Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 JUEÖI5CHE RUNDSCHAU Seite 127 Kulturpolitische Diskussion Im Kampfe Sir die Tradition Von Oskar Wolfsberg. 1 Vorwort des Autors. Wenn auch ich meine Ausführungen mit einer Vorbemerkung beginne, so geschieht es nicht in sklavischer Nachahnjung der Veröffentlichung Gerhard Holdheims. Ich will vielmehr in diesen kurzen Sätzen einiges über die Motive und den Sinn meiner Darlegungen vorwegnehmen, um die Dar- Stellung damit nicht zu belasten. — Ich nehme das Wort zu einer Erwiderung auf Veranlassung Von Dr. Weltsch, dessen Ruf ich mich nicht entziehen zu sollen glaubte; sonst wäre von meiner Seite kaum eine Stellungnahme erfolgt — aus mancherlei Gründen, die ich im einzelnen hier nicht autzählen will. Auch jetzt noch habe ich schwere. Bedenken, in die Erörterung einzugreifen: ich kann und will nicht so viel Raum in Anspruch nehmen wie Herr Holdheim, weil ich doch nicht glaube, daß im Rahmen der ״Jüdischen Rundschau" die Probleme mit Aussicht auf Erfolg (d. h. wirkliehe Klärung und Förderung) abgehandelt werden können. Sodann meine ich, daß der Standpunkt, den ich vertrete —er ist übrigens, trotz meiner Stellung im Misracht, durchaus nur unter persönlicher Verantwortung geschrieben und will nicht ״offiziell“ sein —, einmal ganz in extenso und als geschlossene Darstellung, nicht als Apologie und Zurückweisung gegnerischer Meinungen, vorgeführt werden müßte. Der große Zeitmangel, der mich infolge vielseitiger beruflicher und jüdischer Verpflichtungen lähmt, und die Dringlichkeit der Erwiderung entschuldigen zur Genüge die unvollständige aphoristische Entgegnung, die im wesentlichen nur Irrtiimer berichtigen, schiefe Auffassungen zurückweisen und — trotz aller Toleranz — warnen soll vor der Abwegigkeit der im ״Bruch mit der Tradition“ niedergelegten Anschauungen. Mehr pösitiv-aufbauende Beiträge zum Kultur- und Erziehungsproblem behalte ich mir für einen späteren Tennin vor. I. Es kann nicht meine Aufgabe sein, die Abhandlung des Herrn Holdheim Punkt für Punkt durchzugehen und meine Auffassung der seinen entgegenzustellen; das würde ermüden und nicht einmal zu scharf formulierten Ergebnissen führen. Deshalb soll mehr seinen Zeitgedanken nachgegangen und das nicht nur vom Standort der Tradition aus Abzulehnende, sondern auch unter dem Gesichtswinkel einer gedeihlichen Ent- Wicklung unserer jüdischen Kultur zu Bekämpfende kritisiert werden. Diese Kritik ist der Tendenz nach von Ketzerriecherei weit entfernt. Mich hat Holdheims Aufsatz weniger erregt als manchen meiner Freunde. Ich achte die Anschauungen eines Gegners und billige jedem das Recht auf freie Meinutigsäußerung zu. Das schließt nicht aus, daß ich schwerste Bedenken, nicht nur als Misrachist, sondern auch als Zionist geltend machen muß, wenn die Absicht erkennbar wird, aus der Insuffizienz eine anspruchsvolle Theorie zu machen. ein Mangel!pt 1jpr«?i*(«di eSprg kommt Holdheims Darstellung me, wen« ionisten akademi-!Cundgebi jüngste gangenbeit, bestenfalls das vorige Jahrhundert, ihre Analyse bezieht nur den modernen, assimilierten Juden ein, und auch ihr allgemeines soziologisches und geistesgeschichtliches Verständms erstreckt sich nur auf die wenigen Jahrzehnte, die hinter uns liegen. Aber — und hier beginnt die Stellungnähme dieser Herren auch tadelnswert zu werden — selbst diese kurze Epoche wird ohne irgendwelche Vollständigkeit geprüft Es scheint mir nicht zufällig, daß sich, soweit ich aus dem Gedächtnis richtig wiedergebe, bet Holdheim (neben Rückert und Rilke, von denen icn ganz absehe) nur Zitate aus Simmel und Nietzsche finden und Freuds Psychoanalyse die Führerin in den Problemen der psychologischen Vorgänge abgibt. Ich braudie hier nicht Stellung zu diesen Denkern zu nehmen, die ich verehre; aber es will mir scheinen, daß man mit diesen ״Lebens“philosophen und mit der Psychoanalyse, die nicht nur die Zitate beigesteuert haben sondern die Mentalität von Holdheim mitbestimrnen, allzu wenig der gegenwärtigen geistigen Situation gerecht wird. Wenn man aber auch das Judentum in diesen Rahmen spannen will, und nicht nur auf Grund und zur Bewältigung individuellen Erlebens — dagegen wird sich nichts ausrichten lassen sondern als Gruppen erlebnis, so muß im Namen eines in sich unendlich mannigfaltigen, hochwertigen Systems oder Komplexes, wie es das Judentum mit seinen aktuellen und potentiellen Energien und Inhalten ist, dagegen Einspruch erhoben werden. Es gibt außer den genannten Lehren in der Gegenwart so bedeutende Systeme, die, weniger Modeerscheinung, um so ernster utn Erkenntnis bemüht sind, daß schon die Einstellung Holdheims zu unserer jüdischen Frage verfehlt ist. Hätte sich Holdheim im besonderen nicht durch Freud in der Analyse des modernen Juden leiten lassen, so wäre doch wohl ein anderes Ergebnis herausgekommen. Es muß doch hier einmal, auf die Gefahr hin, sehr unmodern zu erscheinen, mit Nachdruck gesagt werden, daß die Analyse, die in der Hand des genialen Freud eine wichtige Methode in der Medizin und ihren Grenzgebieten Ist, durch den dilettantischen Mißbrauch, den viele Schüler und Nachbeter auf allen möglichen, auch geisteswissenschaftlichen Gebieten mit ihr treiben, bald völlig diskreditiert sein wird. Wie bedenklich und völlig verfehlt gerade in der Anwendung auf unsere traditioneile Erziehung die psychoanalytischen Betrachtungen Holdheims sind, wird noch des weiteren erörtert wercfen, desgleichen die Bedenken gegen die durch die Analyse bewirkte Therapie. Diese Einstellung auf die jüngste Vergangenheit, die gar keinen Blick in die wirklichen Bezirke des originären jüdischen Geistes- und Volkslebens gewährt, ist sicherlich Ursache dafür, daß sich bei Holdheim wohl kein einziger Anknüpfungsßunkt an jüdisches Kulturgut, also an Inhalte vorfindet, •as hätte doch ihn und seine Gesinnungsgenossen schon seit lüg gangenheit und der Gegenwart derer, die mit der Tradition gebrochen haben. Gewiß kann man den Standpunkt mit einigem Recht verteidigen, daß die aus dem Weichbild des traditionellen Judentums hinausführenden Schöpfungen großer Juden, sei es nun Spinoza, Marx, Heinrich Hertz usw., als eine Realisation jüdischer Potenzen zu werten sind. Das berechtigt aber noch nicht dazu, jede Negation gegenüber dem histonsehen Kulturgut des jüdischen Volkes schon als eine große Menschheitsleistung jüdischer Geister umzudeuten. Icn er* hebe Einspruch dagegen, daß jede Ablehnung der Ueberlieferung und ihrer werte schon eine ethische oder geistige Leistung bedeuten soll, der die Aktualisierung potentieller Kräfte gleichsam automatisch folgen muß. Es gibt auch ein durchaus philiströses, unproduktives Verneinen, das durchatm nidit große geistige Anstrengung zur Voraussetzung hat, und es kann aas Verharren bei den Gedanken und Formen unserer historischen Religion (das Wort ist armselig) das Ergebnis eines gewaltigen Inneren Kampfes sein, der gleichfalls mit den Kräften des Ethos und des Geistes geführt wurde. Jedenfalls ist es immer suspekt, wenn von den Inhalten der Tradition nichts Gnade findet Da wird dann ad hoc das jüdische Gesetz als ein Schutzwall bezeichnet, mit dem sich das seines Landes beraubte Volk für die Galuth umgeben habe Abgesehen davon, daß das doch historisch nicht stimmt (und nur der zunehmende Elastizitätsverlust auf Kosten der Zerstreuung kommt) — welche unzureichende Vorstellung vom Volk und seinen immanenten Qualitäten! Ich muß es wiederholen, auf die Gefahr hin, zu ermüden: man hat ein völlig falsches Verhältnis zur Kultur unserer wie jeder Nation, wenn man nur mit dem Kriterium ihrer Erlebnisfähigkeit oder ihrer Anerkennung vor dem Forum der Wissenschaft an sie heran tritt Der Kult, der mit dem Begriff des Erlebens getrieben wird, würde einmal eine ausführliche Kritik verdienen! Die Ueberspannung der Begriffe ist auf dem Boden eben jener Lebensphilosophie erwachsen, von der wir oben sprachen. Nach meiner Ueberzeugung kann wohl ein moderner Mensch die Nachcrlebbarkeit einer Vorstellung, Lehre usw, verlangen. Aber wenn der Begriff einer allzu romantischen Abwandlung unterworfen und der Gefühlsseligkeit exponiert wird, dann ist überhaupt das Gebiet strengen Denkens verlassen. Das ewi״e Schwanken zwischen Romantizismus und Berufung auf Wissenschaft ist für manche charakteristisch, die mit der Tradition nichts anzufangen wissen. — Die Wissenschaft ist nun gewiß ein Forum für die Zulässigkeit von Anschauungen usw. (auch schließlieh kein absolutes Forum), Aber bei der Beurteilung einer Kultur in ihrem Wert und (was doch gerade Zionisten bedeutsam genug erscheinen sollte) und ihren Möglichkeiten für eine Fortentwicklung in organischem Wachstum kommen völlig andere Kriterien in Betracht Ich will, um nicht zu weit auszuholen, erneut auf meine Erfurter Rede hinwelsen, die in der ״Jüd. Rundschau“ (Nr. 68 v. Jhrg.) abgedruckt ist. Wer diese Dinge nicht einsehen will, der hat kein Organ für den Begriff der nationalen Kultur und für die Sendung eines Volkes. t ז»• i* Hokfheim gibt dem Wunsch (von Herzen) Ausdruck, daß unser misrachistischer Einwand, sein (Holdheims) Judentum sei unhistorisch und mangels der religiös-traditionellen Komponente ohne Zukunft taube Ohren findet Mit diesem Herzenswunsch ist es meines Erachtens nicht getan. Sollte unsere Befürchtung zutreffen, so werden alle _ frommen Wünsche der Gegner der Tradition nicht ausreichen, um eine an Kulturgut reiche Nation, die nichts damit anzufangen weiß, vor dem Untergang zu retten. Als ich Holdheims Artikel zu lesen begann, da notierte ich mir bald am Rand: man könnte den Fall setzen, daß er und andere Skeptiker als Denker recht hätten, das Beharren bei der Tradition aber allein den Bestand unseres Volkes gewährleistet. Was alsdann? Später fand ich, daß Holdhelm diesen Gedankengang selbst vortragf und dann den Untergang für unvermeidlich ־ ‘ ,mft;,/d|ef81,':.«ftöglfchk««5,-f .... ..■* Tn HoÄeii« streiten der Jude und der Mensch um den Vorrang. Sobald es sich um Belange der Tradition handelt, bekommt ohne weiteres der Mensch das Wort. Da handelt es sich um menschlichste Dinge. Ich begreife diesen Standpunkt ohne weiteres und bin weit entfernt zu höhnen. Aber ich sehe nicht ein, ■warum bei solchen Ent- Scheidungen, wenn sie Anspruch auf Beachtung haben wollen, soviel Willkür zulässig ist. Der Assimilant gibt aus seinem Erleben heraus 1'n Fragen der nationalen Zugehörigkeit der Stimme des Menschen in ihm gegenüber dem Juden den Vorzug. Und was die Konflikte zwischen Mensch und Jude betrifft, so meine ich, bei einem tragischen Konflikt müßte ein nationaler Mann das Opfer seines Individualismus bringen, um das Volk zu retten. Es handelt sich übrigens, Herr Holdheim, hier nicht um ein sjcrificlura intellectus, nicht immer um religiöse Dogmen und auch nicht um das persönliehe Weltbild. Man findet immer noch Platz im Volk, selbst im traditionell-religiösen Volk, wenn man nur seine Lebensbedingungen, und sollten sie auch einem sehr gegen das eigene Denken gehen, anerkennt. Man muß für die Ge* samtheit dann allerdings vorsichtiger in der Formulierung kultureller und kulturpolitischer Forderungen sein. Sich selbst darf man geistig gefährden — man findet ja doch erheblichen Schutz in der Gesamtheit — aber das Volk, dessen geistige Existenz muß man sichern helfen. IV. Gegen die Säkularisierungsbestrebungen in unserer Mitte protestieren wir in Fortsetzung der obigen Gedankengänge. Wir kämpfen mit den Zionisten gegen die Klerikalisierung und jede Verfälschung, die auch bei uns nach Art anderer Konfessionen durch pfäffische Bestrebungen nicht ganz ausgeblieben sind. Der Versuch der absoluten Verweltlichung würde unseren Volkskörper seiner wertvollsten Triebfeder berauben und einigen Intellektuellen zuliebe die große, Gott zugewandte und dem Gesetz ergebene Masse ihres Haltes berauben. Säkularisierung ist übrigens ein sehr beliebtes Schlagwort und insbesondere Im Osten (wo es ja auch an Demagogen nicht fehlt; das darf man auch konstatieren, wenn man den Osten liebt und ihm den Vorzug vor dem Westen gibt) sehr gangbar. — Ich brauche hier nicht mehr darüber zu sagen. V. Es muß auch einmal ausgesprochen werden, daß man die Problematik des Zusammenstoßes zwischen Tradition und modernem Denken nicht erschöpft, wenn man im all gemeinen bleibt und sich mit der Ausmalung des Kontrasfs beider begnügt Gerade im Geistigen ist auch das Detail von außerordentlicher Bedeutung. Wer von Halachah — und sie isf doch das Kennzeichnendste unserer Gedankenwelt — so obenhin spricht, hat noch nicht zu ahnen begonnen, welche Welt sie in sich beherbergt Denn der Gesamtbegriff Ha- I a c h a 1! geht erst dem auf, der viere H a I a c 11 o t h gelernt und nicht nur gelernt, sondern in ihrer Entstehung und Stellung im Rahmen des Ganzen kennengelernt hat Und deshalb stellte ich, und nfcht nur ich, die Forderung auf, zu lernen, ganz bescheiden und ohne große Worte sich denn Studium des Gesetzes hinzugeben. Hier habe ich nun eine Begründung gegeben, warum das Lernen eine so unerläßliche Vorbedingung fst, die nicht in erster Linie Gelehrsamkeit und Bücherweisheit will, sondern in den Quellen unserer Ueberlieferung auch die Quellen unserer nationalen Originalität aufweisen wUt Und eben darum habe ich auch nie Dogmen und Bekenntnisse in den Vordergrund und als Bedingungen des Bildungsproblems gestellt weil ich der Kraft des Geistes der Tradition vertraue, der die Menschen umformen kann und wird. Und trotz des scheinbaren Zugeständnisses vieler Zionisten, daß diese Forderung Berechtigung besitze und den modernen Menschen nicht vergewaltige, sehe ich, von wenigen ab- (eschen, noch nicht den ernsten Entschluß, vertiefte Becanntschaft mit den Quellen zu suchen. Sonst müßte es doch allmählich dämmern, wieviel Schätze noch zu heben sind, und daß es kurze prägnante Worte unserer Weisen gibt die die ganze neuhebräische Literatur — und das sagt ein Verehrer dieser Literatur —- aufwiegen. Wir wissen, man kann moderne Menschen nicht ummodeln, jedenfalls nicht schnell und nicht in Debatten. Wohl aber trauen wir dem Lehrgehalt, dem Pathos und Ethos unserer klassischen Literatur diese Leistung zw. VI. Ein besonderes Kapitel muß ich doch den jüdischen Festen weihen, nicht um ihre Schönheit zu schildern; das liegt mir nicht und das haben so viele mit mehr oder weniger Erfolg versucht. Doch fürchte ich, diese Schilderungen werden den Modernen ein wenig hausbacken erscheinen. Und sicherlich ist ihre wahre Poesie im Leben besser verwirklicht als in der Darstellung ihrer Lobredner. — Aber was sollen wir, die wir die Feste seit unserer Kindheit, zunächst kindlich-froh und in ungeduldigster Er- Wartung (trotz des Rituals, das wir früh kannten — und liebten!), dann in männlicher Reife mit ernster Freude gefeiert haben, dazu sagen, daß alle Neurosen von ihnen herstammen? Das wußten wir bis dato nicht und sind um eine Kunde reicher! Aber im Ernst, Herr Holdheim, das hätten Sie sich sparen können! Das darf man nur aus voller eigener Erfahrung heraus sagen, oder wenn man als Arzt viele unzweideutige Fälle gesehen hatte, die keine andere Deutung zulassen. Und die ganz abwegige Darstellung des Jomkippur! Glaubt man im Ernst, daß der Mensch jedes Schuldbewußtsein abstreifen muß, um auf den Höhen des Lebens zu wandeln? Und woher stammen die vielen Neurosen und Minderwertigkeitskomplexe gerade in der Gegenwart und gerade bei solchen, die mit der Tradition gebrochen haben? Alle vom Jomkippur usw״ den sie zum Teü gar nicht mehr beobachten? — Hier hat Freud und die allzu leicht zu handhabende Analyse e9 Ihnen zu leicht gemacht. Aber es Ist kein Zweifel: wenn man das Leben in den traditionellen Formen ad absurdum führen will, dann malt man "es so primitiv und abergläubisch, so voll Tabuvorstellungen, daß es allen graut. Aber weiß man denn gar nicht, daß selbst bei primitiven Urvorstellungera der Sublimierungsprozeß all« wandeln kann? Holdheim schildert die seelische Verfassung vieler moderner Menschen, die noch von Gewissensqualen verfolgt werden ob ihrer Verletzung der jüdischen Gebote und befürchtet auch bei ihnen schädliche Wirkungen auf ihr Seelenleben durch Verdrängung usw. Diese sollen befreit werden durch eijie Neuorientierung und Erneuerung der Feste. Ich fürchte und glaube, daß es hier, wie so oft bei der therapeutischen Leistung der Analyse, gehen wird, die Neurose wird ge* heilt, aber gleichzeitig der Mensch in seinem Persönlichkeits* wert geschädigt werden. Mit der Bioiogisierung bzw. Psychologisierung geht ein Abbau des ethischen una hochgeistigen Menschen vor sich. .Die. Neurose ist doch meist eint,»־ kranku«!; dei"Kültünhfehscfifeii;'«e Heilung durch, tung bzw. Abtragung der Kulturschicht ist eine Radikalkur, die uns wertvollsten Besitzes beraubt. VII. Zu Holdheims positiven Vorschlägen will ich nicht viel sagen. Aber das kann ich nicht unterdrücken, und es werden vermutlich auch meinem Kreise Fernstehende empfunden haben: hier ist einem großen Kulturgebäude erst der Garaus gemacht worden, um an seine Stelle eine Bagatelle zu setzen. Nascetur ridiculus mus. Sicherlich war Holdheim von den besten Absichten beseelt, und vielleicht kann man Besseres proponieren. Aber schlimm genug ist es doch, daß nach -wich einem Anlauf nichts Bedeutenderes gesagt werden konnte. Das ist ein neuer Ansporn, die bewährten Ptade der traditionellen Erziehung — natürlich in pädagogisch stets zum Besten geführter weise — nicht zu verlassen. VIII. Ich möchte nicht den Eindruck aufkommen lassen, daß ich die Sorgen der nichttraditionellen Zionisten nicht mit Ernst und dem Bestreben betrachte, sie zu begreifen. Wir haben keine Freude an irgendeinem jüdischen und insbesondere zionistischen Scheitern. Wir wollten mit unserer Kritik mehr Unheil verhüten als Unzulängliches verspotten. Davon kann f‘ Tradition, mindestens erzieherisch ist.“ Das wird sich erst bei langer Weggemeinschaft erreichen lassen und dann wird man uns es vielleicht einmal danken, daß wir nicht wichen und nicht wankten. Man wird aber auch begreifen, warum wir abwehren mußten. Wir traditionellen Zionisten haben die doppelte Abwehrstellung gegenüber den Skeptikern: intra et extra muros. Das ist eine schwere Position. Aber ihr haben wir uns geweiht, und es wird, wenn die ersten Vorgefechte vorbei sind, im Nahkampf doch eine Verständigung sich anbahnen. BUehcrschau Deutsch-Hebräisches Wörterbuch von S. M. Lasar und Harry Torczvner, Verlag Benjamin Harz, Berlin-Wien. 1927. XIX und'734 Seiten. Ganzleinen 12,50 M. Der Mangel eines guten modernen deutsch-hebräischen Wörterbuches wurde seit langer Zeit von allen hebräisch Lernenden und von allen Freunden der hebräischen Sprache aut das schmerzlichste empfunden. Diese fühlbare Lücke ist nun ausgefüllt worden, indem der Verlag Benjamin Harz soeben ein neues deutsch-hebräisches Wörterbuch herausbringt, dessen Verfasser, S. M. Laser und Dr. Harry T orczyner sind. Die Namen der Autoren, von denen Torczyner als letzter Redakteur die Verantwortung trägt, bürgen für die hervorragende Qualität und Brauchbarkeit des Werkes. Das Buch enthält das ganze Material in übersichtlicher Anordnung, es verwertet den ganzen Schatz des Sprachgutes der hebräischen Quellen, aber darüber hinaus sind die Autoren auch sprachbildnerisch aufgetreten und haben eine ganze Anzahl neuer Wörter in das Wörterbuch aufgenommen. Ein solcher Vorgang ist bei Verfassung eines Lexikons für eine Sprache, die dem modernen Gebrauch erst allmählich angepaßt werden muß, unvermeidlich. Dabei wurde auch der heute geltende Sprachgebrauch respektiert Das Buch wird also nicht nur dem Schüler und Lernenden eine unentbehrliche Stütze sein, sondern auch den Philologen und Gelehrten eine Fülle der Anregungen und des Interessanten bieten. Besonders zu loben ist die gute Ausstattung und der saubere Druck des Buches.