Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 19 (8.3.1927)
- Date
- 1927-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÖEDISCHE EONÜSCHA’tr Ein PalfisÜna«Fcuillcion Wir sind längst darüber hinaus, Wert darauf zu legen, welche Zensuren uns ein Schriftsteller, ästhetisch eingestellter Feuilletpnist, erteilt So wie wir als Zio• nisten gegenüber dem Antisemitismus eine unbefangene Stellung einnehmen können, weil wir uns innerlich von seiner Wertskala befreit haben (während ein großer Teil der assimilatorischen Juden gerade darum unter dem Antisemitismus so leidet, weil sie dessen Wertsetzung anerkennen),!—! ebenso können wir ohne Auf• regung, ja sogar mit Interesse als Zionisten hören, was ein in seiner Geisteshaltung von uns ganz verschiedener Mensch über Palästina sagt Unser Werk liegt offen vor jedermanns Augen, der Kritik zugänglich, scheut keine Kritik, wir sind nicht wehleidig, wir geben sogar jedermann offen und ohne Hintergedanken alle Auskünfte, die er wünschen mag, wir weisen selbst auf die Probleme und Schwierigkeiten hin, die einem oberflächlichen Betrachter vielleicht verborgen blieben, unsere Menschen in Palästina stehen jedem Frager, soweit es ihre wichtigere Beschäftigung halbwegs zuläßt, zur Verfügung, und überlassen es ihm, sich ein Urteil zu bilden. Dies alles muß auch der Kunstkritiker Herr Julius Meier- Graefe anerkennen, der jetzt eine Serie von fünf Feuilletons über Palästina in der ״Frankfurter Zeitung“ veröffentlicht hat. Die Redaktion unterstreicht mit Genugtuung die ״skeptische Haltung eines am europäischen Gedanken arbeitenden Schriftstellers“. Kunstkritikern hat freilich Palästina heute wenig zu bieten, und es ist wahrscheinlich für so einen Mann, dessen Gedanken in einer ganz anderen Sphäre zu Hause sind, naheliegend, die Kosten der Ansiedlung einer jüdischen Familie in Palästina mit dem Preis eines Aquarells von C^zaime zu vergleichen. Auch dies zu hören ist ganz interessant, denn auf eine solche Idee ist bisher niemand verfallen. Meier-Graefe erkennt, daß in Palästina etwas vorgeht, womit man sich auseinandersetzen muß. Das ist ihm unsympatisch, denn er hat andere Sorgen. Er wälzt seine Gedanken hin und her, die verschiedenen Eindrücke schießen durch seinen Kopf, er denkt gewissermaßen laut, indem er schreibt. Er sieht keinen Ausweg und wird ungeduldig: ״Es wird langsam ekelhaft Was geht mich die ganze Geschichte an!“ Diese Aufrichtigkeit berührt angenehm. Die Geschichte geht ihn wirklich nichts an. Aber geht sie ihn nichts an? Er ist nicht ganz sicher. Wir sind weit entfernt davon, ihm das übelzunehmen. Es ist nur für uns Juden ungemein reizvoll, zu beobachten, wie stark Meier-Graefe gerade dort, gerade in Palästina, sich seiner Andersartigkeit bewußt wird. Angesichts des Versuches eines neuen jüdischen Ethos, Gestalt zu gewinnen, fühlt er sich als ״Augenmensch“, ja als Nachkomme der Christliehen Kreuzfahrer, er fühlt geradezu die Rüstung auf seinem Körper und der Geist des christlichen Mittelaltlrs ersclieint ihm befreienc! vor dem Blick dieäer* ״geduckten Brillengesichter“, die in Palästina in allen Winkeln lauem. Nicht was Meier-Graefe über die Ökonomischen und sozialen Probleme Palästinas sagt, ist für uns wichtig, wohl aber diese seine elementare Aeußerung eines!—! man darf wohl sagen — germanischen Herrengefühls, die schließlich folgendermaßen ausbricht: ״Es hat keine große Bedeutung für uns, wieviel Juden in Palästina leben, ob Haifa der neue Hafen und Tei-Awiw Großstadt wird, und wie sich Obstbau und Viehzucht in der Ebene Jesreel entwickeln. Auch das Hebräische braucht uns nicht zu reizen, solange sie nicht Dinge sagen, die wir in anderen Sprachen noch nicht gehört haben. Wahrscheinlieh werden sie sie nicht sagen. Ich glaube nicht an ihre Dichter, noch an ihre Maier und Bildhauer. Alles das liegt hinter ihnen, und was sie in den gewohnten europäischen Bahnen vermochten, das hat ihnen gerade die Anlehnung an andere Völker geschenkt. Sie sind keine Augeiimenschen. Alles Vernünftige und Halbvemünftige in Palästina mag laufen wie es will. Erst da, wo der Zionismus aufhört, Sache der Juden, Abteilung Völkerbund, zu sein, wo die Siedlung dp Plakat abstößt und das Unrationelle sehen läßt, wo die Rechenmeister das Unvernünftige wagen und die Zahlen streichen, da kommt etwas, das uns angeht. Das Objekt der Entjudung ist nicht Israel, sondern die ganze Menschheit von heute, ihre Zivilisation und Kultur, von Spekulation und schachernder Analyse zerstückelt, vom Mechanismus um alle Vernunft gebracht, von Literatur und Kunst, von hundert Vergangenheiten und hundert Akiuaiitäten verseucht und verdorben, dieser Kranke, der nicht leben,_ nicht sterben kann, ist das, was dieser Kadaver ausströmt, Geist, so kämpfen sie gegen den (leist, und es sieht wirklich manchmal so aus, als wollten sie sich mit Bauernhänden entgeistigen » . Meier-Graefe ist gewiß kein Antisemit und wir ge- Itören nicht zu denen, die jede freie Aeußerung über Juden und Judentum als Antisemitismus rubrizieren. Aber wenn es itt Deutschland noch Juden gibt, die nicht verstehen, was die Juden frage ist, dann sollten sie diese paar Zeilen von Meier-Graefe lesen. Wir wissen und die Welt weiß, daß in hebräischer Sprache schon Dinge gesagt wurden, die man in anderen Sprachen nicht gehört hat. Der Zionismus ist der Versuch, das Judentum wieder frei zu Wort kommen zu lassen. Von der Loyalität der Welt wird gefordert, ihm die Möglichkeit zu geben, und Zeit zu gönnen. Meier-Graefe spricht von der Notwendigkeit einer ״Entjudung der Menschheit“ etwa im Stile von Hans Blülier. Aber gleichzeitig ist er auch für das Gegenteil. Er fürchtet, es könnte dann ״zwei Sorten Juden“ geben und meint: ״Der einzige Vorzug vor andern Völkern, das klettenhaft Homogene, gebt zum Teufel.“ So sieht der Augenmensch die heutigen Juden, trotz, allen angestrengten Assimilations-Versuchen, trotz der ein volles Jahrhundert währenden Anstrengung der Juden, mit den Deutschen identisch zu erscheinen. Für ihn sind die Juden eine homogene Masse. Assimilanten müßten das ״Antisemitismus“ nennen, wir nennen es nicht so. Aber es ist uns ein interessanter Beitrag zur Beleuchtung der soziologischen Stellung der Juden. Es sagt uns nichts Neues, aber wir wünschen, daß Juden, die solches lesen, zum Nachdenken veranlaßt werden. Das irrationale, instinkthafte Element ist in Meier- Graefes Feuilletons verkörpert in ״Babuschka“. Sie ist im Innersten ihres Herzens angerührt von den Dingen, die sie gesehen hat, sie erkennt die innere Notwendigkeit und das menschlich Große dessen, was in Palästina vorgeht. ״Sie müssen das machen“, sagt sie. Es ist wohl keine zu kühne Interpretation, wenn man annimmt, daß auch in Meier-Graefe selbst ein Stück Babuschka ist. Er besinnt sich, daß in Rußland und in Palästina zwei große soziale Versuche gemacht werden, und indem er laut denkt, scheint es ihm schließlich, als ob man ״hier oder dort mittun“ müßte. Babuschka dringt auf Konsequenzen. Aber er tut, als hörte er nicht, er verscheucht diese Gedanken, es zieht ihn nach Hellas» pacl! fin?r äpdern?einer Welt. In dieser Geste des Abschieds von'Palästina, das man mit einem Gefühl der Befreiung hinter sich läßt, um sich Hellas' holder Götterwelt zuzuwenden, ist ein Stück abendländischer Geschichte, ein typischer Vorgang der abendländischen Menschheit enthalten. Die Wege trennen sich. Sie haben sich immer noch getrennt. Aber Babuschka hat recht: Sie müssen das machen. Bustani nimmt Besitz vom PICA-Boden Jerusalem, 1. März. (J. T. A.) Bis heute wurde gegen Vadi Bustani, der an der Spitze eines Araberpöbels den Eukalyptuswald bei Caesarea zerstört hat, kein Verfahren eingeleitet. Dadurch ermutigt, begann Bustani mit seinen Genossen mit der Anlegung von Weinplantagen auf dem Boden der PiCA. (!) Auf Intervention einer PICA-Ab- Ordnung bei der Regierung wurde der PICA versichert, die Regierung werde für verstärkten Schutz des Konzessionsgebietes sorgen. Sehe 137 Die WaUproteste Berlin, 3. März. (J.T.A.) Die Prüfung der Wahl- Proteste in der Berliner Jüdischen Gemeinde nähert sich ihrem Abschluß. Es waren zunächst diejenigen Organisationen und Eiiizelpersönlicbkciten, die bei der Regierung protestiert hatten, der Weisung des Polizeipräsidenten entsprechend, angefragt worden, welche nach Auffassung der Protestierenden nicht berechtigten Personen das Wahlrecht ausgeübt haben. Auf diese Anfrage des Gemeindevorstandes ist von Einzelpersonlichkeiten und Organisationen, die protestiert hatten, bisher kein Material eingegangen. Die Prüfung derjenigen Gcmcindcniitglicdcr, die in den Nachträgen verzeichnet waren, nimmt der Gemeindevorstand nach Weisung des Polizeipräsideuten selbst vor. Es hat sich ergeben, daß von den in den Nachträgen verzcichnctcn Gemcimiemitgliedern im ganzen etwa 800 ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Von diesen 800 konnten von vornherein auf Grund der Karthoteken der Gemeinde der überwiegende Teil als unzweifelhaft wahlberechtigt nachgcwiesen werden. Bei einem anderen Teil hat sich dies nach Vornahme der erforderlichen Feststellungen ebenfalls herausgestellt. Es ist min noch bei einer ganz geringen Anzahl eine Nachprüfung erforderlich, die mit Hilfe des 1:inwohnermeldeamtes erfolgt. Der Etat der Berliner JOdisehen Gemeinde Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde wird sich demnächst mit dem Etat für 1927 zu beschäftigen haben. Laut den dem Gemcindevorstand bereits vorliegenden Voranschlag haben sich die Gesamtausgaben gegenüber dem Etat von 1926 von 8 358000 M. auf 9221000 Mark, also um rund 870 000 M., erhöht. Die Gesamteinnahmen sind um rund 15״'•״ gestiegen. Von den Einnahmai müssen 5 630 000 M. durch Steuern aufgebracht werden. Mehr als 2V. Millionen entfallen auf Ausgaben für Kultus- und Ritualangclegenfieitcn. Die Aufwendungen für Unterrichtszwecke und für die Unterhaltung der Gemeindebibliotheken betragen 1080000 M. Das Wohl fahrtswesen soll mit 2680000 M. dotiert werden, für allgemeine jüdische Angelegenheiten ist ein Betrag von 406 000 M. ausgeworfen. Die allgemeine Verwaltung im Jahre 1925 wird etwas über 115 Millionen erfordern. Im Etat erscheint erstmalig in diesem Jahre die Abteilung für Jugendpflege. Für den Jugendpflegeausschuß sind an Ausgaben 32000 M. vorgesehen.. In der Position ״AJtgemeine jüdische Angelegenheiten“ erscheinen 280000 M. als Beitrag für den Preußischen Landesverband. Die Ausgaben für Gehälter und Remunerationen sind auf über eine halbe Million Mark gestiegen. Die Kompetenzen der Mandatskommission G en f, 7. März. (J. T. A.) Der Völkerbundrat beschäftigte sich heute mit dem Vorschlag der Permanenten Mandatskommission, ihre Kompetenz dahin zu erweitern, daß sie berechtigt ist, Petifionäre aus den Mandatsgebieten anzuhören. Der Rat lehnte diesen Antrag ohne Debatte ab, jedoch soll in Ausnah metallen die Anhörung von Petitionäreu nach vorher eingeholter Genehmigung des Rates zulässig sein. Me rumänische Dementier-Campape London, 2. März. (J.T.A.) Das Joint Foreign Committee für auswärtige Angelegenheiten der Juden erklärt folgendes: Rumänische Zeitungen veröffentlichen ein Telegramm aus Bern, datiert 12. Februar! das eine Erklärung des rumänischen Gesandten 1a der Schweiz, Herin Petrescu-Comnen, enthält, des Inhalts, daß die von der ausländischen Presse über antijüdische Unruhen in Rumänien veröffentlichten Nachrichten ungenau sind und daß Herr Colban, der Direktor der Minoritätensektion des Völkerbundes und Herr Victor Jacobson, der Vertreterder Zionistischen Organisation, die beide kürzlich Rumänien besucht haben, sich davon überzeugt haben, daß ״die Angriffe auf Rumänien ungerechtfertigt wären“. Das Joint Foreign Committee hat an den maßgebenden Stellen Nachforschungen angestellt und ist nun in der Lage, positiv mitzuteilen, daß weder Herr Colban, noch Herr Jacobson, irgendwie ihrer Md* nung über die Lage in Rumänien bzw. die Angriffe auf die Juden Ausdruck gegeben haben. Die Judenschaft Sofias versammelte sich im Renaissance- Theater, um gegen die fortdauernden Verfolgungen der Jaden in Rumänien mit einer mächtigen Kundgebung zu protestieren. Mehr als 5000 Personen beteiligten sich an der Kundgebung. Es wurde eine entsprechende Resolution gefaßt, ן die an den Völkerbund abgeschickt wurde. Joel Engel-Gedenkfeier in Berlin Sonntag, mittags, fand im Logenhaus, Kleiststraße, eine Gedenkfeier für den verstorbenen Musiker Joel Engel statt, zu der die folgenden sieben Organisationen eingeladen hatten: ,Zionistische Vereinigung für Deutschland“, ״Berliner Zionistisehe Vereinigung“, ״Komitee zur Förderung der Musik in Palästina“, ״Verband der russischen Juden in Deutschland“, ״Bcth Waad Iwri“, ״Juwal-Verlagsgesellschaft für jüdische Musik“, und die ״Gesellschaft der Freunde jüdischer Musik“, Die Feier wurde durch einen von Chernia Winawer geleiteten Solisten-Chor eingeleitet, der zwei von Engel komponierte Totenlieder zum Vortrag brachte. Dr. J. Brutzkus leitete die Feier. Der Präsident des Verbandes russischer Juden in Deutschland, Staatsrat Jacob Teitel, stellte Engel in die Reihe der großen Toten, die das jüdische Volk im letzten Jahre verloren hat. Er zeichnete den Lebensweg des hochbegabten, mitten in dem russischen Musikleben wirkenden Komponisten, der aus sich heraus den Weg zu seinem Volke gefunden und die neue Aera in der jüdischen Musik eingeleitet hat. Saul Tschernichowski schilderte die adelige musikalisehe Seele Joel Engels und zeichnete die Tragik seines Lebens. Engel, ein Schüler unsterblicher russischer Komponisten und selber der schaffende Komponist, der führende Kritiker und Wegweiser der neuen russischen Musik, hat sich in schweren Jahren des Kampfes zu seinem. Volke durchgerangen, bis seine Seele in der jüdischen Musik ihren ״Tikun“ (Erlösung) gefunden hat. Dr. J. Brutzkus hob die Verdienste, die sich Engel um das jüdische Volkslied erworben hat, hervor. Er erkannte als erster den hohen Wert des jüdischen Volksliedes und war der Anreger jener Expeditionen, die unternommen wurden, um die allmählich in Vergessenheit geratenden Volkslieder^ sammeln. Arno Nadel erinnerte an den mystischen Dreiklang der Engelschen Musik zu Dybuk, der sich unvergeßlich einprägt und zeichnete die reiche Begabung Engels, des Schöpfers des jüdischen religiösen Liedes, der Kinderlieder und des ekstatisehen chassidischen Tanzes. Redakteur H. Swet, der Joel Engel nahestand, beklagte das Mißgeschick des Judentums, das seine schaffenden Söhne verliert, bevor sie ihren Weg vollendet haben. Die jüdische Musik ist durch den Tod Joel!Engels verwaist. Zum Schluß trug Oberkantor Taschüfzki einen Psalm vor, worauf Leo Rjasanzeff einige Lieder Engels zu hebräischen Texten, darunter ״Aranam jesclmo erez“ (Text von Tschernichowski), sang. Mit dem erschütternden, von Enget bearbeiteten ״Kaadisch des Lcwi Jizchak ben Sarah“ schloß die Gedenkfeier, die auf die Trauergemeinde, die den Saal bis auf den letzten Platz füllte, einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat. J.T.A. ״Die goldene Galeere“ (Kleines Theater.) Die Reihe der belanglosen jüdischen Genrebilder auf der Bühne ist um ein neues vermehrt worden. Hans Müllers ״Gesellschaftsstück unter Großstadtjuden“, das schon in Wien unter dem Titel ״Menschen ohne Erde“ aufgeführt wurde, schneidet zwar Probleme an. aber ihre Behandlung bleibt in allen Fällen ganz an der Oberfläche stecken. Es ist ja für alles gesorgt, es gibt einen Sprecher für Erhaltung der Tradition, einen Assimilanten, einen emporgekommenen Geldjuden, einen modernen jüdischen Idealisten und last not least eine Vertreterin des Judentums, wie es sich im heimischen Familienkreise und im Gänsegriebenduft äußert. Aber mehr als Sprecher sind sie eben nicht. Zu dem, was man von solchen Verkörperern verlangen sollte, zu Typen durch ihre Individualität und zu Einzelwesen durch ihre Symbolisierang, beides in einem, wachsen sie nicht empor. Trotz der langen, wortreichen Wendungen, in denen sie ihre Natur zu erkennen geben, oder vielleicht gerade deshalb. Die Grundidee dieses Stückes, die Gegenüberstellung und Ausbalancierung der verschiedenen Typen des modernen Juden, ist an sich nicht uninteressant und hätte gut verwertet werden können. Die Müllersche Bearbeitung erweist sich dabet als recht geschickte Theater-Kochkunst, braut aber daraus ein unbekömmliches Ragout, indem cs die Aktualitäten mit spannenden Geschehnissen und Sentimentalitäten allzu sehr versüßt. Es liegt dem Autor auch sichtlich daran, es mit keiner Partei zu verderben. Wie kann es ihm da gelingen, uns die Figuren blutvoll und lebensvvarm erscheinen zu lassen, wenn ihm selbst die notwendige Wärme fehlte, um sich für sic וגג erhitzea?J Es ist daher ziemlich gleichgültig, ob Frau Renate, Ehefrau eines alten vertrottelten Kaufmanns, die sich vor zwei Jahren für die Ehre seines Firmanamens mit einem Besuch bei dem kreditgebenden Junggesellen Gutherz ״opferte“, jetzt, da es der Firma wieder schlecht geht, den Vorschlag eben dieses Geldgebers geläutert abweist, indem sie mit pathetischer Gebärde sein Schriftstück vor seinen Augen zerreißt. Nicht minder yerlogen wirkt der Zionismus — obwohl dieses oder ein ahnliebes Wort nicht einmal fällt, ist er doch unschwer als solcher zu erkennen — des aus Amerika heimgekehrten Sohnes. Dies Ideal als Allheilmittel für alle möglichen geistigen und moralischen Beschwerden zu gebrauchen, um endlich die ״goldene Galeere“, des Galuth, auf der wir Juden als Sklaven Fronarbeit verrichten, verlassen zu "können, das ist doch etwas zu banal. Diesem Schemen von einem Zionisten ebenbürtig der grausame Bank- Präsident. Weil das iüdische Volk seit zwei Jahrtausenden in den kleinen Wandschrank eingeschlossen ist, so rechtfertigt er die Freude des Juden an der Geldmacht mit einem Hinweis auf das Geldsafe, so ist es jetzt seine Rache, von dort aus die Welt zu beherrschen. An einer Gestalt aber darf man an dem Theaterabend seine helle Freude haben. Mamusciika, Mutter Gutherz aus Bielitz, bringt jedem jüdischen Zuschauer ein Stück Familie mit Wie sie den Präsidenten bei ihrem Besuch in seinem Palais wie früher als kleinen Jungen betreuen will, ihn mit gutmütiger Zärtlichkeit ausschilt, bei ihrer Naivität doch die überlegene und kluge beste jüdische Mutter ist, das ist abgelauschtes und mit Liebe wiedererzähltes Leben. Die etwa in der Zeichnung dieser Figur auch vorhandenen Unechtheiten werden durch die unvergleichliche Interpretin, die sie in dieser Aufführung gefunden hat, unschädlich gemacht durch 11 k a G r ü n i n g. Wenn sie die hausgemachten Gänsegrieben vor dem erstaunten Präsidenten auspackt und Ihn gar zum Essen des ״Schabbeswecken“ überredet und in vielen anderen treffenden Einzelheiten da ist der Applaus bei offener Szene gewaltig. Ihr Spiel entschädigt für die Schwächen des Werkes und der übrigen Schauspieler, die über die Grenzen ihres Scheindaseins nicht hinaus konnten, Hanna Ralph als Renate, Ferdinand Bonn als Ehemann, Erich Kaiscr-Titz als Präsident Uta die Gauting als Mamuschka kennen zu lernen, lohnt es sich, die ״goldem! Galeere“ anzusehen. Rahe! Lipschütz.