Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 157 Nr. 22 iDnPad^Nöth^ 10 dem am 15. März nach kurzer Krankheit in Berlin verstorbenen Dr. Paul Nathan verliert nicht nur das deutsche Judentum, sondern auch die Weltjudenheit eine ihrer markantesten Gestalten. Dr. Paul Nathan war einer der besten Repräsentanten der westjüdischen bürgerlichen Demokratie, ein Mann von wirklich fortschrittlicher Oesinnung, der bestrebt war, die Glcichgeltung der Juden in den Linder«, wo sie die formale Gleichberechtigung genossen, zu verwirklichen und die rechtliche Lage der Juden in den Ländern zu bessern, wo ihnen auch die formale Gleichherechtigung vorenthalten war. Paul Nathan war ein assiradierter deutscher Jude, aber kein Assimilant etwa in dem Sinne, wie manche jüdische ״Führer“ in Polen oder in Rußland. Es ist kein Zweifel, daß Paul Nathan in stärkster Weise deutsch und jüdisch empfand. Von den nickten assiradierten deutschen Juden unterschied ihn sein Weitblick, der über die Grenzen des Deutschen Reiches hinausging. Als echter Demokrat und begeisterter Anhänger allgemein-menschliehen Fortschrittes hatte er Sinn für Weltzusammcnhätige und sein jüdisches Interesse machte niemals an den Grenzen Deutschlands Halt Aus seiner geistigen Veranlagung und aus der Tatsache eines in seiner Weise stark gefühlten Judentums ergab sich für ihn die Pflicht, an der Spitze deutschjüdischer Organisationen überall im Namen der deutschen Juden einzugreifeii, wo es galt, den Juden materiell und politisch Beistand zu leisten. Paul Nathan war ein passionierter Politiker. Im politischen Leben des deutschen Volkes blieb cs ihm freilich versagt, an vorderster Stelle eine aktive Rolle zu spielen. Er mußte sich damit begnügen, durch sein Wort in Aufsätzen anfeuernd und mahnend zu wirken, und in der aktiven Politik mußte er sich auf die Tätigkeit in der Berliner Stadtverordnetenversammlung beschränken. Die Möglichkeit einer weiterreichenden, über die Gemarkung Berlins und die Grenzen Deutschlands hinausgehenden politischen Einflußnahme bot ihm seine Tätigkeit auf jüdischein Gebiet. In den letzten vierzig Jahren gab es keine wichtige Erscheinung im Leben der europäischen Judenheit, in die Nathan nicht eingegriffen hätte. Als in Deutschland der wissenschaftliche Antisemitismus einsetzte, bemühte sich Nathan lange vor Begründung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, eine durchgreifende Abwehraktion einzuleiten. Anläßlich der verschiedenen Rituaimord- Prozesse in Ungarn, Deutschland und Rußland, entfaltete er eine überaus energische Tätigkeit zur Bekämpfung der Judenhasser und -Verleumder. Nach den schrecklichen Pogromen in Rußland im Jahre 1905 und 1906 organisierte er ein *umfassendes Hilfswerk für die russisch-jüdischen Flüchtlinge. Als die antijüdischen Agrarunruhen im Jahre 1908 in Rumänien ausbrachen, begab sich Nathan namens des Hilfsvereins der deutschen Juden« dessen Seele er war, nach Rumänien, um für die verfolgten Juden zu intervenieren. Er reiste nach dem Balkan, um die Lage der Juden zu studieren und schließlich einige Monate vor seinem Tode machte er noch eine Reise nach SowjetruBland, uni die Bestrebungen zur Produktivierung der russischen ,J1}dea%if an Ort .und - Stells׳• kennenzuteroen, ifk^ElpufseJjlpid, ,sM&si ' Insbesondere ^erfreuten sich - die• ihr Deutschland lernenden ostjüdischcn Studenten seiner Für» sorge und■ Unterstützung. ■ Unvergeßlich wird Paul Nathans Tätigkeit im Kriege bleiben, wo er führend und dauernd bestrebt war, den Juden in den von den Deutschen okkupierten Gebieten Rußlands zu nützen. Paul Nathan war die treibende Kraft aller Hilfsaktionen des deutschen Judentums für die notleidenden osteuropäischen Juden. Von stärkster Bedeutung sind die Bemühungen Paul Nathans gewesen, in Palästina, das er mehrmals besucht hatte, ein Schulwerk des Hilfsvereins der deutschen Juden für die jüdische Bevölkerung in Erez-Israel zu schaffen. Mag auch das Motiv zu diesem Zweige von Nathans Tätigkeit zum Teile auch darin gelegen haben,.dem Schulwerk der französischen Alliance Isradlite im Orient ein ähnliches Schulwerk der deutschen Juden an die Seite zu stellen und auf. diese Weise den politischer}״ Einfluß Deutschlands im vorderen Orient zu stärken, es bleibt doch ein unvergängliches Verdienst des Verstorbenen, daß er Schulen JUEPISCHE RUNDSCHAU_ begründete, die gegenwärtig, wie das Technikum in Haifa, in Palästina segensreich wirken. Als vor zwei Jahren der Steiger-Prozeß in Lemberg die Judenheit in Polen und in der ganzen Welt in Atem hielt, stellte sich Nathan auch in den Dienst dieser Aktion, insofern man von Deutschland aus auf den Gang des Prozesses in Lemberg Einfluß nehmen konnte. Dr. Paul Nathan war Antizionist und in Deutschland der vornehmste Gegner der zionistischen Bewegung. Doch unterschied sich seine antizionistische Stellungnahme sehr weit von der Art und Weise, wie andere assimilierte Zionistengegiter den Zionismus bekämpfen. Dr. Paul Nathan halte eben Sinn für weltpolitische Zusammenhänge und für die ideelle Bedeutung der zionistischen Bewegung. Es gab manchmal zwischen ihm und unserer Bewegung recht harte Kämpfe. Aber es sei zugestanden, daß es sich verlohnte, mit Dr. Nathan die Klinge zu kreuzen. Er war ein ganzer Mann und ein vornehmer Charakter. Das kam z. B. auch darin zum Ausdruck, daß er im Jahre 1921, nicht zuletzt wegen der schwächlichen Haltung der deutschen Demokratie gerade in jüdischen Fragen, die Reihen der deutschen Demokraten verließ und sich der sozialdemokratischen Partei anschloß. Wenn man bedenkt, daß er diesen sensationellen Uebertritt im vorgeschrittenen Alter vollzog, so wird man begreifen, daß Dr. Paul Nathan eine Kämpfematur im besten Sinne des Wortes war. Mit Dr. Paul Nathan sinkt eine Epoche des deutschen Judentums ins Grab, in der man an eine restlose Ver- Schmelzung und Versöhnung von Deutschtum und Judentum auf Grundlage vollständiger Assimilation glaubte. Es war für Paul Nathan eine schwere Enttäuschung, daß in seinen letzten Lebensjahren die Spannung zwischen nichtjüdischer und jüdischer Umwelt in Deutschland so stark zugcnonimen hatte. Dr. Paul Nathan konnte natürlich nicht umlernen. Aber hie und da hatte man den Eindruck, daß Paul Nathan die neuen Kräfte, die sich im Judentum der ganzem Welt und auch in Deutschland regen, wohl nicht billigte, aber doch begriff. Neben seinen engeren Freunden und Gesinnungsgenossen werden auch wir, seine Gegner,, ihm ein ehrenvolles ״Andenken bewahren. m. w. Die Gemeindewalileii io Kilo Von über 7000 Wahlberechtigten haben sich am 13. Marz an den Wahlen für die Repräsentantenvcrsammlung 3263 Stimmberechtigte beteiligt. Auf Liste f (Jüdische Volkspartei und Achduth) entfielen 1013 ,Stimmen, auf Liste II (Mittelpartei) 229 Stimmen, auf Liste II! (Liberale) 1137 Stimmen, auf Liste IV (Konservative) 534 Stimmen. Auf Grund dieser Zahlen entfallen auf Liste I 6 Repräsentanten und 2 Stell- Vertreter (bisher 4 Repräsentanten und t Stellvertreter), auf Liste II 1 Repräsentant (bisher 0), auf Liste III S Rcpräsentanten, 4 Stellvertreter (bisher 9 Repräsentanten und 2 Stell- *Vertreter) und auf Liste IV 3 Repräsentanten und 1 Stell- Vertreter (bisher 5 Repräsentanten jxnd 4 Stellvertreter). Von der Valkspartei und der Achduth sind gewählt: R.-A. Jonas, Nathan Kahn (Achduth), lakob Schnei- Hng, Louis Aschkenasy, Simon Bader und P. Pteehner. Als Stellvertreter justizrat Dr. Bod e n he i me r und Simon Meyer. ,*«Ml ■ part« 'änsatKR ilq Ho?mann; außerdem wlrii mindestens einen Stellveriretersitz im' Vorstand erheben. Hierfür komm! Herr Schnelling in Betracht da R.-A. fonas in der Repräsentantenversammluni׳ die Führung der Partei beibehält Im Falle der Wahl des Herrn Schnelling würde von der Volkspartei Herr Müller als Repräsentant aufrücken. * י. Während des Wahl Vorganges stürmte eine Gruppe Hakenkreuzler das Wahllokal. Es entspann sich eine blutige Schlägef ei, bei welcher es mehrere Verletzte gab. Insbesondere wurden zwei jüdischeBürgerdurchMesserstichcnicht unerheblich verletzt Die Polizei, welche unter persönlicher Führung des Kölner Polizeipräsidenten schnell zur Stelle war und mehrere Hakenkreuzler verhaftete, wird auf Grund eines Erlasses des Polizeipräsidenten im nächsten Viertel- Jahr alle öffentlichen Umzüge und Kundgebungen der sögenannten Vaterländischen Verbände in Köln rücksichtslos unterdrücken. — Der Ueberfall der Hakenkreuzler auf ein jüdisches Wahllokal, der sich am Vorabend vor Wahlschluß abspielte, hat in weiten Kreisen Kölns starke Empörung hervorgerufen. Die Autonomie der Arbelterwlrtschatt Dr. A rlosoroff veröffentlicht in der New Yorker Hitach* duih-Zeitschrift ״Farn Folk“ einen umfangreichen Artikel, in dem er sich gegen neuerliche Angriffe auf die palästinensische Arbeiterbewegung wendet. Früher sprach man von der Gefahr einer Klassenbewegung. Später gründete sich der Kampf auf die Behauptung, daß die Arbeiterwirtschaften Defizitbetriebe seien. Aber alle diese Angriffe fielen in sich zusammen. Trotz den von Mead und Oppenheimer entwickelten Anschauungen zeigte sich, daß die Betriebe selbsterhaltend werden, wenn sie die notwendigen finanziellen Mittel erhalten. 13er neue Angriff richtet sich gegen die Autonomie der Arbeiterbewegung, und der Kampf wird gleichzeitig in Jerusalem, New York und Warschau geführt. Man spricht in Amerika von der ,.Ar* beiterdiktatur“ in Palästina und fordert eine zentralisierte Ver* waltung. ,In Wahrheit ist die Autonomie der Arbeiterbewegung eine sehr wertvolle Akquisition nicht allein für die Arbeiter selbst, sondern für den ganzen Jischuw. Kolonisatoren haben immer den Wert des GcistesderSelbstverwalt u n g und Selbst Verantwortlichkeit hoch einge• schätzt, und wo diese fehlten, blieb die Kolonisation erfolglos. Besonders die britische Nation hat immer den Geist der Autonomie und Selbstverwaltung zu entwickeln gesucht. Haben wir schon die Zeit vergessen, wo man eine Kampagne für die Autonomie der Kolonisten in Palästina führen mußte? Die ״Administration“ dieser Periode hat in wenigen Jahren dtc ersten Bilus und die Gründer unserer ersten Kolonien in Palästina demoralisiert. Im Jahre 1900 gab cs 100 Kolonisten in Sichren Jakob und 90 Beamte der Rothschild-Administration, die ihre Angelegenheiten zu verwalten hatten. Der Geist dieser Periode ist noch nicht vollständig überwunden. Ist es nicht eine Schande, daß Kolonien wie Petacl! Tikwalt und Sichren Jakob nicht für ihre Kindergärten und Schulen zahlen? Wenn man diesen Geist mit dem Geist der Würde und Sclbstverantwortlichkcit vergleicht, der in den Arbeitersiedlungen lebendig ist, kann da noch ein Zweifel darüber bestehen, daß die Arbeiterautonomie in unserer nationalen Kolonisation von großer Bedeutung ist? Jeder unparteiische Beobachter muß zu geben, daß auf der Grundlage der Arbeiterautonomie produktive Werke entstanden sind, von Dagania und Kincroth bis zu Nahalal, Ein Charod und dem Solei Boneh, In der ersten Periode der Ruppinschen Administration arbeiteten die Arbeiter in unseren Siedlungen zu festen Löhnen, die von den Einnahmen und Ausgaben unabhängig waren. Wer hat dieses System geändert, dessen Aufgabe Vorbedingung für die Entwicklung einer sich selbst erhaltenden Siedlung war? War dies eine administrative Maßnahme? Nein! Es war der entschlossene und freie Wille der Arbeiter, der von einem inten* shen Verlangen nach Unabhängigkeit inspiriert war. ist es wirklich so schwer zu verstehen, daß die Resultate der Krisis der letzten 18 Monate beträchtlich ernstere vw, reu, wenn wir nicht eine autonome Arbeiterbewegung hätten’ Hätten wir unter einem Regime von offizieller Bürokratie gearbeitet; so hätte die gegenwärtige Krisis dank der Langsamkeit, die jeder bürokratischen Administration innewohnt, schon längst zu einer schrecklichen Katastrophe ge• führt. -Selbstverständlich werden in der Arbeiterbewegung auch Fehler gemacht Es gibt gewisse Anzeichen dafür, daß in den Arbeit erraten itt den Städten die Idee von autonomen Arbeiterinstitutionen Ws zur Absurdität übertrieben wird. Wenn ein Angestellter wegen grober Pflichtverletzung entlassen wird, so hat kein Arbeiterrat das Recht, sich in diese ' Entlassung hindnzumischett. Aber inan kritisiert ja nicht solche Einzelheiten, sondern das ganze System der Arbeiferautonomle.' Unter einem bürokratischen System würden aöcjk* «ste« •1.Ai0JW»chk־; etar*u&si!u-lC « #׳ *dl*» *I i o 8■M mrfwendig,•aberivife kann nur PfiebJi, Ägi», ',»fatal 41k. Affe( nomie der verschiedenen z« ׳ koordinierend«! Körperschaften nicht unterdrückt wird• und wenn der Geist freier Initiative nicht niedergehalten wird. Manches, was vom Standpunkte eines gleichgültigen und sterilen Administrators aus als da Mißbrauch erscheint, ist in Wahrheit ei» Ausdruck schöpfe* rischer Aufbaukraft. Die Berliner Proteste Das ״Hamburger Israelitische Famitienblatt“ meldet am 17. März über die Nachprüfung der Repräsentanten wählen: Den Einsprucherhebem ist gemäß einem Bescheide des Polizei• Präsidenten neuerdings aufgegeben worden, diejenigen Personen, die nach ihrer Meinung zu Unrecht ge* wählt haben, binnen acht Tagen zu bezeichnen. Obwohl die Prüfung der in den Nachtragslisten verzeichneten Personen von der Gemeinde offiziell vorgenommen wird, sollen auch die Einspruchserheber Gelegenheit haben, die ein• zelnen Personen zu bezeichnen, die das Wahlrecht aus* geübt haben, ohne wahlberechtigt zu sein. «lw*:hein|i£b.׳־v0S4def ׳%##• d ejftt e 1 hi e f und, flert' Ai&tt die Volkspartci Anspruch auf stockender Stimme fragte er, ob irgend jemand aus dem Kreise der Versammlung eine Bemerkung machen wolle. Totenstille. Kein Mensch meldete sich. Ich flüsterte dem Vorsitzenden zu, daß er noch einmal an die Versammelten die Aufforderung richten möge, sich zu Worte zu melden. Einige bange Minuten vergingen, während welcher man hätte hören können, wie eine Stecknadel zu Boden fällt. Schließlich reckte sich tief im Hintergründe eine Hand in die Höhe und zwei ausgestreckte Finger bewiesen, daß der Besitzer dieser Hand etwas zu sagen wünsche. Freudiges Erstaunen! Von hilfreichen Händen gepackt, wurde der Mutige gestoßen und geschoben, gezerrt und gerissen, bis er schließlich au den Tisch des Vorsitzenden gelangte. Alle Zeichen des Lampenfiebers waren an diesem Manne, der sich als der Spezereiwarenhändler Kafka entpuppte, festzustellen. Mit zitternder Stimme hub Herr Kafka also seine Rede an: ״Wenn ich richtig verstanden habe, heißt der Herr Redner Dr. Nassau . . . Ich habe nun gewollt Uagen, ob Chaim Nassau aus Lundenburg ist ein Verwandter von ihm“ . . . — So sah die Diskussion in Oimütz aus. * Seit wann sind wir Juden wiederum ein Volk? Daß wir eines gewesen sind, solange wir in Palästina lebten, bis Titus den zweiten Tempel zerstörte Und römische Uebermacht uns aus dem Lande stieß, bezweifelt nicht einmal der jeweilige Vorsitzende des Ceritraivereins deutscher Staatsbürger jüdisehen Glaubens. Seit wann aber sind wir unbestritten auf Grund eines ausdrücklichen Beschlusses wiederum ein Volk? Diese Frage kann nur von denjenigen beantwortet werden, die die Ereignisse und Vorkommnisse der zionistischen Ortsgruppe in Trembowla, Ostgkiizien, mit peinlicher Gewissen• haftigkeit registriert haben. Als der ״Judenstaat“ von Theodor Herz! erschienen war, entstand in den einzelnen Städtchen des Ostens eine stürqiische Bewegung. Unter Führung des betreffenden Winkel- Schreibers oder Matrikclführers, die hie und da die ״Neue Freie Presse“ zu lesen pflegten und demgemäß als Leuchten profaner Bildung galten, bildeten sich in dem einzelnen jJatei Midraschim Gruppen, die das im ״Judenstaat“ aufgeworfene Thema eifrig diskutierten. Je nach dem Bildungsgrad und der Einsicht des betreffenden Matrikelführers schlug die Diskussion fruchtbare oder unfruchtbare Bahnen ein. 1« Trembowla in Ostgalizien lebte um jene Zeit ein gewisser Feuerstein. Dieser Feuerstein hatte nicht nur die ״Neue Freie Presse“, sondern auch die meisten Dramen von Schiller und Ludwig Büchners ״Kraft und Stoff“ gelesen. Er war also ein durchaus ״Aufgeklärter“. Da er überdies mit besonderem Eifer die Berichte der Parlaments-Verhandlungen in Wien verfolgte, da wußte er in Begriffen wie Resolution, Zweidrittelmehrheit und einfache Mehrheit Bescheid. Herr Feuerstein beeilte sich, einer Wiener Aufforderung zu entsprechen und begründete in Trembowla eine zionistische Ortsgruppe. Allerdings fand er in der Bevölkerung ziemlichen Widerstand. Die orthodoxen und cliassidlschen Elemente verfolgten die Zionisten mit unerbittlichem Haß. Der Kampf der Meinungen wdgte hin und her. Die Chassidim entschlossen sich zu einem entscheidenden Schlage auszuholen und kündigten, an, daß sie die Zionisten in den Cherem tun würden. In , seiner Seelenangst depeschierte hierauf Herr Feuerstein nach Wien: ״Fferzl oder Nordau sofort kommen, sonst Zionismus verlorcn“ . Weder .Herzl noch, Nordau kamen und doch war der Zionismus weder in der ganzen Welt noch in Trembowla verloren, wovon nachstehende Darstellung zeugen möge. Aus Dr. Blochs ״Oesterreichischer Wochenschrift“ erfuhr unser guter Feuerstein, daß der wesentlichste Einwand, der von den Antizionisten in Wien gegen den Zionismus erhoben wurde, darin bestehe, daß die Juden aufgehört hätten, ein Vplk zu sein, und daß darum alle von Herz! aus dieser Grundvoraussetzung gezogenen Konklusionen in sich zusammenfallen müßten. Feuerstein dachte lange nach, wie diesem Uebel abzuhelfen wäre. Er beschloß eine Hauptaktion durchzuführen. Für einen der nächsten Abende verschrieb er sich einen Referenten aus Tamopol, der über das Thema reden sollte: ״Sind wir ein Volk?“ Der Referent, ein Schüler der achten Gymnasialklasse, erschien und entledigte sich seiner Aufgabe recht und schlecht Nach dem Referate stellte Herr Feuerstein nachstehende Resolution zur Beschlußfassung: ״Die In Trem• bowla am 5. Juli 1897 Versammelten beschließen hiermit feierlich nach Anhörung eines Referates, daß die Juden ein Volk sind.“ Ueber diese Resolution wurde namentlich abgestimmt und sie wurde mit allen Stimmen, bei zwei Stimmenenthaltungen, angenommen..... Nun wissen wir’s. Auf Grund des Beschluss« einer Versammlung in Trembowla vom 5. Juli 1897 sind wir ein Volk und kein Einspruch eines Dr. Naumann oder eines anderen Leugners unseres Volkstums kann uns in dem Bewußtsein irre machen, daß wir ein Volk sind. Der betreffende Beschluß wirde ja mit erdrückender Mehrheit angenommen. Maskea-Spak (Aus dem Buch ״Und Du bist Gott“.) Von A. N. Steuzel. Lauf ich am Leben vorbei, Humpelnd und hinkend, In wechselnden Gestalten Und Masken allerlei — Lach’ in sein Fenster Mit tollen Grimassen unterm Clownhut, Stehe gewickelt tief in die Kutte des Mönches Vor dem Spalt seiner Tür v Und lach’ in den breiten Aermet der Kutte. Lauf’ ich am Leben vorbei, Humpelnd und hinkend, Mit einem Lachen und einem Murren. — Bin dir entgegengeflogen, Ein Nackter, Auf roten Lippen Ein Herz dir entgegengetragen - Hahaha! Hast im finstern Winkel mich gewürgt, Mit schwarzen Krallen mich an der Gurgel gepackt. — Hahaha! Lacht ein Clownhut hinter deinem Fenster, Lache ich dein, hinein in breite Kuttenärmel.... Aus dem .Jiddischen fiberlr«S«o von Dr. A. Suhl.