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Jüdische Rundschau · 1927-02-25 · Heft 16 (25.2.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 16 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 112 JUED15CHE RUNDSCHAU Nr. 16 schau“ weiß, was wir damit meinen. Wirtschaftliche Unternehmungen, sowohl Arbeiterbetriebe als auch Privatbetriebe, können als Fundament des Aufbauwerkes nur betrachtet werden, wenn sie sich selbst erhalten. Kleine Betriebe, die gut prosperieren, sind auch im nationalen Sinne mehr wert als große Betriebe, die an dem Mangel des Fundierungskapitals leiden. Der Hauptfehler unserer Arbeit, daß wir auf allen Gebieten zu viel gleichzeitig begonnen haben, unsere Mittel und Kräfte überschritten und daher viele Unternehmungen sowohl der Privatwirtschaft als auch der nationalen Wirtschaft in unfertigem Zustand, ohne Kapital und ohne Kreditfähigkeit, zurücklassen mußten, muß so schnell wie möglich behoben werden. Dazu gehört eine geistige Umstellung in dem Sinne, daß man begreift, daß man aus der leeren Tasche nicht ins Endlose wirtschaften kann, daß durch derartigen Maximalismus kein zionistischer Zweck erfüllt, sondern der Zionisinus auf das schwerste gefährdet wird. Diese Aenderung muß sich verkörpern in einer starken Verwaltung, die vom Vertrauen der zionistischen Welt getragen, den Einflüssen und Forderungen einzelner Gruppen zu widerstehen vermag und sich der zentralen Aufgäbe bewußt ist, alle Kräfte auf die Konsolidierung zu konzentrieren. Dies muß uns als das nächste klare Ziel vorschweben, das schwer genug zu erreichen ist, wenn alle mithelfen, das aber fast unerreichbar ist, wenn von irgendeiner Seite Schwierigkeiten gemacht werden. Wieviel Zeit und wieviel Geld die Erreichung dieses Zieles kosten wird, ist nicht genau zu sagen, muß aber wenigstens annäherungsweise von den verantwortlichen Instanzen berechnet werden. Wir brauchen einen neuen Start, einen Ausgangspunkt für erfolgversprechende zionistische Aufbauarbeit, die auch quantitativ unsem nationalen Aspirationen entspricht Um aber diese Vergrößerung zu erzielen, müssen wir uns zunächst beschränken; wir müssen wirtschaftlich gesund machen, was lebensfähig ist, und die Augen nicht verschließen, wenn dieses oder jenes Experiment der vergangenen Jahre als mißlungen erkannt wird. Die Arbeiterschaft ist stets der Pionier des palästinensischen Aufbaus gewesen. Sie müßte auch heute wieder mit der entscheidenden Tat vorangehen, auszusprechen was ist, und mit dem ihr eigenen Mute die Konsequenzen zu ziehen, auch wenn dadurch manche Parolen, für die sie bisher gekämpft hat, verdrängt werden, wie z. B. die Parole der unbeschränkten Ein- Wanderung unter allen Umständen. Leider vermissen wir in den Beschlüssen der Moazah auch nur eine Andeutung derartiger Gedankengänge. Und darum sind die Beschlüsse für die zionistische Welt unbefriedigend. Es wäre unaufrichtig gegenüber der Arbeiterschaft, dies zu verschweigen. Die zionistische Welt will heute wissen, wie sich die Faktoren, die bisher die . Prpiekt! Seßjiaftmachung der heute im Lande befindlichen Ar־ beiter jrorstellen. Eine äußerste Kraftanstrengung ist notwendig, um die gegenwärtige Arbeitslosigkeit zu besiegen oder zu mildem und katastrophale Folgen zu vermeiden. Die Arbeiterführer suchen alle Auswege, alle Arbeitsmöglichkelten, sie opfern ihre Zeit und ihre Nerven, und die zionistische Weit kann sie nicht im Stich lassen, sie muß die außerordentlichen Summen, die nötig sind, beschaffen. Aber zugleich muß sie von den Menschen, die ja die Führung in dieser Sache beanspruchen, fordern, daß sie nicht nur für den Tag, sondern für die Verwirklichung des Zionismus Vorschlage machen. Das Problem des Zionismus ist nicht: Wie beschäftige ich Arbeitslose, um sie vor Hunger zu bewahren, sondern: Wie soll Erez Israel aufgebaut werden? Statt die Resolution über die neuen Zertifikate hätte die Moazah eine Resolution fassen müssen, worin sie die zionistische Exekutive auffordert, eine starke Verwaltung zum Zwecke der Konsolidierung einzusetzen, einen genauen Plan hierfür im Einklang mit den Realitäten des Landes unter Ausschöpfung aller wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuarbeiten, die äußerste wirtschaftliche Rationalität anzustreben, einen Zustand herbeizuführen, der die Aussicht auf Kreditfähigkeit eröffnet und so den Weg zu einer Erleichterung des Aufbaus durch Kredite an Stelle von ״Anleihen“ freimacht. Es sei hier nur bemerkt, daß von einer solchen Reform keineswegs nur die Arbeiterbetriebe betroffen würden, vielmehr ist auch eine Kontrolle der wirtschaftlichen Führung vieler Privatunternehmungen, die mit öffentlichem Geld arbeiten, vonnöten, und die Arbeiter sollten nicht sich mitschuldig machen an der mangelnden Kontrolle, indem sie durch ängstliche Verteidigung ihrer ״Autonomie“ auch den andern einen Freibrief ausstellen. Die bevorstehende allgemeine Konferenz der Arbeiter-Organisation, der angesichts der Lage eine große Bedeutung zukommt, steht vor einer sehr schweren, aber notwendigen Aufgabe. Wenn sie die Arbeiterschaft für ein Programm der Konsolidierung und der durchgreifenden Verwaltungsreform im Aufbauwerk gewinnt und manche eingewurzelte irrige Vor- Stellungen zerstört, dann wird sie sich ein großes Verdienst um die Verwirklichung des Zionismus erwerben und der Arbeiterschaft den Platz sichern, der ihr als nationalem Faktor ersten Ranges gebührt Tut sie das nicht, dann müssen alle diejenigen, die sinnlose innere Kämpfe im Zionismus nicht wünschen, der Zukunft mit großer Unruhe entgegensehen. Darom mußte hier mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß das Rettungsprogramm der Histadruth ohne ein zusätzliches Programm der Konsolidierung zwar aus menschlichen und nationalen Gründen beachtenswert, aber keine entscheidende zionistische Tat ist Die große zionistische Tat steht der Histadruth noch bevor. R. W. Welzmann und die Arbeiterschaft Als Entgegnung auf die Depesche der Histadruth, die die Beschlüsse der letzten Moazah, insbesondere die Drohung mit dem Rücktritt der Arbeitervertreter in der Exekutive (Sprinzak und Kaplanski) mitteilt, sandte Welzmann, wie wir der palästinensischen Presse entnehmen, folgendes Telegramm an den Vorsitzenden der Arbeiterorganisation, Ben Qurion: ״Den Austritt der Vertreter der Arbeiterschaft aus der Zion. Exekutive werde ich als eine Spaltung der Bewegung betrachten. Auch ich werde dann zurücktreten. Welzmann.“ PalSsttnafragen vor dem Unterhaus Jerusalem, 22. Februar. (J.T.A.) In der gestrigen Sitzung des englischen Unterhauses richtete Oberstleutnant Kenworthy an den Kolonienminister die Frage, welche Schritte unternommen wurden, um die Zustände in der Q u a - rau täne bei Haif a zu verbessern.•״Diese QuiWaÄnBvsa«^, Mr. Kenworthy, liege in der Nachbarschaft eines Malariasumpfes, zu dessen Sanierung die Regierung endlich schreiten mußte. Der Minister für die Kolonien, Mr. Amery, erwiderte, es seien ihm die Verhältnisse in der Haifaer Quarantäne nicht bekannt; er habe den Oberkommissar von Palästina aufgefordert, einen Bericht über die Lage zu erstatten, er erwarte das Eintreffen dieses Berichtes. Aut die Frage eines anderen Unterhausmitglieds, wie es um die Herausgabe der originalen palästinensischen Währung bestellt ist, erwiderte der Kolonienminister Amery. die Noten und Münzen des Landes Palästina werden im Herbst 1927 fertig sein. Die Aufschriften und Prägungen werden in englischer, hebräischer und arabischer Sprache gehalten sein. Visa-Erleichterungen lür Touristen Die Palästina-Regierung instruierte die britischen Konsuln in allen Ländern danin, daß den Touristen, die sich nach Palästina begeben wollen, Einreise-Visa unter vereinfachteren Bedingungen ausgefolgt werden. Es soll den Touristen der BesuchPalästinasmöglichsterleichtert werden. Das geistige Joflenproblem tat Amerika New York, 7. Februar. (J. T. A.) In Anwesenheit von mehr als 500 Professoren, Rabbinern und anderen Vertretern der jüdischen Intelligenz Amerikas wurde in diesen Tagen im Hotel Commodore die Jahreskonferenz der Gesellschaft ״Menorah“, der die Studenten- und Alte-Herren-Verbände angehören, abgehalten, im Vordergründe der Diskussion stand die geistige Lage des amerikanischen Judentums. Der Vorsitzende, Dr. H u r w i t z, führte aus, die amerikanische Intelligenz suche ehrlich einen Weg zum Judentum durch Religion, Philanthropie und Nationalismus, ohne ihn recht zu finden. Das Ziel der Konferenz ist es, dieser Intelligenz ein geistiger Berater zu sein. — Prof. Erdmann von aer Columbia-Universität schilderte den tragischzwiespältigen Seelenzustand des amerikanisch-jüdischen Intelligenzlers, der in assimilatorischer Sphäre erzogen wifd und bei dem sich sein jüdisches Gewissen erst spät zu regen beginnt. Viele amerikanische Juden, fuhr Prof. Erdmann fort, kommen erst dann zum Bewußtsein ihrer jüdischen Zugehörigkeit, wenn man sie in ein Christliches Hotel oder christlichen Klub nicht aufnimmt. *Andere kommen zum Gefühl ihres Judentums durch eine mystische Kraft, Sie wenden sich an die Reform-Synagoge, die sie. nicht befriedigt; Orthodoxe können sie nicht mehr werden, da sie zu sehr Schüler der modernen Wissenschaften geworden sind. — Als dritter sprach Prof. M. A. Kaplan, der ausführte, die amerikanischen Juden glauben, mit Philanthropie die Judenfrage lösen zu können. Das ist Täuschung. Die Juden Amerikas müssen das jüdische Leben in Schule und Heim zu verstärken suchen. Prof. Kaplan tritt für Schaffung von Kulturgemeinden (im Gegensatz zu Kultusemeinden) ein. Das Reformiudentum, welches einen jü-!sehen Nationalismus verneint, hat Mißerfolg gehabt — Lewis M u m f o r d (bekannt auch in Deutschland u. a. durch sein kürzlich bei Bruno Cassirer erschienenes Buch ״Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer“ — A. d. R.) wandte sich gegen die Idee eines lOOprozentigen uniformen Amerikanertums und fordert freie Entfaltung für nationale Eigenart, auch freie Entfaltung der jüdischen Kultur. — Weiter sprachen Prof. Edward Sapnir aus Chikago, Prof. Aberman vom Religiösen Institut, Prof. Selig Perimatt aus Viscounsin, Prof. Nathan Isaacs von der Harvard-Universität, Dr. Rubinow aus Philadelphia, Rabbi Finkeistein und Prof. Socer aus Chikago u. a. m. In der Schlußsitzung der Konferenz hielt Prof. Adolf S. Öko, Bibliothekar des Hebrew Union College einen Vortrag über Spinoza anläßlich dessen 0מ. Todestag. Dr. Welzmann hielt eine große Rede, in der er die Bestrebungen eines Ausgleichs zwischen jüdischer und amerikanischer Kultur analysierte und auf die Erfahrungen der Assimilation in Europa hinwies. Wir Juden sind überall eine Minorität und auch als Wissenschaftler von den anderen abhängig, die Universität Jerusalem ist der erste Versuch, Juden wissenschaftlich arbeiten zu lassen ohne den Zwang, sich anderen anzupassen. Dr. Weizmann zeigte, daß die lntellektueilen, die ehrlich von ״jüdischer Kultur“ als etwas Erstrebenswertem reden, dem Zionismus nicht fembleiben können. Auch Philipp GuedaHa, der Vorsitzende der English Zionist Federation, hielt eine Ansprache. Mit großem Enthusiasmus wurde die Mitteilung aufgenommen, daß die Menorah-Konferenz die Gründung eines Zentrums für jüdische Wissenschaft und Forschung in Amerika beschlossen hat Das Institut wird den Namen ״Menorah-Foundation“ tragen: ihr Ziel ist die Förderung und Verbreitung von Kenntnissen des jüdischen Schaffens in Vergangenheit und Gegenwart. Jacob Wassermann ist dieser Tage an Bord des Dampfers Hamburg in New York eingetroffen. In einem Gespräch mit dem Vertreter der J. T. A. sagte Wassermann, er werde bi den Vereinigten Staaten als Gast des jüdischen Bankiers Harry Goldman etwa zwei Monate verweilen. Meine Stellungnahme zum jüdischen Problem, fuhr Wassermann fort, habe ich in meinem Buche ״Mein Weg als Deutscher und Jude“ und durch den Mund einiger Helden meiner Romane zum Ausdruck gebracht Meine Meinung ist, daß die Juden in den verschiedenen Ländern nicht um Duldung zu bitten haben, sondern überall aut ihre Rechte stolz pochen sollten. Da ich weder Politiker, noch sozialer Funktionär bin, stehe ich eigentlich keiner spezifisch-jüdischen Bewegung nahe. Ich bin jedoch aut meine eigene Weise an den jüdischen Problemen interessiert Der Redakteur Ben A vv i gab eine Biographie seines verstorbenen Vaters, des hebräischen Sprachforschers und Verfassers des ״Thesaurus“, Ben J ehuda, in hebräischer Sprache, gedruckt in lateinischen Lettern, heraus. Es ist dies das erste in lateinischer Schrift erscheinende hebräische Buch. Zntn Tode Jod Engels Von G Sirkes, Tel-Awiw, Ein plötzlich herangebrochenes furchtbares Gewitter tobte ohne Unterbrechung seit drei Tagen. Aus bleigrauen Wolken schlugen ungeheure Wassermengen, Hagel, BJitz und Donner, das Meer schrie verzweifelt, vom Sturm aufgewühlt bis in die letzten Tiefen. Riesige Wasserberge rasten weit über das Ufer hinaus. Doch stärker als die entfesselten Naturgewalten traf die verängstigten Gemüter die Nachricht vom plötzlichen Ableben Joei Engels. Den von einer schweren Krankheit Genesenden, den Wiedergewonnenen der Arbeit, dem freudigen Schaffen, der Gemeinschaft und Liebe riß eine jähe Herzschwäche in wenigen Augenblicken aus dem Leben..... Noch lag das Notenblatt, auf dem der plötzlich Verstummte an einem Liede ״Üneg Sciiabath“ (die Schabathfreude) Ws zum letzten Augenblick gearbeitet hatte, unvollendet, noch schwebte in der Luft der Duft seiijer warmen Persönlichkeit, doch er selbst lag inmitten der aufgesdireckten, nicht-begreifen-könnenden Freunde, die auf einmal seine stille Behausung aufsuchten, still, bleich, entrückt..... Joel Engel — eine reine, gütige Seele, eine edle Kämpfernatur, der alles Kleinliche, Trübe, Allzumenschliche fernblieb. Ein Fanatiker der Arbeit, der Pflicht Durch sein bloßes Dasein, durch das scharfsinnige, ehrliche, immer heitere Wesen, durch die Strenge des Verantwortungsgefühls, welches ihm innelag, wirkte er auf uns, denen er Führer und beratender Freund war, aufrichtend, stärkend, ermutigend. Ein Licht, welches wärmte und das Gedeihen förderte. Als ich einmal vom Unmut eines Augenblickes hingerissen za behaupten wagte, daß es vielleicht erst den kommenden, hier geborenen Generationen gelingen wird, die Verhältnisse im Lande zu meistern, unterbrach mich Engel heftig: -- und der Schweiß, der heute die Erde trinkt, das Herzblut, das hier täglich und stündlich fließt? Jeder Tag ist heiligEr verstand es wie nur Wenige, jeden Augenblick zu schätzen, in der Gegenwart zu leben. Beim zweiten Sinfoniekonzert, im Januar, welchem er trotz der schon in ihm keimenden Krankheit beiwohnte, kam er auf mich freudenstrahlend zu: es war schön wirklich ein Mozart, diese Feinheiten, und an Stelle des Fagots, ein altes Reisekofferharmoiiium, haben Sie gesehen? Aber es wird, immer mehr und besser.... “ Jeder Neuerung, jedem Beginnen und Versuch stimmte er freudig zu. Vornehm, bescheiden, allzu bescheiden. Immer bereit zu geben, zu beschenken, ohne für sich nur etwas auch zu beanspruchen. Ith entsinne mich, wie er — als man ihn anläßlieh seines 25jährigen Arbeitsjubiläums an der jüdischen Musik, während des Musikerkongresses, feierte — jede Aus- Zeichnung ängstlich abwehrte. Er haßte das Getue, Aeußerllchkeiten. An seinem Sarge (er wiederholte es bei jeder Gelegenheit) wollte er keine Blumenspenden, keine Grabreden haben. Leidenschaftlich hing er am Leben, und ganz besondere nah und lieb waren ihm Kinder, immer bereit, ihnen zuzuhören, sie zu beschenken. Kinderlieder, Kindertänze, was er für sie tat, es war ihm immer zu wenig. Die musikalische Ausbildung der Arbeitertheaterschule ״Ohel“, die ihm oblag, war ihm eine Erholung, eine Quelle reinsten Genusses. Zusammen mit der ״OheDtruppe, die vor einigen Monaten in den Kolonien die Perez-Einakter aufgeführt hatte, bereiste Engel das Land. Die offenen Herzen, die begeisterte Aufnahme, die er überall vorfand, verjüngte, frischte ihn wundervoll auf, beseelte Ihn mit Plänen, Ideen. Heimgekehrt ging er sofort an die Arbeit, um für sie zu komponieren, das Band zu festigen. Doch am tiefsten, am innigsten liebte Engel das Volk, die breite, jüdische, arbeitende Masse, von der er alles, aber auch alles erhoffte. ״Von da aus werden wir genesen“, pflegte er zu sagen,, ״hier schlummern noch unglaubliche Kräfte und Mögilcnkeiten.“ Mit seltener Feinfühligkeit ahnte er ihre Nöte, ihre Sehnsucht heraus. In den letzten Zeiten war er bestrebt, nur Lustiges, Freudiges, Helles zu gestalten. Es war im Beth-Am. Der Engel-Abend, eine Auswahl seiner Kompositionen lockte Tausende und Tausende herbei, um die so heimischen, so vertrauten Klinge zu genießen. Nach dem zweiten, heiteren Teil, als der Jubel und die Begeisterung nicht enden wollten, sagte mir Engel: ״. . . wie stark und unverdorben muß man sein, um trotz der ganzen Tücke des Schicksals so ganz in Freude und Klang aufgehen zu können. Ich möchte so gerne eine komische Oper komponieren. Etwas Leichtes, Duftiges, Sonniges. Wollen Sie mir vielleicht ein Textbuch dazu schreiben?“ Das Textbuch für die erste Jüdische Buffo-Opcr schuf der hebräische Dichter Awigdor Hame-iri. Einige Tage vor Engels Tode legte er das Manuskript in seine Hände. Glückselig vertiefte sich Engel sofort In das Werk, konnte nicht mehr den Augenblick erwarten, um sich der Arbeit wieder hinzugeben. Und gerade jetzt, auf der Höhe der Schaffenskraft, als ihm das Leben so schön, so reich schien . . . gerade jetzt mußte das glühende, starke, liebevolle Herz verstummen... Wir sind ärmer geworden. Die klaffende Wunde, die sein Tod in unserem Herzen riß, blutet. Es ist leer, so trostlos, so schwer . . . * Die Berliner Trauerfeier für Joel Engel findet nicht am 27. Februar, sondern am 6. M ä r z im Logenhaus statt. Vorlesang Ernst Toller ln einer Veranstaltung der Kunsthandlung Neumann-Nieren• dort las am vergangenen Dienstag Ernst Toller im Blüthner- Saal aus eigenen neuen Arbeiten. Der Abend wurde eingeieitet durch eine eindrucksvolle Rede gegen die deutsche Reaktion, die die Errungenschaften der Revolution zerstört Der Haß gegen die dunWeii Mächte der Unterdrückung durchzieht Tollere ganzes Werk. Dichtung und Leben sind bei ihm eine kaum zu trennende Einheit. Sein Zorn gilt einer Weltordnung, die den Menschen mißachtet, entwürdigt, als ein Mittel zum Zweck in dem großen Mechanismus betrachtet, den die Macht des Uneistes lenkt Er sträubt sich gegen die Beleidigung des Gottchen im Menschen, des Einzigartigen, das er mit den Sinnen des Dichters in jeder Menschenseele in besonderer Weise, als immer neues Gotteswunder, sich entfalten sieht. Nur die Liebe vermag dieses Letzte im Menschen zu finden, sie ist das Element einer Brüderlirhkeit, aus der sich eine neue geistverbundene Welt aufbauen soll. Nach ihr geht Tollere Sehnsucht. Um ihretwillen schildert er mit krassem Realismus die Widerwärtigkeiten, die Gemeinheiten, die zynische Selbstgefälligkeit der Satten und Zufriedenen, die sich besonders im Krieg und in der Revolution offenbarte. Daß Toller keineswegs ein unkritischer Anhänger des Kommunismus ist, bewiesen seine feinen und gut geschriebenen Reisebilder aus Rußland. Die Geschichte eines Mörders enthüllt das Unrecht, das in jedem Recht steckt und die Grausamkeit der Mißachtung elementarer menschlicher Im-

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