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Jüdische Rundschau · 1927-03-22 · Heft 23 (22.3.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 23 (22.3.1927)
Date
1927-03-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Böte IBS JUEUISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 Kulturpolitische Diskussion Zum Artikel von Dr, Hold he im (s. Nr. 13 u. 14 der ״J. R,״) sind außer der bereits (in Nr. 18) abgedruckten Erwiderung von Dr. Wolfsberg noch eine Reihe von Aeußerungen eingelaufen. Wir geben hier zunächst einem Verfasser das Wort, der nicht den orthodoxen Kreisen angeliört, aber auch Holdheims radikal traditionsverleugncndc Haltung nicht teilt. Red. Erlebnis und Entscheidung Von Dr. Gustav K r o j a n k e r. Um die kulturpolitische Debatte, die Holdheim hier mit seinen! ״Bruch der Tradition“ entfesselt hat. nicht ins Uferlose entgleiten zu lassen, nicht ins Absolut-Prinzipielle, wo sich unfruchtbar Theorie gegen Theorie stellt, möchte ich meinerseits mich von vornherein begrenzen. Ich wäre sonst auch gänzlich!inkompetent in einer so gebildeten Aussprache. Ich verstehe, die Wahrheit zu sagen, nicht gerade viel von Freud; ich verstehe aber auch — und beklage das sehr — vom historischen Judentum viel zu wenig, um über seine bildenden Kräfte in Inhalt und Formen ein Urteil mit dem Anspruch irgendeiner Art von Gültigkeit abgeben zu können. Nur glaube ich,!laß es daraut auch gar nicht ankommt. In Holdheims Aufsatz stecken zwei Elemente. Das eine besteht in dem unmittelbaren Antrieb, ein praktisch drängendes Problem vor Gleichgesinnten aufzuwerfen: was fangen wir, Traditionslose, mit unseren Kindern an; was machen wir, daß die nächste Generation nicht unseren Weg verlasse, wie wir den der vorigen? Und er fragt um unserer Sache willen. Gestern noch waren wir Akademiker und haben uns akademisch darum bemüht, lieber Nacht sind wir Balbattim geworden, und dieselbe Frage, in der Jugend Maienblüte geistreich abgewandelt, fällt uns schwer aufs Herz. Aus schwerem Herzen hat Holdheim geschrieben: es quält ihn ehrlich: er denkt sich mutig durch die Sache durch: und er sieht in der Orthodoxie keine Lösung. Soweit bin ich ganz auf seiner Seite. Aber — und nun kommt das zweite Element —: er geht der Tradition zu Leibe; er ״bricht“ mit ihr; er ״säkularisiert“ — und er tut das alles mit Methoden, die seit Voltaire überholt sind. Wolfsberg hat leichtes Spiel. Ja, wenn das Problem so einfach wäre! Wenn es einfach darauf ankäme, 71t entscheiden, was ״richtiger“ wäre: die Aufklärung mit den Methoden der jeweiligen Wissenschäften oder die bei allen Zweifeln geruhsame Hingabe an die Bindungen alter Tradition. Aber die Aufklärung haben wir doch lange hinter uns; wir haben schon wieder angefangen, sie komisch zu finden. Bloß zurück können wir auch nicht mehr — und hier liegt das Problem. Es geht uns wie dem Mann, der Jomkippur nicht im Tempel sein kann, dein aber draußen auch nicht ganz wohl ist. Holdheim muß sich im Jahrhundert geirrt haben: er will mit der Tradition brechen; er fordert die Säkularisation des Judentums. Von wem spricht er eigentlich? Es geht etwas durcheinander: er spricht von der ganzen Diaspora, er spricht auch von Palästina, aber im wesentlichen spricht er von seinem Ausgangspunkt her, will sagen: von westindischen Assimilierten zionistischer Gesinnung. Ich beschränke!nie 11 ausdrücklich auf diese Gruppe, wenn ich nun ,.wir“ sage; man kommt sonst bei einem so diffizilen Thema überhaupt nicht weiter. Wir also haben mit der 'i radition nicht gebrochen; sie hat mit uns gebrochen. Sic war naht mehr in unserem Leben, oder es' waren so dürftige Reste von ihr, daß sie zur Not liiiireielRen, vom Weser!' des jüdischen Hauses — und gerade auf dies kommt es an — einen Abglanz zu geben, einet! leisen Hauch von der Atmosphäre, :״aus, der wkgekoiC en. Gerade so viel*-daß.wir üjbeftuupL. •*wissen, wovon die Rede Ist, wenn von der Tradition gesprechen wird. Wir brauchen gegen sie keine Wissenschaft und keine Philosophie; und wir danken für Aufklärung. Wir sind ungeheuer skeptisch gegen Systeme, Ergebnisse, bcwiesene Leitlinien, die immer nur auf ihrem Gebiete und selbst hier nur von relativer Bedeutung sind. Von der Orthodoxie aber können wir nur sagen, daß sie uns ewig verschlossen ist. Es kommt gar nicht darauf an, ob einer die Inhalte einer Religion billigt und ob er ihre Formen für sinnreich hält. Es ist überhaupt einem Durchschnittsmenschen nicht znzubilligen, daß er auf diesem Gebiete zur Urteilsabgabe berechtigt sein soll. Religion aber, sofern das Wort nicht das religiöse Erlebnis schlechthin, sondern eine ihrer historischen Formen meint, muß von Kind auf gelebt werden. Der Glanz ihrer Feste und der Rhythmus ihrer Gesänge muß leuchtend in der Erinnerung leben, wie der Schrank in Vaters Zimmer und das Schreibpult, an dem die Schularbeiten gefertigt wurden. Sie muß die Atmosphäre gewesen sein, in der die Menschen gingen und in der die Dinge standen, welche unsere Jugend begleiteten. Das ist nicht nacnzuholen; man kann nicht» wie ein Kind nachholen, was man als ein Kind versäumte. Und wenn wir heute unseren Kindern die alten Formen nicht Vorleben, so geschieht es bei den meisten nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es nicht können; viele wollen sogar. Holdheim verschiebt das Problem, wenn er von einem Widerspruch gegen die Ueberzeugung redet. Die ״Ueberzeugung“ wird in diesem Zusammenhang überhaupt ungemein überschätzt. Wieviel Mensehen haben eine Ueberzeugung, die wirklich selbst gewonnen und aus ehrlichem Bemühen hen orgegangen ist? Ueberzeugung Ist bei den wenigsten mehr als die Summe übernommener Vor- Stellungen und Wertungen. Die mangelnde Ueberzeugung ist , deshalb in der Mehrzahl der Fälle auch nur ein Zeichen dafür, daß nichts übernommen wurde. Was sagt die Orthodoxie dazu? Wie stellt sie sich vor, daß diesem Zustand der Traditionslosigkeit in unserer Generation und der unserer Kinder abgeholfen werde.! könne? Wolf.!- berg, in seiner Antwort auf Holdheim, bleibt lorwicgend negativ, abwehrend; das Positive erschöpft siel! i!1 Andeutungen. Aber auch wenn ich seine Erfurter Rede (J. R. vom 31. S. 1926) zu Hilfe nehme, muß ich gestehen, daß ich nicht sehr viel weiterkomme. Mir fehlt, was mir das Wesentlichste 7.11 sein scheint, und ich will das zu erläutern versuchen. Es wird die Forderung des Lernens und Wissens erhoben. Aber darin unterscheidet sich die Orthodoxie nicht prinzipiell von uns. Sie mag diese Forderung ungleich stärker betonen; sic mag das Wissensgebiet uns gegenüber nach vielen Riehtungen erweitern, ln! Prinzip widersprechen wir nicht; wir bringen sogar allen denjenigen, die Ernst mit diesem Studium machen, die größte Hochachtung entgegen. Aber was ist damit eigentlich für unser Problem getan? Ich betone nochmals, daß ich hier nicht den bildenden wert unseres historischen Kulturgutes zur Debatte stelle; ich setze ihn für diese Erörterung voraus. Ich frage aber, welchen Einfluß Lernen und Wissen für das spezifische Problem unserer Traditionslosigkeit haben können. Das Lernen erwachsener Menschen wird nicht durch Forderungen erzwungen, nicht einmal durch selbstgestellte. Wenn nichts anderes hinzukommt, bleibt cs beim Anlauf; wir haben das tausendmal gesehen. Was hinzukommen muß, ist ein zweckfreies Interesse, ich möchte beinahe sagen: eine Neugier, wie sie den Forscher treibt, der auch ursprünglich nicht forscht, um der Menschheit zu helfen oder sonst einen außerhalb der Sache liegenden Zweck zu erfüllen, sondern seinem geistigen Interesse zu genügen. Tatsächlich haben doch auch bei uns nicht die Menschen wirklich etwas gelernt, die von der 210* nistischen Forderung des Lernens am überzeugtesten waren oder sie am eindringlichsten erhoben haben, sondern diejenigen, denen durch natürliches Interesse und spezifische Begabung — beides geht hier Hand in Hand — die wahre Voraussetzung erfolgreichen Lernens gegeben war; unsere Forderung war bestenfalls ein Anlaß. Damit ist schon von vornherein der Kreis der Menschen, die ihrer Natur nach überhaupt imstande sind, sich mehr zu erwerben als etliche Kenntnisse aus dritter und vierter Hand stark begrenzt. Wenn meine Argumentation nicht für mich spricht, so tun es die Tatsachen. Ein Mangel an Forderungen liegt jedenfalls nicht vor. Aber selbst gut gegründete Kenntnisse, aus den Quellen gewonnen, sind an sich noch wenig. Daß sie zur Bildung wer* den, daß ihre Elemente Gewalt gewinnen — das ist überhaupt kein Ziel, das man sich setzen oder nicht setzen kann, sondern ein Ergebnis, das immer nur einer Minderheit besserer Geister* erwachsen wird. Man sehe sieh doch die Zöglinge unserer humanistischen Gymnasien an: sie haben über den Quellen der Antike gesessen, und sie wissen auch tatsächlich dieses und jenes. Aber der Geist der Antike ist ihnen ein Schlagwort geblieben; eine Minderheit erfaßt ahnend seinen Sinn; und diejcnigen, für die er zur bleibenden d. h. lebensgestaltenden Kraft geworden ist, sind Ausnahmeerscheinungen. Und das kann auch gar nichts anderes sein. Der Durch• schnitt auch der sogenannten Gebildeten wird in erster Linie nicht durch Bildungserlebnisse, sondern die Urerlebnisse des täglichen Geschehens, Sehens, Hörens geformt und bestimmt. Bildungserlebnisse treten nur erweiternd und vertiefend hinzu; und noch uin das zu können, müssen sie sich — im allgemeinen wenigstens — ohne größere Reibung in den Kreis der Vor- Stellungen und Wertungen einfügen lassen, die man den Geist der Zeit nennt. Die Antike, um bei diesem Beispiel zu bleiben, konnte deshalb wohl in einem allgemein humanistisch gerichteten Zeitalter auch für eine Mehrarbeit bestimmend werden, während sie für eben diese heute kaum mehr als Lehrstoff ist. Das alles gilt auch für die Beschäftigung mit unserem jüdisehen Kulturgut. Es ist sogar ein Bildungserlebnis von besonders diffiziler Art. Welche sprachlichen Kenntnisse sind nicht allein erforderlich, um das Material zugänglich zu machen! Und selbst wenn es technisch offen liegt: wie verschieden nt die Welt, dia sich liier offenbart, von allem, womit wir doch nun einmal groß geworden sind. Sich nun mit dieser Welt auseinanderzusetzen, ihr bestimmenden Einlaß zu gewähren und sie womöglich noch mit dem moderhen Weltbild zu vermählen - cs ist eine ungemein lockende, sicher tief bereichernde; und erhöhende Aufgäbe. Aber sie ist doch wohl eher geeignet, das Lebenswerk eines Gelehrten von Format auszumachen, als eine Masse entjudeter Menschen dem Judentum wieder zu verbinden. Das ist es, was an den orthodoxen Forderungen so überaus unbefriedigt läßt. Zu wem sprecnen sie eigentlich? Ja, es hat einmal die ungeheuerliche und beispiellose Tatsache eines lernenden Volkes gegeben, dies für i ns beinahe Unfaßbare einer Gesamtheit, die lernte. Aber es war doch wenigstens ein Volk, will sagen: das Lernen vollzog sich in einer Gemeinschaft Gleichgerichteter; es gab für sic keine Welt außer dieser, in der sie lernten; und das Lernen bestimmte sogar ihre soziale Rangstufe. Aber w i r sind atomisierte Individuen, aufgesogen von einer fremden Welt, und für unser soziales Sein haben wir leider gar!/ andere Arbeit und durchaus keine leichtere, nur eine unangenehmere /u verrichten. Was fängt man vor solchen Tatbeständen mit Forderungen an? Nun will ich aber sogar den günstigsten Fall setzen, der in Wirklichkeit immer nur der Fall einiger weniger sein wird: daß einer ganz den Forderungen entsprochen, daß er gelernt und sich durch Lernen gebildet hat. Ich sehe noch immer nicht, wie das der künftigen Generation zugute kommen soll. Ich will die Bildung, die uns der Zionismus gegeben hat — eine vergeistigte politische Bildung nämlich nicht mit der vergleichen, die uns das traditionalistische Kulturgut vielleicht geben 'kann; die Dinge liegen" auf verschiedenen Ebenen. Aber der Zionismus hat doch die Besseren unter uns auch gebildet, selbst ohne Tradition. Und unser Problem liegt gerade darin, daß wir an der Möglichkeit zweifeln, diese Bildung unseren Kindern übermitteln zu können; allgemeiner: Bildungserlebnisse ohne die ihnen adäquaten Formen auf andere zu übertragen. Noch dcutlicher: es kommt in unserem Falle überhaupt nicht so auf die Tiefe der Bildung wie auf die erlebbare Sinnfälligkeit ihres Ausdruckes an. Und damit sind wir beim Ritual. Rituell ist man aus Gewohnheit oder Ueberzeugung, wobei beides meistens sehr ineinander geht. Beides fehlt uns, und beides ist weder durch Lernen noch durch guten Willen zu erwerben. Ich weiß nicht, ob Wolfsbcrg seinen Satz, in dem er von einem Konflikt zwischen Mensch und Jude spricht, beiden! ״ein nationaler Mann das Opfer seines Individuums bringen müßte, um das Volk zu retten“, ln diesem Zusammenhang verstanden wissen will. Gleichviel: es wird sich aucii in diesem Zusammenhang sagen lassen, daß das Opfer des Individuums nur darin bestehen kann, daß es um einer Sache willen auf die freie Entfaltung seiner Kräfte und Möglichkeiten verzichtet, daß es sich in dem durch die Sache gesetzten Rahmen begrenzt. Aber nicht darin, daß es sich verfälscht und unecht wird. Und wem! wir die Formen der Tradition übernehmen wollten, nicht weil Ueberzeugung auch zu dieser letzten Konsequenz führt oder die schöne Ge* wohnheit der Jugend uns bindet, sondern weil wir ״das Volk retten“ wollten, so würden wir es ganz bestimmt nicht retten (selbst wenn die Tradition wirklich der Rettungsweg ״wäre). Denn dieser unechten ad hoe-Handlung würde die Legitimität fehlen und damit die Wirkung versagt bleiben müssen. Wir können nicht unser Leben in Formen schlagen, die uns nun einmal fremd geworden sind. Wir könnten sogar eher noch zu innerer Wandlung gelangen, der wir ja zugewandt sind, als zu der Starre äußerer Formen, der war in hohem Grade abgeneigt sind. Weil es aber gerade auf die& ankommt, auf die Einprägsamkeit sinnfälligen Ausdrucks, auf das Material der Phantasie, wenn der Geist noch nicht zum Bewußtsein gelangt ist, auf diesen Quell bindender Gewohnheit und späterer Erinnerung -- läge also unser Fall gänzlicli hoffnungslos? Ich glaube, wir machen uns das Problem etwas zu schwer- Ist es denn wahr, daß unser zionistisches Sein so gänzlich des Ausdrucks ermangelt? Wir haben doch heute Palästina, das kein Begriff mehr, sondern lebendige Wirklichkeit ist (davon wußten wir noch nichts, als wir vor zehn Jahren und länger dasselbe Problem diskutierten). Da leben Freunde, von denen Briefe kommen; da geschehen Dinge, von denen gesprochen wird. Es verkehren mit uns Menschen, die heute noch hier waren und morgen schon drüben sind. Es ist einfach nicht mehr wahr, daß unsere Kinder den Zionismus aufnehmen müßten, wie wir ihn als Studenten aufgenommen haben. Die geistige Entscheidung von einst ist farbige Wirklichkeit geworden, verbunden mit Menschen und Vorgängen; Palästina ist unmittelbare und selbstverständliche Gegenwart. Viel ein- Erägsamer als Märchen und Sage ist diese nüchterne persönliche eziehung, die jeder von uns mehr oder weniger zum Lande hat. Es bedarf gar nicht mehr dieser häßlichen Zweckmärchen - schon dies Wort sagt alles —, die Holdheim erfunden wissen will. Wie eindringlich und gegenwärtig muß jetzt unser historisches Sagengut sprechen, da es in einem Lande spielt, von dem zu Hause geredet wird und in dem sogar Menschen wohnen, die dem Kinde nicht unbekannt sind, wir haben das Fernste erst mit dem Alltäglichen im Geiste verbin,!וזי müssen; für unsere Kinder ist es eine gegebene Tatsache. Auf dieser Grundlage muß auch die sorgfältige Erziehung, die wir unseren Kindern in Geschichte und Sprache unseres Volkes angedeihen lassen, von besonderer Wirkung werden. Die Geschichte Ist nicht — wie für uns noch — Historie, sie ist nicht zu Ende; das Kind lebt mitten in ihrer Fortentwicklung. Die Sprache ist nicht tot; es ist die Sprache eines Landes, und zwar sogar eines Landes, zu dem besondere Beziehungen bestehen. Ist das wirklieh alles so wenig? Was aber unsere Feste anbetrifft, so werden wir hier mit keiner Art von allgemeiner Regelung weiterkommen. Wir mögen nur gnädig vor den Ersatzgreueln bewahrt bleiben, die Hold* heim in Vorschlag bringt. Das mag jeder auf seine Art machen, und jeder mag sich nur vor dem Einen hüten: irgend etwas um seiner Kinder willen, also wegen eines außerhalb der Sache selbst liegenden Zweckes zu tun. Besser gar nichts als etwas Unechtes. Warum hat die ״Pietät“ unserer Eltern auf uns so gänzlich die Wirkung verfehlt? Weil wohl die Pietät echt, aber die Handlung, die ihr zu Ehren vorgenommen wurde, unecht gewesen ist. Feste müssen um ihrer selbst willen gefeiert werden, nicht zu einem Zweck: gleichgültig, ob er nun Nation oder Pietät heißt. Und selbst wenn manche von uns aus echtem Antrieb des Herzens gar nichts mehr mitmachen können, so brauchen sie, wenigstens der Kinder wegen, deshalb noch nicht in Verzweiflung zu sein, wenn sie nur sonst wirkliche Zionisten sind, d. 11. eine persönliche und lebendige Beziehung zu Palästina haben. Gewiß ist das alles sehr wenig, wenn man es mit der schwer lösbaren Atmosphäre des orthodoxen Hauses vergleicht Aber seien wir uns doch darüber klar, daß wir unseren Kindern, solange wir hier leben, auch mit zehnfachem Aufwand an Formen und Methoden dies eine niemals ersparen können: daß sie sich nämlich, zu Bewußtsein gelangt, im Grunde genau so entscheiden müssen wie wir. Und daß es noch gar nicht ausgemacht ist, ob die Entscheidung wirklich dann am ehesten in unseren Sinn fallen wird, wenn wir ihm am meisten Stützen gegeben und Grenzpfähle gesetzt haben. Gerade die Orthodoxie müßte ein Lied davon singen können. Sie war mächtig, solange auch die äußeren Lebensbeditigungen, die sie nur zum Teil mitgeschaffen hat, ihr günstig waren. Nach dem Zerfall hat alle Erziehung gegen den sich immer erweiternden Ab• bröcklungsprozeß nichts mehr genützi, weil eben lebendige Tat• Sachen stärker sind als das grandioseste Erziehungssystem. Wir sind dabei, durch Palästina wieder lebendige Tatsachen zu schaffen. Und in diesem Sinne ist Palästinaarbeit tatsächlich auch unsere wichtigste Erziehungsarbeit. Ich erkenne die Alternative: Orthodoxie oder Untergang nicht an; es gibt nur die Alternative: Untergang oder Palästina. Denn ohne dies ist die Orthodoxie genau so zum Untergang verurteilt wie wir. Kleine Nadirlebten Die Kommission des Waad Leumi, die sich mit dev Frage der Ehrung des Andenkens von Achad Ha am zu befassen hatte, beschloß einen ״Achad Haam-Lehrstuhl“ für Philosophie an die hebräische Universität zu begründen. Jerusalem, 17. März. (J. T. A.) Heute sind mit dem Ziel Rußland 7300 Kisten Palästina-Orangen verschifft worden. Es ist dies seit 1914 die erste Orangen- Sendung von Palästina nach Rußlrnd. Vor einem Jahre umfaßten die Orangen-Piantagen in Palästina eine Fläche von 30000 Dunam. Im Verlaufe dieses Jahres wurden weitere Plantagen auf einer Fläche von schätzungsweise 15000 Dunam angelegt. Die Ernte der gegenwärtigen Saison beträgt zirka 2 000 000 Kisten. Der Hauptmarkt ist England. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hat be- .schlossen, Herrn Dr. Ochser 81s Nachfolger des verstarb«- am Trtrm" Br. ־Reitze'r 2*3« BibUottiicär der Berliner jüdischen Gemeinde zu bestellen. Herr Dr, Ochser war zunächst als Rabbiner tätig, waf dann Bibliothekar an der Berliner Hochschule für'"die Wissenschaft des Judentums, arbeitete in Amerika bei der Redaktion der ״Jewish Encyciopedia“, die ihm eine Reihe wertvoller Aufsätze dankt, fungierte einige Zeit als Religionslehrer in Lemberg und arbeitete zuletzt an der hebräischen Enzyklopädie, die der Verlag ״Eschkol“ herausgibt. Dr. Cccil Roth hat der Jewisli Historical Society of England den Vorschlag unterbreitet, daß sie eine, int ernationale Konferenz jüdischer Historiker einberufe; dieser Vorschlag wird in der nächsten Sitzung der Londoner jüdischen historischen Gesellschaft beraten w׳erden. In der letzten Sitzung des Rates dieser Gesellschaft wurde berichtet, daß die Sammlung von Anglo-Judaica in der Macatta-Bibliathek vollendet sei; es wurde beschlossen, eine systematische Sammlung von jüdischen Geschichtswerken anzulegen. Nach einer Mitteilung der J. C. A.-Verwaltung in Buenos- Aires wandertcn im Jahre 1926 7531 Juden in Argentinien ein, unter ihnen 5884 aus Polen, 520 aus Rußland, 179 aus Lettland, 170 aus Rumänien, der Rest aus anderen Ländern. 345 der Ein• gewanderten wurden in den Kolonien der J. C. A. angesiedelt. Die tschechoslowakische Regierung hat beschlossen, in Tel• Awiw ein tschechoslowakisches Vizekonsulat zu er• richten, Zur Leitung desselben wurde mit dem Titel Honorar- Konsul Dr. Viktor G r ü n w a l d ernannt, der unseren Lesern als Mitarbeiter unseres Blattes bekannt ist. Dr. Umberto Zanotti-Bianco, ein Bruder des italienischen Konsuls in Jerusalem und Vertreter Italiens in der Internationalen Kinder-Wohlfahrts-Gesellschoft in Genua, studiert jetzt die Methoden der Kinder -Fürsorge rn Palästina. Er besuchte kürzlich Ein-Charod, Klar Jeladim, Nahalal und Daganiah. Bauplätze für Arbeiterhäuser für misrachistisclie Arbeiter wurden soeben in T c 1 - A w i w und P e t a c 11 T i k w a h ge* kauft. Mit den Bauten soll im Laufe dieses Monats begonnen werden. Die Gelder für den Bauplatz in Tel-Awhv wurden von ״Tiphereth Misrachi“ und ״ftnotli Jerusalem“ in New York gesammelt. Diese Organisationen bringen jetzt auch die nötigen Gelder für den Bau auf. ״El Siassa“ teilt mit, daß Phil b y, der bekannte frühere englische Konsul in Djedda dort ein Kommissionsunternehoien eröffnet habe und sich in seiner Kleidung usw. den Landessitten dort völlig angepaßt habe. Pliilby ist der Verfasser des bekannten Buches ״Das geheimnisvolle Arabien“(Deutsch bei Brockhaus, Leipzig.) Panait i strati, der rumänische Dichter, der in den letzten Jahren Weltruhm erlangt hat, läßt demnächst in Zusammenarbeit mit Josuc Jehouda einen jüdischen Milieuroman ,.La famille Perlmutter׳•' erscheinen (Gallimard, Paris). Panait Istrati lebt, ein Opfer der rumänischen Reaktion, im Exil in Frankreich. Jerusalem, 16• März. (J.T.A) Lord Plumer hat am Freitag, den 18. März, im Kalandia-Aerodrom die Eiaweihung des Riesenflugzeugs der Reichsluftlinie auf den Namen ״The City of Jerusalem“ vorgenommen. Das Luftschiff hat kürzlich einen Flug von England nach dem Orient unternommen, um die Handelsluftlinie Kairo- Karachi einzuweihen.

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