Holdheims zu hören. So sehr ich aber seinem Mut und seiner Offenheit Achtung zolle, ich glaube, daß es nicht nur darauf ankommf, zionistischen jungen Vätern aus dem Erziehungsdilemma zu helfen, sondern ich glaube, daß hier gerade die Ursache der Krisjs unserer Jugendbewegung zu suchen ist, nach der Blumenfeld, Kanowitz, Bloch u. a. spähen. Wir hatten als Junge und haben noch die Kraft unseres nationjüdischen ,Bewußtseins und zum mindesten noch Pietät zur Tradition, Liebe zu ihr. Die veränderte Struktur der Umweit — Sozialismus, Pazifismus — lockerte in den nachfol* genden Generationen die Ideologie des Volkstums, und, wie sagt Klee?: ״Pietät vor der Pietät gibt es nicht.“ Wozu denn ״Bruch mit der Tradition“? An sie anknüptend kann und soll ein lebendiges Judentum geschaffen werden, an dem sich unsere Jugend begeistern kann. Wer stellt eine Statistik darüber auf, wieviel Juden dem Judentum entfremdet werden durch Teilnahme an geistigen Bewegungen, welche mit einer geschlossenen Weltanschauung der Not der Zeit zu steuern versprechen. An dieser Erscheinung, der die wertvollsten Kräfte unserer Jugendzum Opfer fallen, sind alle vorübergegangen, unsere RaDDiner wie unsere Statistiker, die zionistisehen Führer nie di? liberalen Richtlinien- Juden! Was ist das Judentum heute, wenn wir von dem kleinen Kreis der Orthodoxie absehen? Eine Wissenschaft für die Hochschule, ein Vorlesungsthema für Dozenten, ein Predigtthema für Rabbiner, Wir haben keinen, der uns sein geschlosscnes Weltbild zeigt und Stellung nimmt zu allen akuten Menschheitsproblenicn. vielleicht und wahrscheinlich hat das Judentum keine Abgeschlossenheit wie andere Glaubensrichtungen, Weltanschauungen und -ismen, sondern seine Stärke und Zukunft in seiner Entwicklungsfähigkeit Aber Leben muß es zeigen, um geliebt zu werden. Für liberale Richtlinien hat sich bisher keine Jugend erwärmt, aber auch für ״biologische Tatsachen“ wird sich keine Jugend einsetzen (auf einer Tagung eines nationaljüdischen Jugendbundes wurde in einer Art ideologischen Manifestes das Judentum als biologische Tatsache definiert). ״Zionismus sei der Anbeginn einer neuen Welle metaphysischen Empfindens“, sage ich mit Holdheim, IV. Von Fritz Fraenkel, Nürnberg. Aus diesem Aufsatze, der die bekannte Auffassung von der Notwendigkeit einer Säkularisierung des Judentums vertritt, ohne allerdings im Konkreten zu sagen, was der geforderte Kulturzionismus in der Galuth an Seile des Traditionsgutes zu setzen hat, heben wir die folgenden Stellen hervor: Dcy deutsche Zionist kommt nicht aus religiösen Gründen zum Zionismus. Die offizielle Ideologie des deutschen Zlomsmus hat dies aber noch nicht begriffen und steht der Psyche des modernen Zionisten fremd gegenüber. Keiner der zionistischen Führer hat bisher den Mut gehabt, den Wider- Spruch, der zwischen seiner persönlichen areligiösen Ein- Stellung und der religiösen, von historischem Verständnis diktierten Ideologie besteh(, aufzudecken. Noch immer gilt der von der Orthodoxie aufgestellte Satz: ״Die Religion hat das Judentum erhalten“, auch im Ziomsmus, ohne daß der Zionismus sich fragt, welche Kraft erhält das Jüdische Volk weiter? Zunächst also widerspricht die Tatsache, daß die Mehrheit der deutschen Juden und auch der deutschen Zionisten areligiös ist und dennoch dabei gefühlsmäßig vollständig jüdisch eingestellt ist, dem Versuch. Fernerhin hat man widerstandslos auch für die anderen Zeiten den Satz, daß das Judentum nur durch die Religion aufrechterhalten worden wäre, akzeptiert, ohne eine Reihe von Gegenargumenten zu berücksichtigen . . . Es ist eine mechanistische Geschichtsauffassung zu glauben, da 11 die Thora Israel erhalten hat, wem! man schon auf religiösem Boden steht Die Thora war das Sekundäre, das Primäre war der Gottesglaube, der der Thora erst jene gewaltige Autorität im jüdischen Volke verschafft hat Der Abfall vom religiösen Judentum kann daher nicht als Kalufhrösch, als leichtfertiges Abstreifeu der religiösen Formen, angesehen werden. Der Abfall vom religiösen Judentum kann nur auf tiefer liegende seelische Beweggründe zurückgeführt werden ... Klatzkin hat mit Recht darauf hinge wiesen, daß nach Scliwächerwerden der Vormachtstellung der Religion, der jüdische Liberalismus die Wissenschaft des Judentums und schließlich der Zionismus daran gingen, den seelischen Hohlraum des Menschen auszufüllen. Der Zionismus ist also von vornherein als eine Bewegung, die statt der Religion dem Volke eine innere Lebenskraft geben soll, entstanden. Der Zionismus ist nur eine jener nationalen Bewegungen, die die Neuzeit kennt. Bei den anderen Völkern hat sich derselbe Prozeb abgespielt. Nicht mir das Gottesvolk der luden (Ausdruck von Breuer) ist dabei, ein Volk wie alle Völker zu werden, die religiöse Kraft der anderen Völker ist auch verdorrt und an seiner Statt sind überall Nationalbewegungeir entstanden, die letzten Endes darauf hinausgehen, eine starke weltliche Kultur zu schaffen. Der Zionismus hat wohl den Instinkt, die Notwendigkeit einer weltlichen jüdischen Kultur zu fühlen, er hat aber nicht die Klarheit gehabt, diesem Gefühl feste Form zu geben. Achad Haam unterscheidet zwischen eine Nachahmung um des Unterganges willen (Chikkuj I’schem hithbolleluth) und einer Nachahmung um der Volkserhaltung willen (Chikkuj l’schem hithbadelutn). Der Zionismus muß wissen, daß er deshalb entstanden ist, um die Existenz des jüdischen Volkes unter den neuen Verhältnissen zu garantieren . . . Daß die Religion Israel zweitausend Jahre lang erhalten hat, ist kein Beweis, daß sie es fernerhin tun wird, nur das Arbeiten am Aufbau einer starken weltlichen iüdlsehen Kultur kann Israel für die Zukunft als Volk erhalt«!. V. Vdtt Dr, JoSepHPrager, Breslau. Der Verfasser‘mehrt, Ife negative Stellung me Traditio» beruhe auf der irrtümlichen Auffassung, sie wäre dm bloß religiöse Angelegenheit. In Wahrheit sei sie nicht als d« ״Minhag jisrael“, der Lebensbrauch der Juden, da׳ halachisch gleichwertig den Vorschriften der Thora ist, welche ihrerseits wieder nur einen älteren Zustand des Minhag Jisrael kanonisiere. Er kommt dann zum Erziehungsproblem: Unsern Kindern einen jüdischen Alltag und einen jüdischen Festtag zu schaffen, ist das Problem. Viele, die das tun wollen, sind, im üblichen Sinne des Wortes, nicht religiös. Sie fürchten, Unehrliches zu tun, wenn sie Formen in ihr Haus übernehmen, die nun einmal als ״religiös“ rubriziert sind. Mit alter Schärfe muß festgestellt werden, daß diese Rubrizierung falsch und irreführend ist Ein großer Teil dieser Formen hat mit Religion im heutigen Sinne überhaupt n i c h t s z u t u n. Eia anderer Teil ist zwar dann religiös fundiert, wenn man ihn für verbindlich erklärt, verliert aber diesen religiösen Charakter sofort, wenn man ihn aus freiwilligem Entschluß als ״Minhag Jisrael“, also als jüdische Lebensform übernimmt bzw. wieder aufnimmt Es ist. nicht rinzusehen, warum nicht ein atheistischer Zionist etwa den Freitagabend und Sonnabend, wo er den Nachmittag ohnehin frei hat, seinen Kindern in irgendeiner Weise als jüdischen Feiertag herausheben kann, wie er es sonst mit dem Sonntag tut. Es muß als Zionist doch sein Bestreben sein,^in Haus und sein Leben in einer deutlich erkennbaren Weise als jüdisches zu kennzeichnen, und die Tatsache, daß gläubige Juden die Verbindlichkeit des Sabbat auf die sinaitische Offenbarung zurückführen, kann für den ungläubigen Juden kein Hindernis sein, den Tag, der nun einmal allen Juden der Welt ein besonderer Tag ist, auch als solchen zu begehen. Es kommt hierbei wie bei allen Maßnahmen des praktischen Lebens eben wirklich nur darauf an, daß sie ausgeführt werden, nicht wie sie begründet werden. Es ist nicht angängig, hier von Profanierung oder Heuchelei zu sprechen, wenn Dinge, die für den einen Menschen göttliches Gebot sind, von einem andern aus zwingender Not der Tatsachen heraus getan werden. Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, der religiöse Gemüter durch solche Auffassung und Aus- Übung der jüdischen Lebensformen gekränkt wurden, so würde dieser selbe Vorwurf ja unsere gesamte zionistische Tätigkeit treffen. Und tatsächlich hat man ihn ja auf orthodoxer Seite früher auch erhoben. Man hat uns ja vorgeworfen, daß wir die religiöse Messiashoffnung und die religiöse Zionssehnsucht in unerlaubter Weise ״säkularisiert“ und damit profaniert haben. Und der Tatbestand ist zweifellos richtig. Aber genau so richtig und notwendig ist es, auch die als ״religiös“ bczeichneten Lebensformen (Sabbat, Festtage, Speisegesetze, _ Lieder, Sprache) für diejenigen, denen nun einmal die Religion keine normierende Kraft mehr ist, zu ״säkularisieren“ und zu profanen Lebensformen des jüdischen Volkes zu machen. ... Denn neue Formen, die für alle Juden annehmbar wären, hierfür zu schaffen, sind wir nirgendwo im Galuth imstande, schon einfach deshalb nicht, weil ja jeder Einzelne, oder wenigstens jeder Kreis für sich andere Formen wählen würde; und das Wesentliche an den Formen ist ja gerade das, daß sie allen Juden und das nicht nur in der horizontalen Vereinigung aller Länder, sondern auch in der vertikalen aller Zeiten, gemeinsam sind- ... Es soll keine Vergewaltigung erfolgen. Nichts anderes soll der Jude tun, als in seinem heißen Bestreben sich einen jüdischen Alltag zu formen, den Minhag Israel zu seiner Lebensform mache«. Die wahre Frage ist dabei eben nur, ob dies Bestreben bei ihm tat* sächlich so stark ist, daß es zu einer sein Leben auch äußerlich gestaltenden Kraft werden kann; ob er wirklich die Notwendigkeit begriffen hat und auszuführen gewillt ist, daß das Leben seiner Kinder, seines Hause«, daß sein Alltag und sein Festtag ein jüdisches Gepräge haben, also sich von dem Alltag und dem Festtag seiner Umgebung unterscheiden muß.