Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-02-25 · Heft 16 (25.2.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 16 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652893--18928-2676747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. IS JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 113 Indnstrie and Indnslriebank Von Ernst Da vis, Jerusalem. Zu dem am 14, Januar in der ״J. R." veröffentlichten Aufsatz von Dr. Georg Landauer über das Problem der Industriebank sendet uns Herr Davis die folgende Polemik. Wir geben den Ausführungen wegen der darin enthaltenen sachlichen Angaben Raum, glauben jedoch, daß sic die von Landauer aufgezeigte Problematik im wesentlichen unberührt lassen. Auch Herr Davis kritisiert ja die Form der speziellen Industriebank und versteht wohl auch die Gefahr, die darin liegt, daß von der vom Keren Hajessod fiiian* zierten Industriebank Kredite gefordert werden könnten, die andere Banken wegen mangelnder bankmäßiger Sicherheit ablehnen müssen. Wenn dem aber so ist0— ist dann die ״Industriebank" nicht in Gefahr, selbst ihren Bankcharakter zu verlieren? In diesem Zusammenhang ist ein Artikel des letzten Heftes der ausgezeichneten, gewiß nicht industr.'efeindiidieii Zeitschrift ״Palestine and Near East“ (Tel-Awiw) interessant, worin ausgeführt wird, in Palästina herrsche gar kein Mangel an Industriekredit, aber an kreditwürdigen Industriebetrieben, — was nicht dasselbe ist Red. Nach der Erhebung des Handels- und Industriedepartements der zionistischen Exekutive bestehen in Palästina insgesamt 592 Industriebetriebe, die zusammen 6000 Arbeiter beschäftigen. Da werden hier als Großbetriebe acht von ausländischen Finanziers gegründete Unternehmungen angesehen, nämlich die Kellereien von Rischon, die Silikatwerke in Tel-Awiw, die Haifaer Großmühle, die ihr gehörende Mazzothbäckerei, die Oelfabrik Shemen, ebenfalls in Haifa, die Zementfabrik Ncsher in Jadjur und die Ruthenbergschen Elektrizitätswerke (die hier als Einheit betrachtet werden). — In diesen Unternahmungen zusammen sind 052 Arbeiter tätig, wenn man die Kellereien, über die keine näheren Angaben vorliegen, außer Betracht läßt. Zieht nwn sie mit in die Rechnung ein,' so durfte sich ergeben, daß in allen Großbetrieben zusammengenommen rund 16 <>•׳,•> der palästinensischen Industriearbeiterschaft beschäftigt werden. Als Mittelbetriebe darf man zweifellos alle die Unternehmungen bezeichnen, 1n denen mindestens 10 Arbeiter tätig sind, da nach der deutschen Gewerbestatistik von 1907 alle Betriebe mit 6 bis 50 Arbeitern als Mittelbetriebe gelten, ist das wohl vorsichtig genug. Von solchen Unternehmungen finden sich in dem yerzeichnis 104 mit einer Gesamtbelegschaft von 2176 Arbeitern, also 37 Vn aller Industriearbeiter. Ferner sind dort aber eine Reihe von Betrieben auf geführt, bei denen die Arbeiterzahl nicht angegeben ist. Von diesen wird man gewiß alle die, in denen ein Kapital von wenigstens 1500 Pfund, also 30 (MX) Mark, investiert ist, den mittleren Unternehmungen zurechnen können, das sind zusammen II. (Tatsächlich sind in 13 davon mehr als 2310 Pfund, 46000 M., angelegt, und in 10 mehr, teilweise erheblich mehr, als 3000 Pfund, 60000 M.) Da ferner die Arbeiterzahl allein allgemein als ein unzulänglicher Maßstab für die Klassifizierung eines Betriebes gilt und gerade ein mehr ״industrialisierter" Betrieb einen relativ größeren Aufwand an Kapital und eine geringere Arbeiterzahl aufweist, wird man drittens zu den Mittelbetrieben auch alle die Unternehmungen rechnen, in denen mindestens 1500 Pfund stecken, die aber weniger als 10 Arbeiter beschäftigen. Gerade bei einer palästinensischen Industriestatistik darf man das oder muß es sogar, weil man bei ihr daran denken muß, daß eine große Anzahl von Betrieben nicht deswegen nur eine kleine Zahl von Ar• beitern beschäftigen, weil das ihrem ganzen Zuschnitt entspricht» sondern umgekehrt, obwobl-es ihoeEriBneta|,.Ein* nchtung wider spricht und der einzige Grand dafür ist, daß den Besitzern nach ihrer Fertigstellung kein Geld mehr übrig blieb, um die Arbeit voll oder auch nur in annähernd adäquatem Umfange aufzunehmen. Die Gesamtzahl der Betriebe dieser Gruppe beträgt nach dem Verzeichnis 77, die Zahl der in ihnen tätigen Arbeiter 419. In 52 dieser Unternehmungen sind mindestens 2000 Pfund, mehr ak 40 000 Mark, in 33, also nahezu der Hälfte, mindestens 2500 Pfund, mehr als 50000 M., investiert. . Faßt man alle drei Gruppen zusammen, die hier den Mittelbetrieben zugerechnet wurden, dann ergibt sich eine Gesamtzahl von 196 Betrieben mit 2645 Arbeitern. Dabei ist aber zu bedenken, daß die von den 14 Betrieben der zweiten Gruppe beschäftigten Arbeifer in der Rechnung nicht enthalten sind, da ihre Zahl nicht bekannt ist. Nach Abzug der S Großbetriebe mit ihren 952 Arbeitern von der Gesamtzahl der Industriebetriebe und -arbeiter ergibt sich, daß die Mittelbetriebe fast arithmetisch genau den dritten Teil und ihre Belegschaft 51 «fa der entsprechenden beiden Restsummen ausmacht. Die übrigen zwei Drittel dieses Restes bestehen aber keineswegs durchweg aus Zwergbetrieben einponderabilien — freilich kein neues Motiv. Eine Erzählung aus dem Leben der Beduinen fesselte mit der Kraft der Entrückung in eine ferne Märchenwelt. Als Toller sie las, glich er mit seinen schwarzen Augen, dem strengen Asketengesicht und dem vollen schwarzen Haar viel mehr solch einem Wüstensohn als einem marxistisch geschulten Mitteleuropäer. Toller hat 1'm Osten des Emek lesreel in Palästina ein Beduinenlager besucht und hatte dort das Erlebnis echter, durch Zivilisation unverdorbener orientalischer Gastfreundschaft. In einem schönen Gleichnis wird berichtet, wie ein König, der als Gast zu einem Beduinenstamm kommt, auf seine, zunächst veriicht'ifch gemeinte Frage an einzelne Beduinen, ob sie Gott kennen, von Jedem Gefragten die Antwort erhält: ״Er ist eben gekommen“; der König wird unwillig, wähnt sich verspottet, erhält aber bald die Aufklärung: wenn ein Gast kommt, kommt Gott mit ihm. — Zum Schluß las Toller einige in ihrem Realismus und Ethos an Karl Kraus erinnernde Szenen aus seinem noch unvollendeten Revolutionsdrama, die, wie er selbst sagte, nur das ״Atmosphärische“ des Dramas vermitteln sollten, und als Kontrast dazu mehrere innige Gedichte aus dem Schwalbcnbuch. Toller liest seine Werke sehr gut, seine sympathische und liebenswerte Persönlichkeit trägt dazu bei, den Kontakt zwischen ihm und den Zuhörern sofort herzustellen, der denn auch bis zum Schluß mit innerer Anteilnahme anhält. ruwa. ״Der Jude als Journalist“ Itn Rahmen der ״Montagsvoriesungen“ behandelte in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums der Chefredakteur der ״Vossisclien Zeitung‘‘, Georg Bernhard, das Thema ״Der Jude als Journalist“. Die Behauptung von der ״Verjudung der Presse“, führte er aus, ist völlig abwegig. Das Schwergewicht für die Beeinflussung der öffentlichen Me!- nung in Deutschland liegt in der Provinz, und diese ist abhängig von den großen Nachrichtenbüros und ״Maternkorrcspondenz“־Fabriken in Berlin. Hier sind Juden fast ganz ausfeschaltet. So bedeutsam auch die Weltstadtpresse sein mag, er Wähler steht unter dem beherrschenden Einfluß jener im besten Falle nicht direkt antisemitischen Quellen. In Berlin und Frankfurt a. M. sind von 350 Journalisten 103 Juden, bzw. getaufte Juden oder doch Personen jüdischer Abstammung. In Deutschland gibt es aber zirka 4000 Journa- An unsere Abonnenten! Die Post verlangt von uns die Anmeldung der vom 1. April 1927 ab zu liefernden Exemplare bis zum 15. März. Wir sind daher gezwungen, die Abonnementsgebühren von denjenigen Abonnenten, die die Jüdische Rundsdiau״ direkt bei uns abonnieren, in den ersten Mfirztagen zu erheben, und zwar werden wir ihnen zu diesem Zweck Nachnahmen zugehen lassen• Wir bitten darum, in ihrem eigenen Interesse dafür Sorge zu tragen, dab diese Nachnahmen prompt eingelöst werden, da sonst Unregelmäßigkeiten in der Zustellung der Jüdischen Rundschau" nicht zu vermeiden sein dürften. Berlin, im Februar 1927 Verlas ,Jüdische Rundschau" Berlin W15, MeinekestraBe 10 gewanderter Mittelständler, sondern sie enthaltet! u, a. 50 Ar• beiterproduktivgenossenschaften und gemeinnützige Anstalten (Korbflechterei der Jerusalemer Blindenanstalt usw.), in denen zusammen 081 Arbeiter tätig sind. Wenn man, wie es Laudaucr tut, die Struktur unserer Privatindustrie prüft, dann muß man diese Gruppe selbstverständlich in Abzug bringen. Von dem hiernach verbleibenden Rest bilden weiterhin 48 Betriebe, in denen je 1(K)0—1400 Pfund investiert sind, und die zusammen 230 Arbeiter beschäftigen, eine Uebergangsstufe zum Handwerk — es ist die Gruppe, in der sich nach Sombart (und nach der praktischen Erfahrung) hauptsächlich der Tv:p des kleinkapitalistischen Unternehmers findet. Erst was danach noch übrig. ist bildet die Kategorie der urivatwirtschaftlichen Kleinbetriebe, deren Zahl sich also auf 281 belaufen und 52 «/«, also knapp über die Hälfte und jedenfalls bestimmt nicht den ״überwiegend großen Teil“ unserer Industrie ausmachen würde. Aber in dieser Kategorie der Betriebe mit weniger als 1000 Pfund spielen die Zwergunternehmen der Kleinhandwerker mit 50 Pfund nicht etwa die wichtigste, sondern die »!lerkleinste Rolle. Insgesamt gibt es in der ganzen Statistik des Handels- und Ihdustriedepartements 15 Betriebe (darunter übrigens zwei Arbeiterproduktiv- ״enossenschaften), deren Kapitalziffern weniger als dreistellig sind, während umgekehrt, wie schon ein flüchtiger Ueberschiag lehrt, mehrere Dutzend von Betrieben mit einem Kapital zwischen 500 und 1000 Pfund darin enthalten sind (womit natürlich keineswegs gerechtfertigt ist, daß auch nur diese 15 Zwerg״unternenmungen“ überhaupt in der Statistik erscheinen). Der Anteil der einzelnen Größenklassen an unserer Ge« Samtindustrie ist demnach etwa so: Gesamtzahl der Betriebe nach Abzug der Arbeiterproduktivgenossenschaften: 533. Davon bilden die Großbetriebe (8) 1,5 °/0 (952); die Mittelbetriebe (196) 37 Vo (2645); die Betriebe mit 1000 -1400 Pf«i4 »Kapitel <4$9% '׳. f239j.i-.dfe. Kleinbetriebe (281).. 52,5 «,׳», (2164). ' '■ " ־ . י' ' ־'.;■־•־'. ד. . Diese Zusammenstellung zeigt, daß, anders als Landauer annimmt, zwischen der Großindustrie und #dem Handwerk eine breite Mittelschicht besteht Es ist interessant diese Schichtung mit der in Deutschland vor dem Kriege zu vergleichen: Nach der Gewerbezählung von 1907 war der Anteil von Groß-, Mittel- und Kleinbetrieb an der Industrie je 2 ס/» 16 ,«׳ס und 82 0/0. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß das ganze Handwerk mitgezahlt wurde, was bei der palätinensischen Industriestatistik nicht der Fall war. Das dürfte aber zum Teil dadurch ausgeglichen werden, daß hier erst Betriebe von zehn Arbeitern als Mittelbetriebe betrachtet wurden, in Deutschland dagegen schon solche mit sechs und mehr Arbeitern. Außerdem sind in der deutschen Statistik die Unternehmungen des Bergbaus und der Bauindustrie enthalten, die in der palästinensischen fehlen. Man kann aus dem Vergleich immerhin sehen, daß die Lücke zwischen Handwerk und Großindustrie bei uns nicht schlechter ausgefüllt ist, als in einer ״normalen" Volks- Wirtschaft. $ listen, die bis auf die — allerdings durchweg bedeutenden — etwas mehr als 100 jüdischen Redakteure Nichtjuden, zum größten Teil sogar Antisemiten sind. Welche Rolle spielt nun der Jude in der Journalistik? Er ist sicher in erster Linie nicht als Organ eines ״jüdischen Geistes“, sondern als Sachwalter deutscher Interessen tätig, ebenso wie selbst für den nationaljüdischen deutschen Staatsbeamten ein Konflikt zwischen deutschen und jüdischen Interessen ausgeschlossen ist. Seit Entstehung der Journalistik gehörten Juden zu ihren größten Vertretern. Journalisten wie Heine, Borne u. a., war es sogar vergönnt, über den lag hinaus zu wirken. Die relativ große Zahl der Journalisten unter den luden ergibt sich wie bei der Advokatur aus der Tatsache, daß ihnen andere intellektuelle Berufe, wie Dozentur, Richteramt, Staatsanwaltschaft und höherer Verwaltungsdienst verschlossen sind. Der Umschwung der Revolutionsjahre wird jetzt auch hier wie überall radikal rückgängig gemacht. Welche spezifische Eignung führt nun den Juden zur Journalistik? Journalismus ist Tagesarbeit, er nähert sich der Kunst, wie sie Zola definiert hat: ״Ein Stück Leben, gesehen durch ein Temperament.“ Der Journalist muß hcrausfühlen, was wirklich aktuell ist und die Stimmung der Lesergememdc erfassen. Diese beiden Faktoren muß er gestaltend zum Zusammenklange führen. Diese Begabung weisen nun besonders die Juden auf. Der Jude, dessen Vorfahren in allen Ländern herumgestoßen waren, sieht über die Grenznfähle und ahnt die Bedeutung fremder Mentalität Er weiß um Menschenleid undUnrecht. Diese Eigenschaften prädestinieren den Juden zum Journalisten und Advokaten. Er verkörpert als Journalist die notwendige Mischung aus Altruismus und Egoismus, die Synthese von Oemeinschaits- und Weltgefühl als Ergebnis eines jahrhundertelangen Leidensweges. Der interessante Vortrag wurde insofern dem Thema nicht gerecht, als er nur die Stellung des Juden als deutscher Journalist behandelte. Daraus ergeben sich zahlreiche Gedankengänge, gegen die sich vom Standpunkt des Nationaljuden manches einwenaen läßt Vielleicht wäre dies anders gewesen, wenn der Vortragende auch den relativ jungen Typus des jüdischen Journalisten mit zur Charakteristik her.ingezogen hätte, — Die Persönlichkeit des Vortragenden *:ivtr.,1 die Zuhörerschaft ungemein zu fesseln. Die Betriebe, die diese Lücke ausfüllen, sind es, die zu ihrer Entwicklung und zum großen Teil zur Aufrechterhaltung ihrer Existenz eine Zufuhr neuen Kapita's brauchen und sie nach wirtschaftlichen Grundsätzen erhalten dürfen Es handelt sich dabei um die Unternehmungen der Gruppe 7 und um einen Teil der Gruppe 3. Man kam! selbstverständlich verschiedener Meinung darüber sein, ob dieser Kapitalbedarf ain besten von einer eigenen Industriebank befriedigt wird. Im allgemeinen sind die Banken in der Praxis von einet Differenzierung ihrer Tätigkeit nach bestimmten Wirtschaftszweigen abgekommen (mit Ausnahme der Institute für Hypotitcken- und Genossenschaftskredit), und im Interesse einet Verkleinerung ihres Risikos ziehen sie es vor, ihre Geschifte auf möglichst viele Wirtschaftszweige auszudehnen. Es wäre vermutlich auch bei uns zweckmäßiger gewesen, wenn, man um die £ 25 000, die der Keren Hajessod für die Gründung .einer besonderen Industriebnnk bereitstellen soll, das Aktienkapital der Anglo Paiestine Company vergrößert und diese dafür verpflichtet hätte, den ganzen Betrag sowie die anderen C 25 000, die sie selbst an Aktien der neuen Bank übernehmen soll, für Industriekrcdife zur Verfügung zu stellen. l>as wäre schon deswegen vorzuziehen gewesen, weil man dadurch zugleich eine wünschenswerte Bilanzverbesserung bei der A. P. C. erreicht hätte. Und wenn man schon durchaus und durchum eine reine Industriebank haben will, dann wäre es praktischer gewesen, sie zur Hälfte von der A, P. C. tmd zur Hälfte du reit den Jewish Colonial Trust gründen zu lassen, wobei der Keren H.vessad ihm £ 25 0(Ä gegen Uebernahme des Gegenwertes in Aktien hätte zur Verfügung stellen können. Dann wäre wenigstens bei unserer Zentralbank das Bilanzbild etwas verschönert worden. Aber wenn man auch mit Fug und Recht bezweifeln kann, ob die Gründung der Industriebank der beste Weg zur Bereit- Stellung* von Kredit für unsere Industrie ist und ob die Gründung selbst in der rationellsten Weise durch geführt wird -- in keinem Fall darf man die Sache so hinstellen, als ob wir der Welt dadurch ein völliges Novum bescheren, ganz bestimmt ist es objektiv unrichtig, wenn man behauptet, ״ihre Gründung stünde ohne Beispiel da. Nicht nur, daß nirgends in. der Welt Industriebanken entstanden sind, sondern in Zeiten, wo die Industrie auf staatliche Hilfe angewiesen war, haben die Regierungen sogar bewußt davon abgesehen, Industriebanken zu gründen , . Im Jahre 1917 wurde in Spanien eine Gewerbekreditbank gegründet, die ausdrücklich zur Förderung der inländischen Industrie bestimmt wurde. Erst Ende 1926 wurde ihr Statut eigens zu dem Zwecke abgeändert, ihre Tätigkeit in dieser Richtung zu Intensivieren. Es ist für uns ganz lehrreich, dieses neue Regulativ kennen zu lernen. Die Bank kann danach Kredite bis auf eine Frist von 15 Jahren gewähren, aber nur unter der Voraussetzung, daß sie für folgende Zwecke verwendet werden: a) Zur Gründung industrieller Anlagen; b) zum Kauf von Rohstoffen, Werkzeugen und Erzeugungsmitteln; c) ־zur Konsolidierung von Schulden industrieller 'Unternehmungen; d) zur Lombardierung; e) für Vorschüsse auf Betriefemittel; f) für Vor* schösse auf die für Schiffsbauten ausgesetzten Prämien und auf ähnliche Zuschüsse des Staates für öffentliche Bauten oder vom Staate kontrollierte Arbeiten, für Darlehen auf Außenhandelspapiere, insbesondere des Ueberseehandels, für Vor* schösse und Darlehen zugunsten von in Spanien veranstalteten amtlichen oder konzessionierten internationalen Aus- Stellungen {! d. Verf.). In Aegypten erhält die Bank Misr, die als n a tionalägyptisches Finanzinstitut als Gegengewicht gegen die in Aegypten arbeitenden ausländischen Banken geschaffen wurde, jahraus, jahrein von der ägyptischen Regierung große, f&r unsere Verhältnisse sehr große Beträge zur Gewährung vort Krediten an die Industrie und vor wenigen Wochen erst hat sie «ich mit der Hälfte des Aktienkapitals an ■der QritndWÄ-»ine#Äfie«JiTPti«rt€» (Spihnirei und' Weber« mit einen tiesaütfapittl vo« Pfund) beteiligt» das von Badrawi Pascha gegründet wird, Keineswegs ist es in unserem Falle vörzuaeherr, statt *Bf diese oder eine andere Weise auch In Palästina durch Hu- Schaltung eines Bankinstituts, direkt aus dem ״RegierungsbudgeF' — wenn man schon die unheilvolle Vorstellung von der zionistischen Exekutive als Regierung der Juden Palästinas beibehalten will — Mittel zur Stützung und zum Ausbau der Industrie zu geben. Erstens führt das zu einer kaum verschleierten Chaluka, zweitens setzt das die Kreditgewährung politischen Einflüssen aus oder verstärkt in jedem Falle den Argwohn der Industriellen, daß sie unter allen Umständen unter Kontrolle der sozialistischen Parteien gehalten werden sollen und drittens ist der bürokratische, geschäftlich und volkswirtschaftlich nur minimal geschulte Apparat der zionistischen Exekutive (wie überhaupt irgendeiner politischen Organisation oder Quasireglerung) gar nicht imstande, die nötige Sicfierheit und Elastizität zur Verwal* tung eines Industriekreditfonds aufzubringen und — last not least — die privatwirtschaftlich-erzieherischen Aufgaben zu erfüllen, die einer fndustriebank in Palästina obliegen. Diese Bficherschaa Samuel Lewin: Zeitwende. Sechste Publikation der Sondno- Gesellschaft, Berlin. Ein umfangreicher Roman eines neuen jiddischen Schriftstellers in deutscher Sprache. Ein unbestreitbares Erzählertalent leidet unter der Ungunst, einen miserablen Uebersetzer zu haben. Der Vorwurf des Romans, der Kampf des alten Geschlechts gegen das junge, durchgeführt bis zum bitteren Ende, im jüdischen Städte!, gäbe Stoff zu einer grandiosen Epopoe. Eine solche ist Lewin nicht gelungen, aber Ansätze sind unverkennbar, wenn auch die Handlung gelegentlich zu wenig straff komponiert und dargestellt, ein wenig auseinanderflattert, manchmal im Folkloristischen, das immer wieder den Darsteller jiddischen Lebens lockt, stecken bleibt, und mitunter Seitenpfade einschlägt, wo den Hauptweg zu beschreiten wichtiger wäre. Aber Lewin bcrechtigt doch zu Hoffnungen, die über das sentimentalfröhliche Gcwiiise! mancher jiddischer Autoren hinausführen. Ueber die Übersetzung aber seien einige sehr abfällige Worte verloren: Muß Unverantwortlichkeit immer mit Nichtkönnen gepaart sein? Darf jeder glauben — und aus diesem Glauben, die für den Leser höchst unangenehmen Konsequenzen ziehen -., daß das Jiddische zu verdeutschen eine höchst einfache Angelegenheit ist? Wenn es schon ein wenig grotesk wirkt, wenn gewisse ein für alle Male feststehende Bezeichnungen für rituelle oder aus der Folklore hergeholte Begriffe, ein wenig täppisch ins Deutsche übersetzt werden, wiewohl dafür gar kein Anlaß vorliegt, sinkt die Uehersetzung stellenweise zu einem kalten, trockenen Referat über Stimmungen herab, das der Arbeit den letzten Rest von Innerlichkeit nimmt, der selbst der schlechtesten jiddischen Erzählung innewohnen muß, weil das Jiddische eben auf Innerlichkeit und heimliches, seelisches Erleben gestellt ist: weil es sein Ausdruck ist, wie vielleicht keine andere Sprache, die nicht das sonderbar trauliche und schmerzliche Seelenleben des Ghettos miterlebt hat. Keine Sprache, glaube ich, ist so schwer zu verdeutschen, wie gerade die jüdische Volkssprache, weil hinter ihr eine Mentalität steckt und das Wissen um Geheimnisse feinster Seelenschwingungen, die Europa unbekannt sind, im besten Falle dem Deutsch des gotischen Menschen ein wenig nahe kommen. Hier aber ist nicht einmal der Versuch gemacht, ihnen gerecht zu werden. Eugen Hoeflieb.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.