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Jüdische Rundschau · 1927-03-08 · Heft 19 (8.3.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 19 (8.3.1927)
Date
1927-03-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 138 JUEDI5CHE RUNDSCHAU Nr.!9 Zum Problem einer Neaansiedlung in Palästina Von Rudolf Samuel, Breslau. Der Verfasser legt Wert darauf, festzustellen, daß Jer Artikel bereits Ende Dezember v. J. eingereicht wurde, woraus es sich erklärt, daß einige aktuelle Probleme, wie die augenblicklich begonnene Ncuansiedlung, noch nicht erwähnt werden. I. Problemstellung. Die Wirtschaftspolitik der Zionistischen Organisation in Palästina stand in den letzten beiden Jahren im Zeichen der Konsolidierung der bestehenden Siedlungen. Daß dieses Streben nach der endgültigen Fundierung der Betriebe notwendig war, ist oft und oft gerade in diesen Blättern und in dieser Zeitung mit zuerst (seit Sommer 1024) nachgewiesen worden. Jedoch hat sich herausgestellt, daß die Konsolidierung nicht nur das landwirtschaftliche Budget eines oder zweier Jahre in Anspruch nimmt, wie man im Sommer 1024 gehofft hatte, als die damalige A.-C.-Sitzung das erste Konsolidierungsbudget festsetzte, sondern das Budget des dritten und vermutlich auch das des vierten Jahres werden durch diesen Oesundungsprozeß noch aufgebraucht werden, nachdem bereits das Budget für 1022 und 1023 für eben diese Siedlungen, im wesentlichen die der UI. Alijah, verwandt worden sind. Das hat in den beiden letzten Jahren einen fast vollständigen Stillstand der Neuansiedlung bedeutet und wird — rationale Wirtschaftspolitik vorausgesetzt — das gleiche auch noch für die beiden nächsten Jahre bedeuten müssen, wenn es nicht gelingt, andere Methoden der Kolonisation zu finden. Dieser Stillstand hat am meisten natürlich in Palästina, aber fast nicht minder auch im Oaluth stark beunruhigt. Es zeigt sich also, daß die Ansiedlung der dritten Alijah, die in anderthalb bis zwei Jahren (1020—1922) ins Land strömte, die Mittel des landwirtschaftlichen Budgets von zirka sechs Jahren beansprucht das heißt, daß wir nur alle sechs Jahre rund gerechnet 10000 Menschen in gesicherten Positionen in die Land- Wirtschaft überführen können. Niemand kann bestreiten, daß diese Erfahrungen unseres jetzigen Kolonisationssystcms das Ziel des Zionismus in Frage stellen, in der Tat zeigt der jetzige Zustand, daß wir das System der jüdischen Pa- Jistinakolonisation unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Kapitalien noch nicht gefunden haben. Es scheint also erforderlich, die ganze Problematik unseres heutigen Kolonisationssystcms ohne Rücksicht auf Freund und Gegner, Wertakzente und seelische Bindungen an Menschengruppcn und Ideale und unter Ausschaltung aller Gefühlsmomente unter schonungsloser und konsequenter Anwendung der Mittel des Verstandes nochmals zur Diskussion zu stellen. Dazu soll das folgende ein Beitrag sein. Daß eine Problematik unseres Kolonisations- Systems wirklich besteht, kann leicht durch eine einfache Ueberschlagsrechnung bewiesen werden. Wir rechnen heute damit, daß die Ansiedlung einer Familie an Investitionen £ 700 kostet. Dazu kommt noch der Preis des Bodens, der sich für 100 Dunam im Durchschnitt mindestens auf £ 300 beläuft. Zusammen also £ 1000 für eine Familie. Wir wollen nun annehmen, daß das Budget des Keren Ha/essod und des Keren Kajemeth zusammen in dem für die landwirtschaftliche Kolonisation verwertbaren Teile £ 600000 in den nächsten Jahren betragen wird. Das ergibt die Ansiedlung von 660 Familien oder 1200 erwachsenen Menschen im Jahr. Wir wollen annehmen, daß die Zahl der Siedler sich ver* doppelt, sei es, daß Privatkapitalien zur Verfügung stehen, Ä» es, daß die in den Ilten ^Siedlungen investierten Kapitallen wenigstens im bescheidenen Maße durch Pacht und (soweit nicht N.-F.-Gelder) durch Amortisation aufs neue umgeschlagen werden. Das würde also eine Ansiedlung von 2400 landwirtschaftlich arbeitenden Menschen im Jahre bedeuten. Wir wollen ferner annehmen, daß zu einer gesunden Berufsschichtung des Jischuw nur 25 ״/# der Einwanderung in die Landwirtschaft überführt werden müssen. Dann würden diese 2400 Siedler die Basis für eine gesunde Einwanderung von knapp 10000 Menschen im Jahre bilden. Nietnand kann behaupten, daß diese Ueberschlagsrechnung mit ungünstigen Ziffern angesetzt sei. Die Herabsetzung der In* vestitionen von £ 700 auf £ 400, die bei der jetzt begonnenen Neuansiedlung erfolgte, bedeutet eine Verminderung von zirka 33 ®/9 der £ 1000, also wäre mit zirka 13 000 statt 10000 Menschen zu rechnen. Wir werden keine £ 600 000 für die Landwirtschaft haben, es wird keinesfalls die gleiche Summe durch Privatkapitalien oder durch einen neuen Umschlag der früheren Kolonisationsraten zur Verfügung gestellt werden, und die Ziffer der 25 ®/o für die Landwirtschaft ist eher zu niedrig als zu hoch gegriffen. Unser Rechenexempel arbeitet also mit Ziffern, die für die Beurteilung unseres heutigen Kolonisationssystems durchweg zu günstig angesetzt sind. Und trotzdem erreichen wir nur eine Einwanderungsziffer von 10000 im Jahre, das heißt zusammen mit dem Geburtenüberschuß des Jischuw noch nicht einmal den der arabischen Bevölkerung, der zu 15000 jährlich angegeben wird. Das heißt, das bisherige System der zionistischen Kolonisationspolitik kann den Prozentsatz der Juden in Palästina um keinen nennenswerten Bruchteil mehr heraufdrücken, im Gegenteil, dieser kann sinken, wenn wir an der Voraussetzung einer gesunden Wirtschaft festhalten. Werden aber weder die Mittel wesentlich vergrößert, noch das Kolonisafionssystem geändert, so kann eine erheblich größere Einwanderung nicht resorbiert werden. Es müssen notwendigerweise dann lediglich instabile Wirtschaftsformen entstehen, die nicht mir zu unnötigen Rückschlägen Anlaß geben, sondern die auch prinzipiell dauernd von Kapital- Zuschüssen *aus dem Ausland abhängig sind, da die Einzelbetriebe nicht konsolidiert werden. Um so mehr, als ja das Mißverhältnis zwischen den benötigten und den zur Verfügung stehenden Kolomsationskapitaiien in geometrischen Progressionen immer größer werden muß. Im Gegensatz zu den Prophezeiungen des palästinensischen Optimismus sehen wir diese vorausgesagten Folgen heute vor uns. II. Die heutigen Ansiedlungskosten. Aus dem Vorhergehenden ist bereits ersichtlich, daß es rundsätzlich zwei Möglichkeiten gibt, um den heutigen ustand zu ändern. Wir können entweder die Eingänge unserer Sammlungen vergrößern, das heißt sie dem Kolonisationssystem anpassen, oder wir können die Ansiedlungskosten herabsetzen, das heißt, das System den Mitteln anpassen. Ueber den ersten Weg wollen wir an dieser Stelle nur wenige Worte verlieren. Im Augenblick sicht cs so aus, als wäre er nicht gangbar. Die Wirtschaftskonferenz in London hat ausdrücklich festgestcllt, daß die Zeit für eine Eigenanleihe der Jewish Agency, wie sie Arlosoroff und Ruppin verfechten, noch nicht reif sei. Es ist nicht anzunehmen, daß das internationale ,Finanzkapital die Anleihe- Würdigkeit der Jewish Agency wesentlich günstiger beurteilen wird als die Wirtschaftskonferenz. Die Anleihe der Palästinaregierung wird wenigstens zu einem gewissen Teile der palästinensischen Wirtschaft zugute kommen, aber nicht dem jüdischen Siedlungswerk. Die Entwicklung der Wirtschaft Palästinas ist zwar eine Voraussetzung für die Erreichung unseres Zieles, aber dieser Umstand allein kann keine einzige Jüdische Siedlung erbauen. Es ist ferner nicht anzunehnren, daß eventuelle staatliche Beihilfen der Palästinaregierung so groß wären, daß die Einwanderung nennenswert gesteigert werden könnte. Selbst die Ueberwelsune von Regierungsböden und die Entlastung des Budgets In den Posten für Erziehung und Sanitätswesen würden nicht soviel ausmachen, daß für die Landwirtschaft Summen zur Verfügung ständen, die wesentlich über die oben, angenommene Ziffer von £ 600000 hinausgehen. Was wir von uns aus im Augenblick tun können, scheint also vornehmlich nur der Versuch zu sein, die Ansiedlungskosten herabzudrücken. Wir wollen zunächst untersuchen, ob das im Rahmen unseres heutigen Kolonisationssystems möglich Ist, ohne eine prinzipielle Aenderung der Methoden. Wir wollen dabei von vornherein bemerken, daß die folgenden Abschnitte keinen Angriff auf bestimmte Menschen oder Gruppen darstellen sollen. Wir glauben, daß die geistige Disziplin der zionistisehen Bewegung heute stark genug ist, um eine Kritik zu gestatten, ohne daß sie mißdeutet wird. Wir werden hierauf noch in einem anderen Zusammenhang ausführlicher zu sprechen kommen müssen. * Bei der Analyse der heutigen Ansiedlungskosten halten wir uns au den Bericht, den die Exekutive den Delegierten des 14. Kongresses ausgehändigt hat, vornehmlich an den ihm beigegebenen Bericht der Plankommission (Anhang zum Bericht des Departements für landwirtschaftliche Kolonisation.) Ke Plankommission hatte die Aufgabe, festzustellen, welche Investitionen die einzelnen Siedhingen noch erhalten müssen, um selbständig und unabhängig zu werden. Demzufolge behandelte die Kommission von den Ansiedlungskosten nur die Investitionen im engeren Sinne, nicht aber den Boden. Zu der von ihr festgestellten normalen Siedlungsanleihe von £ 700 kommt also noch der Preis für 100 Dunam Boden hinzu, wodurch die Ansiedlungskosten auf insgesamt mindestens £ 1000 steigen. Jene £ 700 setzen sich zusammen aus den Kosten für wohn- und Wirtschaftsbauten (£ 320), lebendes und totes Inventar (£ 136,50), Umzäunung, Wasserzuteilung und Parzellierung (£ 30), Betriebskapital (£ 147), Gemeinschaftseigentum an großen Maschinen und anderem (£ 32,50), dazu 5 ׳•״# der obigen Summe für Unvorhergesehenes (£ 34). Wenn man diesen Bericht der Plankommission etwas näher betrachten will, so muß man sich zunächst einmal von der Jnflation und Deflation der zionistischen Zahlbegriffe befreien und die Detailziffern des Berichts auf die uns gewohnten Verhältnisse umrechnen. Da ja der Dunam ein sehr kleines Flächenmaß ist, so sind die Ziffern, mit denen wir bei der Besprechung der Bodenausmaße operieren, sehr groß. Andererseits liefert uns die englische Währung für die Kapitalsummen verhältnismäßig kleine Ziffern. Wir werden also in Zukunft 100 Dunam 36 Morgen nennen und 1000 Pfund gleich 20000 M. setzen. Es ergibt sich dann also sofort, daß der Einzelbetrieb etwa eines Moschaw owdim ein kleiner Bauernhof ist, der, besonders unter Berücksichtigung der Wirtschaftsverhältnisse und der größeren Rentabilitätsmöglichkeiten Mitteleuropas, unverhäitnismäßig mehr kostet als etwa ein entsprechender in Deutschland. Man müßte also nunmehr in eine kritische Untersuchung der einzelnen Ziffern dieses Planes eintreten. Wir wollen das aus zwei Gründen nicht tun. Einmal wollen wir uns, um nicht eine etwaige spätere Diskussion von den Hauptpunkten abzulenken, davor hüten, uns zu sehr in das spezifisch palästinensische zu begeben. Wir wollen versuchen, durchaus im Oebiet der wirtschaftlichen Faktoren und ־der ökonomischen Gesetze zu bleiben, die überall auf der Welt Geltung haben und deren Einwirkung auf die zionistische Wirtschaftspolitik in Palästina wir gerade heute mit Schmerz sehen und über die wir uns auch hier eine Meinung bilden dürfen. Zum zweiten aber, ist der Berieht der Plankommission, wie er den Kongreßdelegierten überreicht wurde, durchaus ungenügend. Es sind in ihm eine Unzahl von Unstimmigkeiten und schlechthin unerklärlichen Ziffern vorhanden. Nun ist uns zwar sehr wohl bekannt, daß auch neben diesem Bericht manches über jüdische Kolonisation in Palästina veröffentlicht worden ist. Aber der Bericht der Plankommission, der innerhalb des Berichts der Exekutive veröffentlicht wurde, ist doch das einzige of.fi zi elfe Dokument der zionistischen Verwaltungsbehörden, das die derzeitige Meinung der zionistischen Exekutive über den wirtschaftlichen Aufbauplan enthält. Man muß also verlangen, daß ein Dokument von so außerordentlicher Wichtigkeit der zionistischen Oeffentlichlichkeit nicht nur in einer klaren und übersichtlichen, sondern vornehmlich auch in einer exakten und korrekten Form übergeben wird. Das ist leider nicht der Fall und wir betonen das ausdrücklich, in der Hoffnung, daß der nächste Bericht der Exekutive dieser selbstverständlichen Forderung mehr Rechnung trägt. An Stelle einer kritischen Analyse wollen wir daher an dieser Stelle uns damit begnügen, eine Reihe von Punkten aufzuzählen, die uns zunächst unverständlich bleiben. Gleich am Anfang des Berichtes fallen die u n v e r h ä 11 n f s m ä ß i g hohen Kosten für Baulichkeiten auf. Wir glauben nicht, daß es bei deutschen Bauernhöfen von 9 Hektar Betriebsgröße die Regel ist, Kuhställe für 2500 M. zu bauen. Und ivenn wir uns daran erinnern, daß in dem sehr viel kälteren Klima Deutschlands, z. B. in den Nordseemarschen, das Vieh auch während des Winters trotz der Schneefälle im Freien bleibt und lediglich einen Unterstand auf der Weide hat, während in dem palästinensischen Klima es sich nicht um einen Kälteschutz, sondern lediglich um einen Regenschütz handeln kann, so erscheint die hohe Summe fi'trdcn Kuhstall noch unverständlicher. Von seiten der palästinensischen Oekonomik wird vielleicht eingewandt werden, daß das importierte, des Klimas noch ungewohnte Rassevieh solcher Ställe bedarf. Aber dann können wir nur sagen, in Anbetracht dessen, daß der Kuhstaü ein Achtel der gesamten A ns iedfun gs kos ten verschlingt, vermissen wir in dem Bericht eine fachmännische Untersuchung darüber, ob nicht etwa gerade unter Berücksichtigung dieses Umstandes die Ersetzung des einheimischen Viehs durch europäisches die Rentabilität unserer Betriebe herabsetzt, anstatt sie zu steigern. Das sei nur ein einziges Beispiel dafür, daß die Ziffern des Berichtes ohne ausführlichen Kommentar schlechthin unverständlich bleiben müssen. Ueberhaupt scheinen uns die Ziffern für Baulichkeiten auch unter Berücksichtigung palästinensischer Verhältnisse reichlich hoch gegriffen. Der Preis des Bauernhauses mit 3000 M. (ohne Boden!) mag noch hingehen, aber daß dann noch einmal (bei anscheinend zwei bis vier Kühen) 200 M. für Futterräume und (bei der Kleinheit des Betriebes!) 400 M. für Heuboden und Geräteschuppen besonders angeführt werden, trägt nicht dazu bei, die Bilanz klarer zu machen. Der Hühnerhof, den sich jeder deutsche Bauer aus ein paar Kisfendeckeln und Dachpappe selbst zusammennagelt, erscheint mit seinen 300 M. so, ohne Kommentar, wie er dort steht, schlechthin als ein Kuriosum. So könnte man fast jede Ziffer des Berichtes als un - verständlich abtun, von den 80 M. für Bienenstöcke (nicht etwa für die Bienen), die der deutsche Bauer gleichfalls nicht fertig zu beziehen pflegt, bis zu den schwer miteinander zu vereinigenden Zahlen, nach denen eine ge- , mischtrassige Kuh 500 M. im Einkauf kostet ihr eigenes Kalb aber nur 80 M. im Verkauf bringt, während die angegebenen Mengen und Preise der Futtermittel diese Spanne bei weitem nicht ausfüllen können. Da jedoch in Palästina die Gesetz» der Logik gelten müssen und also ein Zusammenhang zwischen diesen drei Ziffern vorhanden sein muß, so können wir diese Diskrepanz, jedenfalls an Hand der vom Bericht ge• lieferten Zahlen, nur durch die bemerkenswert hohen Oe• stchungskosten des Kalbes erklären. Wir finden nämlich für das Decken der beiden Kühe die Summe von 100 M. eingesetzt und können demgegenüber nur versichern, daß ein deutscher Stier dieser Aufgabe für den fünften bis zehnten Teil dieser Summe noch immer mit Vergnügen obliegen würde. So folgt eine Ziffer auf die andere. Unverständlich bleibt einiges im toten Inventar, aber darauf wollen wir schon nicht weiter eingehen. Nur eines ist uns noch schlechthin so unverständlich, daß wir uns noch eine Anfrage erlaubeit wollen. Das ist der dritte Hauptposten. Er umfaßt Umzäunung, Wasserzuteilung, Parzellierung und Bauplan. Ueber die 200 M. für Umzäunung des Hofes steht uns kein Urteil zu. Bedenklicher erscheinen uns schon die zweiten 200 M. Sic sollen dazu dienen, den Hof an die bereita bestehende und anderweitig bezahlte Hauptwasserleitung an• zuschließen, Ke dritten 200 M. dienen für Parzellierung und Bauplan. Nun umfaßt eine durchschnittliche Siedlung, wie etwa Nahalaf, 75 Siedlerfamißen. Das bedeutet, daß sowohl für den Anschluß der Höfe an die Hauptwasserleitung wie auch für die Aufstellung des Siedlungsplanes und die Parzellierung des Dorfes je 15000 M. verbraucht werden. Zweifellos ist in der Kolonisations• geschichte ein analoger Fall unbekannt. Ke Backwoodntea in Amerika verfügten im besten Fall über einen Brunnen, aber sicher über keine Wasserleitung. Und wenn ihre Sied• Jungen entstanden, so ging es zunächst auch ohne Siedlungsplan, ohne öffentliche Plätze und alles das. Andererseits kann man für 30000 M. beinahe zwei Familien mehr ansiedeln und eine eventuelle Streichung dieser beiden Posten allein, würde die mögliche Ansiedlungsziffer um rund drei Prozent heraufsetzen. Das scheint uns ein eklatantes Beispiel dafüj, daß dieser ganze Bericht der Plankommission noch zu einem guten Teu auf ein verhältnismäßig luxuriöses Kolonisationssystem zugeschnitten ist und daß seine Urheber noch lange nicht genug daran gedacht haben, daß wir nur ein Kolonisationssystem brauchen können, daß primitiv und billig, den Kassenverhäitnissen der Palästinaexekutive entsprechend, arbeitet. Nun mag es genug sein, diese wenigen Stichproben genügen an dieser Steile, um einerseits die Unvollständigkeiten des amtlichen Berichtes zu zeigen. Andererseits aber wird nun verständlich sein, wenn wir sagen, daß vermutlich die Investitionssummen dieses Berichtes um mindestens 25 gekürzt werden können. Wir können es von hier aus schwer beweisen, aber dieser offizielle Bericht jedenfalls legt die Vermutung außerordentlich nahe. III. Einige prinzipielle Anmerkungen. Gegenüber diesen Ausführungen werden mit Sicherheit einige Einwände gemacht werden. Es sei gestattet, die wesentliehen Argumente, die gegen uns angeführt werden können, vorwegzunehmen. Zunächst wird man sagen, daß unsere Behauptungen graue Theorie und nicht des Lebens goldner Baum seien. Wir glauben jedoch, daß es dem geistigen Niveau der zionistisehen Oeffenuichkeit nicht entspräche, wenn wir noch einmal die Theorie gegen die Praxis verteidigen wollten. Wo nämlich die Praxis als solche auftritt, ist dieses Wort der Sammelname für eine mehr oder minder große Anzahl von Einzelelementen. Auch der reine Praktiker, der die Praxis gegen die Theorie verficht Rat efn System, das heißt eine Theorie. Der Gegensatz liegt hie und nirgends zwischen Praxis und Theorie, sondern zwischen wenig Theorie und viel Theorie, ״Es kann also niemand sich für praktisch bewandert in einer Wissenschaft ausgeben und doch die Theorie verachten, ohne sich bloßzugeben, daß er in seinem Fache ein Ignorant sei: indem er glaubt, durch Herumtappen in Versuchen und Erfahrungen, ohne sich gewisse Prinzipien zu sammeln und ohne sich ein Ganzes über sein Geschäft gedacht zu haben, weiterkommen zu können als ihn die Theorie zu bringen vermag.“ (Immanuel Kant, ״Ueber den Gemeinspruch: das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“.) Im übrigen möchten wir noch betonen, daß Wir mit äußerster Vorsicht vorgegangen sind. Wir haben nichts berührt, was eine spezifisch palästinensische Angelegenheit sein konnte. Bekanntlich wird auch in dieser Hinsicht beute manche Kritik laut. Wir haben aber nicht davon gesprochen, ob eine Dreschmaschine für einen Betrieb von 36 Morgen notwendig sei oder ob der Flegeldrusch nicht rentabler wäre. Wir haben uns nicht in den Meinungskarapf gemischt, der darüber ent* stehen kann, ob das Vieh unserer Arbeitersiedlungen überfüttert wird oder nicht Wir haben nur solche Dinge betrachtet, die nicht in das Gebiet einer spezifisch palästinensischen Oekononue gehören, sondern in das jeder allgemeinen Oekpnomie und an• gedeutet, daß es u. E. fast unmöglich ist, einen Betrieb rentabel zu machen, wenn jeder Morgen z. B. allein durch die Investitionen für einen Hühnernof mit 9 M. belastet ist. Der zweite Einwand wird laute«: die jknsiedlungskosten von £ 1000, mit denen die Zionistische Organisation rechnet, sind keineswegs Höchstsätze, sondern werden von den Ansiedlungsbeihilfen mancher anderen Staaten übertroffen. Dieser Einwand fällt nach unserer obigen Definition noch durchaus in das Gebiet der ״reinen Praxis“. Er enthält nämlich zu wenig und nicht genug Theorie, jedoch keineswegs zuviel davon. Auch wir wissen, daß die Ansiedlungsbeihilten, die zum Beispiel die neuseeländische oder australische Regierung gibt, und die so häufig in der zionistischen Kolonisationsliteratur wiederkehren, größer als unsere sind. Aber leider sind sie mit diesen auch inkommensurabel. In beiden Fällen werden nämlich nicht wie bei uns Ansiedler in einem schon recht intensiven Betrieb angesetzt. Es handelt sich, zum Beispiel in Australien, um Betriebe, in denen mit sehr großen Bodenausmaßen Schaf* zucht getrieben wird und allein der Ankauf einer Schafherde in der entsprechenden Größenordnung steift eine so erhebliche Investition dar, daß diese Kolonisationsmethode nicht mehr als Vergleich mit der unsrigen dienen kann. Außerdem haben diese Beispiele auch noch eine sozialpolitische Seite. Australien und Neuseeland, die ״Länder des sozialen Wunders“, stehen seit langen Zelten unter der Herrschaft einer Arbeiterregierung, die absolut kein Interesse daran hat, das glücklich erkämpfte Lohn• niveau durch die Ansiedlung von Menschen mit einer niedrigen Lebenshaltung zu drücken. Die Höhe der Ansiedfungskosten wird daher zu einem wesentlichen Teil auch hieraus erklärhdl, sie werden von der politischen Gewalt nicht ohne Absicht hoeft* gehalten. Man wird weiter sagen, daß die J u d e n als Großstadtmenschen und differenziertere Persönlichkeiten gezwungen sind, höhere Ansprüche zu steifen. Das ist in der Tat ein Kernproblem des Zionismus. Wir können demgegenüber nur feststellen, daß sich die Kolonisation zum Beispief Amerikas durch die Backwoodmen in anderen Formen vollzogen hat. Gewiß kam der Pionier dort in ein Gebiet, in dem ihm schon der Wald allein fast alle Lebensbedürfnisse zur Not liefern konnte. Eine Waffe zur Jagd und Axt und Säge zum Baumfällen und Häuserbauen waren zur Not genug Produktionsmittel, um das Leben einer Familie zu fristen, In dieser Beziehung ist der Vergleich also falsch, aber wir leugnen ja auch gar nicht, daß man dein Siedler in Palästina erheblich mehr als dieses gewähren muß. Aber es entsprach der Psycho*

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