Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1927)
- Date
- 1927-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite!06 der palästinensischen Entwicklung wird ,nicht von äußeren Kräften bestimmt, sondern von der Gemeinschaft, welche praktisch im Lande den Zionismus verwirklichen kann. Nach meiner Schätzung haben wir bisnun mit unseren gesamten Anstrengungen nur gegen ein Zehntel des jüdischen Volkes für den Palästinagedanken gewonnen. Damit will ich allerdings nicht behaupten, daß die übrigen neun Zehntel azionistisch oder gar antizionistisch seien. Aber eine Bewegudg wie die unsere muß in der Lage sein, über eine eingespannte Kraft zu verfügen. Zehn Prozent sind für unsere riesige Aufgabe, der Nation eine Zukunft vorzubereiten, zu wenig. Deshalb müssen wir unsere Reihen vergrößern. Selbstverständlich werden die neu herangezogenen Elemente in der ersten Zeit sich an der Peripherie unserer Bewegung befinden. Es unterliegt aber gar keinem Zweifel, daß Palästina sie Schritt für Schritt näher ans Zentrum ziehen wird. Ich habe auch gar keine Angst vor eventuellen Reibungen in der Zukunft. Größere Reibungen als in unserer Zionistischen Organisation kann man sich doch nicht vorstellen. Auch der zweite Einwand, wir bezahlten einen allzu hohen Preis, indem wir Abmachungen schließen mit Elementen, weiche den Primat Palästinas nicht anerkennen — ist meines Erachtens unbegründet. Audi diesbezüglich lassen wir uns durch eine bestimmte Phraseologie verleiten und ignorieren die Wirklichkeit. Soll es erlaubt sein, doch einmal die Wahrheit auszusprechen. Haben wir doch im Zionismus ganze Gruppen, welche auf ihren Lippen zwar den Primat Palästinas tragen, wohl aber für Erez-Israe! kaum Maasser vom Maasser ihrer Aktivität hergeben. Wäre der Primat Erez-lsracis bei ihnen keine Phrase, sondern eine Wirklichkeit, dann hätten wir mit unserem Beispiel andere Kreise des Judentums angesteckt und die erweiterte Agency wäre schon längst eine Tatsache. Und zum Schluß noch eine Prognose: Siegen werden im Zionismus diejenigen Elemente, welche mit der Wirklichkeit rechnen. Revolutionäre Worte sind nicht schwer; unsere Wirklichkeit gestaltet sich meist ganz anders. Um bei uns die Macht zu ergreifen, genügt es nicht, die ״Stühle“ wegzunehmen, auf welchen die Exekutive sitzt; man muß auch die Kasse übernehmen, aber diese wird angefüllt nicht mit durch Polizeimacht exequierten Steuern, sondern durch moralischen Einfluß auf die jüdischen Massen. Wer den Stuhl an sich schleppt, ohne sich die Deckung der Bedürf - nisse der Kasse versichert zu haben, kann in eine ganz läehcrliehe Lage geraten. —- Ihre Eindrücke In Polen? — Ich will noch kein abschließendes Urteil fällen, fch habe erst einige Städte besucht, und dies genügt noch nicht, ein definitives Wort zu sprechen. Eines ist aber für mich schon jetzt klar, daß alle Redensarten über die ״vierte Alijah“ und die Depression nach ihr unbegründet sind. Durch wahrheitsgetreue Aufklärung und fortwährende Betonung unserer Hauptaufgaben kann auch in Polen breite und tiefe Arbeit geleistet werden. Die innere Krise im Zionismus kann und wird überwunden werden, wenn es uns gelingt, der Krise in Palästina Herr zu werden. Einstein nnd die hebräLscheUniversIlät Die New Yorker jiddische Tageszeitung ״Der Tog“ brachte vor kurzem eine Meldung ihres Jerusalemer Kor.©־ spondenten, wonach Prof. Albert Einstein in einem Schreiben an den Rektor der Hebräischen Universität zu Jerusalem, Dr. Judah L. Magnes, erklärt hätte, er trete aus dein Kuratorium der Hebräischen Universität aas, da er sich mit dem Geiste, in welchem das Judaistische Institut geleitet wird, nicht identifizieren könne, insbesondere wende er sich dagegen, daß der Bibelkritik so starke Schranken gesetzt sind. In der Mitteilung des Korrespondenten des New Yorker Blattes heißt cs noch, die letzte Ursache für Prof. Einsteins Rücktritt wäre der Umstand gewesen, daß Prof. Dr. Z. H. Chajes, der Oberrabbiner von Wien, nicht eingeladen wurde, den Lehrstuhl für Bibehvissenschaft am Judaistischen Institut einzunehmen, weil seitens der orthodoxen Elemente nach dieser Richtung ein Druck ausgeübt sein soll. Einstefh ermächtigte nun die J. T.A. zu erklären, er sei aus dem Kuratorium der Hebräischen Universität nicht ausgetreten und beabsichtige auch nicht, seinen Austritt zu vollziehen; bestehende Unstimmigkeiten liegen auf einem anderen Gebiet. 1ÜEDTSCHE RCNÖSCHAU Offizieller Wlrlscbalfsberlcht Palästinas .London, 15. Februar, fl.T.A.) Das Departement für I Ucberseehandci der britischen Regierung veröffentlicht soeben einen Bericht des Herrn K. W. Stead, Direktor des Zoll-, Steuer- und Handelsdepartements der Palästina-Regierung, über die wirtschaftliche una finanzielle Lage im heutigen Palästina. Die Zahl der Bevölkerung, bemerkt er einleitend, betrug am 30. April 1026 schätzungsweise 752268 Seelen, wozu nofn etwa 100000 nomadische Beduinen kamen. Man schätzte, daß es unter dieser Bevölkerung 528223 Moslcmiten, 100 000 moslemitische Beduinen, 139 645 luden und 75 936 Christen gab. Der Rest waren Drusen. In diese Zahl sind die britischen Soldaten nicht eingerechnet. Die jüdische Einwanderung ist ein wichtiger Faktor für das Wachsen der Bevölkerung. Das Land selbst leidet noch am Mangel an Bevölkerung, es ist darum auch unterkultiviert. Es fehlt an Kapital. Es machen sich aber unter der städtischen Bevölkerung moderne Gescliäftsmethoden geltend, und es besteht aller Grund, auf eine weitere Entwicklung und auf einen guten Fortschritt zu hoffen. Die Handelslage des Landes, die schon 1924 stabiler geworden ist, erhielt im Verlauf von 1925 dank dem Einströmen von Menschen und Kapital einen starken Impuls. 1925 kamen 34 641 Menschen ins Land. Im ersten Halbjahr 1925 erreichte der Zinsfuß den niedrigsten Stand seit der britischen Okkupation. Eine Summe von zwei Millionen ägypt. Pfund wurde in Wohngebäuden für neue Siedler investiert, davon 70 <V0 in Tel-Awiw, dem damaligen Hauptzentrum der Bautätigkeit. Die Bedürfnisse des Landes an Nährstoffen, Bekleidung und Maschinen stiegen ziemlich hoch, was spekulative Käufe und dann eine Kapitalsknappheit zur Folge hatte. Eine Anzahl Bankerotte waren zu verzeichnen, die der bestehenden scharfen Konkurrenz und der unsicheren Basis mancher Kaufleute zu zuschreiben waren. Meist leidet die Stadt Tel-Awiw unter der gegenwärtigen Depression. Bei einer vorsichtigen Politik seitens der Banken, einem Aufhören der Bodenspekulation und der Beschränkung der Aufträge auf das Notwendigste ist zu erwarten, daß die Depression bald vorüber sein wird. Die passive Handelsbilanz, heißt cs in dem Bericht weiter, wird ausgeglichen durch folgende Posten: Touristenverkehr, Ausgaben zionistischer Institutionen, philanthropische Gesellschatten, religiöse Missionen, Einwandererkapital, Weiterexport nach Transjordanien und Syrien und Kapitalanlage und Geldsendungen von außerhalb. Die moderne Geschäftseiltwicklung geht weiter, die direkten Verbindungen mit auswärtigen Firmen vermehren sich, obwohl 35 «/« bis 40 %> des Handels itt den Händen von Agenten und Kleinkaufleuten sind. Während 1924 13 auswärtige und 29 palästinensische Handelsgesellschaften registriert wurden, kamen 1925 12 auswärtige und 27 einheimische hinzu. Die palästinensischen Handelsgesellschaften repräsentieren ein Kapital von LE 255 675. Die kooperative Bewegung, die sich insbesondere in den jüdischen Ortschaften entwickelt, wurde 1920 gesetzlieh bestätigt. 1925 wurden 47, 1924 26 Kooperativgesell־ schäften eingetragen Mehrere Kooperativbanken sind in Tätigkeit. Der britische Handel mit Palästina. Im Bericht K. W. Steads wird weiter mitgcteilt, daß der Import aus Groß-Britannicn nicht wesentlich zunimmt, immerhin stehe England im Handelsverkehr mit Palästina noch immer an erster Stelle. Importiert werden meist Baumwolle, Garne, Wollstoffe und Wasche. Der Gesamt- Import aus anderen Teilen des britischen Reiches vermehrte sich von £E 351940 im Jahre 1.921 auf £E 533 553 im Jahre 1925. Aus' Indien und Australien kamen ,Weweo^WeiiavnjehE ' und - Reis י ' mf Werte Vefti . . M 1Ml der Importländer steht Syrien, an dritter Deutschland, an vierter die Vereinigten Staaten. Als Esqsortland kommen in erster Reihe Aegypten, England und Syrien in Betracht. Die Entwicklung der Industrie in Palästina. Palästina ist vorwiegend Ackerbauland, h ißt es Im Be i:ht weiter. Erst seit der britischen Okkupation hat sich hier eine Industrie zu entwickeln begonnen. Produziert werden außer Wein und Olivenöl, die schon vor dem Kriege hier heimisch waren, Zement, Seife, Seide, Leder, Mehl, Baustoffe und Textilien. In diese Unternehmungen sind zweieinhalb Millionen ägypt. Pfund investiert. Noch aber ist dtc landwirtschaftliche Produktion führend. Die lokale Industrie erhält ihren wichtigsten Impuls,durch die Errichtung von Kraftstationen in Tel-Awiw, Haifa und Tiberias durch die Palestine Electric Company. Der Bedarf an elektrischer Kraft in Tel-Awiw und Jaffa steigert sicli rapide, so daß immer größere Maschinen aufgestellt werden müssen. Elektrizität wird jetzt von der Station in Tel-Awiw nach Petach Tikwah, der größten der benachbarten Kolonien, geliefert. Voraussichtlich wird sehe« in kurzer Zeit mit den Arbeiten zur Errichtung der hydroelektrischen Kraftstation am Jordan begonneii werden. Die | erste hycMickktrischc Station wird in der ersten Zeit täglich Kr.!5 24000 PS produzieren. Diese Produktion kann sich aber im Bedarfsfälle auf 300000 PS täglich steigern. Die jüdische Arbeiterschaft fn Palästina. Man zählte in Palästina 30000 jüdische Arbeiter, von welchen 7000 in der Landwirtschaft, 7033 im Baufach, 6030 in der Industrie, 2500 im Handwerk, 2500 im Transportwesen beschäftigt sind. 4000 weitere Arbeiter sind ungelernte, 1Ö0Ü in verschiedenen kleinen Fächern tätig. 21000 jüdische Arbeiter in Palästina sind gewerkschaftlich organisiert. Ihrer Organisation haben sich einige hundert Araber angeschlossen. Nach der britischen Okkupation machte sich in der Industrie ein Mangel an gelernten Arbeitern fühlbar. Dieser Mangel ist durch Zuwanderung in weitem Ausmaße ausgeglichen worden. Vom 1. Januar 1922 bis 30. Juni 1925 kamen 24289 hauptsächlich jüdische Arbeiter ins Land. Im Jahre 1925 zeigte der monatliche Ausweis über Arbeitslose unter Juden (Januar bis Dezember) die folgenden Ziffern: 403, 603, 450, 400. 400, 450, 500, 400, 400, 600, 1230, 3030. Ende Juni 1926 zählte man schon 6000 Arbeitslose, von denen etwa 2033 eiij bis zwei Tage in der Woche beschäftigt wurden. 40 0/0 der Arbeitslosen waren Maurer.' Seit Januar 1925 ist die Ziffer der Arbeitslosigkeit eine konstante. Die Arbeitslöhne verminderten sich in den letzten acht Monaten um 25 bis 30 0/0. 1926 kamen 29 Streiks vor, in die 2581 Arbeiter verwickelt waren. In Fragen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beobachtet die Regierung Unparteilichkeit. Man beschränkt sich auf die Aufrechferhalfung der Ruhe. Touristenverkehr. Die Touristensaison 1925 war befriedigend, Tausende von Besuchern kamen im April anläß ich der Eröffnung der Universität Jerusalem. Auch der Sommerverkehr nimmt ständig zu. Der Mangel an guten Hotels steht dem Fortschritt des Touristenwesens, das für die Zukunft große Aussichten hat, noch im Wege. Me palästinensische Textilindustrie Das neue Departement für städtische Kolonisation der zionistischen Palastina-Exekutive zur Förderung der Textilindustrie in Palästina hat einen Plan für die Errichtung einer Tcxtif-Versuchsstatfon entworfen. Palästina — so glaubt das Komitee — hat alle Bedingungen, die für eine erfolgreiche Entwicklung dieser Industrie günstig sind: passendes KHma und Nachbarschaft der Quellen für Rohmaterial und der Märkte von großer Aufnahmefähigkeit. Def Erfolg der bereits bestehenden Textilunternehmungen beweise dies. Um weitere Fortschritte zu erzielen, sei die Errichtung eines Institutes für die wissenschaftliche Erforschung voq Materialien, der Herstellungs- und Absatzbedingungen, die für Palästina am besten geeignet sind, und die Ausbildung gelernter Arbeiter und Spezialisten erforderlich. Es wird vorgeschlagen, die Zionistische Organisation möge ein langfristiges Darlehen gewähren, damit die Versuchstation, die als Geschäftskonzern geführt werden und unter Leitung von Privatpersonen, die Finanziell daran interessiert sind, stehen soll, errichtet werden kann. Besondere Aufmerksamkeit soll der Entwicklung von kleinen Textil-Hausir.dusfrien in Palästina gewidmet werden. _ (Ziko.) Wirtscbaltspolltik an! lange Sicht! Im ״Haaret*“ vom 8. Februar betont M. Glückson ־— bei Besprechung der letzten Beratung der HIstadruth — , die Notwendigkeit, neben der Fürsorge, die f ür den Aügen- 1: ®14tfk“'lÄreciil׳#fgt,lÄr’:|־־wa6rö11po dei״ ZuBanft nicht za vergessen. Die Berechnungen der meisten Führer der Arbeiter* schaft über die nötigen Summen, deren es bedarf, um die Krise zu überwinden, können den Eindruck hervorrufen, als ob mit £ 200 (KW die Krise tatsächlich beseitigt werden würde, ln dieser Illusion liegt eine Gefahr. Die Opfer, die Palästina heute fordere, seien nur Palliativmittel, die uns nur erlauben würden, für einige Monate Atem zu schöpfen. Wir müßten diese wenigen Monate des Aufatmens zu radikalen Re formen in den Methoden unserer Wirtschaft, zur Prüfung ihrer Prinzipien von Grund auf, benutzen. Der Verfasser erinnert an den Vorschlag, den Luft, einer der Redner in der Moazah der Histadruth. gemacht hatte, die national-wirtschaftliche Produktion auf die Orangenkultur hinzulenken, welche geeignet ist, privates Kapital anzuziehen und dadurch die gegenwärtige Krise zu mildern. Die Brüsseler Tageszeitung ,,Le XX. Sifecle“, ein katholisch-klerikales und nationalistisches Organ, veröffentlicht ein Interview mit dem Vizepräsidenten der belgische« Kammer, Baron Thib#t1d? der unlängst von einer Reise durch Aegypten und Palästina zarückgekchrt ist und sich sehr bewundernd über den Zionismus äußert. S. Juschkewttz Der vor einigen Tagen in Paris verstorbene russischjüdische Schriftsteller Scmjon Juschkewitz zählte zu den stärksten Talenten unter jener kleinen Dichterschar, die jüdisches Leben, jüdische Menschen in russischer Sprache schildern. Seine Besonderheit bestand darin, daß er ein ungcwohntes, unbeachtetes Milieu für seine Novellen und Romane wählte. Die von ihm geschilderte Welt ist nicht jene dem Leser vertraute und die, die er in der jüdischen, hebräischen wie auch in der russisch-jüdischen Literatur ver* . körpert sah. Nicht das Städtchen und auch nicht die Stadt der noch ungelockcrten Traditionen, der warmen Atmosphäre einer Zuversicht und Sich-eins-fühlen mit dem Volke waren die Welt, die Juschkewitz in seinen Büchern gestaltete. Er hat den jüdischen Proletarier oder eher den Lumpenproletarier der Großstadt, er hat Abenteurer, Hochstapler (Leon Drey), entwurzelte Existenzen geschildert. Und die Großstadt, in der er seine Helden aufspürte, war nicht Wilna, nicht Warschau, sondern Odessa, jene Stadt der Träume, jene Stadt der großen Möglichkeiten, ein russisches New York, bevor noch die jüdische Emigration nach Amerika anfing. Alles, was sich entwurzelt fühlte, alles, was sich am Leben gescheitert sah, ging, floh dorthin, nach der ״sydlichen Palmira“, wie Odessa genannt wurde, um ein neues Leben anzufangen. Nach Wilna fuhr man und wurde gleich umwoben von einer warmen Atmosphäre jüdischer Lebensart, in Odessa aber konnte man untertauchen. In dieser Stadt ohne Traditionen genoß man die Freiheit, nach der Gescheiterte, Phantasten, Abenteurer aller Art sich sehnen. — Gleich Gorki, der seine philosophierenden Vagabunden und Lumpcnproletarier in den Spelunken des Odessaer Hafens aufling, stieg auch Juschkewitz in die Keller der Annen und Verzweifelten. Auch seine Helden philosophieren gern über das Getriebe und streifen oft die letzten Dinge. Eine düstere, hoffnungslose Welt Mitunter verirrt sich in die Gemeinde der Hoffnungslosen ein in die verheißungsvolle Zukunft Ausschauender, wie jener Geiger, der seine elende Schlafstelle im Keller nicht merkt, aber auch nicht die Liebe des Mädchens, das ihn immer wehmutsvoll fragt: ״Ich glaube, Sie wollten mir etwas sagen.1' Dort, wo er an die Erfolgreichen im Leben, an die Draufgänger und Rücksichtslosen heranging, geschah es mit einer brutalen Offenheit, die die jüdische Literatur nicht kennt. Bekanntlich gibt es in dieser Literatur keine bis zuletzt schlechten, verdorbenen Menschen, da es keine Ausgestoßeneti, von der Gemeinschaft Losgerissenen gibt. Scholem Asch läßt im ״Gott der Rache“ den Jankei Schepschowitz eine Thora für die Synagoge schreiben, denn auch Schepscliowitz will nicht nur Bewohner der Hölle sein und sucht Anlehnung an die bessere Welt, Allen Juden ist ein und dasselbe Seufzen eigen. Der Jade kann, so scheint es, nicht zu tief sinken, denn immer ist er irgendwie an gemeinsames Schicksal geklammert und cs ist so, daß der Verkommenste plötzlich Märtyrer werden kann, dank eben dieses Schicksals. Bei Juschkewitz fehlt dieses Moment der Anlehnung. Sein Bankier Großmann ist nur Nur-Anbeter des Geldes und niemals.wird ihm einfalkn zu fragen, wie »cs um die Zukunft des jüdischen Volkes aussieht. Aus der Brust des Hochstaplers, Heiratsschwindlers Leon Drey wird nie jenes bekannte Seufzen, jener seelische Personalausweis, der den Juden legitimiert, herauszuiocken sein. Von seinen Dramen hatte seinerzeit besonders das Trauerspiel ״Miserere“ großen Erfolg im Moskauer Künstler- Theater. Die tiefste Resignation, die letzte Verzweiflung, die aus diesem Stück atmete und die die Zuschauer so erschütterte, war eigentlich die Auswirkung einer Resignation, einer Verzweiflung, die sich großer Scharen nicht nur russischer, sondern auch jüdischer Jugend und Intelligenz bemachtigte. Es war die berühmte Selbstmord-Epidemie nach dem Mißlingen der Revolution vom Jahre 1935. Die Jugend fühlte sich der höchsten Ideale verlustig, kein seelischer Halt, kein Ziel im Leben. Es war eine Zeit, in der Studentinnen sich versammelten, Chopin spielten und dann gemeinsam in den Tod gingen. Wie ein Requiem klingen die Monologe und 1 Dialoge in diesem Trauerspiel von Juschkewitz. Die letzte Metamorphose, die das russische Judentum durchmachen mußte, die Leiden, die Bitternis und die Resignation der Flüchtlinge, der Emigranten, haben in einer Reihe von Erzählungen bei Juschkewitz ihren Ausdruck gefunden. Sein originelles, starkes Talent sichert ihm einen ansehnlichen Platz in der russisch-jüdischen Literatur. Sch. G-k. _»- Ein Orgelkonzert In Jerusalem Ein Bach-Abend von Max Lampe 1. Jerusalem, Anfang Februar, Die Instrumentalmusik moderner Richtung nähert sich in ihrer Technik der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, sie löst sich langsam von der Homophonie der Musik des 19. Jahrhunderts los und kehrt zur Polyphonic der früheren Jahrhunderte zurück. Daß diese Richtung auch die in euronäischer Tradition erzogenen palästinensischen Musiker beeinmißt, ist verständlich und es ergibt sich daraus, daß ihr Bestreben darauf gerichtet sein muß, die musikalischen Schöpfungen dieser Epoche original zu vermitteln, um diese Erseneinung fruchtbar zu gestalten und weiter zu entwickeln. Der palästinensische Mensch, weicher heute auf allen Gebieten Neues mit alten Mitteln zu schaffen versucht, neigt auch auf musikalischem Gebiete zu dieser Richtung. Es hegt im ganzen Wesen des intelligenten Juden, neu auitauchenap künstlerische Bestrebungen zu erfassen und aus ihnen etwas Selbständiges zu schaffen. Der Durchschnittstvpus des Palästtnensers ist musikalisch, initiativ und musiküebend. aber nicht genügend durchgebildet Er ist noch zu wenig nodenständig und mit dem Lande nicht genug verwurzelt daß er jetzt schon ein eigenes musikalisches Leben schaffen könnte. Und cs ist klar, daß eine eigene jüdische Musik, wann sie auch entstehen wird, sich nur auf die bestehende Musik wird aufbauen können. Dies ist ein Prozeß von vielen Jahrzehnten, aber dem schaffenden Musiker in Palästina b'eibt vorläufig ein fruchtbares Feld für seine volksblldende Tätigkeit übrig: Erziehung zum Geschmack, zur Kritik und zur Kenntnis der wichtigsten Schöpfungen des Abendlandes und seiner Nationen,