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Jüdische Rundschau · 1927-03-25 · Heft 24 (25.3.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 24 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 24 JÜEOISCRE RUNDSCHAU Seite 175 Mißverständnisse in und um Spinoza Referat von Dr. Jakob Klatzkin, gehalten im Haag auf dem Spinoza-Kongreß, 23. Feoruar 1927. Bei der Besprechung der Feier von Spinozas 250. Todestag im Haag haben mehrere Zeitungen ihrem Erstaunen Ausdruck gegeben, daß das Judentum nicht bei der Feier zu Wort gekommen ist. Der Vorwurf war jedoch nicht ganz berechtigt. Herr Dr. Klatzkin stellt uns das Referat zur Verfügung, das er als jüdischer Vertreter bei dieser Feier gehalten hat. Red. Gestatten Sie mir, ehe ich mein Referat beginne, Worte jes Grußes voranzuschicken, die gestern infolge meines späten Eintreffens im Haag unterblieben sind; Worte des Grußes, die ich als Chefredakteur der ״Enzyklopädie des Judentums“ an die Societas Spinozana hiermit entbieten möchte. Unsere Enzyklopädie reiht sich wohl in das alte Schrifttum des Judentums ein, in das Schrifttum, das schon in seiner Tendenz der Kanonisierung die Eigenart enzyklopädistisch gearteter Sammelwerke aufweist — sind doch der Talmud, der Schulchan Aruch und ähnliche Monumentalwcrke des hebräischen Schrifttums gewissermaßen Enzyklopädien ohne alphabetische Reihenfolge — aber mit dem großen Unterschied, daß diese neue Enzyklopädie des Judentums auf modern-wissenschaftlicher Grundlage aufgehaut sein wird. Und namens dieser Enzyklopädie, die im Zeichen eines neuen Zeitalters steht, darf ich wohl hier Grüße״ an die Spinoza-Gesellschaft übermitteln*). Gestatten Sie mir noch einige Einieitungsworte zu meinem Referat, und zwar über das Thema: Spinozaundjudentum. Eigentlich hätte das Judentum als solches in seiner modernen Gestaltung, ln seinen wissenschaftlichen Institutionen verkör״־׳rt, Anlaß nehmen sollen, an dieser Stätte besser vertreten 1 sein, als es der Fall ist; und ich bedauere, daß es nicht geschehen ist. Es hätte Anlaß genug, an diesem Tage und an dieser Stätte manche Mißverständnisse zu klären, manches gutzumachen, die mit dem Bann unterbrochenen Beziehungen zwischen dem Judentum und Spinoza wieder aufzunehmen. Wir dürfen nicht das Judentum anklagen, Gericht über das Gericht der jüdischen Orthodoxie halten. Wenn man den Bann von geschichtlichen Perspektiven aus ansieht und wertet, so war das Judentum von seinem Standpunkt aus vielleicht genötigt und berechtigt, diesen Bann auszusprechen. Ja, gerade vom Standpunkt Spinozas erscheint die Handlung der jüdischen Gemeinde ihm gegenüber mindestens als legitim. Vertritt doch Spinoza in seinem ,;Theologisch-politischen Traktat“ die rigorose Ansicht, daß der Staat berechtigt sei, von seinen Bürgern blinden Gehorsam zu verlangen und Ungehorsam streng (sogar mit Todesstrafe) zu ahnden; und die jüdische Religionsverfassung betrachtete sich in der Zerstreuung von jeher als einen ״portativen Staat“, versehen mit einem Kodex von Geboten und Verboten, die unerschütterliche Rechtsgültigkeit besaßen. Spinozas sittliche Verherrlichung des Primats una der Autorität des Staates und der staatserhaltenden Vorschriften entkräftet mithin die nicht ohne Schadenfreude gegen die Juden erhobene Beschuldigung wegen der Strafinstitution des Bannes. Man darf auch sagen, aaß das Schicksal Spinozas im Vergleich zu den Häretikern anderer Kirchen seiner Zeit — wie zum Beispiel im Vergleich zu Adrian Koerbag, der wegen Leugnung geringfügiger religiöser Vorstellungen ein schweres Martyrium zu erdulden hatte — weniger tragisch war. Uebrigens hatte der Bann in den Zeiten Spinozas und im Kreise der sephardischen Juden in Amsterdam nicht mehr die furchtbare Bedeutung, die ihm auf Qrund des traditionellen, schon damals veralteten und in seiner Strenge längst entwerteten Banntextes beigemessen wurde. Davon zeugt einwandsfrei die von Gebhardt coVumen- Ä?J «tsb Mmt mä vielfach Verdienten Amsterdamer Rabbiner Menass eben Israel, dessen Frömmigkeit niemals angezweifelt worden ist, wegen Ungehorsams gegen die Gemeindevorsteher für einen Tag der Bann verhängt wurde. — Wenn auch der Bann als ein historischer Irrtum angesehen wird, so kann jedenfalls dieser Irrtum nicht durch öffentliche Aufhebung des Bannes, wie sie nach der Aussage unseres Freundes Öko seitens gewisser jüdischer Kreise in Amerika vorgeschlagen wurde, gutgemacht werden. Wohl war die Verkündigung des Bannes für das damalige Judentum und für die Umwelt von großer Bedeutung, die Aufhebung des Bannes hätte aber höchstens einen demonstrativen Wen, der der Sache nicht würdig wäre. Wer sollte diesen Bann aufheben? Die Orthodoxie? Die hat sich nicht gewandelt, Das moderne Judentum? Es hat den Bann ja nicht verkündet. Und auch dies: während der letzten Jahrhunderte sind im Judentum tiefgreifende Wandlungen vorgegangen, die diesen Bann von selbst aufgehoben haben — und es ist ver• ständlich, daß das moderne Judentum kein Ritual und Zeremonial für die Sanktion einer solchen Aufhebung besitzt noch eines solchen bedarf. Ja, ein neues Judentum ist im Entstehen begriffen, nicht etwa ein in Assimilation reformiertes und auf* geklärtes Judentum, sondern ein Judentum, das die höchste innere Reform an sich vollzieht, nämlich den Uebergang von Nur-Religiösem zum Säkularen, vom Eng-Nationalen zum Allgemeinmenschlichen. Ein freies Judentum, frei in seiner Aufnahmefähigkeit für menschliche Kulturwerte, ohne den Hemmschuh einer ideologischen Bindung an fixierte Lehrinhalte, ein Judentum, das nicht mehr in geistiger Abgeschlossenheit und in Exklusivität sein Dasein fristen will, ist frei geworden auch für die Aufnahme des aus seinem Stamme hervorgegangenen Baruch-Benedictus Spinoza. Man kennt wohl in der Umwelt die Beziehungen zwischen dem Judentum und Spinoza vor dem Bann und gleich nach dem Bann, nicht aber die geheimen Beziehungen, die das geistige Judentum während der letzten Jahrhunderte zu Spinoza und seiner Lehrer mindestens literarisch unterhalten hat; man möchte sagen, die illegalen Beziehungen, gleichsam die unterirdischen, die schließlich zwei hebräische Uebersetzungen des Hauptwerkes Spinozas und hebräische Werke über sein System zeitigten. Es wäre wohl für Spinoza eine Genugtuung zu wissen, daß in seinem Hause auf diesem Tisch die ״Ethik“ in der hebräischen Sprache und — da es sich um meine Arbeit handelt, dart ich nur sagen — in schöner und würdiger Ausstattung vorliegt. Nun komme ich zu meinem eigentlichen Referat: Mißverständnisse in und um Spinoza. Nicht nur Erkenntnisse müssen systematisiert und auf Grunde lemente reduziert werden, sondern auch Irrtümer. Nicht nur Verständnisse, sondern auch Mißverständnisse. Und ich möchte mich der Aufgabe unterziehen, die Grundquellen vieler Mißverständnisse in und um Spinoza aufzudecken. Man darf wohl sagen: kein Philosoph ist so mißverstanden, mißdeutet und soviel gedeutet worden wie Spinoza. Für die einen ist er der größte Theist und für die anderen der größte Atheist, ein Materialist und Idealist, Prediger der höchsten Liebe und Verfechter des Machtgedankens (beinahe ein Vorgänger von Nietzsche in seiner Ablehnung des Mitleids), für Goethe Christianissimus und für gar manchen Aufklärungsjuden, wie Rubin u. a., ״Judaissimus“, wahrhaftester Vertreter des *) Entgegen den verbreiteten Pressenachrichten, denen ein Interview zugrunde liegt (das mir in seinem Wortlaut vor der Veröffentlichung nicht vorlag) möchte ich feststellen, daß ich von der ״Enzyklopädie des Judentums“ als dem Ausdruck des modernen und nicht eines säkularisierten Judentums gesprochen habe; ferner daß meine Begrüßungsworte als Chefredakteur der ״Enzyklopädie des Judentums“ sich lediglich auf diesen furzen Anfangsabschnitt bezogen haben. Geistes des Judentums; Asket für die einen und Lebensbejäher für die anderen. Ist diese Vieldeutigkeit ein Zufall? Nein. Sie ist begründet. Der große Umfang der Mißverständnisse in und um Spinoza bezieht sich auf zwei Grund• bezirke, nämlich 1. auf das Leben und die Persönlichkeit Spinozas und 2. auf das System Spinozas. Die Ursachen für diese Mißverständnisse lassen sich vornehmlich auf drei Faktoren zurückführen: 1. auf das angestammte Judesein Spinozas, das nicht genügend ergründet wurde — es ist ein Quell für Mißverstandnisse hinsichtlich des Lebens und der Persönlichkeit Spinozas; 2. auf die ״more geometrico"-Methode und 3. auf die sprachliche Unbeholfenheit Spinozas. Die zwei letzteren Faktoren bilden den Urquell für Miß• Verständnisse hinsichtlich des Systems Spinozas. Dies will ich erklären: freilich nur skizzenhaft, da ich nicht ein Einzelproblem behandle, sondern meinem Thema ent• sprechend die Grundlinien des Lebens und der Lehre Spinozas nachzeichnen müßte. Persönlichkeit und Leben Spinozas. Die meisten Biographen —- mit der einzigen Ausnahme Freuden- (hals, der einen Anlauf, aber nur einen Anlauf zu einer neuen Beurteilung der biographischen Daten Spinozas genommen hat — haben einen abstrakten, blutleeren, von der geschiehtliehen Gegebenheit losgelösten Spinoza vor sieh gesehen und geschildert. Warum? Weil man sich nicht recht Mühe gab, das Judentum seiner Zeit und das jüdische Milieu, in dem er aufgewachsen war, gründlich zu erforschen. Und es kann keine wahrhafte Kenntnis von Spinozas Persönlichkeit und Leben geben, ohne Kenntnis dieses Milieus. Es ist nicht von ungefähr, daß man den Rhijnsburger und Haager Spinoza besser kennt als den Amsterdamer, den Benedictus gründlicher erforscht hat als den Baruch. Man bedenke: wäre nicht der Bann — der letzten Endes ein Gewinn für die Weltkultur geworden ist, da sonst Spinoza in der Enge des Ghettos innerlich und äußerlich stecken geblieben una nicht zur Universalität gelangt wäre — so würden wir wohl heute von einem Rabbi Baruch von Amsterdam sprechen. Wenn wir aber von einem Benedictus Spinoza reden, so müssen wir doch immerhin Verbindungslinien zwischen dem Baruch und dem Benedictus hersteilen. Die meisten Biographien aber vollführen in dieser Hinsicht ein Salto mortale. Es fehlt in ihnen der kontinuierliehe Zusammenhang zwischen dem Amsterdamer und dem Rhijnsburger Spinoza. Aus Unkenntnis des jüdischen Lebens, das dem Charakter des jungen Spinoza sein Gepräge gab, wurde die Persönlichkeit Spinozas in vielen Biographien verchristelt. So z. B. berichtet Colerus als von etwas Außergewöhnlichem und hebt es als einen eigentümlichen Charakterzug der Genügsamkeit hervor, daß gemäß den vorgefundenen Aufzeichnungen Spinoza einmal einen ganzen Tag nur Milchsuppe mit Butter zu sich genommen und nur eine Kanne Bier getrunken habe; ja, daß er in einem ganzen Monat nur zwei halbe Flaschen Wein sich gegönnt hätte. Und dergleichen mehr. Kein Wunder, daß der ״Amsterdamer Jude“ in vielen Bildnissen die Züge eines christlichen Asketen erhalten hat. Wird aber Spinoza in sein ursprüngliches Milieu versetzt, in das Milieu seines angestammten Voikes, so wird man in dieser Lebensart nichts Außergewöhnliches und Eigenartiges finden. War doch diese Art die Norm, der übliche Lebensstil der damaligen Juden im allgemeinen und der jüdischen Sehriftgelehrten insbesondere; sie ist typisch für das Ghettojudentum und trägt keinesfalls Zeichen Christlieber Askese an sich. Es entsteht also ein ganz anderes Bild von Spinoza, wenn er als Sohn seines Volkes, in dessen streng sittlicher Zucht er erzogen wurde, erforscht und get «t»wtere dÄe «eow Optik hinsichtlich seines Lebens und seines Charakters. Er, der in seiner Ethik die Askese verhöhnt und die Geselligkeit predigt, war kein affektloser, leidenschaftsloser Einsiedler, weltfremd und den irdischen Dingen völlig entrückt. Ein sephardischer Jude von orientalischem Geblüt, kannte er wohl Kämpfe und Qualen der Leidenschaften, die er aber entsprechend seiner Lehre durch die stärkste Leidenschaft, die Vernunfterkenntnis und die Vernunftllebe, zu meistern, will sagen, auf das ״richtige Maß“ zu bringen bestrebt war. Er ist ein Weiser, nicht ein Heiliger im christlichen Sinne, nicht ״Christianissimus“, wie ihn Goethe nannte. Die falsche Beurteilung des Lebens und des Charakters Spinozas, die den Philosophen als lebendigen Menschen in blutleerer Abstraktion in nationaler und sozialer Wurzellosigkeit, in Loslösung von seiner Zeit, Erziehung und Umgebung, zu erhellen vermeinte, hat auch eine objektive Einschätzung der Werke Spinozas nach ihren Entstehungsgründen, nach ihren Motiven und Tendenzen verhindert. Man hat daher vielfach übersehen, daß der theologisch-politische Traktat aus dem Rahmen der anderen Schriften Spinozas hinausfällt und als eine publizistisch-polemische Schrift angesprochen werden muß; als eine Streitschrift roll versteckter Bitternisse und Sticheleien, der das Gebrechen der Zweideutigkeit und der willkürlichen Interpretation anhaftet; als eine temperamentvolle und jedenfalls nicht affektlose Anklageschrift gegen das Judentum, die alle Zeichen des Ressenuments aufweist, insofern sie trotz gediegener Kenntnisse die jüdische Religion ungerecht behandelt und in der Gegenüberstellung von Judentum und Christentum ein zwiefaches Maß zur Anwendung bringt: die Ausdrücke ״Hand Gottes“, ״Auge Gottes“ u. dgl. werden für das Alte Testament im buchstäblichen (körperlichen) Sinne, die gleichen Ausdrücke des Neuen Testaments in übertragenem (geistigen) Sinne gedeutet*); Mose habe mit Gott unmittelbar, Jesus hingegen mittelbar gesprochen; das jüdische Ritual wird verpönt, das christliche Zeremonial (Abendmahl, Taufe) als sinnreich verherrlicht; ja, Spinoza hat keine Bedenken, das falsche Zitat aus Matthäus — wonach Mose gelehrt hätte, den Feind zu hassen — anzuführen und damit zu bekräftigen. All dies ist verständlicher, wiewohl kaum entschuldbar, wenn man Spinoza nicht als einen affektlosen, leidenschaftslosen Menschen hinstellt. Nietzsche hat es richtig geahnt, indem er dichtete: Doch unter dieser Liebe fraß, Ein heimlich glühend Rachebrand — Ara Judengott fraß Judenhaß — Einsiedler, hab* ich dich erkannt? Und ich möchte die Worte Lavaters (in einem Brief an Lily Schönemann) auch auf die christlichen Biographen Spinozas anwenden: ״Suchen sie doch keinen übermenschlichen Menschen unter den kaum menschlichen Menschen“, So sehr die spinozistische Lehre, wie Ich später ausführen werde, den Gegenpol der Lehre des Judentums bildet, so sehr kann Spinoza als Mensch — also in der Biographie — nicht ohne Zusammenhang mit seinem naturhaften Judesein erforscht und gewertet werden. Die zukünftigen Biographen müssen daher dem Amsterdamer Baruch Spinoza mehr Aufmerksamkeit zuwenden, und nicht wie bisher das Lebens- und Charakterbild des genialen Meisters allein unter dem Gesichtspunkt der Rhijnsburger und Haager Benedictus Spinoza darstellen. * Infolge Raummangels müssen wir es uns versagen, die Fortsetzung dieses Referats in extenso zu bringen und be- *) In einem Brief an Oldenburg warnt er vor wortgetreuer Ucbersetzung orientalischer Spracnbilder in westliche Sprachausdrücke. Also wußte er, wie Maimonides, daß dergleichen Ausdrücke der Bibel nur bildlich zu versteh« sind. S.. _ um Spinoza ist die more geometrico-Methode, da sie der spinozistischen Weltkonzeption nicht wesenseigen ist, nicht ihre innere, sondern äußere Form darstellt, bedingt durch׳ den Charakter des Zeitalters, eben des Zeitalters des more eometrico (Descartes, Leibniz). Hat doch Spinoza sogar die ebrälsche Grammatik in die Form des more geometrico zu zwingen versucht - - also selbst ein Wissensgebiet, wo es sich um teils notwendig entstandene, teils willkürlich konstruierte Regeln, doch keineswegs um eherne ewige Gesetze handelt. Wollte man diese Methode und die Beweisführung mit den Scholien und Anmerkungen als entscheidend für die Lehre Spinozas ansehen, so könnte man leicht Fehler und Lücken im System der Definitionen nachweisen. (Klatzkin führte mehrere Beispiele an); Entscheidend für diese Lehre ist aber die ihr innewohnende und der Beweisführung vorweggenommene I n t u i t i o n, die unter der Kruste der ״more geometrico“־Methode gleichsam sich verbirgt. Die Romantik (Goethe — ״il dtait plus de sa famille que ac son dcole“ — heißt es von ihm; Novalis, Schleiermacher), hat daher hinter diesem Deckmantel die pulsierende Wärme der Intuition besser erfühlt und erahnt, als gar manche wissenschaftliche Spinozaforscher, die sich von der äußeren Form verleiten ließen, und den inneren Oe halt nicht aus der Starre der Methode zu lösen vermochten. Klatzkin wandte sich zuletzt der dritten Quelle der Miß* Verständnisse zu, als welche er die sprachliche Unbeholf enheit Spinozas bezeichnete. Spinoza war — im Unterschiede von Kant, Hegel, Schleiermacher, Nietzsche — kein Sprachbildner; er prägte keine der Eigenart seiner Lehre adäqtiaten Sprachgebilde, will sagen, er war nicht sprachschöpferisch im Verhältnis zu den schöpferischen Potenzen seiner Lehre. Er war deshalb gezwungen, in sein neues System die herkömmlichen, sprachgebräuehlichen Termini und Ausdrücke einzuführen, denen er nur durch Hinzufügung von Definitionen und Erklärungen neuen Gehalt und Sinn verlieh. Er selbst bezeugt es zweimal in bezug auf Definitionen der Affekte, wo er alte Termini in einer dem früheren Sprachgebrauch oft entgegengesetzten Bedeutung anwendet. Sprachlich unbeholfen hat er auch Maimonides, Crescas, Gabirol, Gersonides und der Kabbala, vielleicht auch Leo Ebreo, Termini und Sprachgebilde entlehnt־ die er aber in ihrer Bedeutung völlig umwandelte und in sein System bannte. Joel u. a. stellten wohl an der Oberfläche der spinozistischen Lehre diese sprachliche Verwandtschaft fest und unternahmen es, gedankliche Einflüsse der jüdischen Religionsphilosophie auf Spinoza nachzuweisen. Wären sie aber in die Tiefe des spinozistischen Weltsystems eingedrungen, so hätten sie merken müssen, daß Spinoza gegen die besten Vertreter der jüdischen Philosophie in Opposition tritt, auch wo er sich in ihren Ausdrücken und Termini bewegt. Er goß neuen Gehalt in alte Gefäße, ohne sie neu zu formen. Wie sollte auch eine gedankliehe Beeinflussung der Philosophie Spinozas durch die jüdische Philosophie angenommen werden dürfen, wo doch diese beiden Weltanschauungen einander diametral entgegengesetzt sind? Der spinozistische Pantheismus bekämpft und verwirft ja die Grund- Prinzipien des jüdischen Monotheismus; so z. B. die Scheidung zwischen Sein und Sollen, Natur und Mensch, Reich der Physik und Reich des Geistes, der sittlichen Gebote. Spinoza bestreitet jedes Vermögen einer Willensfreiheit, verspottet den Gedanken des Zwecks in der Schöpfung — und es ist klar, daß die Leugnung dieser Prinzipien das ganze Ideengebäude der jüdisehen Religionsphilosopnie mit einem Schlag zerstört. So wenig Spinoza von der jüdischen Rellgionsphilosophie gedanklich beeinflußt war,, so sehr, war *s sprach! ich — find zwar äm dm ÄÄöfffeapen‘GrinSen «mer spriSifefS'WÄeto^il• heit. Dies gilt besonders von der lateinisch geschrieben«« Ethik, von der Spinoza in einem seiner Briefe sagt, er bedauerte, dieses Werk in einer Sprache abgefaßt zu haben, die er nicht meistert (er begann erst im IS. Lebensjahre mit der Erlernung der lateinischen Sprache, und Leopold hat bereits die mangelhafte Kenntnis des Lateinischen in den Werken Spinozas zur Genüge festgestellt). Wie ich — schloß Klatzkin — in meiner hebräischen uebersetzung der Ethik und in meinem Buche ״Leben und Lehre Spinozas“ nachgewiesen zu haben glaube, werden gewisse Termini und Redewendungen in diesem Hauptwerk erst durch di« hebräische Uebersetzung prägnant und vollwertig, wodurch manche Schwierigkeiten in der Terminologie beseitigt und manche dunkle Stellen geklärt werden. Ja, vermöge der hebräischen Uebersetzung gewinnt man ungewollt oft eine Interpretation, durch welche scheinbare Widersprüche von selbst aufgehoben und das spinozistische Weltbild in einer neuen Konzeption erhellt wird. Soweit geht manchmal die formal-sprachlicne Beeinflussung, die aus der Beschäftigung Splnozas mit der jüdischen Religionsphilosophie herrührt und ate, durch die hebräische Uebersetzung aufgedeckt und bloßgelegt, den dem Judentum entgegengesetzten Lehrinhalt am besten widerspiegelt. So z. B. idea, ideatum als מ* מושכל »מושכל*?! quatenus (die sogenannte Krücke der spinozistischen Terminologie) im Sinne von בבחינה; intelligere השתכל« und vieles mehr. Man darf wohl sagen: eine gute hebräische Uebersetzung muß in manchem Betracht adäquater, originaler als das lateinischeOriginalsem. An dieser Tatsache werden die zukünftigen Uebersetzer Spinozas nicht vorübergehen dürfen. Der Präsident dieser Sitzung, Professor Rava-Padua, knüpfte an seinen dem Redner erstatteten Dank die Anregung, daß die nicht allzu zahlreichen Uebersetzer der Werke Spinozas Zusammenkommen und durch gegenseitige Mitteilungen über ihre Erfahrungen auf dem Gebiete der Uebersetzung in die verschiedenen Sprachen zur Klärung mancher Mißverständnisse des spinozistischen Systems beitragen mögen. Ausstellung ״Die Jüdische Frau“ in Paris Paris, 22. März. (J. T. A.) Sonntag nachmittags wurde in den Salons des Ministeriums für öffentliche Arbeiten die Ausstellung des Vereins der jüdischen Frauen in Frankreich in Anwesenheit eines zahlreichen Publikums eröffnet. Die Honneurs machten die Vorsitzende des Vereins jüdischer Frauen und bekannte Zionistin Mme. Yvonne Netter, Frl. Prof. Schach, Mme. Filderman, Mme. ZIatopolski, Mme. Cremer, Mme. Stourdze u. a. m. In dem großen Salon sind die Verkaufsstände untergebracht. Die allgemeine Aufmerksamkeit erregt die Palästina-Abteilung, wo Frl. Prof. Schach palästinensisches Kunstgewerbe aus der Bezalel-Schule, Buchschmuck usw. zeigt. Das Reinerträgnis dieser Abteilung wird dem ״Marmorek- Hain“ zugeführt. Die anderen Abteilungen enthalten verschiedenartige Kunstgewerbe-Erzeugnisse jüdischer Frauen und Mädchen in Frankreich, die das Erträgnis der Arbeiten Palästinazwecken gewidmet haben. Das Interesse für die Ausstellung ist sehr groß. Vor kurzem meldeten ausländische Zeitungen, daß 300 verhafteten und deportierten Angehörigen jungzionlstischer Organisationen in Rußland, wie z. B. Zionistcn-Sozialisten, Haschomer Hazair usw. die Erlaubnis geeben wurde, nach Palästina auszuwandern. Es andelt sich nur noch darum, die notwendigen Fonds zu beschaffen, am die Reisespesen za decken.

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