Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 114 }UED1SCHE RUNDSCHAU Nr 16 1 I pi ti wieherischen Aufgaben» die hier itn einzelnen nicht auf- 1 ־ezlhlt werden könnet, bestehen nicht nur darin, für die Jerück;i1111־g der volkswirtschaftlichen und nationalen Interessen bei der Verwendung des Industriekapitals zu sorgen, sondern auch in der Einflußnahme auf die technische und organisatorische Rationalisierung der Betriebe (z. B. auch darin, zu verhüten, daß der gewährte Kredit statt zur Ver- Stärkung des Betriebskapitals oder zur technischen Vervollkommnung des Betriebs zur Bauspekulation verwendet wird)״ t- Die Ursachen des Kapitalbedarfs unserer Industrie sind, wie die statistische Analyse!ehrt, bestimmt nicht in den verzweifelten Experimenten vermögensloser und degradierter Bourgeois zu suchen, Ebensowenig ist dieser Kredithunger etwa die Folge eines unbescheidenen Appetits. Seine Ursache ist verblüffend klar, und wenn wir uns nicht daran gewöhnt hätten, in Palästina überall besonders tiefe und verzwickte Probleme zu suchen, dann hätten wir sie bestimmt schon längst trotz ihrer uninteressanten Einfachheit entdeckt. Sie besteht nämlich erstens darin, daß es bei uns so gut wie keinen Industriekredit gibt, und daß in einer Zeit, in der die Industrie jedes Landes mit großen Kreditbefrägen arbeitet, die Industrie Palästinas nicht als einzige ohne eine solche Unterstützung Auskommen kann. Zweitens in der besonderen Kapitalsclnväclie der palästinensischen Unternehmer, deren Mittel erschöpft waren, wenn sie ihre Fabrik eingerichtet hatten und die daher über kein Betriebskapital mehr verfügten und oft sogar nicht einmal imstande waren, auch nur ihren Betrieb ״komplett zu machen“. Daher rührt dann regelmäßig eine Verteuerung der Produktionskosten und oft auch eine qualitative Verschlechterung der Produktion, da der Unternehmer entweder die Maschinen nicht voll ausnutzen (weil er nur wenig Arbeiter beschäftigen und nur kleine Quantitäten Rohmaterialien kaufen) kann oder weil er sich zu hohen Zinsen aits privater Hand Kapital verschaffen muß (das immer nur auf kurze Zeit gegeben wird) bzw. weil er häufig nicht die nötigen Verfeinerungsmaschinen hat. Heute sind die Fabriken ferner in der eigcntümlrhen Lage, daß sie beim Rohmaterialeinkauf den ganzen Bedarf für die Arbeitssaison auf einmal aus dem Auslande beziehen müssen (kleinere Mengen werden nicht abgegeben) und das noch gegen relativ kurzes Ziel, während sie den Verkaufs- ־reis_ ihrer Waren erst nach und nach im Laufe der Saison ereinbekommen und noch mit den langen Zahlungsfristen der auf große Kredite gestützten ausländischen Fabriken konkurrieren müssen. (Es kommt vor, daß Unternehmungen das Betriebskapital für neun Monate vorstrecken müssen. Bei dem Exportgeschäft, das jetzt allmählich in Gang kommt, ist dieses Hemmnis besonders schwer fühlbar). In schlechten Konjunkturen sind die allerwenigsten Fabriken in der Lage, ihre Waren ״durchzuhalten“, sondern müssen Schleuderverkaufe vornehmen, die für eine ganze Branche ruinös werden können. Es wäre falsch anzunehmen, daß alle die Uebel durch Kreditgewährung beseitigt werden können — es ist wichtig, da man heute immer von dem fehlenden Kredit spricht, das ausdrücklich hervorzuheben — sondern oft, besondere da, wo das Anlagekapital zu knapp ist, wird es nötig sein, daß sich die Bank an dem Unternehmen selbst beteiligt und dafnn erst einen Kredit zur Verfügung stellt (eine Finanzierungsform, die übrigens in Deutschland ganz üblich ist). Denn sonst würde das Srimldkaiito eines Unternehmens manchmal übermäßig belastet werden. Diese Beteiligungen können volkswirtschaftlich eine wichtige Rolle spielen: sie Können der Anfang eines organisierten Kapitalmarktes werden. Die Bank wird danach trachten müssen, sie sobald wie möglich an Privatinteressenteu abzustoöen und so ihre Mittel immer wieder frei zu bekommen,. Daß das möglich ist» beweisen gerade die Ereignisse dieser Krisenepoche, vor allem die Besitzwechsel der ״R a a n au“ und der ״Lod- .Falle •zeigen aber die Notwendigkeit eines Institutes, das imstande i־t, einzuspringen, wenn ein Unternehmen einmal ״schwach“ wird. Denn schließlieh war es doch nur ein Zufall, daß sich ira Falle der ״Lodziah“ gerade ein Schenker fand, der ira allerletzten Moment den Betrieb übernahm. Und hätte man ihn nicht gefunden, dann wäre die Fabrik, die heute ein ausgezeichnet arbeitendes Unternehmen ist und neunzig Leute beschäftigt, zugrunde gegangen und es hätten sich statt dessen eine Reihe von Wirtschaftsphilosophen gefunden, die uachgewiesen hätten, daß damit nur ein ungesundes Unternehmen von seinem verdienter! Schicksal ereilt wurde, da die ״Lodziah“ ja unter ihren ersten Besitzern in der Tat nicht vorwärts kam. Aehnlieh liegt der Fall bei der ״Raanan“, die nur durch die großen Anstrengungen ihres Liquidators und jetzigen Mitirmabers Vetter gerettet wurde, dem es gelang, in der Person Liebere einen finanzkräftigen Interessenten zu gewinnen. Selbstverstindlich wird man von der Bank in solchen Fällen nur da verlangen können, daß sie eingreift, wo sie festgestellt hat, daß es sich um ein Unternehmen handelt, das bei vernünftiger Geschäftsleltung existenzfähig ist. Aber wir haben mehr solche Fabriken, als man bei uns annimmt. Kolonisation und Bewegung Von L. Gold, Beuthen (O./S.) Im Hauptartikel der ״Jüdischen Rundschau“, Nr. 90, werden zusammenfassend Forderungen aufgestellt, von denen ganz besonders Punkt 4, nämlich: ״Radikale Reform des Zionisten- Kongresses und Trennung der sachlichen von den politischen Fragen auch in diesem Gremium usw.“ Beachtung verdient. Als Revisionist begrüße Ich diese erkenntnisreiche Forderung, weil sie geeignet ist, der Polemik zwischen unseren Gegnern und uns eine wesentlich geänderte Richtung zu geben, was besonders für den kommenden Wahlkämpf zum 15. Kongreß von großer Wichtigkeit ist. Unser Kampf geht nicht um momentane Kolonisationsmethoden. Ich glaube nicht, daß das Programm der sogenannten ״Wirtschaftsrevisionisten“ geeignet wäre, bessere Verhältnisse zu schaffen. Ebenso glaube ich auch nicht, daß die Exekutive nicht alles unternimmt, was bei der gegenwärtigen Lage zu unternehmen sie imstande wäre. Dies muß klargestcllt werden, will man dem kommenden Wahlkampf einen sachlichen und nicht demagogischen Charakter verleihen. Für die heutige Situation gibt es, ebenfalls nur meiner persönlichen Meinung nach, eine einzige Kolonisationsmöglichkeit, und zwar die in der ״Jüdischeu Rundschau“ oft propagierte. Die Frage jedoch ist die, ob die heutige Situation, mit der unsere Kolonisation rechnen muß, eine dem Zionismus zu seinem Endziel verhelfende ist und ob sie die Möglichkeit der Verwirklichung der politisch zionistischen Idee offen läßt? Und in diesem Punkte gehen unsere Meinungen ganz entschieden auseinander. Schon Punkt 5 des obenerwähnten Leitartikels zeigt deutlich, worin sich unsere zionistische Auffassung von der ״|iklische!1 Rundschau“ unterscheidet. — Während Zionismus für uns die politische Bewegung der notleidenden jüdischen Massen ist, die erkannt haben, daß es mir einen Ausweg aus ihrer Notlage gibt, nämlich aktives Selbsteinsetzen zwecks Durchsetzung von gerechten Forderungen eines unterdrückten Volkes; während Zionismus für uns nicht nur einen nationalen, sondern auch einen Klassenkanrpf, nämlich den des notleidenden jüdischen Volkes, das im Verhältnis za den es bedrückenden Völkern kollektiv zur unterdrückten Klasse herabsinkt, bedeutet, ist Zionismus für die ״Jüdische Rundschau“ nur ״Liebe zu Israel“, ״Liebe zu Zion“. ״Es führen viele Wege nach Rom“, nicht minder vief« zum Zionismus. Und wir hätten nichts dagegen, wenn die Auffassung der ״Jüdischen Rundschau“ auch als einer der vielen Wege, die es zum Zionismus gibt, propagiert würde. Wogegen wir uns aber wehren, ist, daß dieser Weg als der einzige dargesteiit wird. Wir können es sehr gut verstehen, daß cs Menschen gibt, denen es in ihren Wohnländern wirtschaftiich gut ergeht und die nicht die materielle Notwendigkeit zur Auswanderung nach Erez-Israel empfinden, sich aber trotzdem ihre Liebe zu Erez-Israel erhalten haben. Es zeugt dies sehr von der eigenartigen Standhaftigkeit des jüdischen Volkes, das zwei Jahrtausende Galuth nicht zu vernichten vermochte. Aber ebenso glauben wir Verständnis für unseren Zionismus verlange» zu können. Wir, auf denen das ganze Galiilhelend in jeder, besonders in wirtschaftlicher Beziehung lastet, können uns nicht damit zufrieden geben, wenn unserem Schrei nach einem freien, wirtschaftlich und moralisch gesicherten Leben, das nur im eigenen Lande, und als solches kann nur Palästina in Frage kommen, möglich ist, die Liebe zu Erez-Israel engegengehalten wird. Angesichts unserer materiellen Not und unseres aussichtslosen Existenzkampfes im Galuth, kann für uns eine solche Liebe nur eine imponderabiie Bedeutung haben. Hungernde Menschen haben keinen Sinn für eine Liebe, die nichts Konkretes darstellt. Wenn die ״Jüdische Rundschau" die Ermöglichung einer Rückwanderung aus JErez-Israel und ,,Efastellung. der Jpnwandferitng ׳ verlangt, so tat sie "dies sicherlich — davon "bin ich überzeugt —- schweren Herzens. Aber diejenigen, die diese Forderung unterstützen» dürfen nicht vergessen, daß in demselben Moment, •in dem diese Forderung erfüllt wird, und sie wird bei der heutigen Palästina-Krisis erfüllt werden, eine neue Gruppe, eine neue Klasse von Menschen entsteht, nämlich die der Rückwanderer und Nichthereingelassenen, die, soweit sie, trotz der Enttäuschungen, auch fernerhin nur au eine einzig mögliche Lösung der Judenfrage, nämlich au den Zionismus, glauben, ihre Rechte ebenfalls geltend machen. Dieser Klasse kann'die ״Jüdische Rundschau“ auf die Frage ״Wohin sollen wir rückwandern?“ _,,Was soll aus uns werden?“ nur mit einem kühlen Achselzucken antworten. Und in dieser Geste liegt das Eingestehen des Zionismus, daß seine Ursprungliehe Idee nicht zu verwirklichen ist. Somit hätten also unsere Gegner recht behalten, die nur deshalb den Zionismus bekämpft naben, weil sie ihn für eine Utopie hielten und deshalb fürchteten, ihre kaum erlangte Galuthcxistenz und ״Freiheit“ aufs Spiel zii setzen. Wenn von vornherein festgestanden hätte, daß der Zionismus zu verwirklichen ist, sc hätten wir niemals Antizionisten im Judentum gehabt. Nur der Zweifel an der Möglichkeit der Verwirklichung des Z10nismus schuf den Antizlonismus jeder Schattierung. Womit wir Zionisten uns von den »aderen unterscheiden, das ist unser Glaube an die restlose Verwirklichung des politischen Zionismus. Wir verlangen daher Verständnis von unseren Gegnern im zionistischen Lager für die Tatsache, daß wir sie nicht mehr als reine Zionisten, die mit uns für die Verwirklichung des politischen Zionismus kämpfen könnten, ansehen können. Wer mehr Vertrauen zur Stabilität der gegenwärtigen engfischen Palästinapolitik, als zum unerschütterlichen, im poutischen Zionismus sich manifestierenden Willen des jüdischen Volkes hegt und diesen Willen der englischen Politik unterordnen will, kann von uns nicht als Kampfgenosse angesehen werden. Hätten wir uns seinerzeit mit dem Widerstand der türkischen Regierung abgefunden, wo wäre heute die Balfour- Deklaration bzw. wo wären die Zionisten, die sie durchgesetzt haben? Nur unser zionistischer Glaube und vor allem unser Wille, allen Widerständen zu trotzen, hat den Zionismus erhalten. Diesen Glauben und Willen bei den jüdischen Massen zu erhalten und zu stärken, ist die erste Aufgabe des Revisionismus. Denn keinem Durchschnittsjuden und besonders keinen, der einen harten Lebenskampf im Galuth führen muß, kann der Zionismus der ״Jüdischen Rundschau“ einen genügenden Ersatz für seine materiellen und ideellen Opfer bieten und mit der Erkenntnis der Richtigkeit der zionistischen Auffassung der ״Jüdischen Rundschau“ ist beim einfachen Juden der Verlust des zionistischen Interesses verbunden. Eine solche zionistische Auffassung mag wohl für geistig hochstehende und materiell ohne Sorgen lebende Westjuden geeignet sein, aber nicht für Kleinbürger und Proletarier, die in erster Linie für ihre eigene Zukunft kämpfen wollen. Die Bedeutung des Revisionismus, dem wir uns angeschlossen haben, liegt in erster Linie darin, daß er die einzige zionistische Partei ist, die den Zionismus bei den jüdischen Massen lebendig erhält und ihnen neuen Lebensmut einflößf. Aus diesem Grunde muß der Revisionismus alle Richtungen und Ideen bekämpfen, die auf eine Verkleinerung des zionistischen Fndzielen ninzielen. Das Regienuigsbudget Palästinas Der Staatshaushalt Palästinas weist für die 7 Monate April bis Oktober 1926 einen Ueberschuß von £E. 200 000 auf. Jedoch bedeutet dies im Verhältnis zum Vorjahre, einer Untersuchung von H. M a rgu lies in der letzterschienenen Nummer von ״Palestine and Near East Economic Magazine“ (Tel-Awiw, P. O. B. 21) zufolge, einen Rückgang von 52 %. Der Artikel zeigt weiters auf, daß die Ueberschösse in den früheren Jahren nur durch die große jüdische Immigration und die jüdische Aufbauarbeit möglich gemacht wurden und daß die Krise iri der Einwanderung das Sinke» der Einnahmen der Regierung verursacht habe. Das beweist, daß die Regierung eine aktive, wohlwollende Stellung der jüdischen Immigration und Auibautätigkeit gegenüber einnehmen müsse, damit das Budget in der früheren Höhe sich halten könne und die Interessen des Landes, des englischen Steuerzahlers und der Zeichner der auszuschreibenden Palästina-Anleihe gewahrt werden. ln derselben Nummer schreibt M. ben Hille! Hacohen, Präsident der Vereinigung der genossenschaftlichen Spar- und Vorschußkasse, über das genossenschaftliche Kreditwesen in Palästina. S. Yeivin, ehemaliger Assistent der Expedition des Universitätsmuseums Philadelphia bespricht die Ergebnisse der Ausgrabungen in Beisan. Reichhaltige Berichte aus Paiästina (Fischerei, Außenhandel usw.), Aegypten (Textil- Industrie, Außenhandel, Baumwolle usw.) und dem Sudan (Außenhandel) vervollständigen die interessante Nummer. Eine gekürzte deutsche Wiedergabe des obenerwähnten Artikels von Margulies erschien ln der deutschen Beilage;4er hebräischen Zeitschrift. ״Mischar »«׳ (Nr. 2). Die Redaktion dieser Zeitschrift kündigt eine weitere Ausgestaltung der deutschen Beilage mit Hilfe von Monatsberichten, die als Chronik des täglichen Lebens gedacht sind, an. in Nr. 2 ist der deutsche Teil bereits auf 6 Seiten gewachsen und soll schrittweise vergrößert werden. Berich! an die Mandatskommission Die zionistische Palästina-Exekutive hat laut ״Haare z‘\ vom 7. Februar die Vorbereitung des Materials für das Me־' morandum, das der im Sommer stattfindenden Sitzung der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes unterbreitet «,erden soll, vollendet. Das Material, das Antworten auf den Fragebogen der Kommission bezüglich der Tätigkeit der JewisU Agency enthält, wurde der zionistischen Exekutive in London übermittelt, die das Memorandum ausarbeiten wird. Der in Jerusalem weilende amerikanische Journalist Hermann Bernstein, Herausgeber der Zeitschrift ״Jewish Tribune“, hat bei der russischen Regierung um die Einreiseerlaubnis nachgesucht und erhielt einen abschlägigen Bescheid. Die Bedeutung der Jaden für die Wissenschaften im Mittelalter Ueber dieses. Thema sprach am 17. d. M. Prof. Dr. Gotthold Weil im ״Verein für jüdische Geschichte und Literatur e. V.“ Der Anteil der Juden an der Wissenschaft, führte der Redner einleitend aus, sei in der Neuzeit wie im Mittelalter groß gewesen. Aber während sie in der Neuzeit als Einzelne, durch Einzcücistungen, die Wissenschaft gefördert hätten, sei die des Mittelalters durch die Juden als Juden entscheidend beeinflußt worden; könne man also von der wissenschaftlichen Entwicklung der Neuzeit vielleicht sagen, sie wäre auch ohne die Juden im wesentlichen ebenso verlaufen, so müsse man von der des Mittelalters feststellen, daß sie ohne ihren Einfluß eine radikal andere Richtung eingeschlagen hätte. Hier hatten die Juden geradezu eine weltgeschichtliche Mission erfüllt. Juni diese These klar zu machen, schildert der Redner zunächst die Grundlagen der mittelalterlichen Weit, in die die Juden gestellt waren, jener Welt, in der die Bildung wesentlich von den kirchlichen Kreisen gefördert wurde, deren Denken bestimmt war von der Idee des Gottesstaates und für die, feindlich jeder unvoreingenommenen Betrachtung der Wirklichkeit, die Wissenschaft nur als ein Mittel zur Erhärtung der Dogmen und zu ihrer Realisierung galt. Noch 1215 konnte vom Laterankonzil die Beschäftigung mit nichtchristlieber Philosophie verboten werden, Petrus Damiani nennt es geradezu eine Torheit, seine Zeit mit der Erkenntnis der materiellen Welt zu vergeuden. In dieser Welt, in der die Juden lebten, ausgeschlossen von allem, was mit staatlichem Leben zusammenhing, fern auch von der Kunst und Literatur der Zeit, die ja ebenso der christlichen Gottesstaatsidee diente, hatten sie nur Zugang zu den Profanwissenschaften. Zu deren Studium waren sie aber als Juden gerade prädestiniert: 1. schon durch ihre religiösen Vorschriften: Beobachten״ der Reinh i:sgesetze führt zur Medizin; Auslegung taknudischer Rechtsfragen zur Rechtswissenschaft; die notwendige Festtags- und Kalenderberechnung zur Astronomie; Hiob und Kohelet bilden Vermittlung zur Philosophie; Erklärung der Schrift zwingt zu grammatikalischer und lexikalischer Tätigkeit. — Dazu kommt 2. die Schulung, die sie durch die Araber er* hielten: Die Wissenschaft des Altertums kam ja größtenteils nicht direkt, sondern auf dem Umweg über den Orient ins Abendland. Nachdem sich die Juden schon im 9. Jahrhundert (System des Saadia) mit dem Islam auseinandergesetzt hatten, waren sie zur Vermittlertätigkeit zwischen Ost und West wohl ausgerüstet. Von besonderem Vorteil dafür war aber 3. ihre wirtschaftliche Lage: zerstreut über alle Länder, überall ansässig, und doch nirgends ganz beheimatet, ist ihre wichtigste Funktion im Mittelalter, besonders in der Frühzeit, der Handel. Ihn Chordadbc, ein arabischer Geograph des 9. Jahrhunderts, berichtet in seinem ״Buch der Straßen und Königreiche“ von den Karawanen der Juden (״Radaniten“ =״ ־Wegekenner“ genannt), die den Warenhandel vom Osten nach dem Westen, vom Westen nach dem Osten vermitteln, und erwähnt besonders ihre große Sprachenkenntnis. Dabei geht — wie stets — neben dem Import von Waren sicher auch ein Import von Ideen her. Von doppelter Art ist diese ihre geistige Vermittlertätigkeit: Sie bringen in UeVersetzungen fremde Werke nach dem Abendlande — sie übersetzen aus dem Arabischen ins Hebräische, von dort dann weiter in andere Sprachen. (Neben einer Unzahl jüdischer Uebersetzungen sind viele״ unter christlichem Namen bekannte, ebenfalls ganz oder teilweise von Juden übersetzt.) — Sie schaffen eigene Werke, die die von den Arabern beziehungsweise aus der Antike übernommenen Gedanken mit den eigenen zu vereinen suchen. Der Redner bespricht dann im einzelnen den Einfluß der Juden auf die Entwicklung der Mathematik (Einführung des indischen Zahl- und Dezimalsystems nach dem vorderen Orient, ״einer der größten revolutionären Taten der Weltgeschichtc überhaupt“; Uebersetzung grundlegender mathematischer Werke usw.); der Astronomie (fast alle astronomisehen Tabellen sind von Juden verfaßt; die wertvollste, von Abraham Saguto, wurde später von Columbus benutzt und ist noch heute erhalten; Levi ben Gerschom erfindet und beschreibt den Jakobsstab, der, danach von Regiomontanus eingeführt, das wichtigste Instrument für die Seefahrt bis ins 18. Jahrhundert bleibt; 252 jüdische Mathematiker und Astronomen des Mittelalters sind bekannt); der Medizin (Uebermittluiig der arabischen Heilkunde; jahrhundertelang sind die Juden fast die einzigen Aerzte). — Am entscheidendsten scheint indes dem Referenten ihre Einwirkung aut die Philo- Sophie, die sich hauptsächlich aui zwei Werke gründet; 1. den Fons Vitae des Avicebron rnekor chaim des Salomo ibn Gabirol (1020—1070), der durch den Versuch der Verschmelzung platonischer mit aristotelischen Gedanken auf die christliche Theorie des Mittelalters (Onns Skotus, Albertus Magnus u. a.), insbesondere auf die Franziskanische Theorie vom göttlichen Willen einen höchst bedeutsamen Einfluß ausübte, ohne daß man ahnte, daß der Verfasser Jude sei. Bekannt war dies von dem zweiten grundlegenden werk, dem ״Führer der Verirrten“ (more nebuchim) des Maimonides, das — 1190 vollendet und schon Anfang des 13. Jahrhunderts lateinisch zitiert — noch viel umgestaltcnder auf die abendländische Philosophie eimvirkte. Seine Bedeutung liegt in diesem Zusammenhang vor allem darin, daß er der bis dahin verbotenen Philosophie der Aristoteles Eingang und Anerkennung verschaffen hilft. Thomas von Aquino (1225 bis 1274), dessen ״summa tlieoiogiae“ noch vom Papst Leo XIII. als autoritatives Lehrbuch anerkannt wurde, übernimmt Kardinalpunkte von Maimonides (״Rabbi Moyses“). Während so jüdischer Einfluß im Katholizismus eine Dämpfung durch Rationalismus bewirkt habe, habe er beim Protestantismus durch die kabbalistische Mystik einen Ausgleich mit dem rationalen Denken vollziehen helfen. Bedeutsamer aber noch sei für diesen die Bibelexegese und Uebersetzung der Juden gewesen, deren Wirkung man auch bei Luther verspüre. Damit hatte der Redner das Ende des Teilabschnittes erreicht, den er zu beschreiben hatte, und schloß mit einer prägnanten Zusammenfassung der Leitgedanken seinen Vortrag, den eine zahlreiche, sehr interessierte Hörerschaft mit Beifall aufnahna. a. b. Soeben ist im Jüdischen Bach- und Kunstverläge in Brünn, Adlergasse 9, zum bevorstehenden Purimfeste ein handliches Büchlein von Prof. Dr. Lamm erschienen. Es enthält eine große Anzahl von Kindergedichten sowie ein Purimspiel für Kinder. Der Preis beträgt 1,50 M. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder direkt vom Verlag.