Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 174 JUimSCHE EÜRPSCHÄU Nr. 34 und Vespasian ließ zur Zeit des ״Tempels des Gottes Karmel“ dort das Orakel befragen. Hier ist auch die Wirkungsstätte des Propheten Elijahu zu suchen, dessen Grab an der Nordspitze des Karmel noch heute das Ziel der Wallfahrten Angehöriger aller drei Glaubensbekenntnisse bildet. Ruinen aus der Kreuzfahrerzeit (wie z. B. Rushmia) an vielen Stellen des Karmelgebietes weisen heute noch deutliche Spuren von Siedlungsstätten aus dieser Periode. Ein Teil des Heeres Napoleons zog auf der alten Straße über seinen Kamm, und auch der letzte Weltkrieg sah wiederum Truppen beider kriegführenden Mächte auf seinen Höhen. Die Spuren der Feldlager aus dieser Zeit, wie besonders gebaute Terrassen usw., sind heute noch an vielen Stellen des Karmel zu finden. Die einzig bcmerkensw׳erte Siedlertätigkeit ans der letzten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts rührt von den deutschen Templern her, die eine kleine Kolonie und einige Erholungsheime sowie eine Ordenssicdlung für die Schwestern des heiligen Carl Borrom aus auf dem Karmel gebaut haben. Vor allem haben sie wichtige Aufforstungsarbeiten auf dem Karmel unternommen und weite Strecken von Pinienwaldungen auf seinen Hängen angelegt. Die großzügigste Ansiedlungstätigkeit jedoch stammt ans der jüngsten Zeit, es ist die jüdische, von der wir oben gesprechen haben. Es ist zu hoffen, daß die nächsten Jahre eine weitere erfreuliche Entwicklung bringen werden. Eine seltsame Untersuchung Ein amerikanischer Oberst in Rumänien Czernowitz, 22. März. (J. T. A.) Der amerikanische Oberst A m e n t, der jetzt auch die Bukowina besucht hat, ließ am 19. März durch das Präsidium der Primaria die jüdisehen Stadträte verständigen, daß er eine jüdische Delegation zu empfangen wünsche. Es erschienen in der Primaria: Oberrabbiner Dr. Mark, Stadtrat Dr. K a ß n e r und der mit der interimistischen Leitung der Kultusgemeinde betraute Kultus- Vorsteher Josef W i z n i t z e r. Die Delegation wurde von dem Kabinettschef des Minister- Präsidenten Averescu, Herrn Babianu, dem Oberst Ament vorgestellt. Bei der Unterredung waren zugegen: Der Primär Prof. >r. Sbiera, der Kabinettschef des Ministerpräsidenten, der Generalsekretär der Präfektur Czernowitz Bidnei, der Gerichtsdolmetsch für Englisch ist, die Gattin des Oberst Ament, und Frl. Ganescu aus Bukarest, welche als englischer Dolmetsch bei dieser Unterredung fungierte. Oberst Ament richtete an die Delegation das Ersuchen, ihm, der sich über die Verhältnisse in Rumänien und speziell über die Juden informieren wolle, einige Mitteilungen zu machen. Die Delegation erklärte, sie sei nicht ermächtigt, irgendwelche Enunziationen politischer Natur abzugeben. Obe#•- rabbiner Dr. Mark sei Seelsorger und habe mit politischen An- Gelegenheiten nichts zu tun. Desgleichen könne auch nicht Herr wiznitzer als Leiter der Kultusgemeinde, der hauptsächlich für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Gemeinde zu sorgen hat, Erklärungen politischer Natur abgeben. Ebenso nicht Herr Stadtrat Dr. Kaßner, der in seiner Eigenschaft als Mitglied der Delegatio permanenta der Primaria mit administrativen Agenden betraut sei. Zu besonderen Erklärungen poIltischer Natur seien die jetzt in Bukarest befindlichen jüdischen Parlamentarier berufen. Oberst Ament: ״Meine Mission ist keine offizielle und hat 3lieh persönlich informativen Charakter. Ich bitte die Herren, als offizielle Vertreter Erklärungen abzugeben, sondern Oberrabbiner Dr. Mark: ״Dann würde ich bitten, konkrete Fragen an uns zu richten.“ Oberst Ament: ״Ist die Gesetzgebung in Rumänien für alle Bürger und speziell für die Juden gleich?“ Oberrabbiner Dr. Mark: ״Wir sind nach dem Gesetze gleichberechtigt.“ Oberst Ament an Stadtrat Dr. Kaßner: ״Sind Sie derselben Meinung?“ Stadtrat Dr. Kaßner: ״Ich möchte folgendes hinzufügen: Wir identifizieren nicht die Urheber der bekannten Vor kommnisse mit dem rumänischen Volke.“ Oberst Ament: ,־In der amerikanischen Presse ist viel von Pogromen in Rumänien zu lesen gewesen. Sind Pogrome vorgekommen?“ Dr. Kaßner: ״Eigentliche Pogrome haben nicht stattgefunden.“ Oberst Ament: ״Erhoffen Sie von Ihren Beschwerden an die Regierung einen Erfolg?“ Dr. Kaßner: ״Ministerpräsident Averescu hat jüngsthin eine Erklärung abgegeben, daß er mit aller Schärfe gegen die Verfolgungen der Juden auftreten und uns den vollen Schutz der Gesetze angedeihen lassen wird. Die Juden sind in den letzten Wahlen mit General Averescu gegangen. Wir erwarten, daß der Ministerpräsident seine Erklärungen verwirklichen wird.“ Oberst Ament an Kultusvorsteher Wiznitzer: ״Sind Sie derselben Meinung?“ Kultusvorsteher Wiznitzer: ״Ich habe den Ausführungen meines Vorredners nichts hinzuzufügen.“ Damit war die Unterredung zu Ende. In Czernowitzer jüdischen Kreisen herrscht über die Art des Arrangements dieser Zusammenkunft größtes Erstaunen. Am Abend fand zu Ehren des Obersten Ament ein Souper statt, dem von jüdischer Seite Stadtrat Dr. Kaßner beiwohnte. Bürgermeister Dr. Sbiera brachte einen Toast auf Oberst Ament aus und verwies darauf, daß Rumänien es zum großen Teil Amerika zu verdanken hat, wenn es aus langjähriger Bedrückung zur Freiheit erwacht und Groß-Rumänien geworden ist. Oberst Ament erwiderte durch eine längere Ansprache, in deren Verlauf er feststellte, daß die Juden besten Willens sind, für das Emporblühen des gemeinsamen Vaterlandes Rumänien zu arbeiten; er sei überzeugt, daß ungeachtet der letzten Vorkommnisse ein einträchtiges Zusammenwirken er- Folgen wird. Es würde ihn freuen, wenn er in Amerika von diesem Zusammenwirken hören könnte. Auch in Kischinew Kischlnew, 21. März. (j.T. A.) Dieser Tage weilte Oberst Ament in K i s c h i n e w, um die Lage der Minderheiten, Insbesondere der Juden, in Beßarabien zu studieren. In jüdisehen Kreisen verdenkt man es dem Gaste, daß er, statt sich mit den jüdischen Repräsentanten in Verbindung zu setzen, während der Sitzung des Stadtrates im Saale erschienen war, and in aller Oeffcntlichkelt sehr delikate Fragen an die jüdischen Stadtratsmitglieder richtete. Der anwesenae Rabbiner Zirelson hatte aen Mut, zu erklären, er wolle die aötigen Informationen erteilen, jedoch nicht öffentlich, sondern antervierAugen. Die christlichen Stadtratsmitglieder gerieten über diese Antwort in Aufregung. Sie übten auf ein inwesendes neutrales jüdisches Stadtratmitglied einen Druck ius, Antworten im Sinne des Fragestellers abzugeben. Die Kischinewer jüdische Bevölkerung zollt Rabbiner Zirelson für ־ein Verhalten höchste Anerkennung. Der Judengesciz ״ Entwurf Der Rat des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden sendet uns den Entwurf des neuen Judengesetzes, der auf dem Verbandstage am 27. d. M. zur Debatte steht. Die wichtigsten Punkte dieses Gesetzentwurfes sind: § I. Die Synagogengemeinden (Synagogen-, jüdische, Kultus-, israelitische, israelitische Kultusgemeinden) sind Körperschäften des öffentlichen Rechts. § 2. Mitglied der Synagogengemeinde ist jeder innerhalb ihres Bezirkes wohnende Jude, der nicht auf Grund des Gesetzes vom 28. Juli 1876 oder auf Grund dieses Gesetzes ausgetreten oder nach Austritt aus der Synagogengemeinde Mitglied einer Personalgemeinde (§ 14) ist. § 3. Die Errichtung einer Synagogengemeinde erfolgt a) für einen Bezirk, der einer bestehenden Synagogengemeinde ganz oder teilweise angehört, durch einen mit Zweidrittelmehrheit der Stimmberechtigten (§ 6) des Bezirks gefaßten Be- Schluß und durch zustimmende Gemeindebeschlüsse der bcteiligten Synagogengemeinden; b) für einen Bezirk, der keiner Synagogengemeinde angehört, durch einen mit einfacher Mehrheit der Stimmberechtigten (§ 6) des Bezirks gefaßten Beschluß. § 4. Veränderungen der Bezirke von Synagogengemeinden erfolgen durch übereinstimmende Beschlüsse der beteiligten Synagogengemeinden, nachdem sich die stimmberechtigten Ge* meindemitglieder (§ 6) des Bezirkes, der einer anderen Synagogengemeinde zugeteilt werden soll, mit einfacher Mehrheit für die Veränderung ausgesprochen haben. § 7. (1) Die Errichtung einer Synagogengemeinde und die Veränderung der Bezirke von Synagogengemeinden bedürfen der staatlichen Genehmigung. (2) Die Genehmigung darf nur versagt werden, 1. wenn ein Beschluß (§ 3, §§ 4, 5) unter Verletzung von Rechtsvorschriften zustande gekommen ist; 2. wenn im Falle des § 3 die neue Synagogengemeinde durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder nicht die Oewähr der Dauer bieten würde; 3. wenn im Falle des § 4 eine der beteiligten Synagogengemeinden durch die Zahl ihrer Mitglieder nicht die Gewähr der Dauer bieten würde. § 10. (Austrittsparagraph.) (1) Jeder Jude darf wegen reUgiöser Bedenken aus der Synagogengemeinde, der er durch seinen Wohnsitz apgehört, austreten. (2) Der Austritt erfolgt durch Erklärung bei dem Amtsgericht des Wohnsitzes. Die Erklärung muß die Versicherung enthalten, daß der Austritt lediglichauf religiösen Bedenken beruht. Sie muß zu Protokoll des Gerichtsschreibers abgegeben oder als Einzelerklirung in öffentlich beglaubigter Form eingereicht werden; Ehegatten, sowie Eltern und Kinder können den Austritt aus derselben Urkunde erklären; bei der Erklärung findet eine Vertretung kraft Vollmacht nicht statt. . . . § 12. (1) Die Synagogengemeinden ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten innerhalb der gesetzlichen Grenzen selbständig. Sie regeln insbesondere ihre Verfassung einschließlich der gesetzlichen Vertretung. (2) Die Synagogengemeinde muß einen Vorstand und eine von den Mitgliedern zu wählende Vertretung haben; in Synagogengemeinden, die nach der letzten Volkszählung weniger als 150 Seelen umfassen, kann an die Stelle der Vertretung die Versammlung der volljährigen Mitglieder treten. (3) Die Wahlen zur Gemeindevertretung erfolgen in gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl. Auf Antrag von mindestens 40 stimmberechtigten Gemeindemitgliedem erfolgen die Wahlen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl. (4) Verfassungsbestimmungen, die das Wahlrecht oder die Wählbarkeit zur Gemeindevertretung oder die Zugehörigkeit zur Gemeinde- Versammlung von einer längeren als zweijährigen Mitgliedschaft in der Gemeinde, von einer steuerlichen Mindestleistung oder von einer bestimmten Staatsangehörige# pbh|״Ä«nacl|fnt |ind ünguing. י' :י יי, י י v * ־-' י ף .*'״■־ ■ § 13. Die Synagogengemeinden sind berechtigt, zur Erfüllung ihrer Aufgaben Steuern zu erheben. Bis zur etwaigen Aenderung durch die betreffende Synagogengemeinde bleiben die bisherigen Bestimmungen über die Verpflichtung zur Leistung unberührt. § 14. (1) Haben Juden, die ihren Austritt aus einer Synagogengemeinde oder aus verschiedenen Synagogengemeinden wegen religiöser Bedenken erklärt haben, sich behufs dauernder Erfüllung der Aufgaben einer Synagogengemeinde vereinigt und eine Gemeindeverfassung beschlossen, so kann die Staatsregierung nach Anhörung der beteiligten Synagogengemeinden dieser Vereinigung die Rechte einer Synagogengemeinde verleihen, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bietet (Personalgemeinde). . . . § 21. (1) Ein durch Zusammenschluß mehrerer Synagogengemeinden oder anerkannter Synagogengenieinde-Verbände gebildeter Verband (Landesverband) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Er darf auch außerpreußische jüdische Religionsgemeinden oder Verbände von solchen umfassen. § 24. (1) Jede Synagogengemeinde muß einem anerkannten Landesverband (§ 21) angehören. (2) Eine Synagogengemeinde, die bei dem Inkrafttreten dieses Gesetzes einem anerkannten Landesverbände nicht angehört, wird mit dem Ablauf von sechs Monaten seit dem Inkrafttreten des Gesetzes Mitglied des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, falls sie nicht vorher die Mitgliedschaft eines anderen anerkannten Landesverbandes erworben und dieser Verband hiervon nicht dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden Mitteilung gemacht hat. . . . ln der vorigen Nummer der ״J. R.“ hat Dr. Kölle nscher zu dem vorliegenden Entwurf ausführlich Stellung genommen. Einstein Ober Judentum und Wissenschaft In Berlin ist soeben ein jiddisches Buch von Tuvia Schalit über die spezielle Relativitätstheorie erschienen. Zu diesem Buch, dem ersten ausführlichen Originalwerk in jiddischer Sprache über die Relativitätstheorie hat Prof. Albert Einstein folgendes Vorwort geschrieben: ״Früher hatte unser jüdisches Volk einen festen Zusammenhang durch die strengen Traditionen. Die Segnungen dieser Bindungen mußte es durch kulturelle Abschnürung bezahlen, die zu einer großen Einseitigkeit der geistigen Betätigung und Weltanschauung führte. Kann dieser Mangel behoben werden, ohne die nationale Existenz zu gefährden? Ich glaube, daß dies möglich ist: das Leben des Individuums und der Gemeinden nach Traditionen; das Denken keiner anderen Hemmung unterworfen als der Beschränktheit des menschlichen Geistes. In diesem Sinne freue ich mich über das vorliegende jiddisch geschriebene Werk über die Relativitätstheorie. A. E i n s t e i n.“ Frau Bertha Guggenheimer, Witwe von Max Guggenheimer, verstarb dieser Tage in St. Paul, während sie mit der Hadassah-Präsidentin, Frau Irma Lindheim, auf einer Propagandatour war. Frau Guggenheimer war eine große Philantnropin, erst voriges Frühjahr stiftete sie 50 000 Dollar zur Errichtung von Spielplätzen in Palästina. Auch in Amerika errichtete sic eine Anzahl Stiftungen. Ihr Hingang hat große Teilnahme geweckt. Die Gedächtnisrede am Grabe sprach Rabbiner Dr. Stephen S. W i s e. ז Im Zeichen da1 Wiedergeburt Nach langer Unterbrechung erscheint soeben wieder ein Heft des ״Haschiloach“, die letzte Nummer des 46. Bandes und vielleicht — des ״Haschiloach“ überhaupt. Es fehlt an Abonnenten und ein Teil der wenigen Beziener leistet keine Zahlung. So wird voraussichtlich die von Achad Haam vor 30 Jahren geschaffene und bis heute führend gebliebene Zeitschrift im Todesjahr ihres Begründers eingehen müssen. Ich habe vor einiger Zeit in diesen Blättern auf das empörend gleichgültige Verhalten der deutschen Zionisten zur modernen hebräischen Literatur und Presse hingewiesen. Im Lager der Orthodoxie sah man sich veranlaßt, darauf zu reagieren, die Zionisten selbst haben andere Sorgen und dürfen durch solche Nebensächlichkeiten nicht abgelenkt werden- Im übrigen hat die Z. V. f. D. vollkommen ihre Pflicht getan: sie setzte einen ״Ausschuß für Kultur- und Erziehungsarbeit“ ein und kann sich nunmehr beruhigt und ungestört wieder ganz ihren wichtigeren und eigentlichen Aufgaben zuwenden. Nach dem Prinzip der Arbeitsteilung. Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft! ״Wir sind,“ schreibt Prof. Klausner, der Herausgeber des ״Haschiloach“, in einem kurzen Nachruf auf Achad Haam, ״wir sind allgemach müde geworden, wider das Volk, das Leserpublikum, die Zionistische Organisation und ihre Exekutive Vorwürfe wegen des beschämenden Ver- Haltens zu erheben, das sie insgesamt zur hebräischen Kultur einnehmen, dem Kern und Ziel der ganzen Widergeburtsbewegung. Beugen wir unser Haupt stumm vor dem Schicksal, das uns den ausgezeichnetsten Schriftsteller der Wiedergebürt entrissen und auch noch den schwachen Trost genommen hat, daß wenigstens sein ihm so wichtiges literarR sches Werk, das er vor 30 Jahren schuf, erhalten bleibt.“ Nein, wir beugen uns nicht stumm dem ״Schicksal“ — das ist nicht jüdische Art. Wir — ich weiß nicht, wer hinter mir steht, aber ich fühle, daß ich nicht allein stehe — wir, denen das hebräische Schrifttum, das hebräische Schaffen der Gegenwart, auch wenn es inhaltlich nicht immer unseren persönlichen jüdischen Anschauungen entspricht, teuer ist und zu den wichtigsten Dingen gehört, die eine jüdische Nationalbewegung zu pflegen hätte, wir beugen uns nicht und verstummen nicht, sondern erheben heute erst recht unsere Stimme. Wir wenden uns an die deutschen Zionisten: Macht den Trauerfeiern für Achad Haam ein Ende, hört aut mit den Sammlungen für einen Achad-Haam-Hain. Schändet nicht das Andenken des Mannes der Wahrheit durch Lüge und Verlogenheit. Denn es ist Lüge und Verlogenheit, Reden zu halten, und Bäume zu stiften dem zu Ehren, dessen Lieblingskind man gleichzeitig verhungern läßt. Bemüht euch endlich zu begreifen, was die hebräische Literatur für die Bewegung der nationalen Wiedergeburt bedeutet, und was der ״Haschiloach“ für die hebräische Literatur. Jede größere Ortsgruppe soll ihn von jetzt an beziehen und jeder Einzelne, der einigermaßen Hebräisch versteht. Olbt es deren in Deutschland nicht doch eine ganze Anzahl, besonders unter unseren Brüdern aus dem Osten? Nicht um den ״Haschiloach“ allein geht es, sondern um die hebräische Literatur, die hebräische Kultur der Gegenwart überhaupt, die immer mehr zu verarmen droht. Gestern war’s die ״Hatekufa“, heute ist’s der ״Haschiloach“, wieviel bleibt noch für morgen? Setzt euren Stolz darein, wenn schon die Exekutive in kulturellen Dingen anscheinend nicht zählt, der verarmte Osten wenig tun kann und das reiche Amerika nichts tun will —, setzt i h r euren Stolz darein, deutsche Zionisten, die Ehre der hebräischen Literatur. -2״,«. ,ZlMte». jswef ,•nationalem jQesinnuhg* .zu- *gleich zum Zeichen wahrer Dankbarkeit für Achad Haam — erhaltet den ״Haschiloach“! Wollt ihr aber durchaus nicht, dann seid wenigstens ehrlich. Erklärt frei und offen vor der Welt: wir deutschen Zionisten haben keinen Anteil an einer hebräischen Kultur, wir kümmern uns nicht um eine hebräische Literatur. Achad Haam hat für uns umsonst gelebt, und jetzt, wo er vollends endgültig gestorben ist, mag ihm seine Schöpfung, der ״Haschiloach“, im Tode nachfolgen. Buchau a. F. Abraham Schlesinger. Hakenkreuzler ־ Exzesse Von fanatislerten Hakenkreüzlern im Herzen Berlins verübte Ausschreitungen gegen jüdische Passanten bewiesen in den letzten Tagen neuerdings, wessen man als Jude gewärtig seit» kann, wenn man das Unglück hat, den Schützlingen Ludendorffs zu begegnen. Der Vorfall spielte sich folgendermaßen ab: Zwischen Mitgliedern des Roten Frontkämpferbundes und einem Trupp Hakenkreuzler kam es am Sonntag, den 20. März auf dem Bahnhof Lichterfelde-Ost zu einem schweren Zusammenstoß. Im Anschluß an diese blutige Schlägerei zogen die Nationalsozialisten im geschlossenen Zuge unter Vorantritt einer Musikkapelle durch Lichterfelde und Steglitz über die Kaiserallee nach der Tauentzienstraße. An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurden zwei Herren und eine Dame von den Hakenkreuzlern mit den Rufen:. ״Raus mit dem farbigen Pack aus Deutschland, schlagt die Judenlümmel tot“ zu Boden geschlagen und so schwer mißhandelt, daß die drei Personen die Hilfe der Rettungswache am Zoo in Anspruch nehmen mußten. Dr. Adolf Cohn aus Warschau, der blutüberströmt zusatnmenbrach, mußte zunächst ins Romanische Cafe gebracht werden, wo ihm die Wunden verbunden wurden. Da die Hakenkreuzler mit Stöcken und Schlagringen bewaffnet waren, wagte keiner der Passanten, den Beteiligten zu Hilfe zu eilen. Polizei war nicht zur Stelle. Von Demonstranten desselben Zuges wurden kurz darauf am Nürnberger Platz ebenfalls zwei jüdische Herren mit Stöcken geschlagen. Die Angegriffenen flüchteten vor der zahlreichen Uebermacht durch die Nürnberger Straße, Wurden aber auch liier von Radfahrern der Demonstranten verfolgt und weiter mißhandelt. Dr. Cohn aus Warschau wird wahrscheinlich nie mehr nach Berlin kommen. Was Herrn Dr. Cohn passiert ist, konnte leicht auch Herrn Otto Kahn aus New York widerfahren, vor dem sogar die Hugenbergpresse, die geistige Nährquelle der Hakenkreuzler, den Kotau macht. Wenn die Justiz diesmal nicht mit größter Strenge gegen die Rowdies vorwhen wird, soll man sich nicht wundern, wenn im Auslande die Parole ausgegeben wird: Meidet Deutschland, meidet Berlin! Erfreulicherweise scheint ja die Polizei, wenn auch erst post factum, mit Energie einzuschreiten. Gcnrel ermordet Der ehemalige Präsident der Zionistischen Organisation Aegyptens, Salomon Cicurel, wurde in seiner Villa in Gizeh (Kairo) von vier Räubern nächtlich überfallen und in seinem Bett ermordet. Die Täter wurden entdeckt, zwei sind italienische, einer griechischer Staatsangehöriger. Der §., *׳ — -1—׳יי -•—י י׳-־' L-־' J— und Kaufmann und in internationalen zionistischen Kreisen von seiner Teilnahme an zionistischen Konferenzen bekannt. Die Nachricht von seinem grauenvollen Ende wird in allen zionistischen Kreisen Empörung und Trauer hervorrufen.